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Full text of "Die Grenzboten 79.1920, Band 3"

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Politik, Literatur und Kunft 


79. Dabrgang Jährlib 52 Hefte 


fir. 27 


Hölle — Weg — Erde. Don Priscus 


—— 


Von der preußiſchen Wallonei. Von Prof. Dr. Oswald Ditierfing 3 
Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling (I915—1917). Don 
franz von Stodhammern, Er im — 
finanzminifterium . . ; ; 8 
Briefe aus Somjetrußland Sant 1920. Don. an ee —— 
Das Problem einer Hafis-berfegung. Don Georg Jatob Nr ——— 
Reichsſpiegel 
Die Sozialdemokraten. Don K. (S. 21) 
| Offenherzigkeiten.. Don Mulay Baflan. > 2 2 oo 2. 24 
b Büherfhau | 


| Rettet Europa! Don Hans Brettner (S. 27) 


Ausgegeben am 7. Juli 1920. 





2.— Mark das Heft Berlin SM. II 18.— Mark 


| 4. — Mack das Doppelbeft ——— vierteljährlich 








IEITETTTITEIEITEGE 


Deutihe Männer und Frauen, 
wollt Ihr an Eures Volkes 
geiltiger Erneuerung mit: 
arbeiten, fo tretet dem Deutſch⸗ 
bunde bei! Nur die Rüdfebr 
zum wahren Deutſchtum Tann 


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6.6 


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a ss“ a! uns wieder 

Unterfu on ärts 
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— Acer lezien 

‚Un Der Deutichbund 


Winde?‘ B (Kanzlei in Gotha) 
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ii A ſſuütiügüüüiſe 
—A———— ickſalsfrage Mi ge ult FRENCH Iü F:TRCHDHANERGIARTERNMENFMRIRATENS REST: 


ift durdy die revolutionären Ereigniffe greli in die ———— — 


Männer und frauen 


deutfhen Blutes und deutfden Geiftes, die die ungeheure Gefahr der 

vorherrſchaft des Judentums auf allen 6ebieten unferes öffentlidyen 

febens für den Befland unferes Dolkstums erkannt haben, fließen 
fidd zufammen im 


Deutfhvölkifhen Shub- und Trubß-Bund 


230 Zufdriften erbeten nad hamburg 1, Pof Poftfad) 38. 


0 EEE .. 0. — — ER — OR 


M. €. delle Graszie 


Eines Sebens Sterne 


Roman Zwei Bücher in einem Bande 515 Geiten 8° 
Gcheftet 16 Mark, gebunden 22 Marfu Ta). 


Ein bemerkenswertes Werk in der langen Reihe ihrer früheren Schöpfungen jtellt dieſes 
jüngjte und neuefte Buch delle Grazies dar. In die geheimften Winkel der Werfftätte ihres 
geiftigen Schaffens und Werdens läßt fie und bineinbliden. Es find wahrhaftig „Dichters 
Lande“, in die uns dieſes innige Buch führt — ein Buch, das den geheimnisvollen Schleier 
von dem Werden feiner eignen Schöpferin reißt und zugleich der Roman einer Jugend tft, 
wie fie nur wenige jemals erlebt und erlitten haben dürften: aber auch nur wenige im Kampfe 
um ein Höchftes fo freudig und reſtlos hingeopfert. Dabei zugleich ein Buch voll Spannung 
und feinster Menfchen- und Seelentunde. Es ift ein Werk, da3 jedem Werdenden in bie 
Hand gelegt werden follte, um Mut für den Kampf bes Lebens zu gewinnen 
und für jenen noch höheren um die eigene Berfönlichkeit. 


Derlag Breitfopf & Härtel, Leipzig— Berlin 


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Die Dreihundert und der Eine 
ERS ad den ein bißchen leicht Hingefchriebenen Indiskretiönchen der 





Wirtichaftsphilofophie-Plaudertajhe Rathenau lenken dreihundert 
Männer die Finanzgeſchicke Europas oder der Welt. Man follte 
Demokraten dergleichen nicht erzählen, follte derartige Süße, die 
unterm Zepter Wilhelm® IL. als Bilanterien galten und 
gemeint waren, aus den neuen Auflagen von Walter Rathenaus geftammelten 
Werfen ftreichen. Denn heute wirken fie ohne Not aufreizend und denunzieren 
dem fouderänen Volke, das ſich wenigſtens amtlich Feine Autofraten mehr gefallen 
laſſen will, die noch immer nicht entthronten heimlichen Könige von 1920. Die 
Enthüllung ift übrigens um jo gefährlicher, als e8 fi) gar nicht um dreihundert 
Gewaltherrſcher des Geldes, jondern höchſtens um den dritten Xeil handelt. 
Walter Rathenau, der außerhalb des Ringes fteht und deswegen wohl das 
Geheimnis ausgeplaudert hat, weiß fehr gut, wie bedroht Dchlofratien auf allzu 
ſchmaler Bafis find. 

Hundert bis dreihundert Mann, ftärker iſt die Kerntruppe einer modernen 
Herricherkafte nie. Ihre Macht liegt darin, daß fie ihre Ohnmacht verjchleiert 
und den fjchmählid am Bandel geführten Nationen ein phantaftiiches Mit- 
beftimmungsredht juggeriert. Gegen den einen Rothſchild oder Morgan lehnten 
fi die Maſſen vielleicht auf, nachdem fie die weit einflußlojeren, weit ungefähr- 
liheren Baren und Kaiſer der Vergangenheit bejeitigt haben; hundert bis drei- 
hundert Tyrammen fürchtet man nicht. Volkstümliche, alſo abgrundtief irrige 
Pſychologie! Auf der Neigung des Demos, viel lieber dreihumdert Rehabeams 
als einen Salomo zu ertragen, ruht die Kraft unjerer Finanzgemwaltigen. Dem— 
jelben populären Trugſchluß verdanken wir aud den Parlamentarismus. 

Danf der leider zu jpät und unterm Drud der Angjt betätigten Großmut 
des legten Hohenzollern find wir zur Zeit das am parlamentarifchiten regierte 
Volk des Erdballs. Die Revolution hat feine Gaben nur vermwäfjert und entjaftet. 

Grenzboten III 1920 3 


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34: FISILEN pre Beeitandert und der Eine 


—— — —— ..—— 











Was Wilhelm II. den Deutſchen in Spa verſprach, " von den Erfülern des 
9. November nicht gehalten worden. Siebzig Millionen Menſchen ſollten hinfort, 
ſo klang kaiſerliche Willensmeinung, frei über ihr Schickſal verfügen können. Nichts 
und niemand, beſonders keine Maſchinenabſtimmung, ſollte ihre Wünſche verfälſchen 
dürfen. „Das Volk regiert“, ſo heißt es, ſelbſtverſtändlich etwas blumiger und 
vieldeutiger, in der Verfaſſung. Statt deſſen regieren die Boſſes. Regieren 
unumſchränkter und minder ſchamhaft denn vorher. Die Liſtenwahl, die Ein- 
führung der fogenamnten Reichsliſte, hat das Mitbeftimmungsrecht des Urmwählers 
endgültig und gründlid erwürgt. Unterm alten Reichstagswahlrecht gab es 
immer noch eine Möglichkeit, den Mann feines Vertrauens auf Herz und Nieren 
zu prüfen; heute bejtimmt das Zentralbureau in Bauſch und Bogen die Hundert 
bis vierhundert Lieblinge der Nation. Sie müjjen in Baufch und Bogen geſchluckt 
werden; du mußt erftiden oder verdauen. Entweder allen Namen der Lilte 
begeiftert zujubeln, auch den gleichgültigften und verhaßteften, oder von der Bartei 
abjallen! Die andere Partei verlangt genau dasjelbe, fo daß für kritiſch Geftimmte 
fein Raum mehr im deutichen Barteileben if. So wenig Raun wie im Reichätag 
von 1920 für Eigengeartete und Nichtmafchinenmänner. Auch die Neichslifte, die 
an ſich wundervolle Gelegenheit böte, erlefene, für den Pöbelwahlkampf zu feine 
Geifter in die Volksvertretung zu bringen, muß dazu dienen, den überflüffigiten 
und unmöglichiten Parteizwerglein ein Mandat zu ſichern. Hundert oder brei- 
hundert Leute beftimmen, wem unjer Vertrauen gehört. Die fogenamten 
Konferenzen der Partei und Bezirksorganifationen, die Wählerverfammlungen, 
die Zettelwahl felbft, all in ihrer Heimlichkeit, fie find unmwefentlih. Es geſchieht, 
was die Majchine will. Hundert bis dreihundert Diktatoren befehligen un: 
umichräntt. 

Alfo genau neumindneunzig bis zweihundertneunundneungig zu viel. 

Der Barlamentarismus, der immer eine jehlechtgemalte Kuliſſe geweſen ift, 
verliert jet den letzten Farbenglanz. Und feine berufeniten — laßt uns 
lagen, feine ausdauerndften Apoſtel beginnen an ihm zu verzweifeln. Freiherr 
v. Richthofen, die Hoffnung der Demofratie, äußerte ſich in einem ftreng 
demofratifchen Börfenblatt verftört dahin, daß bei der unpolitifchen Charafter- 
anlage unſeres Volkes ein „diktatoriiches Regierungsſyſtem ımleugbare Vorteile“ 
babe. Breußen hätte nie das Befreiungsjahr 1813 erlebt, wenn es 1809 einen 
Parlamentarismus zu mählen gehabt hätte. - Dies urkundlich Richthoſens Worte 
find. Und mas fonft als der Schrei nah dem Diktator Hallt aus Kanzler 
Fehrenbachs wehmutsvoller Antrittsrede: „Wenn irgendwo der bedeutende Dann 
mit gewihtigem Arm und anerfanntem Anfehen aus bewährter Vergangenheit 
gefunden werden follte — ich preife die Stunde glüdlich, wo id) das mir an- 
vertraute Amt in feine Hände übergeben kann.“ Ich jauchze, wenn licht: 
umſchwommen dein Purpurbanner bligt, ob du mit deinem Kommen auch mid) zu 
Boden trittit. 

Im Augenblid, wo die Räder der Mafchine den fümmerlichen Weft der 
Wähler: und Bolfsfreiheit zerfchrotet Haben, mo der Sieg des Bok-Parlamentarismus 
vollendet ſcheint, im jelben Augenblid hebt die PBarlamentsdämmermg an. Die 
Majchinenmänner hätten gar nicht drei Wochen lang Hofuspofus mit der Schaffung 
des neuen Kabinetts zu machen und der Nation unvorfichtig Elar zu bemeilen 








— ⸗— — 


brauchen, daß ſie ſich den Kuckuck um ihr Wahlvotum kümmern. Die Nation 
weiß Beſcheid. Und wenn ſechzig Millionen (es ſind immerhin zehn weniger 
geworden, ſeit Wilhelms II. Pronunziamento aus Spa) erfannt haben, daß es mit 
der Herrihaft der Dreihundert do bloß ZTrugihluß und Trug ift, dann ent- 
ſchließen fie fich wahrfcheinlich fehr bald wieder zu der einfacheren und billigeren 
Methode und probieren es neuerdings, in gemandelter Form, mit dem Einen. 
Priscus. 





Fehrenbach als Erportartitel 


Bon befonderer cite erhalten wir folgende Zuſchrift. Wir finden fie 
reichlich Icharf gegen Fehrenbach, der doch nicht? dafür Tann, daß er ein 
Meiner Sroftionspolitifer e Aber an dem jogenannten deutſchen Parla⸗ 
mentarismus bleibt freili hängen, as er in feiner Wichtigtuerei feine 


Größen fo arg überſchätzt hat. | 
Berlin, den 7. Zuli 1920. 

Die Reife nad) Spa fcheint eine Roßkur für den deutichen Philifter zu 
werden. Bisher genügte es, den Wählern in Tuttlingen. und Menuningen zu 
imponieren, um Reichskanzler zu werden; e8 genügte — net wohr? — vom 
nichts zu verſtehen, aber ein Demokrat zu fein, um beifpieläweile Wehrminijter zu 
werden. Daß man in der großen Welt außer dieſen Vorzügen auch felbit etwas 
Welt befiten muß, wer hätte Diefe rcaftionäre Fachweisheit der Tiplomatie noch 
ernjt genommen? 

Bon jenen Tag an, da Matthias Erzberger auf der Lifte der zu den Waffen- 
ftilftandgverhandlungen auserjehenen Männer den eriten Namen — einen diplo- 
matifch erfahrenen, ſprachen- und meltkundigen Herrn — mit dider Feder eigen: 
händig durchſtrich und an die Stelle fette: Ä 

„1. Matthias Erzberger, Staatsſekretär, Erzellenz“ 
bat der deutſche Philifter dem Ausland eine Auswahl von Verhandlungsinännern 
vorgefeßt, „Fleiſch von jeinem Fleiſche“, die man im Dialeft der Ausfuhrjachver- 
itändigen nur mit „Dumping* (Schleudern) bezeichnen Tann. In dieſer Stunde 
follen die bezüglichen Fehler des Buttenhäufer Pfufchers nicht erzählt werden. Eie 
haben uns Unglaubliches gelojtet. Wenn einmal die Tatfachen völlig bekannt werden, 
dürften fih manche Haare fträuben. Sie werden an dem Tag befanntgegeben, 
wo diejer Gerichtsnotoriſche fich wieder in die Öffentlichkeit drängen follte. Heute 
fallt nicht er auf die Deutjchen Nerven, fondern ehrenwerte Stammtijchpräfidenten, 
die da3 Pertrauen ihrer ehrenwerten Wähler mit oollkommenem Recht beſitzen, 
- und die nur durch die rührende Selbjtzufriedenheit des deutſchen Michels dazu 
verleitet werden konnten, auf dem Glatteis von Spa fi) zu produzieren. Herr 
Fehrenbach und Herr Geßler Tonnen fein Franzöſiſch oder Engliſch ſprechen. Bis- 
mard, der die deutſche Würde jozufagen gegründet hat, jprach felbit ala Sieger in 
Berfailles und ala Makler in Berlin ein vollendetes Franzöfifh. Deutfch ijt nun 
einmal leider feine Weltfprahe und wicd es im Augenblick unjerer Niederlage 
nicht werden können. Vor der Abreife nach Spa erhielt die deutjche Negierung 


- genügend Winle, doch fprach- und weltkundige Redner vorzufchiden.. „Nagacez 


pas le monde avec votre litterature allemande; vous embetez tout le monde 

par votre eloquence de Reichstag, qui n'est pas du tout le langage des affaires 

internationales.“ Nach zuverläfliger Nachricht ift fchon am Sonnabend vor der 

Abreife der deutſchen Delegation im Namen Lloyd Georged dem Reichlanzler 

mitgeteilt worden, daß die militärifchen Fragen in erfter Linie erörtert werben 
5*® 


.. 
PR retten 


36 MIMESTITCTLLT chrenbadh als Erportartifel 


— — 








ſollten und daß es ratſam fei, die militäriſchen Sachverſtändigen gleich mitzubringen. 
Fehrenbach wird dieſe Mitteilung, da ſie in einer fremden Sprache gemacht wurde, 
aicht verſtanden, aber gutmütig genickt haben. So begannen die Mißverſtändniſſe, 
und nun rollte die Deputation des deutſchen Kleinbürgers nach Spa, mit ihren 
hübſchen Neichstagsreden ganz fertig und ſchwarz auf weiß in der Taſche und den 
nötigen Dolmetſchern, die Engliſch und Franzöſiſch fennen, aber auch nicht zu wiljen 
brauchen, wie Gejchichtaleute verhandeln. Wäre die Reife nah München gegangen 
oder nach Darmfladt, jo hätte fie als genügend vorbereitet gelten fönnen und ehren: 
bach wäre bei den dortigen Staat3männern mit dem „in feinen befannten weiner— 
lichen, aber ehrlichen Bru'tton vorgebrachten Tiraden” eines koloſſalen rednerifchen 
und diplomatischen Erſolges ſicher geweſen. Warum bielt der Zug aber auch in 
Spa? hm entitiegen im Glanz meltgefchichtlichen Könnens die guten Leute, die 
jebt mie begofjene Pudel heimmärts ziehen. Jedermann hat ja Die Zeitungs— 
berichte gelejen und fich für Deutjchland gefhämt. Aber das Lächerliche tötet in 
Deutichland jo Ichnell nicht und darum ftehe hier noch einmal, was die Prejje aller 
Schattierungen über den €. Juli melden mußte”. 


Lloyd George eröffnete die Debatte mit der Frage nach beſtimmten Daten für 
‚die Ablieferung der Waffen. Geßler antwortete mit einer längeren Nede. Er ſchien 
noch reilemüde zu fein und wirkte daher wenig überzeugend. Gr fprach von den 
Echwierigkeiten bei der Verminderung der Truppen, da fich die überzähligen Soldaten 
nicht gutwillig heimſchicken Tajlen würden. Er fprach von Gegenden, wo man Die 
bewaffneten Mannschaften noch brauche uſw. Die verlangten Daten gab er aber nicht, 
was Lloyd Georae zu verftimmen ſchien. Geßlers Musführungen enthielten eben 
feine, mie man jagt, Ichlagenden Argumente. Den Ichledhten Eindrud der Rede 
Geßlers fuchte Außenminiſter Simon? Durch feine Nede zu verbejlern unb 
hatte Dabei einigen Erfolg. Dann murde die Sache wieder ſchlechter 
Durch das Eingreifen des Reichskanzlers Fehrenbach. In ciner vorher vorbereiteten 
ede, Die wieder nicht in Die Debatte paßte, weil es cher eine weitſchweifige Reichs— 
tagärede war, verfuchte er, an die Gefühle Der anderen zu appellieren, alg er in einem 
fentimentalen Ton äußerte, daß er als ehrlicher Mann fterben und unerfüllbare Ver: 
pflihtungen für Deutichland nicht übernehmen wolle. Wenn folche Argumente an 
einem großen PBlat vielleicht auch gewirkt hätten, fo verloren fie hier ihre Wirkung 
durch die Tatjache, dab alles, Cat für Sat, in trodener Weiſe überſetzt werden 
mußte. Infolgedeſſen wirkten die deutichen Auseinanderfegungen langweilig und er- 
müdend. Lloyd George Fanzelte auch unjeren Neichsfanzler ganz gehörig ab, indem 
er darauf Dinmwics, daB zur ae Männer gekommen feien, die viel zu tun 
ätten und nicht zwecklos ihre Zeit vergeuden fönnten. Gr verlangte von Den 
eutichen, Daß ſie dieſem Umftande Nechnung trügen. Die Deutfchen mußten dieſe 
Benertung Jichtlich niedergejchlagen hinnehmen. Die Franzoſen hatlen der ganzen 
Debatte ſchweigend zugehörtt. Es war zwijchen Lloyd George und Millerand vorher 
ausgemacht worden, dab Lloyd George den Deutjchen allein zu Leibe gehen folle. 
Ihm gegenüber fehlte es den Deutſchen offenbar an der notivendigen Schlagfertigfeit. 
Man fühlt, dab fie auf dem Terrain einer Furzfriftigen Ausſprache nicht zu Haus 
waren und befonders die Eigenheiten des Gegners nicht fludiert hatten, um fofort 
in der richtigen Weiſe auf feine Angriffe parieren zu fünnen. Nach der aufgehobenen 
Sitzung verließen unjere Delegierten in jchlechter Laune den Saal. Fehrenbach 
brummte unmillig, weil es regnete und fein Automobil nicht fofort zur Gtelle mar. 
Die verbündeten Minifter äußerten, Daß die Eitung für Die Verbündeten gut ab- 
gelaufen fei und noch beifer zu werden verjpreche. 


Heiligen Zorn faßt den Deutjchen, der mohl weiß, dab wir noch Männer 
haben, würdig und fähig, den gerifjenen Demagogen von Seine und Theme gegen- 
überzutreten, fie mit deutſchen Augen furchtlos und ruhig anzufehen und ihnen 
höflich, Har und beſtimmt auf ihr übermütiges Siegerprahlen die betreffende Ant- 
wort zu geben. Glücklicherweiſe waren in Spa auch einige der veradhteten Fach— 
leute anmejend. Sie waren zunächft zum Schweigen da. Nachdem fich aber die 
Beredjamteit der Parlamentarier raſch totgelaufen hatte, Kamen am nächſten Tag 
die Fachleute mit facts and figures, Simons und Seeckt, zu Worte, und Die 
blamierten Europäer aus Menmungen wurden vor weiteren Kataftrophen behitet. 


Unterfchreiben! Unterfchreiben! — 37 


— — — 





— — — — — — 


Einem Deutſchen wird der deutſche Wähler niemals zugeben, daß er ſich mit 
Vorliebe die falſchen Männer zum Regieren wählt. Vielleicht glaubt er es jetzt dem 
Ausland. Und wenn er es jetzt noch nicht glaubt, dann werden wir eben noch mehr 
Rückporto für als unbeſtellbar zurülgehende Dumpingſendungen bezahlen müſſen. 

Was du zu produzieren vermagſt, lieber Wähler, iſt bitte nur für den 
inneren Konfum; da Tann ung niemand hindern, ung daran den Magen zu ver- 
derben. 

9 


Yinterfchreiben! Unterfchreiben! 


„Qiele unter den Verbündeten wollten, daß man Deutichland Zugeftändniffe 
made, um e8 zur Unterfchrift zu bringen. Im Januar 1919 wollte man Deutfch- 
land die folgenden Triedensbedingungen auferlegen: Sofortige Zulaffung Deutjch- 
lands zum Völkerbund; eine internationale Bejegung nur für die Dauer von 
18 Monaten; die Kohlengruben im Saargebiet jollten nicht in den Belit Frank: 
reich8 übergehen, auch die dortige Bevölkerung feinem bejonderen Regime unter- 
worfen werden; Deutichland jollte nur 40 dv. H. aller Schäden an Menfchen und 
Gütern bezahlen und nad dreißig Jahren frei von allen Laſten fein ſowie das 
Recht haben, die Hälfte der Entichädigungsfumme in Papier zu begleichen; Oſter⸗ 
reich follte frei darüber beichließen, ob es fich mit Deutfchland vereinigen wolle.” 

Andre Tardieu, Herrn Llemenceaus eifriger Mitarbeiter, hat in feinen 
offenherzigen Darlegungen nur verjchwiegen, daß Lloyd George nach eben 
gewonnenem Khakiwahlkampfe vielleicht doch zäher für die geplanten Milderungen 
eingetreten wäre, wenn nicht da8 aus Deutfchland herüberdröhnende „Unterfchreiben! 
Unterſchreiben!“ jede Vorficht unnötig gemacht hätte. Deutfchland war, das er- 
fannte der lebte Kindskopf in London und Paris, wirklich fein wildes Bieſt, das 
man nit all zu ſehr in die Enge jagen, nit all zu jehr zur Verzweiflung 
treiben durfte. Es Hob die Pranke, aber nicht zum furchtbaren Hiebe, jondern 
zum Unterjchreiben. 

Steine Emigfeit in Spa bringt zurüd, was unjere Ragenden im Januar 1919 
in der Sefunde ausgeſchlagen haben. 


Spleenige Engländer. Don Zeit zu Zeit quittiert das engliſche Schatzamt 
über freiwillige Zahlungen reicher Leute, die dem Staate ohne Not oder Gewiffens: 
zwang Zuwendungen machen. Stürzlich gingen 200 000 Pfd. Sterling in Kriegs» 
nleibe, dann mieder 15000 und 20 000 - % ein. Großbritannien bat bisher, 
als das Land des business as usual, in hohem Anſehen bei unferen Sriegs- 
und Umjturz-Brofitlern geftanden. Zeigt es aber meiter fo bedenflihe Spuren 
bon Geijtesverwirrung und Entartung, dann wird der alte Reſpekt bald fort fein. 
Gefühlsdufelei in Geldfachen find dem Kapitalsflüchter wie dem Steuerhinterzieher 
gi veräctlid. „Kennſt du das Land, mo GSittlichkeit im Kreiſe froher 
enjchen wohnt?” 


Drohnen 








Drohnen 
Erinnerung an die erſte Neichdtagstagung 


Hite ſchwingt im Saal. Doc unbeirrt 
Spricht der Reichsfinanzminiſter Wirth. 
Allen Kriegsgewinnlern, arbeitsflüchtig 

Und vergnügungsfüchtig, gibt er's tüchtig. 
Während ſchweiß'ge Perlen ihm gleich Yaufen- 
MWeis in den geftärften Kragen laufen, 
Schildert er glühroten Angefichts 

Die Genußgier ſolches Böſewichts. 

In der Nacht-Bar Steht er auf, zu Bette 
Geht er quali in dem Slabarette, 

Schändet deutſches Wejen, dran laut Geibel 
Einſt die Welt genejen fol. Pfui Deibel! 


Bon der Auliglut faſt aufgelöft, 

Hodt ein Herr der Linken da und dölt. 
Unauffäll'ge Slucht ertwägend nur, 

Guckt er immer wieder auf die Uhr, 

Führt des Tafchentuches zartes Bunt 

An die Glatze teils, teils an den Mund. 

Seit er mal bei „Lear” im eriten Rang weilt‘, 


Hat er fi) nie fo wie heut gelangweilt. 


„Könnt ich doch”, denkt er im halben Wachen, 
„Jetzt in Buder oder Stiebeln maden, 

Dder ſäß' mit Lizzy froh umd frei 

Bei 'ner dien Bulle Ertra Dry!“ 


Niemals ſah man nod, troß Ben Afibas 
Wort, ein folches Prototyp des Schiebers. 


Unerklärlich Hufcht dann durd) fein Dämmern 
Herngedröhn und Glanz von Eifenhämmerr, 
Hüttenrauch, der meilenmweit fich breitet, 
Alles dies von einem Mann geleitet, 

Einem Mann, des Arbeit niemals endet, 
Der ſich feine Freiminute fpendet, 

Höchſtens, daß er nach der Taglaſt fpät 

Im Reichswirtſchaftsrate mitberät 

Und als Sachverſtänd'ger überdies 

Uns in Spa vertritt und in Paris... 


— Europãiſche Kultur? Europäifche Politik? 39 


„Pfui den widerwärt'gen Schwelgern!“ Elirrt 

In das Traumbild da Minifter Wirth. 

„Faule Prafjer find fie!” Ihn zu lohnen, 

Krächzen links zwei Aufgefcheuchte: „Drohnen!“ 
Und der Traumulus ſchreit freien Sinnes, 
Tiefempört: „Sehr richtig! Stinnes! Stinnes!“ 


So entdeckt man in des Reichstags Zonen, 
Wo die Schädlinge und Drohnen wohnen. Pandur. 





Europäiſche Kultur? Europäiſche Politif? 
Von Fritz Kern 
1 


Ils im Herbit 1914 Deutſchland und die Entente um die Geele 
Italiens rangen, verſtummten einer nach dem andern alle die Männer 
der Bolitif und der Wirtichaft, die bisher ihr fonnenreiches Vater: 
land nach dem deutjchen Norden orientiert hatten. Nur eine Feine 
| Sruppe von „Tripliciften” hielt dem verfemten Deutjchland bis zu— 
legt die Treue, Denker und Gelehrte, Schüler und Freunde der deutjchen Kultur. 
Es war ein Häuflein von etwa 90 erften Männern der Wiſſenſchaft und der Feder, 
die in ihrem im Winter 1914/15 gegründeten Blatt „Pro Stalia noftra” die Neu— 
tralität Italiens (mehr konnten fie nicht fordern) verfochten. Die ententiftifche öffent: 
lihe Meinung des Cafe Aragno gab dem Häuflein bald den Namen des „Comitato 
delle marite dei mogli tedeschi“, ein beißendes Scherzwort, das fich nur an- 
deutend überjegen läßt mit „Ausſchuß der Pantoffelmännchen deutjcher Ehefrauen“. 
In der Tat hatten fich nicht wenige dieſer mittelmeerländijchen Bewunderer deutjcher 
Wiſſenſchaft auch nordijche Gattinnen geholt. Aber der Spott traf vorbei. Der 
feurige Literat Cabaſino Renda, der fi für Deutjchland duellierte, hatte eine 
Tochter Heſperiens zur Frau; unvermählt war Cejare de Lollis, Profeflor an der 
Univerfität Nom, der, ala ihn fchäumende Studenten vom Katheder reißen wollten, 
mit beiden Füßen auf das Bult fprang und die Wahrheit über Deutjchland um fo 
lauter in die Menge deflamierte; vor alleın aber konnte nichts echter italienijch 
jein, als die Führergejtalt diejer tapferen Ehrenmänner, Benedetto Eroce, der 
Senator und anerkannte größte Mann des Geifteslebens im heutigen Negno. 
Als Ende März 1915 in feinem PBatrizierpalaft in der Altitadt von Neapel 
— mährend die Mittagsglut abgedämpft durch halbgefchloffene TFenjterläden über 
fühle Marmorfliefen und die zahllofen Pergamentrüden einer flüchtig geordneten 
vieljprachigen Bibliothek jtrich — Benedetto Eroce mir entgegentrat, der unterjeßte 
Mann mit dem unfchön vierfchrötigen Kopf, der eine Welt von Willen und Können 
in ſich herumträgt, begann der große Hegelianer realiftifch das Gefpräch mit einer 
Satire auf die Hulturhete gegen Deutfchland. „Sch habe meinen Freunden ſchon 





40 .. Europäifhe Kultur? Europäifde Politif? 


im Auguft 1914 vorausgefagt, daß nad) allen hiſtoriſchen Geſetzen der Striegß- 
piychofe die Boches bald Kindern die Hände abhaden und Nonnen vergemwaltigen 
würden. Meine Erwartungen wurden übertroffen; heute fehe ich vergemaltigte 
Mönche voraus.“ — — 

Damals war ein anderer Profeſſor, Studiengenoſſe Croces, Miniſterpräſident. 
„Salandra iſt dem Frieden gefährlich,” meinte Croce, „er hat ala Dozent kaum 
einen Sat auszuſprechen gewagt, der nicht in einem deutfchen Buch ftand. Er 
wird in der Politik wenig Nüdgrat gegen die Deutfchenfeinde zeigen, während der 
alte Giolitti, der nie in jeinem Neben einen beutfchen Buchftaben lag, mit dem 
Inſtinkt des wahren Staatsmannz die Notwendigkeit unfere® Zufammengehens 
mit Deutjchland fühlt.” 

Siolitti und Eroce find die beiden anerlannten Führer Italiens, der eine 
auf politifchem, der andere auf geiftigem Feld. Wir Deutfche entbehren heute des 
Führers in beidem, und es ift fraglich, ob in unferer zerfpaltenen Nation Naturen 
wie jene zwei als Bannerträger anerlannt würden. Heute ift jedenfalls der 78jährige 
Giclitti wieder Führer des Staats und er hat in fein Stabinett der Köpfe Eroce als 
Unterrichtsminifter hereingenommen. 


Aus franzöfifher Quelle ftammt nun folgende Meldung: 

29. Juni 1920. 

Der Unterrichtsminijter Senator Croce rechtfertigte fih dem Bericht: 
eritatter Der „Agence Havas“ gegenüber in würdigſter Weife gegen die frangd- 
ſiſchen Vorwürfe einer angeblichen Germanophilie. Er habe dagegen proteftiert, 
daß die Politik in die Wiffenjchaft hineingetragen würde. Als Gelehrter 
eınpfinde er e8 als lachhaft, Beteuerungen irgendwelcher Neigungen verfünden 
zu müjfen, und — fei eg aus welchen Gründen immer — hiftorifche Fälſchungen 
zu begehen. In ragen der Kultur fühle er fich weder ala Franzoſe, noch 
als taliener, fondern in erfter Linie al3 Europäer. Er meine, daß 
die Welt vier Völlern ihre Kultur gleihmäßig ver— 
danfe, namlih Italien, Sranfreid, England und 
Deutihland. Croce Schloß, indem er die Hoffnung ausdrüdte, daß die 
Zujfammenarbeit diefer Staaten baldigft wieder hergeftellt werde, da er an- 
nehme, daß auch die beiten Vertreter Frankreichs ähnlich denken. 

Der Philofoph, der immer geleugnet hat, Politiker zu fein, ift in die Politik 
eingetreten, um dem Gedanken der europäiſchen Kulturgemeinfchaft ein neues Zelt 
auf Trümmerftätten zu errichten. Hierin fieht er die Aufgabe Italiens, das, 
verarmt und militärisch wie jedesinal gefchlagen, doch wiederum politifch fiegreich 
und mit erweiterten Grenzen aus dem Weltbrand hervorgefchritten ijt. Hat Stalien 
den Willen und die STraft, dieſen Gedanken voranzutragen, ober ift er nur ein letter 
Ceufzer aus dem Kreis jener Neunzig, ein Nachtrag zu dem längſt erlofchenen 
Wochenblatt der „Pantoffelmänncden“? 

2. 

Die Franzoſen haben fich feit dem 13. Jahrhundert al3 das führende Kultur: 
volk betrachtet. Ihr NRittertum, ihre Univerfität Paris gab dem Abendland Die 
Normen, und die Art, wie ſchon die mittelalterlihen Deutſchen von Frankreich An— 
tegungen aufnahmen, beftätigte in den Franzoſen das Gefühl der Vormacht. Die 


-. Europäifhe Kultur? Europäifche Politifr 41 





eigentümliche Vertiefung, welche in Deutfchland alle franzöfifhen Kulturfeime 
empjingen, entging den Franzoſen um jo leichter, al3 mit Ausnahme etwa der 
Beriode von 1830 bis 1870 ftet3 nur der Deutiche das Franzöfifche, felten der 
Franzoſe das Deutſche ftudiert Hat. Der Franzoſe redet weit weniger von euro 
päifcher, als von lateinifcher Kultur, wobei er im Gefühl der eigenen Führerfchaft 
die lateinifchen Schmweflern Stalien und Spanien gelten läßt, aber das Germanifche 
weſentlich unter den jeweiligen Begriffen der Varbarei, der Invaſion, der Ketzerei 
aus der Kultur hinausſetzt, wie etwa wir es unferfeit3 vielfach mit der oft- 
europäifchen Kultur taten. Der tiefite Grund dieſes franzöfifchen Hochmutes ift der 
Inſtinkt eines politifierten Volkes, alles Nichteigene an Wert Herabzufegen, durch 
Ignorieren oder parteiifches Auffallen zu ſchwächen. Im Weltkrieg bat die 
franzöfifhe Intelligenz, da fie den Deutſchen Doch nicht mehr gut ala Völfer- 
wanderungswilden jchildern konnte, den Begriff der „mwilfenjchaftlichen Barbarei“ 
für ung geprägt. Der Boche mit Brillengläfern und Faunzohren, der VBermüftung, 
Raub und Verbrechen aller Art nach) abgefeimten gründlichen Methoden treibt, 

. it das ein Mitglied der europäifchen Sulturgemeinfchaft? Es gibt eine 
lateinifche, und eine zwar etwas gejchniadlofe, aber aus vielen Gründen mit Refpeft 
zu nennende angelſächſiſche Kultur, außerdem in der Mitte Europa eine zu 
züchtigende, zu erniedrigende, mit Ketten dauernd zu bemachende Verbrechernation. 
Die paar Franzoſen der Clartegruppe, die im Deutfchen den Menfchen und Kultur: 
genoſſen jehen mollen, find an der Seine nicht gefellichaftsfähig. Jede Anerkennung 
deutfcher Kultur durch angelſächſiſche oder italienische Politiker involviert eine un- 
zulällige Schwächung des VBerfailler Friedens und wird durch Doppelte Verächtlich- 
mahung und Boykott aller deutfchen Gedanken mwettgemacht. 

Es ift falfch, diefe hoffnungslofe Ablehnung, wie fie aus den mündlichen und 
ſchriftlichen Kundgebungen aller maßgebenden franzöfiihen Sntellektuellen ſpricht, 
nur für eine vorübergehende Flutwelle nach dem Seebeben des Weltkriegs zu 
halten. Sie ift ein fäfularer Strom franzöfifcher Gewöhnung, der heute freilich 
einen tieferen und breiteren See des Haſſes bildet ala jemals. Aber der Strom, der 
Jahrhunderte durchfloß, wird auch in ferner Zukunft nicht verfiegen. Denn die 
eigene Kraft und der eigene Schwung franzöfifchen Weſens beruhte ftet3 in einer 
Autofuggeftion der Selbitüberfhäßung; der Franzoſe leiftet fein Beſtes nur für ein 
völlig unvergleichliches Vaterland, und die dunfle Folie dazu gab und gibt der 
Erbfeind, der einzige gefährliche Nachbar, gegen den ftet3 alle Kräfte und Inſtinkte 
bei Hoch und Nieder angeheizt werden müffen, der Beutfche. 


3. 

Nicht fo engherzig, aber im Beſitz der Weltmacht noch Faltherziger, lehnt auch 
der Engländer als politifcher Typus heute die Kulturgemeinfchaft mit dem Deutfchen 
ab. Gewiß ift vor dem Krieg der deutfche Profeffor, der deutſche Seeoffizier, der 
deutſche Großkaufmann, der deutjche Theologe anerkannt worden, mwobei freilich 
immer die letzte Norm und das höchſte „Lob“ der faft verwunderte Ausſpruch blieb: 
„You are like an english gentleman“, wobei fehr viele Typen von dieſer 
Rezeption dauernd ausgeichloffen blieben. Auch die Gefamtkultur des „fatherland“ 
ift, folange wir politifch feine Wettbewerber waren, drüben geduldet worden. Erft 
vor etwa dreißig Jahren jebte, wie jehr viel früher in Frankreich und aus den— 


4% Europäifche Kultur? Europäifche Politik? I 


ſelben politiſchen Gründen, die Kulturhetze gegen das Deutſche ein. Wir meinen 
ſo gern, es komme den anderen auf die Wahrheit, die Wirklichkeit an. Völker, die 
von der Politik leben und nicht durch Laboratorien, wie wir, ſondern durch Macht 
groß geworden ſind, kämpfen für ihre Macht mit allen Mitteln. Die Kultur eines 
bekämpften Volkes iſt ihnen ſelbſtverſtändlich auch ein zu bekämpfender Feind. Nun 
könnto man denken, da dieſe Verleumdungswelle in England erſt jüngeren Ur: 
ſprungs und der fürchterliche politifche Zweck erreicht ift, wird fie rajcher zurüd: 
ebben. Gewiß. Obmohl 5. B. Die „Times“ jeden Deutjchen, der nod) dag Geld 
aufbringen kann, um Dies täglidhe Bündel Lügenpapier zu kaufen, rajch davon 
überzeugt, daß fich noch nichts gebeffert hat, und was am 2. September 1870 ent- 
jprang, dann 18% anſchwoll und 1914 kulminierte, auch heute noch ftrömt, nämlich 
das Verächtlich- und Verdächtigmachen des Deutjchen in jeder Spalte, in jedem 
Belang. Aber dies Weitereinhauen auf einen Getöteten könnte vielleicht nur Rück— 
fiht auf das wildgemachte Publikum, Rüdfiht auf Frankreich uſwp. fein? Es 
fönnte einmal zu unjeren Gunften umjchlagen? Kämpft doch die liberale englifche 
Preſſe heute wieder unbejangener für ein objeftives Verſtehen Deutjchlands. 

Nun ja, man mird vielleicht einmal aufhören, ung zu verfolgen. Das heißt 
aber noch lange nicht, daß man ſich irgendwie mit uns folidarifch Fühlen wird. Die 
Ungeljachjen werden niemal3 das deal einer europäifchen Kulturgemeinſchaft 
anerfennen. Darüber find fe längit hinausgewachſen. Chrijtliches Mitleid der 
Quäker eines reichen Landes für das herzbrechende Mhitechapelverrotten Mittel: 
europas, für Die verfrünpelten Gliedmaßen unferer an der „englifchen” Krankheit 
verhungerten Kinder dürfen wir als Almofen erwarten, fofern wir Bettler dem 
wohlhabenden Sieger die Blutgrofehen unferer Sriegsentjchädigung pünktlich 
abliefern. Merkantiliftiihe Humanität eines unbefümmerten Welthandelsvolks 
dürfen wir erwarten, fofern der Handelsherr an jeder deutfchen Arbeitzftunde mühelos 
mitverdient. Uber europäifche Solidarität gibt es für die weltumſpannende und 
exkluſive angelſächſiſche KRulturfamilie jo menig wie europäifche Politik für 
den Briten. | 

Nicht in Europa, fondern überall dort auf dem Globus, wo Waſſer jalzig 
ıhmedt, ift er dahein. Die europäifchen Händel find ihm wie aſiatiſche Händel. 
Er ift fein infularer Europäer mehr, wie damals, al3 der Inſelſachſe Bonifatius 
die deutſchen Feſtlandsbrüder befehrte oder die Enkel Wicliffes in Wittenberg 
jtudierten. Die angeljähfiihe Kultur ift in fich fertig und unnahbar. Sie hat ſich 
geiftig das anjtrengende und für praftifches Handeln verderbliche Grübeln, Die 
Tiefen und Zweifel abgeſchafft und erntet die fertigen Erzeugniffe deutfchen wiſſen— 
ihaftlihen Bohrens, wie fie die Produkte aller Länder einheimfl. Aus wer: 
hältnismäßig platten und einfachen Elementen der europäifchen Kultur bat fie fich 
einen Normaltypus gebildet, ähnlich wie der Römer aus den antiken Kulturen. 
Sefellichaftlicher Schliff, häuslicher Komfort, praltifhe Weltfenntnis, gefunde 
förperliche Entfaltung im Sport, wie fie ein Herrenvolf ausbildet, da von Zinjen 
Tebt und fich nicht mehr in Arbeit abradert, ausgeglichene, nüchterne, gemeinpläßliche, 
Tangweilig-gemütliche Gleichförmigkeit des Denken? und Fühlens bei fjicherem 
nationalpolitifchem Inſtinkt, dDiefer hervorragend zweckmäßige Normaltypus eines 
Beſitzervolkes mit ruhigen Nerven lehnt e8 ab, fompliziertere, unausgeglichenere 
Rulturen zu verftehen. „He is no gentleman“, mit diefem Urteil ift die Minder- 


— — — ——— — — 


— — 


) 


J Europäiſche Kultur? Europäiſche Politik? 43 


wertigkeit und Gleichgültigleit eines fremden Kulturtypus erklärt und abgetan. 
Dan hat ſich mit der unheimlichen Gewalt der deutfchen Kultur bejchäftigt, folange 
deutiche Panzerfchiffe, beſſer gebaut als britifche, durch die Nordfee raujchten, 
folange tie deutfche Handelsbilanz als Summe einer überlegen jchürfenden Vollks— 
intelligenz alljährlich neben der englifchen in die Höhe ftieg. Intereſſelos ijt für 
den Engländer alles, was politifch tot ift. Seine fulturelle Neugier wird ihn je 
bejtimmen, die Hand des Deutichen zu ergreifen. Wenn heute die „Times“ gegen 
die Entjendung eines britifchen Botſchafters nach Berlin mettert, weil für Die 
Hunnen und Lufitaniamörder noch ein Konsul faſt zu gut wäre, wenn in Fragen 
der Abrüftung, der Wirtfchaft und Finanz der tote deutjche Löwe immer noch wie 
ein höchſt Tebendiger und gefährlicher Schakal gejchildert, jedes neue deutſche 
Buch verächtlich befprochen wird, während ein jchlechteres franzöfifches böfliche 
Komplimente erhält; wenn jo durch taufend Zeichen der Verachtung und andauern= 
den Berleumdung das Deutfche im englifchen Bereich niedergedrüdt und ausgerottet 
wird, weil es nun einmal unbeliebt und jet auch verachtet iſt, jo fucht man ber- 
geben3 nad) den vornehmen Zeichen eines europäifchen oder „Welt“-Gewiſſens, 
da3 unjere Demokraten gerade von den Engländern mit großer Bejtimmtheit er- 
warteten. Es gibt für die Engländer und Franzoſen keine europäijche Kultur, 
weil es für fie feine europäifche Politik gibt. Sie wollen nicht Europa, d. h. in 
erfter Linie Deutfchland kräftigen, um daraus Zinjen zu ziehen, fondern fie nehmen 
das Kapital, die mohlzubereiteten Kolonien, die Schiffe, dag Geld. Sie anneftieren 
oter bereiten Annerionen vor, die Engländer, die des deutſchen Handels, die 
Franzoſen, die de3 Saargebiet2 und fpäter des Nheinlandes. Das beſchäftigt fie, 
eine englifche bzw. franzöſiſche Politil des Wegnehmens, nicht eine folche des 
europäifchen Wiederaufbaues. Und da ihr Kulturgefühl ein nationales ift, Fein 
weltbürgerliches, jo ftört es nicht im geringiten, ſondern unterftügt nur eine folche 
Politik. - 

Der weltbürgerliche Deutfche aber — ah! —, der wie Hans im Slüd von 
Monat zu Monat ärmer, von Monat zu Monat voll von einer neuen tröjtlichen 
Illuſion ift, wartet auf Europa, hört die Vernunft in England und in Frankreich 
wachen, fendet aus feiner einfamen Arche Tauben und Tauben, gibt ihnen mo: 
möglich felbft den Olzweig im Schnabel mit, und ftredtt immer neue Hände, unge: 
icyüttelt bleibende, ins LXeere hinaus. Er merlt nicht einmal, wie jehr er fi} Dadurch) 
ſchadet, daß er, der Beſiegte, immerzu erfte Schritte und Schrittchen tut. Würde- 
loſe, taftlofe Sreife, die fih im Belügen anderer und ihrer felbft geübt haben, 
verleiten ihn fortgefeßt zu diefen mißglüdten Verfuchen, welche Engländern und 
Franzoſen erft recht das Gefühl geben, daß der Boche nichts wert, keines anftändigen 
Wortes bedürftig, mit einem Wort fein Gentleman fei. Daß viele, daß die beiten 
Deutfchen an diefem Wefen Teiben, tiefer leiden als an der Niederlage und dem 
Bufammenbrudy, und fi) um fo ftolzer in fich verjchließen, entgeht ung nicht. Aber 
im Vordergrumd agieren Die, welche immer zu Europa fommen wollen, weil Europa 
nicht zu ihnen fommt. 

Welche unglüdliche Selbftüberfhätung: Deutſchlands Los und Zukunft 
beichäftigt wirklich Die Welt heute nur in geringem Grade. Uns will es fo fcheinen, 
als ob auch die anderen ohne Deutfchland, ohne europäische Solidarität und inter: 
nationale Planwirtfchaft nicht hochkommen können, und vielleicht haben wir recht. 


IR 


Europäifhe Kultur? Enropäifche Politif? 

Aber den anderen erjcheint es eben bisher noch nicht jo. Am unglüdlidyiten aber 
wirft e3, wenn wir jeßt unfere Kultur den Fremden aufdrängen, wenn wir am 
Köder einer europäifchen Kultur eine europäifche Politit heranangeln möchten. Die 
llegreichen taliener dürfen von der europäifchen Kultur reden. Seien wir ihnen 
dankbar dafür, aber machen wir ung nicht lächerlich und unfere Kultur zum Schnorrer, 
indem wir fie unerbeten Hinter den Siegern herihiden. Die große deutſche Sehn- 
fuht nad) Europäertum wird weder morgen noch übers Jahr erfüllt werden. Das 
jortwährende Betonen europäijcher Gemeinſamkeit ftößt Engländer und Franzoſen 
nur ab. 

Dies war kein ritterlicher Strieg, nad) dem man ji die Hände fehüttelt 
und die Wunden verbindet, jo wie e3 früher wohl geſchah. E3 war die Vernichtung 
einer unbequemen Rafje, eines überfleißigen Kulturvolfes, und was von im noch 
nicht vernichtet ift, unterliegt einem fogenannten Frieden, der ein fortgefeßter Krieg 
mit anderen Mitteln, feine Gemeinfchaftlichleit zwifchen Menfchen ift. Selbſt muß 
ſich diefes Volk helfen oder es hilft ihm nichts. Wenn es ftirbt, dann ift auch feine 
Kultur zu den Alten gelegt, fo wie fie heute fehon merflich gleichgültiger für die 
Welt geworden ift. Gerne würde die Welt über Deutfchland fchmeigen; dag Igno— 
rieren fängt fchon an, man hat fich viel zu viel mit ung befchäftigen müffen. 

Sp wäre aljo nichts zu tun? Und ob! 

Unfer Körper in der Welt ift totkrank, zerfchlagen. Der Geiſt muß ihn fid) 
neu bauen, oder er wird nicht neu erbaut werden. Unfere Kultur muß zurüdbicgen 
zu den Überlieferungen von vor hundert Jahren. Wir kommen nicht hoch durch 
die Methoden der augenblidlichen Schieberzeit, aber auch nicht durch Die der vor- 
kriegsmäßigen fpezialiftifchen, entperjönlichten Büffelei. Nur die Perfönlichkeit, 
die und abhanden gelommen ift, wird, wenn mir fie in der Not mwiedergewinnen, 
aud) den Körper des deutjchen Volkes wieder erjchaffen. Hofſnung auf deutſchen 
Miederaufbau heißt heute: Ich glaube an die Wiedergeburt der deutjchen Perſön— 
fichfeit. Davon wäre ein andermal zu reden. Hier gilt es zu begreifen, daß nicht 
europäilche Kultur, ſondern deutfche Kultur uns nottut und uns rettet. Deutjche 
Stultur hat im Gegenfaß zur englijchen oder franzöfifchen fchon immer das genügende 
Maß von Weltbürgerlichem an fih, um unferer gefchichtlich-geographifchen Aufgabe 
al3 Herz Europas, zujammen mit Italien, dem anderen Zentralland, gerecht zu 
werden. Nur in Deutjchland gibt es Weltliteratur und allumfaffendes Europäer: 
tum. Aber nit an Europa wird Deutfchland, jondern an Deutichland wird Europa 
geneſen; vor allem aber wünfchen mir Genejung Deutfchland felbit. 

„Selbit erfchuf es feinen Wert“, muB e3 noch einmal beißen. In der Ber- 
ihalung des Bismardichen Reichs war unfere alte deutſche Kultur troh innerer 
Berflahung ein mächtiges Weltwirken geworden. Jetzt wird fie wieder wie vor 
hundert Jahren ein offen bloßliegendes Gemebe geiftiger Fäden in einen armen, 
machtloſen, ringd ausgenügten und gefchändeten Volk fein. Wenn fie wieder 
ſchöpferiſch, innerlich, tief, perfönlich, charakternoll werden Tann, fo reich und jung, 
daß nicht nur die Führer des italienijchen, fondern auch die des englijchen und 
franzöſiſchen Geifteslebend an diefem Duell zu trinken begehrten, dann wird die 
Politik vielleicht da und dort ein wenig gezähmt durch Einfchläge Fulturellen Euro- 
päertums. Aber auch nie fehr ftart! Und wie weit ift felbft Diefe geringe Mög— 
licjfeit entfernt; die geiftige Abjonderung der Nationen ift heute troß allen Verkehr 


R. 


Aufruf zur inneren Erneuerung 


— 





— — — —— —— — — —— — - — — 
— — — 








größer als vor einem Jahrhundert oder gar einem Jahrtauſend. Wo ſind die neuen 
deutſchen Geiſter, welche die Welt um ſich verſammeln, jo wie Goethe und Hegel 
aus einem möglichen hostis Groce einen treuen hospes machten. Solange nun in una 
felbji jener Wunderquell nicht ftrömt, feien wir zurüdhaltend mit dem Außbieten 
unjerer und mit dem Fordern einer europäifchen Kultur und fornıen wir im jtillen 
an uns felbft. 





Aufruf zur inneren Erneuerung 


a Fritz Meßkirch in Baden bat im Dorfblättchen diefen Aufruf 
en laſſen: 

„IH war höchſt erftaunt, als ich in der Zeitung las, daß von num an der 
Milchpreis 1,50 für das Liter betragen fol. Denn ich war vollauf zufrieden 
mit dem Erzeugerpreis von 1,20 M, und ich glaube, auch mit mir mohl viele 
Landwirte. 3% ih halte als Landwirt den Preis von 1,20 4 fchon für reichlich 
hoch. Man denke doch daran, daß Milch ein unbedingt notwendiges Lebensmittel 
if. Wer bat die zahlreichen Kinder in den Städten? Es find die ärmeren 
Kreife. Wo ſollen denn diefe das Geld hernehmen bei diejen hohen Preiſen? 
ch habe ſechs Kinder und weiß, was ich täglih an Milch für die Familie ver- 
brauche. ‘Denkt doch, Standesgenofien, an die vielen, vielen, die nur geringes 
Einkommen haben! Wie muß e8 da den Eltern fchwer ums Herz fein, wenn fie 
ihren Kindern feine Mil geben können, weil das Einkommen folde Ausgaben 
nicht erlaubt. Wie müſſen unter diefem hoben Milchpreis die Kinder der Armen 
und Armften leiden, denen damit auch noch diefes fo bitter notwendige Nährmittel 
entzogen wird. Denkt J an die alten Leute, die oft nur ein kaͤrgliches Ein⸗ 
konimen haben und die für ihre Geſundheit die tägliche Milch auch ſehr nötig 


baben..... 

... Nehmt nicht mehr als 1,20 für das Liter Mil. Laßt euch nicht als 
Preistreiber hinftellen. Denkt an die Not fo vieler armer Familien! Zeigt euch 
nicht — und gebt durch einſichtiges Maßhalten auch den übrigen Ständen, 
on Kauf ee’ Handwerkern ufm., ein Beifpiel, wie man mit dem Preisabbau 
eginnen foll. . 

Was fein Erneuerungsbund fertig befommen wird, da8 wird glüden, wenn 
die innere Erneuerung an den Ducllen beginnt, die innere Erneuerung, welche 
nichts weiter ift als die alte, leider ganz in Vergeſſenheit geratene Herzens⸗ 
anftändigkeit. Gewiß find Galgen für die Waggonſchieber von beträchtlichem 
Nuten, und gewiß ift die Verpeſtung unferes Volles von oben, von den großen 
Räubern ausgegangen (Tolftoi würde auch hier fagen: von den Dichingis Khans 
mit Felegraph und Telephon, wobei er den Klubſeſſel nicht vergejlen dürfte). 
Aber der Eleine Mann bat der Seuche allzu — Haus und Tür und Fenſter 

eöffnet. Raffgieriger noch und unbarmherziger als der Große, bei dem es die 

aſſe bringen muß, plündert er die in ſeine Klauen geratenen Verbraucher aus. 
Läßt ſich doch in Berlin von den Obſtgroßhändlern nachweiſen, daß er das Pfund 
Kirſchen zu 1,20 „© geliefert erhält, während er 3 bis 4 und 5 dafür fordert! 
Er will mehr daran verdienen, als das Obſt auf dem Baum, einichlieklich 
Pflüderlohn, Bahnverfand, Gewinn des Großhändlers, wert ift und gefoftet Hat! 

Wer Ichafft uns den Ermeuerungsbund der Kleinen, den von unten fommenden 
Widerſtand gegen die ungehemmte Ausmwucherung des bHilflofen Käufers? Wer 
weiß, jo vorgehend, beſſeren Nat als eine tumple Regierung, deren Einficht in 
der Aufforderung an die bungrigen Verbraucher gipfelt, grundjäglich Teine Über: 


46 Aus Geheimberidhten an den Grafen Hertling j 


— — — —— — — — ee 
— Te nenne ern — — ——— —— — — — — — — 








preiſe mehr zu zahlen, alſo freiwillig den ſtillen Tod durch geſteigerte Unter⸗ 
ernährung zu erleiden? Sobald wir einmal dieſen Führer und dieſe Volks— 
bewegung Unten, wird es ein leichtes fein, das Galgenholz für die Großen zu 
beforgen. Darf man hierbei doch auf befonders günftige Preisangebote von 
Kleinwaldbefigern rechnen. Karl Gerhardt. 





Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling 
(1915—1917) | 


Don franz von Stodhammern, Minifterialdireftor in NReichsfinanzminijterium 
V, 
Genf, den 17. Februar 1916. 

Es ift nicht gerade der ftärkfte Augenblick ſeines vorausfichtlid nur fehr kurzen 
Minifterdafeins, in dem Herr Briand fich nach Rom begeben hat. Es iſt nicht an- 
zunehmen, daß Herr Tittoni, Italiens Botjchafter in Paris, nicht darum gewußt 
habe, daß es im Winifterium Briand kniſtert. Herr Tittoni ift zwar feiner politifchen 
Richtung nad) Tonjervativ und Flerifal, was ihn aber als Italiener und Diplomaten, 
der im Intereſſe jeines Landes mit allen, im Notfall auch mit dem Teufel zu leben 
weiß, felbitverftändlich nicht hindern wird, zum Großorient Paris vertrauliche Be: 
ziehungen zu unterhalten. Diefe Schwäche der innerpolitifchen Stellung des 
Kabinett? Briand erflärt auch die nicht zu leugnende Kühle des Empfanges, den 
Briand bei der italienischen Regierung gefunden hat und der auch durch die von einem 
jo gewiegten Regiffeur, wie Herrn Barrere, inizenierten Straßenktundgebungen der 
römischen Teppa nicht vergellen gemacht werden konnte. Die ?yarblofigfeit der 
Trinkſprüche, die bei diefem Anlaß zwiſchen den franzöfiichen und italienifchen 
Staatsmännern geivechjelt worden find, trägt Dazu bei, den Eindrud de Miß— 
erfolges der Reife Briands noch klarer zu geitalten. Er hat das eigentliche Ziel. 
feiner Wünfche nicht erreicht, daß dahin ging, Italien zu aktivem Cingreifen auf 
einem auswärtigen Kriegsſchauplatz an Seite des Vierverbandes zu beftimmen. 

In diefem Zufammenhange darf ih Euer Erzellenz gehorfamft melden, daß 
nad) den mir aus Wien zugehenden Nachrichten Öfterreich-Ungarn feine Kräfte mehr 
und mehr auf den dort ungemein populären italienischen Krieg fonzentriert. Die 
wenig glüdliche Aktivität, die die öſterreichiſch-ungariſchen Flieger derzeit in Ober- 
Italien entwideln und die bei der Erregbarleit des italienifchen Temperament3 nur 
eine Wirkung haben kann, nämlich die, die erjchlafften Geifter wieder aufzurütteln, 
bietet für diefe Auffaffung ein nicht gu verlennendes Anzeichen. Wie ein neutraler 
Diplomat mir vor einigen Tagen fagte, wirken die Bomben, die auf Mailand und 
nun inzwifchen auch noch auf andere Städte abgemworfen wurden, wie bie Stampfer- 
Iprige. Es foll ganz davon abgejehen werden, daB durch Die verjchiedenen, gewiß 
nicht beabfichtigten, aber nichtsdeſtoweniger fehr bedauerlihen Befchädigungen, die 
mehrere wertvolle Kirchen bereits wieder erlitten haben, ber Papft in eine einiger- 
maßen peinliche Zage gerät und ganz naturgemäß in das Zager der Gegner getrieben 
wird. Es wird öſterreichiſcherſeits behauptet, man folge mit dieſen Fliegerraids 


— — — — — — — — — — — —— 
— ö— —— — —— — ße rr — — 


lediglich den Direktiven Berlins, was ich aber für eine faule Ausrede halten möchte. 
Wir haben in Frankreich und England ganz andere Kriegsziele, als Oſterreich— 
Ungam in Italien, und wenn wir Daher in Frankreich und England mit Flieger- 
erpeditionen altiv vorgehen, jo iſt Dies noch lange fein Grund, daß Oſterreich-Ungarn 
in Stalien das gleiche tut, dem gegenüber es fich vereinbartermaßen eigentlich auf 
die Defenfive zu beſchränken hat. Je mehr Oſterreich-Ungarn fi in Stalien feft- 
haft, dejto mehr Truppen wird e3 dorthin dirigieren müffen, die dann jelbjtverftänd- 
lich unjeren gemeinjamen Aktionen entzogen merden. Berfchiedene Stimmen der 
großen Ententeprefle Tajfen denn audy erkennen, daß man im Lager des Bier- 
verbandes diejen Punkt auf der Seite der Aktiva verbucht. 

Auch auf dem Gebiet der inneren Politik fcheinen fih in Oſterreich-Ungarn 
verjchiedene Dinge vorzubereiten. Auf Grund von Mitteilungen einer Quelle, die 
fich bisher noch immer als verläflig erwieſen hat, ift mit ziemlicher Bejtimmtheit an- 
zunehmen, daß Prinz Hohenlohe, derzeit Minifter des Innern, binnen kurzem den 
Strafen Stürgkh erjegen und aladann mit der Schönen Aufgabe betraut werden wird, 
eine jeit längerer Zeit in Ausarbeitung befindliche Verfaffungsänderung in Voll⸗ 
zug zu fegen. Es handelt fich hierbei um nicht3 weniger als um Abfchaffung des 
allgemeinen Wahlrechts, Reduktion der Zahl der Mandate und Suspendierung bes 
Parlaments auf eine vorläufig noch nicht beftimmte Anzahl von Jahren. Man fühlt 
ih in Ofterreich-Ungarn innerpolitifch fehr unficher und glaubt auf dem Weg des 
Staatsſtreichs — als etwas anderes können derartige Maßnahmen wohl nicht be- 
zeichnet werden — ih eine Art Galgenfrift zu fihern. Ob und inwieweit dieſe 
Erwartungen fi erfüllen werden, wird die Zeit nach dem Kriege lehren. 


Aus Geheimberidten an den Grafen Bertling 47 








Genf, den 24. Februar 1916. 

Der franzöfiihe Minifterpräfident Hat weder in der Frage der Krieg 
erflärung Italiens an Deutichland noch Hinfichtlich Des Ausgleiches der zwiſchen 
Stalien und England beftehenden mwirtichaftlichen Differenzen einen Erfolg zu 
erzielen vermocht. Was das Berhältnis Italiens zu Deutichland betrifft, fo 
hält nad) meinen Informationen aus Berner neutralen Diplomatenfreijen die 
italienifche Regierung daran jeft, daß fie ſich rüdfichtlich der Frage, ob und wann 
Italien an Deutichland den Krieg erklären will, vollfte Entichlußfreiheit wahren 
müffe. Ich glaube mehr und mehr, dab die Herren Salandra und Sonnino die 
Kriegserklärung an und am liebften ganz und jedenfalls folange als nur irgend 
möglich zu vermeiden wünjchen. Es liegen mir Meldungen vor, nad) denen die 
Einficht, daß es Deutichland gegenüber am beiten fei, den gegenwärtigen Zuftand 
zu belaffen, in parlamentarifchen Kreifen mehr und mehr Platz greift und dag 
die Interventiften, fall3 fie wirklich beim Zufammentritt die Kriegserklärung 
an Deutichland zur Diskuffion Stellen follten, ein vorerft nur jehr ſchwaches Echo 
finden werden. 

Es ift mir geftern Gelegenheit geboten geivefen, neuerdings Briefe eines 
öfterreichiichen Staatsmannes zu lejen, in denen diefer de dato Wien, 19. Fe⸗ 
bruar, feinem hier lebenden Freunde berichtet, daß die Deutichenin Konitantinopel 
und neueftens aud) in Sofia immer weniger beliebt würden und daß man in 
Wien ernftlic) beiorge, die Türkei, der der Fall Erzerum gemaltig in die Glieder 


48 Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


— u a em — 


gefahren fei, werde trachten, auf dem Weg eines Separatfriedens mit einem 
blauen Auge davonzulommen. ch bin nicht in der Lage, die Richtigkeit diefer 
Mitteilung zu kontrollieren, glaube fie aber Euer Erzellenz im Hinblid auf die 
herporragende und maßgebende Gtellung de3 Schreiberd melden zu follen. 


Bern, ben 8. März 1916, 

Bon einer politiich realilierbaren yriedensgeneigtheit maßgebender 
Faktoren ift in feinem der Länder des Vierverbandes die Nede. Der in feinem 
Ernft beachtensmwerte Ton, auf den die lebten Kundgebungen leitender englifcher 
und ruſſiſcher Staatdmänner gejtimmt waren, kann dadurch, daß die deutſche 
Preſſe diefe Reden ald Kaprivolen behandelt, nit an Bedeutung verlieren. 
England it vom Frieden weiter entfernt als je, dafür fpricht gleichmäßig die 
Haltung feines Parlaments wie feiner Preſſe und darüber laſſen meine Berner 
Nachrichten einen Zweifel nicht zu. Rußland ijt ebenfall3 überzeugt, feine Rage 
verbefjern zu können, wenn e3 durchhält. Stalien glaubt nach wie vor feinen 
Intereſſen am beiten zu dienen, wenn ed unter möglichiter Vermeidung von 
eigenen Opfern für die Sache des Vierverbandes feinen Krieg gegen Ofterreich- 
Ungarn meiterführt. 

Frankreich jteht, wie ich bereits früher berichtete, jeit Anfang Januar im 
Zeichen einer latenten Regierungstrifis. Die Stellung des Kabinett3 Briand 
hat jich durch den mehr und mehr offenkundig gewordenen Mißerfolg der Rom- 
teile des Minifterprälidenten verjchlechtert, und wenn das Minifterium nicht 
heute ſchon geftürzt ift, jo dankt es dies in erfter Rinie den Ereignilfen vor Berdum, 
die den Geift der nationalen Gefchlofjenheit in bewunderungsmwürdiger Weile 
neu belebt haben. 

Der Fall Berdung würde jedoch nicht genligen, um die militäriiche Wider- 
ſtandskraft Frankreichs zu brechen. Frankreich wird fich nur unter dem Drud 
einer fataftrophalen Niederlage, unter der Nachwirkung von Schlachten, die die 
Vernichtung der franzöjischen Armee bedeuten würden, zum Frieden entjchließen. 
Eine derartige Initiative Frankreichs wird fich jedoch nach der Überzeugung 
meiner Berner Freunde nie in der Linie eines Separatfriedens bewegen, jondern 
höchſtens in der Richtung der Herbeiführung eines gemeinjamen Schrittes der 
Verbündeten einjegen. Ich mwarne eindringlich vor einer Überſchätzung der 
Wirkung, die der etwaige Berluft Verduns auf die franzöfifche Mentalität 
äußern würde. Deutjchland muß fich hüten, in der Einnahme von Verbun mehr 
al3 einen bedeutungsvollen Schritt auf dem Weg zum Gieg zu erbliden. Sollte 
man an einen folchen Erfolg dagegen Friedenshoffnungen knüpfen, jo würde 
died nach meinen Informationen: noch verfrüht fein. 


— 





Bern, den 19. März 1916. 
Die Erflärungen, die Herr Asquith im englifchen Unterhaufe über die Auf: 
gaben der demnächſt in Paris zufammentretenden wirtfchaftzpolitifchen Konferenz 
des Vierverbandes abgegeben bat, haben erkennen laſſen, daß das Projekt einer 
den Krieg überdauernden mwirtichaftspolitifchen Koalition der Signatarmächte des 
Londoner Abkommens mehr und mehr greifbare Geltalt annehme. Die Aufnahme, 





Aus Geheimberihten an den Grafen Hertliug 49 


die fein Gedanke in den mwirtjchaftlich potenten Rändern des Vierverbandes gefunden 
hat, — Rußland fcheidet, da fait in allem und jedem, was auf dem Gebiete der 
Technik belegen ift, vom Ausland abhängig, ala ernit zu nehmender Faltor aus — 
ilt jedoch Feine allzu enthuflaftifche gemejen. Man ilt fich offenbar in Frankreich mie 
in Italien gleicherweife darüber Kar, daß England eine nad) dem Krieg ſich zu— 
ſammenſchließende wirtſchaftliche Koalition ebenfo ausſchließlich für feine eigenen 
Ziele und zu feinem eigenen Borteil nutbar machen würde, wie es Dicd jeht 
während des Weltkrieges Hinfichtlich der militärifhen Kräfte feiner Verbündeten 
tut. Bei Stalien kommt ala beſonders ins Gewicht fallender Faktor die mehr ala 
gereizte Stimmung in Betracht, die in den Börfen-, Handels: und Induſtriekreiſen 
des Landes England gegenüber herrfcht und die nicht ohne eine gewiſſe Berechtigung 
jein dürfte. Die wirtfchaftliche Beengtheit Italien nimmt, dag läßt übrigens auch 
die Preſſe und das lailen die Kammerverhandlungen der abgelaufenen Woche erjehen, 
in ftarlem Maße zu. Die Kohle indbefondere ift nicht nur unerfchwinglich, fondern 
jie wird nach und nach tatſächlich unerbältlid. Man fchiebt in den hierdurd) 
Hetroffenen Kreifen Italiens alle Schuld auf England und es begreift fich unter 
diefen Umftänden, daß Herr Salandra überzeugt fein fonnte, in Übereinftimmung 
mit ſämtlichen maßgebenden Faktoren des italienifchen Wirtſchaftslebens und des 
Parlaments zu handeln, wenn er die Einladung zur Parifer Wirtſchaftskonferenz 
nur unter der ausdrüdlichen Worausfegung annahm, daß den dort zu fallenden 
Beichlüffen unter keinen Umftänden ein bindender Charakter zulonmen dürfe, 
fondern daß die gepflogenen Erörterungen außjchließlich vorbereitender Natur fein 
jollten. Auch in Frankreich, wo man aus anderen Gründen England gegenüber 
verſtimmt fein zu dürfen fich berechtigt glaubt, ſteht man dem englifchen Projekt einer 
wirtichaftliden Koalition jleptifch gegenüber. Man hätte dort am liebſten von 
vornherein „nein“ gejagt und hat Jich eigentlich nur der öffentlichen Meinung 
zuliebe entjchloffen, an der Beſprechung der englifchen Vorſchläge teilzunehmen. 
Man ift, wie ich höre, in Frankreich, bei aller Bündnisfreundfchaft, Die man für 
England begt, in camera caritatis eigentlich) nicht darüber unzufrieden, Daß Die 
neue deutſche U-Bootwaffe mit dem Märchen von der unbeftrittenen Seeherrfchaft 
Englands aufgeräumt hat. Man denkt außerdem in Frankreich viel zu kühl und zu 
geichäftlic nüchtern, um ſich nicht zu Jagen, daß es nad) dem Kriege unmöglid) jein 
werde, die mwirtjchaftlichen Intereſſen aller Teilnehmer des Vierverbandes auf eine 
gemeinfame Wurzel zu bringen, die fo ſtark wäre, daß das aus ihr erftehende Gewächs 
alle wirtichaftlihen Sonderintereffen der einzelnen Nationen überwucdhern und 
erjtiden könnte. In Rom wie in Paris ijt man gleichmäßig davon überzeugt, daß 
jedes mit England verbündete Land gut daran tun wird, fich nicht allzu früh von 
der City die Wege vorjchreiben zu laſſen, auf denen es eine möglichit weitgehende 
Sicherung feines eigenen mirtjchaftlichen Vorteils anſtreben fol. Mit der Idee 
dc3 Herrn Asquith, daß alle Regierungen des Vierverbandes, jeßt, mo dag Feuer 
der Begeifterung fozufagen noch lodert, fich in Unterordnung unter die Motive des 
englifchen Geſchäftshungers für die Zufunft nah dem Krieg auf mwirtichafts- 
politifchem Gebiet feitlegen follen, jcheint es ſomit vorerft nicht? zu fein. 


Grenzboten III 1920 4 


50 Aus Beheimberichten an den Grafen Bertling 


Bern, den 13. April 1916. 

Solite Verdun wirklich fallen, jo fann dies dem Minijterium die Erijtenz 
koſten, ohne daß Augficht beftünde, daß ein ruhigeren Erwägungen zugänglicheres 
Kabinett an feine Stelle tritt. Dieſe Informationen ftimmen audy mit den 
Andeutungen überein, die der franzöfiihe Botjchafter in Bern diefer Tage 
einem mir be’reundeten neutralen Diplomaten gegenüber gemadht hat und die 
dahin gingen, daß der Krieg mindejtens noch bis zum Herbit 1917 dauern werde. 

Diefer Auffafjung begegnet man auch überall da in der Schweiz, tvo man 
ſich mit der letzten Rede des Herrn Reichskanzlers beichäftigt. Die Kommentare 
gehen in ihrer Geſamtrichtung dahin, daß fie ſtark und wirkungsvoll gemejen 
ſei. Da aber ein äußerlich in die Ericheinung tretender großer Erfolg, der dieje 
Schwenkung zur Stärke erklären würde, nicht vorliege, müjje man die Beweg— 
gründe, die den Kanzler zur Aufgabe der in feiner lebten Rede zum Ausdrud 
gekommenen Friedensgeneigtheit bejtimmt haben, in der innerpolitiichen Tage 
des Reiches ſuchen. Der Kanzler habe, jo fahren dieje Kommentare fort, diesmal 
jo ſtark gejprochen, weil er dem: Drud der Konlervativen gegenüber, die jeine 
Haltung feit längerer Zeit bemängelten, eine entichiedene Note anzufchlagen 
wünſchte. Ich glaube, ohne mir perſönlich ein Urteil erlauben zu wollen, dieje 
Kommentare Euerer Erzellenz melden zu jollen, da fie mir von verläſſiger Seite 
zugegangen jind und einen Rüdichluß darauf geftatten, wie die Haltung des 
Herrn Reichskanzlers bei den Kabinetten des PVierverbandes beurteilt wird. 

Italien will, wie ich ſicher höre, Jich in feiner Entichliegung darüber, ob es an 
Deutichland den Krieg erklären foll, freie Hand behalten. E3 wünſchte in dieſer 
Freiheit feiner Entſchließung daher auch nicht durch die Unterzeichnung de3 
Londoner Abkommens beichräntt zu werden. Italien will, Darüber fann ein 
Bmeifel nicht bejtehen, die Kriegserflärung an Deutjchland vermeiden, jolange 
es nur irgend geht. Wenn es Stalien gelang, Frankreich den gewiß berechtigten 
Wunſch nach Hilfeleiftung in den Tagen des Ringens um Verdun abzufchlagen, 
fo wird e3 diejen feinen ablehnenden Standpunkt auch mweiterhin behaupten 
fönnen. | 

Nicht ohne Intereſſe für Euer Erxzellenz ift, was ich über die Romreiſe 
Asquiths, über die eine Reihe übertriebener und gänzlich unzutreffender Nach- 
richten verbreitet worden jind, zu melden habe. Der engliiche Premier hat den 
Beſuch im Batilan überhaupt nicht jehr wichtig genommen. Das Geſpräch, das 
er mit Benedikt XV. führte, betraf Belgien. Herr Asquith gab dem Entichluß 
der engliichen Regierung Ausdrud, unter feinen Umftänden einem Frieden 
beizuftimmen, der nicht die volle jtaat3rechtliche Retablierung Belgiens mit jich 
bringen würde. | Ä 

Was das Urteil anlangt, da3 man jich in maßgebenden italieniichen Re— 
gierungskreiſen über die wirtfchaftliche Widerjtandsfähigfeit Öfterreich-Ungarns 
gebildet hat, fo ift, wie ich vortwegnehmen darf, das Bild weniger düſter al3 an«- 
zunehmen war. Man muß offenbar genau unterfcheiden zwiſchen den pejli- 
miftiich gehaltenen Stimmungsberichten, die die italienische Preſſe zwecks Hoch⸗ 
haltung der öffentlichen Meinung im Lande von Zeit zu Beit über die wirt- 
Ihaftlihen Zerhältnifje der Donaumonarchie verbreitet und zwiſchen den facdh- 
männifch abgemwogenen, nüchternen Urteilen, die man ‚entre nous“ äußert. 


Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling bl 


Man gewinnt den Eindrud, daß die durch den glüdlichen ſerbiſchen Feldzug 
bewirkte Erjchliegung des Weges nad) dem Orient jich für Ofterreich-Ungarn 
fehr nützlich und vorteilhaft ermeilt. 

Die Stimmung der leitenden Kreife in Öfterreich"-Ungarn jelbit ift in wirt» 
Ichaftlicher Hinjicht Dagegen offenbar etwas peſſimiſtiſch. E3 ift mir in der aller- 
«legten Zeit neuerdings wieder Gelegenheit gegeben getvefen, in jtreng ver- 
traulicher Weiſe Kenntnis von Briefen hervorragender öſterreichiſcher Barlamen- 
tarier zu erhalten, die durchwegs auf die Note erniter Beſorgnis gejtimmt waren. 
Daß DOfterreich-Ungarn einen meiteren dritten Winterfeldzug führen kann, wird 
in diejen immerhin beachtenswerten Außerungen ernfter Politiker beziveifelt. 
Auch jcheint, daß Öfterreich-Ungarn mit feinen Reſerven an Menfchenmaterial 
allmählich ind Gedränge fommt, doch wird diefer Punkt von den in Betracht 
fommenden Politikern für weniger wichtig erachtet, da Deutichland noch nicht 
über eine Reihe von Zahrgängen disponiert habe und daher — man denft 
hiebei an den Aufruf der Jahresklaſſen 46, 47, 48, 49 — über ganz bedeutende 
Rücklagen verfüge. 

Zum Schluß erlaube ich mir, Euer Exzellenz auf die Rede aufmerkſam zu 
machen, die der Führer der vorerſt noch Heinen katholiſchen Gruppe im italieni- 
ihen Parlament, Meda, über den Krieg gehalten hat. Sie läßt feinen Zweifel 
darüber zu, daß die katholiſchen Elemente Ktaliend ganz uneingejchräntt im 
Intereſſenkreis des Königreiches aufzugehen und eine patriotilche Geſinnung 
zu befunden beginnen, die an Stärke hinter der der anderen politilchen Parteien 
und Gruppen de3 Landes faum zurüditeht. Dies vergegenmärtigt jich allem 
Anſchein nad) Benedift XV., wenn er in verftändnispoller Würdigung des 
italieniihen Nationalgefühls vor allem ſich mit Stalien in reine zu ſetzen 
ſucht. Es fällt ihm dies um jo leichter, al3 er ſich ganz als Staliener fühlt und 
nad) dem Strieg mit Stalien, feinem Baterlande, deſſen Dynaſtie eine Reihe 
feiner Vorjahren bis herab zu feinem Bruder mit Auszeichnung als Soldaten 
gedient haben, in guten Beziehungen zu leben wünjcht. 


Bern, den 25. April 1916. 

Kach einer ala — ſeit längerer Zeit bewährten, hochſtehenden Wiener 
Quelle ſind die Oſterreicher darüber verſtimmt, daß Baron Burian in Berlin beim 
Herrn Reichskanzler eine Teilnahme deutſcher Streitkräfte an der von Hötzendorff 
geplanten, aus bekannten und bereits gemeldeten Gründen verſchobenen großen 
Offenſive gegen Italien nicht durchzuſetzen vermocht hat. Nach dieſen Informationen 
war es hauptſächlich General von Falkenhayn, der ſich der öſterreichiſchen Anregung 
auf das kategoriſchſte widerſetzte, und zwar aus zwei Gründen: einmal aus mili— 
täriſchen, da der deutſche Generalſtab vorausſieht, daß eine Offenſive am Iſonzo 
ſich zu einem eventuell ſehr großen und viele Opfer erfordernden Unternehmen au3: 
wachlen kann, und zweitens aus politifchen, meil General Fallenhayn es für über- 
flüflig erachtet und wohl mit vollem Recht, daß es überhaupt feinen europäifchen 
Großſtaat mehr gibt, mit Dem wir im Zeitpunfte des Eintritts in etwaige Friedens⸗ 
verhandlungen nicht im Kriege lägen. Es fcheint ja auf der anderen Seite allerding3 
richtig, daß weder die Türkei noch Ofterreich-Iingarn fich noch auf eine fehr Tange 

4* 


59 Aus Geheimberihten an den Grafen Hertling 


— —— — — 





Dauer in der Lage ſehen werden, den Kampf mitzumachen, und daß Oſterreich 
wohl noch am leichteſten bei der Stange gehalten werden kann, wenn es den in den 
geſamten Ländern der Doppelmonarchie populären Krieg gegen Italien ausbaut. 

Nach der gleichen Quelle wird ſowohl in hieſigen diplomatiſchen Kreiſen 
Bernd, wie in den am Zuſtandekommen eines Friedens intereſſierten Kreiſen 
Hollands zur Zeit mit Intereſſe ein Schritt erörtert, den wir via Wien neuerdings 
in England im Sinne einer Annäherung unternommen haben ſollen. Die Nachricht 
war von hier aus vorerſt noch nicht zu kontrollieren, ſcheint mir aber mit Rüdficht 
auf die Xerfönlichkeit meines Gewährsnannes und deifen notorijcher Vertrautheit 
mit den Vorgängen am Ballplak immerhin beachtenswert. Sollte fie richtig fein, 
fo märe jie angeſichts der Nachrichten, die und aus den Ländern des Vierverbandes 
zugegangen jind und übereinftimmend dahin lauten, dab insbefondere in den 
leitenden Sreifen Frankreichs eine Friedenzgeneigtheit irgendwelcher Art nicht be= 
iteht, fehr zu bedauern. Die Stimmung fpeziel in Frankreich hat ſich nad) In— 
formationen in der allerlegten Zeit jehr gehoben. Meine Gemährsmänner führen 
hierfür ſechs Gründe an. Der erjte ijt der ftarfe franzöfiiche Widerftand und Die 
langjamen und Heinen Erfolge vor Verdun, die Einnahme von Trapezunt im Zus 
ſammenhang mit Gerüchten von einem Separatfrieden der Türkei, die fichere Er- 
wartung des Bruchs zwifchen Amerifa und Deutſchland, die aktive Teilnahme 
Rußlands an der franzöfifchen Front, Die auf Italien rückwirken müſſe, das voll- 
ftändige Stoden der militärischen Operationen der Zentralmächte in Magzedonten 
und Albanien, das Ausbleiben der feit langem erwarteten öſterreichiſchen Offenfive 
gegen Stalien, ſowie endlich der Tod des Feldmarſchalls von der Golt, der nad) 
der dortigen Anficht allein noch die Türkei in der militärifchen Gefolgjchaft der 
Zentralmächte erhalten habe. Der Ton, auf den auch die erniteren franzöfijchen 
Blätter gerade in der lebten Zeit geitimmt waren, jteht abzüglich der notwendigen 
Tara an Nutofuggeftion mit diefen Veitteilungen fo ziemlich in Einklang. Solange 
aber in Frankreich eine derartige Stimmung des Durchhaltens herricht, iſt mit 
einem Mbflauen des englifchen Kampfwillens nicht zu rechnen. Fühler in England 
fünnten daher, falls fie mwirflich neuerdingd wieder gemacht worden fein follten, 
unjere Rolition für etwaige Friedensverhandlungen nur verjchlechtern. 


Luzern, den 16. Mai 1916. 


Der bejonderen Aufmerkſamkeit Euerer Erzellen; möchte ich die Anlage 
empfehlen, die die Anfchauungen behandelt, die über die minima pacis in England 
beitehen. Sie führt die Staatsmänner auf, die die englifchen Gemährsleute von 3. 
übereinjtimmend, von einer perfönlichen Teilnahme an den Friedensverhandlungen 
ausgeſchloſſen wiſſen möchten. Es find dies auf englifcher Seite Asquith und Grey, 
auf deutfcher Herr von Bethmann-Hollmeg und Herr von Jagow. Ich bin übrigens 
wiederholt bei neutralen Diplomaten, insbefondere bei Monfignore Marchetti der 
Auffaflung begegnet, daß fämtliche Triegführende Staaten bei Auswahl ihrer 
Friedensunterhändler darauf Bedacht nehmen follten, daß lediglich Perjünlichleiten 
genommen werden, die auf dem Gange der Juli- und Auguftereignilfe des Jahres 


Die Tiroler frage 53 


1914 feinen maßgebenden Einfluß geübt haben. Ob und inwieweit dieſes Poſtulat 
jeinerzeit verwirklicht werden wird und überhaupt verwirklicht werden fann, bleibt 
abzumarten. Wie mein Freund in diefem Zufammenhange bemerfte, iſt die Stellung 
des Herrn Asquith derart erjchüttert, daß er es faum bis zum Abjchluß der Feind— 
feligfeiten aushalten wird und Herr Grey unterläßt nicht, von Zeit zu Zeit fein 
Augenleiden zu afzentuieren, in dem an ſich begreiflichen Wunfch, fish gegebenenfalls 
einen guten Abgang zu fichern. Sehr Starkes Gewicht dagege fcheint England auf 
bie Wiederherftellung Belgien und zwar in feinem vollen Umfange zu legen. Der 
Nahdrud, mit dem Monfignore Marchetti die Unverzichtbarfeit dieſer englijchen 
Forderung unterftrich, legt die Annahme nahe, daß er dieje feine Information in 
erjter Zinie aus den englilchen Kreiſen Berns bezogen hat, die der Gejandt- 
ſchaft naheſtehen. Darüber, dat Benedift XV. ſich mit dem vollen Gewicht feiner 
Autorität für Belgien einjegen wird, fann ein Zweifel nicht bejtehen. Das Cha- 
rafteriftijche diefer Mitteilungen liegt daran, daß fie auf englifcher Seite eine gemijje 
Geneigtheit verzeichnen, überhaupt über den Frieden zu reden, was, ſoweit Herr 2. 
in Frage jteht, heute zum erftenmal der Fall ilt. Die Herren Asquith und Grey, 
die noch vor einem Jahre von einer unbegrenzten Dauer des Krieges jprachen, ſind 
bejcheidener gewejen und nehmen vorläufig den Spätherbit 1916 al3 Zeitpunkt des 
Beginns der Friedensverhandlungen in Ausficht. Die Stimmung in England ijt 
im Abflauen begriffen, wobei wir und allerdings einer Täuſchung darüber, daß 
bei uns in breiteren Schichten der Bevölkerung die Unzufriedenheit zunimmt, 
ebenſowenig hingeben al3 glauben dürfen, dieje Verhältniffe jeien unjeren Gegnern 
nicht befannt. 


In Bern jcheinen ſich die Gerüchte von einem im Herbjt lommenden Frieden, 
d. h. zunächſt Waffenftillitand, zu verdichten. Doch vermißt man mit Bedauern 
die Meldung, daß die Miflionen der Entente zu diejfer Stimmung auch nur an- 
nähernd die auf fie treffende Quote beitragen. 


Die Tiroler Srage 


Don 6. von Tihurtfhenthaler (Bozen) 





| Neich3minifterd des Außeren, Herrn Köjter, die diejer in der groß: 
= deutſchen tiroliihen Tageszeitung „Alpenland“ zur Verwertung 
Ir = 2 befannt gab. Zahlreiche große deutſche Blätter haben die Auße— 
rungen des Xeiter8 der deutſchen Außenpolitik wiedergegeben und Deutſch— 
öjterreich, vor allem natürlich Tirol, hat ein freudige® Echo für fie gebildet. 

Der Reihsminifter betonte, daß die bejondere Lage Tirols, durch das Die 
zwei Ddireftefien Blutadern der Intereffengemeinjchaft zwiſchen Deutjchland und 
Italien führen, diejeg an fich Leine, arme und nur aus feiner tragiſchen Gejchichte 
von Treue und Heimatliebe befannte Land „automatijch in den Wordergrund der 
außenpolitijchen Fragen“ jchiebt. 


54 Die Tiroler frage 

Daran ift nicht zu zweifeln. Der Wall von Haß, den Verſailles und als 
Ergänzung hierzu St. Germain und das Deutfche Reich gebaut haben und deijen 
Durchbrechung die allernächite Aufgabe deuticher Wirtfchaftspolitit fein muß, meift 
eine dünne Stelle auf. Gerade die Verbindung nad) dem Süden, deren hijtorijche 
Feltigfeit nur durch den Krieg vorübetgehend abgeriffen wurde, den Deutjchland 
um Oſterreichs Willen gegen Stalien führen mußte, ift am leichteiten wieder anzu— 
Inüpfen. Sympathien zeigen fi in Italien bereit3 allerwegen; nicht nur in der 
Regierung in Rom, fondern auch in den breiten Schichten der Bevölkerung, die Die 
eriten deutfchen Neifenden mit ganz bejonderer Aufmerkjamkeit und Zuvorkommen— 
heit behandeln. In feinem Lande veriteht es die Staatäregierung fo 
gut wie in Sstalien, fi) jene Stimmung in der Bevölkerung zu jchaffen, die fie 
für ihre großen Pläne braudt. Die Striegserflärung an Oſterreich iſt dafür 
ein Deutlicher Beweis. Will daher die italienifche Regierung tatfächlih eine 
Atmofphäre erzeugen, die einer Politik günftig ift, deren Ziel die Wiederannäherung 
an Deutfchland, ja, ſchließlich und endlich) die Miederherftelung jener wirklich 
freundfchaftlichen Beziehungen ift, die früher zmifchen den beiden Staaten be- 
Itanden, jo hat fie zweifellos bereits jehr gut vorgearbeitet. Es wird Nitti oder 
Giolitti, es ift ganz gegenftandalos, wie der führende Staatsmann heißt, wenn er 
nur nicht „Kriegshetzer“ mar, ein Leichtes jein, fich jene Preffe und jene Straße 
zu Bereiten, die im entjcheidenden Moment da3 Echo für eine große außenpolitifche 
Handlung zu bilden haben. 


Diele Handlung iſt jene, Die gleichzeitig den Schwerpunkt der Tiroler Frage dar— 
jtellt, fie ift Die Rüdgabe Deutfh- Südtirols, des Landes vom Brenner 
bi? Salurn, an das deutfhe Volt als Preis für Die wiedererlangte 
wirtfhaftlihde und politifde Freundſchaft des Deut- 
ihen Reiches. Das Vertrauen auf die Kraft und Macht des Reiches ilt in 
Tirol fo felfenfeft, die Überzeugung, dab das Reich auch heute, auch nach Verjailles, 
noch joviel innere und äußere Kraft hat, um als Gebender auch fordern und Be: 
dingungen jtellen zu können fo allgemein, daß es eine fchwere Erſchütterung des 
großdeutfhhen Gedankens bedeuten würde, wenn das Volt von Tirol, wenn Diefe 
harten, jtilen und zähen Bauern, Bürger und Wrbeiter eine Enttäufchung 
erlitten. Und fie ift wahrhaftig nicht notwendig. 


Es ſchien anfangs nicht Teicht, daß die großdeutfche Idee gerade in Tirol 
bald und feit Fuß falle. Die Überlieferung einer vielhundertjährigen Geichichte, 
Die fprichwörtiich gewordene Treue zum Herrfcherhaug, die Abneigung gegen Das, 
was fih in Oſterreich „AUlldeutfch” nannte und mit der „Los-von-Rom“-Bewegung 
enge verknüpft war, — alle diefe Momente zeigten nach der Novemberrevolution 
anfcheinend ein günftiges Arbeitsfeld für jene, Die einer Wiedererrichtung des alten 
Haböburgerreihes den Boden bereiten wollten. Die körperliche und geiftige Er- 
Ihöpfung des Landes nach dem Kriege Tonnte eine raſche Erholung finden und 
damit wohl auch — nach der Anficht der Anhänger der früheren Zeit — eine 
Rückkehr der dynaſtiſchen und ftaatlichen Gefühle erwartet werden. Dies mar ein 
großer Irrtum. Zunächſt zeigte ſich in dem tatfächlich immer etwas felbitherriich 
gewefenen Volke ein Hang zur Selbjtändigfeit, der ſich in einer Weife offenbarte, 
die weit über alles politifch und mwirtfchaftlih Mögliche hHinausging. Die früher 


Die Tiroler frage 55 
ſchon geringe Sympathie für die Wiener Zentralſtellen wandte ſich zur völligen 
Abneigung, al3 das einzige wirklich) mit Wien verbindende, mehr gefühlgmäßig ala 
ſtaatsrechtlich zu wertende Gemeinjame, der Kaifer, wegfiel. Manchen mag c3 
gewundert haben, daß gerade bei den „Laifertreuen” Tirolern, deren Truppen als 
„Kaiferjäger* und „SKaiferjchüßen” in ganz bejonderem Make Träger des 
monarchiſchen Gedankens des ganzen Volkes zu fein fchienen, diefe Abſage an den 
Staifer fo rafch und fo gründlich erfolgte. Wer aber die Pinche des Volkes Tennt, 
den mwird Der äußere Vorgang meniger überrafcht haben. Das enge Band, dag 
zwiſchen Tirol und den Kaiſerhaus beftand, war an zwei Namen gelnüpft, die dem 
ganzen Volke wirklich teuer waren: Kaiſer Franz I., unter dem Andreas Hofer den 
Heldentampf des Volles im Jahre 1809 führte, und Kaifer Franz Joſef I Für 
ten alten Staifer herrjchte wirklich Verehrung, Anhänglichkeit und Liebe im ganzen 
Volke. Kaifer Karl hatte es nicht verjtanden, fie fi) zu erwerben unb dag, mas 
das Volk in der kurzen Zeit jeiner Regierung von ihm zu hören befam, war nicht 
geeignet, ihm die Herzen eines fo ſchwer zu geminnenden Volkes, wie e8 die Tiroler 
find, zuzuführen. Er war dem Volle fremd, als er zur Herrfchaft kam, und fuhr 
al3 Fremder dur) Innsbruck in die Schweiz. 

Noch etwas entzog dem letten Kaiſer von Öfterreich die Anhänglichkeit der 
Ziroler: Mit feinem Namen war der Berluft Süb- Tirol, die Zerreißung 
de3 Landes verbunden, feiner Politik mußte das Volk die Schuld beimeljen, daß 
es zum politifchen und wirtjchaftlihen Tode verurteilt fheint. Wer mit dem Unglüd 
des Landes belaftet erjcheint, der fanrı niemals Kaifer von Oſterreich und ala folcher 
Landesfürſt von Tirol fein: das eigene Heine, arme, — und von jedem Tiroler 
ſo heißgeliebte Heimatland ſteht über allem! 

Und dies iſt der Kern der Tiroler Frage im Rahmen des großdeutſchen Pro— 
grammes. Nach Wochen und Monaten des inneren Ringens und Schwankens 
zwiſchen den Anhängern der habsburgiſchen Richtung, der Selbſtändigkeitsvertreter 
und der Großdeutſchen hat ſich die Erkenntnis Bahn gebrochen, daß nur ein Zus 
jammenfchluß Tirols mit dem Deutfchen Reiche fichere Gewähr für die Rückgewinnung 
Süd-Tirols bis Salurn und damit Wiederherftelung der Landeseinheit biete. 
Heute glaubt nıan bis in die entfernteften Täler und big an den Rand der Gletſcher 
daran, daß nur das Deutfche Neich imftande ift, ung Süd-Tirol miederzugeben. 
Daraus ift auch die einmütige Zuftimmung des ganzen Landes zu allen Anſchluß— 
erflärungen des Landtages, einzelner Gemeinden und Körperjchaften abzuleiten. 
Die wirtfchaftliche Not ift nicht die Triebfeder des Anfchlußmillens, der nationale 
Gedanke allein hätte bei einem Volle, das das Deutſchſein ala eine Selbitver- 
jtändlichleit dorausfett, nicht jene Werbefraft, wie vielleicht in anderen Teilen 
unſeres Volkskörpers: die tiefinnerfte bange Sorge um die Heimat ala folche ift 
der Leitgedanfe für den Anjchlußmwillen. Das miljen die Feinde des Deutſchtums 
jehr genau. Daher arbeiten habsburgifche und mit ihnen franzöfifche Agenten neuer: 
dings mit befonderem Eifer daran, dem Tiroler Volk begreiflic) zu machen, daß es 
auj andere Weife feine Einheit wieder erlangen Tönne, als Durch das gemeinjame 
deutſche Vaterland. Deshalb wurde von diefen reifen die Unterredung, die Reichs— 
minifter Köfter dem Berliner Vertreter des Innsbrucker „Alpenland“ gewährte, 
jofort dahin zergliedert, ob fie über Eüd-Tirol etwas enthalte, und als dies nicht 
der Fall war, ala nterefjelofigfeit des Deutſchen Reiches an Tirols Herzensfrage 


56 Zur Beurteilung der ruſſiſchen Religioſität 
gedeutet. Deshalb verlangen die Freunde des großdeutichen Gedankens in Tirol, 
daß die Neichgregierung bei ihren Verhandlungen mit Italien, jobald fiegebend 
it, die Nücgabe Süd-Tirols ala Gegenwert fordere. Italien ijt mit dem Raub 
des Gebietes von Deutih-Süd-Tirol, den es auf Anraten einzelner Chaupinijten 
verübte, nicht glücklich und wird froh fein, ihn auf anjtändige Weije, d. 5. gegen 
entjprechende. Kompenjationen wieder herauszugeben. Dieje Kompenfationen darf 
im großdeutjchen Sinne nur das Deutjche Weich geben, niemal® aber 
Frankreich, ſonſt fehlt dem Neihe die verläßliche, ſichere Brüde, Die 
von der deutjchen zur italienifchen Kultur führt, und feindlicher Einfluß jchafft 
weiter einen Fremdkörper zwifchen dem deutſchen Wolfe und dem italienifchen und 
verhindert durch ein neues Sfterreich die dauernde friedliche und freundjchaftliche 
Kachbarichaft der beiden Nationen. 

Hier handelt es fih um ein Polititum allererften Ranges, um eine deutjche 
Kulturfrage und um das diplomatifhe Geſchick. Großdeutjchland muß Tirol um: 
faſſen — aber Tirol3 Grenze muß Salurn und darf nicht der Brenner fein. Und 
daß ſich das Reich bemüht, tatfächlich diefen Erfolg gegenüber der italienijchen 
Chaupiniftenpartei zu erringen, daß Tirol erfennt und erfährt, wie richtig und 
[ug fein Vertrauen auf des Neiches Hilfe war, daß aber andererjeit3 dem deutjchen 
Volkskörper ein wertvoller und gejunder Teil neu angefügt werde, das ijt der Kern— 
punkt der Tiroler Frage. 





Sur Beurteilung der ruſſiſchen Religioſität 
Don Hans Beinrih Schaeder 


BELEGEN ie Betrachtung der ruffiichen Religiofität hat über das objektive, 
Pa 4 geiitesgejchichtliche Intereſſe hinaus eine unmittelbare Bedeutung für 
a N uns: einerlei, ob wir ihre Inhalte bejahend annehmen können oder 

> )): verwerfen müſſen, — da Sich in ihren Trägern in nahezu vollfonmener 
Dr ei) Ungebrochenheit und Unabgelenttheit entfaltet hat, jo gejtattet fie, ja 

Derpflichtet lie andere, den Gewohnheiten und Forderungen des alltäglichen Lebens 

angeglichene Formen der Frömmigkeit, ſich vor ihr zu rechtfertigen, der eigenen 

Zauheit und Bequemlichkeit angefichts ihres unbeugjamen, eifernden Bemühen 

um das Eine, das not tut, inne zu werden. Denn was wird in der Gegen: 

wart bei uns nicht alles als Religion bezeichnet! Da religiöfe Sehn— 
jucht bei vielen Tauſenden deutlich ift, fo verfäumt kaum eine Macht des 
politijchen, fozialen, kulturellen Lebens an die Religiofität derer, die fie an fich 
aiehen will, zu appellieren. Nirgends fo jehr vielleicht wie in der gegempärtigen 







Zur Beurteilung der ruſſiſchen Religioſität 57 
Kunſt wird mit dem Begriff der Religion Unfug getrieben. Da die innerſte Trieb— 
kraft der wenigen ſchöpferiſchen Geiſter in ihr zweifellos eine religiöſe iſt, — aber 
davon ſpricht man nicht, Dante, Rembrandt und Bach haben die religiöſen Urſprünge 
ihres Kunſtſchaffens nicht beſchwatzt — ſo nimmt ſich nun das Heer der Nachläufer, 
Snobs und Konjunkturausnutzer das Recht, alle Unklarheit und Faulheit, alles 
Kichtlönnen und Steckenbleiben, jede Verirrung und Schändlichkeit als aus der 
Tiefe religiöſen Empfindens entſprungen zu verteidigen. 

Auf dieſem Blatte ſteht auch die religiöſe Beurteilung des gegenwärtigen 
Sozialismus. Die ganz Feinen haben herausgebracht, daß der Sozialismus, wie er 
tor unfer aller Augen ifl, der bis ver kurzem feine erbitterte Feindſchaſt gegen 
Religion und Chriftentum mit der (miderlich formulierten) Parole, Religion fei 
Privatfache, zu verharmlofen ſuchte, — daß dieſer felbe Sozialismus jelber Religion 
fei. Mag man nun immerhin in den urfprünglidden Konzeptionen von Marx 
Elemente finden, die an eigentümlihe Spannungsverhültniffe uud Inhalte der 
jüdifchen Weligiofität erinnern, die aber ficherlih durch Hegeliche Logik und Die 
Gedanken des franzöfiihen Anarchofozialismus völlig überdedt find, fo fteht doc) 
obne allen Zweifel und ohne alle Dizkuffion Dies feit, daß der Sozialismus bon 
heute, der Gozialiamus der Parteien und Gewerkſchaften, mag er regieren oder in 
Der Oppofition fiehen, mit Religion fo wenig zu tun hat wie mit irgendeiner anderen 
Form des Geiſtes. So fteht feit, Daß die „Gläubigen“ diejeg Sozialismus dem 
unbeiligften aller PBhantcme anhängen, daß diejenigen, die dDiejes Phantom mit dem 
geiftigen Gehalt der Toljtoifchen Lehren oder den religiöfen Impulſen der Bauern- 
und Huffitenkriege oder gar des Urchriſtentums, in unerhörter Verfälſchung feines 
geichichtlichen Bildes, zu jpeifen trachten, gerade an dem Geiſte jich verfündigen, dejjen 
unverrüdbares und fortwirfendes Dafein ihre Eriftenz, ihr Tun fchlechthin aufhebt 
und vor allen kommenden Gefchlechtern richtet. 

Aus zwei Hauptantrieben ift dag weithin bemerfbare Intereſſe für die rufliiche 
Neligiofität in Deutjchland zu erklären: einmal aus der gewaltigen Wirkung, den 
die Perjönlichleiten und das Werk der großen rufliihen Dichter des letzten Jahr: 
hundert? in Deutjchland hervorgerufen haben, — eine Wirkung, die fortwährend, 
befonder3 in der jungen Generation, zunimmt und deren tiefite Urſache einjtinunig 
in der religiöfen, da3 ganze Leben und Schaffen beitimmenden Grundhaltung dieſer 
Männer erlannt wird. Ferner in der nachgerade zum Gemeinplak gewordenen 
religiöfen Beftimmtheit des ruffiichen Bolfchemismus. Bon diefer letteren foll hier 
nicht die Rede fein; eindeutige Belundungen liegen von ihr, foweit erjichtlich, nicht 
vor, vielmehr jcheinen die geiltigen Grundlagen des Boljchemismus eher einc 
Negation als eine Erneuerung der ruffiichen Frömmigkeit zu bedeuten; und jedenfalls 
wird hier genau mie bei una zwiſchen der ſchlechthin unreligiöjen, ſtkeptiſch-nihiliſti— 
fhen Gefinnung der Führer und der irregeleiteten Sehnſucht der Geführten zu 
ſcheiden fein. 

Eine Grundlage für die Beurteilung diefes Sachverhalts ijt nur in der erſt— 
genannten Richtung zu gewinnen. Die Frömmigkeit der großen ruſſiſchen Dichter 
muß in ihrer Eigenart und ihrer gefhichtlihen Stellung verjtanden werden, ehe die 
Ipäteren Geftaltungen betrachtet werden können. Jene Dichter gewähren ung einen 
unmitlelbaren Einblick in den Aufbau religiöjer Perjönlichkeiten, die dank den 
befonderen Bedingungen der ruffiichen Geijtesgejchichte in einem ganz anderen Zinne 


58 Aur Beurteilung der ruififchen Neligiofität 





tem Ganzen des Volkes, mit feinen Leiden und Sehnfüchten, eingegliedert bleiben, 
als das im Weiten irgend möglich iſt. Die die Schlichtheit des religiöjfen Erlebens 
mit hellfeherifcher Erfaffung der unabjehbaren Kompliziertheit de3 feeliichen Lebens 
zufammenfchließen, und denen zum Ausdrud des Erlebten eine künſtleriſche Meiſter— 
ichaft zu Gebote fteht, die die ruflifche über alle anderen Literaturen des 19. Jahr: 
Hundert3 hinaushebt. 

Und dennod) findet man bei denen, die am ftärkiten von dem Merle Gogols 
oder Doſtojewskis ergriffen find, und gerade bei ihnen, eine vollfommene Unfähigleit, 
ihre Ergriffenheit zu begründen und anderen verftändlich zu machen. Sie ver- 
mögen nur zu fagen, daß der geivonnene Eindrud in die tiefiten Tiefen ihrer Er— 
lebnisfähigfeit hineinreiche, fie mit Bildern und ftärfften Gefühlen gänzlich erfülle, 
— daß er aber jeder begrifflichen Wiedergabe fpotte. Die Abgefchloffenheit und innere 
ErfülltHeit der Toten Seelen oder der Brüder Karamafom fei eine fo vollitändige, 
daß man feine Einzelheiten aus ihnen löſen und fie mit unferen Worten aus— 
Iprechen fünne. Und dazu fomme die völlige Andersheit und Fremdheit Des 
ruffifchen Geiftes dem unferen gegenüber, Die beſonders alle die vielen behindere, 
die von ihm mächtig angezogen merden, aber nicht in Rußland gelebt haben, noch 
der ruſſiſchen Sprache mädjtig find. 

So müffen wir nad) Führern fuchen, nad) Menfchen, die Ruffen geblieben find 
und doch unfere Sprache zu reden verftehen. Die anderen, die Weitler gervorden 
find, können ung nicht helfen: Turgenjews franzöjelnde Eitelkeit, Solowjews ver— 
jtiegene Metaphyſik belaften una, anftatt ung zu fördern. Uns liegt zunächſt daran, 
in das religiöfe Wefen Nilolat Gogols Einficht zu gewinnen; denn er hat eine 
neue Epoche der ruflifhen Literatur beraufgeführt, wie Doſtojewski durch Die 
befannten Worte bezeugt, die er im Hinblid auf Gogols größte Novelle fagte: „Wir 
alle kommen aus dem ‚Mantel‘.”“ ALS berufener Führer bietet ſich uns Dmitri 
Mereſchkowski, deflen zu wenig beacdhtetes Buch „Gogol, fein Wert, fein Leben 
und feine Religion” bereit3 vor neun Fahren in deutfcher Sprache erfchien (bei 
Georg Müller, München und Zeipzig). 

Mereſchkowski gibt weder Biographie noch literarifche Darſtellung, e3 liegt ihm 
(ediglih daran, au8 dem Ganzen des Gogolihen Schaffen? die eine eindeutige 
Tendenz, die dies ganze Schaffen durchdringt, herauszuſtellen. Und diefe Tendenz 
ift eine religiöfe, und zwar zunädjit in einem mefentlich negativen, kämpferiſchen 
inne: das heibt, Gogols Wille ift es nicht fo jehr, die Heiligkeit und Liebe Gottes 
zu befunden, al@ vielmehr den Kampf gegen das Widergöttliche, gegen den Teufel 
und alle Geitalten, die er annimmt, zu führen. Und das befondere, ganz cigen- 
tümliche Kampfmittel, da3 Gogol gegen den Teufel anmendet, iſt das Laden. 
„Mein ganzes Streben geht dahin, daß jedermann, der meine Werke gelejen bat, 
nach Herzensluft über den Teufel lachen kann.” Wo findet man den Teufel, welche 
Masken muß man abreißen, um ihn zu finden? Er erfcheint nicht mehr in der under 
fennbaren, furchtbaren Geftalt, in der er den Anachoreten der früheren Chriftenheit 
erichien, — und doch iſt er überall. Denn er iſt nicht? anderes als die „unjterbliche 
ewig menfchliche Gemeinheit und Plattheit”, dag ewig Mittelmäßige und Durch— 
Ichnittlihe, der Laue und Opportunift, — oder, um ihn in der Geftalt zu 
nennen, die er unter una am liebften annimmt: der „Taktiker“. Ber Taftifer, das 
ift derjenige, der da Leben in Politik verwandelt, in eine Politik, die nicht 


Zur Beurteilung der ruffifchen Neligiofität 59 








ſchöpferiſch, ſondern mächlerijch iſt, der weder Stolz noch Temut Tennt, fondern 
nur Schikane oder Unterwürfigfeit, der nicht der Ewigkeit dient, jondern dem Tage, 
der ale Welt überliftet und fich jelbft betrügt, der überall am Werfe und 
Doc) nirgends zu jtellen il. Tiefer Teufel ijt nicht jchredlich, jondern ganz 
gewöhnlih, er ift nicht mild und heftig, fondern ftelt fih auf den 
Boden der nüchternen Tatſachen. Dabei ift er phantaftifch und gefühlvoll oder, 
genauer gejagt, in feinem Borjtellen, Denken und Handeln verlogen, verlogen bis 
in die legte Geſte und in dag flüchtigfte Wort. Und in diefer Verlogenheit offenbart 
fich die ganze Nichtigkeit, die dämoniſche Leere und Fürchterlichkeit feines Dafeinz, 
— mer ihn fieht, und mit der künſtleriſchen Sehſchärfe Gogols fieht, der müßte 
eritarren, bejäße er nicht, als ein Gefchent Gottes, das befreiende Lachen. 

Man verſteht nun die beiden Pole, zwiſchen denen die Welten der beiden 
Hauptwerke Gogol3, des Reviſors und der Toten Eeelen, fich bewegen. Die in 
ihrem Mittelpuntte ftehenden beiden Hauptperfonen find niemand ſonſt als der 
Teufel felbit, der die Welt Gottes durch feine Mittelmäßigkeit und feine Werlogenheit 
zeritören will. Und das eine Ziel, zu dem er die Welt: hinführt, ift das maßlofe, 
lähmende Grauen, das wir in unglaublicher Höchitfteigerung in der pantomimijchen 
Schlußſzene des Reviſors erleben, — da3 andere ift das große Gelächter, in dem 
beite Werke untergehen, und das Gogol ein andermal und unter anderem Betracht 
„das große Gelächter des ruflifhen Gewiſſens über den ruffiichen Staat“ genannt 
hat. Mit diefem Lachen fämpft Gogol gegen den Teufel, — fein Kampf ift noch der 
unjere, diejelben Dämonen, die er zum erftenmal offenbar gemacht hat, und gegen 
die dann Doſtojewski fein Leben lang fämpfte, bedrohen ung noch in jeder Stunde; 
aber wir dürfen fie nicyt mehr auslachen, wir müjlen andere Waffen ſuchen, — 
und auch diefe neue Waffen finden mir bei Gogol. 

In Gogols weiterem Schaffen tritt ein pofitives religiöfes Streben immer 
ftärfer hervor. Sein äußerer Ausdrud ift der „Briefmechjel mit den Freunden“. 
Meifterhaft verfteht es Mereſchkowskti, dem tiefes Nacherleben des Religiöſen und 
Menſchlichen, Icharfjinnige äftbetifche Auffaffung und Kritik und ein literarischer 
Ausdruck von feltener fuggeftiver Kraft eigen find, den Kampf um dies Buch zu 
Ihildern, in deſſen Verlauf alle anderen den Tichter aufgaben, bis er ſich jelber 
aufgab. Im ihm wiederholte fi) in der Tiefe feines Weſens der Zwieſpalt zwiſchen 
Geiſt und Fleiſch, zwiſchen einem Chriftentum des Weltverzichtes, der Askeſe und 
firchlichen Gebundenheit und einem „Heidentum“ der naiven, vollen Weltfreude, 
der Hingabe an alle Fülle und Buntheit des Lebens, ohne Beichränfung und 
Verzicht, jedem Verlangen und Sehnen nachgebend, einem Heidentum, wie e3 den 
Dichter befonders in der Zeit feines römischen Aufenthalts beherrichte. Sein Leben 
verzehrte fih in diefem Zwieſpalt. Die Bindung an feinen Beichtvater, einen 
itrengen Vertreter griechifchorthodorer Weltflüchtigkeit, Half ihm nicht, jondern 
trieb ihn bis zur Selbftzerftörung in freimilligem Hungertod und geiftiger Um— 
nahtung; und noch in dem letten Schrei des Sterbenden: „Eine Leiter! bring 
ichneller eine Leiter her!” hallt dieſer Kampf wider, — aber Mereſchkowski kann auf 
eine Stelle des Briefmechfeld verweifen, in der der Kampf ausgefochten und die 
Überwindung nahegerüdt ift: „Gott weiß eg, vielleicht wird fchon um dieſes einzigen 
Wunſches willen eine Leiter vom Himmel herabfallen und fi una eine Hand ent- 
gegenftreden, die una hilft auf ihr emporzuflimmen.“ 


60 Die Liquidation der deutfihen Intereffen in Schantung 





Denn in der Leidenschaft und den Qualen dieſes Kampfes gibt es einige Aug 
blicle, die ung meiter helfen und uns vor dem Untergang, dem der Dichter nicht 
entging, bewahren. Ein folcher Ausblid ift der Gedanke einer neuen rujjijchen 
Kritik (S. 138), die nicht? gemein hat mit der mefteuropäifchen Kritik, fondern 
„ein ewiges und univerſales religiöfes Berwußtfein, einen notwendigen Übergang ton 
der dichterifchen Kontemplation zu einer religiöfen Handlung, von Wort zu Tat 
darftellt*. Und dazu tritt der Gedanke einer neuen Kirche, die die Form für das 
neue Chriftentum, in dem Geiſt und Fleiſch eins find, jchaffen fol. „Diefe Kirche 
bietet Raum nicht nur dem Herzen und der Seele des Menfchen, jondern aud) 
feiner Vernunft in ihren höchften und ſtärkſten Außerungen. Sie ift der Weg und 
das Mittel, um alle Kräfte und Regungen des Menfchen zu einer einzigen bar= 
monifchen Hymne zu vereinigen.” Wer erwartet dieſe Verkündung aus dem 
Diunde eines Ruffen! 

Hier weicht der Krampf und die Verzweiflung, die Schatten der Schuld und 
Hofinungslofigkeit werben von der Gnade des fommenden Reiches überftrahlt, und 
Die angitvollen Gebete und Schreie weichen der demütigen Mahnung, die des 
Dichters letztes Wort an die Seinen und an uns it, Die fein Leben und jein 
Lebenswerk zufammenfaßt und uns zu Vermwaltern feines Erbes beruft: „Seid feine 
toten, fondern lebendige Seelen. Es gibt feine andere Türe als die, die uns 


Chriſtus gezeigt bat.” 


Die Liquidation der deutfchen Intereffen in Schantung 


Don Waldemar Dollerthun 


u a 18 in der Deutihland pernichtenden AR ae des Krieges ber 
—AVorhang hinter dem erſten Alt „Zfingtau“ fiel, ahnten die wenigften 
IA daheim, um was e8 mit diefem Stleinod deutjcher Solonifation im 

NT @ Eu Oſten ging, Es war ja nicht nur dieſes kleine Inſelchen 
Bin dem Meer deutjcher Interefien in Oftafien, dieſes Mufterlager 

deutfcher Kultur, deutfcher Induftrie, deutſcher Volkswirtſchaft, das 
man uns raubte. Zfingtau war auf dem Wege, ein Ausſtrahlungspunkt aller 
unferer wirtichaftlihen Beziehungen mit dem oftafiatifhen Koloß zu werben. 

Und wenn deutihe Handeläfreife in China, oft nicht ohne Unterftügung furz- 

fihtiger Reichſsvertreter, hie und da fi) geflifientlich diefer Erkenntnis verſchloſſen, 

ſo hatte ein gutes Teil Schuld daran der hiſtoriſche Entwidlungsfaden des nach 

Überfee ftrebenden Deutihland. Biel auch trug zu dieſer beflagensiwerten Kurz- 

fihtigfeit die dem Deutichen eigene Eigenbrödelei und die Scheeljucht bei, mit 

der jeder nur fein Meines Eigeninterejie jah, ohne da8 Ganze ing Auge zu faflen. 
Es bat deutiche Kaufleute in Schanghai gegeben, die noch nicht lange vor 
dem Weltkriege emphatiſch den Gedanken vertraten: „Was foll ung die deutiche 

Kriegsflagge hier im Oſten, wo doch alle englifch orientiert ift? Wir Haben 

unter engliſchem Handelöproteltorat befiere Geſchäfte gemacht als jet unter eng- 

liſchem Mißtrauen. Bleibt und mit euren Gernegroßideen vom Leibel“ Daß 
war noch damals fo, als der erfte Iltis am Schantung-Vorgebirge fcheiterte. Es 
fam noch 1910, wenn aud) leifer und verblaßter, zum Ausdrud, ald ſchon ein 
kun? Kreuzergeſchwader die Parität deutiher mit den engliſchen Intereſſen 

n den chineſiſchen Gewäſſern verjinnbilblichte. 

Deutihland hatte fih im SKiauffhou-Vertrag 1898 erhebliche Gerechifame 
gefihert. Außer dem Schusßgebiet von über 500 Quadratkilometer Bodenfläche 
war ihm als deutſches HoheitSgebiet die Bahnlinie nad) Tſinanfu, der Hauptitadt 






Die Liquidation der deutfchen Intereffen in Schantung 61 


nebft einem einige 20 Kilometer breiten Streifen rechts und links 
der Bahnlinie zugebilligt worden. Die Bergbaugerehtfame innerhalb diefer Zone 
gingen auf Deutjchland über. Außerdem Hatten fi die Chinejen verpflichtet, 
zwei Bahnlinien, deren Traſſen noch näher zu beftimmen blieben, zur weiteren 
Erihliegung Schantung3 zu bauen. 

Der Vertrag, der weit davon entfernt war, imperialiftiichen Eroberungs⸗ 

ielen des Deuticen Reiches zu dienen, vielmehr lediglich ein abgerundetes 

irtſchaftsprogramm enthielt, um China kulturell und handelspolitiſch näher zu 
tommen durch die Eingangdpforte Zfingtau, wurde nicht nur von den Chinefen, 
fondern vor allem aud) von den anderen fremden Mächten mit Außerftem Diß- 
trauen aufgenommen. Man hatte plöglich allenthalben vergefien, daß es England 
in Hongkong, Frankreich mit — ſüdchineſiſchen Beſitzungen ebenſo, wenn nicht 
noch viel prononzierter, nach der imperialiftiſchen Seite Hin, gemacht hatte. 

Erft das erſte Jahrzehnt dieſes Jahrhunderts follte zeigen, wie ehrlich e8 
Deutichland, im Gegenſatz zu anderen fremden Mächten, mit China meinte. Der 
territoriale Einbruch Rußlands in China, die Befikergreifung der Mandſchurei 
und Koreas durch Sapan find noch zu lebhaft in aller Erinnerung, als daß e8 
weiterer Erörterungen darüber bedürfte.. Was fi) der öffentlihen Kenntnis ent- 
Ich ift die Haltung Deutfchlands während diejer tollmätigen Sagd um chineſiſchen 
Bert. Hätte das Deutſche Reich mit feinem Tjingtau-Unternehmen andere als 
fulturelle und tommerzielle Ziele verfolgt, fo Hätte es während dieſes eriten 
Dezenniumß reichlich Gelegenheit gehabt, fi) die Einflußfphäre Schantung nad) 
dem WMufter Japans in der Mandfchurei zu fihern. Lodend trat der Verſucher 
oft heran. Die Aufteilung des Himmliſchen Reiches in Interefieniphären wurde 
von Sapan und England wiederholt ernftlich diskutiert. Immer ftand Deutid- 
land unverrüdbar feft auf feinem Standpunft Seite an Seite mit Amerifa. Die 
Bolitit der offenen Tür war und blieb feine Deviſe bis zum Weltkrieg. Sie wäre 
als klare Richtlinie trog aller fonft fo verihmommenen deutichen Politik im fernen 
Often auch weiter beibehalten worden, denn Deutichland Halte dag größte Inter⸗ 
efie an einem integren China. Und ließ ſich diefe Politif der offenen Tür nicht 
ausgezeichnet vereinigen mit einer wirtichaftliden Erfchliegung Schantung$, bei 
der deutjcher Unternehmungsgeiſt und deutſches Kapital den arbeitfamen, genüg- 
famen Chinefen den Elan geben jollte in einer abgejehen von den unterirdiihen 
Schätzen armen Provinz? 

Nun, der Weltkrieg bat wie durch alle deutfchen Interefien im Auslande aud) 
Bier einen diden Strich gemacht. Heute ftehen mir vor der Liquidation dieſes 
kofibarſten Reſtes unferer mirtichaftlihen Zukunftspläne in China. Japan hat 
ſich nad) dem Berfailler Vertrag bereit erklärt, unter Anrechnung auf feine Kriegskoſten 
den deuiſchen Privatbelig in Schantung vollwertig abzulöfen. Und es verlohnt 
fi, einen Blid zu werfen auf das, was wir Bingeben müflen an realen Gegen- 
wartöwerten und zukünftigen Entwidlungsmöglidfeiten. 


Die über 400 Kilometer Iange Schantungbahn nah Zfinanfu mar ur- 
ſprünglich mit, wenn ih nit irre, 54 Millionen Mark Altienfapital gebaut 
worden. Ihre Trafje verläuft durch den fohle- und erzreichiten Teil der Provinz. 
Entgegen der noch Heute nicht ganz überwundenen Annahme.der Japaner bat 
fih das Deutfhe Reich mit feinem Pfennig an dem Bahnbau wie an allen 
wirtihaftlihen Unternehmungen in Schantung beteiligt. Japan erlebte in dieſem 
Punkte die erfte große Enitäufchung feines Zfingtauabenteuerd. Weil es felbft 
alle feine großen Kolonialunternehmungen ſtaatlich unterftügt, um ihnen in Zeiten 
wirifchaftliher Depreilion neuen Odem einflößen zu können und fremdländilche 
Konkurrenz nah Möglichkeit durch Unterbieten auszufchalten, nahm es guigläubig 
und als jelbitverftändlich ein ähnliches Verfahren aud) bei Deutichland an. Dem 
glüdlihden Umftand aber, daß alle deutichen Unternehmungen in Schantun 
reiner Privatbefitz find, ift die volle Ablöfung der Werte zu danken, zu der fi 
Japan heute bereit findet. 


62 Die Liquidation der deutfchen Intereffen in Schantung 


Mit der Sertigftelung der Eifenbafn war aud) die Schantung-Bergbau- 
geſellſchaft mit nit ganz 10 Millionen Mark Altienfapital ing Leben gerufen 
worden. Im Berwaltungsperfonal in Berlin mit der Eiſenbahngeſellſchaft liiert, 
bildete fie doch zunächſt ein felbftändiges Unternehmen, da8 leider infolge mander 
Mißgriffe in der bergwerklichen Erfchliegung lange Zeit zum Siechtum verurteilt 
blieb. Den Koble- und Eifenerzreihtum der Provinz Hatte ſchon der Geograph 
Nichthofen in feinem meifterlihen Werke in ausführlichen Darlegungen geichildert 
und die Hauptorte in genialer Intuition bezeichnet. Da es ſich nad Yertig- 
ftelung der Bahn zunädft aber um fchnelle Schaffung von Einnahmequellen 


bandelte, jo kam vorberband nur Kohle für den Abbau in Trage. Und Bier 


hatte man in der Wahl des Feldes, da8 man auerft abbauen wollte, fehlgegriffen. 
Die Kohlefelder von Fangtſe erſchienen auf den eıften Blid zwar vielveriprechend, 
erwielen fi) aber bei weiterem Abbau als eitel Blendwerk. Das Geftein zeigte ftarfe 
eruptive Berfegungen, die Kohle war minderwertig und fo galig, daß häufiger 
chlagende Wetter den Betrieb gefährdeten. Erſt nahdem man Bier in Fangtſe 
ehr koſtſpielige Förderanlagen und Wohnftätten für da8 Perſonal geichaffen 
batte, fah man den Irrtum ein, und es iſt vor allem dem überaus tüchtigen 
Bergwerksdirektor Brücher zu verbanten gewejen, daß man jpät, wenn aud 
nicht zu ſpät, die weitere Erfhließung Fangtſes ganz aufgab. | 

Nah) Mberwindung zäher Widerflände drang Brüder mit feinem Vorſchlag 
fhlieglih durch, die Sungfhan-Zelder im Poichangebiet auszubeuten. Brücher 
Batte bier dur) Bohrungen die außerordentliche Reihhaltigfeit und Güte de8 
Kohlevorfommens ſchon früdzeitig feitgeftellt und feine Geſellſchaft immer wieder, 
wenn auch lange Zeit vergeblih, darauf Hingewiejen, daß Fangtſe ein tot« 

eborene8 Kind Bi und daß die Morgenröte des Unternehmens bier in Sung- 
an läge, das ſchleunigſt erfchloffen werben müßte. 

Aber noch ein anderer Umftand führte zu dem langen Darben der Berg- 
baugefelfhaft. Die Fangtſekohle war durch ihre Langflammigkeit als Schiffs⸗ 
kohle und damit für den Export und für unſere Kriegsſchiffe nicht nur ungeeignet; 
fie war auch zu teuer. Und diefe unverhältnigmäßig Hohen Koften wurden troß 
. ber jehr geringen chineſiſchen Arbeitslöhne in erfter Linie durch) ben 180 Kilo» 
meter langen Eifenbahntransport nad) dem Hafen Tſingtau erzeugt. Eifenbahn- 
und Bergbaugejellihaft arbeiteten in dieſem Punkte nicht in gemeinſamem 
Interefie, wie es die Entwidlung fo junger, mit einem noch fehr unfidheren 
Abjagmarkt rechnender Unternehmen erforderte. Beide Gejellihaften Hatten das 
natürliche Beitreben, ſchnell das Vertrauen ihrer Altionäre und ber Börſe zu ge- 
winnen. Dabei war aber die Bergbaugeſellſchaft völlig in den Händen ber 
Eiſenbahn mit ihren Kilometertarifen, gewiflermaßen das Ausbeutungsobjeft und 
der Sklave. Wollte fie ihre Kohle nicht nur zu Schleuderpreifen und in unzu- 
reihendem Umfang als Hausbrandlohle an Ort und Stelle abfegen, fondern 
auch erportieren, fo mußte fie den ihr auferlegten Bahntarif zahlen. Diefer war 
aber verhältnismäßig hoch. Beide Unternefmungen krankten jahrelang an einer 
falſchen Organifation und dem Mangel an weitfihtiger, auf die Zukunft be- 
rechneter Arbeit. Ich will damit feine Vorwürfe erheben. Uns mangelte die Er- 
fahrung und vor allem das Vertrauen bes deutſchen Großfapitals in foloniale Unter- 
nehmungen. Die Eiſenbahn Hatte ja zu Anfang auch fehwer zu kämpfen, um 
fih durchzuſetzen. Die Provinz Schantung war arm in landbaulicher Hinſicht. 
Große Gütertranporte famen vor ber erft um 1909,10 vol einfegenden Er- 
ze nit in Frage. 50 Prozent aller bewegten Werte entfielen auf Kohlen. 
Die Zarifpolitit der Eifenbahn war alfo verftändlich, wenn auch kurzfichtig. 

Erit mit dem Auffhließen und vollkommenen Ausbau von Hungſchan, mit 
der Einfiht, was man Hier an wertvollften Kohlenfchägen für alle Zmede, ben 
Export, die Verkokung, den Hausbrand, beſaß, änderte fih die Wirtihaftspolitif 
beider Geſellſchaften. Schließlich wurde auch ber legte Hemmungßreft einer ge- 
ſunden Entwidlung im Sabre 1914 durch Zufion beider Gefellihaften in eine 
gemeinfame Eifenbahn- und Bergbaugefellihaft befeitig. Die Aktien der Berg⸗ 


— ns 
— — 








Die Liquidation der dentſchen Intereſſen in Schantung 63 


baugefelfchaft gingen zu 50 Prozent ihres Wertes in die Hände des gemeinfamen 
Unternehmens über. Die Eiſenbahngeſellſchaft Hatte fi zu diefem Zeitpunkt zu 
impofanter Größe und Wirtichaftsfraft entwidel. Das neue Unternehmen wurde 
mit einigen 60 Millionen Mark Aktienkapital fundiert. 

Den eigentlihen Anftoß zu diefer Verſchmelzung gab aber nicht, oder nicht 
in erfter Linie, das ſchwache Rüdgrat der Bergbaugejellihaft. Werte von unſchätz- 
barer Größe Jagen auf deutfhem Gebiet in den Eifenerafeldern bei Zichantien 
und Zichinlingtihen brach, der Erfchliegung Harrend. Das 300 Kilometer von 
Tſingtau entfernte, 6 Kilometer nördlid) der Schantungbahn gelegene Gebiet um- 
faßt drei Gebirgszüge in einheitlihenm Erzvorkommen, den Fenghuangſchan 
nordöftlich, den Tielhan als Wittelgruppe und den Sypaufchan weſtlich. Ein- 
gehende Unterfuhungen hatten ſchon feit Jahren auf den riefigen, ohne nenn« 
bare Geitehungsfoften realifierbaren Wert diefer Eifenerzlager bingewiefen, aber 
die Eijenbahn- und vor allem die Bergbaugejelichaft fühlten ſich noch nicht ftarf 
genug, um an einen rationellen Abbau im großen zu gehen. Wie follten Die 
Erze verwertet werden? Am bequemiten und rijifolo8 war offenbar ihre Ausfuhr 
an das eifenerzhungrige Japan. Dahingehende Verfuhe im kleinen find ohne 
nennbaren Erfolg gemacht worden. Auch die Einfuhr der Erze nah Deutichland 
ift in den legten Jahren vor der Zufion ernfili diskutiert worden, fie fcheiterte 
an den zu hohen Frachtraten. Es blieb ſchließlich nicht3 anderes übrig, als an 
eine Berhüttung an Ort und Gtelle zu denken. Und in der Zat waren die Bor- 
bedingungen hierfür jo günftig wie überhaupt nur denkbar. Da lagen die Kohlen 
des Hungſchangebietes Dicht neben den Erzen, faun 30 Kilometer von ihnen ent- 
fernt, beide Rohſtoffe unmittelbar an der Bahn. Wo in der ganzen Welt traf 
man ähnlich günftige Berhältnifie an? Die Frage war nur: Würde ein Hütten- 
wert, etwa bei Tſchinlingtſchen, auf die Dauer genügende3 und brauchbares Roh— 
material finden, und würden e8 die Chinefen überhaupt geftatten? Gemiß hatten 
wir nah dem Stiautfchouvertrag das Net, auf unferem Grund und Boden zu 
tun und zu laflen, was wir wollten. Aber inbezug auf die Errichtung eines 
Hüttenwerkes war die Auslegung zweifelhaft, und die Chinefen wiefen denn auch 
bei allen darauf Binzielenden Sondierungen da3 Anfinnen, ein deutſches Hütten- 
werk im Schantungbinterland zu errichten, furgweg ab. Damit ſchien der Eifen- 
bahn- und Bergbaugefellihaft die Sejamtfrage erledigt. Die Idee, den gordilchen 
Knoten zu durdhhauen durch) den Bau eined Eifenwerfes im deutichen Schug- 


. gebiet, fam ihr zunächft zu phantaftiſch vor, um fie ernftlih in Erwägung zu 


ziehen. Wie follte fih bei dem unſicheren Abſatzmarkt ein Eiſenwerk rentieren, 
das inbezug auf Heranihaftung feine Rohmaterials auf einen Bahnjtrang von 
300 Stilometer Länge angemwiejen war? 

Dem Reichdmarineamt ift e8 zu danken, daß die ſachliche Durdprüfung 
diefer Frage im Intereſſe der deutichen Volkswirtſchaft trog des Widerftandeg 
gewifler Induftrieen und des Großfapitald im Winter 1913/14 durdhgefegt 
wurde. Der Generaldireftor der Dillinger Hüttenwerfe, Herr Weinlig, erhielt 
don der Bergbaugejelfhaft den Aufirag, die Frage an Ort und Stelle zu 
ftudieren und ein Gutachten einzureichen. Im Frühjahr 1914 lag dag gefammelte 
Material vor, Herr Weinlig befürwortete emphatiſch den Bau eine Eifenwerfs 
im Schußgebiet. Nun Eonnten fi die beiden interelfierten Geſellſchaften nicht 
medr iräuben. Eine Verſchmelzung zur Sanierung der Bergbaugefelichaft fand 
ftatt, und da8 neue Unternehmen bewilligte 10 Millionen Mark Altienfapital für 
den fofort in Angriff zu nehmenden Bau eines Eiſenwerks in Tſangkou, 18 Kilo- 
meter von Tfingtau entfernt. Ale Maichinen, Hochöfen uſw. wurden fofort iu 
Auftrag gegeben, bie erſten Spatenftiche tat man im Mat, — da fam der Strieg. 

(Ein zweiter Artikel folgt.) 


64 | Reichsipiegel i 


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Reichsſpiegel 


Grauſame Komödie in endloſer Wiederholung. Müßten die Engländer und 
Franzoſen ihr Divide et impera erſt ihrerſeits auf ung anwenden, fie könnten es 
niemal3 fo gut, wie wir felbft ung die Spaltung und ihnen die Herrſchaft beſorgen. 

Seltfam, daß der Feind bei der SKohlenfrage nicht nachgegeben hat. 
Diegmal ſah es doch wirklich fo aus, als ob ganz Deutfchland in der Weigerung 
fih einig märe. 

Sah fo aus, das ift e8 eben. Es ſah zu fehr aus. Die Komödie war zu oft 
Schon abgeſpielt: Weigerungsſchwur, Wütliattrappe daheim, Stimrunzeln bes 
Feindes, Auseinanderfallen und eifriges Sichbefehden der Deutſchen, fchließliche 
Neuvereinigung in Uhterwerfung und Unterfchreiben. 

Die Entente weiß doch, wie es in Deutfchland auzfieht, hat nicht umſonſt in 
den Unabhängigen ihre Partei, Agenten, Ephialtejfe in hellen Haufen. 

Hand aufs Herz, trauten wir felber denn überhaupt, als die Spaaer Szene 
uns plötzlich Parlamentzboffe, Stinne® und Arbeiterführer in Einheitzfaflade 
bengalifch beleuchtete? War e8 nicht zu ſchön, um wahr zu fein? 


Die Entente hätte diesmal beftimmt feinen Einmarſch ind Ruhrgebiet gervagt, 
wenn wir wirklich ehrlich und einmütig zur Weigerung entjchloffen waren. Wäre 
der deutfche Arbeiter ein Diann, fo hätte er den Franzoſeneinmarſch mit dem 
Generalitreit beantwortet und die internationale aufgerufen, wie gegen Ungarn. 
Uber da Hue in Spaa nur etwas in den Bart murmelte (auch er hat die Arbeiter 
nur hinter fich, wenn er hinter den Unabhängigen berläuft), da och erklärt, dag 
der deutjche Arbeiter fich kuſcht, daß er zum Sklaven gejchaffen ift, jo brauchte 
man höchiten® Lebendmittelzüge mitbringen, Futter, Köder, und der Ruhrkuli 
N rufch . unter der Negerpeitfche, wie Die Saar arbeitet, wie Diedenhofen 

Nur weil die Entente wußte, daß der Einmarſch unſere Einheitsfaſſade um- 
würfe, hat fie die Drohung mit dem Cinmarfch riskiert. Sie hat und nicht ernit 
genommen, obwohl wir durch den Streik gerade in dieſem Fall eine Waffe befeflen 
hätten (fiehe Kapp-Putſch, aber der ging nur gegen Deutjche), eine Waffe, um 
einmal dem Feind unjeren Willen zu zeigen, ja ihm unferen Willen endlich einmal 
aufzugmwingen. 


Uber der deutjche Arbeiter zwingt nur deutſchen Kapitaliften feinen Willen 
auf, ruiniert fie und damit fich felbit, befördert Hingegen die maßloſen Sohlen 
forderungen der Feinde und ruiniert damit abermals ſich felbit. 


Die deutjchen Arbeiterverireter, ala fie in Verdacht gerieten, mit Stinnes 
eines Sinnes zu fein, rüdten gleich heftig ab, Dementierten, reisten von Spaa 
weg. Betonten, daß Jie der Entente mehr geben wollten als die deutfchen 
Rapitaliften. 


Schon wird auch Demokratie und Zentrum ſchwach, nun die Sozialdemokratie 
abſchwenkt. Die franzöfifche Preſſe beſchimpft Stinnez, weil er in der Kohlenfrage 
nicht nur Rückgrat, fondern auch Macht befitt. Das follte ganz Deutichland Ver- 
anlaſſung geben, gerade diefen Mann in diefer Frage zu halten. Das Gegenteil 
ift der Fall: Stinnes' innenpolitifche Gegner freuen fich geradezu, am „Matin“ 
einen Bundesgenofjen zu finden. Die „Frankfurter Zeitung“ betont, wie un— 
geeignet Stinnes wäre, er bejäße nicht das Vertrauen des Auslandes und unfere 
Diplomatie operierte nicht fo gejchickt, wie in der Entwaffnungsfrage. Das heißt: 
ihr jollt nachgeben. Solche Zeichen beobachtet die Entente (fie hat es faum mehr 
nötig), läßt och über die Bühne ftampfen, die Deutjchen 24 Stunden in der Ede 
jtehen, und ſchon wird deren Hals lang und länger, ihr Gefang bang und bänger, 
und bald läuft Profeffor Bonn, der Eifrige, der Olige, der überall dabei geweſen 
fein muß, mo es deutjche Unterwerfungen gilt, vermittelt, arrangiert und .... 





Reidhsfpiegel 65 





Wenn man eine folhe Widerſtandskomödie macht, wie wir in Span, in 
Verſailles und mo fonjt noch vorher und nachher, dann muß man es auch wirklich 
auf Biegen und Brechen anfommen laffen. it man nicht vorher ſchon zum Brechen- 
laſſen feſt entichloffen, dann wird man eben gebogen. 


Da der deutiche Charakter jett ein jo vielmal gebogener ijt, jo haben wir in 
der ganzen Welt den Ruf der Unehrlichkeit erhalten. Unfere Komödien find bon 
Ichlechtem Gefchmad, und unjer Sträuben wird nicht erniter genommen wie das 
eines Kindes, bevor e3 die Medizin fchludt. 


Weshalb aber laſſen die fozialdemofratifierten Arbeiter immer als erfte die 
gemeinfame Sache fallen? Weil fie feine Gemeinſamkeit irgendwelcher Art mit 
dem Bürgertum haben tollen, denn das fchwächt Die monomane Energie des Klaſſen— 
fampfes. Ferner, mweil fie national inſtinktlos die Schande nicht ſpüren, und ftatt 
die inneren Händel hinter gejchloffener Außenfront auszufechten, jtet3 mit Hilfe des 
Ausländer gern dem deutjchen „Gegner“, dem „inneren Feind“, ein? ans Bein 
geben, einerlei, ob fie felbft auch darum hinken müſſen. Mit der Einmarfchdrohung 
zwingt uns der Feind nacheinander alles ab. Und zuguterlegt wird er Doch ein- 
marſchieren. Denn nicht bis zur Erfüllung des Verfailler Vertrags, fondern dauernd 
jollen wir ihm zinjen. 


Weshalb aber lernt der ‘Deutfche nie aus der graufamen Erfahrnng feiner 
Geſchichte don geftern, vorgeftern ujw.? Weil ja die Preſſe jo ohne nationale 
Disziplin ift, dag die wirklichen Vorgänge, ihre Urſachen und Wirkungen garnicht 
befannt umd begriffen werden. Einzelne lernen, predigen, leiden, ſchämen fich, 
begreifen das furchtbare Los, in diejer Zeit in diefem Volt geboren zu fein, und 
füßlen das nächſte kommende Unheil voraus wie ein Theumatiiches Bein das Wetter. 
Was Hilfts? Bald fommt die nächſte Repetition der Komödie. Zunächſt Anforderung 
der Entente. Darauf: nicht etwa — eindringliche Vorbereitung der ganzen 
Volkspſyche auf ein einheitliches Ziel des Widerſtandes, ſondern zerſtreutes Weiter⸗ 
leben in innerem Hadern, optimiſtiſches Nichtkennen des Auslandes, Falſchtaxieren 
der engliſchen Intereſſen, furz: Kaninchen, ehe Boa Conſtrictor —— Dann, 
Auge in Auge mit ihr flüchtiges, temperamentloſes Entrüſtungs- und Einigkeits⸗ 
theater. Man wirft ſich in die Bruſt: Diesmal wird beſtimmt nicht bedingungslos 
unterſchrieben. Auf die taktiſchen Kunſtgriffe des Verhandlungsgegners iſt man 
niemals vorbereitet; ſo ſieht man dieſe guten Leute mit den eivandteiten Politikern 
der Entente zuſammentreffen, die die Unſrigen ſelbſt bei gleichen Machtverhältniflen 
in die Tafche fteclen würden. Die Rechte geht mit dem Herzen in den Einigfeits- 
ſchwur hinein, hofft auf Wiedergeburt des Nationaliwilleng, Die Mitte tut e8 anſtands⸗ 
halber (man war aud) patriotijch und hat gezeigt, Daß man nur gezwungen nachgibt), 
die Linke macht taftiich mit, um Macht zu gewinnen und im enticheidenden 
Augenblid der Nation in den Rüden zu fallen. Einzelne glauben fogar, unjere 
Komödie würde in den Feinden Vernunft erweden und Bewunderung, ftatt Ver: 
achtung und Beitichenhiebe. Seiner aber fieht, daß wirklicher a. MWider- 
tandsmwille Macht geweſen wäre. Weil der Eonditionale, umfallende cheinwille 
u nichts führte, glaubt man den Beweis in Händen zu haben, daß „nichts“ 
belfen konnte als Unterwerfung. 


Diesmal alſo hat man noch einmal nachgegeben „weil wider Erwarten 
ich” anderes übrig blieb. Bis zum nächſtenmal wird England aber vernünftig 
wer,n und den Franzoſen ſchon das Handwerk legen.” Mean fieht die engliſche 
iin? grotesk verzerrt nicht von England, jondern von Berlin aus, als ob 
ales ı uns drehte, wie etwa PBergamon oder Alefia die römiſche Politik nicht 
von ‚nora, Sondern bon dort aus anjahen: die Römer müßten doch eigentlich, 
werden doch wohl... 

Mher Englond bat doch früher mit ung Verftändigung gefuht? Jawohl, 
folange wir eliv Tat waren. Heute könnten wir eine Mac nur wieder 
werden durch natur en Geſamtwillen, da der andere Weg, die Maſchinengewehre, 


Grenzboren. 1 1 - 


66 Reichsfpiegel 


uns nicht mehr zu Gebote fteht. Da wir aber diefe Macht nicht zu entwideln 
verstehen, nimmt England an und nur das Intereſſe, unfere Aktiva, Arbeit, 
Erfindungsgabe, alte Anlagen zu jchröpfen, den unintereflanten Reit von uns 
aber der einzigen Feſtlandsgroßmacht Frankreich zu überlaſſen. Gegen dieſe ung 
zu ſchützen, läge nur dann ein Anlaß vor, wenn Frankreich den Engländern 
wieder gefährlich, mindeftens unbequem werden Fünnte. Das dürfte aber niemals 
eintreten. So madjt man uns den Franzoſen zum Geſchenk, immer etwas 
zögernd, lediglich um von den Franzoſen Gegendienfte zu erlangen. Was während 
diefer BZögerungen das corpus vile Deutichland fühlt und dabei hofft, wähnt, 
jubelt — das gute England, es will uns nicht wirklich übel! —, ift feines Nadh- 
denkens wert zwilchen den einzigen aktiven Subjeften bei dieſem Handel, 
Engländern und Franzofen. 


Nur eigene Einigkeit und ein paffiver Refiftenziwille, der den andern 
Ungelegenheiten bereiten Eünnte, würde uns wieder Macht geben. Erſt aber muß 
augenſcheinlich der jozialdemofratifierte deutjche Arbeiter, der dem Feind aus der 
a frigt, fi ganz ruiniert haben, ehe der Einheitswille dämmern kann. 

chrecklich, aber es ift fo. 


Kun, mandjer fieht doch heute fchon Kar? 


Gewiß, aber feit langem muß in Deutichland immer politiſche Vernunft 
bon een der Menge geradezu aufgezwungen werden. Bon jelbjt wird fie 
nie gelebt. Und aufzmwingen kann der innen wie außen ohnmächtige Staat heute 
den Maſſen nur — was die Entente befichlt, aljo da8 Gegenteil von dem, was 
‚er befehlen müßte. 


Deutihe Staatsmänner, die eine ſolche Nation in kritiſchen Augenbliden 
nah außen zu vertreten haben, eine Nation ohne BZuverläffigkeit des Willeng, 
ohne Einheit, feige, immer den Verräter nah zur Hand, ift aufs tiefite zu 
beklagen. Wir wiſſen manden Unterhändler, der an ſich Elar und allen 
handeln könnte, aber im enticheidenden Augenblid, wo er fich ganz auf Einigfeit 
verlaffen mußte, fiel ihm ein Zeil der Nation in den Rüden. Ekel vor dem eigenen 
Bolt erfüllt diefe Männer. Was gibt e8 für einen Staatsmann Dame 
zu erleben, al8 der Verzicht darauf, die eigne Nation achten können K. 


Weltfpiegel 67 


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Weltſpiegel 


Die Ratloſen. Der trotzige Sigambrer aus der Tartarei, Lenin, beginnt 
zu verbrennen, was er angebetet bat, betet das Verbrannte an und fragt blut—⸗ 
wenig danach, ob fich feine Getreueften, die deutjchen Unabhängigen und kommu⸗ 
niſtiſchen Lintshänder, alle Finger dabei verbrennen. „Jede Berwaltungsarbeit 
erfordert Spezialeigenjchaften. an kann Revolutionär und Redner erjten Ranges 
fein, aber ein ganz nichtänugiger Verwalter... Rußland ift ruiniert, der Ruin 
erreicht einen ſolchen Grad, — Kälte, Yunger und allgemeine Not — daß es fo 
nicht weiter gehen Tann.” Folglich muß der Nätegedanfe aus der Verwaltung 
befeitigt und die Diktatur eingeführt werden. Der Rätegedanfe ift e8 ja gemefen, 
der da8 Land zugrunde gerichtet hat. Wie Lenin den Gläubigen die “ ſt 
perſönliche Autokratie, die er aufzurichten gedenkt, ſchmackhaft zu machen verſucht, 
das lieſt ſich ungemein —— „Was hat denn die Frage des kollektiven oder 
perſönlichen Regiments mit der Klaſſenfrage zu tun? .. Gibt ung die engliſche 
Bourgeoiſie nicht Beiſpiele eines Maximums perſönlicher Diktatur unter voller 
Beibehaltung der Macht in den Händen der eigenen Klaſſe?... Wenn ihr an 
das englifche Beiſpiel denkt, dann wird euch die Frage der perſönlichen Verbindung 
befjer als durch noch jo viele abjtrafte Rejolutionen und voreingenommene Theorien 
verjtändlich werden.” 


Ob der dritte allruffiiche Stongreß der Waffertransportarbeiter, denen Lenin 
diefe neue Philofophie vortrug, lange an der zähen Speije gefaut hat, ift ein all- 
ruffiihes Geheimnis geblieben; die Herren, die bei ung noch immer mit ſtolzem 
Teuerblid in Lenin abgetragenen Kleidern berumlaufen, ſchweigen ſich darüber 
aus. Als fie die November-Revolution machten, ift ihnen als einziger feim- 
träftiger Gedanke der eingefallen, daß es bequem jei, den Affen der ruffiichen 
Ummwälzer zu, jpielen. Sie waren zu ungebildet, um zu wiſſen, daß die gejunden 
Grundlagen der Näteidee bei —— Volkswirten, den Rodbertus und 
Hermann Wagener, zu finden ſind, bei Volkswirten allerdings, die nicht ab⸗ 
ſchreiben und übernehmen und deshalb von den firen ei, der National: 
öfonomie nur fehr jelten abgejchrieben worden find. Das geijtig erbarmungslos 
ausgelaugte und unfruchtbar gewordene Deutſchland der wilhelminifchen Epoche 
hat fi, um feinem, Gott weiß wie, zuftande gefommenen Ruf als Bolt der 
Dichter und Denker wenigſtens — gerecht zu werden, verzweifelt auf 
den bolſchewiſtiſchen Rätegedanken geworſen. Im November und Dezember 1918 
wandelte fich jede Berufsichicht, jeder Verein in einen Rat um, allen voran jelbit- 
verſtändlich die Künſtler und Literaten, als die baltlojeften in haltloſer Zeit. 
Und nun ftößt der Ruſſe, der Patentinhaber, den ganzen Sram mit einem ver- 
ächtlichen Fußtritt beifeite. 

Noch fteht dahin, was die Däumig und Cohen-Reuß auf dem nächſten 
deutichen Rãte⸗Kongreß, dem ratlojen Zentralrat, mit fatraler Entflammtbeit weiss 
fagen werden. Ihr revolutionärer Inſtinkt treibt fie Schon deshalb vom alten 
Parlamentarismus fort, weil er die Maffen efelt oder langweilt, reicht aber 
nit aus, um fie den neuen Weg finden zu laffen. Nafe und Auge diefer alt- 
gewordenen Spürhunde taugen längſt nicht mehr. Und jo setläffen fie denn, 
berwirrte Automaten, die Kammer der Arbeit, die fich das Reich ſoeben geichaffen 
bat. Nicht in vollendeter Glätte, denn nicht wie eine Spielerei, geichnitt aus 
Korken, it dies Haus des Wiederaufbaues entitanden. Bittere Jahre — dafür 
jorgt wohl ſchon der Parteiklüngel — werden vertropfen, ehe der alte Rodbertus- 
Gedanke brauchbare Geftalt angenommen haben und die Vertretung der deutjchen 
Arbeit da figen wird, mo jetzt die Fraktionsbonzen und ihre Steifleinenen itzen. 
Dennoch gehört ihr die —— auch in Deutſchland. Schon weil die Kammer der 
Arbeit eine zu einleuchtende Sache iſt, um nicht auch dem Auslande zu gefallen. 
Hat ſie ſich aber dort erſt einmal durchgeſetzt (z. B. bei den Neuſeeländern, 


5* 


68 Offenherzigfeiten 





den Batagoniern, den, Japanern, den Engländern oder gar den’ Ruſſen), dann 
vergeht fein Monat, und fie erfcheint unter den begehrteften Einfuhrartifeln. 
Hinter ihr vielleicht das ftändische Wahlrecht. Es fommt nur darauf an, daß Lenin 
auch in diefer Beziehung bon den Rodbertus⸗Jagetzow und Hermann Wagener lernt. 
—n. 


Offenherzigkeiten 
Ihr habt gewählt. 

Jüngſt war ich im Reichstag. Nicht auf der Tribüne, bon wo aus Die 
Saalarchitektur, Holz, Leder und Dberlicht alles Menſchliche korrigiert und 
ftilifiert. Auch nicht in der Wandelhalle, darin der Wandler von römischer Thermen- 

röße umflutet um Haupteslänge wächſt und als äjthetifcher a ein 
Berichtoimmt. Sondern richtig Drinnen in der menjchlichen Mafje. Es war gerade 
Hammeljprung. Unter der Ja-Tür drängten fich die Unabhängigen um die Probinz- 
theaterdireftorengeftalt Xedebours. Hinmel, wie war es nur möglich, in unſrem 
uten Vaterland ſoviel grämlicdhe Gelichter auf einen Raum zufammenzubringen ? 
elch Auspuff aller ſchlechten Humore: Sollte der alte Tirpit recht haben, went 
er unjern Niedergang vom allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrecht herichreibt ? 
Welche Götzen hat fi das Aoligeräne arme törichte Bolt da aufgeitellt: kaum 
eine Stimm mit freier, ausgeglichener, beherrichter Männlichkeit ift darunter. Eitles 
Halbwiſſen, fanatiſche Leidenſchaft, kleinbürgerlich verftocdtes Philijtertum, ein 
Weltbild, urteilslos und kindhaft geſchaut, ein Wollen aus Neid und unvergorenem 
Streben gemiſcht, in 80 Abwandlungen, als wäre Lionardos Skizzenbuch ver⸗ 
zwickter Charaktere auf einen Satz ins Leben geſprungen, als wäre aus jeweils 
60 000 Deutſchen gerade immer der eine Therſites ausgeleſen. Sein einziges 
harmoniſches Geficht, das man einem römiſches Senator, einem englifhen M. P. 
gegenüberjtellen dürfte zum Wettitreit der Berfönlichteit. Hart geworden in raus 
verfrümmender Arbeit Pen fie freilich aus, und viele fchlecht genährt. Die Leiden 
der al fennen fie, auch deren feeliiche Unraft in den wurzellofen, Tulturlojen 
Großftadtfajernen. Kein Auge blickt ruhig und gütig, die Leiden mit Vernunft 
meifternd und da3 Ganze zum Guten lenkend, ſondern jtechend, verbittert, umt- 
—— von ein paar armen Demagogengedanken. Armut und Arbeit war das 
os der deutſchen Maſſen ſeit dem dreißigjährigen Krieg. Da war keine Zeit, 
Gentlemen von unten herauszubilden. Auch ein Plebejer wie Lloyd George hat 
ſeinen Körper in Golf und Cricket gezähmt und — ſeinen Geiſt im vorurteils⸗ 
freien Umgang mit der alten Herrenſchicht objektiviert. Dieſe deutſchen Tribunen 
ſind auf dem Raſen ebenſo undenkbar wie im len Zwiegeſpräch mit Gebildeteren. 
Denn über fie fam Karl Marr. Willensitraff, jchlagfertig, haßvoll find fie, aber 
dumpf und verbiffen; unfrei die Stimmen durch innere, nicht außere Feſſeln. 
Die jcharfen Stimmen der Zietz, der Zetkin, leidenſchaftsverwitterter 
Xantipyen in Hängekleidchen, füllen den Raum wie beizender Tabaf. Während 
drüben in der behaglich halbdunklen Ede des Zentrums, auf ‚ne Lederſeſſeln, 
kunſtrecht aneinandergerückt, ein oberbayriſcher Gemeindehäuptling in Waden⸗ 
ſtrümpfen ſich ſchnarchend und politiſch leidenſchaftslos von der langen Reiſe 
ausruht. (Nein Mißtrauen zwiſchen uns, aber wirft du nicht, endlich erwachend, 
aus Arger über die Berliner Preife in einen Heimtraum verfallend en 
bon Preußen löfen und irgendwie mit dem Balkan, mit Sranfreich oder England 
verbünden wollen?) Wo ſucht man denn eigentlid;) hier einen Politiker, der 
hlechthin deutſch iſt? Möglich im Reſtaurant. Dort finde ich den gewaltigen 
egien, einen mürrifch, aber fühlgebieterifch blicfenden Volksmann, vor einer Safe 
Wein, wie er den Mobilmachungsplan für ein paar Millionen marriftiih ein- 
geianlter, immer noch und ewig gegen den Staat organifierter Handarbeiter 
berdentt. Sein Haar ift weiß, doch noch nicht alterslicht. 


Offenherzigteiten 69 


Heiliges England, Mutter des Parlaments, du Haft gefiegt, indem du Hinter- 
liftig uns den parlamentariſchen Gedanken verkaufteſt ohne den parlamtentarifchen 
Menfchen, ohne den Gentleman aus dem Volke. an muß das deutiche Volf 
bei der Arbeit aufluchen, will man es lieben und achten. Warum aber, arbeitendes 
deutiches Volk, liebes deutſches Volk, haft du dieſe ausgeloft, eine Verſammlung 
von Königen zu bilden? Lebt nicht in jeder grauen Straße, jeder Fabrik ein 
ehrmwürdiger, weijer, gütiger Veteran der Arbeit, dur) das Leben gebildet, ung 
allen, wenn bervorgezogen, hilfreich, durch ſchlichte Vornehmheit und Inſtinkt für 
das Wahre? Warum wählt ihr den nie, warum muß es jtet3 ein affumuliertes 
Giftſchränkchen fein? | 


Amerifa darf fidy’s leiften. 


3 Bolton, wo man den Wafhingtoner Parlamentarier als Schieber A 
achtet, ſaß ein englilcher Lord in einer Geſellſchaft. „Was find Sie?” fragte ihn 
feine Tiſchdame, die noch nie aus Amerika hinausgelommen war. „Member of 
Parliament.“ „Ooh, .. . and people asks you for dinner . . .?!“ war die 
vorwurfsvolle Antwort, und ihr Stuhl rüdte weiter nach recht. 

Welch ein Mikverftändnis! Immerhin find die amerikanischen Barlamentarier 
jmarte Gejchäftsleute, und umgefehrt darf es ſich ein reiches Boltongirl leiften, 
naiv zu jein. | 

Sihwiedergroßhungern. 

No im Dreißigjährigen Srieg geb e3 faum eine Gafterei Hochmögender, 
bei der man fich nicht überaß und übertrant. ALS dagegen im März 1740 
Friedrich Wilhelms J. Mundkoch jeinem totfranten Herrn eine Schnepfe briet, 
aß der König fie zwar mit Genuß, zwang aber am nädjlten Tag, als er bei der 
eigenhändigen Rerifion der Küchenrechnung auf den Poſten ftieß, den Koch, „das 
ſchlechte u das zuviel Geld koſtet,“ aus eigner Taſche zu bezahlen. Und noch 
Anfang April entwarf der fterbende König eine neue Tafelordnung für fein Haus. 
Nur die Königin dürfe von Silber ejfen, die andern haben zinnerne Teller zu 
haben. Des Mittags dürfen auf die füniglide Tafel kommen „eine gute Suppe, 
zwei andere notabene mohlfeile Efjen, zwei Braten, wovon nur der eine ans 
gefchnitten werden darf, und etwas Gebadenes.” 

Roßbach, EUGEN, Düppel und alle andern Tage der Erlöſung nieder: 
— deutſchen Volksgeiſtes ſind bezahlt worden aus der preußiſchen Spar- 

üchſe. Allerdings haben die Seydlitz, Yorck und Moltke — mit der eigenen 

Perſon bezahlt und vor ihren Taten feine Privatverträge mit dem Staat ab- 
gefchloffen. Hätte der König zum Gewinnen von Roßbach Herm Ulrich Raufcher 
oder Herrn Mayer in Paris engagieren müffen, jo hätte ſein Vater zeitlebens 
aud) auf daS Gebadene verzichten müffen. 


Grenadiers, chassez les avocats! 


Wenn einmal der Füniglihe Mann Fre: (er braucht Feine Majeſtät, ſondern 
fann jogar ein Advofatenfohn fein wie Napoleon), der die Adpofaten zum Teufel 
jagt und aus den Volkstribunen Staatsräte und fonjtige Kapaunen macht, dann 
wird man die Phyfitichulbücher, aus denen zur Zeit alles Monarchiſtiſche entfernt 
wird, wieder umarbeiten und 3. B. im Kapitel Optik einfügen: 
„Kommiffionen haben immer das Nachfehen; Vorausſicht übt nur 
der Diktator.” 

Ahnliches meint wohl die Rheiniſche U.-&. für Braunfohlenbergbau, wenn 
fie in ihrem Jahresbericht über die an fi jo mohltätige, nötige, uneigennügßige, 
nur leider immer hinter den Ereigniffen heranrüdende Zwangswirtſchaft fchreibt: 

„Die Organifationen der Zwangswirtſchaft bauen ihre Entjchließungen auf 
neichehene Ereignilfe auf und find ihrem Weſen nach nicht imftande, mit Voraus⸗ 
fit die deutſche Gefamtwirtichaft zu ihrem Vorteil zu beeinfluffen umd ficher nicht 
einer Gefundung entgegenzuführen.” 


70 Offenherzigfeiten 


Kommilfionen laffen die Verantwortung berdunften und die Initiative ber- 
fauern. Nur der Unternehmer, der das Riſiko hat, entwidelt den Inſtinkt für 
das Kommende und die Entichlußfraft dahin. Ebenjo der wirflide Staatsmann, 
der einzeln handelt. Diktatur allein macht e8 freilich au nit. Das hat Emma 
Goldmann, die Liebliche aus allen ihren Vaterländern ausgewieſene Anardiftin, 
Ichlieglih in Mosfau bei Lenin gelernt. Sie jchreibt: „In den vier Monaten, 
die ich Hier verbradjte, habe ich erkannt, daß nichts Geſundes daran iſt. Jede 
Art der Regierung ift Ichleht (Emma!), aber bei der Wahl zwifchen dem 
Staatsſozialismus oder Staatsfapitalismug — man nenne ed, wie man will — 
und dem individuellen Kapitalismus ziehe ich Doch den lehteren vor.” 

2 Marihall Bruffilom, wann fchaffen Sie die Advofaten-Diktatoren? 

er Schußengel der deutichen Zwietracht behüte uns vor einem Diktator, 
der fein Staatsmann, fondern ein gewalttätiger Ideologe ift! Lieber bleiben wir 
da doch beim bisherigen Syſtem der Ratsherren, die jeden Monat in der Sikung 
feftftellen, welchen Fehler fie im vorigen Mond gemacht haben. Dean jteigt Die 
Ratstreppe hinunter, fühlt, daß man nur Abendeilen und Bettruhe braudjt, um 
morgen ganz bon felbft um einen Tag klüger zu fein. O ©ott, wenn man ftatt 
Natsherr Tatsherr wäre, was hätte man da Gelegenheiten, ſich zu blamieren. 
Am Ende ginge fogar dabei der Schlaf verloren, ohne den nicht einmal Napoleon 
Napoleon wäre, und den ſelbſt die eigentümlicheyorm des Wachichlafs, die man 
Kommiſſionsſitzungen nennt, wenigſtens nachts nicht erſetzen fan. Sibo. 


Unndötig geopfert. 


Da die Beamtenjchaft ſämtlicher Finanzämter bedeutend vermehrt worden ift, 
— annähernd fo Stark wie die der Boft und Eifenbahn — haben auch fie unter 
ermalmenden Leiftungsrüdgang zu klagen. Man hätte annehmen follen, daß 
urch den Ausfall der Einfommenfteuer-Beranlagung für 1920 zahlreiche hoffnungs- 
volle Bureaufräfte, zumal in den ftädtifchen Steuerämtern, frei und von der 
Staatlichen Behörde zur Hilfe herangezogen worden feien — denn warum follen 
ih in der Not nicht alle Volksgenoſſen unterjtügen? Statt deifen erfahren wir, 
daß mit Erträgen aus den feit langen Monaten angenommenen Erzbergerjteuern 
noch nicht zu rechnen ilt. Der fromme Bürger hatte fich fchon wiederholt, ‚halb 
ängftlich, halb dankbar aufatmend, den Kopf darüber zerbrochen, weshalb ihm 
denn Feine Zahlungsaufforderungen ind Haus wehten. Nun teilt ihm der Herr 
Minifter mit, Daß die rajche Häufung und die wachſende Kompliziertheit der neuen 
Steuergeſetze die Verzögerung verfchuldet hätten. Es find eben b, ungeheuer viele 
und jo ungeheuer verwidelte neue Abgaben gejchaffen worden, daß das verziveifelte 
Bureau lieber überhaupt ſchon gar.feine meh: einzieht. Gin Standpunft, der jedem 
mit Arbeit Mberlafteten zu empfehlen ift und der erfriichende Ahnlichkeit mit der 
beliebten Einrichtung hat, das ganze Aktenarchiv in Brand zu ſtecken, jobald die 
Alten dem Üeferenten über den Kopf wachſen. Herr Erzberger ift, vielleicht nicht 
zulegt feiner Gteuerproduftivität twegen, Deutichlands beitgehaßter Mann. 
——— iſt dieſe Produktivität auch ſein höchſtes und unbeſtreitbares Verdienſt. 
ein anderer als er hätte das Werk zu Ende führen können. Hätte er freilich 
geahnt, daß heute aus den Steuern, die er vor Jahresfriſt mit ſaurem Schweiß 
und Halloh gewalttätig durchdrückte, noch keinerlei Ertrag zu verzeichnen iſt, 
daß vielmehr die Notenpreſſe täglich geruhſam weiter 26 Millionen Mark Papier⸗ 
geld herſtellt (genau jo viel etwa, wie täglid an fälligen Steuern verſteckt und 
verjchleppt wird), dann hätte der Mann aus Biberach ſich viel Ärger und 
Teindichaft ſparen können. Dann fäße er noch heut im Amte. 


Die Shraube 


„Wer verteuert da8 Brot?’ fo fragt der Naſſauiſche Landverband und 
berichtet über die abenteuerliche Erhöhung der Drejchkoiten: 

„Der Verband der Naſſauiſchen Dreſchmaſchinenbeſitzer fordert in dieſem 
Sabre für das Ausdreichen des Getreide bei neunjtündiger Arbeitszeit einen 


Offenherzigkeiten 71 


Stundenlohn von 84 Mark (im Vorjahre 15 Mark). Dabei werden von den 
Dreſchmaſchinenbeſitzern nur drei Mann geftegt ſo daß der Bauer noch elf Mann 
ſelbſt einſtellen muß. Verköſtigung hat der Landwirt zu übernehmen. Die Zeit, 
in der die Dreſchmaſchine von einem Gehöft in das andere gebracht wird, gilt 
als Arbeitszeit und iſt dementſprechend zu bezahlen. Danach ergeben ſich für den 
Bauer folgende Dreſchkoſten für einen Tag: 


An den Dreſchmaſchinenbeſitzer 9 Stunden je 84 ME. . . .. Mt. 756.— 
Arbeitslohn für 11 Arbeiter, die der Landwirt ftellt, je Stunde 
mindeltens 5 ME... . 495.— 


Berköftigung für 14 Berjonen — — Frühſtück, Mittageſſen, 

Nachmittagskaffee, Abendeſſen) zuſammen je Perſon 12 Mi. „  168.— 
für Bindegam . 20m 200. — 
für Kohlen 10 Zentner je 25 Mi. . 2 2 2 2 nn nem. 250.— 
fonftige Unkoſten (Richt, Fuhrlohn uf.) „200. - 
ME. 2069. ⸗ 


Die Geſamtkoſten für einen Tag zu dreſchen ftellen ſich demnach auf über 
2000 ME. Am Durchichnitt werden in einer Stunde 10—12 Zentner ©etreide 
——— Danach koſtet das Ausdreſchen eines Zentners Brotgetreide allein 
20 ME Da die Mindeſtpreiſe für Brotgetreide von der Regierung auf 45 ME. 
bezw. auf 50 Mk. für den Sentmer ‚jefigelcht find, befommmt der Bauer nad) Abzug 
des Dreichlohns nur noch 25 bezw. 30 ME. für den Bentner.” 

Die naſſauiſchen End ehr werden ohne Zweifel nachweiſen 
können, daß die Mafchinenfabriten täglicy unleidlichere Preiſe für Reparaturen 
fordern. Im übrigen zeigt ja die vom Landverband aufgemachte Rechnung, daß 
am hohem Gejamtdrufchpreis vornehmlich die SKohlengrubenbefiter, die Bindegarn- 
lieferanten und die Arbeiter mit ihren Lohnanſprüchen ſchuld find. Kohlengruben- 
befigern, Bindegarnlieferanten und Arbeitern wird e8 leicht fallen, für ihre 
wilde Sorberung die unerſchwingliche Lebensmittelpre iſe AR zu machen. 
„Wer verteuert das Brot?” Die Frage ift zum deutfchen Gefellichaftsipiel gemorden, 
nur daß die deutiche Gefellichaft dabei in Schutt und Trümmer fällt. 


Die Betriebsräte in der Reihshauptftadt. 


Zwei arbeitslofe Berliner Stadtverordnete beziehen ſowohl Arbeitölojenunter- 
ſtützung als auch Tagegelder vom Magiftrat. Ber der Straßenreinigung werden 
33 Abteilungen mit dem Papierfammeln auf den Straßen beichäftigt, der Erlös 
daraus beträgt jährlich 120—140 000 ME. Diefe Summe verteilen, mit Billigung 
des Betriebsrates, die Auffeher und Arbeiter unter ſich und fteden fie neben ihrem 
Lohn ein. Hunderte von ftädtifchen Arbeitern, die beim Kapp-Zuge nicht geitreift 
haben und Deshalb ausgefperrt, milder gelagt, beurlaubt worden find, erhalten 
— nicht auf Anordnung des ausgejchalteten Be, ſondern im Auftrag der 
betriebsrätlichen „Hängekommiſſion“ — ihren vollen Arbeitslohn weiter und gehen 
in Berlin fpazieren. 

„Ich hoffe, daß die Anweſenden, die doch alle willen, was Betriebsleitung 
ift, in einer großen Mehrheit begreifen werden, daß wir ernſte Gejchäftsleute 
werden müfjen, die die Räte ausfchalten und ohne fie walten”. Der Redner 
wurde von den Berliner Betriebsratsparteien im Roten Haufe nicht nieder: 
geihrien. Das macht, weil er in Moskau ſprach. Sein Name ift Lenin. 


Die größte Großftadt. 


Inmitten alles Weltunterganggrauens feiern wir doch einen ftolzen Triumph; 
ein Sieg ift uns nach felbitverichuldeter Niederlage in den Schoß gefallen. 
„Nachdem durch die Preußiſche Landesverfammlung im Often und Weiten noch 
mehrere umfangreiche Gebiete mit den Dauerwäldern des Bmwedverbandes in das 
neue Berlin einbezogen worden find, ift das Gebiet der Einheitögemeinde auf 
nit weniger als 877,66 Geviertlilometer angewachſen. Damit iſt die neue 


72 Drinnen und dranfen 





Reichshauptſtadt noch größer geworden als Groß-Neuyork mit feinen 840 Geviert- 
filometern und übertrifft bei weiten die Berwaltungsbezirfe London mit 303, Wien mit 
275 und Paris mit 480 Geviertfilometern.” Das liebe alte Spiel aus den achtziger 
und neunziger Jahren, wo die Berliner Preſſe jedes friſche Taufend BZugezogener 
mit TIrompetenftößen als neue Duader zu des Neiches Herrlichkeit begrüßte, 
wird fortgeipielt. Bevölkerungszuwachs und Gebietszuwachs find, befonders für 
das Schidjal Berlins, gewiß verichiedene Dinge — aber iſt denen, die darob 
jubilieren, nie der Gedanke. gefommen, daß an unſerem Unglüd vornehmlid) die 
waſſerköpfige Ausdehnung der deutichen Großftädte, die Dadurch bedingte Verödung 
des flachen Yandes und Ausfaugung der Kleinen Städte ſchuld geweſen ift? Wenn 
wir jest feine wirklichen Volksreſerven mehr haben, wie nach 1648 und 1806, 
verdanfen wir es nicht dem mit der Peitiche borwärtögetriebenen, auf viel zu 
wu Grundlage gezüchteten Mberinduftrialismus und feiner Begleitericheinung, 
er Entwurzelung unjeres einft jo bodenftändigen Volkes? Welch ein ſeltſamer 
Troſt in Tränen, daß Berlin auf 877,66 Geviertfilometer weit mehr Sammer und 


Elend beherbergen kann als Groß⸗Neuyork, London, Wien und Paris! 


Mulay Baflan. 





Drinnen und draußen 


Film und Deutſchtum. Die deutſche 
Filminduſtrie bat durch den Krieg einen 
ungeahnten Aufſchwung genommen. Es ift 
ihr nit nur gelungen, in weiten Maße 
augländifche Stüde von den deutſchen Licht 
iptelbühnen zu verdrängen, fondern weit 
darüber hinaus hat der beutfche Film feinen 
Weg in das Ausland gefunden. Mebr und 
mehr hat man auch bei ung bie Abneigung 
gegen das Kino überwinden gelernt, feitdem 
der Film Beziehungen zur modernen Kunft 
angelnüpft hat, die unbedingt Aufmerkſamkeit 
erfordern. 

Was bietet und aber Speziell der deutſche 
Film? Es ift heute, da wir im Begriff 
ftehben, — und es teilweiſe ſchon zur Tate 
fache geworden ift — als ernfthafte Beiverber 
auf den internationalen Lichtfpielbühnen zu 
erfcheinen, von boppeltem Wert, und ben 
Inhalt befonders der großen Filmwerke aus 
ber letzten Zeit anzufehen. Bebeutendes ift 
ba geleiftet worden auf dem Gebiete bes 
hiſtoriſchen Schaufpield. Mit einer Summe 
von Energie, Intelligenz und künftlerifcher 
ſowie technifcher Arbeit find Leiftungen erzielt 
worden, die tatfächlich Werte von Wert ge- 
fhaffen haben. Dagegen läßt fich nichts ein- 


wenden. Bedauerlich im höchſten Grabe vom 
beutfchen Standpunft ift aber, daß ber fo- 
genannte „deutfche” Film, und bier wiederum 
der biftorifche, mit befonderer Vorliebe Wege 
geht, die fich inhaltlich und auch dem Äußeren 
Gewande nad immer mehr vom Deutſchtum 
und deutfcher Art entfernen. 

Nah den großen Erfolgen, bie man mit 
seinem der erften biftorifhen Filmdramen 
großen Stild, der „Madame Dubarry“ erzielt 
bat, will man jet auf bem erfolgreich be: 
ſchrittenen Wege wetter fortgehen und plant 
die Herftellung der Schaufpiele „Katharina 
die Große“, „König Luſtik“ (Jerome Napoleon), 
„Die Schuld der Lavinia Morland” (nad 
einem amertlanifchen Stüde), „Anna Boleyn“ 
(ipielt in Alt-England); but bereit? Ent» 
würfe gemacht zu einem „Medea⸗Film“, der 
in Stalien fptelen fol, ebenfo gu einem 
„Sumurun-Film” im fernften Orient und zu 
einem „Golem⸗Film“ in einem Vhantafieghetto. 

Schon die Namen verraten, daß bie großen 
Filmwerke, die berufen fein follen, auf ihrem 
Gebiet für beutfches Können und den beutfchen 
Namen zu werben, alle nur erdenklichen Erd: 
teile und Nationen ftreifen und behanbeln, 
aber mit einer faft gewifienbaften Peinlichkeit 


Drinnen und draußen 73 





vermeiden, irgend einen Stoff aus ber 
beutfchen Gefchichte zu bringen — oder wenn 
ed fih um einen foldden wirklich einmal 
handelt, wie im König Jerome — bann wird 
eined ber traurigften Kapitel der deutichen 
Bergangenheit angejchnitten. Gewiß gibt «8 
noch Ausnahmen, aber mer einigermaßen 
aufmerffan die Entwidlung des deutſchen 
Films in den legten Monaten verfolgt bat, 
wird feftftellen müſſen, daß die Tendenz 
unzweifelhaft dahin gebt, fich immer mebr 
von allem deutſchen Stoff zu entfernen. 

Die Stätten, an denen bie Filme auf: 
genommen werben, 3. B. das Gebiet ber „Ufa“ 
bei Tempelhof, find Plätze intenfipfter Arbeit 
und hoben Könnend. Cine Welt für fich ift 
dort entftanden. Aber: man baut eine ganze 
orientaliihe Stadt auf. In „waſchecht nad 
gebildetem Tudorſtil“ wird die rechte Szenerie 
bes „merry old England‘ mit bem Inneren 
der Weftminfter- Abtei und naturgetreuen 
Straßen und Gaffen Alt-England3 entworfen! 
Aug gemwifienhaften Studien und freier 
Architektenphantaſie fteigen impofante Bilder, 
archaiſche Bauten au hellenifcher Urzeit auf! 
Dazu gehört ein gut Stüd techniſcher und 
fünftlerifcher Reife, um ſolche Probleme be: 
friedigend löſen zu können. 

Iſt e8 denn aber nötig, wirklich fo weit 
zu gehen und in allen Erdteilen und bei allen 
Nationen Anleihen zu machen? bietet nicht 
Die deutſche Geſchichte Stoff genug und find 
Deutichlands Berge, Städte und Wälder nicht 
ausreichend, um einen deutfchen biftorifchen 
Film ſchaffen zu können? Es bleibt auf 
anderen Gebieten immer noch Platz genug, 
um Verbindung mit der Welt aufrechtzuerhalten 
und auf andere Weiſe dem Volke Kenntnis 
über außerdeutſche Verhältniſſe — der Hiſtorie 
und der Gegenwart — zu geben! Wir brauchen 
deshalb nicht im einſeitigen Dünkel uns ab» 
zuſchließen. 

Aber wir haben heute ſo bitter nötig, unſer 
Anſehen als Volk in der Welt wieder her⸗ 
zuſtellen. Mittel dazu ſind uns herzlich wenig 
in die Hand gegeben. Eines der wirkſamſten 
iſt aber ohne Zweifel im Film gelegen. Wir 
haben ja im Krieg am eigenen Leibe verſpürt, 
zu welch einem gefährlichen Kampfmittel er 
in geſchickter Hand werden kann. Die Entente 
hat ſich ſeiner im Kriege und ſchon vorher 


meiſterhaft zum Schaden Deutſchlands bedient. 
Der deutſche Film kann heute mit daran arbeiten, 
unſeren guten Ruf wieder herzuſtellen, oder 
wenigſtens im lebenden Bild beweiſen, daß 
Deutſchland keineswegs das Volk der Hunnen 
und Barbaren iſt; daß ſeine Geſchichte und 
ſeine Landſchaft mit allen fremden Ländern 
einen Vergleich aushalten kann. Nie und 
nimmer iſt aber der jetzt beſchrittene Weg der 
richtige. Mit Anleihen aus fremder Ver— 
gangenheit, mit Bildern für hiſtoriſche Dar- 
ftelungen — wenn auch nur nachgeahmten — 
aus fremden Ländern, die dann als deutjches 
Erzeugnid hinausgehen, Tann man wohl 
Zeugnid ablegen von technifhem und Tünftle- 
riihem Augenblidstönnen, nicht jedoch von 
einer ruhmreichen, eigenartigen und beivunde- 
rungömwürdigen Vergangenheit und Gefchichte. 
R. 


Die Tagung der Kantgeſellſchaft in Halle. 


- Ein Bhilojophentongreß in unferer unrubigen 


und gar nicht philoſophiſch aufgelegten Zeit: 
dad will etwas heißen. Der ebenfalls für 


die Bfingftmode in Halle anberaumtie Neu- 


pbilologentag ward auf den Herbft verjchoben ; 
die Kantgeſellſchaft hielt durch — allertings 
mit Zuſammenziehung der geplanten vier 
Tage auf zwei. 

Der eigenilihen Tagung ging die foge- 
nannte Ald Ob⸗Konferenz voraus: Freunde 
der „PBhilofophle des Als Ob“ Hatten be- 
fondere Einladungen ergeben lafien, um 
über ihre Probleme zu verhandeln. „Nicht 
um fi) Buldigen zu laſſen, fondern um zu 
lernen”, war Brofeffor Vaihinger, der greije 
Schöpfer des Filtionalismus, wie man diefe 
Richtung auch nennt, feldft erfchienen und 
eröffnete die Konferenz. Im Mittelpuntte 
des Intereſſes ftand die philoſophiſche Er- 
örterung der Melativitätätheorie. liber ihr 
waltete “ein Unftern: Einftein felbft, der 
fein Erfheinen zugejagt Hatte, fowie ber 
Neferent ded Themas waren verhindert, fo 
daß nur der Korreferent und die Diskuffion 
blieb. Es war Profeffor Krauß von ber 
Brager deutfhen Iiniverfität. Er ſprach aus⸗ 
gezeichnet Über „Fiktion und Hypotheſe in 
der Einfteinfhen Melativitätstheorie”. Die 
bielberufene und zum Stein des Anftoßes 
gewordene „Nelativität der Gleichzeitigkeit“ 


14 





und mit ihr alle übrigen Paradorien der 
Cinfteinfhen Lehre, deutete er als bloße 
Fiktionen, bloße Annahmen in ſcharfem 
Gegenfage zu Lehrfägen und Hypotheſen. 
Es war eigenartig, gu jehen, wie die doch aus 
pofittviftiihen Gedantengängen erwachſene 
Philofophie des Als Ob bier dem Rationa⸗ 
lismus und Idealismus dienftbar gemacht 
wurde. 

Brofeflor Julius Schulz‘ glängend dis⸗ 
ponierter und dargebotener Vortrag über 
„die Fiktion vom Univerſum als Maſchine“ 
brachte Leibnizens „präftabilierte Harmonie“ 
— aber, wohlgemerkt, nur als Filtion! — 
wieder zu Ehren, ald einzige Möglichkeit, 
dad Univerfum begrifflih und rechnerisch zu 
berftehen. Lehrreich waren Profeſſor Kowa⸗ 
lewsſstis Ausführungen über „pädagogiſche 
Fiktionen“. Der Lehrer bedient ſich ihrer 
beim Bemeſſen von Durchſchnittsleiſtungen, 
bei der Zenſurbeurteilung. Er gebraucht 
illuſtrative Filtionen für die Veranſchaulichung 
abſtrakter Gedanken, ja feine ganze Ein⸗ 
ſtellung iſt filtiv: er verſetzt ſich auf den 
Standpunkt des Schülers: er fragt, als ob 
er die Antwort nicht wiſſe. Denn jede 
pãädagogiſche Tendenz enthält zu ihrer Durch⸗ 
führung einen logiſchen Fehler, der durch 
einen anderen fehler ausgeglichen werden muß 
(Baihingerd Prinzip der doppelten Fehler). 
Müller Freienfeld entiwidelte in temperament» 
voller Rede die „Filtionen in der Geſchichts⸗ 
wiſſenſchaft“, Dr. Knopf faßte die vielum, 
ftrittenen Thejen der Pſychoanalyſe als heu⸗ 
riſtiſch wertvolle Hilfsfäge. 

Die Haupitagung am Sonntag, dem 
30. Mai, bradte die geſchäftliche Sitzung: 
Entlaftungen, Wahlen, gumal neuer Ehren» 
mitglieder und die große Programmrede 
Brofeffior Natorpd: „Die Fortbildung des 
kritiſchen Idealismus, Rüdhlid und Vorblick“ 
Es war das Fazit eines langen Lebens im 
Dienſte der Gedanfen Platons und Kants. 
Sein Korreferent Profeſſor Liebert verſtand 
ed, mit glänzender Beredſamkeit die Zufunfis- 
aufgaben des Neukantianismus noch deutlicher 
zu umreißen, den Fritifchen Idealismus fogar 
mit Einſteins Begriffen in Einklang zu ſetzen 
und allen Skeptizismus abzuwehren. Die 
Freiheit als Eigengefeglichfeit der fchöpfe- 
riſchen Bernunft, die kritiſche Metaphyſik ala 


Drinnen und draußen 


Biel philofophifher Bemühung: freilid, zu 
diefen Idealen durfte der Medner aud weit 
über den Umkreis der Marburger Schule 
hinaus auf begeifterte Zuſtimmung rechnen. 

Die ſtärkſten Eindrüde nahmen alle Teil 
nehmer indes aus den Verhandlungen zum 
aymmnafialen Philofophieunterriht mit nad 
Haufe. Was ihnen Geheimer Gtudienrat 
Goldbed, der belannte Berliner Shulmann, 
bot, war ein naghaltiges Erlebnis. Er wie 
fein Korreferent Privatdozent Wichmann aus 
Halle ftimmten in der Forderung nad) philo« 
ſophiſcher Durchdringung und Vertiefung der 
gymnaſialen Cinzelfäher ohne Einführung 
der Philoſophie als befonderen Lehrfachs 
überein. Von dem Skeptizismus Profeſſor 
Friſcheiſen⸗Koͤhlers angeſichts der prinzipiellen 
Unlehrbarkeit der Philoſophie bis zu den 
Drängern auf Erweiterung der Lehrpläne 
auguniten der- Philofophie ergab fi) eine 
reihe Abftufung der Meinungen unter den 
anweſenden Bbilojopben und Erziehern. Aber 
daB Richtige Hatte Direlior Goldbeck ge⸗ 
troffen: die Jugend, viel verkannt und ges 
Ihmäßt, befigt den Willen zum Wefentliden, 
den philoſophiſchen Trieb nad einem Total» 
leben und nad einem umfaflenden Weli⸗ 
bild. Nicht neue Fächer — eine neue Schule 
muß fommen. Und die Philofophen müffen 
fommen, die dad in Gedanken faflen Tönnen, 
wonad die Seele unferer Jugend Hungert. 

Dr. Paul Seldfeller 


Zur Berantwortlichleit am Kriege. Sin 
feinen politifchen Betrachtungen in der Revue 
des deux mondes bat PBotncare gefchrieben: 
„Es tt fchmerzlich, zu ſehen, daß einige von 
politiſchen Leidenfchaften verblendete Franzofen 
zu gleicher Zeit wie Deutfchland an ber Ent- 
ftelung ber Geſchichte mitarbeiten und daß 
ſogar in Paris kühne Entftellungen über die 
naben oder fernen Urfprünge bed Krieges 
gedrudt werden. Was mich betrifft, der ich 
mich jeit 30 Jahren mit ber Politik meines 
Landes beichäftige, To babe ich niemals einen 
Präfidenten der Republik, einen Kabinettöchef 
oder irgend einen Minifter gekannt, ber ver- 
biendet genug geweſen wäre, einen bewaffneten 
Konflikt zwiſchen Deutfchland und und zu 
wünfchen und der die Revancheidee auöge- 
ſprochen oder auch nur erwogen hätte.” 


Drinnen und draußen 5 


Das Sozialiſtenblatt „Le Bopulaire” vom 
18. April bemerft dazu, daß niemand ber- 
gleichen behauptet habe. Niemand babe gefagt, 
daß Frankreich allein den Krieg gewollt habe. 
Mas aber gewiß fei, fei dieſes, daß in 
Frankreich, Deutſchland und England eine 
mächtige Kriegspartei beftanden hätte, die in 
erfter Linie fir die Vorbereitung und Ent: 
feilelung des Konflikts verantwortlich fei. An 
diefer Auffaffung müffe man fefthalten. Das 
Blatt fährt dann fort: „Unfere Nationaliften 
jedoch wurden von Poincaré, : defien Wahl 
zum Bräfidenten der Republik fie gefichert 
batten, mit Wohlwollen angehört. Wie 
fommt e3 denn, um und auf die perjünliche 
Berantwortlichleit Poincarés zu bejchränten, 
daß gelegentlich Poincares Wahl zum Prä— 
fidventen fo gut unterrichtete, aber fo ver- 
ſchieden orientierte Bolitifer wie Jaurès und 
Ribot ausriefen: Poincaré ift der Krieg! 


Warum bat Octave Mirbeau in Cheverchemon 


zu Georges Pioch geäußert, Poincaré führt 
una zum Srieg? Warum bat der Better 
Poincarés, der Mathematiker Henri Poincare, 
Eduard Schneider erklärt, daß der Krieg, da 
fein Vetter zur Macht gekommen fei, faft 
gewiß fei? Warum entftand feit der Rüd- 
kehr Boincares ins Miniftertum bed Außern 
und befonders fett feinem Befuch beim Zaren, 
der als erfter feine Truppen 1914 mobtlifterte, 
das Geſetz über die dreijährige Dienftzett und 
die Welle des Nationalismus (Penftonen, 
Theaterftüde, chauviniſtiſche Lieder uſw.)“ 
Auh babe der perfönlide Freund und 
frühere Sekretär Boincares, Maurice Colrat, 
in ber Wochenſchrift „Opinion” vom 
14. Dezember. felber zugegeben, daß Poin⸗ 
care die Revanchepolitik burchgefcht babe. 
Bei diefer Gelegenheit fei nochmals mit allem 
Nachdruck auf die Shine Sammlung der von 


Bernh. Schwertfeger herausgegebenen belgifchen - 


Gefandtichaftsberichte hingewieſen. Den beiden 
erften hier angezeigten Bänden (Grenzboten 1919 
Heft 11/12) find jett zwei weitere: „Bosnifche 
Krife, Agadir, Albanten” und „Kriegshetzereien 


und Kriegdrüftungen 1912— 1914”, fowie ein 
Ergänzungsband zur Entjtehungsgefchtehte bes 
Zweibunds „Revandjeidee und Panſlawismus“ 
erſchienen (Reimer Hobbing Verlag, Berlin 1919). 
Die große Bedeutung diefer Veröffentlichung 
berubt auf zwei Umftänden: einmal bildet fie 
eins der vornehmlichften Entlaſtungsdokument. 
gegenüber den Borwürfen von Deutichlands 
Verantwortlichleit am Kriege. Mir find zwar 
aus innerpolitifchen Gründen der Kriegsſchuld⸗ 
diskuſſion (mit Recht) reichlich müde gemorden, 
aber im Gefpräcd mit Ausländern wird dies 
Thema noch auf Sabre hinaus Anlak zu 
Debatten bieten und dba iſt es nötig, daß 
auch der deutſche Privatmann fein geiftiges 
Rüftzeug blank und bereit hält. Es iſt wahr- 
baftig nicht gleichgültig, daß Ende Juni ein 
Zirkular einer im ganzen alles andere als 
deutfchfreundlichen Regierung Rußlands an 
laßlofe aber gewaltige Rüftungen und Frant: 
reichs Unfähigkeit, die Laften der dreijährigen 
Dienftzeit länger als zwei Jahre zu tragen 
verzeichnet, und betont, daß Deutichland nicht 
das geringjte Intereſſe am Losfchlagen bat 
und von fih aus getroft einer friedlichen 
Entwidlung vertrauen könne, und daß ed noch 
am 3. Juli 1914 wörtlich beißt: „Niemand 
zweifelt an dem noch immer friedlich gerichteten 
Sinn des Kaiferd Wilhelm, aber wie lange wird 
man noch angeficht? des drobenden Vorgehens 
Frankreichs und Rußlands und der Folgen, 
die es auf die chaupiniftifchen und militärt- 
ſchen Geifter des Reiches ausübt, auf dieſe 
Gefinnung zäblen dürfen?” Dann aber bildet 
die Sammlung für alle, denen an febarfer 
und lebendiger Erfaffung der Probleme der 
europäischen Politik gelegen tft, eine ganz 
vorzügliche Einführung und Gelegenheit, fich 
durch eigene geiftige Arbeit zum Verſtändnis 
außenpolitifcher Fragen zu bilden. Nament- 
lich der fünfte Band, der bis 1886 zurüdgeht, 
bietet in diefer Hinficht eine zugleich Ichrreiche 
und feſſelndeLektüre. Ein Namen: und Sad) 
regifter wird die Brauchbarkeit der Bände 
noch erhöhen. N. 


76 Bücherſchau on 


Bücherſchau 


Hans Delbrück, Geſchichte der Kriegskunſt 
im Rahmen der politiſchen Geſchichte. 
Vierter Teil. Neuzeit. Berlin 1920, 
Berlag von Georg Stille. 

Dem im Sabre 1907 erjchienenen dritten 
Teil des bedeutfamen Werkes ift damit ein 
legter Band gefolgt, mit dem der Forſcher 
nad) feiner Erläuterung im Vorwort nicht 
abſchließt, fondern abbricht, indem er feine 
Studien nicht über Napoleon den Eriten 
und deffen Zeitgenoſſen hinausführt. Man 
hat alfo nicht mehr neue Erfenntniffe auf 
diefem feinem befonderen Forſchungsgebiete 
von ihn zu erwarten noch mit einer Weiter- 
entiwidlung feiner Anſchauungen zu rechnen. 
Die Kritik wird vielmehr das vorliegende 
Fertige zur Grundlage ihrer Wertungen 
nehmen müſſen. Belbrüd erwähnt felbft, 


daß feine Auffaffung nit in allen Bunlten - 


ſich durchzuſetzen vermodt babe. Insbeſon⸗ 
dere gilt dies von der durch ihn erſtrebten 
allgemeinen Einführung des Begriffs einer 
Ermattungsſtrategie, welche ſich an die Be» 
trachtung der Kriegsführung König Friedrichs 
des Großen knüpft. Die Erinnerung an 
den einft jahrelang geführten Strategie⸗ 
Streit durchzieht daher als weſentlicher In⸗ 





halt viele Kapitel dieſes vierten Teiles der 
Geſchichte der Kriegslunft. Auf den Verſuch 
einer neuen Widerlegung der Delbrüdichen 
Auffaflfung muß, wenigſtens im Rahmen 
Diefer Anzeige, verzichtet werden; doch ver⸗ 
möger für den Fachmann bie Anſichten des 
Hiſtovikers, der feinerfeitd glaubt, eine Lücke 
in dem kriegsphiloſophiſchen Gebäude Karl 
von Clauſewitz' ausgefüllt zu baben, aud) 
heute no nicht überzeugend zu wirken. Im 
übrigen hat der Berfaffer bei der Bearbei⸗ 
tung diefe® Bandes, die filh auf zahlreiche 
Borarbeiten feiner Schüler, namentlih auch 
Martin Hobohms, fügt, von gleicher Breite 
und tiefgründiger Ausführlichfeit der früßeren 
Teile abgejehen. Faſt feuilletoniftifch leſen 
fih die erften drei Bücher, die dad Kriegs⸗ 
wefen der Nenaiffance, das Zeitalter der 
Religtonsfriege und die Epoche der ſtehenden 
Heere behandeln, foweit es fih um die Ge⸗ 
fHichte der Bewafinung und der taktiſchen 
Formen handelt. Aber e8 ift ja aud dies 
ein Vorzug, wenn der Leſer mit Leichtigleit 
zu den Früchten der Arbeit hingeführt wird, 
ohne dem Gelehrten auf allen dornigen 
Begen mühſamer Forſchung folgen zu müſſen. 
Die Entwidlung der ftehenden Heere wird 


Pädasosium Waren 


in Mecklenburg am nun: 


Vorbereitung auf alle Klassen der verschiedenen Schulsysteme 
(Umschulung). Insbesonders Vorbereitung auf die Einjährigen-, 


Prima- und Reifeprüfung. 


Dr. Michaelis. 


Bücherſchau 77 


uns an zwei Beiſpielen geſchildert, die als 
typiſch ausgewählt find, an Frankreich und 
Preußen. Die Heraußarbeitung der Untere 
ſchiede ift Iefenswert; allerdingd wird man 
eber Delbrüds Auffafiung von der welt⸗ 
geihichtlihen Auffaffung der Prügelitrafe 
zuftimmen fönnen — zu der ihn vielleicht 
Jakob Burchardts bekannte Bemerkung über 
den Wert einer mit pſychologiſchem Geifte 
gefchriebenen Geihichte des Prügelns ange» 
regt bat, — als feiner zum Teil auf anek⸗ 
dotiſches Material aufgebauten Beurteilung 
des Geifteß und der Bildung des preußifchen 
Offiziers bis in die zweite Hälfte des neuns 
zehnten Jahrhunderts hinein. Bei der von 
ihm felbft erlebten Szene dürfte der da⸗ 
malige Brinzengouverneur das Opfer einer 
Skonifierung gewefen fen. Dan bat im 


großen und ganzen den Eindrud eines 
Alterswerles ſowie des nadhlafienden Inter⸗ 
eſſes am Eindringen in den der Vergangen⸗ 
heit angehörenden Stoff. Darauf deutet 
auch die verhältnismäßig kurze Behandlung, 
welche der Epoche ber Volksheere und der 
gewaltigen Erfheinung Napoleons des Erften 
zuteil geworden if. Auf die Skizzierung 
einzelner Schladten aus deſſen Feldherrn⸗ 
laufbahn hat Delbrück beiſpielsweiſe ganz 
verzichtet; vielmehr beherrſcht auch da der 
Gegenſatz zwiſchen einer Niederwerfungs⸗ 
ſtrategie und einer Ermattungsſtrategie an⸗ 
ſtatt des Gegenſtändlichen die Darſtellung. 
Ein künftiger Geſchichtsſchreiber der Kriegs⸗ 
kunſt wird daher bei der Epoche der ſtehen⸗ 
den Heere von neuem einſetzen müſſen. 
Dr. Mar von Sgczepanſki. 


— — — — — — — — —— —— — — 


Verantwortlich: i. V. Hand von Sodenſtern in Berlin. 


Schrift leitung und a san SW 11, Tempeldofer Ufer 36a. 


rnruf: Lügow 6510. 


Koehler, Abteilung Grenzboten, Berlin 
Drud * ee lee. Berlin S 14, E rallicreiberftr. 34/36. 


Näückſendung von Manufkripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rückporto. 
Rachdruck fämtlicher Aufſätze ift nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Berlages geftattet. 


Soeben erſchien: 


Kritif des Weltkrieges 
Bus Erbe Molikes und Ichlieffens im aroßen Kriege 


Don einem Generalitäbler 


Mit 12 Karten. Breis: in Hnlbleinen geb. 30 Mark. 
Generalfeldmarſchall von MWarkenfen: .... Das inbaltvolle Wert bat 


mid vom Anfang bis zum Ende in hohem Grabe gefeflelt ..... . 


General der Infanterie Otto von Below: ... 
aller bidherigen Beröffentlihungen ... . . 


Generaloberſt Freiherr bon Baufen: . 
ausfchauender, großzügiger Blid und vorzügliche Mare Wiedergabe . 


General von Teltoiw-Borberk: .... fehr gut und wertvoll NE 

Geſchichtsforſcher EDEN mM. Rirdieilen: .... das befte, was über 
die Marneſchlacht gejagt wurde... . ; 

Militärifches Eden: ... . Ein tiefgrlindiges, auffebenerregende® Bud . 


Deutſches Bffrterblaft: Zweifellos gehört das Werk mit zu dem Bemerkens⸗ 
werteften auf militärifch-tritifchem Gebiet und verdient regfte Beachtung in allen Kreifen . 


Wefer-Beitung: ... . . [harf, aber fadhgemäß, ein auferorbentlidh intereffantes 
Wert, nicht nur für den Offizier, fondern vor allem auch für den Laien. 


K. S. Koehler, Derlag, Leipzig. 


wertvollſte und zutreffendſte 


——— Beurteilung, weit⸗ 





Bickerlifte 


Altmaun-Gotheiner, Dr. Eliſabeth. Jahrbuch des Bundes 
deutſcher Frauenvereine 1920. B. G. Teubner, Verlag, Leipzig. 
Kartoniert M. 6.—. 

Sranz, Dr. Walther. Demofibenes und Philipp. B. G. Teubner, 
Verlan, Leipzig. DI. 0.80. 

Svend Fleuron. Strix, die Geſchichte eine Abus. Eugen 
Diederihs, Verlag, Jena. 

Hirſch, Dr. Mag. Über das Arauenfiudium Eine ſoziologiſche 
und biologifhe Unterſuchung auf Grund einer Erhebung. 
Eurt Kabitzſch, Verlag, Leipzig. Geb. M. 7.60. 

Lohan, Dr. Mar. Der Vertrag von Perfailled. Kulturliga 
G. m. 6. H., Verlag. M. 8.—. 

Deibrüd, Kant. Kautsky und Harden. Carl Eurtius, Verlag, 
Berlin. M. 3,20. 

Neinke, Dr. S. D. Die fchaffende Natur. Duelle u. Player, 
Verlag, Leipzig. M. 5.60. 

Hirſch, Paul. Kommunalpotitifhe Probleme. Duelle u. Meyer, 

erlag, Leipzig. 

Lauffer, Brot. Dr. Deutide Altertümer im Wandel der Jahr⸗ 
hunderte. Duelle u. Denver, Verlag, Leipzig. M. 0.60. 
Unold, S. Aufgaben und Ziele des Menfchenlebens. B. G. Teubner, 

Verlag, Leipzig. 

Glaſenapp, C. Fr. Siegfried Wagner und feine Kunfl. Breite 
kopf u. Härtel, Berlag, Leipsig. 

Gebauer, J. H. Alt⸗Hildesheim. Eine Zeitſchrift für Stadt 
—— Hildesheim. Georg Weſtermann, Verlag, Brauns 

weig. 

Schwertfeger, Bernhard. Belgiſche Landesverteidigung und 
Burgerrecht. Reimar Hobbing, Berlag, Berlin. 

Bnrian, Irma. In Frau Mufitas Wertftatt. Ernſte Belehrung 
in heiterer Form für mufitfreubige Kinder. Breitkopf und 
Härtel, Verlag, Leipzig. 

Sprenger, Emil. Götterfluh der Germanen. Ein geitgemäßer 
— Norddeutſcher Verlag für Literatur und Kunſt, 

tettin. Geb. M. 12.—. 

Bun, Louis. Hebbel. Sa personnalité et son ocuvre lyrique. 

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Züri, Leipzig, Wien. 

Günther, Adolj. Die Drganifation der Weltwirtidaft auf fozialer 
und tontinentaler Grundlage. Dunder und Humblot, Berlag, 
Münden. M. 8.—. 

Günther, Dr. Sienmund. Lehren der Revolution. Zur Frage 
Reform oder Revolution. Dunder und Humblot, Verlag, 
Münden M. 3.—. 

Weyrauch, Dr. Balter. Das Eifen in Rußland. Eifenerze 
vortommen, Eifenerzförderung, Eifens und Stablerzeugung. 
K. F. Koehler, Verlag, Leipzig. M. 2,26. 

von Hentig, Hans. Die Entartung der Revolution. Neue Auf⸗ 
ſaͤtze. K. F. Koehler, Verlag, Leipzig. M. 6.—. 

Stabtler, D. E. Volkswille und Parteiweſen. K. F. Aoehler, 
Verlag, Leipzig. M. 0.60. 

Stadtler, Dr. E. Die Weltkriegſs⸗Revolution. K. F. Koehler, 
Verlag, Leipzig. M. 12.—. 

Semper, Mar. Wiſſenſchaftliche und ſittliche Ziele des künftigen 

Anchen. M. 7.—, 


here J. F. Lehmanns Berlag, 

geb. U. 10.—. 

Schneider, Dr. Frig. Berufsſtändiſche Gelbftverwaltung. 
S. Heß Verlag, Stuttgart. M. 3,20. 

Tönnies, Prof. Dr. Ferd. Die Entwidlung ber fozialen Frage 
bis zum Welttriege. Vereinigung wiſſenſchaftl. Berleger, 
Berlin. Walter de Grupter u. Co. M. 23,40. 

Thielert, Sonderdrud aus „Die Revolution der Bildung”. 
Grundzüge der Berfaffung im Kulturs und Bildungsftaat. 
Trätendentenverlag, Berlin SW. M. 5,—. 

Made, Prof. Reinhold. Wert und Bedeutung des monarchiſchen 
Gedantens auch im deutſchen Volksſtaat. A. Hellwichs Bude 
bandlung, Bielefeld. M. 1,60. 

Bröder, Paul. BWertgutgedanten. Die WWertgutgeflaltung als 
Wroblem der Aeſthetik, der Wirtſchaft unb des Staates. 
Teutfchnationale PBerlagsanftalt, Hamburg. WM. 6,—, jur 
zügl. Teuerungszufchlag. 

Kindermann, Carl. Die foziale Schöpferkraft im Aufbau Deutſch⸗ 
lands und des Völterlebend. Georg D. W. Callwan, Hünden. 
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. —— —— — 











Ein Artikel mit einem Nachwort 
Don Sri Kern 
Fre 19. Juli veröffentlichte ich unter der Tiberfchrift „Spa al3 Beginn 
9 — einer Geſchichtsepoche“ in der „Deutſchen Allgemeinen Zeitung“ 
! | Sg; Ausführungen, die ich in etwas ermeiterter Form miedergebe. 
S { „Senn man fich durch Einzelheiten den Blick nicht verwirren 
> läßt, jo aalt es, in Spa die Entfcheidung zwiſchen zwei Möglichkeiten 
zu reifen: entweder ein gemeinjfamer Wiederaufbau Europas nach einem gemein- 
Ichaftlichen rationellen Plan, wobei Deutfchland das Höchſtmaß der mit jeiner 
Freiheit und einem bejcheidenen eigenen Wiederaufbau vereinbarten Laſten trüge, 
oder ein möglichites Schadloshalten der Sieger auf Grund eines zu zerjtörenden, zu 
zertrümmernden und vom Gieger lediglich nach deſſen unmittelbarjten Vorteilen 
unfrei zu verwaltenden Deutjchlands. 

Die erjtere Möglichkeit wurde verfochten von den Deutjchen, von der englijchen 
Gruppe um Keynes, einigen Neutralen und Stalienern und vereinzelten wirtſchaft— 
lihen Sachverſtändigen auch in Frankreich. Den Ietteren Plan durfte man ver- 
muten bei der franzöfifchen Regierung und der Mehrheit des franzöjifchen Volkes, 
das ſich Hinfichtlich Deutichlands von der Politik feiner Marſchälle faum unter: 
jcheidet. Unentjchieden konnte die Stellung de3 maßgebendſten Mannes, Lloyd 
George, jcheinen, wenn e3 auch bedenklich war, daß den Deutjchen vor Spa 
nicht die leifefte Ermutigung von diejer Seite zuging, daß die abreifende Delegation 
lih vielmehr im ganzen wie vor den Uinterfuchungsrichter geladen vorkam. 

Die Konferenz von Spa hat nun einige allzu derbe Unausführbarfeiten des 
Friedensvertrages gemildert, im Intereſſe mehr der Sieger jelbjt al3 des Beliegten. 
Die monatliche Kohlenmenge wurde von den 3,4 Millionen Tonnen des Friedens— 
vertrages (und den 2,4 Millionen Tonnen der bisherigen Reduktion des VBertrages) 
auf zunächit zwei Millionen herabgejett. Pie Frift für die Entwaffnung wurde 
um einige Monate verlängert. Andere Zugeftändnijfe, wie die ziemlich unbeſtimmte 
Gemwährleiftung oberfjchlefifcher Kohlenzufuhren oder die Erhöhung des Kohlen— 
preiſes, illuforisch in einem Zeitpunft, da die Feitlegung unſerer Kriegsſchuld noch 
Grenzboten III 1920 6 


82 Ein Artifel mit einem Nachwort 


im Belieben ber Sieger fteht, verdienen laum als Zugeftänbniffe bezeichnet zu 
werden. 


Diefen Milderungen gegenüber bat das Protokoll von Spa neues Recht im 
Vergleich zum Protokoll von Verfailles geichaffen, das als entjcheidende Verfchärfung 
unferer Unterlegenheit bezeichnet werden muß. Spa bedeutet ben Beginn ber 
praltifhen Fremdherrſchaft. In Verfailles Hatten wir den Krieg erſt 
theoretifch verloren. In Spa find alle die Organe und Nechtstitel gefchaffen 
worben, welche im Augenblid erforderlich find, um das deutihe Wolf in au3- 
ländifhe Zwangsperwaltung zu nehmen Sie foll uns nit zum 
Beften des beutfchen Volles, jondern zu feinem Schlechteften, und ausſchließlich im 
Intereſſe fremden Raubbaues erploitieren. 


Neben die bereit3 vorhandenen, aber in ihren Vollmachten verftärkten Ent- 
waffnungskommiſſionen tritt jet eine Kohlenkommiſſion, die e8 in der Hand hat, 
beutiche Induſtrien ftillzulegen, deutfche Landesteile und Privathaushaltungen 
nad) Belieben erfrieren zu laffen. Die verheerende Beitimmung, daß der Feind 
die Qualitäten ber ibm auszuliefernden Kohlen beitimmen darf, bedeutet eine 
weitere, in ben Folgen nicht zu überfehende Abwürgung für deutfche Induſtrien 
und Lebensbelange, außerbem eine elaſtiſche Ausdehnung der uns abzufchröpfenden 
Brennwertmenge. Frankreich dürfte immer fo viel Kohle fordern, daß die Aus: 
bungerung Deutſchlands fortgeht. Man kann die franzöfifhe und italienifche 
Begierde nach deuticher Kohle durchaus verftehen, aber die außerordentliche Lage, 
daß Deutfchland feine wichtigften Bodenfchäte in Zukunft fo wenig frei fein eigen 
nennt wie feine Finanzen, bedeutet für uns nichts anderes, als daß das nationale 
Eriftenzminimum dauernd dur die Begehrlichleit anderer Völker in feinem 
Innerſten bedroht if. J. M. Keynes, deſſen Vorausfagen bisher ftet3 durch die 
Erfahrung beftätigt worden find, fagte 1919: „Wenn die europäifche Kohlen- 
verteilung zu einem SHandgemenge werden fol, in dem Frankreich zuerft, dann 
Stalien befriedigt wirb und jeder andere zufieht, wo er bleibt, dann ijt Die Zulunft 
der europäifchen Induſtrie büfter, und dann find die Ausſichten der Revolution 
ſehr gut.“ 

Das Entfcheibende aber ift, Daß England feinen bisherigen ganzen bis halben 
Einipruch gegen die Beſetzung des Ruhrgebiets zurüdgezogen hat, unb baß biefe 
jet nur noch eine Frage der Zeit zu fein fcheint. Die öffentlihe Meinung der 
Ententeländer wird fchon auf dieſe kommende Tatſache eingeftellt, und man verjucht 
auch die fo Teicht zu düpierende deutfche Öffentlichkeit auf dieſes unvermeibliche 
Faktum vorzubereiten, damit fie fi daran gemwöhne, und es dann, wenn eintritt 
und den lebten Schein deutſcher Selbftändigfeit begräbt, ebenfo jtumpf hin- 
genommen werde wie jo vieles, was vorherging. Die Lebensmittelkommiſſion der 
Entente, die jet ins Ruhrgebiet abgeht, fol die Arbeiter daran gewöhnen, ihr 
Brot von den Franzoſen zu empfangen, und im Einverftänbnis mit gewiſſen An- 
gehörigen der unabhängigen Partei Die Beſetzung, d. h. die Unnerion des Ruhr: 
gebiets vorbereiten. 

Das zentrale Nervenſyſtem der deutfchen Wirtichaft ift mit Diefen Be— 


ftimmungen ſchon jegt in fremde Obhut genommen. Es fehlt nur noch die dette 
ottomane publique, Dieſe jollen wir wohl in Genf befonmen. 


Ein Artilel mit einem Nachwort 83 


Vergeblich bat man voriges Jahr die deutfchen Unterzeichner von Verſailles 
beſchworen: leſt in den Gefchichtsbüchern die Methoden franzöfifcher Annerions- 
politi. Man hadt uns die Gliedmaßen ſtückweiſe ab, die Beſetzung des Ruhr- 
gebiets wird doch kommen, die Auffpaltung Deufchlands mwirb fortgefeßt. 

Wer jo warnte, galt als Phantaſt. Man ſchloß ja zu Verjailles einen Vertrag. 
Dies Papier gewährleiftete die Grenzen des „freien“ Deutfchlandg, und über den 
Zwangsmaßnahmen bei Nichterfüllung des („beitimmt revidierten!*) unterfüllbaren 
Bertrags ließen ja damals (1919) die Feinde ein zweideutiges Dämmerlicht. 

Hätten die Unterzeichner in Verfailles den doc fo banalen, fo üblichen Gang 
franzöfifcher Ausdehnungspolitit vorhergefehen, fie hätten gewiß nicht ımterfchrieben. 

Damals glaubte man aber noch an dag Bremſen durch England und Anıerila. 
Der glänzende, volle Sieg franzöfifcher Methoden und des franzöfifchen Zerſtücke— 
lungs⸗ und remdherrichaftzplanes in Spa zeigt, daß auch England ſich am Feſt⸗ 
land interefjiert hat, wie Amerika. Es zieht gerade genug für ſich aus Deutfchland 
heraus und überläßt die verächtlichen Reſte dem frangöfifchen Sadismus. 

Es gibt jett zweierlei Toren in Deutfchland. Die einen glauben beftimmt, 
dab fi England übers Jahr für uns mehr intereffieren und „vernünftig” werden, 
fogar vielleicht die Franzoſen noch vernünftig machen wird. Die anderen reiben 
NH ftrahlend die Hände, wenn der franzöfifche Botfchafter in Berlin, „Spezialift 
für Eingeborenenbehandlung”, ein gelegentliches Wort über „gemeinfamen Wieder: 
aufbau“ fallen läßt. Anglophilie und Frankophilie ertragen jeden Rippenſtoß 
und blühen nad) jeder [chlechten Erfahrung, wie in Spa, nur befto Iiebevoller wieder 
auf. Es ift keinesfalls der Weg, um für Deutichland etwas zu erreichen, wenn man 
jede neue Daumenfchraube teils nad fünf Minuten ſchon vergikt und natürlid, 
findet, teil3 überhaupt in einen freundlichen Händebrud vor fich felber umlügt. 

Und über all dem errichtet nun Spa für jeden deutichen Eſſer, Steuerzahler, 
Konlenarbeiter oder Staatsmann die große unausmweichliche, allgegenträrtige 
materielle wie geijtige Bevormundung. Mit ben altbewährten drei Mitteln der 
Fremdherrſchaft, Gewaltdrohung, Rechtsverdrehung und feparatiftifchen Liebesgaben 
wird der Deutfche dazu gebracht, zu arbeiten, zu zahlen und zu fronden, damit fich 
der franzöfifche Herr nach den Opfern und Wunden des Krieges erholen und aus- 
ruhen Tann. Jeder Zoll, jede Tonne Kohle, jede moralifche Demütigung ſchwächt 
uns, järkt Frankreich, und fo ftellt fich im Laufe der Jahre dag Sträfteverhältnis 
ein, das die heute noch Fünftliche franzöfifche Fremdherrſchaft zu einer natürlichen 
und bleibenden ummandeln fol. Dann wird die franzöfifche Nation ihr 1813 und 
1870 Herb unterbrochenes ſäkulares Ziel erreicht, ihr inneres Gleichgewicht wieder: 
bergeftellt haben. Was Deutfche dabei fühlen, ift höchſtens eine Steigerung ber 
franzöfifchen Siegerfreude, im übrigen einerlei. So fieht mwahrheitägemäß ber in 
Spa feftgelegte Plan „internationalen Wiederaufbaus“ aus. 

Was ift in unferer Lage zu tun? Überhaupt noch eimas? Die Rettung 
aus dem Oſten, nach welcher manche ausfchauen, erfcheint nebelhaft; unfer fchlimmfter 
Gegner iſt immer noch die alte deutfche Illuſionsfähigkeit und Uneinigkeit der Auf: 
fajfung wie der Simmung. Zu tun ift: Die Wahrheit zu erkennen. Aus 
ihr bildet fich jet von ſelbſt Die gemeinfame, einheitliche Vollgüberzeugung. Wenn 
jeder erſt die bisher noch fo vorfichtig verſchleierte Fremdgewalt am eigenen Leibe 
fpürt, haben Tatſachen das erzeugt, was durch Predigen nie erreicht wird: das 

6* 


84 Ein Artikel mit einem Nachwort 





gemeinfame Fühlen, Leiden, Wollen der Nation. Was daraus 
fommt, wiffen wir nit. Immerhin kann eine in fi) einige Nation auch ohne 
Mafchinengemwehre noch immer mehr Erteiden, als eine uneinige im Belig von 
Mafchinengewehren. 

Wir werden verjuchen, die neuen Auflagen zu erfüllen. Der Koblenarbeiter, 
der- jett Tiberfchichten verfahren wird, nicht um die deutjche Volkswirtſchaft zu 
ſtärken, ſondern um ung für Frantreich zu ſchwächen, fühlt nun das fremde Gebot. 
Der Bureauarbeiter fühlt e3, der auf Nahrungdzulagen verzichten muB, damit jene 
Überjchichtenfahrer Diefelben erhalten. Der Aktionär fpürt fie, deſſen Werl an 
Kohle darbt, während Frankreich bald mit deutſcher Kohle Ausfuhrhandel treiben 
tann. Der Preuße fpürt fie, dem Nheinland und Süddeutichland Hinweggejchmeichelt 
werden können, wenn der Schlüffel zur deutſchen Wirtfchaft in Feindeshand iſt. Der 
Nheinländer, der Süddeutfche aber jpürt fie ſchon heute in Geltalt der Beſetzung. 

Die Franzofen hatten bisher einen Limes durch Deutfchland gezogen. Ten 
fonnten fie mit Truppen halten. Seht nehmen fie allmählid) doch ganz Deutjch- 
land in Befiß, in modernerer Form, wirkſamer als Drufus und Napoleon der Erfte. 
Daran aber werben fie foheitern. Niemals hat das deutfche Volk ala Ganzes Fremd: 
herrichaft ertragen, wenn e3 ala Ganzes fie zu fühlen befam. Dann jtellt fich 
fangjam aber ficher der ganze Volkswille auf Wiederbefteiung ein, für die ed auch 
moderne Formen geben dürfte, jelbft wenn fein Gewehr mehr im Lande ij. Wir 
werden feinen Gedanken, kein Geld, keine Kultur mehr übrig behalten für irgend- 
welche andere Zmede. Es wird büfter werden, wir fangen ganz von unten an, wenn 
wir erjt einmal ganz drunten find. Aber dann fangen wir wieder an. 

Wir haben zu wenig aus der frangöfifchen Gefchichte gelernt und find deshalb 
mit unferem Waffenftilitand und Friedensſchluß fo hereingefallen. Aber auch die 
Trangofen haben zu wenig aus der Geſchichte gelernt. Sonst würden fie nicht in 
Spa die Verwaltung Deutichlands an fich gerilfen haben. Ein ungeheurer, unüber- 
fehbarer Umſchmelzungsprozeß fteht dem deutſchen Volk an Leib und Seele bevor. 
Das Drama, das 1914 begann, iſt noch in den Anfängen. 

Der Franzoſe iſt im Begriff, fi) wieder zum Erbfeind jedes Deutſchen zu 
machen. Als im November 1918 Deutſchland die Waffen niederlegte oder nieder: 
warf, dachte noch fein Staatsmann der Entente an den Verſuch vernichtender wirt— 
Tchaftlicher oder zertrümmernder politifcher Siegesausnugung. Der Reſpekt vor dem 
Volt von Tannenberg oder Stagerraf war noch zu gemaltig. Heute wird das deutſche 
Bolf von den Feinden, insbefondere von den Franzojen unterfchätßt, wie es 1918 
vielleicht noch überfchäßt wurde. Man nimmt an, daß auch heute noch Deutfchland 
fih in feine Beftandteile auflöjfen umd der Deutiche unter frenıder Führung wieder 
feine alten ſtlaviſchen Tugenden entfalten werde. Aber Deutfchland verblüfft jeden 
Fremden immer aufs neue ſowohl durch ſeine Fähigkeit zur Selbſtzerſtörung, wie 
auch zur Wiederaufrichtung. So viele Verſuche der Verkrüppelung auch an uns 
verübt werden, dennoch dürfte ſich die Entwicklung wieder nach der aufſteigenden 
Richtung bewegen; und es gibt feine militäriſchen, diplomatiſchen ober wirtſchaft⸗ 
lichen Künſte für die Franzoſen, um dies zu verhindern. 
| An der heutigen Station unferes Leidensweges aber muß man der deutſchen 
Publiziſtik zurufen: Ziel und Zweck unferes Wirken fei jebt, Wefen und 
Entwidlung der Fremdhertſchaft zu beobachten, Mar und nüchtern herauszujtellen. 


Ein Artifel mit einem Nachwort 85 
Wir Haben Parteigegenjäte, und fie werden bleiben. Uber fie müfjen jet alle auf 
gemeinfamen Grund der Fremdherrſchaft ftehen. Es gilt nach der großen Wendung 
von Spa, die Öffentlichkeit auf da3 Kommende vorzubereiten. Vielleicht wird es 
gerade dadurch vermieden, durch offene Behandlungsmeife noch abgewendet. Wenn 
nicht, dann werden dod) die Parteigegenſätze überbrüct und die Sträfte der Nation 
ölonomifch zufamengefaßt, al3 wenn wir fo tun, al ob wir noch PBarteilämpfe inner: 
halb eined Staates mit Selbitbeftimmung ausfechten dürfen. 


Auch muß jet fchon davon gefprochen werden, bevor die nächlten Etuppen 
jich verwirklicht haben werden. Denn unter den vielen Paragraphen des Friedens— 
vertrag, die nacheinander au der Verfchleierung hervortreten werden, hefindet 
ih auch da3 Verbot der nationalen Propaganda. E3 wird vielleicht der Tag 
fommen, wo e8 dem Deutfchen verboten fein wird, dag Wort Fremdherrfchaft noch 
auszusprechen. 

Zum Schluß noch eine Einzelheit von grundlegender Wichtigkeit. Frankreich 
ulaubte fi) in Spa da3 Recht erworben zu haben, unfer mwirtjchaftlicheg Herz, das 
Ruhrgebiet, zu nehmen, wenn irgendwann in den nächſten Dionaten zwei oder drei 
Gewehre mehr in Deutichland vorhanden find, al3 ung erlaubt wurde. Diefer 
Gewehre werden zweifellos im richtigen Augenblid zu viel da fein. Nun haben wir 
uns in Spa dag Recht gewahrt, einen folchen Ginmarfch, den der Friedensvertrag 
nicht vorſieht, als feindlichen Akt aufzufaſſen. 


Wir dürften ſchon heute keinen Zweifel darüber laſſen, daß wir den Einmarſch 
einer Kriegserklärung gleich erachten. Das würde den Einmarſch vielleicht nicht 
hindern. Aber wenn wir ihn mit einem bloßen lahmen Proteſt hinnehmen winden, 
ohne die Diplomatifchen Beziehungen abzubrechen, dann hieße das: wir fühlen ung 
bereit3 als rechtlofes Vaſallenvolk und haben uns darin ergeben. Brechen mir die 
Beziehungen ab, fo erflären wir offen: wir find anneltiert, zu verlieren Gaben wir 
dabei materiell nun nichts mehr, aber wir find mit Gewalt überzogen, und ber 
Feind muß dann auch die SKonfequenzen hinnehmen, ung offen mit Gewalt zu 
regieren. Das ift für ihn viel unbequemer als die ſtlaviſche Anpaffung Beutfchlundg 
an feinen Rechtöftandpuntt. Wenn etwas heute noch die Franzoſen bedenklich ſtimmen 
ann, ihren Kurs von Spa fortzufegen, fo wäre es die Flare Erkenntnis davon, daß 
fie dann die Formen einer Gemaltpoliit annehmen und das Advolatifche abftreifen 
müffen, was innerbeutjch. und international für fe unüberfehbare Folgen bat. Vor: 
ausfegung aber für dieſen wie für jeden anderen Erfolg letzter deutſcher Willens⸗ 
regungen und Freiheitskundgebungen iſt völlige Einigkeit der Nation.“ 


In den Tagen, da dieſer Artikel erſchien, mußte man wahrnehmen, daß die 
öffentliche Meinung Deutſchlands unſicher geworden war. Einerſeits herrſchte die 
Tiberzgeugung von der Unerfüllbarkeit des Spaer Diktates vor, andererſeits bemühte 
man ſich doch begreiflicherweiſe, Mittel und Wege für eine Erfüllung zu finden. 
Die öffentliche Meinung Deutſchlands zeigte ſich in entſcheidender Stunde wieder 
einmal zu ſchwach und zerſplittert. Das Bild, das die „Grenzboten“ Nr. 28/29 
(Grauſame Komödie in endloſer Wiederholung) entworfen hatten, traf zu, und 
auch jetzt, da una dag Meſſer an die Kehle angeſetzt iſt, erſchöpft ſich die deutſche 
öffentliche Meinung ſtatt in geſchloſſener Abwehr in gegenſeitigen unfruchtbaren 
Plänkeleien. Auch hatten die wirtſchaftlichen Sachverſtändigen ihre Tatſachenkenntnis, 


86 Ein Artifel mit einem Nachwort 


aus der unfere Lage in erjchütternder Deutlichleit hervorgeht, nicht in genügendem 
Umfang zur Stenntnis der weiteren Öffentlichkeit gebracht. 

In dieſer Sachlage entichloß ſich die Schriftleitung der „Srenzboten” 
in Verabredung mit dem Herausgeber der „Europäifchen Staat: und Wirt- 
ſchaftszeitung“ Herrn Dr. GSteiniter, dem Chefredafteur der „Deutſchen A: 
gemeinen Zeitung“ Herrn Dr. Kaufmann und dem Berliner Bertreter der 
„Kölnifhen Zeitung” Herm Dr. Wiens eine Aussprache zwiſchen den mirtichaft- 
lichen Sachverſtändigen und führenden Bertretern der öffentlichen Meinung in die 
Wege zu leiten. Diefe Ausfprache hat am 23. Zult ftattgefunden; ihre Ergebniffe 
mwerden in dem Augenblid, da dieſe Zeilen gefchrieben werden, durch die Preſſe 
fchon der Allgemeinheit zugegangen -fein. Ein ausführliches Referat der Aus- 
führungen des Herrn Stinnes wird in den „Grenzboten“ und der „Europäiſchen 
Staats: und Wirtfchaftszeitung” erfcheinen. 

Die Ausführungen der Herren Stinnes, Vögler und dv. Siemens bewegten 
Die Verfammlung durch die greifbare Deutlichkeit, mit der fie Die wirtſchaftliche 
Zerrüttung des ganzen deutſchen Volles infolge des Kohlenentzuges darftellten. 
Wir Deutfche neigen zu einem illufionären Optimismus. Wir haben in jedem 
Monat eine neue Illuſion. Die Illuſion des Monats Yuli kann man vielleicht mit 
dem Wort „Braunkohle“ bezeichnen. Wir verfuchen uns einzubilden, daß bie 
erwürgte deutſche Volkswirtſchaft durch eine gejteigerte Verwertung Der Braunkohle 
abzuwenden wäre. Diefe Illuſion wird wohl ſchon im nächften Monat geſchwunden 
fein, aber dann haben mir vielleicht fchon eine neue und merken wie Hang im Glüd 
gar nicht, wie wir von Monat zu Monat tiefer finfen. Wie die Nation von diefem 
Übel genefen und vom Engländer die Verbindung eines rückſichtsloſen Peſſimismus 
der Erkenntnis mit ebenjo rüdfichtölofem Optimismus ber Tat lernen wird, ift nicht 
abzufehen. Ste müßte mehr ala bisher auf die Stimme ihrer eigentlichen Führer, 
in dieſem alle der Yührer des MWirtfchaftslebens, hören. Die Männer, denen wir 
an dem Abend zuhören durften, find Optimiften der Tat in einem feltenen Sinne, 
ihre Erkenntnis von der tief peilimiftichen Lage unjeres Vaterlandes birgt darum 
nicht die Gefahr einer quietiftifchen Erfchlaffung oder untätigen Verzweiflungs⸗ 
ftimmung. 

Der Nation find zur Zeit die unmittelbaren Wege zur Macht verfperrt. 
Gelangt fie aber zur Einheit ber Erfenntnis, fo wird auch bie 
Einheit deg Handelns nicht außbleiben, die allein uns noch helfen kann und nichts 
fonft auf ber Welt. 





> — — 


— —— — — — 


Die Deutſchen in Spa 87 


Die Deutſchen in Spa 


Die nachſtehenden Ausführungen werben und bon einem neutralen 

Beobachter zur Verfügung geftellt, ber in Spa mit Bertretern aller 
Verhandlungsmächte in Fühlung ftand. 

ie VBremierminifter Englands und Frankreichs haben jid) vor ihren 

Zr G Barlamenten der Erfolge gerühmt, die fie in Spa erzielt haben. Der 

2 Tdeutihe Außenminifter hat mit der berechnenden Ruhe und Ab- 

IM Agstwogenheit, die fein Weſen Fennzeichnet, geäußert, daß Spa für 

wu Deutichland keinen Erfolg bedeute. Ein neutraler Beobachter, der 

die SKräjteverhältniffe der gegnerifchen Parteien undoreingenommen prüft, wird 

hierzu manches zu bemerfen haben. 

Die Lage Deutjchlands auf der Konferenz war die volllommener Berein- 
ſamung. Befiegt, im Innern zermühlt, erfchien es allein vor einer gejchloffenen 
Phalanx von Gegnern, deren erbittertiter, Yranfreih, den Ton angab und der 
ganzen Technik der Verhandlungen das Gepräge abftoßender Schroffheit zu geben 
berfuchte. Wie nie noch ein befiegtes Volk in der Weltgejchichte, fo ftand Deutjch- 
land vor feinen Siegern. Wehrlos, ohne materielle eigene Quellen, ohne Hilfs- 
möglichleit von außen. Der Boden, auf dem es die Verhandlungen zu führen, feine 
Rechte zu vertreten, um feine Eriftenz zu kämpfen batte, war durch die Schranken 
eines Friedeninſtrumentes eingeengt, wie die Gefchichte eines von ähnlicher Härte 
und ähnlichem Raffinement bisher noch nicht gefehen hatte. Geſtützt auf Diefe 
Kodifilation brutalen Willens, fchienen die Sieger alles verlangen und jede Ein- 
wendung mit drohender Gebärde zurüdmweifen zu können. Hierzu kam, daß Die 
Stellung Deutfchlandg gerade im Hinblid auf einzelne Beftimmungen des Friedens— 
vertrages von Berfailles eine formell ziemlich ſchwache war, da geiwvichtige Ver— 
pflichtungen, mie die der Reduktion der Heeresſtärke auf 100 000 Mann, nicht ein- 
gehalten worden waren. Sicher nicht mala fide, mie die Gegenjeite behauptete, 
fondern in der Erwartung, daß die Unmöglichkeit diefer Stipulation beim eriten 
freien Meinungsaustaufch, der fih mit den früheren Gegnern am gemeinſamen 
Berhandlungstifch eröffnete, Eargeftellt werden könne. Immerhin war Deutſch— 
land in der Erfüllung diefer Leiltung im Verzug und hatte die Folgen diejeg Ver— 
zuges zu gemärtigen. 

In diefer Atmofphäre von Haß und Vernichtungswillen, von Mbneigung 
und Mißtrauen hat Deutfchland fih mit Anftand behauptet und manches beachtens- 
werte Ergebnis erzielt. Daß e3 feine Verhandlungen mit Anftand geführt und 
feine Stellung, feiner furchtbaren Lage ungeachtet, mit Würde vertreten hat, war 
der ſtärkſte und unmittelbarfte Eindrud, den alle nichtdeutfchen Teilnehmer ge— 
mwannen und dem in engerem Sreije felbft die franzöfifchen und engliichen Staats: 
männer Ausdruck gaben. In diefem Wiedergewinn an Preftige, deſſen ſich Deutich- 
land noch nicht Far bewußt fcheint, Tiegt ein ftarfe8 Saldo moralifcher Natur, das 
Deutſchland für fich verbuchen Tann. Daß e3 ein Mann des alten Syſtems war, der 
dem Anſehen feines zerjchmetterten Landes zu einer, wenn auch vorerſt gedämpften, 
aber immerhin fchon leiſe erkennbaren Anerkennung verhalf, ift an fih eine 
häusliche Angelegenheit Deutfchlands. Dieſe Tatfache wird aber auch von der Außen— 
welt und von den Gegnern Deutjchlands nicht ohne Intereffe regiftriert und iſt Gegen— 






88 Die Deutfhen in Spa 

ftand vielfahen Meinungsaustaufches unter den Staatsmännern der Entente gemwejen. 
Faſt ein Jahr lang hat man das deutfche Voll in dem Wahn gelaffen, Deutjchland 
würde dadurch, daß es fozialiftifche Minifter mit der Führung feiner Auslandögeichäfte 
betraut und jeden Mann der alten Schule ſorgſam von Dielen Geſchäſten fernhält, 
da3 Vertrauen des Auslandez gewinnen. Wie fchlecht diefe Methode auf eben dieſes 
Ausland wirkte, und wie wenig insbefondere die Verfuche der früheren deutſchen 
Regierung gefhätt wurden, durch Berufung von Paglamentariern auf Auslands— 
poften dem neuen Deutfchland Freunde zu gewinnen, davon hat man ſich in Deutfc- 
land wohl fchmwerlich eine richtige Vorftelung gemacht. Die Konferenz ton Spa hat 
in dieſer Hinficht neue Afpelte eröffnet. Dies fühlt man auch, wie wir Neutralen 
wohl bemerken, in Deutjchland. Aus der allgemeinen Anerkennung, die dem ruhigen, 
roürdigen und Mugen Auftreten von Dr. Simons, von der öffentlichen Meinung 
Deutfchlandg, ohne Unterfchied der Parteirichtung gezollt wird, und die ihre Stüße 
fonar in Äußerungen gegnerifcher Staatsmänner findet, Lingt die unbewußte 
Genugtuung heraus, die das deutſche Volt darüber empfindet, feine Angelegen- 
heiten in den Händen eines ernften und erfahrenen Fachmannes zu willen. Für 
den jungen deutſchen Parlamentarismus bedeuten diefe fpontanen Yußerungen 
des Volksempfindens nicht gerade eine Ermunterung. Die Kluft, die binfichtlicd) der 
Führung der Staatsgeſchäfte zmifchen der Auffallung des Volks und jener bes 
Parlaments beiteht, tritt hier für den Außenftehbenden Har zutage. Deutfchland 
fühlt, daß die Volksredner und Wichtigtuer, Die den Gang der Parlamentsgeſchäfte 
beitimmen und des Beifalles der ihnen ergebenen Koalitionspreſſe unter allen 
Umftänden ficher find, in dem Augenblid verfagen, in dem ihre Leiftungen am 
nüchternen Auslandsmaßftabe gemeffen werden müſſen. Dr. Simons, dem fid) die 
einmütige Zuftimmung der Nation zumendet, ift das gerade Gegenteil eines parla- 
mentarifchen Miniſters. Er hat fein ganzes Leben ber inneren Politik und ihren 
Barteilämpfen ferngeftanden. Für feine ganze bienftliche und politifche Betätigung 
ift nie eine parteipolitifche Erwägung, fondern- lediglich der Staatsgedanle maß» 
gebend geweſen. Die Verhandlungen in Spa haben die ftarfe Tiberlegenheit er- 
wieſen, die ein derart in langer Lebensarbeit auf das Staatsintereſſe eingeitellter 
Geift über die Meifter der Redekunſt befigt, mit denen er fich in die Gefchäfte teilen 
muß. Dieje Verhandlungen haben erwiefen, daß der allzu rafch gewordene deutfche 
Parlamentarismus aus Eigenem noch nicht die Kräfte finden Tann, beren bie 
Nation in ſchweren Augenbliden bedarf. Der Kanzler Fehrenbach, eine Art Rein- 
fultur des Deutfchen Reichstages, verſchwand völlig, ſpurlos und bedeutungslos 
hinter Simons, dem Mann, der dem Reichstag noch vor wenigen Wochen völlig 
unbelannt war. Für den neutralen Beobachter Tiegt hier ein beachtengmerteß 
Symptom vor. Das deutjche Volt ift im Kriege befiegt, das Arbeits- und Ver— 
waltungsfyften aber, unter dem es vor dem Kriege gelebt hatte, war tüchtig und 
gediegen. Im gegenwärtigen Außenminifter hat Deutfchland wieder einen typiſchen 
Vertreter biefes alten Verwaltungsſyſtems Kennen gelernt. Diefer Typ gäbe aud) 
gewiffe Bürgfchaften für die Zulunftsentmidlung Deutſchlands, wenn das beutfche 
Volk fih an ihn halten wollte. Die Lage des Deutfchen Reiches ift eine zu beengte, 
fein Schidfal ift ein zu tragifches, als daß es fich erlauben bürfte, feine fämtlichen 
Geſchäfte durch Dilettanten des Neichstages beforgen zu laffen. Solange das 
Niveau des deutjchen Parlamentes fich nicht dem anderer Großftaaten nähert, wird 


“ Die Denifhen in Spa | 89 


— — 


der deutfche Reichſtag gut tun, fih mit einigen parlamentarifchen Vertrauen- 
männern im Kabinett zu begnügen und die Führung der Staatzgeichäfte denen 
zu überlafjen, die fie verftehen. 

Greift in Deutfchland diefe Erkenntnis Pla, jo würde die Konferenz von Spa 
eine Entwidlungsmöglichleit bedeuten, die dem Preftige Deutſchlands als Nation 
zugute käme. Die Deutfchen haben in Spa — darüber wird auf diefen Blättern an 
anderer Stelle eingehend gefprochen — mand) Pofitives erreicht. (Sie mögen ſich, 
jomeit fie fih von der Gefchäftsführung unbefriedigt fühlen, mit den Italienern 
tröjten, Deren Dertreter in abgelegner Weite vom Sonferenzort Hauften, und Die 
ihre Bereinfamung in vertrauter Aussprache ungejcheut beflagten. Wenn ſchon 
ein Alliierter, der anerfannt gern Opfer für die Ententefache gebracht bat, fo wenig 
zuvorkommend behandelt wurde, kann man fi) über manche Härten der deutjchen 
Aufenthaltsbedingungen meniger mundern.) Die Friſt zur Herabſetzung der 
deutfchen Heeresmacht ift verlängert, die Menge der von PDeutfchland nach den 
allerdings unfinnigen Beitimmungen des Verjailler Friedens zu liefernden Sohlen 
iit herabgefett, die Lieferung von Lebensmitteln zur Steigerung der Arbeitsmög- 
lichkeiten ift zugefichert, für die Verhandlungen über die finanziellen Wiedergut- 
machungen ift der Boden bereitet worden. Gewiß find mit dieſen Zugeſtändniſſen 
der Entente harte und demütigende Auflagen verbunden worden. Rafft ſich aber 
Deutfchland wieder zum Geift nüchterner Arbeitjamleit und methodijcher Geſchäfts— 
führung auf, dem e3 feinen wundervollen wirtfchaftlichen Aufftieg vor dem Krieg 
verdankte, Dann wird es auch imftande fein, Den Voraugfegungen den Boden zu ent- 
ziehen, unter denen diefe Auflagen, insbefondere die Belegung des Nuhrgebietes, 
in Kraft treten. Daß im deutfchen Volk für diefen Geift von eheden Sinn und 
Verftändnis beitehbt, hat die Gefchloffenheit gezeigt, ınit der es fich Hinter den 
erniten und erfahrenen Dann geftellt hat, der in der Perſon des Dr. Simons feine 
Intereſſen in Spa vertreten hat. Es iſt zu münfchen, daß diefes Verftändnig auch 
im deutſchen Barlament Pla greift. Dem deutfchen Reichstag tut Selbfterfenntnig 
und Selbftbefcheidung dringend not, nach alle dem, was die Männer jeiner Wahl 
von Graberger bis Adolf Köfter an Dilettantigmus auf dem Gebiet der äußeren 
Politik geleiftet und am deutfchen Volk verbrochen haben. Jeder Hinweis darauf, 
dab in den anderen parlamentarifch regierten Ländern ausfchließlich Parlamentarier 
die Regierung führen, würde bemweifen, daß es an den Anfängen dieſer Selbft- 
erfenntnis noch fehlt. England, Frankreich und Italien bliden auf eine alte 
parlamentarifche Tradition zurüd und verfügen über eine ganze Generation in ber 
Führung öffentlicher Gefchäfte gereifter und hochwertiger Parlamentarier. Bon 
der Erreichung eines ſolchen Beharrungszuftandes ift Deutfchland noch weit entfernt. 
Es wäre mit der methodifchen Art der Deutſchen und mit ihrer Neigung für Ernft 
und Sachlichkeit fchwer zu vereinbaren, wenn fie dabei beharren wollten, die 
Führung ihrer Negierungsgefchäfte und die Vertretung ihrer Lebenzfragen 
Männern angzuvertrauen, denen es an der Mehrzahl der hierfür nötigen Voraus— 
feyungen mangelt. In diefem Sinne Tann Spa ein Gegenitand ber Selbit- 
belehrung für Volt und Parlament in Deutfchland werden. 





90 Die Derjüngungsmethode — Das aftatifche Problem 


Die Derjüngungsmethode. 
„Leb' mit dem Vieh als Vieh und acht' es nicht für Raub, 
Den Ader, den du erntejt, jelbit zu dDüngen, 
Das ift das bejte Mittel, glaub’, 
Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen.“ 


Seit unſ're Luft am Aderbau geſchwunden, 
Macht ih Mephiftos Rat nur fchlecht bezahlt, 
Und beſſ're Jungbornmittel find gefunden. 
Teils wird die Drüſe abgejtuft beftradlt, 
Teilmeis wird operiert und unterbunden. 


Durchs ganze Land geht ein Johannisſproſſen. 
Selbſt da8 Balletforps fteht in jungem Saft. 
Karriere fahren nun die ält’sten Boffen. 

(Ein Mberaltern der Beamtenſchaft 

Iſt durch den Andrang jüngerer Genofjen 
Zur Futterfrippe jo ſchon ausgejchlofjen.) 


Fehlt ein Gedanke, fehlt der Mut zur Tat 

Den jchlaffen und fenilen Herrn am Steuer — 
Zwei Stunden unterm NRöntgenapparat, 

In ſchlimmern Fällen Eräft'ger Schnitt mit Naht, 
Und das U. U. erglüht von Augendfeuer! 


Im hohen Reichstag ganz dasjelbe Lied! 

‘a, und noch mehr! Denn außer den Beichwerden 
Des Greijentums fällt das Geſchlecht. Mean fieht 
Aus alten Weibern plöglih Männer werden. 


Und eh’ fie noch erfunden, zeigte ſchon 

Steinachs Methode ihre Urgemalt 

An den Miniftern der Koalition. 

Man mußte gleich: Die werden bier nicht alt! 
Pandur 


ET 
DR —— 


“dr / 


INZ.Z TS 
—— I, ER) . 


Das aftatifche Problem 
Don friedrih von Bötticher 


MS us dem Mtertum ift uns die Borftellung überliefert, daß Europa 
AN Jein jelbjtändiger Erdteil ſei. Wir haben vergejjen, Daß Die Grenze 
Izwiſchen Europa und Mien nur mwilltürlich gezogen ilt, daß Europa 
und Aſien eins find, daß AMien die Wiege der Bölfer ift, Die, nach 
| Weſten drängend, Europa bejiedelten. Bor dem Kriege ſchien 
uns das eigentliche Europa an den Weftgrenzen Rußlands zu enden. Port 
ichon ſchied jich die Gemeinſchaft der Kultur, der Wirtjchaft und der Bivilijation 












Das afiatifhe Problent 91 


der weſt⸗ und mitteleuropäiſchen Völker von den gewaltigen aſiatiſchen Länder⸗ 
und Völlermaſſen, über die wir wohl mehr oder weniger genau unterrichtet 
waren, die und aber doch fern erichienen, troß vieler gejchichtlicher, wirtichaft- 
licher und politiicher Zerfnüpfungen, fern twie eine andere Welt. Und bie 
aliatifhen Völker erkannten die Tulturelle, geiftige und wirtichaftliche Bor- 
berrichaft der mweitlich der ruffifchen Grenzen die europäilchen Borländer Wiens 
bemwohnenden Böller an und mußten fich vielfach, willig oder widerſtrebend, 
ihrem politiihen und wirtſchaftlichen Imperialismus beugen. 

Im Weltkriege zerfleiichten fich die europäiichen Nationen. Und der 
Nimbus ber Überlegenheit der europäiſchen Kultur und BZipilifation ging unter 
in den Kämpfen des Weltkrieges, vor denen, die ihn aus der Ferne betrachteten, 
por denen, die aus Border- und Hinterindien als engliiche und franzöfiiche 
Hufstruppen in dem ihnen unverftändlichen Kampf gegen Mitteleuropa ihr 
Leben einjetten, vor denen, die aus den weiten Landftrichen Gibiriend und 
Transkaſpiens unter dem Befehl des Zaren gegen Peutichland und Ofterreich- 
Ungarn heranfluteten, vor denen, die den Mitteleuropäer geächtet ſahen von 
Sranzofen und Engländern in allen Teilen Aſiens, wo man bi8 dahin die 
Europäer, troß allem, als etwas Einheitliches, ald Vertreter Höheren Menfchen- 
tums zu betrachten gewohnt war. Und überallhin drang die Propaganda gegen 
Deutichland, die blutige, verleumderiiche Hehe, der Schrei vom verlebten 
Böllerrecht, von der Freiheit und vom Gelbftbeftimmungsrecht der Völker. 


Und in Rußland erhob fich in grauenhafter Reaktion gegen die ungeſunde, 
frante Zarenherrichaft der Kommunismus mit neuen Lehren, die Befreiung 
von überlieferter Unfrejheit und altem Zoch verhießen. Den Kapitaligmus im 
eigenen Bolfe und dann in der ganzen Welt zu überwinden, war das Biel ber 
neuen Lehre. 


Der Kapitalismus aber ijt der Vater bes Imperialismus unferer Beit. 
Und fo wandte fich der Bolſchewismus nicht allein gegen bie durch den Kapita⸗ 
lismus bedingte gefellichaftliche Geftaltung der zivililierten öller, mehr und 
mehr mwurbe er, von ben Siegern im Weltfriege befämpft, zum Todfeinde Des 
von diefen vertretenen Imperialismus, zum Bundesgenoſſen aller afiatiichen 
Völker, die unter dem imperialiftiichen Joch europäifcher Staaten feufzten. 


Unterſchiede des Glaubens und der Nationalität traten zurüd gegenüber 
der neuen Lehre, die jich an die breiten Maſſen aller Länder gleichmäßig wendet. 
Und wo wie im Islam das kommuniſtiſche Evangelium ald Grundlage einer 
neuen Gejellichaftsordnung feinen Boden findet, da wirkt e3 nicht weniger 
ftark in feinem Streben nach Befreiung der Böller vom europäilch-imperialifti- 
ſchen Zoch. Das zariltiiche Rußland wollte jich einft in feinem Drang zum Meer 
Indien, Berfien und die Türkei unterwerfen, das kommuniſtiſche Rußland nimmt 
die überlieferte Feindichaft gegen England wieder auf, fucht aber in dieſem 
Gedanken und mit diefem Biel den Weg zum Meer im Zufammenfchluß mit den 
Böllern des ajiatiichen Feſtlandes und ftrebt einen afiatiichen Imperialismus 
an, der fich unmittelbar gegen den engliſchen Imperialismus richtet, der im 
Gedanken ber Weltrevolution Europa mit Wien vereinen, e3 in einem neuen 
großen afiatiihen Gedanken aufgehen laſſen will. 





92 Das afiatifhe Problem er 


mm m — —— — —ñe 


So wird aus dem Ruſſentum, das Europa und Aſien verbindet, beiderſeits 
des Ural ſeinen ſtarken Einfluß ausübt, ein neuer weltgeſchichtlicher Gedanke 
geboren. Der Krieg, der mit dem Frieden von Verſailles und den zugehörenden 
Friedensſchlüſſen ſeinen vorläufigen Abſchluß fand, erſcheint als ein Vorſpiel 
einer gewaltigen Menſchheitsbewegung, in der, ähnlich wie in den Zeiten der 
Völkerwanderung, neue Kräfte aus den weiten Landmaſſen Aſiens hervor- 
brechen, die europäiſchen Mächte, insbefondere Englands aſiatiſches Imperium 
ichwer bedrohend. Aſien bäumt ſich auf gegen die Vorherrichaft feiner Kleinen 
Halbinjel Europa. Und das Wort vom Gelbjtbeitimmungsredht der Völker, 
von den Giegern nur dort angemanbt, wo e3 galt, politischen Einfluß zu er- 
werben und den Befiegten ohne Rüdjicht auf Hiftoriihe und mirtichaftliche 
Zujammenhänge zu veritümmeln oder zu vernichten, wurde nun zum einigenden 
Programm, das die afiatifchen Völker mehr und mehr unter fi) und mit Moskau 
verfnüpfte. 

So finden wir in ber vom Bolſchewismus verheißenen Erlöfung der breiten 
Maſſen von den Mühen ihres Dafeing, in dem Kampf gegen die Vorherrſchaft 
europäiiher Mächte über Aſien und im Streben nad Gelbitbeftimmung der 
Völker die Gedanken, mit denen die Unterjchiede jich früher befämpfender Na- 
tionalitäten und Religionen überwunden werden. Und die Politik der Sieger 
im Weltkriege, vor allem Englands, tut das ihre, um dieſe Einheitlichteit zu 
fördern und die Kräfte in Aſien, die fich früher die Wage hielten, zu einen. 
Einft fürdhteten die Türken den Ruſſen, es beitand Yeindichaft zwiſchen Türken 
und Bulgaren, Türken und Arabern, Türken und Rerjern. Englands Herrichaft 
in Indien fand ihre jtärkfte Stüße in ber Uneinigfeit der indiſchen Völker. Früher 
fonnte britiiche Politit einen Staat gegen den anderen ausipielen. Jetzt jind 
fie alle vereint, mweil jie alle von der Politik ber fiegreichen Weftmächte bedroht 
jind. | 

Bon ben islamiſchen Völkern wird Englands Politik al3 treulos erkannt 
und als ſchwerſte Verlegung der Heiligften Gefühle der islamiſchen Welt 
empfunden. Den indiihen Mohammedanern wurde im Anfang des Krieges 
durch Lord Hardinge, den damaligen Vizekönig, feierlich verlichert, daB der 
Krieg gegen die Türken nur bas Ziel habe, die Stellung des türfiihen Sultans 
und fein erhabenes Amt al3 Kalif zu ftügen und zu ftärfen, durch Befreiung 
der Türlen vom Joch der Jungtürken. Der Krieg richte fi) auch nicht gegen 
das türkiſche Volt und die heiligen Stätten des Islam. Noch am 5. Januar 1918 
erflärte Lloyd George, daß England die Türkei nicht befriege, um fie ihrer 
Hauptitadt, Kleinafiens oder Thraziens zu berauben. So blieben bie indijchen 
Mohammedaner England treu und leifteten ihm im Weltkriege die größten 
Dienite. England aber arbeitete entgegen allen Verſprechungen während des 
Krieges an derinneren Zerfegung der Türkei, um dann, nachdem die Entſcheidung 
gefallen war, in dem am 11. Mai 1920 der türkiſchen Regierung Üübergebenen 
Friedensvertrage den alten türkifchen Staat zu zerichlagen und einen nur dem 
Namen nad) jelbftändigen, in Wirklichkeit unter Vormundichaft ftehenden 
Torjo beftehen zu lafjen. 

Starke Erregung durdyzittert die islamische Welt. In Indien Hat der 
Wortbruch Englands Heftige Erbitterung bei ben mohammedaniſchen Indern 


Das aflatifche Problem 93 


aller Selten ausgelöft. Die Hindus jchließen ich ihnen an. Ende März 1920 
bat eine indijche Kalifatsdelegation bei Lloyd George gefordert, daß der Kalif 
feiner mweltlihen Macht nicht entkleidet werden dürfe, daß er Schirmherr der 
heiligen Stätten bleiben müffe, ob fie nun wie Mekka und Medina an den von 
England3 Gnaden gejchaffenen König Hufjein von Hedſchas überwieſen, oder 
wie Zerufalem und die in Mejopotamien gelegenen heiligen Stätten unter 
engliihe3 Protektorat geitellt find. 

Die arabiihen Stämme, denen engliſche Propaganda ſeit Jahren Be- 
freiung von der türkifchen Herrichaft verheißen Hatte, find nicht gewillt, ſich an 
Stelle des erhofften großarabiichen Staatsweſens in Mefopotamien und Syrien 
englifdem oder franzöſiſchem Einfluß zu unterwerfen. 

Ein Abtommen, das England am 9. Auguſt 1919 mit der ſchwachen Re⸗ 
gierung in Teheran jchloß, jollte aus Perjien ein zweites Aegypten machen: 
Unter Kutſchuk Khan erhoben fich aber im Bündnis mit dem Bolſchewismus 
die friegerifchen Stämme Nordweitperjiens gegen England und die von England 
abhängigen perjiichen Kreiſe. 

So bebt e3 in der ganzen islamiſchen Welt, gärt es in Indien und Yegypten, 
flammt in Kleinafien unter Muftafa Kemal Paſcha offener Krieg gegen Eng- 
länder ımd Franzofen und die im engliichen Sold fümpfenden Griechen auf. 
Und gleichzeitig verknüpft fich in Indien, den indischen Randitaaten, Perſien, 
der Türfei die bolſchewiſtiſche Agitation, die Politik Tichiticherind mit der Be- 
wegung im Islam. 

England hat die Gefahr erfannt, die ihm aus dem Zulammenarbeiten 
des Bolichewismus und des Islam in einer afiatischimperialiftiichen dee 
erwächlt. Darauf vertrauend, daß es der islamischen Bewegung Herr werden 
wird, ſucht es den Bolſchewismus von ihr zu trennen. Und fo jtrebte es zunächſt 
danach, den Bolihewismus mit Gewalt zu ftürzen und da3 rujliihe Neid) 
dem Syſtem der europäifchen Demofratien einzuordnen. Es unterjtüßte die 
gegenrevolutionären ruſſiſchen Generale, juchte jelbft durch; Truppenlandungen 
in Archangelsk und Odefja einzugreifen und hat von dem Vorſtoß der Polen 
gegen Somjetrußland im April 1920 wohl den Zujfammenbruch der boljche- 
wiſtiſchen Herrichaft erhofft. Der Erfolg blieb aus. Die Angriffe von außen 
ſtärkten die militärischen Kräfte der ruſſiſchen Revolution, die jich nicht allein 
behauptete, jondern fiegreich alle ihre Gegner niederjchlug, zuletzt in dem 
größten Kriege, den fie bisher zu führen hatte, den ruffiihen Nationalfeind, 
den Staat, der Deutichland für immer von Rußland trennen follte, die Polen. 

Und fo beginnt Englands Politik, in der Erkenntnis, daß das neu erjtehende 
Rußland mit Waffengemwalt nicht niederzumerfen iſt, fchon feit Monaten um- 
zuſchwenken und verjucht, twirtichaftliche Beziehungen zu Rußland anzufnüpfen, 
durch fie die von Alien drohende Gefahr zu bannen. Und fie fchlägt Rußland 
jüngft Waffenftillftand und Frieden vor und fordert von ihm das Ende des 
Krieges gegen Polen. 

Die Somjetregierung fordert ihrerfeit3 vor allem Anerkennung durch die 
wefteuropäiichen Großmächte. Gleichzeitig aber verhehlt fie nicht, daß fie wirt- 
ihaftlihe Zuſammenarbeit mit anderen Induſtrieſtaaten dringend braucht. 
Denn der Boljchemismus hat Rußlands Wirtichaft, feine Induftrie, fein Trans» 


94 Das aflatifche Problem 


portweſen ſchwer gefchädigt. Aus eigener Kraft kann der Wiederaufbau nicht 
erfolgen. Fremde Hilfe iſt nicht zu entbehren. Aber die Somjetregierung weiß 
auch, daß Europa den Wiederaufbau Rußlands dringend braudht, weil es auf 
die Dauer die ruffifchen Rohftoffe, das ruffifche Getreide nicht entbehren kann. 
Und fo tritt auch auf wirtſchaftlichem Gebiet Somjetrußland den Weſtmächten 
mit großartigem Selbftbewußtfein als gleichberechtigte Macht gegenliber. 

Am Dunkel der Zukunft ruht die weitere Entwidelung de3 hier umrifjenen 
afiatiihen Problems. Auch im fernen Dften tauchen im japaniſchen Tapita- 
liſtiſchen Imperialismus neue Probleme auf, die China und Rußland berühren 
und der Löſung in näherer oder ferner Zukunft harren. In Deutichland aber 
beginnt man zu fühlen, daß das afiatifche Menfchheitsproblem auch uns mit- 
reißen wird, daß hier auch für unjere Zukunft beftimmende Enticheidungen 
heranreifen. 

Die zahlloſen Fäden, die uns mit der Weltwirtſchaft verbanden, ſind 
zerriſſen. Auf eigenen Schiffen führten wir bis zum Kriege unjerer Induſtrie 
Rohſtoffe zu, verteilten wir unſere Fabrikate über die Welt. Unſere Schiffe 
find uns genommen, zahlreiche Rohftoffe, die früher nur oder vorzugsweiſe 
in Deutichland verarbeitet und durch deutichen Fleiß der Weltwirtichaft dienftbar 
gemadht wurden, finden jet Weiterverarbeitung an anderer Stelle. Unfer 
gewaltiger Handel ift in vielen Ländern der Erde ausgeichaltet. Wir müſſen 
neue Wege, neue NRohjftoffgebiete, neue Abjagmärkte ſuchen. Und da liegt im 
Oſten Rußland, da3 gewaltige Mien, der Kräfte harrend, die ihm neues Leben 
geben follen. Ein Engländer, 3. M. Keynes, weiſt darauf hin, daß Rußlands 
Wiederaufbau PDeutichlands Zulunftsaufgabe ift, wenn er in feinem Bud) 
„Ihe economic consequences of the peace“ jagt: „ch jehe fein Mittel, die 
Berlufte der ruffiihen Produktion wieder gutzumachen außer durch deutichen 
Unternehmungsgeift und deutiche Organijation. Es ift aus geographiichen und 
manchen anderen Gründen unmöglich, daß Engländer, Franzoſen und Ameri- 
faner da3 unternehmen.“ 

Mit unferer wirtfchaftlichen Zukunft alfo find wir tief verjtridt in dag 
afiatifche Problem. Und da alle Politik ein Ausfluß der Lebensäußerungen und 
Lebensnotwendigkeiten eines Volkes ift, fo muß fich auch unfere Politik nad) 
außen und innen mit ihm auseinanderſetzen und verfnüpfen. 

Bon Oſten her rüden die bolfcherviftifchen Armeen näher und näher unjeren 
Grenzen zu. Auch ein Waffenitillftand mit Polen ift vielleicht fein endgültiger 
Abſchluß. Wohl find die Ruſſen ſchwach gegenüber den Millionenheeren des 
Weltkrieges, gegenüber den Rüftungen der Mächte, die im Weften Deutichland 
mit Einmarfch in beutfches Land, ins Ruhrgebiet bedrohen. Kaum mehr als 
400 000 Mann mögen bie bolfchemwiftiichen Truppen zählen. Auch unjere eigene 
Rüftung ift ſchwach; fie verringert fich unter fremdem Drud von Tag zu Tag 
und damit ſchwindet immer mehr die Möglichkeit wirkſamen Schußes unjerer 
Grenzen. Es ift die große Aufgabe unferer Politik, Deutichland in das aſiatiſche 
Problem Hineinzuführen und die frieblihe Politit Rußland gegenüber fort- 
äujeßen. Rußland muß wiſſen, daß Deutichland mit ihm friedlich) zuſammen⸗ 
arbeiten will im gegenjeitigen Austauſch geiftiger und materieller Güter. Wir 
ind neutral in den Kämpfen zwifchen Rußland und feinen Gegnern und fordern 


Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 95 


dafür, daß Rußland die Grenze bes deutſchen Volkstums achtet, auch über bie 
jetigen Grenzen Deutichlands hinaus. Ben Friedensvertrag von Berfailles 
werden wir nach befter Kraft erfüllen und uns durch unfere Arbeit Vertrauen 
erwerben in der ganzen Welt. Aber niemals wird jich ein Deuticher Dazu bereit 
finden, Rußlands Feinden mittelbar oder unmittelbar zu helfen, jolange Rußland 
unfere Grenzen achtet. 

Uns liegt die große Nufgabe ob, die Löſung des afiatiich-europäiichen 
Broblems zu finden, ſoweit es im Gegenjat zwiſchen ertremem Kapitalismus 
und feiner Berneinung, dem Bolſchewismus liegt. Berfallen wir ſelbſt dem ung 
wefensfremden Boljchewismus in irgend einer Form, entwideln wir nicht aus 
ung jelbft und in unjerem Rolle die Löſung der großen Frage der verantwort- 
lichen, freudigen Teilnahme aller Schichten des Volkes und jedes einzelnen am 
wirtichaftlichen und öffentlichen Leben, jo ift unjere Zukunft dahin, jo geben 
mir unter in einer Bewegung, die ung tötet und verichlingt, weil fie unferer 
Weſensart nicht entipricht. Die religiöje Auffaſſung des Ruſſentums läßt den 
einzelnen in der Allheit aufgehen, germanijcher Glaube erblidt in der Erlöjung 
des einzelnen, des Individuums den Weg zur religiöfen Erlöfung der Geſamtheit. 
Hier liegen die tiefften Wurzeln der grundlegenden Unterjchiede des ruſſiſchen 
Bolſchewismus gegenüber der germanifchen Auffaljung des Sozialismus. 
Beide Völker müſſen den Weg gehen, der ihrer Eigenart entipricht. Die Frage, 
ob wir an unferer Eigenart fefthalten und auf ihr weiterbauen oder ob wir von 
dem ruſſiſchen Ideenkreis überwunden werben, entjcheidet über die Zulunft 
des Deutichen jchlechthin, enticheibet darüber, ob wir dem afiatifchen Problem 
gegenüber Handelnd und jchaffend uns behaupten oder leidend von ihm ver- 
ſchlungen werden. Sie entjcheidet darüber, ob Deutiche und Slaven fich fördernd 
und gegenjeitig ergänzend an der Zukunft bauen oder ob das Deutſche im 
Slaventum untergeht. In den innerften, den religiöfen Kräften, im Behaupten 
der Eigenart und im Weiterbau auf ihr ift das Schidfal der Völler beſchloſſen. 





Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling 
(1915—1917) 


Don Franz von Stodhammern, Miniflerialdireftor im Reichsfinanzminiſterium 


VI. 


Luzern, den 30. Juni 1916. 

Was die politiſche Geſamtanlage anlangt, ſo ſieht Graf L., den ich im Auftrag 
Eurer Exzellenz beſuchte, mit ſchwerer Sorge in die Zukunft. Er iſt auf Grund 
der ihm von England zugehenden Nachrichten überzeugt, daß England noch einen 
weiteren Winter 1916/17 kämpfen will und befürchtet, daß es der engliſchen 
Diplomatie gelingen wirb, die Verbündeten bei der Stange zu halten, ganz bejonders 
nachdem ihnen der Gang der Operationen in ber Bukowina und der Rüdzug ber 
Öfterreiher aus Oberitalien neuen Mut und neue AZuperfiht eingeflößt hätten. 
Hierzu komme noch, ba, fomweit er die Sache überfchauen könne, die Ernte in 


96 Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


— — — 


Deutſchland nicht ſo günſtig auszufallen ſcheine als urſprünglich angenommen und 
bedauerlicherweiſe in der Offentlichkeit (Preſſe) für notwendig erklärt worden fei. 
Ich gewann den Eindruck, daß Graf L. ſich darüber wundert, daß die Zenſur, 
die bei uns doch muſterhaft arbeite, der Erörterung der Ernährungsfragen ſo 
weiten Spielraum gewähre, während doch gerade dieſe Dinge von der Preſſe 
und den Agenten des Vierverbandes auf das forgfamfte verfolgt würden. Außerdem 
Scheint Graf L., der in Oſterreich-Ungarn ſelbſtverſtändlich ſehr viele Attaches 
befist und über bie dortigen Verhältniffe genau unterrichtet ift, zu befürchten, daß 
die Donaumonardie auf die Dauer mit dem Menfchenmaterial nicht nad): 
halten Tann. 


Luzern, den 17. Juli 1916, 

Somohl aus Genf wie aus Bern find mir über die von den Rufjen gegen 
Galizien vorbereitete, neue und gewaltige Offenjive Informationen zugegangen, 
die dadurch), daß fie, obwohl aus fo diametral verfchiedenen Quellen ftammend, 
dasfelbe befagen, felbitverjtändli an Bedeutung gewinnen. 

Wenn die öfterreichifche Heeresleitung nicht bereit3 einmal gegenüber 
dem erften Stoß Bruſſilows verjagt hätte, könnte es überflüfjig erjcheinen, auf 
derartige Meldungen befonders hinzuweiſen. Angejicht3 der alles Glaubliche 
überfteigenden Bummelei jedoch, die anfangs Yuli an der öfterreihiichen Dft- 
front Herrichte und die die Armee Brufjilom ſich mit dem von ung bitter emp- 
fundenen Erfolge zunutze machte, fcheint e3 veranlaßt, nicht3 außer acht zu 
laffen, was zu einem Drud auf die Ofterreicher verwandt werden kann. Wie ich 
geftern gehört habe, waren die Verhältnifje in den von Bruſſilow eingeftoßenen 
Abichnitten der öſterreichiſchen Front jehr idylliſche. Es fteht feit, daß öfter- 
reichifche und ruffiiche Offiziere Hinter der Front gemeinfame Jagden ritten, 
ſowie daß der inzwiſchen allerdings ziemlich unjanft vom Kommando entfernte 
Erzherzog Joſef Ferdinand an dem Tag, an dem die ruffiiche Offenſive einſetzte, 
irgendwo dem Weidwerk nachging. Die Sorge, mit der mein Genfer Gemährs- 
mann unter diefen Umftänden den fommenden Creignilfen in Galizien ent- 
gegenfieht, begreift Jich ebenfo, wie die dringliche Form, in die er feine War- 
nungen Heidete. 

Sehr bejorgt fand ich ihn auch Hinfichtlicy Englands. Nach feinen Infor⸗ 
mationen ift die engliſche Regierung entichlojfen, alles zu tun, mas in ihren 
Kräften fteht, um die Verbündeten mindeftens bis Herbft 1917 bei der Stange 
zu halten. Daß es Joffre gelang, die engliiche Heeresleitung jest ſchon zu einem, 
von General Douglad-High als verfrüht erklärten Losſchlagen zu bejtimmen, 
jei ein Faktor, der Herrn Asquith einigermaßen die Rechnung verborben zu 
haben fcheint. 


Luzern, den 18. August 1916. 
England iſt — damit ftimmen alle glaubwürdigen Berichte überein — mehr 
als je entſchloſſen, durchzuhalten. Wie ich höre, wird es in diefem feinem Entjchluß 
nicht zuletzt durch die Berichte beftärkt, die der derzeitige amerikaniſche Botjchafter 


Aus Geheimberihten an den Grafen Bertling 97 
in Berlin, Gerard, über die Stimmung in Deutfchland und über das Mikvergnügen 
ber Bevölferung über die Ernährungsfragen nad) London gelangen läßt. Herr 
Gerard unterhält eine Reihe von Agenten in den größeren Städten Deutjchlandg, 
Die über alles, was fie auf Grund der Äußerungen der Lokalpreſſe und gefchidter 
Benübung anderer Suformationzquellen über die Stimmung in Deutfchland in Er- 
fahrung bringen können, an ihn berichten. Die Schlüffe, Die Herr Gerard aus dieſen 
Berichten zieht, machen in England jtarfen Eindrud. Es ift im nationalen Intereſſe 
zu bedauern, daß fpeziell unfere baberifche Preffe den Agenten bes Herrn Gerarb 
reichliches Material für ihre Berichte zu liefern ſcheint. Ein ähnlicher Apparat 
fungiert in Oſterreich-Ungarn, für das jedoch in England, wie ich nicht unterlaffen 
möchte beſonders zu unterftreichen, in ſteigendem Maße nachſichtige Sympathien 
ſich geltend machen. 


Ich geſtatte mir, Euer Exzellenz geſondert und vertraulich über die 
Unterredungen zu berichten, die ich mit einem neutralen Diplomaten, ſowie mit 
einem nicht in Bern beglaubigten Herrn des öſterreichiſchen Auslandsdienſtes gehabt 
habe, und in denen eine ähnliche Auffaſſung zutage tritt. Den Außerungen der 
erſtgenannten Perſönlichkeit war zu entnehmen, daß man in den wenigen uns freund⸗ 
lich geſinnten neutralen Ländern um den Ausgang des Kampfes für uns beſorgt zu 
werden beginnt. Wie mein Gewährsmann ſich äußerte, ift man in den ihm zu⸗ 
gänglichen politifchen Streifen darüber erftaunt, daß Deutfchland in Sachen der 
italieniijhen Offenfive den Öfterreichern derart freie Hand gelaffen babe. Wie bitter 
fih dies räche, das bewieſen die Fortichritte der Ruſſen an der öfterreichifchen Oft» 
front, gar nicht zu reden davon, daß die Staliener ihrerfeit3 ebenfalls neueftens 
ftarfe Erfolge erzielten. Man fei ſich im neutralen Ausland. über die Gründe diefer 
unſerer Nachgiebigfeit gegenüber Wien nicht ganz Mar, halte fie aber für in ihren 
Folgen für die gemeinfame Sache der Zentralmächte verhängnisvoll. Beſonders 
beforgt ſprach fich mein Gewährsmann rüdfichtlih Englands aus, wo die Ent» 
Schloffenheit zum Durchhalten mehr und mehr zunehme. Wir hätten uns gegenüber 
feinem Lande jo ſchwer getäufcht, wie gegenüber England, deffen finanzieller Zu⸗ 
ſammenbruch vom -damaligen Staatsfetretär des Reichsſchatzamts vor einem Jahr 
ala für den Sommer 1916 ficher zu erwarten angelündigt worden fei, während 
England de facto bis heute noch nicht einmal eine innere Anleihe aufgelegt habe. 


Sn ähnlichen Gedankengängen bewegten fi) die Äußerungen des oben er: 
wähnten öfterreichifchen Herrn, der, wie ich wiederholt Tonftatieren Tonnte, ſich 
in der Schweiz in geheimer Miffton befindet und über italienische und franzöfiiche An⸗ 
gelegenheiten jehr gut orientiert if. Er äußerte ſich fehr peilimiftiich über den 
Stand der Dinge an den beiden Fronten Oſterreich-Ungarns, wobei ich mir er- 
lauben möchte herhorzuheben, daß e3 fi) um einen Mann von gereiften Urteil und 
bon energifchem Charakter handelt. Dan danke in allen einfichtigen öfterreichiichen 
Kreifen Gott dafür, daß Generalfeldmarfhall von Hindenburg nunmehr in bie 
Erfcheinung trete und bedaure nur, daß dieſe Maßnahme, gleich wie jene der Zu: 
teilung des Generals von Seedt an ben öſterreichiſchen Thronfolger, nicht ſchon vor 
einem Sabre erfolgt fei. Man feße alle Hoffnung auf Hindenburg und Seedt und fet 
überzeugt, daß beide aus ber derzeitigen verfahrenen Situation alles herauöpolen 
würden, was aus ihr zu machen jet. 

@renzboten III 1920 7 


98 Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling 


Die gemeinſame Linie der mir ſeit meiner Rückkehr gewordenen Informationen 
geht dahin, daß man ſich allerſeits bei der Entente mit dem Gedanken an den dritten 
Winterfeldzug abzufinden beginnt. Darüber die Nation hinwegtäuſchen zu wollen, 
wäre ein Verbrechen. 


Bern, ben 7. September 1916. 


Ich habe Gelegenheit gehabt, in ben letzten Tagen einen Euer Erzellenz be- 
kannten hoben öfterreichiichen Geiſtlichen, ſowie Monfignore ©. zu fehen. Der 
erftere war ernjt und fprach ſich vertraulich wegen Oſterreich-Ungarn beforgt aus. Er 
ließ mir in ber ihm eigenen zurüdhaltenden Art ducchbliden, daß nach feinen In⸗ 
formationen — und er hat fich bisher immer richtig informiert erwiefen — Rußland 
dasjenige Slieb des Vierverbandes fei, das, wenn mir es gefchidt anfingen, am 
ebeiten, und zwar noch vor Eintritt des Winter zu einem Separatfrieden zu haben 
fei. Auffallend ift, daß Monf. M., den ich neulich traf, fih in ähnlichem Sinne, 
und zwar konkreter dahin ausſprach, daß mit Stürmer etwas zu machen fei, wenn 
Rußland Ausficht haben würde, unter Wahrung feiner militärifchen Ehre aus dem 
Kampfe außzufcheiden. Er berief ſich ala Quelle auf einen diftinguierten Ruſſen, 
der ein Gegner Stürmers fei und die Möglichkeit eines ruffiichen Separatfriedens 
als Die wenig erfreuliche Tyolge des Abganges des Herm Saſſonow bezeichnet habe. 
So fehr im allgemeinen Monf. M. gegenüber eine gemiffe Stepfis am Platze ijt, fo 
gewinnt dieſe Hußerung doch dadurch an Bedeutung, daß fie fich inhaltlich jener des 
genannten geifllichen Würdenträgers dedt, der bisher noch nie auch nur andeutungs- 
weife über derartige Dinge eine Meinung abgegeben hat, wenn er nicht, wie fidh 
jpäter beraugjtellte, jichere Grundlagen für feine Behauptung hatte. Wenn Euer 
Exzellenz ſich erinnern wollen, werden Hochdiefelben feſtſtellen können, daß ſowohl 
feine Außerungen über die Dauer bes Krieges und über die Augfichtslofigkeit aller 
auf Herbeiführung eines Separatfriedeng gerichteten Bemühungen, ala feine fon: 
treten Mitteilungen über die Bedeutung und die Wucht der Aktion Bruffilow durch 
den Gang der Greigniffe ihre Beitätigung gefunden haben. E3 ift unter Diefen 
Umſtänden der Schluß erlaubt, daß die Quellen, auf die er feine Überzeugung ſtützt, 
wir. könnten mit Rußland zu einer gefonderten Berftändigung kommen, ernſt zu 
nehmen find. Er fieht, troß feiner Zurüdhaltung, eine Menge von Leuten und 
bat erft jüngſt wieder Gelegenheit gehabt, ficy über die Stimmung in England auf 
Grund von Berichten zu informieren, die ihm von Dort zugingen. Der Eindrud, 
den mein Gewährsmann aus diefen Mitteilungen gewann, war ein für die Sache 
des Friedens ungünftiger. Die führenden Sreife Englands glauben, Deutfchland 
müſſe, und fei e8 auch erjt im Jahre 1918, Klein beigeben und billigen die Zähigkeit, 
niit der die Regierung diefen die Nation beherrfchenden Gedanken in die Tat um— 
zuſetzen bemüht ift. England ift, darüber kann ein Zweifel nicht beitehen, derzeit 
einem Löwen zu vergleichen, der fi) anfangs langfam und zögernd erhoben hat, ber 
aber jetzt, nachdem er einmal in Bewegung ift, feine Kräfte zu einer gewaltigen An⸗ 
jtrengung ftrafft. Er ijt über bag, was er auß England hörte, fehr befünmert, da 
es ihn in der Befürchtung beitärkt, dab ber Krieg ſich noch bedenklich in die Länge 
ziehen werde 


Das Berliner Bühnenelend 99 


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Wie fein bei ihm lebender Sollege, der mit ihm in einem anjcheinend mehr 
und mehr vertrauensvollen Verhältnis fteht, mir mitteilte, fieht mein Gewährsmann 
für die Zukunft Europas düſter. Ihm Tiegen die Hauptjchwierigfeiten auf dem 
Gebiet der innerpolitiiden Entwidlung und er befürchtet, daß im Falle eines ung 
ungünftigen Ausganges des Krieges PARTEIEN) ſchwere innere Unruhen nicht er= 
ipart bleiben werden. 





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Das Berliner Bühnenelend 


© er Theaterdireftor will ein gutes Gefchäft machen, das Publikum 
will ſich im Theater gut unterhalten — an dieſen beiden Tatjächlich- 
feiten fommt fein Gerechter vorbei. Daß gelegentlich auch vortreff: 
lihe Stüde volle Häufer erzielen und daß manchmal ſogar eine 

Y— wirkliche Dichtung die Kaffe gefüllt hat, rettet uns, über Theater: 
direftor und Bublifum hinaus, die hohe Kunft. Dabei foll beiden keineswegs Die 
Empfänglichkeit, jelbit die Liebe für das Drama großen Stils beitritten werden. 
Kommt doch der Theaterdireftor zumeiſt aus den Gefilden der himmlischen Göttin, 
hat ihr in feiner Jugend Rofentagen vielleicht begeiftert gehuldigt, hat, joweit 
Menſchenwitz es vermag, an Ideale geglaubt, und wird es fich auch im fehr gejehten 
Mannesalter noch fehr ernfilich verbitten, mit gewöhnlichen Banknotenerraffern in 
einem Atemzuge genannt zu werden. Cbenfomwenig lehnt der normale Theater: 
befucher eine Poetenfchöpfung grundfäßlich und boshaft ab. Gewiß, er bevorzugt 
die Hopp3-Operetten, die Poffen mit dürftigen, unaufdringlich geiftlofen Kuplet- 
berfen und entjprechend ftrammen Mädchenbeinen, aber wenn ihm eine feljelnde 
Handlung begegnet, lehnt er fie nicht fchon deshalb ab, weil ein Begnadeter fie 
erfonnen bat. Diefelbe Aufnahmefähigfeit und teilnahmsvolle Freude, die er in? 
Kino mitbringt — man ift von vornherein bereit, fich für fein einmal hingegebenes 
Geld zu ergößen und gibt nicht leicht zu, e8 an einen langweiligen Quark fort: 
geroorfen zu haben —, diefelbe Aufnahmefähigfeit zeigt er auch im Theater. Ver: 
ftändige Kritik Tann ihn im redlihen Wollen beftärfen und eine lange Wegitrede 
leiten. Wie fie andererfeits den Theaterdireftor zu beeinfluffen vermag. Wenigitens 
die Herren der alten Schule laffen zumeilen an ihr Gemwiffen rühren, hören e3 dann 
und mann gern, wenn fie literarifchen Ehrgeizes bezichtigt werden, und nehmen, bei 
fonft erbaulichem Gefchäftsgang, diefem Lob zuliebe auch wohl eine Opferlaft auf 
fih. Bon ſolchen, allerdings altfränkifchen Wallungen bleiben grundfätlich nur die 
Kuliffenfchieber der neueiten Neuzeit verfchont, die ftatt mit Stiefeln und Schmalz 
zufällig mit Theateraufführungen handeln. Da fie nichts zu verlieren und alles zu 
gewinnen haben, find fie fogar zyniſcher als ausgediente Literaten und ehemalige 
7* 





100 Das Berliner Bühnenelend 





blutige Kritiker, Die das letzte bißchen Tünftlerifche Anftandagefühl über Bord 
werfen, fobald der Dämon Zufall fie einmal zur Führung einer Bühne beruft. 

- Unermüdliche kritiſche Arbeit, an großen Blättern ausgeübt, und fo Hug aus- 
geübt, daß fie der billettbezahlenden Maſſe glatt eingeht, iſt imſtande, fogar für echte 
Kunft Stimmung zu machen: und bie widerftrebenden Thentergänger vorübergehend 
in ihren Bann zu zwingen. Wenn es Brahm gelang, Ibſen in Mode zu bringen, 
fo verdankt er und die deutfche Gemeinfchaft dies hauptfächlich der unermüdlichen 
Merbetätigfeit brahmbefreundeter Rezenſenten, bie jahrelang nicht oder Tießen. 
Herr und Stau Omnes fperrten fich zuerit verzweifelt gegen das bittere Futter, laſen 
aber die geſchickt an gar nit vorhandene Literaturinftintte appelllerenden 
Feuilletons fo oft, daß ſie fchließlich ihrer Neugier folgten. Ibſen gehörte zur 
Bildung, nachdem fein Name unterm Strich zehntaufendmal genannt worden mar. 
Da in den meiften feiner Dramen genug vorgeht und die Sardoutechnif mit allerlei 
verzwickten Frageftellungen, bitterböfen („unanftändigen“) Anklagereden verjöhnte, 
fam eigentliche Langeweile beim Parkettſpießer nicht auf. Oder er wagte es doch 
nicht, fie und damit ſich zu verraten. Diber Ibſen — ich fpreche bier weniger 
Titeraturgefchichtlich als kulturgeſchichtlich — ift dann auch Hauptmann, Strindberg, 
Wedekind der Weg zum früheren oder fpäteren Erfolg gebahnt worden. Ihre Ge- 
ſellſchafts und Sittenkritif allein, dieſe juft im „goldenen“ Beitalter 
unbequeme Mahnerin, hätte ihnen nun und nimmer Die Bühne erfchloffen, feine 
Hunberterferie ermögliht. Auch fie fiegten in der Hauptfache dank ihren Eritifchen' 
Pionieren, wurden mit Gewalt, gegen fehr zähen Widerftand, durchgefetst, obgleich 
zugegeben werben foll, daß die Eulturelle Verfallsepoche von 1890 bis 1914 oppofitio- 
neller Standartenträger ihrer Art bedurfte und ihnen eine rajch wachſende Schar 
von Anhängern ſchuf. 

Uber alle diefe Dichter und Schriftſteller, ſo heftig ſie an den Zäunen des 
Herkönmlichen rüttelten und Die urewig ſcheinenden Theatergeſetze erſchüttern 
wollten, gaben dem Reiche zwiſchen Pappendeckel und Leinewand doch zuguterletzt 
ſtets, was ſein war. Gerhardt Hauptmanns größter Publikumserfolg iſt ſein größter 
St, die ‚Verſunkene Glocke“. Entfernte er ſich zu weit von der nun einmal ab- 
geiteckten Straße, fo verließen fie ihn; jedes Wagnis mußte er mit einem heulenden 
Durchfall bezahlen. Das Nollen der Begebenheiten, in eindringlicher Steigerung 
dargeftellt, die üblichen Bühnenüberrafhungen und Pointen tröfteten dagegen das 
Volt über den Naturalismus, Symbolismus ufw. der Spradhe. Es blieb dem 
Theater treu, weil das Theater fich im Grunde, troß aller Neuerungsvorſtöße, felber 
treu blied. Erſt der vollfommene Umsturz aller Tradition, rückſichtsloſe Er- 
perimentiermut und damit verbundene Verachtung fämtlicher Tieben Publifums- 
germohnheiten und =neigungen führten die Berliner Bühnenkriſe herauf. 

Sie darf mahrhaftig nicht aus den veränderten fozialen Bedingungen, der 
Friedengmißftimmung, der Unbehaglichkeit und Unruhe unferer Seit erflärt werden. 
Gerade Revolutionen und ſchwere ftaatlihe Erfchütterungen überhaupt haben von 
jeher die Theater gefüllt. Mit Vorliebe, faft mit fieberifcher Gier fieht des Abends 
ein feſtliches Haus voll gepußter, fcheinbar müßiggehender, unbefchwertem Geriuß 
fröhnender Menfchen, wer tagsüber niemandem trauen möchte, tagsüber von Stunde 
zu Stunde den Zufammendrud, die Panik erwartet. Daß alle Nachtlofale, Bars, 
Kabarette überfüllt find, iſt ein fozufagen natürlicher Ausfluß dieſes krankhaften 


Das Berliner Bühnenelend 101 


Amüfementstriebes der Herbe. Weshalb follte fie an den Theatern norübergehen? 
Sie geht nur vorüber, meil die Theater fie zurüditoßen. Weil die Bühnenleiter 
felber alles daranfeßen, ihre Häufer der Menfchheit zu verefeln. Wohl fchreden die 
ins Abenteuerliche geftiegenen Eintrittspreife der Schieberjahre den Mittelftand, den 
rafch völlig verarmenden, aus den Tempeln der goldenen Thalia fort, und er kann 
jeßt, 100 es wieder halbe Preife, Gutjcheine und Freikarten mit Steuer gibt, nicht 
zurüdtehren. Immerhin bleiben noch Schwärme von außerordentlich gut Ver: 
dienenden, bleiben die hochbezahlten Arbeiter, die fich, teils Dieferhalb, teils außer- 
dem, fehr wohl die Freude eines Theaterbeſuchs gönnen dürften, und auch gönnen. 
würden. Wenn fie nicht heillofe Angft vor dem Literaturflape hätten, der Die 
Bühnen verheert und die Theaterabende zu Folterftunden macht. 

Von den Berliner Thenterleitern hat Reinhardt, der immer intelligent, nur 
oft allzu geriffen beratene, wohl am beiten abgejchnitten. Sein großes Experiment, 
das Große Schaufpielhaus, ift mindeftens eine Senfation gemwefen, und e3 war eine 
billige Senfation. . Der erwähnte gebildete Mittelftand, dem alle anderen Theater 
viel zu teuer waren, abonnierte mit Luft, auf Gedeih und Verderb, die wohlfeilen 
Pläte im Zirkus Schumann. Fragt fi nur, wie lange diefer Zuftrom anhalten 
wird. Denn daß die Niefenaufführungen im Riefenraum eine Qual find, die ſich 
immer ſchwerer ertragen läßt, darüber find fich die doch wenigſtens mit der erften 
Mimengarnitur, mit Reinhardt großen Kanonen bedachten Premierenbefucher klar. 
Man muß mit Stielaugen jehen, mit Obrtrompeten hören, um Szene und Schau⸗ 
ipieler entdeden, die Donnerftimmen der einzelnen Sprecher augeinanderhalten zu 
tönnen. Weit entfernt davon, den Zufchauer fefter mit der Dichtung zu verbinden, 
ihn gemiffermaßen als Chor zu benußen, trennt ihn die Manege von ihr. Denn 
fie zerreißt jede holde Täufchung. Grotesk mutete e8 an, als Reinhardt, der die 
Gefahr ehr bald erkannt hat, im Hamlet moderne Koftüme tragen ließ, Feldgrau⸗ 
gewänder, um fo Zufchauer und Mitwirkende anzunähern. Doc) die Antimaskerade 
ward ſchlimmſter Maskenulk und wirkte nur noch illufionstötender. Von der völlig 
mißratenen Eröffnungsporftellung abgejehen, der Schwarz in Schwarz gehaltenen 
Dedipustragödie, die nur Wiederholtes wiederholte, ergaben Gerhardt Hauptmanns 
„Weißer Heiland“, Romain Rollands „Danton“ und „Julius Cäſar“ anjch“’ nd 
endgültig, daß das Große Schaufpielfaus nur den Zweck hat, ftürmifch bewegte 
Maſſenſzenen zu zeigen und zum Mitfpielen ohne Gage aufzufordern. Wenn nad 
den beiden eriten Dantonalten, die ein tödlich ficher wirkendes, aber furchtbar ein- 
zunehmendes Schlafmittel find, dag Volt von Paris ſich plölich mitten aus dem 
Zuſchauerraum in bie Arena ergoß, fchreiend, händefuchtelnd, ftampfend, jo daß 
die aufgefchredten Abonnenten an einen noch nie dageweſen gut vorbereiteten 
Thesterffandal glaubten, fo war das der Gipfel aller im Theater der Yünftaufend 
möglichen Regiegaben. Ste find in ihrer Art bewundernswert, aber mit der Kunſt 
haben fie nichts mehr zu tun. Beſonders nicht mit der Kunft, um derentwillen wir 
Reinhardt früher einmal fehr gejchägt haben. Das Große Schaufpielhaus Tann 
fih ala Theater nicht halten; es ift die Auflöfung des Theaters, das ſich innerlich 
zerfeßt, von außen ber, mit wilden — es fei gern zugegeben, aus den vorhandenen 
Möglichkeiten alles Mögliche herauspreffenden — äußeren Mitteln. Hier lauert im 
Hintergrunde der Reformzirkus ober, was mir ungleich mehr leid täte, das Kino. 

Sm übrigen hat Reinhardt im Deutfchen Theater durch eine erlauchte Stella- 


1023 Das Berliner Bühnenelend 
aufführung noch einmal allen Glanz feiner ftolzen Vergangenheit, ja reineren Glanz, 
erftrahlen Yaffen. Er ift, weiß Gott, troß allem der Mann, der unſerer Bühne die 
erſehnte Blütezeit befcheren könnte, wenn ihm die Dramatiler zumüchjen, die nun 
einmal zu folcher Blütezeit gehören. Aber mo find fie? Wo find auch nur die 
Kleinen von den Meinen, die Vorläufer, die dem Wolfe geben, was des Volles 
ift, und das Firnelicht menigftens ahnen laſſen? Weshalb kommen fie an ben 
Mächtigen nicht heran? Er begnügte fich im vergangenen Winter mit zwei nattonal- 
jüdifchen Schaufpielen, der „Sendung Semaels“ von Stefan Zmeig und der un— 
gleich gefeilteren, teilweis in fehr bildfräftigen Verſen geſchriebenen Erzpäter- 
dichtung „Jakobs Traum” von Beer⸗Hofmann. 

Bei Reinhardt gab es, wenn auch Gott und Teufel zwiſchendurch myſtiſch 
getragene Neden hielten, mancherlei Erregendes zu fehen, fo daß ſich der Gaſt die 
Arabesken und flatterigen Unverjtändlichkeiten gefallen Tief. Bon den Werfen da= 
gegen, die die Tribüne, ein Euliffenlofes Theaterchen im Charlottenburger Welten, 
den anfänglicy Gläubigen Darreichte, iſt faum eine Erinnerung haften geblichen. 
Höchſtens Toller? „Wandlung“, das derb Hingeftrichene Kriegs-und Nevolutionz- 
wartyrium, hebt ſich aus der Reihe anfpruchsvoller Dilettantereien heraus. Die 
jungen Herren, die für diefe Poefien verantwortlich zeichnen, dichten Programme. 
Sie wollen eine deutfche (oder Welt-) Kunſt genau nach den Eſſaiekſtaſen der darauf 
eingeftellten Zeitfchriften haben — nur daß e8 dad Wollen hier nicht macht, mo fein 
Richard Wagner hinter der Sache fteht. So verlief fich die Gemeinde bald, und 
das Haus mechfelte mehrmals feine Beſitzer. Bis Robert-Kopacs mit den Scham: 
höschen Fam. Für die Entfernung des Publikums aus den Theatern forgte auf 
feine Art auch der neue Leiter des Schaufpielhaufes, Jeßner, der Wilhelm Tell 
auf einer ungeheuren Treppe fpielen ließ und durch diefen glänzenden Einfall 
wütende Lärmauftritte hervorrief. An den Erftlingsgaben der von ihm komman⸗ 
dierten dramatifchen Dichtung verfündigte er ſich minder grell; den Ton, der die 
alten Freunde des Sunfttempels am Gendarmenmarkt anlodt, traf er aber bislang 
nicht. Mit Gedröhn fiel gleich anfangs die gut gemeinte, Doch kindiſch gebaute 
Antifapitaliftenfchnurre eine Außenfeiter8 Durch; dem Fritzenſtück Boettichers war 
etwas mehr Glück befchieden — warum magt fein Berliner Theater ſich an Burtes 
Katt-Tragödie heran, die Reinhardt doch vor drei Jahren angenommen hat? Auch 
mit dem Maskenſchnitzer von Erommelynd verriet Jeßner keine glüdliche Hand. 
Die brave Abficht allein macht eg nicht. Für die Haußleerung im ftreng modernen 
Sinne forgten, ſoweit fie nicht fchon leere Häufer vorfanden, Georg Satjer mit 
feinem „Hölle Weg Erde” im Leflingtheater, dieſer denn doch zu kaltſchnäuzigen, 
zu auffällig gemachten Konftruftion, während Sternheims ‚,1913 die an die „Büche 
ber Pandora“ und ihre mephitifchen Düfte gemöhnten Koftgänger des Mleinen Schau: 
fpielhaufes ödete. Die Schippel und Maske in ewigen, immer verdünnteren Auf: 
güffen find darum fo unerträglich, weil fehon die erfte Preſſung Maſchinenectratt, 
kein echter Fruchtſaft iſt. 

Es führt zu nichts, die unüberſehliche Geſpenſterreihe mehr oder minder deut⸗ 
ich abgelehnter Winterftüde möglichft vollftändig zu machen. Von Lautenfads 
„Pfarrhauskomödie“ abgefehen, die bei ber Erftaufführung mwohliges Grunzen der 
Schieberherren, Kichern und Prufchen ber Schieberbamen erweckte, bei ber zehnten 
oder zwölften Wiederholung zu Standalen führte und dann fehr oft gegeben werden 


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Offenherzigfeiten 103 


mußte, hatten nur noch Sudermanns „Raſchhoffs“ Glück. WIN fagen Premieren- 
glüd. Bei der fzenifchen Gewandtheit der Herren Rotter-Schaier, die das Wert 
managten, kann man ja nie Har unterfcheiden, mas am Jubel der Geladenen balb- 
echt und was ganz unecht if. Von den übrigen Neuheiten zu fprechen, wäre Ver- 
legenbeit, und die meilten Neueinftudierungen fchoffen gleichfalls am Ziel vorbei. 
Hatten fie fchon Titerarifches Intereſſe, — manchmal fogar fehr hohes, wie Die 
padende Wozzel-Aufführung des Leſſingtheaters —, fo blieb das Publitumsintereffe 
aus, und Quälereien nad Art von „Frau Warrend Gewerbe” vermochten es 
überhaupt feinem Zeil rechtzumachen. Gegen Ende der Spielzeit erlojch dann auch 
Faft allenthalben felbit das fümmerliche Reftchen von Teilnahme. 

Die Berliner Theater ftehen beinahe durchweg vor fehr ernjten Prüfungen. 
In ihrer jegigen Lage find fie der Quftbarkeitsfteuer ſchon darum nicht gemachfen, 
weil diefe Steuer am falfchen Objekt arbeitet. Quftbarkeiten kann man ihre Dar: 
bietungen nicht mehr nennen. Wird das Steuer nicht entfchloffen berumgeriffen, 
dann Tann der erbarmungalofe Plan der Ufa, alle Berliner Bühnenhäufer in Kinos 
au verwandeln, vielleicht bald aus einem Menſchenfreſſermärchen zu graufer Wirk: 


Tichkeit werben. | Richard Mordhaufen 





Offenherzigkeiten 
Ungarifhe Roheit. 
Ein See bat auf Hindenburg, in deſſen Wohnung er fid} ein- 


gefchlichen Hatte, geſchoſſen. | R 
| Durch die Schändung der Bismardgruft, des Charlottenburger Maufoleums 
und der Grabftätte Schillers und Goethes in Weimar ift den großen Toten 
Deutichlands diefelbe volfstümliche Ehrung widerfahren wie dem großen Lebenden, 
dem umfterblichen Sieger von Tannenberg. 

Während all diefer Handlungen fortgejchrittener Aufklärung wälzt ſich ein 
Staat Europas in den Krämpfen wüſteſter und dunfelfter Reaktion. Bezeichnender⸗ 
weile das gewaltfam aus den Segnungen der Näteregierung berausgerifiene 
Ungam. „die nen bat als eine der Strafianktionen auch die 
FR — ** angenommen. ie Strafe kann auf zehn bis fünfundzwanzig Stock⸗ 

reiche lauten.“ 

Sie wird, was der Ordnung wegen nicht verſchwiegen werde, nur Preis⸗ 
treibern und Schiebern gegenüber angewandt. Prügelſtrafe für Gruftichänder 
und browningbewaffnete Einbreder — fo rüdftändig und verroht ift nicht eimmal 
Weiß⸗Ungarn, als daß es diefe Menſchheitsſchmach zu verüben wagt. 


„Sein Händedrud, und ad, fein Hug!“ 


Am 10. Juli meldeten deutiche Blätter, auf Grund urkundlicher Pariſer 
Drabtumgen, dab Tags vorher zwifchen Mitgliedern der alliierten und der deutſchen 
Delegation Händedrüde gemwechjelt worden Bien, Nach Schluß der Situng habe 
Lloyd George noch einige Worte mit Dr. Simons geſprochen (nad Schluß der 
Situng, bitte!) und Delacroir fih mit Fehrenbach unterhalten. 


104 Offenherzigfeiten 


Außerdem erfuhren wir, Lloyd George habe ſchon vorher einmal den deutſchen 
Außenminifter eines furzen Kopfnideng gewürdigt und Herm Hus gejagt, feine 
Rede fei gut gewejen. jelbft mache einen jehr guten Eindrud auf Lloyd George. 

Herr Hu& hat diefe Frag ars Ungezogenbeiten, dieſe herablafjende Be- 

önnerei nicht abgelehnt, der Außenminifter fi) das * Kopfnicken gefallen 

ſſen; der Händedruck und die paar Worte in der Teeſtunde ſind hiſtoriſch ge— 
worden. Vielleicht erſetzen ſie in den Schulleſebüchern, die Konrad Haeniſch ſoeben 
neu bearbeiten läßt, demnächſt die Hohenzollerngeſchichte. 

Bei dieſer Gelegenheit müßten auch gleich einige alberne militariſtiſche Ge— 
dichte —5 Ernſt Moritz Arndts, Theodor Körners uſw. ausgemerzt werden, 
die beträchtlich von deutſchem Stolz ſchwafeln. Dafür wäre dann das bekannte 
Wort Seumes —— und auf die Tatſache hinzuweiſen, daß deutſche Kellner 
und Bediente vor dem Kriege in England ſehr beliebt geweſen ſind. Nur wegen 
ihrer Billigkeit, natürlich. 

Kein häſung. 

Von ehpig Siedlungshäufern, die die Stadt Wilmersdorf für Wohnungs- 
loſe, Kriegs ie digte und Minderbemittelte erbauen ließ und von denen jedes 
durchſchnittlich 65 000 Mark ftädtiichen Zuſchuß erforderte, find neun an jozial- 
demokratiſche Stadtverordnete und Mitglieder des — —— vergeben worden. 

„Etwas muß er ſein eigen nennen, oder der Menſch wird rauben und 
brennen.” Wilmersdorf, das trotz feiner bürgerlichen Gemeinderatsmehrheit die 
rote Futterkrippenwirtſchaft ergebungsvoll mitmimt, glaubt offenbar die jozialijtijchen 
— dadurch von der Partei abſpenſtig machen zu können, daß es ſie zu 

ourgeoiſen Hauseigentümern erhebt. Dieſe ſoziale Verſöhnungspolitik hat leider 

einen Haken: den, daran ſich das ſteuerzahlende Bürgertum aufhängen kann, wenn die 
fahrlä tige und ſchimpfliche DVerjchleuderung von allgemeinen Mitteln an rote 
— o Ge feigerweife auch von den nichtfozialiftiichen Stadtverwaltungen 
etrieben wird. 


„Arbeiter und Arbeiterinnen Berlins! Demonftriert in Maffen 
gegen das drohende Befpenft der Arbeitslofigfeit!“ 


Die ganze Seitenbreite des „Vorwärts? war mit diefem Aufruf bedruckt. 
Geſpenſter mit Mafjendemonftrationen zu beſchwören, ift jelbft den abergläubifchiten 
Exorziſten nicht eingefallen; wie man der Arbeitslofigfeit, einer ſchweren wirtichaft- 
lien Krankheit, durch Volksverſammlungen 6 zu können hofft, iſt magiſches 
Geheimnis der Funktionäre. Schade um die ſinnlos verläpperten Stunden 
Tauſender, ein Jammer um den Volksbetrug, der auf die nie alle Werdenden 
berechnet iſt und ſpäteren Juvenalen einen Maßſtab bieten wird für den gerade 
in ſozialiſtiſchen Liederbüchern bekämpften Unverſtand der Maſſen, „den Feind, 
den wir am meiſten haſſen“. Die Arbeitsloſigkeit vor Demonſtrationsverſammlungen 
zu beſprechen, iſt gerade ſo weiſe wie das früher beliebte Beſprechen anderer 
Krankheiten — nur daß man derlei — früher weiſen alten Damen 
überließ und nicht etwa Frau Luiſe Zietz bemühte. 


Dichtung und „Wahrheit“, 

„Wir denken”, fo jchrieb vor ſechs Wochen anläßlich der Schweizerreife unter- 
ernährter Berliner Kinder die Rote Fahne, „an Rußland, wo troß der Not den 
Kindern ein Paradies errichtet ift. Vielleicht ift e8 das Größte, was die 
Bolſchewiki gejchaffen, das, was fie allein — N werden läßt in der 
Geſchichte, daß fie für die Kinder forgen. In Rußland, wo die Erwachjenen 
ein Vieles an Entbehrungen tragen, fpüren die Kinder nichts von Hunger 
und Not. Den proletariihen Eltern hat man die Erziehung abgenommen; die 
Kommune ift an ihre Stelle getreten, und in großen Kindergärten wird den 
Kleinen alle nur erdenkliche — und Liebe angetan. Die Schule 
in Rußland iſt etwas Lebendiges geworden.“ 


Großbayerifdhe Yationalkymne — Drinnen und draußen 


Aberſch lichkeiten des 
—— 


Ungefähr gleichzeitig Alan die „Pramda” („Wahrheit“) die 


u 


106 


bantaftevollen 


ote Fahnen⸗Dichters dahin richtig, dab ſich „bei der 
der Anfangs- und Mittelich * Sie — 


en in Moskau dieſe in einem Bus 


and vollflommener Desorganifation befunden hätten. Die Schulen würden 
Wirklichkeit nur vom vierten Zeil der Schüler befudt. Die Ernährun 
der Schüler K höchſt mangelhaft. Die Speifeanftalten, Die anneblic 


angegliedert jind, erijtierten in W 
mangelte es den Kindern an Schuhwerk. 


irklichkeit faſt gar nicht. 


Ebenſo 
Mulay Haſſan 


Großbaperiſche Nationalhymne 


Mit Frankreich eine Allianz, 

Mit Preußen einen Kontertanz, 
Mein Bayern, ſüß wie Honigſeim, 
Mußt größer werden (doch geheim!) 


Der Heim führt England ſelbſt am Schwanz, 
Den Balkan nimmt er halb, nicht ganz, 
Denn er ift raffiniert, der Heim, 

Sein Willen zäh wie Schnedenleim. 


Auf dich, arms Deutſchland, gibt's koan Reim, 
Verzag drum nicht, geh' hin zum Heim 

Und ſprich: Kann ich auch bayriſch werden? 
Es gibt halt nur oan Heim auf Erden. 


Ball brav biſt, wirſt dann annektiert, 

Doch heimlich, daß Paris nix ſpürt, 

‚Car le Voelkerbound, jagt Monſieur Dard 
Zu Herrn v. Kahr, prejere l'Iſar.“ 


Drum leiſe, leiſe, ſromme Weiſe! 

Noch ſäuft Berlin die ſchale Weiße, 
Den Whisky Lloyd, Lenin den Kwas, 
Doch Münchner ſchäumt im Weltenglas! 


Zibo 





Drinnen und draußen 


L’Ame beige. Bon reichsdeutſcher Seite 
{reift man und aus Brüffel folgende Be⸗ 
trachtungen: Rur unter Deutfchen iſt «8 
denkbar, daß ein Teil der Nation zu einer 
Telbftändigen Heinen Großmacht wird, welche 
ihre Politik hauptſächlich darauf einftellt, den 
größeren Zeil ber Nation ala Schergen 


Inechten zu helfen. Holland und die flämifche 
Mehrheit Belgien? find Zeile der beutichen 
Ration. Es iſt freilich nicht Schuld biefer 
Teile allein, fondern Schuld der ganzen 
Nation, daß fie zu eigenen Staaten und auf 
Koſten Gefamtdeutfchlands zu glücklichen, 
seihen und felbftbewußten neuen Nationen 


106 


Drinnen und dranfßen 





geworben find. Deutfchland bat im 16. Jahr⸗ 
hundert den Freiheitskampf feiner holländifchen 
Söhne nicht unterftüht. Es bat die fühlichen 
Yatholifchen Niederlande im Zoch der Spanier 
gelafien. So entftand Holland als Staat 
und Belgien als partilulare® Gebilde. An 
den Mündungen großer Ströme und an ben 
günftigften Meerestüften der beutfchen Nation 
gelegen, blübten fie auf Koften bed ab» 
gebrängten Hinterlanded auf. Bor dem Welt- 
krieg haben lange Friedenzjahrzehnte Holland 
und Belgien wirtfchaftlid wieder an den 
weiteren Kreis ber bdeutfchen Nation beran- 
geführt. Während des Krieges baben wir 
bei den tapferen Führern der flämifchen Bes 
wegung auch die Möglichkeit einer Wieber- 
vereinigung der deutfhen Nation Tennen 
gelernt, obwohl die Gejamtheit des deutſchen 
Volkes für einen ſolchen großdeutfchen Ge- 
danken noch gar nicht reif war. Nun ft das 
alles verfchüttet. Nicht Flamen, auch nicht 
die Wallonen, fondern das franzöſierte 
Brüffel, der Franskillon, d. h. der Nieber- 
beutfche, der feine Seele an das Franzoſentum 
verfauft bat und nun als Renegat ein 
mwütender Französling geworben tft, beberricht 
die belgische Politik. Er ift ber treuefte 
Gehilfe der franzöfifchen Revanche geworden. 
Er, nit der Wallone oder ber Flame, bat 
Eupen und Malmeby vom beutfchen Körper 
abgerifien, ein zwar kleiner, aber doch der 
ſchamloſeſte aller Gebietäverlufte, die ung zu⸗ 
gefügt worden find. Der erjt 1830 ver- 
felbftändigte „belgifche Teil” Altdeutichlands, der 
zwifchen Niederdeutfhtum und Wallonentum 
die nur beim Kapitaliften und politischen 
Streber vorhandene „belgische Seele” bis 
1914 fo mübfam mit der Laterne fuchen 
mußte, will, von ber Entente verbätfchelt, 
reicher und mächtiger werben als bie 
60 Millionen Hungerleider im beutfchen 
Binnenlande. 

In Spaa hat kein Staat die franzöftiche 
Politik fo bedingungslos geftügt wie Belgien. 
Eupen und Malmeby find bauptfächlich des⸗ 
halb anneltiert worben, um Machtpolitit zu 
treiben, die Forts von Lüttich) vorzutreiben 
und Köln von belgiſchem Boden aus befchießen 
zu fönnen. Am 6. Juli bat vor dem Schwur: 
gericht der Prozeß gegen bie Univerfitäts- 
profefforen begonnen, bie fich ber flämifchen 


Untverfität in Gent zut Verfügung geftellt 
batten. _ Diefe Univerfität wird heute nur 
„l'univerſite von Bilfing” genannt. Der 
Deutfchenbaß ftebt in Brüffel in vollfter Blüte. 
Unfer überftürgter Abzug aus dem Lande im 
November 1918 ließ eine große Anzahl von 
Schriftftüden zurüd, die, wie 3. 3. Die 
Lift der belgischen Zeichner unferer Kriegs⸗ 
anleiben, nun die Grundlage zu Strafprogefien 
bilden. Träger der antideutfchen Stimmung 
find befonder8 die Kreife, die während ber 
beutfchen Offupation materielle Berlufte hatten, 
3. 8. die durch Einrichtung deutfcher Gerichte 
befchäftigung3lo8 gewordenen Advofaten. Sie 
werben heute mit ber Verwaltung fequeftrierten 
deutſchen Eigentumd entſchädigt. Auch In 
Antwerpen nähren die Fransquillons den 
Deutſchenhaß; ſelbſt durch Plakate und Um⸗ 
züge, ſo verblendet das auch iſt. Nie wieder 
ſoll ſich die deutſche Wirtſchaft an ihrem na⸗ 
türlichen Fußpunkt Antwerpen neu erheben 
dürfen. Aber wie denkt man ſich eigentlich 
eine dauernde Blüte Belgiens, wenn in 
Deutfchland graued Elend und Armut herrfchen? 
Noch ſchlägt dad Herz Flanderns Träftiger 
als die „belgifche Seele” ber Fransquillons. 
Mitder Hartnädigkeit, Die den flamiichen Stamm 
auszeichnet, wird an dem Lebensrecht ber nieber 
beutfchen Rafſe feitgehalten und Flandern 
rüftete fich, das Goldene Sporenfeft, dad Ge⸗ 
denkfeſt niederdeuticher Unbeugſamkeit gegen 
das Franzofentum, am 11. Juli befonders 
bemonftrativ zu feiern. Die Fransquillons 
verboten bie Jahr das yet und befablen 
dafür Teilnahme am — franzöfifchen National: 
feft vom 14. Juli. Dabei follte das für 
Belgien heute fo unfinnige unb gefährliche 
Milttärbündnis mit Frankreich gefeiert wer⸗ 
ben. Aber die Blamen folgten der Loſung 
Kamill Huysmans: „Und dennoch werden wir 
das Sporenfeft feiern.” 20000 Vlamen 
durchzogen unter bem lange vergeblichen 
Miderftand der Polizei Antwerpen, und ein 
paar Stunden lang wehte bie flandriſche 
Löwenfahne vom höchſten Turm. Da Lie 
Belgien auf Flandern fhießen. Hermann 
van den Need, ein zwanzigjähriger Student, 
fiel als Blutzeuge für Flandern. Er wirb 
nicht ber Ießte fein. Nehmen wir feinen 
Namen als Wahrzeihen: Hermann vom 
Reiche! Denn Flandern lebt, und von Ypern 


Drinnen und draußen 


bis Maasehck „ſchreit das unſchuldige Blut 
um Rache“; das Deutichtum fordert feine 
Befreiung vom Zwitterweſen der Ame belge. 

Ach, an wieviel inneren Schranken krankt 
die deutſche Nation! Wir können noch keine 
„Geſchichte der Nation“ abſchließen, wie eben 
die Franzoſen unter Hanotaux' Leitung. Wir 
find immer noch das Urvolk Europas, das 
fi glaubt leiften zu dürfen, vielerlei politifche 
Sonderbildungen aufrechtzuerbalten. 

"Der Deutihe Tann nicht leben, ohne ſich 
fortgefeßt ſelbſt die fchwerften Wunden zu 
ſchlagen. Aber feine Lebenskraft war fo groß, 
baß fie die immer wieder überwand. Auch 
heute bedürfen wir des Glaubens, und gerade 
beute in ber tiefften Erniedrigung der deutſchen 
Ration, des Glaubens an den Tag der 
MWiebervereinigung unferer nieberbeutfchen 
Brüder mit dem Mutterftamm. 

Die Zukunft bes deutſch⸗franzöfiſchen 
Zwiſchenreiches, Großlotharingiens, beftebend 
aus Holland, Belgien, Luxemburg, Elſaß⸗ 
Lothringen und der Schweiz, iſt das Baro⸗ 
meter ber deutſchen wie der franzöſichen Ge⸗ 
ſchichte. Seit einem Jahrtauſend wechſelt das 


Schickſal hin und ber. Die germaniſche 


Siedelung bis nach Flandern hin gibt an 
fich dem Deutſchtum geographiſch, wirtſchafts⸗ 
politiſch und ſtrategiſch die Führung in Eu⸗ 
ropa, wenn dieſes Gebiet geſchloſſen zuſammen⸗ 
hält. Aber feit dem ſpäteren Mittelalter bat 
Frankreich dan? der traurigen Berfahrenheit 
ber Deutfchen als politiicher Menfchen Stüd 
um Stüd vom Zwiſchenreich abfprengen 
können. Dad Bigmardiche Wert batte die 
Vormacht Deutſchlands miederbergeftellt. El⸗ 
ſaß und Lothringen waren ſtaatlich, Luxem⸗ 
burg mwirtfchaftlichftrategifch angegliedert wor⸗ 


107 


ben. Holland und Belgien mußten auf na⸗ 
türlidem Weg, ebenjo wie die Schweiz mehr 
und mehr zu einem Deutfchland Bingravitieren, 
welches der Schwerpunkt Curopad würde. 
Aber dies Bidmardiche Reich war nicht das 
Wert der deutfchen Nation; das zeigte fich 
deutlich, indem fie e8 abermals zerfallen ließ. 
Heute nun bat das „felbftändige” Deutſchtum 
Belgiens, Luxemburg und der Schweiz frei- 
willig oder gezwungen fein Geficht nad 
Weften gedreht, und Eljaß und Lothringen 
find ein zweites Malunmittelbareß Bearbeitung 
feld der Franzöfterung geworden. Abermals 
bat überall an biefen Grenzen das Deutſch⸗ 
tum politifh ausgeſpielt, bat fein Mutterland 
und bat fich felber verloren. Es fteht auf 
ſich felbft und kämpft einfam bier wie bort, 
politifeh unorganifirt, eingefchüchtert, von allen 
Erfolgsbungrigen und Charakterfchwachen vers 
laſſen. Wird Germania germinans, das ſich 
immerwährend fruchtbar ernmernde Deutſch⸗ 
tum aud Straßburg und Gent, Zugemburg 
und Züri neue Wunder ber Erhaltung 
deutfcher Art uns ſchenken? Ober durch end⸗ 
lichen Untergang auch uns im abgefchnittenen, 
ausgehungerten, tränenreihen Mutter⸗ und 
Watfenland das Todesurteil freier Bolldart 
ankünden? Wir wollen helfen, baß das Erſte 
geichebe, indem wir im Mutterland Kräfte ent- 
falten, bie anzieben und feftbalten. Und in 
Brüffel wollen wir nicht franzöfifch parlieren, 
fondern vlämifch fprechen oder deutfch, obwohl 
man bei letzterem mancherlei Püffe gewärtigen 
muß. Wenn man und aber auch ben Mut 
nehmen könnte, was hätten wir dann zu ber: 
teren, und wodurch fol dad Deutfchtum 


‚wieder zu Ehren kommen, mwenn nicht durch 


Mut? 


Bücherjchau 


„Das Tommende Europa“. Bon Franz 

Eleinow. Verlag Elsner, Berlin 842. 

Die Weltkriegärevolution, in deren Stürmen 
wir leben, mahnt uns eindringlid, das Ge: 
fchehene verantwortung3voll zu durchdenken, 
neue Ideen zur Geftaltung einer befleren 
Zukunft zu formen und in bie Tat umzus 
: fegen, um für unfere Rachlommen bie Grund- 


lage eines gefiherten und lebenswerteren 
Daſeins zu fchaffen. 

An ideologiſchen Kurpfufchern, bie in 
glüdlicher Unkenntnis der Bufammenbänge 
mit Palliatiomitteln der Uns unb Halb 
bildung das beftebende Chaos kurieren wollen, 
find wir reich. Arm aber find wir an 
großen Arzten, welche nicht an ben Erſchei⸗ 


108 


nungsformen der Weltkrankheit herumboltern, 
fondern ihre Urſachen wiſſenſchaftlich er⸗ 
forſchen und ſie praktiſch zu heilen verſuchen. 

Der Berfaffer ber vorliegenden Schrift 
verfucht, das kranke, fterbende Europa nad 
ber zweiten Metbobe zu retten. Als Aus 
gangspunkt feiner Unterfuchung nimmt Cleinow 
den Endgedanken feiner erften Schrift („Rettet 
Europa!”, ſiehe die „Grenzboten“ Nr. 27). 

Seine Gedankengänge find, in großen 
Linien wiedergegeben, folgende: Der Boliche- 
wismus fteht an Europas Grenzen. Europa, 
anftatt der roten Sturmflut gegenüber einen 
feften Damm aufzubauen, ift ſchutzlos, weil 
in fi zerfallen. Daher ift der Zufammen- 
ſchluß dieſes Erdteils Gebot ber Stunde 
Diefer Tann aber zunädft nur ein loſer, 
wirtichaftlicher fein. Der erfte Schritt hier- 
zu tft nicht etwa ein utopifcher Böller- 
bund, fondern bie Aufhebung ber inner 
europätichen Zollgrenzen. Hierdurch entzieht 
man zugleich dem Krieg feine biologischen 
Gründe. C. vergleicht bann eingehend Europa 
wirtfchaftlich, politiſch und fozial in feiner 
jegigen Geftaltung mit jenem Ideal bes 
geeinten Europad. Als Ergebnid des Der- 








Bücherſchan 


gleichs zwiſchen dem in ſeinen letzten Zuckungen 
liegenden greiſenhaften Europa der Gegen⸗ 
wart wird als ſieghafter Rivale das „kommende 
Europa” aus der Taufe gehoben. Freilich 
lebt es zunächſt noch im ſchönen Reiche der 
Gedanken und iſt ein Sorgens⸗ und Schmerzens⸗ 
kind. Der Verfaſſer ſieht klar die entſetzliche 
Gefahr, daß „die Geißel des Hungers und 
die Furie des Brudermordes“ — wie er ben 
Bolſchewismus anſchaulich perſonifiziert — 
das zarte Gebilde des neuen Europas mit 
mordgeübter, ſicherer Hand erdroſſeln könnte. 

Es iſt ohne weiteres klar, daß die 
Meinungen über die Rettung des jetzigen Eu⸗ 
ropa auseinandergehen. Man denke nur an 
das Kriegsprogramm der „Mitteleuropäer“! 
Daher iſt es ſchwer, reſtlos alle Cleinowſchen 
Schlußforderungen zu unterſchreiben. Dies 
gilt u. a. von ſeiner Theſe, daß ſich in ab⸗ 
ſehbarer Zeit das nationale Empfinden von 
einem Kollektivgefühl zum Privaterleben ent⸗ 
wickeln würde. Wen jedoch echte Sehn⸗ 
ſucht nad) Erlöfung aus „dem großen Narren⸗ 
baus Europa” treibt, der lieft die geiftreichen 
Ausführungen mit atemlofer Spannung. 

Der Grundgebante ber Schrift: Der wirt- 


Pädasosium Waren 
in Mecklemburd am Murtzxe 


Vorbereitung auf alle Klassen der verschiedenen Schulsysteme 
(Umschulung). Insbesonders Vorbereitung auf die Einjährigen-, 


 Prima- und Reifeprüfung. 


Dr. Michaelis. 


Bächerfhau 


ſchaftliche Zufammenfhluß Europa als Net- 
tung vor ben „Segnungen” bed öftlichen 
„Wunderlandes“, verdimt zum Schluß noch 
einmal befonderd unterftrichen zu werben. 
Spa » enttäufcht fuchen meite Kreife in 
völliger Verkennung der Zufammenhänge den 
Anſchluß an Moskau. Sie nennen dies 
„tive Politit”. Diele Kreife haben heute 
noch nicht eingejeben, daß es die verhängnis⸗ 
volle Folge der beutichen Kriegs - Diplomatie 
it, welche die Fackel der Revolution in Ruß⸗ 
land entzündet bat, daß wir jet vor dem 
Bolſchewisſsmus zu zittern haben. Nach Cleinow 
bat uns dies den wohl verftändlichen Haß 


109 


Haß wird ein ewiger, unauslöfchbarer werden, 
wenn wir jett noch die Hand dazu bieten, 
ba8 Schrediendregiment in Rußland zu ver- 
längern durch Stärkung bed Bolſchewismus. 
Sene beutfchen Oſt⸗Illuſioniſten überfehen 
ferner die für fie nicht unwefentliche Tatfache, 
daß fie nur nah Rußland. die Bruderhand 
auszuſtrecken brauchen, um bie erften zu fein, 
über deren Leichen der Tod als furchtbarer 
Rächer hinwegſchreiten wird. Mögen ſich 
biefe Selbjtmorbpolitifer in letter Stunde 
gewarnt fühlen und einfeben, daß ihre Me 
thode und den Weg nad Often für alle Bus 
kunft verfpertt. 


ettner 
vn 99 v. H. Ruſfſen zugezogen. Dieſer a 


Verantwortlih: 1. 8. Hand von Soeben 


Ecriftleitung und Berlag: Berlin SW 11, Tempelbofer — Ferm Zügomw 6510. 
Verlag: 8. %. Koehler, Abteii ung — Berli 
Drud W. Moefer uchbruderel, Berlin S 14, Stalichreiberfir. 34/36. 


Nückſendung von Manuftripten erfolgt nur gegen beigefügte® Rüdports. 
Nachdruck ſamtlicher Aufſätze if nur mit ausbrädlicher Erlaubnis des Verlages geftattet 


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gegangene treffliche Werk hat die verdiente Aufnahme gefunden. Schon 
wenige Wochen nach dem Erscheinen war die erste Auflage vergriffen. Die 
zweite Auflage hat der Verfasser sorgfälti 

Dabei sind namentlich kulturgeschichtliche Betrachtungen vertieft 
litische Schlaglichter schärfer herausgearbeitet worden. 
hat die hervorragende Bedeutung dieses Memoirenwerkes voll gewürdigt, wie 

sehr zahlreiche Besprechungen beweisen. 


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tromer, Friedr., Reichenbach. Was wird Vorausberecmung 

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Haus Lhotzky, Verlag, Ludwigshafen am Bodenſee 

Engel, Friedr. Märchen und Legenden. Lentralftelle zur Ber- 
Um. guter deutſcher Literatur. Winnenden (Bürtt.) 

13 

Müller, BWild., Rübdersdorf. Am Dusl der Wunder. Seit» 
genoiſiſche Erzähier. Bd. 2. Zentralftelle zur Berbreitung 
guter deutſcher Literatur. Bad Naſſau (Lahn), Winnenden 
("wurtt.). 

Bögt:ıu, Adolf. Sephora. Keitgenöffifhe Gryäbler. Zentral» 
“ = jur zensuns guter deutfcher Literatur. Bab Raffau 
(Zahn). 4. — 

CEtapel, Wilhelm. Kants Kritik der reinen Vernunft, ind Ge⸗ 
a, a Verlag bes beuticien Bollstumb, 


mburg. . 1.—, geb. M. 9 
Wehverg, Dr. —* —— durch bie Volkerbund⸗ Literatur 
Ratgeber⸗ ften des Dürerbundes, H. 8. D. W. Callwey. 


Verlag, Münden. M. 2.—. 





durchgearbeitet und mehrfach 


Die Presse 





DILDO 








ERARIHTWID EDID ia a DT ED TED EDITED AI TED CALES ADA CHEN ARD AD AD AA Tr 


ui. ,, 


24 








Uber unſere außenpolitiſche Neuorientierung 
Von Großadmiral v. Tirpitz 


eeeeee alte Streitfrage, ob Männer die Geſchichte machen oder die Ge— 
N f:, fchichte eines Volkes durch feine innere Entwidlung beſtimmt iſt, 
2 Wo wird nie ganz gelöft werden, da Volt und Männer von einander ab- 
— hängige Funktionen find. Die Nachkommen aber werden Motive und 
er r Handlungen einzelner Männer und deren Wirkung klarer und kon— 
freter erkennen als die innere Entwidlung einer Nation. Darum nimmt die Ge— 
ſchichtsſchreibung im allgemeinen die Handlungen der einzelnen Männer ala Richt- 
linien ihrer Darjtellung und ergänzt fie durch Ausblide auf die Entwidlung der 
Nationen. Bei der jtarken Wechſelbeziehung zwiſchen Männern und Volksmaſſen 
ift jedenfalls da3 eine ficher: Ein Volk geht dem Untergang entgegen, wenn e3 ſich 
nicht zur Gefchlofjenheit nach außen erheben und die innere Zerflüftung des Volls— 
tums überwinden kann. Nie war Nom größer al3 im Augenblid des Empfangs, 
den der Senat dem gegen feinen (des Senats) Willen gewählten Feldheren 
Terentius Varro nach der Schladht von Cannae bereitete. 

Bei der Bolitik, die ein Staat dem anderen gegenüber zu befolgen hat, handelt 
e3 fih einmal um die allgemeine Richtlinie, welche für die gegebene Epoche 
am zmedmäßigjten erjcheint, und dann um die Handhabung derjelben für den afuten 
Fall. Erftere, die Richtlinie, fann auf längere Erwägung zahlreicher Köpfe ge 
gründet fein, jedenfalls wirkt in unjerer Zeit Stimmung und Auffaſſung des ganzen 
Volkes erheblich auf fie ein, während die Verantwortung für die Handhabung fait 
jtet3 auf einzelne Männer fällt. 

Der Berlauf des Weltkrieges hat nun vielen Deutichen Die Augen darüber 
geöffnet, daß in den letten Jahren vor dem Krieg die Richtlinie unferer Politik 
nach Dften falfch, oder für Die gefährliche Lage, in der Deutjchland fi) damals 
befand, mindeftens unzureichend war. Um das furz anzubeuten: Die Gefahrgröße, 
welche Deutſchland durch die Ruſſen möglicherweife erwachſen Eonnte, murde zu 
Hoch bewertet und nicht genügend berüdfichtigt, daß der Expanſionsdrang dieſes 


Geen beten III 19°0 8 


}14 Über unfere anfenpolitifde Neuorientierung 


Bolten, folange es ein feftes Staatsgebilde barftellte, nach ben fühlichen Waſſern 
und nicht nach Deutſchland ging. 

Heute ift daher die Frage auf die Tagesordnung gerüdt, ob wir an ber 
Richtlinie, Die Bismard big zu feinem Tode gegenüber Rußland, und zwar vielfach 
im Wiberfprudh zu der Stimmung in ben liberalen Parteien innegehalten bat, 
zurüdtehren follen, oder ob wir, wie e8 ein herborragender Gelehrter von demo⸗ 
fratifcher Gefinnung während bes Krieges außdrüdte, uns an „Die weltliche Kultur 
(England) anlehnen müllen“. Bei den Grörterungen über dieſe ſchwierige Frage 
wird man zunächft jebes Sentiment abzuftreifen Haben, und früherer eigener 
Stellungnahme eine weiterdauernde Kraft einräumen dürfen, denn die heutige 
politiihe Lage und die Machtfaltoren haben durch ben Krieg eine geivaltige Ande⸗ 
rung erfahren. Schließlich darf man nicht vergeflen, dab der Erfolg und die Hanb- 
habung jeder Richtlinie bei einem durch einen Mehrheitsbeichluß regierten Stant 
noch erſchwert wird durch den Mangel an Stetigleit, der dieſer Staatsform natur- 
gemäß anbaften muß, fofern nicht ein fehr gefchloifener außenpolitifcher Inſtinkt 
alle Volksklaſſen und damit alle wechjelnden Mehrheiten gleichförmig durchdringt. 
Ein Arbeiten „auf lange Sicht“ ift aber für eine außenpolitiiche Richtlinie Grund- 
bedingung; auch bürfen innerpolitifche Parteiintereffen auf fie feinen Einfluß ge: 
winnen. 

Es iſt nur menſchlich, daß alle diejenigen, die vor dem Kriege und während 
des Krieges an einen Erfolg ihres Werbens um Englands Gunſt geglaubt und 
dementſprechend gehandelt haben, den Ausgang des Krieges zu begründen ſuchen 
mit der Behauptung, fie wären mit ihrem Werben nur nicht genügend durch— 
gedrungen, fonft würden fie Erfolg gehabt haben. Richtig hierbei mag fein, daß 
wir weder das eine noch das andere mit rüdfichtslofer Konſequenz durchgeführt 
haben, und daß dieſes Schwanken uns ſchließlich zwiſchen die beiden Stühle 
gefett hat. 

In den von mir niedergefchriebenen „Erinnerungen“ habe ich felbjt feinen 
‚Zweifel barüber gelafjen, daß bei den großen ntereffengegenfägen wir meiner An⸗ 
fit nach richtig gehandelt hätten, ung damit abzufinden, England als einen Tod- 
feind bes Deutſchen Reichs und Volles angufehen, ein Standpunkt, der bie 
weitere Anficht, jeden Konflikt mit England — menn irgend möglid — zu ver- 
meiden, keineswegs ausſchließt und der logiſch zu der Notwendigkeit führen mußte, 
jeden vitalen Differenzpuntt mit Rußland zu befeitigen, auch wenn Opfer unferer- 
feit3 Dabei nicht vermeidbar waren. 

Über diefe Frage habe ich kürzlich mit einem melt: und gefchäftserfahrenen 
Hamburger Herrn von warmer vaterländifcher Gefinnung einen Meinungsaustauſch 
gehabt. In diefem gibt derfelbe zwar die Möglichkeit zu, der von mir vertretene 
und mit Schaffung der Flotte auch vom Staate teilmeife eingefchlagene Weg hätte 
zum Erfolge führen können, der Weg zur Verftändigung mit England wäre ihm 
aber Doch als der ficherere erfchienen. Da ber betreffende Herr mit feinen Anfichten 
auch an die Öffentlichkeit getreten tft, und die große Richtlinie unferer Politik vor 
dem Kriege unter freilich fehr veränderten Verhältniffen auch nach dem Kriege noch 
Bedeutung befitt, bin ich von Ssreunden gebeten worden, meine nachfolgend gegebene 
Antwort weiteren Sreifen zugänglich zu machen. ch fchrieb in ben er Tagen 
des März d. J.: 


7 


Über unfere außenpolitifche Ienorientierung 115 


„Gerade weil wir beide auf Grund unferes Berufslebens die Trage von einer 
verichiedenen Peripeltive aus beurteilen, im übrigen aber das an fich Richtige juchen, 
bat diefer Meinungsaustaufch doc) vielleicht einigen Ruben. Für mich ift er jeden- 
falls ſehr lehrreich gewejen. Daß die Geſchichte und die Entftehung des engliſchen 
Amperiums für meine Auffaflung jpricht, wird faum beftritten werden können und 
es Tann eigentlih nur die Frage aufgeworfen werden, ob bei den Verhältniffen, 
wie file um dic Wende des Jahrhunderts fich herausgebildet hatten, e8 möglich war, 
ung mit England lediglidy auf gemeinjamer gefchäftlicher Baſis zu arvangieren, oder 
ob es für dieſes auch von mir gleichzeitig angejtrebte Ziel notwendig war, das 
geihäftliche Verhandeln durch den Beſitz eigener, auch gegen England effektiner 
Macht zu erleichtern. Sie haben das erftere für möglich gehalten, während ich 
der Anficht bin, daß diefer Weg beitenfall® nur zu einer societas leonina hätte 
führen können. Sie haben die Auffaffung, das hätte ung genügen können, und 
nach dem Verlauf des SPrieges werden gewiß viele Deutjche die billige Bemerkung 
hinzufügen, eine societas leonina wäre der heutigen Lage Deutſchlands doch fehr 
vorzuziehen. Was den erften Punkt betrifft, jo war und bin ich noch heut Der 
Anſicht, daß es die Pflicht einer fo großen Stulturnation wie Deutfchland mar, 
den Berfuch zu machen, fih frei und unabhängig neben der angeljächfiichen Welt 
zu behaupten. Das aber konnte in einem Abhängigteitsverhältnis zu England nie 
erreicht werden; nur wenn der Verſuch geglüdt wäre, hätte dag Deutſchtum die 
Möglichkeit gewonnen, feine höchften Sulturaufgaben zu erfüllen. Wir Tonnten 
aber auch, felbit wenn mwir uns hingaben, das von Ihnen gedachte Freundichaftz- 
verhältnis mit England meines Erachtens nie erreihen. Bor vielen Jahren, als 
“Die Erinnerung an Waterloo bei uns noch nicht ganz ausgelöſcht und der Konflikt 
mit England noch nicht akut war, hat ein kluger Holländer mir einmal eingehend 
außeinandergejeht, daß England ‚der Feind‘ für Deutfchland merden würde und 
nichts uns davor bewahren könne. Ste, Die Holländer, hätten Veranlaſſung gehabt, 
biefe Frage zu Studieren. Der Dann hat recht gehabt. Vielleicht war ihm ber 
Ausfpruch des englifchen Admiral® Mont in Erinnerung geblieben. Als vor dem 
zweiten der drei Handelskriege, die England mit Holland führte, über ben Kriegs⸗ 
grund, den man anführen wollte, debattiert wurde, rief diefer Admiral den 
fchwantenden Herren zu: ‚Was kommt es auf dieſen oder jenen Sriegögrund an; 
was wir brauchen, ift ein Stüd mehr von dem Handel, den die Holländer jett 
haben.‘ Sir E. Grey Hat dasfelbe Ziel 1914 mit weniger derber Offenheit erreicht. 
England hat feit der Königin Elifabeth nur Handels und Wirtfchaftäfriege geführt, 
ob es bie fpanifchen Silbergaleeren, der holländifche Traffic oder die, fFranzöfifchen 
Kolonien waren. Die wirtſchaftliche und damit ſchließlich auch die politifche ‚Be- 
herrſchung‘ des europäifchen Kontinents war das Mare, nie aus dem Auge gelaffene 
Ziel aller englifhen Staatsmänner, ja des ganzen englifchen Volles. Im vorigen 
Jahrhundert hatte es dieſes Durch Die Schlacht bei Trafalgar, den Sturz Napoleons 
und durch den Wiener Kongreß gewonnen. Um die Wende des jehigen mar fein 
Abergewicht mwirtichaftlich in Zweifel geftellt. Es ift bei Diefer Frage zu bedenken, 
dab England gemiffermaßen der Stapelplat von Europa in dieſer Zeit geweſen war, 
während nad) feiner geographifchen Lage, unterftüßt durch unfere fünf ing Land 
aehenden Flüſſe, Dewtichland für den Kontinent der natürliche wirtfchaftliche Haupt⸗ 
ſtapelplatz für Europa hätte fein müflen, nicht bie vorgelagerte Inſel England. 

g* 


116 Über unfere außenpolitifche Uenorientierung 


Nicht. Cuxhaven, fondern Hamburg, nicht die Tſchuſaninſeln (mie manche früher 
glaubten), fondern Schanghai war der Geſchäftsplatz. Ebenſo würde e3 mit der 
Zeit nicht Zanfibar, fondern Daresfalam für Oftafrifa geworden fein. Diefes 
Naturgejeg wirkte zufammen mit anderen Faktoren unaufhaltfam und mußte Eng: 
land zurüddrängen. Das Gefühl dieſes wirtjchaftlihen Rüdganges durchdrang 
alle Schichten feiner Bevölkerung. Ohne Stampf, jobald er ausſichtsvoll fich zeigte, 
wollte man nicht auf eine Gleichitellung mit una herabiteigen. Steine koloniale 
oder wirtfchaftlicde Vereinbarung konnte diefe Bewegung abwenden. Das ift auch 
der eigentlihe Grund, weshalb Englands Staatsleute auf ein billiges Flotten- 
agreement in den Jahren vor dem Striege niemals in Wirklichkeit eingehen wollten. 
Wenn Sie Jagen, daß England fich durch dag Entſtehen unferer Flotte bedroht 
fühlen konnte, da die See feine Größe ausmacht, fo ſetzt dieſe Anjicht Doch, voraus, 
daß man den Monopolgedanfen Englands auf die See tatjächlich anerkennt, während 
die See doch allen Völkern in gleichem Maße gehört. Im übrigen berüdfichtigen 
Sie wohl doch den Umjtand nicht genügend, daß einem induitriellen Deutjchland 
gegenüber die englifche Flotte Doch ebenfo bedrohlich oder vielmehr noch bedrohlicher 
war, da ohne deutjche Flotte England jeden Augenblid die Möglichkeit fich bot, 
Deutichland ohne jede Gefahr die Gurgel abzufchnüren. Nur die guten Deutjchen 
fünnen glauben, England würde in folcher Zage Deutjchland den Strid um den 
Hals nicht je nach Bedürfnis loſe oder fejt angezogen haben. Auch der von manchen 
gehegte Gedanke, eine Freundſchaft unfererfeit3 mit England würde und den 
Frieden mit Rußland gefichert haben, erjcheint mir nicht richtig. Sit Denn ganz ver: 
geilen, in welche unmwürdige Lage Preußen herabgedrücdt wurde, als es — übrigens 
auf dringenden Rat Bismarcks — mährend des Srimfriegeg Englands Drängen, 
am Sriege gegen Rußland teilzunehmen, nicht nachgab? Nicht die Freundſchaft 
zu England, jondern die zu Rußland war das Striterium der Politit Bigmard2. 
Die Leiter unjerer auswärtigen Politik fcheinen. fich in den Jahren por dem 
Kriegsausbruch in dem Glauben befunden zu haben, das Bismardfche Prinzip 
weiterzuführen, welches darin beftand, Die Erhaltung Oſterreichs als eine Lebens- 
notmwendigfeit des deutichen Volkes aufzufaflen und nötigenfall3 mit Waffengemalt 
zu verteidigen. Ihr Trugfchluß lag darin, daß fie die Bedrohung Oſterreichs mit 
dem Wunſche Rußlands, die Dardanellenfrage in feinem Sinne zu löfen, ver- 
quidten, al3 ob auch die ruſſiſche Herrfchajt über die Dardanellen eine Lebensfrage 
für Gfterreich gemwejen wäre. Bismarck felbft bat in feinem Rückverſicherungsvertrag 
das Schickſal Stonftantinopel3 als eine für Deutichland nicht vitale Angelegenheit 
bezeichnet, für Die e3 nicht wert wäre, die Knochen eines pommerfchen Grenadiers 
zu opfern. Das war aber da3 eigentliche Ziel Rußlands. Da wir nun in Kon— 
jtantinopel eine antiruffiiche Politik trieben, fo mwählle Rußland nicht dag Schwarze 
Meer als Weg dorthin, fondern den Weg über Serbien, und das um fo licher, ala 
bei dem Wailerweg kitzlige Berührungen mit England entitehen mußten, was für 
una günftig geweſen wäre. Sekt fit England auf der Hagia Sophia, weil Deutfche 
und Ruſſen gleich dumm waren. 
England tft auch diesmal zu feinem Erfolg gelommen duch die fchier un- 
glaublihe Torheit und Eiferfucht der. europäifchen Wölfer und durch den breiten 
Waflergraben, den England vor feinem Piratenneit befitt. Wielleicht erkennen bie 
Völker des europälichen Kontinents. nach dieſem Kriege, wie ihre Sinterefien benen 


Über unfere aufenpolitifche Neuorientierung 117 


Englands entgegengefet und in gewiſſem Grade unter ſich folidarifch find, und 
ichließen fich zufammen. 

Sogoar in Frankreich treten Anzeichen für diefe Erkenntnis ftellenmeife zutage. 
Der ‚Temps‘ bellagte im März 1920, daß unfer Tefitlandseuropa, daß vor dem 
Krieg über mehr als die Hälfte der großen Kriegsſchiffe der Welt verfügte, heute 
nur noch ein Fünftel bejitt, und damit das Gleichgewicht zur See von den euro» 
päifchen Gewäſſern in den Stillen Ozean hinübergerüdt fei. Durch den Kriegs⸗ 
ausgang ift nicht nur Deutfchland niedergebrocdhen, fondern ganz Europa. 

Die Taltoren, melde den Gegenſatz zwiſchen Europa und England unüber: 
brüdbar machten, klar zu erkennen, war vor 20 bis 30 Fahren die befondere Aufr 
gabe Deutichlands und feiner Staatsmänner, weil mir die unmittelbar Bedrohten 
waren. Wir mußten unfere Politik auf die drohende Gewitterwolle einftellen und 
mußten zur Unterftügung einer ſolchen Politik eigene Macht auf dem Waſſer ge: 
mwinnen. Wir haben nur das lebtere getan, und zwar von 1909 biß 1914 unter 
fchmwerfter Hemmung duch Bethmann und Wermuth. Das erftere, die unferer Lage 
Lage entfprechende Politik, wurde falfch gerichtet und fchließlich eine vielleicht ver- 
meidbare, in jedem alle eine vorzeitige Erplofion möglich gemacht. Sie meinen 
nun, wir hätten, da Englands Macht gegen uns doch zu ftark blieb, ung mit Eng- 
land zufammentun follen in einer Art Yunior-Bartnerfhip und die Baltenländer 
befreien jollen, während ich den Sat für richtiger halte: ‚Wer ſich mit England 
verbündet, ftirbt daran.‘ Die Chamberlainſchen Anerbieten Lönnten eine Berech 
tigung für den von Ihnen als richtig bezeichneten Weg geben. Fürft Bülow 
beftreitet aber auf dag energifchite, dab Salisbury, der damals entjcheidend mar, 
ernfthaft mit dem Gedanken eines Bündniffes umging Ich kenne die Vorgänge 
zu wenig, um das beurteilen zu können, und die diplomatifchen Enthüllungen des 
Bolitikafters Edardftein find mir nicht maßgebend. Aber wenn wir dur Un 
nahme des damaligen Bündnisgedankens auch wirklich zu einem Erfolg hätten 
kommen können, ein folcher konnte nur Turzlebig fein. Der aus Sentimentögründen 
zwifchen Deutfchland und Frankreich beftehende Gegenjaß, zu dem dann noch der 
zu Rußland m. E. vermeibbare Hinzulam, wäre von England. ſtets gegen 
uns ausgenutzt worden, denn der grundſätzliche Intereſſengegenſatz zwiſchen uns 
und England hätte nicht befeitigt werden können, er wäre früher oder fpäter doch 
von neuem durchichlagend getvorden. Diefer Weg hatte nur Zweck, wenn wir Zeit 
gewinnen wollten, wenn unjere Erftartung auf dem Wafler dadurch erleichtert und 
unfere Allianzkraft geftelgert worden wäre. Wäre die Entwidlung unferer See: 
macht dagegen unterbunden worden, fo wären wir immer mehr zu einem wirtjchaft- 
lichen Koloß auf tönernen Füßen geworden und hätten unfere Eigenjchaft ala Aus« 
beutungsobjelt, gewiffermaßen als Sparbüchſe für England, nur vermehrt. Troß- 
dent würde id) einen folchen Verſuch mahrfcheinlich nicht ohne weiteres abgelehnt 
haben, wenn er an mich herangetreten wäre, natürlich mit den erforderlichen 
Kautelen. An der Gefamtlage Deutichlands hätte er nichts geändert. Unſere 
Induſtrie und damit unfer Aftivhandel waren in einem riefigen Aufſchwung, den 
wir nicht abftoppen konnten und fchon allein aus Machtgründen nicht einfchränfen 
durften, denn bei den modernen Berhältniffen waren wir ohne Induſtrie feine 
Macht. Nur durch die Induftrie haben wir den Weltkrieg fo lange ausgehalten. 
Wir Tonnten diefe Entwidlung auch nicht aufhalten, denn mir ftanden vor der 


118 Über unfere außenpolitifche Neuorientierung 


einfachen Frage, ob wir Menſchen exportieren wollten oder Waren. Gerade Bit 
mard hat fich darüber und demgemäß über die Unmöglichkeit, Englands Liebe zu 
gewinnen, unzmweideutig ausgeſprochen. Er war der Zeitlage und feiner Staats⸗ 
unit entiprechend 1897 noch der Anficht, daß der Rüdverficherungsvertrag für aus⸗ 
reichende Sicherung gegen England genügt hätte. Wenn fein Leben und Wirken 
in die Zeit hineingereicht hätte, in der die trangatlantifchen Staaten und Intereſſen 
e3 für Deutichland notwendig machten, auch politifch in Stontinenten zu denken und 
ein Beſchränken auf den europäifchen Sontinentsgebanfen unmöglich wurde, fo 
würde gerade er mit feinem Wirklichkeitsſinn nicht zweifelhaft geweſen fein, daß 
bei einer Weltpolitil, in die wir hineingerieten, mochten wir wollen oder nicht, auch 
eine Weltmacht erforderlich war. Bismard war viel zu fehr Realpolitiker, um bie 
Dedeutung der Macht ala mejentlihen Inhalt eines Staates im Leben der 
Völker zu unterfchägen. Weltmacht in diefen Sinne kann aber nur Seemacdht geben, 
weil jie überall direkt wirken fann, während die Landmacht unmittelbar nur an den 
Zandgrenzen wirkt, darüber hinaus aber nur indireft Wirkung ausftrahlt. Ihre 
Auffaflung über die Hauptorientierung unferer Politit wird nun weiter begründet 
dureh den Gedanken, daß unfer agrarifches Fundament für einen Snduftrieftaat 
nicht ftark genug gewesen tft und wir erft Diefes Fundament fchaffen mußten, ebe 
wir weiter gingen. Sie weiſen auf Dr. Schiele bin. Daß Dies an fih wünſchenswert 
war, ift nicht zu bezweifeln, aber e3 war meines Erachtens undurdhführbar. Ein 
ftärfereg Betreiben der inneren Stolonifation hätte vielleicht etwas helfen Tönnen. 
Genügt hätte das wohl auch nicht, und dag Entfcheidende bezüglich der Nahrungs⸗ 
mittelverforgung in einem Konflikt Tag für ung, wie die Verhältniffe tatjächlich 
waren, in einem friedlichen Verhältnis zu Rußland. Wenn man Ihrem Gedanken 
an eine Verftändigung mit England und als unaußbleibliche Folge Davon einer 
agreffiven Politit gegen Rußland nachgeht und einmal in der Theorie den vollen 
Erfolg derjelben annehmen will, aljo die Eingliederung der Baltenländer in irgend= 
einer Form als Kolonialland für uns, fo wäre doch außfchlaggebend geblieben die 
nicht Haltbare geographijche Lage eines derartigen Sfolonialgebietes, welches als 
ein relativ dünner Zanditreifen dag 80-Millionen-Volf der Nuffen von der Oſtſee 
abgejperrt haben würde. Das bätte auf Die Dauer nie gut gehen können und ficher 
dem Wunſche Englands gemäß ung in einen Kampf mit den Nuffen auf Tod und 
Leben dauernd feſtgelegt. Ich mürde deshalb diefen Weg nicht gegangen fein. 
Dagegen wäre folgende Entwidlung denkbar. _ 

Petersburg in feinem Elfe war für Nußland, wenn man es in feiner &e- 
famtheit betrachtet, ein Tünftlich gefchaffener Zentralpuntt. Der natürliche wirt: 
ſchaftliche Schwerpunkt Rußlands liegt im Süden, und der Drang der Ruſſen nach 
dorthin ift ein berechtigter. Diejer Drang lebte, nachdem die Erpanfion nach Port 
Arthur durch Japan und England aufgehalten worden war, um fo ftärfer nad 
dem Jahre 1905 wieder auf. Dieſen Drang durften wir nicht hindern, fondern 
hätten ihm mindeſtens wohlmollend neutral gegenüberftehen müffen. Der Sernpuntt 
des Bismardfchen Rücdverficherungsvertrages Tag ja in der geheimen Schlußflaufel 
über Stonftantinopel. Er mußte den Wunſch Rußlands erzeugen, bei feinem Gang 
nach SKonjtantinopel Deutjchland in mohlmollender Neutralität zu erhalten. Er 
fiherte ung ferner bie politifche Leitung von Öfterreich-Ungarn, und ich möchte 
glauben, daß, wenn die Ruffen in Konftantinopel eingerüdt wären, auch bie Ziegen— 


Über unfere außenpolitifche Weuorientierung 119 


birten auf dem Ballon aus Angit vor dem großen Bruder und um den Hals gefallen 
wären. Als wir aber den Engländern die Verteidigung von Ronftantinopel ab- 
nahmen, lenkten wir den nationalen Haß der Ruſſen gegen und. Der Ruſſe fagte 
fih: der Weg nach Konftantinopel geht nunmehr über Berlin. Ich möchte dabei 
bemerken, daß wir auch wirtfchaftlich betrachtet Fein mwefentliches Intereſſe an der 
Linie Berlin—Konftantinopel— Bagdad Hatten. Der Orienterpreß war kein folches, 
und der mwirtichaftlide Weg lag auf dem Waller. Das Getreide von Odeſſa ging 
nicht die Donau hinauf nach Mannheim, fondern durch die Straße von Gibraltar, 
den englifchen Kanal und über Antwerpen. Sch babe vor dem Kriege von Hugen 
Auffen mir fagen laffen, dab lediglich dieſe unfere Orientpolitit uns Rußland zum 
Feinde machte. Ein direktes und ftarkes politifches Friedens- und Intereſſen— 
moment zwifchen beiden Völkern lag außerdem in Polen. Nur aus diefem Grunde 
Bat Friedrich der Große fich der Teilung Polens aktiv angejchloffen. Er hatte feit 
Runersdorf und Zorndorf einen großen Reſpekt vor der ruffifchen Maffenkraft. 
Bismard hatte diefen melthiftorifchen Faktor voll in fih aufgenommen. Es war 
dem Enkel des früheren Bethmann vorbehalten, dag Werk Friedrichs des Großen 
und Bismarda auch in dieſer Beziehung zu vernichten. Wenn die Politik Deutjch- 
lands den von mir als richlig angefehenen Weg gegangen wäre und Die melt- 
geſchichtliche Entwidlung den Schmerpunft Rußlands dauernd nach Süden gelegt 
hätte, jo würden die Baltenländer für Rußland erheblich an Bedeutung verloren 
buben. Dann hätte vielleicht einmal der Zeitpunkt eintreten können, in welchem 
da3 agrariſche Defizit Deutſchlands fich hätte aufheben laſſen, aber erft dann, wenn 
der Stier und nicht mehr mit den Hörnern gegenüberftand. Ob es dann notwendig 
und richtig gemwejen wäre, den Gedanken eines öftlichen Stoloniallandes aufzu⸗ 
nehmen, will ich bier unerörtert laſſen. Im Falle einer wohlmollenden Haltung 
Deutichlands bei einem Vorgehen Rußlands nach füdlihem Ausgang wäre bie 
SAimmung bei den ‚wahren‘ Ruſſen auch weniger feindfelig gegen die beutfchen 
Voltsiplitter im eigenen Lande geworden und wäre das Deutichtum in Rußland 
leichter zu erhalten gewejen, was für Deutichland und meines Erachtens in noch 
höherem Grade für Rußland felbft von größter Bedeutung geweſen wäre. Der 
Nuffe braudt die Ergänzung durch das Deutichtum. Hochitehende Ruſſen hatten 
da3 voll cingefehen. Lejen Sie in den Ferien hierüber einmal den klaſſiſchen 
Roman ‚Oblomom‘ von Gontfcharoff. Der durch unfere politifchen Irrtümer ent- 
ſtandene Haß der Nuffen gegen und bat das Ginfehen freilich überflutet. 
Der Kaifer hat fich redlich bemüht, auf dynaſtiſchem Wege ein gutes Verhältnis 
zum Zaren berzuftellen. Diefer Weg war unzureichend. Entſcheidend blieben die 
großen Intereſſen, und dieſe haben wir in der letzten Vergangenheit nicht mehr Mar 
erfannt. 
Die für die Zukunft außenpolitifh für Deutjchland zweckmäßigen Richt: 
linien zu finden, ift bei dem ungeheuren Wirrwarr, der über die ganze Welt fih er: 
gofjen bat, jet ungeheuer ſchwierig. Sch möchte in dieſer Beziehung mit meiner 
Meinung um fo mehr zurüdhalten, als mir amtliche Information nicht mehr zur 
Verfügung fteht. Sch will mich daher auf wenige Gedanken befchränfen. 

Unfer Volt ijt fittlich fchwer krank. Der rückſichtsloſe Egoismus des Augen- 
blid3vorteild hat zur Zeit den Staatsgedanken völlig zurüdgebrängt. Die reine 
Demokratie ift am wenigſten imftande, Ordnung und ‚freie Bahn dem Tüchtigen‘ 


120 | Über unfere außenpolitifche Nenorientierung 


zu fchaffen. Die Herrfchaft der Maſſe ohne ftarke Gegerigewichte muß jedem Voll 
den Niedergang bringen. In Weimar find ſolche Gegengewichte für die neue Ber- 
faffung faft reſtlos befeitigt worden. Die Mehrzahl unferes Volles verfteht heute 
nicht mehr, daß Pflichten höher ftehen als Rechte, dab das Wohl des Ganzen auch 
im lebten Ende das Wohl des einzelnen umjchließt, daß wirkliche Freiheit nicht 
ohne Ordnung eriftieren kann, daß allgemeine Gleichmachung für den Organismus 
eines Staates eine Utopie ift, und der Verſuch hierzu jede perſönliche Triebfraft 
und damit die Gefamtleiftung unterbindet. Wir treiben auf diefem Wege noch 
weiter dem Niedergang entgegen. Können wir uns nicht aus diefem Zuftand be= 
freien, fo haben wir feine Ausficht auf ein Wiederhochlommen. In. Rußland wird 
der Bolfhewismus früher oder fpäter unterliegen; die natürliden Bodenſchätze 
machen es diefem Volt dann wieder möglich hochzukommen. In Deutfchland Tiegk 
eö ander. Raum und natürlicher Reichtum fehlen uns, wir waren und find ein 
Arbeitsvolk und lebten von der Arbeit. Um diefe hochwertig zu machen, muß das 
Geiftige an der Spite ftehen. Der Kopf muß die Fauſt leiten, nicht umgelehrt. In 
Frage ftand und fteht jegt nur, ob wir für und und unfere Kinder arbeiten, oder als 
Lohnſtlaven für andere Völker. Die Durchſeuchung unferes Volles mit boljche- 
miftifchen Ideen ift jehr weit vorgefchritten.. Die Organifation diefer Bewegung 
ift außerordentlich entwidelt. Aus einer größeren Zahl von Städten und Bezirken 
fommt die Nachricht von Einfegung der Räterepublil. Der bedauerlihde Märzputich 
in Berlin mag die Eiterbeule in unrichtiger Weife aufgeftochen haben. Vorhanden 
war fie in gefährlichfter Weife. Unfere Wehrmacht, welche allein uns dagegen 
ſchutzen kann, ift von ber Regierung Ebert fnftematifch vernichtet worden aus Furcht 
vor Rückkehr des alten Reiches. Das durch den Krieg fchon um bie Hälfte bis Drei- 
viertel feines beften Beitandes reduzierte Offizierlorpg wurde unmürdig und fchlecht 
behandelt, die frühere rein monarchiſche Baſis durch nicht3 annähernd Gleichwertiges 
und Ideales erſetzt. Die Regierung Scheibemann-Erzberger gab das Ehrgefühl 
der alten Armee preis, kurz, fie zerftörte die reale Macht, auf der ‚ihre eigene 
Stellung in Deutichland beruhte. So ift die ungeheure Gefahr des Sieges ber 
Bolſchewiſten herangereift. Auch in der großen franzöfifhen Revolution unter: 
lagen die Girondiften. Tritt diefer Fall auch bei ung ein, fo wird ber Reit von 
Lebensfähigkeit, den Deutfchland noch befigt, vernichtet werden und die Möglichkeit 
eines Wiederaufbaues, wenn diefer Sturm vorübergebrauft und bie Epifobe des 
‚ Bolfcheroiamus beendet ift, für Deutſchland megen ber mangelnden Natur- 
bedingungen in einer Weife befchräntt fein, bie fich mit ber ruffifchen Zukunft nicht 
vergleichen Taffen. 

Ssndeffen fo ſehr daher unfere mwichtigfte Aufgabe heute in der inneren Ge: 
fundung liegt, um dag einzige faft, daß uns geblieben ift, zum Tragen zu bringen, 
Die Arbeit nämlich, fo wird der Erfolg berfelben, und zwar in einem mit der Zeit 
fteigenden Maße doch mwefentlich bedingt bleiben durch die außenpolitifche Richtung, 
die wir verfolgen, und da erjcheint mir nicht zweifelhaft, daß, nachdem uns bie 
offene Tür nad dem Atlantik auf lange Zeit verfchloffen ift, wir vor allem ung 
beitreben müflen, mit den europäifchen Nachbarvölfern in ein gutes mirtfchaftliches 
Verhältnis zu kommen, deren Intereſſe meines Erachtens in berfelben Richtung 
geht. Diefe Wechfelbeziehungen der europäifchen Sontinentalvölfer und die mwirt- 
Ichaftliche Bedeutung Deutfchlands in deifelben find von dem Engländer Keynes 


Über unfere aufenpolitifche Ueuorientierung 121 





gelegentlich feiner Beteiligung an den Berfailler Friedensverhandlungen auch voll 
erlannt: Es ift möglich, aber keineswegs ficher, daß die Engländer big zu gewiſſem 
Grade, d. h. infoweit fie glauben, uns ala Arbeitsvolk und als Lohnfllaven aus- 
nüßen zu lönnen, ein Wiederaufleben Deutfchlands dulden würden. Robert Eecit 
hat in feiner letzten Rede über den Völkerbund etwas Ahnliches ausgedrüdt mit dem 
bezeichnenden AZufake, daß England dabei nur aufpaflen müßte, beizeiten zuzu- 
greifen, wenn dieſes Wiederaufleben zu kräftig vor fich ginge. Er fpricht dabei 
fiher in der Auffaffung des ganzen englifchen Volles. Unſer Intereſſe ift Daher 
gegeben. Wenn wir nun einmal gezwungen find, auf lange Zeit als Lohnſtlaven 
für andere Völker zu arbeiten, jo müffen wir aufs äußerfte uns bemühen, dies 
nit für England zu tun. Momentane lleinere Vorteile wiegen diefen Grundſatz 
nicht auf. Der Gegenfag zu England bleibt meiner Auffaffung nach deshalb auch 
für die Zufunft unüberbrüdber. Das fchließt felbftverftändlich nicht aus, daß es 
Lagen gibt, in denen es richtig fein würde, mit England zu gehen. Das Thema 
der außereuropäifchen Weltfragen, für melde es zur Zeit nur drei Großmächte, 
England, die United States und Yapan, gibt, Iaffe ich hierbei unberüdfichtigt. Ich 
fprede nur von der Hauptrichtlinie unferer europäifchen Politik. Worausfeßung 
für diefelbe ift der, vielleicht etwas optimiftifche, Glaube, daß unjer Voll, wenn 
ihm einmal die Binde von den Augen fallen follte, die Zuperficht zu fich felbft 
tmiederfindet, und wenn e8 den harten Willen damit verknüpft, wieder hochzukommen. 
"Das kann e& nur im Gegenſatz zu England und mit dem Programm der Solidarität 
der Intereſſen der Völker des europäifchen Kontinents. Zu den transatlantifchen 
Bölkern werden wir Dabei nicht in einen Gegenfat treten, jelbft nicht zu Amerika, 
troß deilen Striegsbeteiligung gegen ung. Wefen und Auffaffung des ameritanifchen 
Bolles darf nicht gleichgeftellt werden mit ber verflofjenen Politil des Präfidenten 
Wilfon. Die Vereinigten Staaten und die anderen überfeeifhen Völler haben Tein 
Imtereſſe daran, England von neuem zum Stapelplag ihrer Robftoffe werden zu 
laffen; fie werden, fomeit fie nicht unter politifhem Zwang ftehen, geneigt fein, 
direft mit uns zu verlehren. Auf eine Sonjelturalpolitit, mie das im einzelnen und 
den Umftänden gemäß auszuführen fei, möchte ich mich nicht einlaffen, da mir die 
wirtfchaftlichen Unterlagen hierfür nicht zu Gebote fteben. 

Die Hauptrichtlinie unferer Außenpolitit jcheint mir aus obigen Gründen 
daher auch durch den Krieggausgang nicht geändert zu fein. Die Erkenntnis für 
diefe Richtung hat für ung Deutfche deshalb ein fehr aktuelles Intereſſe, weil troß 
aller Erfahrungen während bes Krieges bei und auch die vortrefflichiten Leute immer 
wieder bereit find, fi) von ben Engländern an ber Naſe herumführen zu laſſen, 
fobald diefe mit fchönen Worten oder Heinen Gımftbezeigungen an uns berantreten. 
Sie fehen nicht, daß England auch jett auf allen Gebieten unferen Haß gegen 
Tranfreih fchürt, während es jelbit mit feiner mohlmollenden Puritanermaske ſich 
im Sintergrund hält, nach derjelben Methode, mit der e8 während des Strieges in 
“Griechenland gearbeitet Hat. Unfere braven Michel jehen nicht, daß es vor allem 
England darauf ankommt, eine ſtarke mwirtfchaftliche Wiederbelebung Deutfchlands 
niederzuhalten, daß der Bolfchemismus in Indien ihm fehr unangenehm, in Deutjch- 
land aber ziemlich gleichgültig ift. Solche Leute würden e8 womöglich für einen Erfolg 
gegenüber den Franzoſen halten, wenn die Engländer beifpielsmeife die Polizei im 
Ruhrgebiet übernähmen. Die Raffiniertheit, mit der in diefer Richtung der Verfailler 


122 Politifhe Bildung des Studenten 


Friedensſchluß von England injpiriert worden ift, die Wegnahme unferer Kolonien 
und unferer Handeläflotte, die Fnbefchlagnahme von Danzig und Memel, und Die 
dadurch verjperrte Verbindung mit dem ruffifchen Handel, hat ung noch immer nicht 
die Augen geöffnet. Die Engländer verfteden fich wieder einmal geſchickt hinter den 
Franzoſen, deren Unrecht an uns die deutjche Volksſtimmung gegen den alten Erb- 
feind fchürt, wobei ihr fein genügender Raum bleibt, fich mit England? in der Form 
weniger rohen, aber im Weſen gefährlicheren Feindſeligkeit zu bejchäftigen. Es ift 
meine fefte Überzeugung, daß wir und der Kontinent von Europa, der ja mit uns 
niedergebrochen ift, nur gejunden können, wenn wir die Falte egoiftiiche Pſyche 
Englands erkennen und demgemäß handeln. ch habe verjucht, in diefer Richtung 
durch meine ‚Erinnerungen‘ zu wirken. Nicht in der pathologiſchen Gefinnungsart 
Frankreichs, fondern in der Weltpolitif Englands liegt der eigentliche Todeskeim für 
Europa. Die Frage ift gejtellt, ob die europäischen Staaten reif find, Provinzen des 
britiichen Weltreich8 zu merden. 

General v. Caprivi, der vom Scheitel bis zur Sohle Preuße und Soldat war 
und auch nur Soldat fein wollte, fagte mir in einem Geſpräch, das ich mit ihm 
über den Berjailler Frieden von 1871 und einen folchen mit Franfreich nach einem 
fünftigen Kriege hatte: Wir dürfen Frankreich nicht vernichten; es muß voll 
beitehen bleiben. Europa kann Frankreich und feine Kultur nicht entbehren‘ Man 
ftelle fich einen englifchen Staatsmann oder hohen Soldaten bei privater Beant- 
mwortung einer ähnlichen Frage vor, und man wird den meltenmweiten Unterjchied 
der Denkweiſe und Pjyche zmwifchen una und den Briten verjtehen, der mie ich 
jtet3 bedauert habe, unüberbrüdbar war und in Zukunft, foweit wir fie ahnen 
fönnen, auch bleiben wird.“ 


6 





> “rl 


Dolitfiche Bildung des Studenten. 
Don Profeffor Dr. Stiedrich Tobler. 


725 ilt Darüber geklagt worden, daß der deutfche Student gegenwärtig 
der Gefahr ausgeſetzt fei, durch die Bildung ftudentifher Gruppen 


M dahrwaſſer zu geraten. Die Gefahr darf nicht verlannt werden. 

2 Ebenfowenig freilih die Tatſache, daß fie zu nennen fchon den 
Vorwurf politifcher Unreife in fih ſchließt. Sagen wir milder: nicht den Bor- 
wurf der Unreife, jondern die Notwendigkeit einer Einführung. 

Unter den heutigen Studenten ift jene breite Schicht nicht zu unterfchägen, 
die den Krieg lange und ernft mitgemacht bat und in diefer Zeit eine menich- 
liche Reife erfuhr, wie fie glei lange Studienzeit ſchwerlich erzeugt Haben dürfte. 
Der Eifer des Nachholeng, begreifliche mwirtichaftlihe Sorgen, ebenfo oft aber 
aud eine fait krankhafte Berjchloffenheit nach jchwerem Erleben Halten viele von 
diejen, und nicht die fchlechteften, zurzeit von der Politik eher zurüd. Schon 
aber wächſt neben ihnen ein jüngere® Geſchlecht Heran, dem das ernftere Er- 
lebnig der Umſturz war und dag unter feinem Eindrud für fi) und feinen Stand 





politiſche Bildung des Studenten 123 


neue Wege finden zu können ober zu willen meint. Die Boraußfegung ift viel- 
fa irrig; denn Lernenwollen, und ſei e8 in noch jo geichlofienem Gefüge, gibt 
nimmer ben Rahmen eine® Standes. Das fchließt indes nit aus, bag auch 
der in beruflicher Bildung nicht Yertige ein ganzer und reifer Menſch fein kann, 
fähig zur Einftellung auf den Stand, bem er aufteebt, und zur vollen Erfaffung 
ſtaatsbürgerlicher Pflichten. 

Was ſich der auf eigenen Füßen ſtehende und in einen Siand herein⸗ 
gewachſene Bürger auf mannigfachen, an Zahl immer zunehmenden Wegen für 
Wiſſen und Bildung erwirbt, ift niemals vorauszuſehen und kann in glüdlichfter 
Weiſe für politifhe Betätigung SKlaflenunterfchiede ausgleihen. Zwifchen ber 
fiudierenden Jugend aber und allen gleihaltrigen nicht Studierenden werden 
Unterſchiede beftehen bleiben, über die feine Demofratie hinwegzu— 
helfen vermag. Wer fi für feinen Beruf noch im beginnenden Mannesalter 
auf die Iodende und verpflichtende Lernzeit eine Univerfitätsftubiums einftellt, 
fieht heute jedenfalls noch die für ihn Fommende Aufgabe ald Staatsbürger als 
umfangreicher und ihrer Natur nah mehr wie einen Lernftoff an, als ber in 
gleidem Alter Schon in voller Fahrt befindliche, wenn aud) noch nicht auf dem 
Höhepunkt feiner beruflichen Leiftung angelommene Arbeiter. Und biefer Unter- 
ſchied ift letzten Endes doch begründet in einem Uinterfchied der Reife. Man kann 
das ohne Zadel und Kränkung jagen, denn jenes Zurüdbleiben beffen, der länger 
unfertig bleibt, weil er feine Aufgabe ſich fomplizierter anfegt, ift kein Verſchulden 
und aud Fein unbedingter Nachteil. Iſt es doch faft Fein phyſiologiſcher 
Unterfhied. Wil man verfennen, daß felbft ohne Anfehen des Herkommens 
ber, der länger und im ununterbrodhenen Anſchluß an die Knabenzeit auf ber 
Schulbank ſaß, den reifenden Anftoß zum felbftändigen Auftreten und zur ſtaats⸗ 
bürgerlihen Berantwortlichleit noch nicht im gleihen Alter empfangen Haben 
fanıı, wie der anbere? 

Die Geſchichte der deutſchen Parteien vor und nach 1918 Kat bie unver- 
meidlihe Folge Hieraus gezeitigt, daß Sugendorganifationen unter. ben auf ber 
arbeitenden Klaſſe fußenden Parteien immer ben fi an Akademiker wendenden 
boran fein mußten. Ebenſo folgerihtig Hat die ftärfere Volitifierung der jüngften 
Zeit e8 mit fih gebracht, daß zuerft wiederum von fozialiftiicher und nachfolgend 
bon bürgerlicher Seite verfucht worden ift, jüngere Nefrutenklafien für bie Partei- 
fämpfe mobil gu machen. Freilich Hat das Mbergreifen parteipolitiicher Beftrebungen 
auf die Schulen aller Art zuglei auch den verfländlidden Hintergrund, daß ber 
gewaltigere Schritt der Zeit in mander Beziehung Jugend aller Rlafien früher 
bat reifen lafien. Ob das eine bleibende Verſchiebung bedeutet für den Or⸗ 
ganigmus der Jugend von Heute und morgen, iſt eine Frage für fih. Unabhängig 
davon kann aber heute fchon vorausgefagt werben, daß jener politiiche Alters- 
unterfhied wohl immer wiederkehren wird, fo lange fi) Hand⸗ und Ropfarbeit 
auf verfchiedene Organe ber Geſellſchaft verteilen 

Das ift der lette Anlaß, der parteipolitifche Beftrebungen auf den Hoch- 
ſchulen mit Beforgnis als unfruchtbar und als ein Unredjt der Parteien an ber 
Jugend des Volkes anzufehen zwingt. Man ſpricht vom idealen Sinn ber 
fludierenden Jugend. Züchter man nicht oft einen unfreiheitlicden und unkritiſchen 
Geiſt? Jugendliche Empfänglichteit Hat daB Vorrecht, gerade bei dem Fehlen 


134 Politiſche Bildung des Studenten 


mancher Barten Wirklichkeit Gedanken und Beftalten anzubängen, bie zu den Tagen 
und Menſchen von Beute paflen wie eine Kirchturmſpitze auf ben Erbboben. 
Zeit und Entwidlung werben dafür forgen, bat die Vernunft entweder bie 
Unnatur dieſes Bauwerk! erkennt oder zum mindeften nadträglid den Unterbau 
erritet. Wer aber in kaltem Eigennug durch parteipolitiihe Bande eine wahr- 
Baft ideale Semeinfchaft der frei aus einer Tür getretenen und auf eigenen Weg 
fih Borbereitenden fprengt, ber nimmt ihren Angehörigen da8 But und Vorrecht 
bed Werdens und der Entwidlung, des Erfaflens und Sich⸗Entſcheidens. 

Nicht zu verkennen ifl freilich, daß e8 eine gemeinfame nügliche Tätiglel 
für alle Barteien an dem Studententum gäbe, gemeinfam um ihre Gegenſtandes 
willen: das iſt das Hinlenfen auf die als überparteili zu fordernde Außen- 
politik oder befler auf ihre Vorſtufe: das Auftreten mit ber redhten Würde dor 
dem Ausland. Leider will auch das gelernt ſein —, nimmt aber an Bert zu, 
je mehr da8 Studententum ober bie deutſche Hochſchule als Körperichaft ohne Partei⸗ 
zerfplitterung auftritt. Um biefer Wertſchätzung willen liegt ein greifbares Stüd 
der Hochſchulreform⸗Möglichkeit in der Tat auf dem öfter beiprodhenen Gebiet 
der Auslandskunde, fofern e8 nicht Bloß in Vorleſungsüberſchrift und Anpaflung 
alten Stoffes betrieben wirb. Je mebr fich zeigt, daß die Allgemeinheit bei ung 
Außenpolitif erft Ternen muß, um fo felbftverftändblicher wirb auch die Aufnahme 
ihrer Grundlagen in den Bilbungsftoff des Studenten und be8 gebildeten Staat®- 
bürger®. 

Eine Frage freilich ift die, 05 und wie bie Hochſchule gerade heute in ber 
Lage tft, dem Drang nad) gründlicher und geredhter Erfafiung ber Bildung für 
den in Staat und Zeit fi einreihenden Mann entgegenzulommen. Und wenn heute 
der Student berufen wirb oder fi) berufen glaubt, an einer Hochſchulreform mit- 
auarbeiten, jo fpielen Forderungen in biefer Richtung eine begreiflidde Rolle. 
Schwerli werden allerdings neue, im Thema (oder wenigftens dem klingenden 
Zitel) zeitgemäße Borlefungen ſolchem Bebürfnis gerecht. Was da fehlt und 
helfen Tann, ift nicht die billige Schaffung von Disziplinen und papiernen Hilfs⸗ 
mitteln; denn die Entwidlung des Lebrbetriebes wird unter gefunden Verhält⸗ 
nifien immer mit dem G@eift der Zeiten und der jüngeren Lebrfräfte gehen. In 
einem parteilofen Semeinichaftsgeift, im gleichen Bedürfnis des Sich⸗Umſehens, 
des Sih-Nüftens für das Kommende, für das Heraustreien in freiem Wollen und 
freier Wahl ruben bie beiten Kräfte für Reform. Das Verhältnis zwiſchen Lehrer 
und Lernendem, da8 Weſen des Führens und Sichführenlaflens ift Beute ein 
anderes als vor dem Kriege. Eine Täufhung wird es meift fein, die Anderung 
auf die Revolution zurädguführen, wie es mancher fich einbildet. E83 muß am- 
erfannt werben, daß auß welchem inneren Grunde aud immer die Führerrolle, 
die der Hochſchullehrer fih heute fo gut wie einmal vor Jahrzehnten wieder an- 
eignen fann, anderes von ihm verlangt als tiefſte Gelehrſamkeit, nämlih ein 
dem Brofefior alten Stiles fremdes Maß von kameradichaftlidem Empfinden, ein 
feldftverftändliche8, nie als Herablaffung oder Laft fih gebendes Zufammenleben, 
wie das freilich der Natur der Arbeit entſprechend ein Fremderes mehr für bie 
Geiftegwifienihaftler fein muß, während, gewiß vielen von bdiefen unbelannt, 
folder @eift in anderen Fächern längft zu Haufe war. Stärker und bemwußter 
als bisher werben nun allgemein Lehrer unb Lernende, werben die von ein- 


ö——— — Ar — — .. 


Die Retter der Produktion — Minderheitsfhuß 125 


ander jo verſchiedenen AlterSflafien derer, die draußen waren, und berer, bie 
nachkommen, ein einigendes Band zu finden fuchen, nit in bem Traume 
eines ein paar Sabre fie faffenden Standes, fondern in bem einzigen 
unverfälſchten Gefühl für das, was bie afademifche Jugend nad innen und nach 
außen vertreten kann. Dies eine wird nit nur zu jeder gefunden politifchen 


Bartei, fondern auch zur Jugend aller Klaſſen und Parteien die Brüde ſchlagen: 
die Nation. 


Die Retter der Produktion 


„Der Sozialismus hebt den Ertrag 

Der nationalen Produktion.“ 

Streik folgt auf Streik; mit jedem Tag 
Sinkt die Erzeugung und ſteigt der Lohn. 


Trägheit und Räuberei verſchlingt, 

Was ſelbſt die Kriegszeit nicht verſchlang. 
„Nur Mut! Der Sozialismus bringt 

Die deutſche Wirtſchaft wieder in Gang!” 


% 
Blutlaus und Dürre; der Saftitrom ſtockt. 
Es blieben nur wenige Früchte faum. 
Und ſtraf' mid) Gott — hoch oben bodt 
Dez Nachbar Bengel im Apfelbaum. 


Mir fcheint, Sie efjen fidy, junger Mann, 

Un meinen lebten Apfeln fatt! 

— ‚Nicht doch! Ach Binde die Äpfel an, 

Die der Sturm heruntergeworfen bat.“ Pandur. 


— — — 


Minderheitsſchutz bei den Grenzdeutſchen 


Von Dr. Gottfried Fittbogen 


— nfolge des Friedensvertrages von Verſailles ſind mehrere Millionen 

Volks- und Staatsgenoſſen an unſeren Grenzen im Weſten, 

* M Norden und Oſten unter fremde Herrſchaft gekommen. Hier hat der 

N neue Geijt, der angeblich mit dem Völlerbund in die Welt gefommen 

1, iit, und der künftig die Beziehungen von Volt zu Voll freundlid) 

ee ich, die beſte Gelegenheit, ſich wirkſam zu zeigen. Sein erjtes Anliegen 

muß es gewiß fein, bie nationalen Minoritäten in einem fremden Staat vor der 
leifeften Kränkung und Vergewaltigung zu fügen. 

Wie ſteht es damit in Wirklichkeit? Iſt dieſer neue Geift auch den deutfchen 
Minoritäten zugute gelommen? Prüfen wir baraufhin den Friedensvertrag von 
Verfailles, der nun für die Zukunft die rechtliche Bafis für dieſe deutſchen Minori- 
täten nicht meniger als für ung felbft ift. Welche Schugbeftimmungen enthält er? 








126 Minderheitsfchub bei den Grenzdentſchen 


1. Gleich die Artikel über Elfaß- Lothringen, das nicht erft mit dem 
Sriedensfchluß, fondern ſchon mit dem Waffenftillfiand vom 11. November 1918 
an unter die franzöfifche Staatshoheit getreten ift, und zwar ohne Volksabſtinmung, 
enthalten nichts berartiges, aber auch Leine Silbe (Artikel 51—79). Vielmehr 
beruben fie von A bis 3 auf der Fiktion, daß die deutſchen Elfälfer und die deutſchen 
Zothringer (die Deutfchen find belanntlid an 90 Prozent der Bevölkerung) wegen 
ihrer franzöfifchen Staatszugehörigfeit „ranzofen“, und nur Die aus dem Reich ein= 
gewanderten Deutichen und deren Nachkommen „Deutjche“ feien. So wird auf bie 
einfachfte Weife das Nationalitätenproblem aus der Welt geſchafft. Das deutfich- 
ſprachige Schulweſen wird aufgehoben, die deutfchen Knaben und Mädchen müffen 
franzöfifhe Schulen befuchen. Und auch fonft betreibt franzöfifche Intoleranz 
Inftematifch Die Verwelſchung ber Bevölkerung, fo daß fich felbft auß den Reihen der 
Elfäffer Widerfpruch regt. Beitimmungen über den Minderheitsfchug werden dabei 
nicht verlegt; denn für Elfaß-Lothringen gibt es Feine. _ 

2. Das Saarbeden ilt fein Ausland. Aber der eigentümliche twitter: 
zuſtand, in Dem es ſich 15 Jahre befinden und dem dann eine Vollsabftimmung folgen 
fol, welche die Möglichkeit eines Anfchluffes an Frankreich mindeſtens ing Auge faßt, 
nötigt dazu, auch dies Gebiet in den Bereich der Beſprechung zu ziehen. inner: 
halb des Saarbedens gibt es nicht bloß eine deutſche Majorität, fondern die ganze 
Bevölkerung ift deutfch; bei einem Anfchluß an Frankreich aber würde fie fofort 
— mie die Deutichen Elſaß-Lothringens — in Minoritätzftellung geraten. Unter 
diefem Gefichtspuntt muß man die einfchlägigen Beitimmungen (Artilel 45—50 
nebit Anlage 8 1—40) leſen, dann erkennt man fogleich, welche Maßnahmen ins 
Auge gefabt find, um für die Zeit der fremden Verwaltung die u Bevölkerung 
in ihren deutfchen Intereſſen zu „Ichügen“. 

Die Hauptfache am Saarbeden find die Kohlengruben, an denen Franfreich 
bag vollftändige und unbefchränkte Eigentum erhält. Die Bevölkerung ijt, da fie 
deutſch ift, eine unbequeme Zugabe. 

Aber muß fie immer gefchloffen deutſch bleiben? Läßt fich nicht ein gemifcht- 
ſprachiges Gebiet fchaffen, bis in 15 Jahren die Abftimmung ftattfindet? Daher wird 
denn (Anlage 8 12) beitimmt, daß die Einführung und Verwendung fremder 
Arbeitskräfte in den Gruben des Saarbedens oder in deren Nebenanlagen in feiner 
Weiſe behindert werden darf; aud) können die Arbeiter und Beamten franzöfifcher 
Staatsangehörigleit den franzöfiihen Gewerkſchaften angehören. Sind crit 
franzöfifche Arbeiter und Beamte im Lande, fo muß natürlich auch dafür geſorgt 
werden, daß für fie und ihre Kinder technifche Schulen und Volksſchulen mit 
franzöfifcher Sprache und nach franzöfifhem Lehrplan vorhanden find. Den 
Schulen werden ſich „Krankenhäuſer, Apotheken, Arbeiterhäufer und Gärten und 
andere Wohlfahrt3- und Unterftügungseinrichtungen“ anfchließen ($ 14). Wollen 
Deutſche diefe franzöfifchen Einrichtungen benugen, fo wird man das nicht ungern 
fehen; im Gegenteil, man wird fie als Propagandaanftalten benußen. 

Sa, man geftattet fogar gnäbdigit, daß Die Bewohner des Eaarbedens, die 
ſämtlich deutfche Reich3angehörige find, wenn fie tollen, eine andere, daß heißt: 
die franzöſiſche Stantsangehörigleit erwerben (8 27). Sind fie erft franzöfifche 
Staatsangehörige, nun, dann find fie eben „Sranzofen” und müſſen al8 folche 
behandelt werben. Daß der Regierungslommiffion — 3. B. in der Ab⸗ und Gin- 





Minderheitsihug bei den Grenzdentfchen 127 


fetung von Beamten — Zwangs und Lodmittel zu Gebote ftehen, bebarf nicht 
erit der Erwähnung. 

Auf diefem Wege kann beides crreicht werben: daß Franzoſen in größerer 
Zahl ins Land kommen, und daß Deutiche ins franzöfiiche Lager hinübergezogen 
werben. Das Reſultat wirb ein gemifchtiprachiges Land fein. Und um biefes 
Ziele willen trifft der Friedensvertrag fürforglihd Schutbeftimmungen für eine 
franzöſiſche Minorität, die noch gar nicht da ift! 

Und der Tendenz diejer Friedenzbeitinnmungen entipricht durchaus die Praris 
der Franzoſen, die ja fchon über Jahr und Tag fich hat entfalten können. Dort ift 
bereit3 eine außerordentlich gervandte franzöſiſche Sprach- und Kulturpropaganda 
am Werke (vgl. den Auffag von Paul Wentzke, Franzölifhe Werbung am Rhein, 
„Deutſche Politif”, Heft 23 vom 4. Juni 1920). Spracdhlehrer und Volksbildungs⸗ 
mittel aller Art begleiten den franzöfifchen Vormarſch. Unmittelbar nad) dem or: 
rüden ber fremben Truppen im Saargebiet entftanden dort überall Sprachkurje, um 
ben Verkehr zwiſchen den beiden Bevölkerungsſchichten zu „erleichtern“ und an⸗ 
genehm zu geitalten. Als dann der eigentlichen Armee ein Troß von Frauen und 
Kindern folgte, da wurde es Pflicht der Behörden, auch für Belehrung und Unter: 
haltung diefer Vorkämpfer Frankreich? zu forgen und franzöfifche Schulen ein- 
zurichten. 

Und was tun wir dagegen? — Nichts! Deutſche Kreiſe aber, insbeſondere 
des kleinen Mittelſtandes, ſenden gern und willig ihre Kinder in dieſe Schulen der 
Moppellultur“ hinein! 

3. Die Bevölkerung von Eupen und Malmedy, bie an Belgien fällt, 
ift den neuen Herren ſchutzlos preisgegeben. Kur die Farce einer Abftimmung 
ift ihr bewilligt (Artilel 34): „Während der erften 6 Monate nach dem Inkrafttreten 
des riedensvertrages werden in Eupen und DMalmedy dur Die belgifchen Be- 
hörden Liften ausgelegt. Die Bewohner dieſer Gebiete haben das Recht, darin 
fchriftlih ihren Wunſch auszuſprechen, daB dieſe Gebiete ganz oder teilmeife unter 
deutſcher Staatshoheit bleiben.“ 

Alfo nach der Bejegung durch Belgien dürfen die Deutjchen, die es wollen, 
ihren Namen in eine Lifte eintragen (nur zwei Liſten haben die Belgier für das 
ganze Gebiet ausgelegt!) und den platonifchen Wunfch ausſprechen, daß fie lieder 
bei Deutfchland blieben. Die belgifche Regierung lernt auf dieſe Weife gleich Die 
Namen derjenigen kennen, die fie fi) als Kandidaten für die nächſte Ausweiſung 
merken lann. Als Ziel wird fenntlich: fich möglichit der treudeutfchen Bevöllerung 
zu entledigen. 

Daß bei diefer Rechtslage — denn die Beltimmungen des Friedensvertrages 
find ja geltendes „Recht“ — Die verfchiedenen Noten ber beutfchen Regierung, 
welche eine „wirklich freie Abftimmung“ fordern, von vornherein zur Erfolg- 
Iofigkeit verurteilt waren, Tiegt auf der Hand. Die deutſche Minorität in Belgien 
wird der belgiichen Regierung ſchutzlos ausgeliefert fein. 

4. Für Nord-Schleswig, mo jett beutfche Gemeinden unter deutiche 
Herrſchaft lommen, fteht, fcheint eg, die Sache etwas günftiger. Schußbeftimmungen 
enthält zwar auch hier ber Friedensvertrag nicht, aber er läßt doch wenigſtens bie 
Möglichkeit offen, daß künftig welche getroffen werden. „Durch bejonbdere 
Ubmadhungen”, beißt es am Schluß von Artikel 114, „werden alle anderen 


128 Minderheitsfchuß bei den Grenzdentſchen 





Kragen geregelt, welche aus ber vollftänbigen ober teilmeifen Rückgabe der Gebiete 
erwachfen, die Dänemark auf Grund bes Vertrages vom 30. Oftober 1864 ab- 
treten mußte.” ’ 

Als aber die deutſche Regierung an die bänifche herantrat, um nun bejondere 
Abmachungen über den Schuß der deutfchen Minorität zu treffen, Tehnte bie däniſche 
Regierung es ab, au nur in Verhandlungen darüber einzutreten! 

5. Befondere Beachtung verdienen die Verhältniffe in dem neugeborenen 
Sreiftant Danzig, der, fofen er Seeſtaat ift, unter englifcher, fofern er Land— 
ftaat iſt, unter polnischer Suprematie jteht. Er verfügt über eine erdrüdende 
deutfche Mehrheit (von 98 Prozent), ift alfo jo gut wie ganz deutſch. Trohdem 
ift eine höchft merfmürdige Beitimmung über die Nationalitätenverbältniffe getroffen, 
die der größten Aufmerkſamkeit wert ift. 

Es genügt nämlich noch nicht, daß der neuen Republit Polen als Staat ein 
meitgehender Einfluß eingeräumt wird, Der in Wirklichleit den Freiftaat Danzig 
feiner ſtaatlichen Selbftändigkeit beraubt (Artilel 104), e3 genügt noch nicht, daß 
das Eigentum des Deutfchen Reiches und Preußens, das logiſcherweiſe in ten 
Beſitz des Freiftantes Danzig übergehen müßte, von der Entente an den polnifchen 
Staat übertragen werden kann (Artikel 107); e3 wird auch dem Polentum ala 
Volkstum ein Vorrang vor den Deutfchen eingeräumt. Es fol nämlich zwiſchen 
Polen und Danzig ein Ablommen getroffen werden, in dem dafür geforgt wird, 
„daß in der freien Stadt Danzig fein benachteiligender Unterfchied zum Schaden 
polnifcher Staatzangehöriger und anderer Perfonen polnischer Abſtammung oder 
Sprache gemacht wird“. Daß polnifch fprechenden Staatzbürgern Danzig? Die 
Gleichberechtigung zugefichert wird, wäre noch zu begreifen, daß aber Stantsbürgern 
Polens, welche die Danziger Staatsangehörigkeit nicht einmal bejigen, auch Gleich- 
berechtigung gewährt merden fol, bloß weil fie polniſchen Blutes find, fett aliem 
Die Stone auf. Es bedeutet im Sinne der Entente die grundfähliche Bevorzugung 
de3 polnischen Volkstums in einem deutichen Staat. 

Mieder — wie bei dem Saarbeden — zeigt fih, daß im Friedensvertrag 
bon einem Schu der Minorität nur die Rede ift, wenn fie nichtdeutich iſt und 
wenn fie ſich zur Schwächung einer deutſchen Majorität verwenden Täßt. £ 

6. Über das Memeler Gebiet ijt noch nicht3 bejtimmt; Deutjchland bat 

nur die Blanfoverpflichtung übernommen, „die Beftimmungen anzuerkennen, melde 
die alliierten und afloziierten Hauptmächte in bezug auf dieſe Gebiete treffen 
werden“. Bisher iſt alfo nicht? zum Schuß der dortigen Deutfchen geſchehen, ob 
e3 in Zukunft gefchehen wird, hängt ganz von dem guten Willen der Entente ab. 
Und mie e8 damit fteht, haben wir bisher zur Genüge fennengelernt. 
7. Bei Polen, dem wir ung jet zumenden, kann zum erften Male von 
pofitiven Beitimmungen über Minoritätenfhug die Nede fein. Die Abftimmungs- 
gebiete können dabei für unjere Zmede füglih außer acht gelafien werben; benn 
ſollte etwas davon noch nachträglich an Polen fallen, fo würden dafür offenbar die- 
jelben Beitimmungen gelten wie für die Polen fogleich zugefprochenen Gebiete. 

Zunächſt entdeden wir eine Beitimmung, welche offenkundig die Schwächung 
bes deutjchen Elements bezweckt, daß nämlich nur bie bereitö vor dem 1. Januar 1908 
dort anjälligen Neichsdeutfchen ohne meiteres die polnische Staatsangehörigkeit er- 
werben, die fpäter Gelommenen aber abgefchoben werben können. Auf biefe Weife 


.. Minderheitsfchuß bei den Grenzdentfchen 129 


ſoll nicht bloß die Zahl der Deutichen mu e3 Io: vor allem deutſches Land 
in polniſche Hand gebracht werden. 

Endlich aber finden wir wirklich die bisher keiner Herta gejuchte Be 
ftinamung. Artikel 93 Abſchnitt 1 lautet: „Bolen nimmt unter Zuftimmung, daß 
die alliierten und afjoziterten Hauptmächte dies in einem mit ihm zu ſchließenden 
Vertrage aufnehmen, die Beitimmungen an, welche dieſe Mächte für notwendig er- 
achten, um in Polen die Intereſſen der nationalen, ſprachlichen und religiöſen 
Minderheiten zu ſchützen.“ 

Der Minoritätenſchutz iſt alſo nicht i in den Friedensvertrag felbft aufgenommen, 
den Deutfchland unterzeichnet bat, ſondern er ift einem Bertrage zwiſchen Polen 
und den Ententemächten vorbehalten, bei dem Deutfchland, obwohl es ſich um feine 
bisherigen Bürger handelt, nicht ein Sterbenswörtchen mitzureden hat. Der Zweck 
ift deutlich: ihm ſoll die Möglichkeit genommen werden, ſich im alle der Vertrags: 
verlegung an Polen felbft zu wenden und von ihm Abhilfe zu fordern; ihm bliebe 
allenfalls der umftändliche und ziemlich ausſichtsloſe Völkerbundsweg 

Diefer Vertrag nun „zwifchen den alliierten und affoziierten Hauptmächten 
und Polen“ iſt tatfächlich bereits zuftandegefommen und veröffentliht. Er räumt 
tmmerbin der deutſchen Sprache und der deutfchen Clementarjchule (nicht der 
höheren Schule) gewiffe, recht dürftige Rechte ein. Aber wie dürftig fie auch fein 
mögen, es find Rechte! 

Bezeichnend ift aber, Daß den Juden in Polen mehr Rechte. zugeitanden 
werben als den Deutichen. Faſt fonmmt man auf den Gedanken, daß die Deutjchen 
ihre geringen Rechte dem Umftande zu verdanken haben, daß e8 in Polen auch 
jüdifche, ufrainifche, weißruffifche und vielleicht litauiſche Minoritäten geben wird. 

Für die Einzelheiten verweiſe ich auf die Schrift des Berliner Juriſten Prof. 
Dr. Erid Kaufmann, Pie Rehtsverhältniffe der an Polen abgetretenen Oft- 
mark (Berlin, Verlag der Grenzboten, 1919), welche die Vertragsbeſtimmungen im 
Wortlaut bringt und bejonders auf Seite 20 bis 30 eine eingehende Erläuterung 
derjelben gibt. Es ijt Die erfte Schrift diefer Art. Und eg wäre nur zu wünfchen, 
dab die NRechtsverhältniffe aller übrigen abgetretenen Gebiete in derfelben Weife von 
tundiger Hand behandelt würden. Denn mögen die Zuftände noch fo unbefriedigend, 
mag die Rechtsbaſis noch jo ſchwankend fein, das erjte, mas das bodenjtändige 
deutfche Element überall tun muß, ift, daß es fi) ganz genau über die „Rechts“⸗ 
verhältniffe orientiert, unter denen es Tünftig zu leben hat. Nur auf dieſe Weiſe 
‚gewinnt e8 einen fiheren Ausgangspunkt für feine Arbeit. 

8. Bei der Tſchecho ſlovakei, an die wir das Leobſchützer Gebiet ver- 
foren haben, fteht die Sache ähnlich wie bei Polen. Sie hat einen Vertrag mit den 
Ententemädten über den Schub der ntereffen der nationalen, prachlichen und 
religiöfen Minderheiten geſchloſſen. Dem kommt um fo größere Bedeutung zu, als 
ex auch für die 3% Millionen Deutiche gilt, welche Die Tichechoflonafei von Oſterreich 
und bon Ungarn übernommen hat. Über den Inhalt dieſes Vertrages fällt Die 
„Deutiche Arbeit”, Die im 2. Rovemberheft 1919 die Hauptbeftimmungen mittetlt,) 


2). Deutfche Arbeit. Gine Grenzland=Zeitfchrift. Herausgegeben von Dr. Hermann 
Ulmenn. Geſchäftsſtellen: Für das tſchechoſſovakiſche Gebiet Subetendeuticher Verlag 
Franz Kraus, Reichenberg 1. B.; für Deutich-Ofterreih und Ungarn Verlag Eh. Hölgel, 
Wien; für Deutihland und das Ausland Verlag Georg D. W. Callwey, München. 


Grenzboten III 1920 | 9 


130 Die dentſche Arbeiterbewegung in der Gegenwart - 


da Urteil, daß durch ihn den Tichechen nicht nur ihre Vormaditftellung, fondern 
ſchrankenloſe Herrichaft völferrechtlich verbürgt wird. 

So fieht e8 einftweilen mit dem Minoritätenfhug aus: bei jech® von den ab- 
getretenen Gebieten fehlt jeder Schuß, in den beiden anderen ijt er unzureichend. 

Was folgt aus alledem? 

Täufchen wir uns doch feinen Augenblid darüber: die Deutjchen diefer acht 
Gebiete find vom Körper des Volles und Reiches getrennt, weil man die einzelne 
Rute leichter zerbrechen kann als das ganze Bündel. 

Die Deutfchen diefer abgefprengten Grenzlande find alle bedroht und — 
Kämpfe ſtehen ihnen bevor, meiſt haben ſie ſchon begonnen. 

Es liegt auf der Hand, wie ſehr ihnen die Abwehr dadurch erſchwert wird, daß 
jede Gruppe iſoliert iſt und nur für ſich arbeitet, wie ſehr ſie erleichtert werden würde, 
falls ſie nach einheitlichen Geſichtspunkten erfolgen könnte. Es müßte alſo eine 
Stelle geſchaffen werden, die von Berufs wegen alle Fragen zu bearbeiten hätte, 
welche den Minoritätenfchuß bei den Grenzdeutjchen betreffen. Zu ihren Auf- 
gaben gehört es zunächft einmal, die reichsdeutſche Öffentlichkeit über alle Fälle, in 
denen Grenzdeutſche vergewaltigt werden, zu informieren; Die meijten Reichs— 
deutjchen miffen noch nicht einmal, was auf dem Spiele fteht, und ftehen in fträf- 
licher Gleichgültigfeit beijeite. 

Wie diefe Stelle am beiten zu jchaffen fei, ob vom Staat aus oder — 
vielleicht bejjer — unabhängig vom Staat, braucht hier nicht erörtert zu merden. 
Seht gilt e8, die Notwendigkeit einer folchen Stelle anzuerkennen. Das meitere 
wird jich finden. 





Die deutſche —— in der Gegenwart 


Don Paul Rüffer 


u eit der Mitte des 19. Jahrhunderts — veranlaft durd den 
Del beginnenden Induſtrialiſierungsprozeß — entwickelte ſich eine 
machtvoll einſetzende Arbeiterbewegung, die zunächſt ihr Gepräge 

29 durch den Marxismus befam. Karl Marr drüdte dem werdenden 

a Broletariat drei ſcharf geichliffene Waffen in die Hand. Die 
erite Waffe mar die des Materialismus. Sie war dazu beftimmt, die Maffen 
aus der Atmojphäre der chriftlichen Weltanfchauung zu löfen. Die zweite Waffe 
mar die de3 Klaſſenkampfes; jie hatte die Aufgabe, den rüdfichtälofeften Kampf 
für die Erringung der Diktatur des Proletariat3 zu führen. Die dritte Waffe 
endlich war die der internationalen Gefinnung, die dazu beftimmt war, dic 
nationale Gejinnung zu befämpfen und dem internationalen Geift die Bahn zu 
brechen. Ferdinand Lafjalle brachte zunächit mit Erfolg die antinationale Note 
in der deutfchen Arbeiterbewegung zur Geltung. Er ftedte der deutichen Arbeiter- 
ihaft ein internationales Ziel. Es war die Erringung des gleichen, geheimen 
und direkten Wahlrecht3; denn, heißt es in feinem berühmt gewordenen Ant- 
wortſchreiben: „Das iſt das Ziel, das ihr erringen müßt; ein anderes gibt 
es nicht!“ — | | 







Die deutfche Arbeiterbewegung in der Gegenwart 131 


Nachdem auch in Preußen die Koalitionsfreiheit gegeben war, machten 
ſich feit Ende ber 60er Jahre die gewerkſchaftlichen Beftrebungen in ber deutſchen 
Arbeiterſchaft immer ftärler bemerkbar. Die beiden älteften Gewerkſchafts⸗ 
richtungen entftanden im September 1868. Es ift die „Freie oder GSozial- 
demokratiſche und die Hirſch⸗Dunkerſche Organifation“. Nach der Vereinigung 
ber beiden feindlichen Ylügel — der Lalfallianer und der Marziften im Jahre 
1875 — tritt nun von Jahrfünft zu Jahrfünft immer mwuchtiger die jozial- 
demofratiiche Arbeiterbewegung in die Erſcheinung. Vergebens juchte das 
Sozialiſtengeſetz zwiſchen 1878 und 1890 diefe Bewegung mit den Macht- 
mitteln des Staates zu belämpfen. Es gelang wohl, die Organifationsform 
zu zerbrechen, aber unter dem Einfluß des Sozialiſtengeſetzes entiwidelte fich 
der Marriftiiche Geift in der deutſchen Arbeiterichaft in Reinkultur, den ſpäter 
Bebel Ichlagmwortartig in dem Sat zufammenfaßte: „Wir eritreben auf reli- 
giöſem Gebiet den Atheismus, auf fozialem den Kommunismus und auf native 
nalem die foziale Republik.” Auf politiidem Gebiet tritt die ſozialdemokratiſche 
Arbeiterbewegung bei jeder Reichſtagswahl im Blid auf ihre wachſende Stimmen» 
zahl und im Blid auf ihren Einfluß im Parlament immer deutlicher in die 
Ericheinung. Die gewerkſchaftliche Bewegung, die ganz mit martxiſtiſchem 
Ge fte getauft war und im ſozialdemokratiſchen Fahrwaſſer fegelte, wuchs in der 
Vorkriegszeit ins riefenhafte. Bon den reichlich 200 000 Mitgliedern, die die 
ſozialdemokratiſche Gemerfichaftsbewegung im Jahre 1890 zählte, waren bis 
zum Jahre 1913 zweieinhalb Millionen geworden. In diefer Gewerkſchafts⸗ 
‚ bewegung murbe beſonders der Klaffentampfgeift gepflegt, der in den zahl- 
reichen Streit3 — nach Umbreit’3 Darftellung find zwiſchen 1890 und 1913 
mehr al3 33 000 Lohnkämpfe durchgefochten worden — feinen Ausdrud fand. 
Daneben entwidelte fich in außerordentlich ſtarkem Maße auch noch bie jozial- 
demokratiſche Genofjenichaftsbewegung. Hinter diejen Riefenzahlen der jozial- 
demokratiſchen Arbeiterbewegung blieb die Hirſch⸗Dunkerſche volllommen 
zurüd. Ihr Ideal war nicht der Klaſſenkampf, jondern ſie betonte die Harmonie 
zwilchen Arbeit und Kapital. Den größten Wert legte dieſe Bewegung auf eine 
gute Yinanzgebarung und erfolgreiches Unterſtützungsweſen. Aber fie blieb 
ein Zwerg mit ihren 100 000 BLM DEIN gemeſſen an den Riefenzahlen der 
fozialdemofratifhen Berwegung. 

Der Umftand, daß die ſozialdemokratiſche Arbeiterbewegung in ihrer 
dreifachen Ausſtrahlung — politiſche, gewerkſchaftliche und genoſſenſchaftliche 
Form — das Monopol in der deutſchen Arbeiterwelt ſich dauernd durch Terror 
und religiöſe und politiſche Unduldſamkeit gegen die Arbeitermaſſen ſichern 
lonnte, die auf chriſtlichem und nationalem Boden ſtanden, gab die Veran⸗ 
laſſung zu Organiſationsbeſtrebungen auf chriſtlichmationaler Linie. Als Vor⸗ 
läufer dieſer Beſtrebungen find die chriſtlichozialen Arbeitervereine des 
Weſtens, die der Kulturkampfbewegung zum Opfer fielen und die in den 80er 
Jahren fich entwidelnden fonfejjionellen Arbeitervereine anzuſehen. 1894 
organifierten ſich die chriftlich gefinnten Werfarbeiter des Ruhrbezirfes. Ahnen 
folgten die Tertilarbeiter am Niederrhein und die Eifenbahner in Süddeutich- 
land. 1899 fand ber erſte chriftliche Gewerkſchaftslongreß in Mainz ftatt, der den 
Srunbiharalter der chriftliden Arbeiterbewegung feftlegte: konfeſſionell⸗ 

9* 


1323 Die deutſche Arbeiterbewegung in der Gegenwart 

paritätifch, politifch-neutral, fozial-Hafjenverfühnend und den Streit als letztes 
Mittel, wenn alle Berhandlungsmöglichleiten erſchöpft find, als mwirtichaftliche 
Waffe zu Erringung gewerkichaftlicher Ziele. Die chriftlide Gewerkſchafts⸗ 
bewegung hat in den Jahrzehnten vor dem Kriege zu ihrer Eriftenzberechtigung 
einen furchtbar harten Kampf gegen das Arbeitnehmertum, das die Bewegung 
energiicher al3 die Sozialdemofratie befämpfte, und gegen die foziale Richtung, 
die fie nicht anerfennen wollte, führen müfjfen. Aber im härteften Kampf er- 
ftarfte die Bewegung. 1903 tagte in Frankfurt am Main der erfte chriftlich- 
nationale Arbeiterfongreß, der zum erften Male die chriftliden Gemerfichaften, 
die Tonfelfionellen Arbeiter- und andere Gefinnungsvereine unter dem Namen 
„Ehriftlichnationale Arbeiterbewegung“ vereinigte. Eine halbe Million Arbeit» 
nehmer waren auf diefem erjten Kongreß vertreten. 1907 fand in Berlin der 
zweite chriftlich-nationale Wrbeiter-Kongreß Statt, der bereit3 eine Million 
Mitglieder zählte. 1913 tagte der dritte chriftlich-nationale Arbeiter-Rongreb 
in Berlin, der 1200 000 Mitglieder vereinigte und endlich 1917 im Olktober 
der hriftlich-nationale Kriegd-Kongreß, ebenfall® in Berlin. 750 000 Mit- 
glieder der chriftlich- nationalen Arbeiterbermegung ftanden damals unter den 
Fahnen und 75 000 Hatten aus ihren Reihen bereit3 den Heldentod fürs Vater⸗ 
land erlitten. 1500000 waren auf dem Kriegd-Kongreß durch 400 Ab⸗ 
geordnete vertreten. So waren bi zum Kriegsausbruch in der deutjchen 
Arbeiterbewegung drei große Richtungen — die jozialdemokratifche, die Hirſch⸗ 
Dunkerſche und die chriftlich-nationale, vorhanden. Die anderen Nrbeiter- 
Organiſationen, wie die wirtjchaftlich-friedlichen, die polnischen und die Loka⸗ 


liſten, kamen für den großen gewerkſchaftlichen Kampf nicht in Betracht. In 


diejer Lage kam der Weltkrieg und in feinem Gefolge die Revolution, die neue 
politifche Verhältniſſe ſchufen. Nach der Revolution gruppierten fich die ge- 
wertichaftlihen Berbände von neuem. Zunächſt wurde im November 1918 
die indujtrielle Arbeit3gemeinichaft zwiſchen den Arbeitnehmer- und Arbeit- 
geber-Berbänden gegründet. Bon den Arbeiter-Örganijlationen wurden die 
ſozialdemokratiſche, die Hirſch⸗Dunkerſchen und die chriftlichen Gewerkſchaften 
al3 gleichberechtigt anerfannt. Später gruppierten fich die Gemerfichaften 
aller Richtungen in neuer Form. Die freien oder jozialdemotratifchen Gewerk⸗ 
ichaften jchlofien fich in der Form des allgemeinen deutjchen Arbeiterbundes, 
der heute mehr ald 7 Millionen Mitglieder zählt, zufammen. Pie hriftlichen 
Gewerkſchaften organijierten fich im deutſchen Gewerkſchaftsbunde, der gegen» 
wärtig2!/, Millionen Mitglieder zählt, und die Hirſch⸗Dunkerſchen Gewerfichaften 
gaben ſich in Verbindung mit anderen Organijationsformen den Namen 
Deutiher Gemwerfichaftsring, der gegenwärtig etwa !/, Million Mitglieder 
umfaßt. Die chriftliche Gewerkſchaftsbewegung, aljo der heutige deutiche Ge⸗ 
werfichaftsbund und die. Eonfeljionellen Arbeiter-Bereine, zählen in der Form 
ber Kriftlich nationalen Wrbeiter-Bewegung 4 Millionen Mitglieder. Wenn 
nicht alle Zeichen trügen, dann wird der Endlampf auf dem Gebiete der Arbeiter- 
Bewegung zwiſchen der ſozialdemokratiſchen und der chriftlichen Arbeiterbe- 
bewegung ausgefochten werden. In der Gegenmart find 10 Millionen Arbeiter 
vom Organijationsgedanten erfaßt. Und der Augenblid ſcheint nicht mehr 
fern zu ſein, wo rejtlo3 die beutjche Wrbeiterjchaft inirgend einer Form organijiert 


— — — 


Aus Geheimberidyten an den Brafen Bertlirig 133 


it. Es kann keine Frage fein, daß aud) in der organifierten Arbeiterichaft die» 
jenige Richtung früher oder jpäter doch die Oberhand befommen wird, die ihre 
ganze gewerkichaftliche Organifationsarbeit in bewußter Weife einftellt auf 
die Linie der nationalen, der jozialen und der chriftlichen Gefinnung. Es wird 
noch harte Kämpfe geben, ehe biefer Grundcharatter der Zeit jich im gewerk⸗ 
ſchaftlichen Leben durchgefegt Haben wird. Aber die Eierjchalen des überlebten 
Marxiſtiſchen Geiftes werden doch abgeftoßen werben müſſen, wenn die orga- 
nifierte Arbeiterjchaft der gefunde Träger des politifchen und des wirtichaftlichen 
Lebens im neuen Deutſchland merden till. 


Ines 
NY M I — 








Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling 
(1915- 1317) 


Don Franz von Stockhammern, miniſterialdirektor im Reichsfinanzminiſterinm 
| vn. 
Qugern, den 19. September 1916. 


Ich fahre heute zu meinem vatikaniſchen Gewährsmann, um ihn vertraulich 
über die Anhaltspunkte zu befragen, die er für die von ihm bei meinem letzten Beſuch 
geäußerte Anfchauung hat, daß mir mit Rußland etwas machen könnten. Es 
ſchwirren in diefer Hinficht derzeit verichiedene Gerüchte durch die Schweiz, mobei 
nur zu wünſchen ijt, daß mir nicht wieder als derjenige daftehen, der mit dem Hut 
in der Hand wartet, ob ihn nicht ein Wagen mitnimmt. Sollten fi) wirkliche greif- 
bare Anknüpfungspunkte ergeben, fo ift unfer erjtes und ftärfftes Intereſſe, das 
zum Ausdrud kommt, daß die Ruſſen uns aufgeſucht haben. 

Ich habe in Zürich, wohin ich zu dieſem Zmed eigens fuhr, Herrn Adolf 
Müller aus München gejehen, deffen ruhige und bejonnene Art ihn denn aud m 
bejonderem Maße geeignet erjcheinen Täßt, mit maßgebenden Neutralen zu ver- 
handeln. ch fand ihn Diesmal fehr ernft geftimmt, moraus zu ſchließen geftattet ift, 
daß fein Schweizer Gewährsmann, der Deutichland aufrichtig freundlich gefinnt ift, 
unfere Zage mit Sorge betrachtet. Davon, daß Rußland zu haben wäre, ift dieſem 
Herrn etivad Greifbares nicht bekannt. Rückſichtlich Frankreichs bat auch Herr 
Müller, der ſich lange Zeit etwas von dieſem Lande erwartete, derzeit jede Hoff: 
nung aufgegeben. So müflen fi, aller Enttäufhungen ungeachtet, die Augen 
derer, die nach Frieden ausfchauen, immer wieder nach Rußland richten, wobei wir, 
jollen wir nicht für Oſterreich zum Schluß verbluten, irgend jemand zum Begleichen 
der Zeche beranziehen müſſen. 


| Zürich, den 15. Ottober 1916. 
Ich erlaube mir den Abdrud meines Berichtes an .... beizulegen mit 

der nur für Euer Erzellenz beftimmten vertraulichen Bemerkung, daß Graf L., 
ber ben Frieden aufridhtig wünſcht, fehr unter dem ungunſtigen Eindruck der 


134 Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


über unjere Fühler in Rußland verbreiteten Zeitungsnachrichten fand. Es if 
ba3 reine Verhängnis, daß, jooft wir etwas Derartiges ımternehmen, die Sache 
in die Preſſe kommt. Der Hauptübeltäter ift diesmal die!) Zeitung „Neue 
Zürcher Nachrichten“, die vor einiger Zeit mit geheimnisvollen Andeutungen 
Davon ſprachen, daß zwiſchen Rußland und Deutichland etwas vorgehe. Gelbit- 
verftändlich Haben die Ruffen, als die Sache weiter um fich griff, jofort dementiert, 
und wir mußten wohl oder übel in der „Kölniichen Zeitung“ nadjfolgen. Ich 
ſah, daß Graf 8. über die Ungejchidlichleit unferer Preßgebarung jich feine 
ganz beitimmte Meinung gebildet hat, wenn er jie allerdings entjprechend feiner 
gemefjenen und abgewogenen Art für jich behält. 


Zürich, den 23. Oltober 1916. 


Ich hatte letter — Gelegenheit, einen hier lebenden, mir beſtens bekannten 
Freund des Schweizer Generalfſtabsſschefs Sprecher von Berneck zu treffen. Mein 
Gewährsmann hat den Generaljtabschef in den lebten Wochen wiederholt gejehen. 
Er ijt Deutſcher, jein Zeugnis über Sprecher tft verläſſig. Oberſt Sprecher hat 
diejem Herrn gegenüber feine Anficht vertraulich dahin ausgeſprochen, daß er unfere 
Lage militärisch für gut halte, daß er dagegen In Sorge fei, ob wir die Sadje wirt: 
Ichaftlich big zu dem von der Entente vorläufig in Ausficht genommenen Termin 
aushalten. Welchen Termin Sprecher meint, vermochte mein Gewährsmann mit 
Sicherheit nicht zu ermitteln; er hatte den Eindrud, daß der Generalftabächef eher 
mit 1918 als mit 1917 rechnet. 


Zürich, den 28. Oftober 1916. 


Bedeutungsvoll ift die hieher gelangte Meldung über die Abficht des 
Herrn Briand, demnächſt, wohl in erſter Linie zum Zweck der Hochhaltung der 
Stimmung im Lande, eine Wahlrechtäreform auf breitefter Grundlage anzu⸗ 
kündigen, die von dem Gedanken beherricht ift, die ungeheuerlichen Lüden, die 
der Krieg in die Wählermafjfen vorzugsweiſe des Radikalismus geriffen hat, aus- 
zufüllen, und zwar unter Heranziehung aller irgendwie ftimmfähigen 
Elemente. Es ift dies eine Sache, die in Preußen zu denken geben könnte. 
Erzellenz M., der ſich gegenwärtig hier zwecks Beiprechungen aufhält, Hat mir 
augeinandergejeßt, daß angejicht3 der großen neuen Opfer, die die Nation in 
nicht ferner Zeit mit der Erhöhung der Jahreögrenze von 45 auf 50 Jahre und 
mit der zwangsweiſen Beichäftigung der verwendbaren Frauen in der Er- 
zeugung von Munition und fonftigem Kriegsbedarf auf ſich nehmen müſſe, 
die Reichsleitung auf Preußen im Sinne einer Demofratijierung des Wahlrechtd 
einwirken müfje, midrigenfalls die Arbeiter, ſoweit fie politifch und wirtſchaftlich 
organifiert feien, nicht mehr zu halten feien. Merkwürdigerweiſe hat Prälat 
Et. geſtern bei mir denjelben Faden geiponnen und gejagt, daß eine Anderung 
de3 preußifchen Wahlrecht3 einer der wichtigften Faktoren für eine Beichleunigung 
de3 Friedens fein würde, da, wie er auf Grund der von ihm gewonnenen Ein- 
drüde behaupten zu können glaubt, gegen das ausschließlich von der preußifchen 


I) Bon @raberger beeinflußte.e. A. d. R. 


Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 135 


Reaktion geleitete Deutichland auch nad) dem Kriege allenthalben in Europa 
Da3 größte Mißtrauen beftehen werde. 

Hinfichtlich der Friedensfrage war Exz. M. auf Grund feiner Berner Ein- 
drüde fehr trübe geftimmt. Die Ausfichten jeien jchlechter als je, wenn auch 
nicht zu leugnen fei, daß ſowohl in England als in Frankreich die Kriegsmüdigkeit 
zunehme. Wer aber nicht frieggmüde fei, das jeien die Negierenden, und auf 
deren Zähigleit komme es allein an, ſolange die Zenfur beftünde. 


Bern, den 19. November 1916. 


Ein englifcher Politiker, der fich fett einigen Tagen hier aufhält, hat meinem 
neutralen Kollegen X. gegenüber die Frage einer Verjchärfung des 11-Bootlrieges 
in interejlanter Weife ungefähr folgendermaßen behandelt: 

Der Engländer — mir fühlen uns in allen Fragen, die unfere Seegeltung 
betreffen, als kompakte Maffe — fteht einer Verſchärfung des deutfchen Unterjee- 
bootfrieges weſentlich anders gegenüber als einer etwaigen Ausdehnung feines 
geographifchen Aktionsradius. Someit fi) eine derartige Verjchärfung insbejondere 
gegen dic englifche Küfte und gegen die Sicherheit des militärifchen Transport⸗ 
weges nach Frankreich richten follte, würde England fie al3 unmittelbare Bedrohung 
feines Lebensnervs betrachten und demgemäß die Waffen nicht eher niederlegen, 
als nicht feine traditionelle maritime Überlegenheit auch auf dem hier in Betracht 
kommenden technifchen Sondergebiet miederhergeftellt if. Die legte Nede von 
Asquith hat gezeigt, wie fchlecht Winfton Churchill bei Beginn des Krieges prophezeit 
hatte, als er von einer unmittelbar bevorftehenden Zertrümmerung der deutjchen 
Flotte ſprach. Schon diefe Enttäufchung empfindet man in England ſchn er. Darüber 
hinaus jedoch in ihrer infularen Sicherheit fich, ernfthaft bedroht zu ſehen, ertrüge 
die Nation nicht. Es wäre jedoch verfehlt zu glauben, daß Großbritannien etwa den 
Mut verlieren würde. Sch und mit mir meine politifchen “yreunde find für einen 
. anitändigen Frieden, wir find aber auch der Meinung, daß eine derartige Muf- 
peitfhung des englifchen Nationalgefühls, wie eine Verjchärfung des deutfchen 
Unterſeebootkrieges in ber eingangs erwähnten Richtung fie zur ficheren Folge haben 
würde, jede Auzficht auf Frieden auf unbeftimmte Dauer vereiteln würde. Diefer 
unfer Standpunkt ift Tediglich pigchologifceh zu verftehen und in kurzen Worten 
dahin zu erläutern, Daß das Gefühl, Großbritannien könne von Deutfchland auf 
dern Dieer bezwungen und in feinen infularen Privilegien ernfthaft betroht merden, 
auch den legten Engländer auf den Plan rufen und jelbft jchon erfchlaffte Kräfte 
der Nation zu neuem Leben und zu neuem Widerftand aufrütteln würde. 
| Derjelbe Gedanlengang macht es begreiflich, daß die Luftangriffe, die Die 
Deutichen auf englifches Gebiet unternehmen, eher geeignet find, die Vevölkerung 
der in Betracht fommenden Provinzen mürbe zu machen. Der Luftkrieg iſt eine 
Erſcheinung der allerneueften Zeit, er ift ohne Traditionen, die Gegner jtchen, fich 
unter gleichen Bedingungen gegenüber. Die Schädigungen, die England durch 
die Raids von Zeppelinen und Fliegerabteilungen erleidet, erzeugen ſelbſtverſtändlich 
alles eher als Liebe zu Deutjchland, aber fie rühren nicht an den englifchen 
Rationalftolz, der fich durch jede verunglüdte englifche Aktion zur See und ganz 
befonder3 im Stanal in feinem innerften Kern verlegt fühlt. Die Bevölkerung, nicht 


136 Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


an letter Stelle jene von London, Yeidet unter den Luftaftionen der Deutſchen 
ſchwer, betrachtet fie fo ziemlich als die unangenehmfte Beigabe bes ihm ohnehin 
unbequemen Sriegszuftandes, fie beurteilt aber die Erfolge oder Mißerfolge bes 
Luftkrieges nicht vom point d’honneur, wie dies beiſpielsweiſe ganz England 
einmütig gegenüber dem Angriff getan hat, ben bie Deutichen im Kanal gegen 
Folkeſtone mit verblüffender Kühnheit unternommen haben. 

Sch glaube meine und meiner politifchen Freunde Anficht "dahin: zufammen- 
faffen zu können, daß Deutſchland durch eine etwaige weitere technifche Verſchärfung 
feines Unterfeebootfrieges in der Richtung gegen unfere Küften und gegen die Sicher- 
heit des Kanals zwar vielleicht der Welt gegenüber auf einige Zeit zeigen kann, daß 
fih das Verhältnis unferer maritimen Potenz verfchoben hat. Ebenſo ficher aber 
ift, daß England aud) fein Opfer fcheuen und den Kampf nicht eher aufgeben wird, 
als bis es der Welt gezeigt hat, daß diefe Verfchiebung im Verhältnis der See 
geltung der beiden Länder eine lediglich vorübergehende mar. 


Luzern, den 28. November 1916. 

In Berlin ſcheint man für die nächfte Zeit an eine an die Neutralen zu 
richtende Kundgebung im Sinne des Friedens zu denken, da Exzellenz von Mühl⸗ 
berg, wie ich vertraulich zu berichten mir erlauben möchte, um Vorlage des Ent» 
wurfs einer Art Manifeit oder Note erfucht morden und geitern telegraphijch montiert 
worden if. Herr von Mühlberg hat das Elaborat, das fehr fchön redigiert und 
weitfchauend angelegt tft, mit einer Verwahrung vorgelegt, die dahin ging, daß 
er die Verwendung bes Entwurfs im gegenwärtigen Moment für inopportun halte 
und feine Verantwortung bafür übernehmen wolle. 


2 


Bern, ben 29. Dezember 1916. 

— Ich ſtehe unter dem Eindrud, daß ein pofitives Ergebnis 
der derzeitigen Yriedensaltionen äußerft unwahrſcheinlich ift, und zwar auf 
rund eingehender Rüdipradhe mit Mon. Marchetti und meinem neuttalen 
Freunde ©., die übereinftimmend ſich dahin äußerten, daß die Stimmung in 
Frankreich zwar zweifellos für Ermöglichung eines rafchen und ehrenvollen 
Friedens fei, daß die Regierung aber derartige Stimmungen nicht auflommen 
laffen werde. Die führenden Elemente der Friedensbewegung in Frankreich 
ftünden ben Maßnahmen ber Regierung wehrlos gegenüber, da fie burch die 
theatralifch infzenierte, diplomatiich jedoch nicht vorbereitete Friedenzaktion 
Berlin? und Wiens (vom 12. Dezember 1916) vollkommen überrafcht worden 
feien. Dasſelbe trifft für die Friedenzitrömungen in den übrigen Entente- 
ländern zu. Was die maßgebenden Kreije in Paris betreffe, jo jeien fie über- 
zeugt, daß der Schritt der Zentralmächte durch Notwendigkeiten innerpolitifcher 
und. wirtichaftlider Natur diktiert worden ſei. Man glaube insbefondere ficher 
zu willen, daß Hfterreich-Ungarn nicht in der Lage jei, Durchzuhalten. Man 
rechne ferner auf bie im ſtillen ſich vorbereitenden öſterreichiſch-deutſchen Zer⸗ 
würfnijfe, nicht zuletzt im Hinblick auf die nädjfte Umgebung Sailer 
Karls, wobei die Herzogin von Parma im Vordergrund ftehe. Dieje Argu⸗ 
mente würden von ber Mehrheit des Parlaments für durchſchlagend erachtet. 


— 


Zur Pſychologie des wirklichen und des ſcheinbaren Muſikverſtändniſſes 137 


Die pathetiiche Note des Beichluffes des franzöjiichen Senats habe das Ber- 
trauen der Verbündeten auf die Widerftandstraft Frankreichs neu belebt. Die 
maßgebenden parlamentariichen Kreife von Paris hielten das Scheitern der 
Aktion ſowohl der Zentralmächte al3 der Neutralen für jicher, eine Wieder- 
aufnahme derartiger Demarchen vor militärifcher Entſcheidung 1917 nicht wohl 
für möglich. Mein Freund hat fich Hinfichtlich der Stellung England3 in ähnlichen 
Sinne geäußert. Nach jeinen Darlegungen fühle fi Lloyd George nicht Hin- 
reichend ſicher. Er könne ein Einlenken nicht riskieren, ehe England nicht zu der 
von ihm in Ausficht geftellten äußerjten Anftrengung ausgeholt habe. Die 
engliſche Admiralität rechne zwar jeßt ſchon mit einer Verfchärfung des deutfchen 
Unterjeebootfrieges. Sie jei wegen feiner eventuellen Rüdichläge auf den 
Handel und die Lebensmittelzufuhr Englands, ſowie auf die Sicherheit der 
militärifchen Transportiwege nad) Frankreich bejorgt. England werde dieſes 
Riſiko jedoch auf jich nehmen. Es werbe auf dem Feitlande um jo größere An— 
firengungen machen und alle Kräfte einjegen, um ein Gelingen der fombinierten 
englüch-franzöfiichen Frühjahrsaktion 1917 zu fichern. Der legte Erfolg Nivelles _ 
por Verdun habe in ftarlem Maße dazu beigetragen, die Zuverficht der Ber- ' 
bündeten auf den Erfolg der beabfichtigten Aktionen zu erhöhen. 





Fur Pfychologie des wirklichen und des fcheinbaren 
Mufitverftändnifles 


Don Dr. A. Bohenemjer 


a.) ©° ift muſikaliſch? Die Beantwortung diejer Frage hat jchon 
ch S Aa viel Kopfzerbrehen verurſacht, und Billroth, der berühmte 
wa Arzt und zugleich verftändnisvolle Freund von J. Brahms und 
an I Ed. Hanslid, hat ihr eine befondere pſycho⸗phyſiologiſche Studie 
gewidmet (Wer ift muſikaliſch, nachgelajiene Schrift von 
Theodor Billroth, herausgeg. von Ed. Hanzlid, Berlin, 1895). Freilich find, 
fo intereffante Einzelheiten er auch bietet, feine Ergebnifje wenig befriedigend 
und nicht Scharf umriſſen, und daran Hätte ſich vermutlich nichts geändert, auch 
wenn ernicht angelichts des nahen Todes gezwungen geweſen märe, einen Teil 
feiner Gedanken nur zu ſtizzieren. Immerhin kann und die Schrift zum 
Anfnüpfungspunft unjerer Betrachtungen dienen. 
' Mit vollitem Recht hebt Billroth hervor, daß, da die Mufik, mie fie fich 
in unferem Kulturkreis ausgebildet hat, aus verjchiedenartigen Elementen 
beiteht, erſt das BZujammentreffen der Veranlagung für dieſe verjchiedenen 
Elemente den muſikaliſchen Menſchen ausmacht, daß aljo die muſikaliſche Be- 
gabung mehrere Teilbegabungen in jich jchließt. Wen 3. B. der Sinn jelbit 





E 0 


138 Sur Pſychologie des wirflidden und des [dyeinbaren Muſikverſtändniſſes 


für die einfachften Rhythmen fehlt — und es gibt, wie Billroth gezeigt Hat, 
mehr ſolcher ftiefmütterlich bedachten Individuen, als man in der Regel glaubt —, 
der ift unmufilalifch, auch wenn er Tonhöhenabftufungen noch fo jcharf ımter- 
Icheiden könnte. Anbererjeit3 ift aber auch der unmufilalifh, der Melodien 
bloß an ihrem Rhythmus wiedererfennt, aljo wohl Sinn für Rhythmus, jedoch 
durchaus kein Bemwußtjein vom Unterjchied zwiſchen hohen und tiefen Tönen 
bejibt; auch für da3 Borlommen diejer jeltiamen Veranlagung führt unjere 
Schrift Beifpiele an. Zum Sinn für Rhythmus, d. 5. in unferem Fall zu dem 
Bermögen, Gehörseindrüde nah) Maßgabe ihrer verjchiedenen Dauer und 
ihrer verſchiedenen Betonungsverhältniffe einander über-, unter- und beizu- 
ordnen, und zu dem Bermögen der Tonhöhenunterfcheidung muß jich nod) die 
Fähigkeit gejellen, die Töne aud) nach ihren verjchiedenen Berwandtichafts- 
graden aufeinander zu beziehen, die jich beim Zuſammenklang ala Konjonanzen 
und Diſſonanzen und beim fulzejjiven Erklingen in ähnlicher, aber etwas modifi- 
zierter Weife zu erlennen geben. Nur wer bie Töne al3 in allen diejen jich 
tombinierenden Richtungen aufeinander bezogen zu erfajlen vermag, wozu 
als Elemente von jelundärer Bedeutung noch die verjhiedenen Stärlegrade, 
ſoweit jie nicht jchon im Rhythmus enthalten find, und die verjhiedenen Klang» 
farben Hinzutreten, nur der nimmt mujfifaliich-[innvolle oder, wie man aud 
mit Recht jagt, mufilalifch-Iogiiche Ganze in ſich auf, nur der ift muſikaliſch. 

Es ift Har, daß die mufilaliihe Veranlagung in den mannigfaltigiten 
Abjtufungen vorhanden fein kann, angefangen von der auf die Erfafjung des 
Einfachſten bejchränkten Fähigkeit bi3 zum Verſtändnis zur Wiedergabe und 
ſchließlich zur fchöpferifchen Herborbringung der fomplizierteften Gebilde, und 
auf allen diefen Stufen können dann wieder die Tonmerfe, welche ber einzelne 
bevorzugt, alfo am beiten verfteht, Hinjichtlich ihres Fünftlerifchen Wertes den 
verichiedeniten Hang einnehmen. Hier follen nun nicht die Abitufungen der 
muſikaliſchen Beranlagung näher betrachtet werden; vielmehr wollen wir nur 
da3 wirkliche Muſikverſtändnis gegen eine weit verbreitete Art eines nur jchein- 
baren, nur vermeintlichen Verſtändniſſes abgrenzen, gegen eine Täujchung, 
welche zahlreihe und darunter hochgebildete Menfchen veranlaßt, auch die 
fompliziertejten Tonwerke anzuhören, eventuell jogar wiederzugeben, ohne 
daß fie imftande find, fie jo zu genießen, wie e3 die Beichaffenheit der betreffenden 
Werke und die Abjicht des Komponiften fordert. Weil fie dabei dennod) einen 
Genuß haben, verfallen fie der Täufchung, wahres Mufilverftändnis zu befiten. 
Aber es iſt eben, wie gejagt und tie jich noch näher zeigen wird, nicht ber rechte 
Genuß, und von den Gefahren, die er in jich birgt, werben wir gleichfalls noch 
hören. 

Bon einer Melodie jagen mir, jie jei heiter, luftig, übermütig oder ernit, 
traurig, ſchwermütig uſw. Niemand nimmt an folden Redewendungen Anſtoß, 
obgleich jchon eine einfache Überlegung zeigt, daß jich dieje Attribute ftreng- 
genommen nicht der Melodie als folcher, jondern nur einem Menjchen, alfo 
höchſtens mir, der ich fie höre, beilegen lajfen. Und doch müſſen fie andererfeits 
in der Melodie liegen; denn ich fann beurteilen, daß eine Melodie 3. B. heiter 
it, auch wenn ich mich ſelbſt durchaus nicht in Heiterer Stimmung befinde; 
ja, infolge de3 Widerſpruchs zwiſchen meiner Stimmung und jener der Melodie 


Sur Pſychologie des wirklichen und des ſcheinbaren Mufifverftändnifies 139 


kann ich mich durch diejelbe verlegt oder abgeftoßen fühlen. Das Rätſel löft ſich 
Dahin, daß bie Heiterkeit für meinen Eindrud, für dieſen aber zwingend, tat- 
fächlicy in der Melodie liegt, in Wahrheit jedoch durch diefe in mir erzeugt und 
von mir aus, foweit es fi) um meinen Eindrud handelt, auf fie übertragen 
toird, Jo daß fie mir nun als Eigenjchaft der Melodie entgegentritt. Auch bie 
Heiterleit einer Melodie, die ich Tonftatiere, ohne mich felbft heiter zu fühlen, 
kann doch nur durch die Wirkung der Melodie in mir jelbit zuftande gelommen 
fein; fie hat dann eben nicht mein ganzes Weſen, ſondern nur einen Teil. de3- 
felben ergriffen, der dem Ganzen, aljo meiner Grundftimmung, al3 etwas 
Geſondertes gegenüberftegt. Überall demnach, wo für meinen zwingenden 
Eindrud eine Melodie heiter, traurig uf. ift, kurz, wo fie Eigenjchaften befißt, 
die fich im Grunde nur vom Menſchen ausfagen lafien, da habe ich dieje Eigen- 
Ichaften, wie fich die moderne Piychologie ausdrüdt, in die Melodie eingefüplt. 

Offenbar iſt nun Mufilverjtändnis nur bei demjenigen vorhanden, dem 
aus der Melodie ſolche Eigenschaften entgegenleuchten, dem fie etwas fagt, 
für den fie einen Sinn hat, mit einem Wort, für den fie ein bejeeltes Objekt ift. 
Die höchſte Stufe des Berftändnifjes ift erreicht, mern das ganze Muſikſtück, 
und zwar auch da3 fompliziertefte, in diefer Weiſe, aljo als bejeelte Einheit erfaßt 
wird. Jedes Tonwerk verlangt einen beitimmten Grad de3 Verſtändniſſes. 
Bird ihm dieſer nicht entgegengebracdht, werden 3. B. nur einzelne Melodien 
al3 jolche erfaßt, während ung die Verbindungsglieder nicht jagen und uns 
aljo auch da3 Ganze als Ganzes nichts jagen Tann, jo wird e3 nicht in der rechten, 
d. 5. in der von ihm felbit intendierten Art genofjen. Wie man die Widerjprüche 
im Eharalter eines Menjchen nur auf Grund eines genauen Verſtändniſſes des 
Betreffenden erkennt, jo befähigt uns auch nur das wahre Mujilverjtändnig, 
aljo die Einfühlung, zu der Feititellung, ob ein Tonwerk nicht etwa Eigen- 
ſchaften bejitt, die feine Erfaſſung als befeelte Einheit erſchweren oder unmöglich 
machen, und ob das ſeeliſche Leben, das in ihm liegt, ein wertvolles, den gegene 
über einem Kunſtwerk zu erhebenden Forderungen angemeſſenes iſt. 

Es fragt jich nun, wie es die Muſik vermag, Stimmungen in ung hervor⸗ 
zurufen, welche in fie eingefühlt werden können. Sie vermag e3 mittelft ihrer 
eingangs aufgezäglten Elemente. Dieje alle erweden in ung einzeln und erit 
recht in ihren unendlich mannigfaftigen gegenjeitigen Gteigerungen, Ergän- 
sungen und Durchkreuzungen bejtimmt geartete jeelifche Betätigungen, die zu 
Stimmungen, d. 5. zu mehr oder weniger umfajjenden Seelenzuftänden und, 
fofern die durch das Mufikftüd ausgelöfte Betätigung troß aller Mannigfaltigfeit 
und allen Wechſels in ihrer Gefamtheit eine einheitliche ift, zu einem einheit- 
fihen Gefamtjeelenzuftand, eben zu der Grunditimmung des Muſikſtückes 
führen. Jeder Mufilaliiche kennt aus Erfahrung den Unterjchied zwiſchen der 
Wirkung eines Adagio und eines Prefto, eines einjchläfernden und eines fort- 
treibenden Rhythmus, eines tiefen und eines hohen Tone, eines Fortiſſimo und 
eines Pianiſſimo, eines Ylöten- und eines Trompetenklanges, einer jinnlojen 
Zonfolge und des Bezogenjeins der Töne auf einen Mittelpunkt, in der Regel 
auf den Grundton der Tonart, eines weiten Intervalles, 3. B. eines Dezimen- 
fprunges, und de3 Fortichreitens in Halbtonftufen, einer Konſonanz und einer 
Diifonanz, und zwar died nicht nur im Zuſammenklang, jondern auch in der 


140 Zur Pſychologie des wirflihen und des fheinbaren Muſikverſtändniſſes 


Sukzeſſion, 3. B. eines Schritte in die große Terz umd eines ſolchen in die 
große Septime. Das nähere Weſen diefer Wirkungen und die jeelifchen Gejeh- 
mäßigfeiten, auf denen fie beruhen, find zum Teil aufgehellt; aber jehr vieles 
bleibt noch zu tun übrig. Hier genügt e3 uns, die ftimmungerzeugende Macht 
der Muſik wenigſtens andeutungsmweije begreiflidh gemacht zu haben. | 
| Die durch das Tonwerk in uns erzeugten Stimmungen werden in dasſelbe 
eingefühlt, gehen für unferen Eindrud von ihm aus, ſoweit wir die Töne nad) 
ihren rhythmiſchen, melodilhen, harmoniſchen, dimamifhen und Hang- 
harakteriftiihen Beziehungen vermöge unferer eigenen zufammenfalfenden 
Tätigkeit zu Einheiten und dieſe endlich zur oberiten Einheit des ganzen Wertes 
zufammenfchließen; denn, wie Th. Lipps, der gründlichfte Erforjcher des 
Phänomens der Einfühlung, gezeigt hat, kommt dasjelbe nur dann zuftande, 
wenn mir zwar einerjeit3 durch das Objekt beftimmt werben, wir aljo 3. 2. 
eine beftimmte Tonfolge hören, welche, falls fie für ung überhaupt zur Melodie 
wird, nur dieſe beftimmte und feine andere Melodie werben Tann, wenn mir 
aber andererfeits gleichzeitig das Objekt Durch unfere zufammenfaflende Tätigkeit 
erft jchaffen, indem 3. 8. für und feine Melodie vorhanden ift, jolange wir die 
Töne nicht zufammenfcließen. Tun wir dies nicht, jei e3, weil e3 uns objettiv 
ımmöglich gemacht wird, indem etwa die Töne einander zu langfam oder zu 
raſch folgen, jei eg, weil es ung ſubjektiv unmöglich ift, indem wir 3. B. zu er- 
mübet jind, um, wie man jagt, ber Muſik zu folgen, d; h. um bie Tätigfeit des 
Zuſammenfaſſens zu vollziehen, während wir Doch die Töne mit bem Ohr auf- 
nehmen, jo bleibt die Einfühlung und bamit da8 wirkliche Verſtändnis aus. 
Das Ausbleiben der Einfühlung nicht auf Grundlage einer zeitmweiligen 
jubjeltiven Störung, jondern einer Beranlagung oder, beſſer gejagt, eines 
Mangels in der mufilalifchen Begabung ift es nun, worauf das nur fcheinbare 
Mufilverftändnis beruht, von dem oben die Rede war, und wodurch eine ganze 
Kaffe von Hörern, ein Typus der Mufilaufnehmenden, charakterifiert wird. 
- Während ſich der wirklich Unmulfilalifche gegen die Wahrnehmungen 
auf dem Gebiet, auf das ſich feine Unfähigkeit erjtredt, entweder gleichgültig 
verhält oder mit Unluft auf fie reagiert, übt die Muſik auf unjeren Typus ftarfe, 
Iuftvolle Wirkungen aus; aber die BZufammenfaffung, die Berbinglichung, 
die Objeltivierung, wie man mit Recht jagen Tann, fehlt: Der Wechſel der Be- 
tonungögrade und der Tondauer führt nicht zur Bildung von Gruppen mit 
Über- und Unterordnung ihrer Elemente, alfo auch nicht zu Abfchnitten, 
Perioden uſw.; die Töne werden nicht auf einen Mittelpunft bezogen. Die 
Erfaflung einer Melodie, eines mufifalifch-Togifchen Fortgang ift alfo ſowohl 
von rhythmiſcher als auch von tonaler Seite her ausgefchlojfen und Damit natür- 
lih auch die Erfaljung einer thematifchen oder motivifhen WBeiterfühung, 
kurz, einer Entwidlung. Dem mit wirklichem Mufilverftändnis Begabten if 
dieje Art des Mufilaufnehmenz in der Regel nicht durchaus fremd. Wer nicht 
eine ausnahmsweiſe hohe Auffaffungsfähigfeit beſitzt, wird beim erftmaligen 
Anhören eines komplizierten Werkes, befonders wenn e3 in einem ihm un- 
gewohnten oder unbelannten Stil gehalten ift, Häufig nur in einzelnen Stellen, 
etwa in ben Hauptgebanten, finnvolle Einheiten erbliden; alles übrige wird 
ihm mehr oder weniger wie ein Tonchaos ber gejchilderten Art erfcheinen. Er 


‘ Sur Pfychologie des wirklichen und des ſcheinbaren Mufifverftändnifies 141 


ift fich dann aber wohl bewußt, das Berkn nur jehr teilweije verftanden zu haben, 
und wird fi) bemühen, durch nähere Beichäftigung mit demfelben zu vollem 
Beritändnis zu gelangen. Anderſeits treten bei dem, der nur über das fcheinbare 
Beritändnis verfügt und der, jolange er fich ſelbſt überlajjen bleibt, feine Ahnung- 
Davon hat, Daß e3 noch ein andersartiges Berftehen gibt, die Wirkungen der 
Muſik nit immer in den oben dargeftellten Extremen auf. Viele werben 
Melodien von verhältnismäßiger Einfachheit und von der Art, die ihnen von 
Kindheit an geläufig iſt, alſo etwa die Volksmuſik ihres Landes, als Melodien 
erfalfen und genießen, während diejes wirkliche Berftehen vermwidelteren und 
größer angelegten Mufikjtüden gegenüber entweder völlig verjagt oder ſich auf 
einzelne Stellen bejchräntt, ſo daß das Ganze oder doch ein beträchtlicher Teil 
desſelben nur jcheinbar verftanden mird. 

Die Stimmungen, welche die Muſik in dem Hörer der in Rede ftehenden 
Klaſſe hervorruft, können felbftverftändlih, auch abgejehen von den von 
Individuum zu Individuum obmwaltenden Unterfchieden, mit denjenigen des 
wirklich mufilaliichen, aljo auch mit denjenigen, welche im Komponiſten lebendig 
waren, nicht identilch fein; denn jede Gruppierung, jede Gliederung, jedes 
Smbeziehungjegen ergibt neue Stimmungsnuancen; in den Stimmungen 
unjere3 Hörer muß aljo größere Unbeftimmtheit, größere Verſchwommenheit 
berrichen. 

Roc, wichtiger iſt es vielleicht, daB fie für feinen Eindrud in der Regel 
gleihjam in der Luft ftehen, nicht an die Muſik, aljo überhaupt nicht an ein 
. Objekt als ihren Ausgangspunkt und Träger gebunden jind. Sie find ihm 
gegeben, ohne daß ihm, immer für feinen Eindrud, für fein unmittelbares 
Erleben, nicht etwa für jem Wilfen, ihr Urjprungsort mitgegeben wäre. Se 
energiſcher der wirklich Mufilaliiche feine Aufmerkjamtleit auf die Muſik kon⸗ 
zentriert, um jo deutlicher offenbart fich ihm ihr jeelifcher Gehalt. Umgekehrt 
muß für den nur mit Scheinverſtändnis Begabten die Mufit um jo finnlojer, 
leerer werden, je mehr er ihr jene Aufmerkſamkeit zumendet; denn die Stim- 
mimgen liegen ja für ihn nicht in ihr, fondern werben nur durch ſie in ihm erzeugt. 
Er wird fie daher um fo intenfiver erleben und genießen, je mehr er fich ihnen, 
d. h. feinem eigenen inneren Buftand während des Muſikhörens zumendet. 
Sept ſtehen jie für ihn nicht mehr in der Luft, jondern fie find in ihm und werden 
als jeine Zuftände genoflen. Verſucht dagegen der wirklich Mufilverjtändige 
einmal eine folche Hinwendung zu feinen Stimmungen, ſo bemerft er deutlich 
eine unangenehme Ablenkung vom Wejentlichen, ein Heraustreten aus dem 
äfthetiichen Genuß, d. h. aus dem völligen Aufgehen in dem Leben des Kunft- 
iwerfes, ein Zurückgeworfenwerden auf das eigene Ich mit allen feinen Wirk⸗ 
lichleitsbeziehungen. 

Nichtödeftoweniger ſchätzt auch er das Verhalten und Genießen feines 
Antipoden, aber nicht dem muſikaliſchen Kunſtwerk, fondern anderen Hanglichen 
Ericheinungen gegenüber. Das Geläute unjerer Kirchengloden 3. B. ilt feiner 
Ratur nad) nicht Muſik und ſoll e3 nicht fein, jondern e3 zielt darauf ab, und in 
gewifje Stimmungen zu verjeten, die aber nicht eingefühlt werben; denn feine 
rhythmiſche und Hangliche. Unbeftimmtheit macht eine Bujammenfallung, 
alſo die Einfühlung nahezu unmöglich. Je mehr wir ımjere Aufmerkſamkeit 


142 Zur Pfychologie des wirflidden und des ſcheinbaren Muftlverfländnifles 


den Geläute jelbft zuwenden, um fo finnärmer ericheint es uns; ja, es kann 
uns geradezu mißtönend oder lächerlich vorlommen. Beachten wir dagegen 
in erfter Linie die durch dasfelbe in ung hervorgerufenen Stimmungen, jo 
fühlen wir und ausgeweitet, gehoben, beglüdt. Aber diejer Genuß ift von 
anderer Art als ber äfthetifche, der Kunftgenuß; denn wir genießen hier nicht 
den im Objekt liegenden, fondern den in ung liegenden Gehalt. Wie auf ung 
das Glodengeläute, jo wirken auf den Süditaliener und den Schotten die 
wenigen, unendlid oft wiederholten Phraſen der Sadpfeife oder auf mandje 
Drientalen ihre kurzen, oft ftundenlang hintereinander gefungenen Melodien. 

Für den, welcher beim Mufithören feine Stimmungen als feine eigenen 
genießt, müſſen bie aus ihnen auftauchenden KRorftellungen, Bhantafiebilder 
und Gedanlengänge bejondere Bedeutung gewinnen. Mit dem Tonmerf ftehen 
fie nur infofern in Zufammenhang, als fie den durch dasſelbe erzeugten Stim⸗ 
mungen, aus welden fie ja hervorgehen, gemäß find. Uber innerhalb diejer 
Grenzen ift die größte Mannigfaltigfeit möglich. Da fie alfo nad) ihrer Zahl, 
. nad) der Intenſität ihres Auftretens und nach ihrer näheren Beichaffenheit 
nicht vom Mufitftüd felbft, fondern nur von der zufälligen Beranlagung und 
den zufälligen Erfahrungen bes Hörer3 beftimmt werben, find fie doch nur 
jubjeftive, für die Wirkung des Kunftwerles belanglofe Eriheinungen. Se 
mehr man ſich in die Muſik felbft vertieft, um fo Harer wird man fich diefer 
Belanglofigteit bervußt, falls Überhaupt noch fubjeltive Phantasmen auftauchen ; 
denn fie werden naturgemäß um fo feltener, je ausichlieflicher man von dem 
Tonwerk und damit von feinem durch es jeldft bejtimmten Gehalt erfüllt ift 
Dem nur jcheinbar Beritehenden dagegen müſſen die fubjeltiven Phantasmen 
als etwas Wejentliches, nämlich al3 etwas feinen Stimmungen Zugehörendes 
ericheinen, ſind fie ihm doch in der gleichen, der Objektivität ermangelnden Weile 
gegeben tie dieſe jelbft; daher die Vorliebe eines großen Teiles des Publikums 
für jogenannte poetifche oder philojophiiche Ausdeutung reiner Znftrumental- 
muſik und für ſolche Inſtrumentalwerke, welche nad) der Behauptung ihrer 
Autoren poetifche oder philoſophiſche Gedanken ausipredhen, Raturvorgänge 
malen uſw. In ſolchen Fällen werden die Borftellungen, Bilder und Gedanten 
zwar mehr oder weniger feft beftimmt, aber nicht durch das Kunſtwerk ſelbſt, 
fondern von außen her; jie hören alfo nicht auf, fubjeltive, milffürliche und 
daher belanglofe Zutaten zu fein. 

So liegt denn in dem fcheinbaren Mufilverftändnis die Gefahr, daß es 
tunftwidrigen Richtungen leicht zu zeitweiliger Herrichaft verhilft. Aber auch 
„ für den Hörer jelbft fchließt e8 Gefahren in ſich. Mit der zufammenfaflenden 

Zätigfeit, welche die muſikaliſchen Einheiten erft ſchafft und zugleich befeelt, 
fommt gerade die aktive Seite de3 Muſikaufnehmens in Wegfall, was übrig 
bleibt, ift ein bloßes Überjichergehenlaffen der Tonfluten. Diefe Paſſivität, 
dieſes Aufnehmen ohne eigene Mitarbeit, noch bazu verbunden mit der und 
bereit3 belannten Unbeftimmtheit der erzeugten Stimmungen, ift, wenn nicht 
ganz vorübergehend genofjen, entjchieden ſchädlich und führt zu feeliicher Ver⸗ 
weichlichung. | ZZ 

Daqzu kommt noch etwas anderes: Da bie Stimmungen nebft den aus 
ihnen erwachlenden PBhantadmen nicht an Objekten haften, vielmehr um jo 


u.” 


eltfpiegel 143 





beutlicher werden, je mehr man fi ihnen, d. h. ben eigenen Gemütszuftänben 
zuwendet, und ba dieſe, wenn fie nicht in einem Objekt zu liegen fcheinen, einen 
Zeil der Wirklichkeit bilden, fo ift man naturgemäß geneigt, fie in Wirklichleits- 
zufammenhänge Hineinzuftellen, aus ihnen heraus zu wünſchen, ja zu wollen 
und zu handeln, während fie in Wahrheit doch nicht alö die wejentliche Be⸗ 
Ichaffenheit de3 betreffenden Menfchen, fondern nur al3 eine durch ein Mufil- 
ſtũd erzeugte zufällige Beichaffenheit gelten können. Denken wir beiſpielsweiſe 
an eine finnliche, wollüftige Muſik. Für den mit wahrem Beritändnis Aus 
gerüfteten liegt diefer Affelt in ihr jelbft, und er wird daher faum in die Lage 
kommen, ihn zur Wirklichkeit, etwa zu feinen eigenen Wünfchen, in Beziehung 
zu fegen. Dagegen findet der Hörer des anderen Typus den Affekt in ſich jelbft 
por, und auftauchende Bilder und Gedanken werben ihn verftärten. Während 
der wahrhaft Berftehende eine ſehnſuchtsvolle, ſüß ſchmachtende Muſik Hört, 
wird in jenem da3 Sehnen und Schmadjten zu feinem eigenen Zuftand. Wünſche 
werden in ihm rege, und vielleicht kommt er dazu, unter der unmittelbaren 
oder bauernden Wirkung folder Muſik nad) dem Prinzip zu handeln: „Erlaubt 
ift, was gefällt,“ während ihm eine ſolche Handlungsweiſe nach feinem innerften, 
eigentlichen Wollen ferngelegen hatte. Auf diefe Art der Gefahr Hat mit größter 
Entichiedenheit Leo Tolftoj hingewieſen, vor allem in der „Kreutzerſonate“. 
Rur wußte er nicht, baß er dem nur mit ſcheinbarem Mufilverjtändnis begabten 
Typus angehörte, und machte daher die Muſik als ſolche für die verderblichen 
Wirkungen verantwortlich, bie er zweifellos an fich ſelbſt erlebt hatte. Für jeinen 
Typus Hat er nur zu jehr Recht. 

Der, welchem ein geringes Maß des wirklichen Muſikverſtändniſſes ver- 
liehen ift, vermag dasſelbe Durch zweckentſprechende Schulung feiner Auffaſſungs⸗ 
fähigleit twefentlich zu erhöhen. Aber jeder, der ſich mit Muſik beichäftigt, ſollte 
um feinet- und um anderer willen ernftlich prüfen, wie e3 um bieje jeine Auf⸗ 
taffungsfähigteit beftellt ift, und von allerMufit, die ihm nicht wie eine Perjönlich- 
feit gegenübertritt, die nicht als ein befeeltes Wefen in verſtändlicher Sprache zu 
ihm redet, follte er jich hörend und ausübend fernhalten. 





Bon Spa bit Barihan. Über die Konferenz von Spa find. Ströme von 
Zinte verjchrieben worden. Gebradht Hat fie in der Hauptſache: der Wiedergut- 
mahung und der Feſtſetzung der deutſchen Entihädigungsfumme, nichts, 
in der Entwaffnungsfrage ein Diktat, in der Kohlenfrage neue Stipulationen, 
die man, da fie eine Art Kompromiß darftellen, weder in Deutichland noch in 
Frankreich ohne ſchwerwiegende Bedenken aufgenommen hat. Es ift mir jedoch 
unverftändlich, wie man beuticherfeit3 mehr erwarten konnte. Es rächt ſich jetzt 
eben, baß man ben Berfailler Bertrag unterfchrieben hat. Auch die verhärtetften 
Peologen müfjen anfangen einzujehen, daß Unterfchriften, wenn fie überhaupt 
itgenbeinen Sinn haben follen, rechtsverbindlich find, auch wenn fie unter 


144 Weltfpiegel 


einem Broteft abgegeben find, deſſen Wirkſamkeit jogleich durch tatjächliche 
Leiftung der Unterjchrift wieder aufgehoben wird. Eine Nnterichrift, bei der 
man gleichzeitig betont, daß fie eigentlich nicht gilt oder nicht gelten kann, ift 
eine Sinnlofigfeit. Das deutſche Volk, das als Gejamtheit damals noch nicht 
ertannt Hatte, daß man mit dergleichen Sinnlofigleiten feine Politik machen 
kann, ohne fich in die ſchwerſten Ungelegenheiten zu verftriden, muß eben jegt 
die Folgen diejer Unreife tragen. Bolitiiche Fehler jind nicht wie Fehler in der 
Schule, wo man ein Examen zweimal machen Tann, politijche Fehler binden 
die Zukunft, und das deutjche Bolt hat es eben heute und noch auf Generationen 
hinaus zu büßen, daß e3 in jenen Junitagen eine Haltung einzunehmen für 
gut befand, welche die von ihm gewählte Regierung zwang, aus (mwahricheinlich 
berechtigter) Scheu vor Schlimmerem: Zerfall der deutichen Einheit und gänz⸗ 
licher Anarchie im Inneren, den Vertrag wider bejjeres Wiſſen zu unterjchreiben. 
Man muß ſich in Deutichland endlich einmal darüber Kar werden, daß politische 
Handlungen nicht einfach dadurch) aus der Welt geichafft werden, daß man 
beteuert: fo haben wir das ja nicht gemeint. 

Die Lage ift nun die, Daß diefer Vertrag fich bei der Ausführung als un- 
erfüllbar erweift. Aber unerfüllbar ift ein dehnbarer Begriff. Deutjchland 
behauptet: die Ausführung bedeutet den Untergang. Die Franzofen: dann 
geht unter. Die Deutihen: Seht ihr nicht ein, daß ihr dann mit untergeht ? 
Die Franzoſen: Nein, das jehen wir nicht ein. Fangt nur erit einmal an, das 
weitere wird fich zeigen, An diefem Punkt greift England, das die Vorteile 
aus Krieg, Waffenitillftands- und Yriedensvertrag bereit? zum größten Teil 
eingeheimit hat und, da es innere und Äußere Ruhe braucht, durch das Hin und 
Her über den Rhein unruhig zu werden beginnt, ein und lädt die Streitenden 
zu einer Beiprechung. 

Diefe Beſprechung war von Anfang an belaftet: einmal durch ſchwere 
Fehler der Methode, jodann durch die von jeiten der Regierung gefliffentlich 
genährte Annahme, daß zwiſchen den Gegnern Parität beftehe. Es iſt ein Wider- 
jinn, von Parität zu ſprechen, wenn einer der Kontrahenten einjeitig Macht- 
mittel zur Durchlfeßung feiner Forderungen zur Verfügung Hat. In ſolchem 
Falle Tann es ſich nie um gütlichen Bergleich in grundfäglichen Fragen, jondern 
höchſtens um eine Einigung über die Modalitäten handeln. E3 war aljo nicht nur 


ungeſchickt, von einer bevorftehenden „NRevilion des Friedensvertrages“ zu 


ſprechen — fchon das bloße Wort macht die Zranzojen, deren ganzes Zukunfts⸗ 
programm auf der Erfüllung des Vertrages beruht, nervös, und es jind mahr- 
lich nicht unfere Yreunde, die im Ausland dies Wort ausgefprochen haben — 
e3 war aud) töricht, dergleichen zu erwarten. Schwerer wiegen jedoch die Fehler 
der Methode. Der Lleinjte Gejangverein jegt, ehe er eine Verſammlung ein- 
beruft, eine Tagesordnung feft. In Spa, wo die mannigfachſten und jchwierigften 
Fragen zur Diskuffion gejtellt wurden, iſt das nicht geſchehen. Ungeheure 
Kompleze ſind behandelt worden wie in der alten Logikſchule, nach 1, 2, 3 Hat 
man Dinge in Ausſchüſſen und Sonderjigungen behandelt, die organiſch zu- 
jammengehören. Am bedentlichiten aber ift der quafi öffentliche. Charakter, 
den man den Berhandlungen zu geben für gut befunden hat. Auch ben von 
feinerlei Praxis berührten Idealiſten wird es hoffentlich Diesmal Har gemorben 


Weltfpiegel 145 





— 





iein, daß die Forderung nach Abſchaffung der Geheimdiplomatie Unfinn ift 
und nicht nur in ihrer Ausführung den Gang von politifhen Verhandlungen 
erſchwert, jondern auch in fich illuforifch if. Einen Punkt, den mwichtigften, hat 
bereit3 PBoincare berührt, der im Hinblid auf die Konferenz in der „Revug 
des deux mondes“ vom 15. Juli ſchrieb: „Die alte, heute fo viel gejchmähte 
Diplomatie Hatte immerhin ihre Vorzüge und Verdienſte. Sie verhinderte 
3. B., daß Politiker, die außer, mie billig, ihrem Renommee, auch noch den ihnen 
von jeiten ihrer parlamentariihen Rivalen erwachſenden Schwierigkeiten 
Rechnung zu tragen genötigt find, miteinander in direkte Berührung famen.“ 
Es ift eben nicht möglich zu verhandeln, wenn überall van allen Leuten, die 
anderer Meinung find, maßgeblich oder irgendwie beeinflufiend, dazwiſchen 
geichrien werben kann. Nicht einmal eine Statpartie kann unter ſolchen Um- 
ſtänden zu Ende gejpielt werden. Alles Regieren, jedes verantwortliche Führen 
von Berhandlungen beruht auf einem Bertrauensverhältnis zwiſchen den 
Regierenden, Berhandelnden und ihrem Bolfe, und wenn man kein Vertrauen 
in ihre Fähigkeiten haben will, foll man fie eben nicht ſchicken. Schidt man jie 
aber, jofoll man aud) fonfequent fein undihnen das Vertrauen fo lange bewahren, 
bisfie wiederfommen, die Ergebniffe vorlegen undfichverantmwortentönnen. Ober 
hat es einen Sinn, daß Leute, die vor der Tür warten dürfen, oder andere, die 
weit meg Telegramme ber erfteren lejen, ohne Kenntnis der Gejamtlage und der 
der Konjerenz vorausgegangenen Verhandlungen ſich mit Kritik und guten Rat- 
Ihlägen, aber ohne jede Verantwortung in die Sache einmifhen? Das Publikum 
möge gefälligft feinen Senfationsnachrichtenhunger, bis Ergebnilje vorliegen, 
mit Mordprogefjen befriedigen, um fo mehr als die ganze fogenannte Offentlic)- 
feit der Verhandlungen nichts al Spiegelfechterei ift. Meint irgend jemand, er 
befäme anderes al3 zurechtgemachte Nachrichten zu hören? Angenommen, 
e3 wäre einem deutjchen Vertreter gelungen, einen wichtigen Erfolg davonzu- 
tragen, meint jemand, er fei jo idiotifch, dies in alle Welt Hinauszupojaunen ? 
Etwa: ich Habe Millerand heute das und das abgeliftet; damit jogleich in Pariz 
Anftalten getroffen werden, Millerand zu ftürzen und er ſchon am nädjften 
Zage umſchwenkt? Oder: es ift mir heute gelungen, Lloyd George Hineinzu- 
legen; damit Lloyd George ſich das nächfte Mal beſſer vorjieht ? Stinnes Rede, 
die troß des Anfangs feine Rede, jondern eine Vorleſung war, und bie kein 
Journaliſt wirklich gehört hat, foll einen guten Eindrud gemacht haben, und 
wird von den einen gelobt, von den anderen getadelt. Aber wer von und, die 
nicht Dabei waren, kann ji) nur auf Grund der zu politiichen Zwecken zurecht- 
gemachten Berichte ein Bild von ber Wirkung machen, wer dieſe Rede kritifieren, 
ohne mindeſtens zu wiffen, mas Stinneg in Baris, was er mitMillerand in Brüffel 
geiprochen hat? Man Hat dem Minifter Simons vorgemworfen, Stinnes de3- 
avouiert zu haben. Wer kann beurteilen, ob ein anſcheinendes Desavouement 
nicht notwendig war, um gewiſſe Empfindlichkeiten zu beruhigen? Hue joll 
einen Erfolg errungen haben, wer kann wiſſen, ob Lloyd Georges Freundlichkeit 
nicht einen Berjuch darftellte, diefen Vertreter des Proletariat3, der in Ber- 
bindung mit ben von Lloyd George gefürchteten engliihen Arbeitern jteht, 
auszuhorchen oder irgendwie für feine Ziele zu geminnen? Man hat Fehrenbad) 
wegen feines Weimerns angegriffen, aber e3 gibt Leute, die meinen, die religiöfe 
Grenzboten III 1920 10 


146 Weltſpiegel 





Note habe auf die Engländer Eindruck machen müſſen. Auch ich traue Fehrenbach 
keine Heldentaten zu und ſetze in ſeine Rednergabe das größte Mißtrauen, 
aber ich hätte mich gehütet, ihm, nachdem er einmal durch den Willen des Volkes 
ausgeſandt worden war, in einer ſo ſchwierigen Situation in den Rücken zu 
fallen. 

Ob alſo die deutſche Abordnung in Spa klug oder unklug, energiſch oder 
ſchlapp (Energie kann auch ohne Auftrumpfen bewieſen werden) weggegangen 
iſt, ob ſie mehr Hätte erreichen können, muß, ſolange nicht alle Vorgänge, ſo⸗ 
lange nicht auch die vorhergegangenen Wirtſchaftsverhandlungen in Paris 
und andere Vorgänge, genau bekannt ſind, dahingeſtellt bleiben. Von vorn⸗ 
herein war ſie in einer ſchwierigen Lage. Zunächſt iſt es auch für die intelligenteſte 
und zäheſte Arbeitskraft unmöglich, ſich in der kurzen Spanne Zeit, die zwiſchen 
Kabinettsbildung und Konferenz lag, mit Vorgängen bekanntzumachen, die 
überaus kompliziert ſind, auch für den Kenntnisreichſten in vielen Punkten der, 
Rückſprache bedürfen, und die in hohem Maße grade die Beherrſchung von 
Einzelheiten erfordern. Sodann follte fie Vorſchläge machen, die der Natur 
der Sache nad), vor Erledigung der Abftimmung, namentlich in Oberjchlejien, 
vor Klarftellung der Ernährungs» und Rohftoffmwirtichaft, und bevor man nicht 
weiß, welche inner- und außerpolitiichen Folgen der ruffiihe Vormarſch Haben 
wird, gar nicht gemacht werden künnen. Eine ſummariſche Behandlung der 
großen Fragen, wie die Entente jie verlangte, iſt eben gar nicht möglich. Es er- 
wies fich alsbald, daß jich an der politiichen Situation jeit Berfailles im Grunde 
nicht viel geändert Hat. Damals hieß es Diktat und Annahme ohne PVerhand- 
lungen, gleichviel ob möglich oder nicht. Heute heißt es: Vertragserfüllung iſt 
jelbjtverfjtändlich, äußert euch über das Wie. Fällt das Wie nicht jo aus, wie wir 
wünſchen, jo tritt Zwang ein. Es war vorauszufehen, daß die Ergebnijle jo 
arrangiert werben mußten, daß Millerand zu Haufe fagen konnte: am Friedens- 
vertrag ilt nicht3 geändert worden, zur Erfüllung find die Deutichen angehalten 
worden und das Damoklesſchwert der Bejebung des Ruhrgebiets ſchwebt über 
ihnen, und Lloyd George, den u. a. auch der Ausfall der deutichen Wahlen 
ſtutzig gemadt hat: England Hat ſich in allen Dingen, bejonder3 aud in 
der Entwaffnungsfrage, als loyaler Bundesgenojje ermwiejen und Vorſorge 
getroffen, daß die Deutichen ſich nicht zu fchnell wieder aufrihten. War dies 
erreicht, jo konnte man es den deutichen Staatsmännern getroft überlajjen, 
aus dem Übrigen ſich nad) Belieben auch ihren Teil diplomatiicher Erfolge 
auszulefen. 

Die find, ohne Vorwurf ſei's gejagt, gering genug. Ob die Regelung 
der Entwafinungsfrage möglich ift, muß dahingejftellt bleiben. E3 Hat keinen 
Zweck, über den Mangel an Einjicht bei der Entente zu lamentieren, diejer 
Mangel beiteht und man muß mit ihm rechnen. Die einzige Möglichkeit, dab 
Ruhe im Lande bleibt, bejteht in der Höchitwahricheinlich ungerechtfertigten 
Hoffnung, daß die Ertremiften einjehen, daß jede Aktion augenblidlich Gegen- 
aktion, d. h. den Bürgerkrieg herbeiführt, der ung politifch weit mehr Schwächen 
dürfte als irgendeine Entwaffnung oder Abrüftung. Wenn jebt öffentlich zur 
Einbehaltung von Waffen aufgefordert wird, iſt das, jo berechtigt die Gefichts- 
punkte im einzelnen fein mögen, ein Unfug, der die außenpolitiihe Stellung 


Weltfpiegel 147 


der Regierung ebenjo erſchwert wie die Denunziationen der Unabhängigen, aber 
auch die äußerfte Linke mag e3 ſich gejagt fein laſſen, daß jelbft wenn fie am Ruder 
wäre, Machtmittel der Entente gegen fie angewandt werden würden, bis fie ſich 
zur Erfüllung des Bertrages bequemte. | 

Bas die Kohlenfrage betrifft, muß man hoffen, daß nicht mehr unter- 
Ichrieben wurde als erfüllbar ift, fonjt Haben wir in ſpäteſtens ſechs Monaten 
die gleiche Situation. Immerhin ijt leichter gejagt: bejeßt das Ruhrgebiet, ala 
getan, es ijt nicht gut abzujehen, was eine feindliche Bejebung des Ruhrgebiets 
uns für Vorteile jchaffen jollte. Sie wäre der Entente unangenehm, jie würde 
ihr vielleicht (vielleicht, denn rein logiſch ift nicht abzufehen, weshalb ſozialiſtiſche 
Arbeiter, die in der Theorie die Berechtigung von Nationalismus und Raffen- 
ftolz leugnen, für hohe Löhne oder gegen Einräumung politifcher Vorteile nicht 
auch unter Bewachung von Schwarzen für die Entente arbeiten) fein Mehr 
an Kohlen bringen, aber für Deutjchland wären die unmittelbaren Nachteile 
doch unzweifelhaft jehr viel größer, und die Zukunft ift in folden Dingen dunkel. 
Wen e3 tröftet, der mag mit dem „Vorwärts“ an das „Rechtögefühl der Welt, an 
das Gemillen Europas“ appellieren, politiich Dentende werben ſich darauf 
gefaßt machen müjjen, daß das Gezänt um den Friedensvertrag weitergeht. 

Im Oſten ift die polniiche Front zerbrochen und find die preußifchen 
Abjtimmungsgebiete für Deutjchland germonnen. Die Polen behaupten aller- 
dings, die Abftimmung fei ungültig, nicht nur Blätter wie der „Dziennik Byd⸗ 
goski“ ſprechen von Abſtimmungskomödie, nicht nur das polniſche Prefjebureau 
in Paris, das fortwährend Nachrichten von deutichen militärischen Maßnahmen 
in Oſtpreußen ımd Litauen lanziert, behauptet, die polnifche Regierung habe 
die Abſtimmung „ignoriert“ und die Polen hätten nicht abgeftimmt, auch der 
Pariſer Bertreter der Warjchauer Regierung, Graf Zamoyski, macht (in einem 
Interview des „Temps“ vom 8.) öffentlich) gegen Deutichland ſcharf und be- 
müht ſich nad) Kräften, die Atmofphäre von Spa zu vergiften. „Ohnmächtig“, 
jo heißt e3 beijpielsmeije, „ven Berfailler Vertrag im Weiten zu erjchüttern, 
müht jih Deutichland, die Alliierten von der Rotwendigfeit, jeine wirtjchaftliche 
Kraft auf Koften Polens wieder aufzurichten, zu überzeugen.“ Bielleicht — 
jedenfalls muß da3 ein deutfches Ziel jein — werden die Abjtimmungsergebnijje 
die Entente viel mehr von der Notwendigkeit überzeugen, jebt aud) über die 
bereit3 unter Vergewaltigung von außen abgetretenen Gebiete abjtimmen zu 
laljen, um jo mehr al3 eine gerechte Behandlung der Deutichen in Polen nad) 
den bisher gemachten Erfahrungen doch nicht zu erwarten ift. Jedenfalls ijt 
Deutichland nicht gejonnen, fich, noch dazu von einem Staat, der |veben, in 
Saden der ruſſiſch-polniſchen Friedensverhandlungen, feine Souveränität 
in die Hände der Entente gelegt hat, vor aller Welt Schmähungen jagen zu 
lalfen. Die polniſche Regierung, die bisher nur veritanden hat, ihren Staat 
zu allen Nachbarftaaten in die jchärfiten Gegenjäße zu bringen, die ſomit als ein 
Störenfried des oſteuropäiſchen Friedens angelprochen werden muß, hat es 
wahrlich nicht nötig, durch meitere Provofationen neuen Völkerhaß herauf- 
zubeichtvören. Gerade der Berlauf des Krieges mit Somjetrußland könnte ihr 
bemweilen, daß fie nicht antibolſchewiſtiſche Barone oder Generäle, jondern die 
gefund empfindenden Kräfte des Volles zu fürchten hat, das im deutſchen Oſten 

10* 


148 Die Rleine, beſcheidene und ruhige Dilla in Spa 


politiiche Probleme am eigenen Leibe zu verjpüren gewohnt und noch nidht in 
der Ideologie proletariichen Großftadtbreis verjunten it. 

Die inzwilchen erfolgte Neutralitätserflärung Deutſchlands wird man 
billigen müjjen und man darf wohl die Erwartung ausfprechen, daß die in 
Auslandzeitungen (3.8. „Journal“ vom 29.) immer wieder auftauchenden Nach⸗ 
richten Über Verhandlungen gemiljer deutfcher Perjönlichleiten mit Engländern 
zwecks Niederwerfung des Bolſchewismus einmal energie) dementiert oder, 
falls das nicht möglich, einftmweilen eingeftellt werden. Ein aftiv und im Ein- 
vernehmen mit der Entente gegen Somjetrußland geführter Krieg fünnte uns 
teuer zu ftehen fommen und würde ung im Weiten doch feinen Gewinn ein- 
bringen. Über Bolen aber könnte ſich Deutichland, wenn es nötig werden 
jollte, mit Somjetrußland direkt verftändigen. Menenius 


Die Beine, bejcheidene und ruhige Dilla in Spa 


Schien das Landhaus auch fehr Lütte, 
Das in Spa ihr Obdach war — 
Raum ift in der Fleinften Hütte 

Für ein deutſches Denkerpaar. 


Fühlt' man in den erften Tagen 
Sich auch jehr bedrüdt vielleicht, 
Um entichloffen Ja zu fagen, 
Dazu bat der Raum gereicht. 


Dies irae, dies illa! 

Doch nach überftand’nem Leid, 
Sprit von der „beicheid’nen Villa” 
Simons voller Dankbarkeit. 


Nach genoſſ'nem Wermutfelche 
Meidet er polit'ſchen Senf, 
Und die Frage iſt nur: Welche 
Wohnung kriegen ſie in Genf? 


Winkt ihm und dem Fehrenbache 
Dort ein noch beſcheid'ner Haus? 
Wenn ſchon! Jegliche Kabache 
Reicht für ihre Siege aus. 


Raum iſt in der kleinſten Kammer 
Für den größten Katzenjammer. Pandur 


L) 


Offenherzigfeiten _ 149 


Offenherzigkeiten 
Keine Diktatur 


Man ſpiegle ſich nicht vor, dies deutſche Volk, das offenbar nicht imſtande 
iſt, ſich ſelbſt durch ſeine Gewählten vernünftig zu regieren, werde noch recht— 
zeitig, wie politiſch begabte Völker, ſich der Notwendigkeit einer Diktatur 
fügen. Nein, die Maſſen ſind einerſeits zu blind und durch die Parteipreſſe von 
der Erkenntnis der Wirklichkeit zu weit entfernt, andererſeits zu unbotmäßig und 
verſchroben geworden, um einen Deutſchen als Diktator zu ertragen. Eine ſtarke 
Monarchie mit einem ſtarken Heer und Beamtentum, mit den Überlieferungen von 
Roßbach His Sedan, fonnte dies Voll im Zaum halten. Heute könnte es nur... 
der Engländer oder Franzoſe. Uber wohlweiſe laſſen diefe una einen Schein und 
Reit von Freiheit. Sie mifjen, wie das Divide et impera für fie arbeitet. Sie 
tennen die Piychologie der Vajallenftaaten und Tributärvölfer und ſchicken ung, 
mit denen die Welt nicht mehr auf gleihem Fuß verkehrt, als Botſchafter Sad)- 
verjtändige für Eingeborenenbehandlung Auch wir behalten unjeren Bey, unjeren 
Sthedive in Geitalt des „freien* Parlamentarismus. Einen Deutfchen aber, der 
Deutfchland wieder zufammenreißen und ordentlich machen könnte, würden General- 
ftreit und Verleumdung zu Haufe noch früher erledigen, ald das Satenhaargericht 


der englifhen Meuchelmörder einen jo gefährlichen Mann ereilen könnte. 


Dom Dölterbund 


Müde und niatt fragen unfere pazififtifchen Sdealiften: mo bleibt denn ber 
Völferbund? Ä 
Bei den welken Erinnerung3blättern deutfcher Toren aus dem November 1913 


er. 
Wo bleibt dag Recht? Flüftert e8 noch hier und dort. 

Es bleibt, wo es immer gemejen iſt: nämlich außerhalb der Politik, in der 
die Macht dag Wort jührt., 

Worum ift Wilfon, warum Amerika jo verftummt? 

Weil ihr gejchichtlicher ZYmed, die deutſchen Demokraten auf den Leim zu 
loden, erfüllt und damit ihre Miſſion in Europa erledigt ift. : 

Profeflor Quidde, der Völkerbundsapoſtel und Wilfonprophet, der uner- 
ſchtockene Rufer gegen die Alldeutjchen, die in Vlamland, Holland und Schweiz 
deutfche Volksart gefunden und in Bismard3 Denkart unferen einzigen Schuß vor 
Sflaverei gejehen hatten, Duidde, der unermüdliche Belämpfer des Siegeswillens 
und -glaubens im deutfchen Volk biß 1918, er fteht heute auf dem Goethepla in 
Frankfurt und ruft zwei Dutzend verfammelte Mitglieder der demofratifchen Ber: 
einigung — eine „Menjchenmenge” jagt vorfichtig die „Frankfurter Zeitung” — 
zum Einſpruch auf gegen die Entreißung Eupens und Malmedys; er legt 
flammenden Proteft gegen dieſe Vergewaltigung ein. Bei wem? Beim Völkerbund. 

Noch immer flammt Duidde. Er flammt jeßt nicht mehr gegen die All— 
deutſchen. Er kann einem leid tun. Seine Flamme züngelt auf einmal gegen 
augen. Nämlich jeit unfere feſte Burg verbrannt ift und es in ihr nichts Brenn- 
bares mehr gibt. Duidde züngelt aus einem verlöfchenden Afchenhaufen. Gerade 
jo hatten es die Alldeutichen vorausgejagt. 

„Deutichland iſt tot, es lebe der Völferbund.“ 
Nein, Quidde, der Völkerbund ift tot; es lebe Deutfchland. 


Germaniam esse delendam 
Seit den neunziger Jahren war der ftille, zähe Kampf des deutichen 
Handlungsreiſenden ai dem britiiden Agenten, der Ware mu in — 
mit der engliſchen Ware, in jedem Winkel der Erde ausgefochten, der ge 
Urſprung englifch-deutfcher Feindſchaft. Bon allen Wurzeln des Weltkrieges 
vielleicht die mächtigſte. 


ruht 


150 Offenherzigkeiten 


Aber der Deutiche, der fi) unter fich über alles ſtreitet, tritt auch Bierüber. 
Manche bezweifelten die Tiefe und die Unverjöhnlichkeit des engliſchen Handels⸗ 
neids. Weil auch Bethmann Hollweg zweifelte, ſetzte er die deutiche Schladhtflotte 
nicht im rechten Augenblid ein und verzögerte den rechten Augenblid und die 
rechte Kraft zum Ubootskrieg. 

Daß einem gefchlagenen und ruinierten Deutichland wenigſtens der Handels⸗ 
neid des weltmächtigen England nidft mehr drohe, wurde von vielen gehofft, 
als eine der wenigen guten Seiten unferer entjeglichen Lage. Wie abſcheulich 
wäre e8 bon dem, der den a und die Welt gewonnen hat, wenn er jegt dem 
um alles gebrachten Bettlervol€ Mitteleuropas die bejcheidenen Anfäge eines 
MWiederauffommens mißgönnen wollte! So rechnete diedmal deutiche Sentimentalität. 

Die „Frankfurter Zeitung”, die jedenfalls feine Gegnerin deutjch-englijcher 
Verftändigung ift, aber fich neuerdings wohl mit Recht gegen würde: und zweck⸗ 
Iofe Anbiederungsverjuchhe unfererjeit3 wendet, drudt nun in ihrer Nummer vom 
22. Juli folgendes neue englijche Plakat ab: 

Remember! ' 
Every German employed means a British worker idle. Every German article 
sold means a british article unsold. 
British Empire Union: 346 Strand, London WC 2. 

Zu deutſch: „Vergeßt e8 nie! Jeder beichäftigte Deutſche bedeutet einen 
müßigen Briten. Jeder verkaufte deutjche Artikel bedeutet einen unverfauften 
britiihen Artikel.” 

Diejes Plakat hängt zu Maſſen in gene Städten. Auch unjeren Brüdern, 
den Vlamen, wird aljo in der engliichen Weltiprache begreiflich gemacht: 

1. Bolfswirtichaftlicher Lehrſatz: Die Weltvölfer gedeihen nicht miteinander 
und aneinander, indem jedes arbeitet, erzeugt und des andern Kunde wird; 
fondern er oder ih. Einer muß Hin fein, damit der andere leben fann. 

2. Politiſche Nutzanwendung: Bölfer der Erde, ädjtet den erbarmungs- 
würdig Befiegten erbarmungslos, auf daß er Brot und Dajein verliert, damit 
der engliihe Kommis ohne dieje läftige Konkurrenz eines wirklichen Arbeitsvolks 
angejtellt (employed) fein kann, ohne den lieben Müßiggang (idleness) aufzu= 

eben. Dem Weltherrn das Weltmonopol! Er will ſich nicht durch einen voll» 
eichäftigten Deutichen Kriegsentihädigung zahlen laſſen, jondern ſich unmittelbar 
Niemen aus der Haut der umgebradten deutichen Wirtichaft ſchneiden. Zibo 


Der Auspuff. 
Ein Beitrag zur Seelentunde der Demofratie. 


Den überwaldeten Weg am Fluſſe entlang schiebt fich Kıftwandelnd das 
jonntagsfrohe Voll. Man hat jet ja, dank dem Achtſtundenwerk, ſchließlich auch 
in der Woche Zeit zu Ausflügen, aber e3 jchmedt dann nicht jo wie am Tag 
des Herrn! Uralte Gepflogenheiten figen zu feit im Blute; die gediegenfte Auf: 
klärung, die verbreitetite Zehngebote-Literatur kommen jelbjt im Sozialftaat nur 
longjam Dagegen an. Opalener märkiiher Himmel, wie ein blauer Traum die 
Havel mit ihrem Kiefernkranz — auch wen die jrienen Beeme ſonſt nichts 
angehen, fcehlürft rein triebmäßig das Glück diefer Leuchteſtunde. Da raufcht und 
brauft e8 aus raſch heranftürzenden Staubwolfen von vorn und Hinten. Autos! 
Das freie Volk ſpringt, mit verzweifelten Ruck die Kinderwagen padend, rechts 
und links in den Chaufjeegraben, in den Schlamm des verſchilften Flußrandes 
und madt den Ungeheuern Blast. Staub und böje Benzoldämpfe bleiben lange 
in der heißen Sommerluft ftehen. Ehe fie ſich verzogen haben und der Golp- 
ſaphir der Landichaft wieder auffunfelt, rattern und tuten neue Srafter herbei, 
und wieder rettet die ſouveräne Welt ſich und ihre Kinderwagen mühlam vor den 
Gemwaltigen. So geniekt fie bis zum Ziele in ſchönem Gemiſch die Wunder der 
Schöpfung und der modernen Tecdhnil. 

Nur dann und mann einmal, unjicher dabei und merfbar geniert, wagt ein 
ganz Zielbewußter leiſe vor ſich hinzufluchen. 


Offenherzigkeiten 151 


Das Auto ift eine ganz undemofratiiche Erfindung. Zumal jet, wo die 
fieben-» bis neunfache Tare Gerät und Brennftoff nur den Leuten mit glänzenden 
Berbindungen zufließt. Seiner von den Tauſend, die ftatt der erhofften Wald: 
und — giftige Abdämpfe zu ſchlucken bekommen, daran denken, 
jemals ſelbſt in ſolch einer Prachtkaroſſe des Weges zu flitzen. Leichter erwerben 
napoleoniſche Grenadiere den Marſchallſtab, den nach des Kaiſers Rattenfänger⸗ 
wort jeder von ihnen im Torniſter trug, als dieſe tüchtigen Bürger der freien 
Republik zu einem Fünfzigpferdigen gelangen können. Sie wiſſen daneben, daß 
in den lackglänzenden Saufern, vor denen fie wie freiſinnige Indier vorm 
Dſchaganath flüchten, Heute fein miniftrabler Genoſſe, fein vergötterter Volks— 
ſtaatsmann und dergleihen fitt. (Wenigſtens iſt es amtlich für unzuläffig erklärt 
worden, private Lujtfahrten in Staatsauto8 zu unternehmen. Dafür befommt 
nicht jeder diefer Herren einen teuren Wagen zur Verfügung gefiellt, während in 
des altfränfiihen Bismard Zeit das ganze Auswärtige Amt ſich mit einem 
einzigen ärmlichen Einfpänner begnügen mußte.) Das Huffepeuchen der geduldigen . 
Hammelherde am Havelborde bejorgen heut ausſchließlich friſch begüterte 
GSefellichaftsipigen, gegen die alle Zeitungen tagtäglich erbittert fchreiben und die , 
in ihrer Abmwejenheit ftet3 mit dem Efelnamen des Schieber belegt werden. 
Doch der Umstand, dab fie eben im Auto daherjpriken, feit fie. Das Auto adelt 
ohne weiteres jeden, der darin fitt, e8 macht vornehm, und.der wahren Bornehm- 
beit beugt fi im Jahre 1920 fo gut wie anno 1910 unterm fluchbeladenen und 
verrotteten alten Regiment in ehrlichen Reſpekt die Menge. 

Weshalb Ichart fich noch immer, obgleich der Anblick jedem Säugling als 
gewöhnlich und „Auto“ fo ungefähr der erjte wonnejame, traute Mutterlaut des 

injährigen ift, weshalb jchart fich noch immer das Straßenpublifum andächtig 

um jeden Straftwagen, der durchaus nad) 200 000 oder 250 000 # ausfieht? Er 
muß einem Reichen gehören, und Reichtum ift Ariftofratie; vorm echten Arifto- 
traten aber fühlt ſich der entichlofjenite Boljchemilt unjagbar klein. Nur das 
durchbohrende Gefühl feines Nichts ift es, das ihn mitunter zu mwutjchnaubenden 
Gemalttaten peitiht; wäre er von ſeiner Gleichwertigfeit innerlich überzeugt, dann 
lächelte er, wo er jet mordet. Unglüdliche Liebe, unbeachtete Verehrung fchlägt 
gern vorübergehend in tödlihen Haß um. Manche großſtädtiſche Blätter leben 
nur davon, daß fie für fünfzehn Pfennig ihren gierigen Leſern lafaienhafte 
Schilderungen von Autorennen und eftlichfeiten im Autoflub vorjegen. Der 
Lejer, der pünftlid alle Zahlabende der U. S. P. D. beſucht und auf jeden Kal 
fortgeichritten radifal denkt, erichauert vor Luft, menn ihm von der Aut-bolee 
erzählt wird und wenn er wenigjtens im Geiſte (ſozuſagen) in ihrer erlaudten 
Mitte weilen darf. An fich geht ihn das Ganze nichts an, denn er hat nie Aus- 
fiht, an den fernen Geftaden zu landen. Und ift doch abgrundtief verliebt in fie 
und fiebert, wenn er von ihnen hört. Wie das jchlichte Weib fiebert, wenn e8 in 
volfstümlichen Beitungen die bildgeichmücten Modeberichte lieft und ſinnend bei 
20 000% :Koftümen vermeilt. Ä 

Die deutfche Politik ift noch weit zurüd. Unſere Politifer haben noch 
immer nicht begriffen, mas wahre Demofratie bedeutet. Weshalb gibt es in 
England ſeit den Tagen der Eijenfeiten feine Revolution mehr? Weshalb teilen 
ji) dort heute noch ein paar adlige Familien in die Herrichaft und fünnen außer 
ihrer eigenen Nation die ganze Welt glauben machen, daß Großbritannien aller 
Freiheit, aller —— Hort und Erfüllung ſei?“ (Trog Irland und 
Whitechapel.) Weil die M. B. ihre Karte bei jedem treuen Wähler abgeben, 
weil die Herzoginnen im Wahlfampfe die niedere Hütte des fchlichten Bürgers 
aufjuchen, weil der feine Boß oder Barteiführer im Kreis alljährlih einmal 
jeden erprobten Abftimmer mitfamt jeinem Cheweibe zu einer jommerlichen 
garden party und einem winterlihen Empfang einlädt. Wird es jo behandelt 
dann zeigt das Volk fich recht, auch in Fährden und Nöten. / 

Hierzulande hat man es zurückgeſtoßen und ſeine redlichen Inſtinkte ef 
achtet. Dabei bemeift das Verhältnis der unerjchütterlich demofratiichen Welle 


152 


— —— — — — — —— 


Bücher ſchau 


um Auto, wie leicht ſie noch heute vornehm gelenkt werden kann, wie ſehnſüchtig 


* dem vornehmen Lenker entgegenſeufzt. 


Andernfalls gäbe es ja auch längſt ſchon ein Autogeſetz, das zwar, echt 


nei jedermann uneingeſchränkte Freiheit de8 Autofahrens verbür 


t und 


ewährleiitet, aber nur ſolche Kraftwagen zuläht, die den Auspuff nicht hinten, 


ondern vorn, ummittelbar am Führerſitz, ha 


en. Mulay Haſſan 





Bücherihau 


Goetz Brief. Untergang des Abenblandes. 
Chriftentum und Sozialismus. Eine 
Außeinanderjegung mit Oswald Spengler. 
111 ©. Verlag Herder & Go. Freiburg 1920 

Heinrich Scholz. Zum „Untergang bes 
Abendlandes”. Eine Außeinanderjekung 
mit Oswald Spengler. 46 S. Perlag 
Reuther & Reichard. Berlin 1920. 

Eduard Nofenfiod. Die Hochzeit des 
Krieges und der Revolution, Patmos- 
verlag. Würzburg 1920. 

Es liegen drei Schriften vor, von denen zivei 
ausſchließlich, die dritte in einer eingehenden 
Einzelabhandlung die Auseinanderjegung mit 
Spengler in prinzipiellee Weiſe zu fördern 
unternehmen. Es fcheint, als ob Spenglers 


Schriften, über ihre eigene Wirkung hinaus,. 


vor allem mittelbar dadurd wirken werden, 
daß fie getftige Arbeiter auf all den Gebieten, 
denen Spengler? Intereffe zugewandt tft, auf 
denen er neue Wege zu zeigen fucht, zu einer 
Belinnung darauf veranlaßt, welche Wege 
bisher gegangen wurden, was auf ihnen 
erreicht wurde, ob fie noch ‚weiter gangbar 
find oder verlaflen werden müffen. Sit doch 
Spengler davon überzeugt, daß feine neue 
Lehre für eine Vielzahl von Formen des 


des geiftigen Schaffens die „Topernifanifche 


Wendung” bedeute. Und feine Lehre ift 
allerdingd von folder Kraft und Eindringlidh- 
teit, daß ich niemand, der verantwortliche 
geiftige Arbeit leiftet, der Auseinanderfegung 
mit ihr entziehen darf. 

Brief’ Abhandlung ftebt nad Umfang 
und Wert vielleiht an erfter Stelle unter 


den bisher über Spengler veröffentlichten, 
referierenden und Fritiichen Außerungen. Ihre 
befondere Bedeutung Liegt einmal darin, daß 
fie beide Schriften Spengler, den „Unter- 
gang des Abendlandes“ zugleich mit „Breußen- 
tum und Sozialismus“ in ihrer Zufammen: 
gebörigfeit und der Art, wie fie fich gegenfeitig 
beleuchten, beurteilt. Dann aber darin, 
daß fie nicht beit allgemeinen Betrachtungen 
fteben bleibt, fondern von einem ſcharf 
definierten, wiſſenſchaftlichen Standort aus 
eine grunbjäglide unb erihöpfende Kritik 
ſowohl der fachliden al® der methodifchen 
Gefichtöpuntte gibt, die in der Perſpektive 
ibreg Standorte® Tiegen. Und zwar ift es 
die chriftliche Geſellſchaftslehre, deren 
gebnifſe und Methoden den Maßſtab für 
Spenglers Aufftelungen erbringen. Wie 
fruchtbar diefer Ausgangspunkt ift, wird 
deutlich, wenn man bedenkt, daß für Spengler 
der Sozialismus, mie er ibn faßt, der In— 
begriff des abendländifchen Zeitalters iſt: 
„Der fauſtiſche Menſch bes Ziviliſations⸗ 
ſtadiums ... iſt Sozialiſt; das ift die Form 
feiner geiſtigen Eriftenz.“ Dieſer Gedanke 
beſtimmt ſeine ganzen Analyſen der unter⸗ 
gehenden abendländiſchen Kultur ſowie 
feine politiſche Ideologie in „Preußentum 
und Sozialismus“, die von Briefs zum 
erſten Male vollkommen deutlich als ſolche, als 
ein Wunſchbild ohne hiſtoriſche Entſprechung, 
erwieſen worden iſt. Daher hat die Soziologie 
das entſcheidende Wort zur Beurteilung der 
Spenglerſchen Konſtruktionen. Die doppelte 
Aufgabe, die der Verfaſſer ſich ſtellt, einmal 


Bücherſchau 


153 


—— — — — — — — — — — — — — 
— ——— — — — — — —— — —— — — —— —— — — ——— — — — — — 


die Analyſe des Spenglerſchen Denkens und 
der aus ihm erwachſenen Idee des Sozialismus, 
ſodann die Analyſe des geſchichtlichen 
Sozialismus wird mit hervorragender Gründ⸗ 
Tichfeit und Bräzifion gelöft. Dafür mögen 
einige zufammenfaffende Formulierungen als 
Zeugnid dienen: Über Spengler geiftige 
Herkunft: „Nachklänge von Klaſſizismus und 
Romantik, in Verbindung mit ſtärkſten Ein⸗ 
ſchlägen naturwiſſenſchaftlichen Denkens und 
rein diesſeitiger moderner Lebensphiloſophie 
ſchießen geiſtig in eine Syntheſe zuſammen, 
deren Kennzeichen abſolute Diesſeitigkeit 
Sinn und Zielverneinung des Lebens, 
Naturalismus der Kulturbetrachtung, Dog: 
matismus der Geſchichtsbetrachtung, Relativis⸗ 
mus aller Außerungen in Geiſt, Sittlichkeit 
und Kultur darſtellen“ (S. 44.) Zur Analyſe 
des deutſchen Sozialismus: „Ein plötzlich 
hervorbrechender, hochgeſchraubter, arbeits⸗ 
intenfivfter Kapitalismus im Verein mit 
gewaltigen Bevöllerungd- und Berufdum- 
ſchichtungen ftößt zufammen mit rüdftändigen 
politiihen Lebensformen, mit bedenklicher 
Sozialmoral von oben bei ftärkftem Gemein- 
fhaftsverlangen der unteren Volksſchichten, 
mit ſtarker Neigung zu rüdfichtslofer Intereflen- 
wahrung in den wirtſchaftlich leitenden 
Schichten, und in die Gunft diefer Vor— 
bedingungen ſchlägt bie Flamme bed moraliſch 
und interefienmäßig den Maſſen gleich 
entgegenlommenden Marxismus.“ (©. 69. f.) 

Die letzten Säge nehmen Bezug auf den 
höchſt bemerkenswerten und mertvollen Nach⸗ 
weis (S. 47 bis 53), in wie großem Umfang 
Spengler® Gedanten von F. Tönnies’ 
klaſſiſchem Werke „Gemeinſchaft und Gefell- 
ſchaft“ abhängig find. Dieſe Abhängigkeit iſt 
ſo unmittelbar einſichtig, daß man kaum ver⸗ 
ſteht, weswegen ſie nicht ſchon längſt und 
überall erkannt worden iſt. Zugleich aber 
erhellt daraus die ungeheure Einſeitigkeit der 
Spenglerſchen Gleichſetzung von Abendland— 
Ziviliſation— Sozialismus, welche die Korrelat. 
erſcheinung dieſes Sozialismus (der der 
Tömmiesſchen „Geſellſchaft“ entſpricht), nämlich 
den extremen Individualismus, gänzlich ver⸗ 
nachläſſigt. 

Wenn von Briefs' Kritik an Spenglers 
Sozialismusidee geſagt werden kann, daß ſie 
nur ausgeſprochen werden mußte, um jene 


höherem Maße und im Hinblick auf das Ganze 
der Spenglerſchen Geſchichtsbetrachtung, von 
dem Schlußteile der Schrift, der in ſorgfältiger 
induktiver Beweisführung zeigt, daß Spengler 
das wichtigfte Moment ber abendländifchen 
Geſchichte völlig überfeben bzw. verfannt hat: 
ben Geift des Chriftentumd. Diefer Geift 
ift e&8, ber die Struftur des abendlänbifchen 
Bewußtſeins beftimmt und fomit alle Aus: 
wirkungen dieſes Bewußtſeins, die etbifchen 
und ſozialen in erſter Linie, trägt. Wer dieſen 
Geiſt nicht kennt oder nicht kennen will, der 
ſtellt ſich, wie der Verfaſſer mit unnachſicht⸗ 
licher Schärfe ausführt, „jenſeits des wirk⸗ 
lichen Abendlandes“. Wer ihn aber kennt, 
das heißt, wer ſich als Chriſt bekennt, dem 
kann das Schreckbild vom Untergang des 
Abendlandes nichts anhaben, der kennt Wege 
und Ziele der Erneuerung des Abendlandes. 

Die Schrift von Scholz, deren erſte 
Hälfte eine gut disponierte Zuſammenfaſſung 
der Spenglerſchen Gedanken iſt, bringt in der 
zweiten Hälfte allgemeine kulturphiloſophiſche 
Erwägungen und gelangt zur Anerkennung 
einzelner, zur bedingten oder unbedingten Ab⸗ 
lehnung anderer von dieſen Gedanken. Im 
erſten Teil iſt die Reproduktion des Speng⸗ 
lerſchen Zeitbegriffs (der den Ergebniſſen 
Minkowskis und Einſteins gegenüber unhalt— 
bar iſt — es nimmt Wunder, wie wenig 
Rückſicht Spengler auf die Reſultate der 
ſpeziellen und allgemeinen Relativitätstheorie 
nimmt) und die Abgrenzung ſeines Homologie- 
begriffe® gegen den Begriff einer nur affoziativ 
vermittelten, nicht wefensmäßig zugeordneten 
Analogie bedeutungsvol. (Daß Spengler 
eine wifjenfchaftlicde Beftimmung des Homo- 
logiebegriffeß gelungen märe, wird dennoch 
bezweifelt werden müflen.) Die Tritifchen 
Ausführungen des zweiten Teiles find weniger 
grundſätzlich⸗ſachlich, als vielmehr ad hominem 
gerichtet. So find fie, troß ethiſcher Kraft, 
nicht fo zwingend wie etwa die mwifienfchaft: 
lichen Gebantengänge in ber Schrift von 
Briefd. Allerdings feheint der DVerfafler den 
Wert Tpezialwifienichaftlider Auseinander⸗ 
fegung nicht allzu hoch zu bemefien, wenn er 
folgenbes Urteil über das von Spengler ver- 
arbeitete Wiflen abgibt: „Das find nicht die 
Kenntnifje eined Gelehrten, der den Wert des 


154 Bücherſchau 


Wiſſens nach ber Anſtrengung ſchätzt, die 
nötig iſt, um in feinen Beſitz zu gelangen. 
Es find vielmehr die Kenntniffe eines 
Philofophen, den dad Wißbare nur fo weit 
intereffiert, ald e8 mit dem Wifjenswürdigen 
zufammenfällt. . .“ (S. 24.) Es bürfte 
wenige Fachgelehrte geben, die diefer Wert- 
berabminberung der Wiſſenſchaft, wenige 
Philoſophen, die dieſer Sfolierung der 
Philoſophie von der Arbeit der lebendigen 
Forſchung zuſtimmen fünnen. 

Die Schrift von Roſenſtock gehört 
hierher, weil ſie eine ausführliche, wertvolle 
Beſprechung des Untergangsbuches unter dem 
Titel „Der Selbſtmord Europas“ (S. 160 
bis 203, vorher bereits im Hochland er⸗ 
ſchienen) enthält. Die Tendenz ſeiner geiſt⸗ 
reichen, glänzend geſchriebenen Betrachtungen 
geht aus folgenden Sätzen hervor: Spengler 
„denkt den Untergang des Abendlandes am 
Abend des Lebenstages, nicht um das ewige 
«chen hinauszuretten aus der Unvermeidlich⸗ 
feit des zeitlichen Todes, fondern um mit 
zufterben. .... Spengler würde leugnen, daß 
der Logos jedem Sprecher Berantiwortung 
aufbürdet für alle, an die fein Sprechen 
aclangen kann. Er fpricbt eben nicht wie die 
ganz tiefen Geifter aus dem Trang zu jener 
Wahrheit, die über die Zeiten ragt” (©. 183). 
Und noch tiefer, auf dem Hintergrund einer 
hervorragenden Kritil des Zeitgeiftes, als 
deſſen Erponent, nicht Mbertvinder, Spengler 
zu gelten bat: „So fteht Spengler vor ung 
als die Figur des dem Wort und feiner Erit- 
geburt Jeſus trogenden Geiftes, der nicht 
ewig leben, fondern mit feiner Heimatfeele 
zufanımen fterben will. Zwiſchen ibm und 
dem Uniterblichkeitäboffenden jind darum alle 
Brüden der Sprade in Wahrheit ſchon ab- 
gebrodhen. Sein Werk enthüllt, wie tief die 
Krankheit des europäiſchen Geiſtes bereits 
gefrefſen hat, daß er ſeiner Erneuerung aus 
ewigen Quellen ſtolz ausweicht. Spengler 
will nicht leben. Das iſt das Grauſige einer 
ſolchen Erſcheinung, daß die Seele hier alle 
ihre Geheimkräfte aufbietet, um — zu ſterben.“ 
(S. 190 f.) So enthüllt ſich dem Verfaſſer 
dag, was Spengler „Untergang des Abend—⸗ 
landes“ nennt, al8 der Selbftmord be 
ſich iſolierenden, demutloſen, heidniſchen 
Europa, — und ihm gegenüber erwartet er 


und fordert, aus einem Willen zur ſchöpferiſchen 
Gemeinſchaft, zu demütiger Arbeit, zu chriſt⸗ 
lichem Leben ein Neues: „die Auferſtehung 
der Wahrheit“. 

Der reiche Gehalt an weltpolitiſchen ſowie 
ſozial- und kulturpolitiſchen Gedanken, der 
in den Aufſätzen des Roſenſtockſchen Buches, 
geſtützt auf lebendigſte Anſchauung der Zeit 
und ihrer hiſtoriſchen Herkunft, gebunden 
durch eine große Kraft ſynthetiſchen Denkens, 
ausgebreitet iſt, wird demnächſt an dieſer 
Stelle im Zuſammenhange mit einer Reihe 
ſehr beachtenswerter Schriften, den „Büchern 
vom Kreuzweg“, zu denen das vorliegende 
Werk zählt, gewürdigt werden. Für den 


daß er die politiſch aufklärende und aktivie— 
rende Arbeit Dr. Eduard GStadtlers 
würdigt, — eine Arbeit, die troß ihrer unauf: 
baltfamen Ausbreitung, troß des Erfolges, den 
der Aufruf zu überparteilichem, nationalem 
BZujammenfchluß, zu weltpolitifcher Beftnnung 
und Aktivität, in unferer Gegenwart finden muß, 
dennoch) vielfach in Betrachtungen über die gegen: 
wärtige politifche Situation noch nicht an den 
ihre gebührenden Platz gerüdt wird, Die 
Bedenten, welche Rofenftod in feinem Auffat 
„Bolſchewismus und Chriftentum” (S. 150 ff.), 
der fich ganz mit Stadtlers Tätigkeit befchäftigt, 
darum erhebt, weil ibm die negativen, anti: 
bolfchewiftifchen Tendenzen zu einfeitig betont 
erfcheinen, werden weſenlos, menn man bie 
Berichte, die Stabtler fiber feine Tätigkeit 
und fein Aktionsprogramm in feinen 
letten Schriften erftattet Hat, und feine 
laufenden politifchen Auffäge im „Gewiſſen“ 
vergleicht: mie e3 fein Verdienſt bleibt, die 
Tatfahe und kataſtrophale Gefahr des 
Weltbolſchewismus vor aller Augen 
geftellt zu haben, fo findet er andernteilö die 
Mittel zur Abwehr des Bolſchewismus 
gerade in den geiftigen und feelifhen Kräften 
des Deutfchtumg, und niemand fieht jo Har 
wie er, daB der mädhtigfte Hebel der Er—⸗ 
neuerung und, des Wicderaufbaus gerade 
der ift, in dem Rofenftod das einzige Heil ſieht 
— das Heil auch aller nibiliftifchen Zerfegung 
und aller Untergangsſchwärmerei gegenüber —: 
der chriſtliche Geift des deutſchen 
Volkes. 


H 


imo 
= 


«dr 
. 


politiſchen Weitblick des Verfaſſers zeugt es, 


Bismard im eigenen Urteil. Piuchologifche 
Studien von Karl Groos. Berlag der 
3. ©. Cotta'ſchen Buchhandlung Nadyfolger 
in Stuttgart und Berlin. Geheftet 
M. 12.—, in Halbleinen gebunden M. 20.—. 

Ein Fachpſychologe zergliedert den größten 
Mann der vaterländifchen Geſchichte. Im 
erſten Augenblick mwiderjtrebt ein künſtleriſch 
ſchamhaftes Gefühl dem Beginnen. Bald 
aber gewahrt man, daß echte Seelenkunſt und 
ein erfreuliche? Inſtinkt für deutſche Mannes⸗ 
größe am Werke ſind und Bismarck hier 

Bismarck bleibt, nicht verzerrt wird wie bei ſo 

manchen zudringlichen Eſſaiſten der letzten Zeit. 


Die politiſchen Berichte des Fürſten 
Bismarck aus Petersburg und Paris 
(1859-1862). Mit 8 Bildtafeln in 
Kunjttiefdrud herausgegeben von. Raſchdau, 
Gefandtr a. D. 2 Bände, pro Band 
M. 25.—. Verlag von Reimar Hobbing 
in Berlin SW 48. 

Und nun leſen wir „neuen“ Bismard 
ielber. Leider entipricht der Wert der Ber- 
öffentlichung nicht dem Eoftbaren Inhalt. Es 
it nicht recht zu verſtehen, weshalb fich Herr 
Raſchdau dieſer verlegerifchen Spekulation 
zur Berfügung geftellt hat. Die Ausgabe ift 
unvollftändig und ohne ausreichenden 
Kommentar. Gin berufener Herausgeber, ber 
wirklich über das gefamte Material verfügt, 
dürfte in abfehbarer Zeit die wifjenfchaftlich 
ullein zureichende Veröffentlichung der Beters- 
burger Berichte bringen. Wer über gemügende 
Spezialkenntniffe der Jahre 1859 - 1862 
verfügt, wird freilich auch Schon auß diejem 
unerfreuliden Bruchſtück Schätze heben. 
Bismard, in der Volltraft des Lebens, noch 
unberübmt, aber fozufagen auf dem Sprung 
zum Erfolg. Allerdings fein Biämard, der 
ben Zauber feiner Berfönlichfeit ungeziwungen 
außftrablt, jondern der Diplomat, der ſich 
beheerſcht, feine Kraft und Kunft der Menfchen- 
kenntnis und Menfchenbehandlung in wohl: 
abgemogene Berichte hineinlegt, die felber ein 
Stück Politik find. K. 


Dr. Hermann Meyer, Das politiſche 
Schriftweſen im Deutſchen Auswärtigen 
Dienſt. Verlag J. C. B. Mohr (Paul 
Siebeck). Tübingen 1920. 





Bücherſchau 155 


Die Schrift bietet eine kurzgefaßte Technos - 
logie des deutſchen auswärtigen Dienfte?. 
Sie behandelt deſſen innere und äußere 
DOrganifation, die Grundbegriffe des politijchen 
und diplomatischen Dienites, die Formen des 
Schriftverkehrs, die Beteiligung des Staats- 
oberhauptes und den Kurierdienft. Indem 
und fo die Arbeit einen Blick Hinter die 
Kuliffen diefer wichtigen Zentralbehörde er: 
möglicht, leiftet fie der breiten Offentlichteit, 
an die fie fich wendet, in der Tat einen 
wichtigen Dienft für das Verſtändnis des 
diplomatiſchen Betriebes. 


Blenge, Die Zukunft Deutſchlands und Die 
Zufunft der Staatswiſſenſchaft. ©. D. 
Baedeler, 1919. 

Der rührige Nationalölonom, der an der 
Univerjität Münfter tätig ft, entwidelt in 
diefer Heinen Schrift feine beachtlichen Ge: 
danten über eine Reform der Borbildung des 
ftaatswifjenfchaftlichen Nachwuchſes. 


Eugen Diederichs, Politik des Geiftes. 

Eugen Diederichs Verlag, Jena 1920. 

Das Berdienft, das ſich der rührige 
Senenfer Berleger um die Erfchließung mert- 
volffter Kulturgüter für die deutfche Offent- 
lichteit erworben bat, ift fo unbejtreitbar, der 
ernfte kulturelle Wille darin fo unverkennbar, 
daß es manden reizen mag, ſich ein Bild 
davon zu machen, mie fich die Welt diefer 
Kulturgehalte im Kopfe des Drganifators 
widerfpiegelt. Diederichs hat im vorliegenden 
Wert eine Reihe von Aufjäten gefammelt, 
die feit 1914 in der von ihm herausgegebenen 
„Tat“ erfchienen find. Dieſe Aufſatzreihe iſt 
darüber hinaus eine Art Chronik der kultur⸗ 
politiſchen Zeitprobleme, die damit gleichzeitig 
auf zeitgeſchichtliches Intereſſe Anſpruch er- 
heben darf. 


G. Küntzel u. M. Haß, Das politische 
Teſtament der Hohenzollern. (Quellen: 
ſammlung zur deutſchen Geſchichte.) 2 Bände. 
B. G. Teubner Verlag, Leipzig und Berlin, 
2. Auflage 1919. 

Diefe Sammlung des politifchen Tefta- 
ment? der Hohenzollern wirkt in unferer Zeit, 
wo der monarchiſche Gedanke von reflentiment- 
geladenen Literaten und haßerfüllten Demagogen 


156 


von der radikalen Linken bis weit ins 
„bürgerliche“ Lager in den Schmutz gezogen 
wird, wie das Vermächtnis einer großen 
leiſtungsreichen und würdigen Epoche der 
deutſchen Geſchichte. Die Sammlung reicht 
von der Hofordnung Joachims IL von Branden⸗ 
burg bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. 
Deutlicher als Apologien jeder Art ſprechen 
diefe Driginaldofumente für die Tiefe bes 
Verantwortlichkeitsgefühls und die Weite bes 
Blicks, mit denen das unvergleichlid begabte 
Herrfchergefchledht in wenigen Jahrhunderten 
unter den denkbar ungünftigften Bedingungen 
ein Staatsgebilde gefchaffen hat, deifen Bor- 
bildlichkeit Europa am unvertennbariten in 
feiner Furcht und feinem Haß anerkannt hat. 


Albert von Hofmann, Das deutſche Land 
und die dentfche Geſchichte. Deutiche Ver⸗ 
lagdanftalt Stuttgart und Berlin 1920. 


Albert von Hofmann madt in diefem 
Buche den intereffanten Verfuch, die deutſche 
Geſchichte aus den topograpbifchen Verhält: 
niffen der Landſchaft zu erflären. Er gelangt 
dabei zu dem Begriffe der hiſtoriſchen, beſſer 
vielleicht geichichtäbedingenden Landſchaft. Die 
chronologiſche Stoffanorbnung wird auf: 
gegeben und durch eine topographiſche er» 
fest. Neben der politifchen, insbefondere 
triegsgefchichtlichen findet auch die kunſt—⸗ 
biftorifche Entwidlung breitefte Berüdfichti- 
gung. Die Methode wird nicht beanfpruchen, 
die übliche chronologifche Geſchichtsbehandlung 
zu verdrängen und zu erjeßen. Als an- 
regende Ergänzung ift der geiltreiche Verſuch 


entfchteden zu begrüßen, der zur Erweckung 


hiſtoriſchen Heimatſinnes und zur Vertiefung 
geographifcher Kenntniffe von unbeitreitbarem 
Bert ift. 


Elfe Biram, Die Induſftrieſtadt ald Boden 
neuer Kulturentwidlung (Schriften zur 
Soziologie der Kultur. Band IV.) Eugen 
Diederichs Verlag, Jena 1919. 


Diefe bereit3 vor dem Krieg entftandene 
Schrift verfolgt die Entwidlung der öffent. 
lichen Kunftpflege durch das höfifche, bürger- 
ride und kommunale Stadium. Sodann 
werden die piychologifhen Wege beraus- 
gefondert, auf benen die verfchiedenen Be: 
völkerungsſchichten den Weg zum fünftlerifcben 


Erlebnis finden. Nicht ſowohl zu neuen Biel- 
fegungen, ald zur Klärung der Tommunal- 
politifhen NKulturfragen erweift ſich bie 
foziologifhe Methode dabei ald fruchtbare 
Erkenntnismittel. 


Arthur Luther, Alt- Dorpat und das 
zuffifche Geiſtesleben. (Baltiſche Bücherei 
Band 32.) Verlag von Fritz Würk, Berlin, 
Kiga, Leipzig 1920. 

Die engen Beziehungen der Univerfität 
Dorpat zum reichödeutfchen Geiftesleben find 
allbekannt. Um fo verbienftlicher ift der 
Berfuch, die Mittlerftelle dieſes vorgeſchobenen 
Poſtens bdeutfcher Wiſſenſchaft darzuftellen, 
was dem Berfafler diejer Leinen Schrift 
überzeugend gelingt. 


Edda. Zmeiter Band. Götterbidhtung und 
Spruchdichtung. Übertragen von Yeliz 
Genzmer. Mit Einleitung und Anmerkungen 
von Andreas Heusler. (Thule. Band II.) 
Eugen Diederich® Verlag. Jena 1920. Geb. 
M. 7.50, geb. M. 11.—. 

In der überaus verdienftlihen Sammlung 
Thule, die uns das mythiſche Erbe des Nordens 
erfchließt, erfcheint in dieſem Bande der 
mythologiſch wichtigſte Teil der älteren Edda. 
Das Berftändni® wird durch Anmerkungen 
und Einleitungen zu den einzelnen Stüden 
erleichtert, die aus der Feder des fachkundigen 
Herausgebers ftanımen. 


Lenore Kühn, Das Bud, Eros. Studien 
zur Liebesgefchichte von Seele, Welt, Gott. 
Eugen Diederichs Verlag, Jena 1920. 
Geh. M. 4.50, geb. M. 8.—. 


Allwaltender Eros als metaphyſiſche Ur: 
ſubſtanz des Lebens iſt der Gegenſtand dieſes 
ſtillen und feinen Büchleins. Studien nennt 
es ſich und iſt doch eine Art metaphyſiſchen 
Gedichts in Proſa, Verſuch, an vielen einzelnen 
Punkten einen zarten Schleier zu lüften, blitz⸗ 
artig Sichten zu öffnen auf diefen Urgrund, 
der alle Leben hält und trägt. Es ift eine 
Schrift, die von der Seele kündet und bie 
felber feelenbaft if. Desbalb wird man fich 
nicht mit ihr auseinanderfegen wollen, fondern 
binborhen müfjen, ob fie einem etwas zu 
jagen bat. Und fie bat etwas zu fagen. 

— hm. 


Bũcherliſte 


Mitſcherlich, Waldemar. Der Nationalismus Weſt⸗ 
europas. C. L. Hirſchfeld, Verlag, Leipzig. 1920. 

Tagore, Rabindranath. Nationalismus. Kurt Wolff 
Verlag, Leipzig. 

Das Buch des berühmten indiſchen Dichters 
ſteht in einem intereſſanten Gegenſatz zu dem des 
deutſchen Profeſſors. Dort iſt das Problem des 
alles verſchlingenden Nationalismus in einem feinen 
Öftlichen Intellekt geſpiegelt und als feindſelige 
geiftige Macht zergliedert; hier dagegen mit geſchicht⸗ 
lıher Methode, aber obne fernfichtigen Standort 
entwickelt. Beide Bücher fird Erzeugnifle ver- 
Idiedener Weltanfbauungen und ergänzen ſich bas 
durch, wie fih das Schickſal Deutfchlands und 
Indien? in Zukunft unter dem Zeichen des welt. 
beberrfchenden angelſächſiſchen Nationalismus ſinniger 
als bisher berühren und ergänzen dürfte. 

Meray, C. H., Weltmutation. Mar Raſcher Verlag 
A.⸗G., Zürich. 1918. 

Uexküll, 3. v., Staatsbiologie (Anatomie— Phyſio⸗ 
logie — Pathologie bed Staates). Berlag von 
a. Paetel (Dr. Georg Paetel) Berlin. 

Es mehren ſich die Verſuche, die Politik 


dieſem wiſſenſchaftlich zukunftsreichen Wege, aber 
feſſelnde, geiſtreiche Verſuche liegen in den Abhand⸗ 
lungen Merays und Verfüll vor. 


Rauſſe, Hubert. Gefchichte des deutſchen Mittel: 
eo es Joſef Habbel, Regensburg. 
eb 
Kein — Werk, aber eine ganz an— 

ſprechende kurz gefaßte Zufammentragung der be: 

fannten Motive. 


Braun, Fritz, Die Dftmarl. Ein Heimatbud). 
nn Friedrich Branditetter. Leipzig 1920. 
Geb. M. 12.— 


Glaffen, Walther. Wie der deutfche Dften entftanden 
ft. Deutſchnationale Berlagdanftalt A.G., 
Hamburg. Geh. M. 3,20. 

Die Oſtmark, ein ausgezeichnetes von Liebe 
und feinem Berftändni3 getragene? Sammelwerk, 
dad heute in den Händen jeder echt deutſchen 
Familie gerade auch weſtlich von der Elbe jein 
müßte. In noch höherem Maße gilt die von der 
Clafſenſchen Schrift, die für das ganze beutiche 


| nn Au iſt und ihren Zweck vortrefflich 
biologifh aufzufafſen. Noch Leine Ruhepunkte au L_ 


Verantwortlid: i. B. Hand von Godenftern in Berlin. 


Scriftleitung und zen — SW 11, Tempelho 
V Koehler, Abteilung Orenzboten, Berlin. 


erlag 


fer Ufer 36a. f: Lügom 66510. 


Zrud ®. Dioefer en Berlin S 14, Stallireiberftr. 34,86. 


Rückſendung von Manuſtripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rückporto. 
Nachdruck ſämtlicher Aufſätze ift nur mit ansbrädlicher Erlaubnis des Verlages geftattet 


Der dem heutigen Heft beiliegende en von I. 5. Lehmann Verlag, Münden, fei unfern | 


Leſern empfohlen. Das Werk von Krauß: „Die 


Urſachen unferer Niederlage‘ ift eine wichtige und 


wertvolle Ergänzung der Schriften der deutfchen Heerführer. 


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Die Senfution des Tages! 


Die drei fommenden Hriege 


EIngiands Auselinanderfegung mit feinen Brüdern von der Entente. 
Propheriih vorausfchauend, 


gl 
militariſch⸗politijche Prophezeiung von Dito erh 
Sprade Englands Drahtzieherrolie in der Weltpolitit und 


Deutſchlands Aufftieg in den kommenden Birzen. Cine 
ſchildert der Verfafſer in meifterhafter 


Deutjchlands Tünftige Schidfale: 


Schon 
merliamfeit verdient des Verfafſers Schlußwort ü 


„ireopag des Beiftes“ 


Preis 5.— Mt. 
—.50 Mt. mehr. Man fchreibe jofort an 


während der Trudlegung hat diefe aufchen erregende Prophezeiung fih zu erfüllen begonnen. Ganz befonbere Auf⸗ 


„Fürſten ohne Krone‘ 


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Das Sand der Mitte 


Feutſchland Liegt noch immer zwiſchen England und Frankreich 





einerjeit3 und Rußland andererjeits, nicht nur geographifch, ſondern 
auch politiih. Hinzu Hat fih im Südoften die Tſchecho-Slowakei 
gejellt. Sobald wir die Augen nad) recht3 richten, wird man links 
grimmig, und fobald wir nach links fchielen, droht man von rechts. 
Es ift eine üble Lage, und doch möchten wir jo gern aus dem politifchen Chaos, 
das ſich beginnt über Europa auszubreiten, einen Vorteil, eine Möglichkeit für 
unfern Wiederaufbau, unfere innere Erjtarfung finden. 

Dean fieht das Heil von Dften fommen und vergißt, daß unjer Heil über- 
haupt noch nicht gefommen ift. Schillihe Stimmungen find ſchön und erhebend, 
aber wir brauchen jett feine Schills, jondern Gneijenaus, und auch ein Feuerkopf 
wie Blücher hat von 1806 bis 1813 gewartet. Diele im heutigen Deutjchland 
aber, die Zeit und Möglichkeit der Geduld hätten, wollen feine Geduld anerkennen 
und wollen die Jahre 1806 bis 1813 im Fluge überjpringen. Selbſt für den, 
der auf dem Standpunft fteht, daß uns einmal das Heil von Oſten fommt und 
daß wir uns einmal mit dem Oſten verbünden. müjjen, gibt e8 nichts Törichteres, 
als jett fi mit den Ruſſen zu verbinden oder gar ihnen Söldnerdienite zu leiften. 
Noch rafcher und grauenhafter würde die Enttäufhung für diefe Oftler fein, als 
fie e8 im letten Jahrzehnt für die Weftler gewejen. Die Role Wilſons hat jetzt 
Lenin übernommen. Er würde uns, fobald wir auf feinen Leim gefrochen ind, 
zu jeinem Schlacdhtopfer und Deutjchland zum Schlachtfelde machen, auf dem die 
Entente billige Siege gegen den Boljhemismus erringen könnte. Wenn wir uns 
mit den Aufjen jest jchon verbünden, machen wir denjelben Fehler, den das alte 
Deutfchland gemacht hat, als es fich in den ſchwächſten Staaten feine Verbündeten 
juchte. Aber was ift nun zu tun? fo fragt man. Zwei Möglichkeiten find gegeben: 

Einmal, daß die Entente und auffordert, Landsknechtdienſte für fie zu leilten, 
wie es Simons genannt und abgelehnt Hat. Wenn nicht die Entente, ſondern Eng— 
land und zum Söldner haben wollte, und ung nicht bloß mit eitlen Verfprechungen 
oder fo billigen Zujagen, wie der Aufnahme in den Wölferbund, fondern mit 

Grenzboten III 1920 | 11 


162 | Das Sand der Mitte 


ficheren Zugeftändniffen, etwa der SHerftellung unferer alten Oftgrenze, bejolden 
wollte, dann hätte e8 Sinn, Landsknecht für England zu fein, denn dann würde 
außerdem noch ber Gegenſatz zwiſchen England und Frankreich fchroff zum Aus— 
druck kommen, was uns auch unfere Stellung im Weiten erleichtern würde. Churchill 
bat fih in dieſer Richtung geäußert, aber er tft von ber Preſſe abgelehnt worden, 
was freilich nicht befagt, daß die Engländer nicht an eine folche Möglichkeit denken 
und fie im Auge behalten. Das wird davon abhängen, wie ſtark file Die Gefahr des 
Bolſchewismus für Alien, infonderheit für Indien, einſchätzen. In ihrem eigenen 
Land getrauen fie fi, und zwar mit gutem Grunde, zunächſt noch auf Sahr und 
Tag mit ihm fertig zu merden, und zwar um fo mehr, wenn Deutjchland die Probe 
auf das Erempel machen follte, daß der Volſchewismus in einem induftrialifierten 
Zande eine Narretei ift. Zunächſt ift dieſe Möglichkeit, Daß England uns gegen an= 
gemejjene Bejoldung als Landsfnecht werben will, nicht gegeben. Wir haben heute 
noch feinen Gebrauchswert für eg, ſondern nur einen Tauſchwert in feinem Geſchäft 
mit Frankreich um die Machtverteilung in Aſien. England braucht nicht mehr, 
wenigiten® auf abjehbare Zeit nicht, feine alte Bolitil, Gegner der ſtärkſten 
Kontinentalmacht zu fein, zu treiben, denn auch Diefe ftärffte Scontinentalmadht, 
Frankreich, ift Fein gefährlicher Gegner für England mehr und wird es um fo weniger 
fein, je mehr es fich in Deutfchland feftbeißt. 

Die zweite Möglichkeit ift die eines Bundes mit Somjetrußland. Das hätte 
nur dann Sinn, wenn entweder die boljchemiftifche Macht in Rußland auf ficherer 
Grundlage beruhte, und verhandlungsmwillig und bereit wäre, oder aber, wenn bie 
Weltrevolution wirklich etwas Unabänderliches und ganz Europa raſch fiber- 
wältigendes wäre, und wenn wir ſo oder ſo durch das Fegefeuer der Weltrevolution 
hindurch müßten. Für das eine wie für das andere fehlt heute und für abſehbare 
Zeit der zureichende Grund. Der Bolſchewismus lebt nicht aus eigener Stärke, 
fondern aus der Schwäche feiner Gegenmächte im Innern Rußlands und im Krieg 
mit Polen. Mit beiden würden mir eine fchivere Enttäufchung erleben und wären 
die Hereingefallenen. 

Es bleibt für ung nur die dritte Möglichkeit der Neutralität, mit der Aus 
fiht freilich auf Vergewaltigung durch die Entente, Die ung als Mufmarfchgebiet 
benugen möchte. | 

So Hart und dieſe Vergewaltigung wirtſchaftlich träfe und eine fo bittere 
Demütigung fie für ung märe, jo könnten wir und müßten mir daraus politisch 
- Kapital fchlagen. Wir dürften nur nicht über die Vergewaltigung winſeln und ung 
einfach fügen, fondern müßten und mit Händen und Süßen dagegen mehren. 
Militärtfch können wir nichts machen, aber unfere Arbeiter follten dann einmal 
zeigen, Daß fie nicht bloß wegen der Übernahme der Steuern ftreifen können, fondern 
auch aus Gründen der auswärtigen Politit und der Behauptung ftaatlicher Selb: 
ftändigfeit. 

Unjere Linksradikalen behandeln immer noch auß den mannigfadhften, zum 
Teil fehr durchſichtigen Gründen, die Regierungen wie bie Tapitaliftifchen Mächte 
der Entente ſehr ſchonſam, und fo wenig fie aus deutſchen Intereſſen bereit find, 
jich gegen die Entente zur Wehr zu ſetzen, fo werden fie e8 um Somjetrußlands willen 
tun. Rußlands Feind ift unfer Feind, fo fagen fie, und mag fie für Deutfchland 
bisher nicht konnten, können fie vielleicht über Rußland Iernen, ftaatliches Selbit- 


Der berufsftändifche Bedankte und die Landwirtfchaft 163 


gefühl, und dann werden die englifchen und franzöfifchen Arbeiter, die fehr gelafjen 
und ungerührt die Vergewaltigung ber deutjchen Arbeiter durch die Urteilsfprüche 
von Verſailles und Spa hingenommen haben, zum Widerftand aufgerüttelt werden, 
wenn es fi um Somjetrußland handelt. Politiſch könnte alfo die Vergemaltigung 
unferer Neutralität ung nüten; ob mir es benuten werden, ift freilich eine andere 
Sache. Ein anderes freilich ift, ob die Entente nicht Polen militärifch feinem 
Schickſal überläßt ımb fi) auf die Mittel der Blodade befchränfen muß, meil fie 
nicht mehr genügend Soldaten für Diefen Srieg, der fein Spaziergang fein wird, 
finden werden. Sn diefem all würbe fie unjere Neutralität militärifc in Ruhe 
laffen, uns dagegen zur Teilnahme an der Blodade zwingen ober in bie Blodade 
einbeziehen wollen. Dann laufen wir Gefahr, daß die Rote Armee, um Nahrung 
au finden, aus Abenteuerluft oder Ruhmſucht, und daß die Bolfchemiften, um ben 
Brand der Weltrevolution mweiterzutragen, in Deutfchland einfallen, und daß unfere 
Linksradikalen und unfere Nationalbolfchewiften die Stunde Des Losſchlagens ge 
tommen glauben. Es märe dies die vierte und die ſcheußlichſte Möglichkeit, Die aus 
der jetigen Lage fich ergibt, in der wir überhaupt feine politifchen Ziele verfolgen 
können, fondern den Brand im eigenen Haufe befämpfen und löſchen mülfen. 

Ä Priscus 





Der berufsftändifche Gedanke und die Landwirtſchaft 


Don P. von Broeder-Berlin 


Aber den berufsjtändifchen Gedanken herrſchen vielfach unklare Auf: 
faffungen. In ihnen mischen ſich unrichtige Vorftellungen vom mittel- 
alterlihen Zunftivefen mit ebenfo mißverftandenen Anſchauungen 
vom Weſen der ruffiihen Sowjets, die fich beide auf das heutige 





alterlichen Stadtmwirtjchaft ſehr wohl am Plate, mußte ſchon verjchwinden, als die 
Stadtwirtfchaft in die Staatswirtſchaft überging.e Seine Wiederauferftehung im 
Zeitalter der Weltwirtſchaft, die einen fehr viel weiteren Gelichtöfreis aller leitenden 
Etellen erfordert, ift rollens undenlbar. Daß andererfeit3 das Comjeterperiment 
für ung nicht nachahmenswert ift, Tiegt bei dem völligen Verfall der ruſſiſchen Wirt- 
Schaft klar zutage. 

Zu welchen Formen fich der berufsftändifche Gedanke bei ung weiterentwideln 
wird, ift zur Zeit noch nicht abzufehen. Feſt fteht bisher nur, daß er zufehends an 
Doden gewinnt, wenn er auch abſichtlich von vielen mißverftanden und mißdeutet 
wird, deren Vorteil mit der parlamentarifchen Staatsform unlöglich verknüpft ift. 
In feiner jehigen Entftehung und Geftalt ift der berufsftändifche Gedanke nichts 
meiter al3 eine Reaktion gegenüber dem Parlamentarismus. Sicherlich wird er 
diefen nur allmählich ablöfen können, denn eine Zahrhunderte alte Entwidlung 
wird nicht plöhlich abgebrochen. 

Wer fich in da3 Weſen des Parlamentarismus zu vertiefen fucht, wird zu der 
Überzeugung gelangen, daß feine Hauptaufgabe, die er auf dem europäiſchen Feſtland 
durch den Anftoß der franzöfifchen Revolution erhielt, gelöft ift: die Herbeiführung 

11* 


164 Der berufsftändifche Gedanke und die Landwirtichaft 


ber Gleichheit aler vor dem Geſetze. Dieſe zu erreichen war zweifellos eine alle 
Staatsbürger gieihmäßig umfaljende Inſtanz das richtige Mittel. Es erivies ich 
indejfen, daß diefe filtive Gleichheit vor dem Geje der praftifchen wirtichaftlichen 
Entwidlung gegenüber verſagte und dem einzelnen nichts half. Die an dieſe Er— 
tenntnis anfnüpfende lommuniftiiche Bewegung handelte daher nur folgerichtig, 
wenn fie die parlamentarische Demokratie ala ein ungeeignete® Mittel zur wirt— 
ſchaftlichen Sleichitellung aller Staatsbürger bezeichnete, wobei Dahingeftellt bleiben 
kann, ob dieſe Gleichheit überhaupt jemals zu verwirklichen ift. 

Sn der weiteren hiftorifchen Gntwidlung hat fih der Parlamentarismus 
— fehr zu feinem eigenen Schaden — nicht mehr auf diefe Hauptaufgabe, die auf 
dem Gebiet Der Gefetgebung lag, beichräntt, fondern fi) auch der Regierung und Ber: 
waltung bemächtigt. Hierbei mußte er entweder, wie in England, zum Dedmantel 
einer in der Regel vom Reichtum getragenen Minderheitsherrſchaft werden, oder 
feine mangelnde Eignung für die Löfung von Regierungd- und Verwaltungs- 
aufgaben vffenbaren. Letzteres wurde in Deutichland und vielen anderen Staaten 
des europäifchen Feſtlandes um fo deutlicher erkennbar, je inniger die Volkswirtſchaft 
mit der Wirtſchaft der ganzen Welt in PVerftridung geriet. Zur fachlichen Be— 
urteilung jo komplizierter Wirtfchaftzverhältniffe maren die mit dem Austrag 
fozialer Gegenfäte und Parteilichkeiten überreich beichäftigten Parlamente fchon 
ihrer Zufammenfegung nach weder berufen, noch befähigt. In Deutfchland erleben 
wir nun das intereffante Schaufpiel, daß fonft einander heftig widerſtreitende 
politifche Anfchauungen den Parlamentarismus gleich fcharf verurteilen, weil er nur 
im Wege von Kompromiſſen votieren Tann, was für ben revolutionären Radikalis- 
mus ebenjo unerträglich ift, wie für jeden praftifchen Wiederaufbau Nur die 
parlamentarifche Mitte, die beim Zuftandelommen der Kompromiſſe den Ausſchlag 
gibt, fieht noch heute im Parlamentarismus den einzigen Weg zum Heil. 

Diefer Wiederaufbau kann bei dem Verſagen der hierfür zuftändigen gejeb- 
lihen Faltoren nur aus der Wirtichaft felbft von innen heraus erfolgen, wenn bie 
Derufsftände dieſe Arbeit in eigene Hand nehmen. Man geht Daher gewiß nicht 
fehl, wenn man den Grundzug des berufsftändifchen Gedankens in der heutigen 
Terminologie als „Selbjtbeitimmung der Berufzitände” bezeichnet. Vorausſetzung 
für dieſe Begriffsbildung war zunächſt das Auflommen eines Iebendigen Berufs⸗ 
ſtandesbewußtſeins, das durch den mirtfchaftlichen Aufſchwung in der Vorkriegszeit 
feinen Anſtoß erhielt und fich im gewerkſchaftlichen Zuſammenſchluß ber Tsacharbeiter, 
in der Schaffung von Landwirtjchafts-, Handeld- und Handwerkskammern u. a. m. 
äußerte. Etwas grundjäglich Neues vermochten alle dieſe Schöpfungen nur infomweit 
zu bieten, als fie fih von dem Beſtreben leiten ließen, nur der Weiterentwidlung 
der produftiven Kräfte zu dienen und damit zu Sachverſtändigenkollegien zu werden. 
Mollten fie lediglich zu einer neuen Form parlamentarifcher Auseinanderjegung 
werden, fo wären fie verfehlt gewefen, 'benn das ſachliche Gutachten Tann feiner 
Natur nach nicht vor dem Kompromiß der Parteien Halt machen. 

Wir ftellen hiermit zwei Gedankenreihen nebeneinander: die parlamentarijch- 
horizontale und die berufsftändifch-vertifale, und Eonftatieren die Unterfchiede ihres 
Weſens. 

Die parlamentariſche Gedankenreihe gruppiert auch das Gebiet der Wirtſchaft 
nach ihrem abſtrakten Vorbild, einem Parlament, in dem in der Regel zwei große 


Der berufsftändifche Gedanfe und die Candwirtſchaft 165 


Parteien (3. B. Whigs und Tories, Republikaner und Demokraten) einander 
gegenüberftehen und durch Rede und Gegenrede einen Ausgleich ihrer Intereſſen 
berbeizuführen beitredt find. Nach dieſem Vorbild entitanden der klaſſenweiſe Zu- 
fammenfchluß von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, in weiterer Folge die Tarif: 
bewegung und paritätifche Arbeitögemeinfchaften. Friedrich Naumann prägte hierzu 
das Wort von der Tonftitutionellen Fabrik. Gewiſſe Vorzüge dieſes Syſtems find 
unbeitreitbar, wie die Erzielung einer formalen Gleichberechtigung innerhalb ber 
einzelnen Arbeiterfategorien, die eine Preisunterbietung der von ihnen geleiteten 
Arbeit verhinderte. Hiermit erfchöpft fich im allgemeinen aber auch der Wert des 
ESyſtems, welches Wege zur Verbeflerung des Produktionsprogeffes und zur Hebung 
der Wirtichaft faft nirgends zu zeigen gewußt hat und damit fchließlich auch für 
ben Arbeitnehmer verfagt. Denn wenn die Konjunktur fo ſchlecht wird, daß Die 
gleihmäßige Entlohnung aller das Eriftenzminimum des einzelnen nicht mehr 
verbürgt, geht auch hier die Macht der Berhältniffe vor Recht, wenn nicht gar die 
gleihmäßige Behandlung der Arbeiterfchaft in völliger Betriebseinſtellung ihren 
Ausdrud finden muß. Wie der Parlamentarismus im großen fi zur Zöfung 
wirtichaftlicher Aufgaben ala untauglich erwieſen hat, fo auch im Meinen. Er ift 
letzten Endes unproduftiv. 

Anders die berufsftändifche Gedankenreihe, die von der Wirtfchaft jelbft aus: 
geht. Sie fieht davon ab, nach parlamentarifchem Vorbilde unabhängig vom Pro: 
Bultionsprozeß für alle Beteiligten erft gleiches Hecht zu fchaffen, fondern will 
vielmehr die Rechte nad) der Produktionsleiſtung abftufen. Das ift an fich ſchon 
eine grundſätzliche Abfage an jeden Verfuch Fapitaliftiicher Ausbeutung, die nicht 
nur durch erfahrungsgemäß Teicht zu umgehende Geſetze, jondern durch die Organi⸗ 
fation des Produktionsprozeſſes felbft von Grund aus verhindert werden fol. Eine 
gerechte Anerlennung auch der geringften Törperlichen Leiftung wird auf dieſe Weife 
zweifellos beifer gewährleiſtet. Die Arbeitzleiftung beftimmt nun über das ihrem 
wahren Werte entiprechende Maß politifcher Rechte. Das Vertrauen der Arbeit 
felhft wählt die Meifter und die Meifter treten zufammen und entjcheiden. Wie 
das im einzelnen möglich und durchführbar ift, Darüber find von vielen Seiten die 
meiteit durchdachten Vorfchläge gemacht worden. Je weniger in ihnen die berufs- 
ſtändiſche, vertikale Gedankenreihe durch parlamentarifche Horizontalſchichtungen 
unterbrochen wird, deſto fachlicher werden die berufsftändifchen Körperjchaften 
urteilen, deito wertvoller werden fie fein. 

Der Artikel 165 der Reichsverfaſſung und ber auf ihm aufgebaute vorläufige 
Reichswirtſchaftsrat find der bislang fümmerliche Niederichlag des berufsftändijchen 
Gedankens im amtlihen Deutjchland. Die in der Zufammenfegung bes Iebteren 
grundſätzlich durchgeführte Parität läßt deutlich erfennen, wie der berufsjtändifche 
Gedanke ih nur mühſam und allmählich neben und durch den parlamentarifchen Ges 
banten zu eignem Leben durchringen Tann. Schwere Widerftände find dabei zu 
überivinden. Neben Tleinlichen Schilanen, wie bei der Raumfrage für den vor⸗ 
bereitenden Reichswirtſchaftsrat, wird ala gemwichtigftes Argument gegen die praftijche 
Burchführbarkeit einer berufsftändifchen Sammer ihre Unfähigkeit zur Behandlung 
teinpolitifcher und Zultureller Fragen zu beweiſen verfucht. Diefe Beweizführung 
geht inbeflen fehl. Kein ernit denkender Vorkämpfer der Sammer der Arbeit will 
beitreiten, daß Dieje neben und zum Schutze ihrer Arbeit anderer ftaatlicher Faltoren 


166 Der berufsftändifche Gedanke und die Landwirtfchaft 


gar nicht entbehren Tann. Hinter folchen Einwänden verbirgt ſich daher nur die 
Befürchtung, daß das Aufgabengebiet des politifchen Parlaments durch Herauß- 
nahme ber Wirtfchaftsfragen fo zufammenfchrumpfen wird, daß fchließlich an feinen 
Erſatz auf anderem Wege gedacht werden könnte. Hinc illae lacrimae! 

Innerhalb ber Berufsftände felbft macht fich der Wiberftand gegen den berufß- 
ftändifchen Gedanken naturgemäß überall dort geltend, mo eine auf der parlamen- 
tarifhen Gedankenteihe fußende Organifation vorliegt, wie faft überall in der In— 
duftrie. Hier gruppieren fi die Produktionzfaltoren in die beiden Lager der 
Arbeitgeber und Arbeitnehmer; fie haben tatfächlich zur Zeit fait gleichen Einfluß, 
womit das induftrielle Syſtem der Arbeitögemeinfchaften dem Normalparlament ver» 
gleihbar wird. Weſentlich anders liegen die Verhältniffe in der LZandmirtfchaft. 
Der Berjud), fie nach dem Vorbilde der Induſtrie lediglich in die zwei Gruppen ber 
Arbeitgeber und Arbeitnehmer einzuteilen, bedeutet eine getwaltfame Verzerrung der 
Wirklichkeit. Die bei weitem größte und wichtigfte Gruppe find die im eigenen 
Familienbetrieb wirtjchaftenden Bauern, die weder Arbeitgeber: noch Arbeitnehmer: 
intereffen haben. Für die gejegliche Behandlung der LZandiwirtfchaft müßte baber 
mindeſtens die Aweiteilung durch eine Preiteilung in Großbetriebe (bzw. Arbeit- 
geber), bauerlicher Mittelftand und Arbeitnehmer erjegt merden, ein Grundfaß, 
nad) dem bereit8 alle neueren Entwürfe über landwirtſchaftliche Fachvertretungen 
verfahren. Daß aber eine Dreiteilung dem Zuftandelommen von brauchbaren Kom- 
promiffen und daher dem Parlamentarismus überhaupt abträglich ift, bemeilt Die 
Geſchichte, nicht zulett die des deutſchen Reichſtages und der Regierungsbildung 
bon 1920, mit der fih das parlamentarifche Syſtem erneut felbft abgeführt bat. 
Eine parlamentarifhe Organifation innerhalb des dreigeteilten Iandiwirtjchaftlichen 
Berufsftandes ift vollends undenkbar. Sie würde die Intereſſen ber Großbetriebe 
gegen bie der Klein» und Mittelbetriebe außzufpielen verfuhhen. Aber dieſe Inter⸗ 
eſſen find an ſich nicht gegenfätlihd. Im allgemeinen ift der größere Betrieb mehr 
auf die Getreideerzeugung, der Tleinere mehr auf die Viehmirtfchaft eingeitellt und 
beide ergänzen einander wie im organifchen Körper Zellen von verfchiedener Größe, 
Struktur und Beitimmung. Auch die Gegenfätlichkeit zwiichen Kapital und Lohn 
arbeit ift in der Landwirtſchaft geringer und kann — aller Tarifhändel ungeachtet — 
eine allgemeine Übernahme des parlamentarifchen Syſtems nicht rechtfertigen. Die 
Gemeinſamkeit aller produftiven Kräfte und der Sntereffen von groß und Ilein, 
von Arbeitgebern und Arbeitnehmern hat biß in unfere Zeit hinein ben Klaſſen⸗ 
fampf vom Lande ferngehalten. Wenn er jett ausbricht und ſchwere Opfer fordert, 
fo ift er von der Stadt aufs Land Hinaußgetragen worden. Das kann für Die 
Zandwirtinaft nur ein Grund fein, den parlamentarifchen Gedanken, ſoweit er 
überhaupt entbehrlich ift, zu verwerfen. Die Reichsarbeitsgemeinſchaft landwirt⸗ 
ichaftliher Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat diefen Standpunkt felbft infofern 
anerkannt, als fie fich für den Geſamtkomplex Iandwirtichaftlicher Berufsfragen nicht 
zuſtändig erflärte und ihre Tätigkeit auf Tariffragen beſchränkte. 

Aus der innigen Verknüpfung aller produftiven Faktoren der Landivirtichaft 
geht hervor, daß fie berufen und befähigt ijt, bet der Abwandlung ber parlamen⸗ 
tarifchen in die berufzftändifche Gedantenreihe eine führende Rolle zu ſpielen 
Befähigt auh infofern, als ber Landwirtöberuf, feiner großen Wieljeitigfeit 
ungeachtet, einheitlicher und weniger in Gingelberufe untergeteilt ift, als In— 


Der berufsftändifche Gedanke und die Landwirtfchaft 167 


duftrie und Handwerk. Hierzu kommt, daß er durch ben Kampf gegen bie Zwangs⸗ 
wirtjchaft einen Anftoß zu Innerer Feſtigung und zur Vereinheitlichung der Berujs- 
vertretung erhielt, wie er mwirkfamer kaum gedacht merden kann. Mit der Des 
hauptung, daß die deutſche Landmirtichaft bereits (oder noch?) berufsſtändiſch 
organifiert ift, ift Daher laum zuviel gejagt. Das Beltreben, die Organifation felbft 
immer mehr auf parteipolitijch neutralen Boden zu ftellen und ihr fo ben Charakter 
einer alle Berufsklaſſen umfaſſenden Gewerkſchaft zu verleihen, liegt ebenſo in der 
berufsftändifchen Gedankenreihe, wie die allſeits geforderte Einführung eines 
allgemeinen Iandwirtjchaftlichen Lehrzmanges und die Anerkennung des Grund» 
ſatzes, daß Landarbeit gelernte Arbeit if. Je mehr diefer Grundſatz fich durchſetzt, 
defto näher wird man dem Ziele fommen, baß der Landwirtsberuf durch feine 
Meifter vertreten wird. 

Auf dem Wege zu dieſem Ziele hat fih die Landwirtſchaft begreiflicherweije 
erbitterte Feindjchaft zugezogen. „Agrarifch”, „alldeutich“ und „Lonferbativ“ wurden 
in einen Topf getvorfen und mit dem Schmutzkübel der Verleumdung übergoflen. 
Die Folge hierunn mar ftändige Vergewaltigung ber Landmwirtichaft durch die 
Nationalverfammlung, die ſich bei ihrem Verfaſſungswerk gegen ein Auflommen des 
beruf3ftändifchen Gedanlens bartnädig gewehrt hat. Solche Widerftände wollen in 
unermüdlicher langjähriger Arbeit gebrochen werden und find, wie von jedem anderen 
Parlament, zmeifellog auch vom Neichdtag zu erwarten. Das wirkfamfte Gegen- 
mittel Tann daher mohl nur darin gejehen werden, den Reichstag fchon in feiner 
Zufammenfegung berufzftändifch zu beeinfluffen. SHterauf hatten in Sonderheit 
wirtichaftspolitifche Organiſationen der deutjchen Landwirtſchaft ihre Wahlarbeit in 
der Art eingeftellt, daß fie unter Ser Landbevölkerung für ihre „eigenen“, d. 1. 
berufsftändifchen Liſten warben, die fie „Landliften” oder „Liften der vereinigten 
Landwirte” nannten. Diefes Verfahren hat, mo e8 zur Anmendung gelangte, durch⸗ 
Ichlagenden Erfolg gezeitigt umd beweiſt damit in der Wählerfchaft u. a. auch cine 
gewiſſe Parteimüdigleit, die durchaus geeignet ift, dem berufsftändijchen Gedanken 
Schrittmacherbienfte zu Teiften. Wo dieſes Verfahren indeffen aus Mangel an 
Mitteln oder an Zeit zu feiner organifatorifchen Vorbereitung nicht angeivandt 
werden Tonnte, trafen die lanbwirtfchuftlichen Körperfchaften mit den bürgerlichen 
Parteien das Ablommen, daß die Parteien als Gegenwert für die ihnen geleiftete 
Wahlhilfe auf ihren Liſten Landmirten ausſichtsreiche Kandidaturen einräumten. 
Der Sefamterfolg aller diefer Beftrebungen waren 65 Landwirtsmandate zum 
Reichstag gegen 35 in der Nationalverfammlung. Dem Vernehmen nach befteht die 
Abſicht, diefe 65 Landmirte in einem Aktionsausſchuß zufammenzufaffen und für 
fie im Neichstage eine „Bauernlanzlei” einzurichten. Auf diefe Weife würde ihnen 
aud außerhalb der Parteilonferenzgen Gelegenheit zur Ausſprache über Berufg- 
fragen gegeben fein, die eine Stärkung des Zufammengehörigleitsgefühles erhoffen 
läßt und auch die in der Oppofition ftehenden Landwirtichaftsabgeordneten an der 
Agrargefeßgebung praktifch beteiligt. Hiermit wäre fchon im Reichstag, Der 
fünftigen Mutter der „Sammer der Arbeit“, der Keim zu einer berujsftändifchen 
Gruppe gelegt, und es fteht zu erwarten, daß die Landmirtichaft bei den Wahlen 
zu den Zandesparlamenten diefem Worbilde folgen wird. Sie geht damit den vers 
faffungsmäßigen Weg einer vertifal gerichteten berufsftändifchen Durchdringung 
unferer bisherigen parlamentarifchen Hortzontalfchichtung. 


188 D:» polni iſhe Nation ‚alitätenfrage 


—- —— — — — — — — — — —— 
— — — — 2* — a u — nn nn 


Die polniſche Kationalitätenfrage 


Don Gerichtsaffeffior Dr. Walter Shäßel, Berlin 


uch die auswärtige Politik folgt gewiſſen allgemeinen, wiſſen— 
» —“ erforihbaren Grundſätzen. Der Staat iſt in ſeinen 

Entſchließungen jo wenig frei wie der Einzelmenjch; nationale, 
wirtichaftliche, geographiiche und ſtrategiſche Rüdjichten weiſen 
\ ihm meift mehr oder weniger deutlich den Weg jeiner auswärtigen 
Politik. An die erjte Stelle gerüdt ift durch den Weltkrieg und die Friedens 
ſchlüſſe die ethnographiſche Frage. Nach der Idee der Ententeftaaten jollte der 
europäiiche Frieden aufgebaut werden auf dem Nationalitätenprinzip. Bei der 
nationalen Berrilfenheit Mittel- und Oſteuropas und der Bedeutung, die gerade 
bier die wirtjchaftlihen Bande zwischen den einzelnen Ländern haben, kann an 
der Richtigkeit und Durchführbarfeit diefer Fdee gezmweifelt werden. Die in den 
Barifer Friedensichlüffen umgebildeten und neugejchaffenen Staaten ſind 
fämtlich wirtſchaftliche Krüppel, die zu einem wirtſchaftlichen Eigenleben noch 
viel weniger befähigt find al3 die größeren Staatsgebilde der Borfriegszeit. 
Die Entwicklung geht jeit langem auf eine Vergrößerung der zu Klein gewordenen 
Wirtichaftseinheiten. Die Zollunionen in Stalien, Deutichland, Kanada, Auitra- 
lien und Südafrika kennzeichnen zulebt den Weg dieſer Entwidlung. Die Zwerg— 
gebilde der Friedensſchlüſſe ftellen demgegenüber jedenfalld einen Rüdjchritt 
dar. Und dies, ohne daß das jo laut verfündete Ziel des ftreng nationalen 
Aufbaus Europas auch nur annähernd erreicht wäre. Man kann ohne ÜÜber- 
treibung jagen, daß die neue ftaatliche Einteilung Europas viel größere nationale 
Bergemwaltigungen enthält al3 die alte. Für den Frieden Europas ergeben bieje 
nationalen und mirtichaftlihen Mängel die denkbar ſchlechteſten Ausfichten. 

Zu einem Gefahrpunft erjiter Ordnung droht der polniihe Staat 
zu werden, ber jedweder Gejchlofjenheit auf nationalem, wirtichaftlihem und 
geographiihem Gebiet entbehrt. Bekanntlich jehen die Ententeftaaten gerade 
in feiner Wiedererrichtung die - Wiedergutmachung eines jahrhundertealten 
Unrecht3. Dabei Üüberjehen fie allerdings mit Mbjicht, daß das alte Polen nichts 
weniger al3 ein Nationalſtaat, jondern ein reiner Territorialitaat war, in dem 
eine polnifche Minderheit über eine fremdſprachige Mehrheit eine nicht nur in 
nationaler Beziehung anfechtbare Gemwaltherrichaft ausübte. Im neuen Polen 
wird es anſcheinend nicht viel anders werden. Die GStatiftif gibt ung davon 
folgendes Bild’): 

Bom national-polnishen Standpunkt am günftigiten ſteht Kongreßpolen, 
da, wo von etwa 12 Millionen Einwohner etwas über 9 Millionen Polen find. 
Kmmerhin finden fich auch Hier Minderheiten von über 1% Million Juden, 
% Million Deutihe, % Million Rufen und Ufrainer, 4 Million Litauer. 
Bekannt ift, daß die Juden in manchen Städten meit über die Hälfte der Be- 








1) Die folgenden Zahlen babe ich in ber Mehrzahl dem Werke von Stanislaw Thugutt, 
Polka i Polacy, Warfchau 1915, entnommen. Sie haben fi), fomweit ich fie an anderen 
Statiftifen nachprüfen konnte, im großen und ganzen als zuverläffig erwiejen. Die Zahlen 
geben etwa ben Stand von 1909/10 wieder. 


Die polniſche Hationalitätenfrage 169 


— — 
— — —— 


vöfferung ausmachen, während das flache Land im allgemeinen ziemlich rein 
polnifche Bevölkerung zeigt. Warſchau zählt bei etwa 1 Million Gefamt- 
bevölferung über 320 000 Juden und 80 000 ſonſtige Fremdſprachige. In der 
zweitgrößten polnilchen Stadt Lodz, das nicht ganz 600 000 Einwohner zählt, 
bilden Deutjche und Juden die Mehrheit. Im ganzen liegen die Berhältnijje 
jedoch fo, daß die Polen in allen Teilen des Landes, von dem Nordteil von Su⸗ 
walfi und den an den Bug grenzenden füdöftlichen Landftrichen ab- 
geiehen, eine zwiſchen 60 und 80 v. H. ſchwankende Mehrheit bilden (in 
Gouvernement Kielce ſogar 88 v. H.). Die Minderheiten ſchwanken danach 
wilden % und !/; der Bevölkerung; indgefamt machen fie nicht ganz A der 
Bevölkerung aus. 

Weſentlich ungünftiger für die Polen liegen die Verhältniſſe bereits in 
Galizien, da3 bei etwa 8 Millionen Geſamtbevölkerung nur 4% Millionen 
Bolen, über 3 Millionen Ruthenen, faſt 1 Million Juden und 100 000 Deutiche 
zählt. Wirklich polnisch ift Hier nur Weſtgalizien bis zum San, wo über 90 v. 9. 
ber Bevölkerung dem polniiden Sprachſtamm angehören. Der größere ojt- 
galiziiche Teil weiſt unter feinen 5% Millionen Einwohnern jedoch nur etiva 
3 Millionen Polen auf! Lemberg und einige andere Städte find polniſche 
Spradjinjeln im rutheniichen Gebiet, mo das polnische Element überall in 
Der Minderheit ift. 

Schwerer laſſen fich die Zahlen für die preußiichen Teilgebiete Feftftelfen. 
BVenn wir bie Ergebniffe der Volkszählung von 1910 zugrunde legen, fo ergibt 
fich für den abgetretenen Teil des Regierungsbezirts Poſen ein Zahlenverhältnis 
von etwa 850 000 Polen zu 315 000 Deutichen, für den abgetretenen Teil von 
Bromberg 360 000 Polen zu 345000 Deutfhen, im Negierungsbezirf 
Marienmwerder 360 000 Polen zu 395 000 Deutſchen und in den Teilen des 
ehemaligen Regierungsbezirtd Danzig 195 000 Polen zu 126 000 PDeutichen, 
wenn wir zugunften der Polen ihnen die Kafjuben, welche ſprachlich eigentlich 
den Wenden näher ftehen, zurechnen. Bon den abgetretenen Gebieten hatten 
faft rein deutſchen Charakter namentlich die Städte Bromberg mit nur 18,9 0.9. 
polnifcher Bevölkerung und Graudenz mit 15 v. H. Polen; auch bie Landkreiſe 
beider Städte hatten über 60 v. H. deutſche Bevölkerung. Deutſche Mehrheiten 
hatten ferner namentlich roch die Städte Thorn und Kolmar. Bon einer pol- 
niihen Mehrheit in Weitpreußen Tonnte feine Rede fein, wie benn 3. B. aud) 
Wilſon in feinem Werke vom Staat?) anerfennt, daß ſich Friedrich) der Große 
bei den im übrigen von Wilſon verurteilten polnifchen Teilungen nur „bereits 
gänzlich germanifierte Gebiete” angeeignet hat. Wieweit fi) die Verhältniſſe 
ſeitdem verjchoben Haben, ift zahlenmäßig nicht feititellbar. Zweifellos ijt der 
deutiche Bevölferungäbeftandteil, namentlich in den Städten, durch die Ab- 
wanderung Deutſcher und die Zumanderung von Polen prozentual bedeutend 
ſchlechter geftellt worden; foweit er jedoch auf dem Lande bodenanfäjlig ift, 
dürfte die Abwanderung ſich in geringeren Grenzen gehalten haben. Gelbft bei 
einem Abzug von etwa 200 000 Deutichen würde ihre Zahl in den preußiichen 
Zeilgebieten immer noch an 1 Million betragen. 


2) Wilfon: Der Staat. Deutfche Überfehung von Thomas, 1913, ©. 222. 


170 Die polnifhe Nationalitätenfrage 


Noch ungünftiger wird das Ergebnis, wenn wir bie meiteren Gebiete 
hinzurechnen, die ber polnifche Imperialismus zweifellos begehrt. „Da find 
zunächſt die Abftimmungsgebiete. Weftpreußen und Oftpreußen haben jich bereits 
für Deutichland entichieden. Dieſe beiden Abftimmungsgebiete können daher 
außer Betracht bleiben. Anders ift es in Öberichlefien. Da jedoch dort der 
Abftimmungstermin noch in weiter Ferne liegt, die Abſtimmung ſelbſt auch nicht 
allein von nationalen Gefichtspuntten beherricht fein dürfte, jo mag auch dieſer 
mögliche Gebietszuwachs für Polen außer Betracht bleiben. Auf jeden Fall 
würde ber Erwerb irgendwelchen deutichen Abftimmungsgebietes dad Zahlen- 
verhältnis von Polen zu Nichtpolen im polniichen Staat nur verſchlechtern, 
ba in jedem einzelnen Fall auf dem fraglichen Gebiet mindeſtens 40 v. H. deutſche 
Bevöllerung mit übernommen werben müßte. Dagegen wird Polen ziemlich 
fiher auf die Angliederung eines Teiles von Oſterreichiſch⸗Schleſien rechnen 
Iönnen. In ber Bezirtshauptmannichaft Teichen ftehen 233 850 Polen nur 
115 604 Tihechen und 76 916 Deutiche gegenüber. 

Aktuell ift zur Zeit die Frage, welche Gebiete im Dften noch zum pol 
niihen Staate gehören werben. Das von manchen polnischen Jmperialiften 
verfolgte Ziel, die Grenze von 1772, was gleichbeteutend mit dem Erwerb 
von Litauen, ganz Weißrußland, Kurland, Livland, Woldynien, Bodolien, 
Boblefien und weiteren Teilen ber Ukraine bis nad) Kiew wäre, wird ja wohl 
fiher nicht erreicht werden. Es würbe den polniichen Volksſtamm in eine 
Dinderheit von 35—40 v. H. gegenüber einer fremdipradhigen Mehrheit 
bringen und wird nach offiziellen Ententeerflärungen auch bort nicht gebilligt. 
Mit dem Erwerb gemwiller Zeile diejer Gebiete muß jedoch gerechnet 
werden. Wo die endgültige Grenze gezogen wird, wird wohl erjt ber 
Ausgang des augenblidlihen polniſch⸗ruſſiſchen Krieges enticheiden. DaB 
Polen mit dem Erwerb folder Gebiete rechnet, folgt 3. B. aus bem polniſchen 
Staat3angehörigfeitägefet vom 20. Januar 1920, bas bereits von ben ehemals 
ruffiichen Gebieten außerhalb von Kongreßpolen fpricht, die zum polnischen 
Staat fommen. In Betracht kommen zunädft Teile de3 Gouvernements 
Grodno. Daß es ganz an Polen fällt, erſcheint unwahrjcheinlich, da damit dem 
Iitauifhen Staate ein großer Teil feines Gebietes und feiner Bevölkerung 
genommen wäre. Der Prozentjag polniicher Bevölkerung beträgt für das 
ganze Gouvernement Grodno berechnet au) nur 16 v. H. don annähernd 
2 Millionen Einwohnern, würde aljo bem polnifchen Staate neben % Million 
Polen auch 1?/; Million Nichtpolen bringen. In gewiſſen an Polen grenzenden 
Kreiſen ift der Prozentfag der Polen jedoch größer, und biefe werden jchon 
jegt von den Polen als ihr Eigentum betrachtet. Enticheiden wird barüber 
ber rulliiche Sieger mit oder ohne Einverftändnis der Entente. €3 find dies bie 
Kreile von Bialyftol, Bielst und Sokolsk, mo das BZahlenverhältnis ich 
folgendermaßen geftaltet: 


Einwohner davon Polen v. H. Polen 
Bialyitot . - - 2 2 2 2 0. 251 100 101 947 | 40,6 
Bill... 2 2220. 205 500 73 363 35,7 
Soll .. 2.2.2... = 129 700 45 784 35,3 


586300 22109 


Die polniſche Hationalitätenfrage 171 


Die Polen haben aljo in feinem Kreiſe die Mehrheit, trotzdem merben 
fie ihnen von anderen Staaten kaum ftreitig gemacht werden, da fich die Minder- 
heit aus Weißruſſen, Litauern und Juden zufammenjeht und fein Volksſtamm 
die abjolute Mehrheit befibt. Dagegen würden fie im Kreife von Grodno, wo 
von 243 700 Einwohnern 38 261 oder 15,7 0. 9. Polen Sind, auf den entichiedenen 
Widerſtand der Litauer ftoßen, die auf diefe Stadt auf feinen Fall verzichten 
wollen. Ebenfo fteht es im Gouvernement Wilna, wo von 2 Millionen Ein- 
wohnern zwar 500 000 Bolen find, auf das der litauifche Staat jedoch auf 
leinen Fall verzichten kann, ohne fich ſelbſt aufzugeben. Auch weiter öftlich 
finden fich noch Polen, jo im Gouvernement Mohilew an 60000 und im 
Goudernement Witesbk über 150 000, jedoch ift ber Prozentſatz jo gering (2,7 
und 8,6 v. H.), daß ernithafte Anſprüche auf diefe Gebiete kaum in Frage 
kommen lönnen. | 

Dagegen wird Polen folche vorausfichtlih an feiner Süboftgrenze er- 
heben und gegenüber der ohnmädhtigen Ukraine wohl auch 3. T. durchdrücken 
können. Es hanbelt fich Hier zunächſt um Wolhynien, das bei etwa 4 Millionen 
Einwohnern an 400 000 Polen zählt, weiter vielleicht no) um Podolien, wo 
von 3,8 Millionen Einwohnern noch etiva 330 000 polnisch fein follen. Weiter 
öftlich werden die Wunſche ber Bolen faum gehen lönnen. Das Gouvernement 
Kiew zählt zwar über 140 000 Bolen, boh macht dies nur 3 v. H. der Be⸗ 
völlerung aus. 

Fügen wir diefe Zahlen den oben feftgeftellten Ergebniljen Hinzu, jo ergibt 
ih in Prozenten: 


Umfang Einwohner Polen Deutfche Juden Ulrainer Tfchechen Litauer Polen 
Kongr.sBol,, u. Rufen 
Sal., Diſch.⸗ 24,— 1562 19 26 3,6 0,3 65,08 
Bolen 
mit Teichen 244 1584 2,- 26 36 0,1 0,3 64,92 


mit Bialyftof, : 

Bielst, Sokolsk 25,— 16,06 23— 27 37 01 05 6424 
mit Wolhynien 29,— 11,— 23,— 29 72 0,1 0,5 58,62 
mit Grodno | 


(Kreis) 2925 1 — 23— 29 72 01 06 5812 
mit Gouv.Grodno 30,5 17,1 2,— 31 793 0,1 1,4 56,07 
mit Podolien 343 74 23— 32 107 01 14 650,73 


mit Oberjchlef. 361 186 26 32 107 01 14 51,82 


Jeder Schritt weiter nad Dften muß die noch vorhandene polnijche 
Mehrheit unfehlbar in eine Minderheit verwandeln. Auch im national günftigften 
Falle wird der polnische Staat nicht ?/; Polen unter feiner Bevölkerung zählen. 
Nimmt man an, baß er etwa außer aus Kongreßpolen, Galizien und Deutſch⸗ 
polen aus Teichen, Bialyftot, Bielst und Sokolsk und Teilen von Wolhynien 
beftehen wird, fo wird die polniſche Bevölkerung nur rund 60 9. H. ausmachen 
und einer fremdſprachigen Minderheit von 40 v. H. gegenüberftehen. Je 
Härter der polnifche Staat entſprechend dem Wunſche polniſcher und franzö- 


172 Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


— 





ſiſcher Imperialiſten in territorialer Beziehung wird, um fo ungünftiger ge- 
falten jich die nationalen Verhältniſſe. 

Sch weiß nicht, ob diefe Zahlen und ihre Bedeutung den Staatsmänn 
der Entente wirklich voll zum Bemußtfein gelommen find. ebenfalls muß ein 
folder Staat, auf deſſen Gebiet jeder der Nachbarn — Deutichland, Litauen, 
Rußland, Ukraine — nad) dem Kiellenichen Ausdrud eine „Hypothel“ zu haben 
glaubt, den größten außen⸗ und innerpolitiihen Schwierigleiten entgegengehen. 





Aus Beheimberichten an den Grafen Hertling 
(1915—1917) 


Don Franz von Stodhammern, Minifterialdireftor im Reidisfinanzminifterium 
vl. 
Bern, den 2. Januar 1917 


Ich babe Gelegenheit gehabt, mich über den Eindrud zu informieren, den 
man in neutralen diplomatiichen Kreiſen von der Note der Entente hat. Es 
ſcheint, daß das neutrale Ausland ſich über die Vergeblichkeit des deutſchen 
Schrittes feine bejonderen Illuſionen gemacht Hatte, daß man aber über die 
Schroffheit des Tones der Note immerhin erftaunt if. Dan fieht mit begreif- 
licher Spannumg der Antwort entgegen, die Wilſon aus Paris erhalten werde. 
Es fehlt jelbftverftändlid an jedem Anhaltspunkt dafür, wie fie gehalten fein 
wird, doch wiegt die Befürchtung nor, daß fie, wenn auch in höflicher Form, eine 
Ablehnung darftellen wird. | 

Ich bin in diefem Zuſammenhang der Auffafjung begegnet, daß Deutjchland 
mit Herm dv. Bethmann-Hollweg jchwer zum Frieden gelangen wird, da feine 
Stellung durch die Ereigniffe der Tage vom 23. Juli bis etwa 5. Auguft 1914 
eine zu ſchwierige und belaftete fei. Die brüsfe Art, mit der die Note der 
Entente feine Außerungen zur Verletzung der belgifchen Neutralität und zur 
Bedeutung internationaler Verträge (chiffon de papier, Unterredung mit Gofchen) 
feftnagle, lafje e8 als unwahrſcheinlich erfcheinen, daß Herr v. Bethmann⸗Hollweg 
bei einer neuen Aktion mehr Glück haben werde. Die StaatSmänner Englands, 
Rußlands, Italiens, Frankreichs und Ofterreih-Ungarns, die in den Tagen bes 
Ausbruchs des Krieges im Amt geftanden, feien ſämtlich inzmifchen durch neue 
erjegt worden, und die Beharrlichkeit, mit der der deutſche Kanzler, aller in feiner 
Perfon liegenden Hinderniſſe ungeachtet, der Welt den Frieden geben zu können 
glaube, jei bemerkenswert. 


Bern, den 3. Januar 1917 
(Telegramm) Ich erfahre verläffig: Nah dem urſprünglichen Entwurf 
Briands follten in die Note der Entente außer Belgien auch das ferbiiche, 
montenegrinifche, polnifche und rumänifche Problem einbezogen werden. Da jedoch 
Rußland außerdem die Erwähnung von Stonftantinopel, umd Italien jene der 


Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 173 


„unerlöften Gebiete” beanfprucht habe, wodurch die Note einen ihre Wirkung 
gefährdenden Umfang erhalten hätte, ift man nad) längerem Meinungsaustaufch 
dazu gekommen, lediglich Belgien, und zwar mit bejonderer Betonumg, zu benennen. 
Hierfür ift in erfter Linie der Wunſch Londons maßgebend geweien, das erklärt 
bat, auf feierlicder Erwähnung Belgiens beitehen zu müſſen, nachdem England 
ausfchlieglich wegen der Verlegung der belgiichen Neutralität in den Konflikt 
eingetreten jei. Hierzu trat weiter die Erwägung, daß man Deutichland mit der 
Heraushebimg Belgiens am eheften die Türe für weitere Wiederanfnüpfungen 
verſchließen werde, da die erit jüngft in Außerungen deutfcher Parlamentarier 
über das belgiſche Problem zutage getretenen Meinungsverfchiedenheiten es der 
deutichen Regierung unmöglich machen würden, hinfichtlich Belgiens eine öffentliche 
Mare Antwort zu geben. Endlich war man überzeugt, daß eine Vorzugsbehand⸗ 
lung Belgiens durch die Note auf die Neutralen eine günftige Wirkung äußern 
werde. Wie mein Gewährsmann weiter bemerkt, feien auch binfichtlich des Tones 
der Note erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden gewefen. Rußland habe eine 
ſcharfe Polemik gegen den deutjchen Kanzler verlangt, gegen den man in Peters⸗ 
burg beſonders gereizt jei, Italien jeinerjeitS eine energiſche Betonung des uner- 
ſchütterlichen Durchhaltens bis zur Verwirklichung aller gemeinfamen Striegsziele 
gewünjcht. Schließlich fei jedoch die von mehr nüchternen Gefichtspunften diktierte 
Redaktion Briands durchgedrungen. 


Bern, den 8. Januar 1917. 

Daß Rußland rückſichtlich der Nedaktion der Ententeantwort für eine 
ihärfere Tonart war, ift mir inzwifchen auch von anderer, neutraler Seite beftätigt 
worden. Die Proflamation des Königreich Polen bat in Rußland fehr böfes 
Blut gemacht und befonders den Zaren erbittert. Wenn man jett rückſchauend 
die Ereignifje würdigt, jo kann man die Trage begreifen, die derzeit in Streifen 
der neutralen Diplomaten erörtert wird und die dahin geht, wie man in Wien - 
und Berlin babe daran denken können, dag Rußland, nachdem es von ben 
Zentralmädten am 5. November durch die Emanzipation Polens einen Rippen- 
ftoß derbfter Sorte erhalten hatte, im Rate der Entente ſich anders als in 
ſcharfer Oppofition zu etwaigen Tendenzen der Nachgiebigfeit ftellen werde. 

Die Lage ftellt fih an Hand der Kundgebungen der StaatSmänner und der 
Preſſe der Entente im Zuſammenhalt mit den Außerungen neutraler Diplomaten 
in Kürze dahin dar, daß in Frankreich ein geradezu diabolifher Haß, in England 
unerjchütterliche geſchäftliche Rihe und Berechnung und in Rußland perjönliche 
Erbitterng der maßgebenden Kreiſe die Entente zu neuer Stoßfraft zufammens 
gefchweißt haben und daß diefer Prozeß durch die Friedensaktion vom 
12. Dezember 1916 in unerwarteter Weife gefördert worden ift. 

Was allerdings Rußland anlangt, fo bildet die Anlage eine erwünfchte 
Beitätigung anderweitiger, aus dem Auslande nad der Schweiz gelangender 
Meldungen, nad) denen die inneren Berhältniffe Rußlands ſich tatfächlich ehr 
zufpigen, jodaß immerhin einige Ausficht beſteht, daß die Wirkung der Kampfer⸗ 
Iprige, die die Zentralmächte mit ihrer unglüdjeligen polnifhen Proflamation 
vom 5. November Rußland gegeben haben, nicht allzu lange dauern wird. 


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174 Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


Bern, den 13. Januar 1917. 

Der öſterreichiſch⸗ ungariſche Botfchafter Fürft Sch. ſteht fichtlich unter dem 
. Eindrudt, daß die heute morgen veröffentlichte Antwortnote der Entente an Wilſon 
die Brüden für weitere Verhandlungen zwiſchen den beiden Eriegführenden Mächte 
gruppen abgebrochen hat. Er hatte bereits geftern fidh über die Grundlinien der 
Note informieren können und beklagte die Publizität, die die ganze Friedens⸗ 
aktion nunmehr erhalten. Habe und die einer den üblichen Traditionen entiprechenden 
diplomatiſchen Anknüpfung den Weg nicht gerade erleichtert babe. Ich hörte 
weiter aus feinen Außerungen eine gewiſſe Bejorgnis über die fcharfe Tonart 
heraus, die die rechtsftehenden politifchen Kreiſe in Deutfchland neuerdings an⸗ 
ihlügen und die mehr oder minder auf Bunahme des Annerionismus in 
Deutſchland fchliegen ließe. Es ift dies eine Strömung, für die die maßgebenden 
Kreiſe Wiens nicht fehr viel übrig haben, was mir auch wiederholte Außerungen 
bon anderer öfterreichiicher Seite beitätigt haben. 

Auch Hinfichtlid der polnischen Frage ſprach fi der Botſchafter ſehr 
ſorgenvoll qus. Er hat ſich ſeinerzeit in einem von ihm einverlangten Memorandum 
gegen die Proklamation vom 5. November ausgeſprochen und beruft ſich nunmehr 
darauf, daß die von den Militärs erhoffte Wirkung, nämlich die Gewinnung eines 
ftarfen freiwilligen Heeres, nicht errreicht worden fei. Auf der anderen Seite 
babe die Proflamation Rußland volljtändig verprellt und Rußland ſei nımmehr 
innerhalb der Entente da8 tonangebende Element geworden, wenn e8 ſich darum 
handle, die Verbündeten bei der Stange zu halten. 

Die gleiche Anſchauung hat Graf 2., dem ich heute einen längeren Beſuch 
abitattete. Er bat ſich heute ausführlich Über diefen Punkt ausgeiproden und das 
Ergebnis aller ihm gewordenen Eindrüde und Informationen dahin zuſammen⸗ 
gefaßt, daß der Bar ſich. perfönlich durch die polnische Sache engagiert fühle und 
in einer geradezu rabiaten Stimmung gegen Deutſchland und Oſterreich fei. 


Zürich, den 19. Januar 1917 

Wie ein roter Faden zieht fich durch die mir zugelümmenen Synformationen 
über die Konferenz von Rom der Eindrud der Brutalität, den das Auftreten von 
Herrn Lloyd George auf alle Teilnehmer an den Verhandlungen gemacht Hat. 
Lloyd George fcheute fich nicht, ſelbſt Herrn Briand über den Mund zu fahren, 
bat fich aber diejen eitlen Mann dadurch gänzlich attadjiert, daß er ihm die 
Redaktion der legten großen Note der Entente an Wilfon und ihre feierliche 
Mbermittlung an den amerikanischen Botichafter übertrug und dadurd fein 
ſtaatsmänniſches Preſtige in den Augen Frankreichs Hob. Die Vorzugs⸗ 
ftellung, die Lloyd George Herm Briand einräumte, fchmeicdhelt, wie mein 
Gewährsmann betonte, dem franzöfiihen Nationalgefühl in außerordentlicher 
Weile, und es fei ein Beweis der überlegenen ſtaatsmänniſchen Klugheit des 
leitenden engliſchen Staatsmannes, daß er, um Herm Briand Binter den Kuliſſen 
um jo ficherer an die Leine zu bekommen, ihn in der Dffentlichkeit als den 
primus inter pares agieren ließe. Somnino hat fi). nach dem übereinftimmenden 
Urteil aller im Lichte einer unbeftreitbaren ſtaatsmänniſchen Mberlegenheit gezeigt, 
da er mit ebenfo erniten wie nüchternen Worten für die Aufftellung des Minimums 





ae 


Ans Geheimberichten an d.n Graͤſen Hertling 175 


eingetreten ſei. Seine Stimme, und damit die der Vernunft, fei angefichts der 
Gewalttätigkeit von Lloyd George nicht gehört worden. Lloyd George habe 
erklärt, man müſſe der deutichen Regierung gegenüber, die auf Frieden brenne, 
durh die Antwort an Wilfon nicht nur die Tür fchließen, fondern auch das 
Schlüffelloh verftopfen, da man von Berlin aus unfehlbar bei der Fleinften 
Stelle einhafen würde, die als Möglichkeit einer Friedensanktnüpfung gedeutet 
werden Tönne. | 


Luzern, den 24. Januar 1917. 

Wie Euer Erzellenz meinem Telegramm vom 22. d. M. bereit3 entnommen 
baben, ift man in Sreijen der Entente feljenfeft davon überzeugt, daß wir mirt- 
ſchaftlich nicht durchhalten können und daß die Ernährung der Bevölkerung bei 
den Bentralmädten ab März, jpäteftend April unüberſteiglichen Schwierigkeiten 
begegnen werde. In Paris liegen als fiher erachtete Nachrichten vor, daß die 
Zebensmittelverforgung Deutichlands im Frühjahr umüberfteiglichen Schwierig» 
teiten begegnen werde, die durch zunehmendes Inſiſtieren Ofterreich8 um Getreide 
und andere Nahrımgsftoffe erheblich vermehrt würden. Oſterreichs Verſorgung 
werde bejonders durch fchroffen Egoismus Ungarns erjchwert. Es find, wie mein 
mehrfah erwähnter neutraler Kollege wir eingehend auseinanderjette, Convois 
in Ausficht genommen, mächtige Flotten von Transportihiffen, die von der 
amerikaniſchen umd englilchen Flotte eskortiert würden. Ob und inwieweit unfere 
Unterjeeboote imftande find, den Kampf mit einer gatizen Flotte aufzunehmen, 
die durch alle Mittel der Technik gejchügt werden, ihren gefamten Beobachtung» 
und Abmwehrdienft Fonzentrieren und rückſichtslos ihr Ziel zu erreichen trachten 
wird, kann vom Nichtfachmann nicht beurteilt werden. Wenn'unfere Informationen 
ricstig find, jo würden das erſte Angriffsobjelt unferer Unterjeeboote die großen 
Getreidetransporte fein, die fich derzeit auf dem Weg nad) Gibraltar befinden 
und für Stalien beftimmt find, deſſen Getreidevorräte etwa Mitte Yebruar 
erihöpft fein werden. Sicher ift, daß der Unterjeebootkrieg die Berforgung der 
Ententeländer außerordentlich erſchweren und die Kriegsmüdigkeit der in Betracht 
tommenden Bevölkerung erheblich fteigern wird. Bon ausjchlaggebender Bedeutung 
wird fein, wie die neutralen Staaten fi) im alle einer Striegserflärung an uns 
verhalten. 

Ganz befonders müſſen wir alles vermeiden, was die an fich gute, aber 
immerbin jchon öfters gegen uns aufgeregte Stimmung ber Schweiz unnüß 
beichwören kann. Das Einfuhrverbot, da8 Deutjchland diefer Tage mit unnötiger 
Brutalität erlafjen hat, ohne den Bundesrat auch nur in Kenntnis zu ſetzen, tft 
nicht in der Linie einer folchen Politil. Wie der Abgeordnete Müller mir erzählte, 
bat der Herr Reichskanzler ihm letzthin perjönlich zugefichert, daß gegenliber der 
Schweiz in Zukunft alle nur erdenkbaren Rüdfichten geübt werden follten. Wie 
fih der neuefte Schritt Deutichlands mit diefer Zuficherung vereinbaren läßt, ift 
ſchwer einzuſehen. Die Einheitlichkeit der Gejhäftsführung in Berlin fcheint 
feine allzu große, wenn eine derartige, den Intentionen des verantwortlichen 
Reiter unferer Politik direkt widerftrebende Aktion gemacht werden kann. Wir 
werden viele Mühe Haben, die Sache wieder einzulenfen, nachdem fogar der 
heutige „Bund“ von „Schroffheit” des Vorgehens ſpricht. Wir haben nicht mehr 


176 | Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


viele Freundſchaften zu verlieren, und es ift umbegreifli, wie man in diejen 
Tagen eines vielleicht herannahenden großen Sturmes die Schweiz, die ſich immer 
außerordentlih anftändig gegen und benommen bat, verprellen kann. Diele 
Methoden erzeugen gegen und einen Haß im Auslande, von dem man fidh zu 
Haufe feinen Begriff macht, den aber der deutſche Kaufmann und Ingenieur wird 
büßen müſſen, wenn er nach dem Krieg wieder feine Gejchäftsbeziehungen ans 
nüpfen will und muß. 


Zürich, den 2. Februar 1917. 

Rücfichtlich des unterſeebootkrieges ſind die Würfel nunmehr gefallen. 
Ich habe im Bericht vom 19. November 1916 darauf hingewieſen, daß dieſe 
deutſche Maßnahme zunächſt lediglich die Wirkung haben wird, den Kampfgeiſt 
in England zu höchſter Entſchloſſenheit aufzupeitichen. Die Tommenden Monate 
werden lehren, ob dieje Aufrüttelung der nationalen Inſtinkte des engliſchen 
Volkes den Krieg in das Jahr 1918 hinaus verlängern twird, wie Kenner Eng. 
lands und der engliihen Pſyche annehmen, oder ob die Wirkungen unferer 
Unterjeebootaftion tatfächlich derartige fein werden, daß ſie den Krieg ver⸗ 
kürzen, wie man in Deutſchland glaubt. 


Luzern, den 10. Februar 1917 

Aus Wien habe ich von vier voneinander völlig unabhängigen, im 
allgemeinen aber aufgezeichnet unterrichteten Quellen gehört und durch die Mit⸗ 
teilungen des Monf. ©. beftätigt erhalten, daß das junge Sailerpaar auf 
Frieden brennt und daß dies der Entente nicht ganz unbefannt geblieben: ift. 
Wenn ich mir erlaubte, im Zuſammenhang mit diejer rein politiihen Frage die 
hohe Frau zu erwähnen, jo geſchah dies, weil nad) den übereinjtimmenden 
Außerungen aller, die dem jungen Kaiſer und feiner Gemahlin näberftehen, Die 
Raiferin gerade in ſolchen Tragen einen ftarfen Einfluß zu haben und außerdem 
beitrebt jcheint, ihn zu vermehren. Gelbftverftändlich ſoll mit diefer Meldung 
fein Zweifel an der Loyalität der öfterreichiih-ungarifhen Politik ausgeſprochen 
werden, aber es fcheint mir immerhin veranlagt, daß die deutiche Botſchaft in 
Wien jehr hellhörig bleibt und mit den geiltlichen Elementen, die zur Einfluß- 
Iphäre der Kaiſerin gehören, gute Verbindungen unterhält. Dies jcheint nun 
leider nicht der Fall zu fein, vielmehr Hat der neue Botichafter, Graf Wedel, 
bereit8 überall den Eindrud zu erweden verjtanden, daß er fih nicht nur aß 
Bertreter des deutichen Kaijers, ſondern auch ſehr als Proteftant fühlt, eine Ein- 
führung, die in Wien nicht gerade eine fehr glücliche genannt werden kann. Daß 
die ganze Botſchaft in Wien mit proteftantifchen Herren befett ift, ift ferner auch 
gerade fein Zeichen von Umſicht. Was bei englifchen Diplomaten, die ihr 
proteftantifches Kirchentum nicht als Erportartifel betrachten, gänzlich gleichgültig 
ift, fällt bei einer großen Zahl unferer Reichsdiplomaten fehr ins Gewicht. Es 
ift dies ein Punkt, über den der in diejen Fragen an fich gänzlich desintereffierte 
"Abgeordnete M. einmal eine ausführliche Vorftelung nad Berlin bat gelangen 
lafien. Ich glaube aber nicht, daß er damit einen großen Effekt erzielt hat 
Sicher iſt aber, daß man noch nicht Eonfeifionell engherzig zu fein braucht, wenn 
man findet, daß für Wien, das Zentrum eines katholiſchen Staates, in dem die 


.. —— ⏑ü⏑ — 


Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling 177 


Geiſtlichkeit einen gewiſſen Einfluß bat, eine ausgerechnet mit lauter Proteſtanten 
beſetzte Botſchaft nicht gerade den wünjchensiwerten Zuftund darftellt. 


Lugano, ben 17. Yebruar 1917. 

Ich barf vertranfich melden, daß ich neulich Gelegenheit hatte, mich über 
die in engftem Sreife ausgeſprochene Hausmeinung eines angejehenen öfter- 
reihifch-ungariichen Diplomaten zur Lage der Donaumonardhie zu informieren. 
Die Anſchauung diefes Herrn ftellt die formelle Belräftigung der und auch 
ſchon von anderer Seite zugegangenen Nachricht bar, daß das junge Kaiferpaar 
ben Frieden gerabezu erfehnt und daß bis in dieje allerhöchften Sphären hinauf 
der Bedankte mehr und mehr Pla greift: „Wir, Ofterreich-Ungarn, find bereit, 
Opfer zu bringen, um den Frieden zu ermöglichen: es müfjen aber auch bie 
anderen, die Deutfchen, Opfer bringen“, mobei unverhohlen Elſaß⸗Lothringen 
genannt wird, 

Diefe Stimmungsberidhte mehren fi) in zu euITatiger Weile, al3 daß 
man adtlo8 an ihnen vorübergehen dürfte. 

Die weitere Entwicklung unſeres Verhältniſſes zu Amerita wird in politi⸗ 
ſchen und diplomatiſchen Kreiſen von Bern, von wo ich komme, ziemlich peſſimi⸗ 
ſtiſch beurteilt, wobei nicht verhehlt wird, daß unſer verunglückter Verſuch, 
hintenherum wieder anzubandeln, nicht gerade den Anſchein von Stärke er- 
weckt hat. Was helfen Deutſchland alle Opfer, was alle Leiſtungen unſerer 
Armee, was alle Wundertaten unſerer Marine, wenn unſer politiſches Preſtige 
derart verkrümelt wird. Daß der Geſandte der Eidgenoſſenſchaft in Waſhington 
auf eigene Fauſt den Deus ex machina habe ſpielen und die Vermittlung zwiſchen 
bor dem Kriege ftehenden Großmächten habe in die Hand nehmen wollen, das 
glaubt im Auslande, auf deffen Urteil in Preftigefragen es fchließlich Hoch auch 
anlommt, niemand und auch in Deutfchland nur der durch weitere Nachrichten 
nicht beſchwerte Spießbürger. 


Zurich, den 23. Februar 1917 
Die Euer Erzellenz in meinem gehorfamften Bericht vom 15. Januar 1917 
unterbreitete Meldung, daß in politiichen Streifen Bernd das vorausfichtliche 
Ergebnis der engliichen Anleihe auf 50 Milliarden Franken geſchätzt wird, hat 
durch das inzwiſchen befanntgegebene Reſultat der Unleihe ihre volle Beftätigung 
gefunden. Dieje an ſich gewaltige Leiftung hat jedoch in Paris immerhin eine 
gewiffe Enttäufhung hervorgerufen. Die bisherigen Außerımgen der Preſſe 
lafien erfennen, daß man in den Streilen der Hodfinanz mehr Neugeld und 
weniger Konverfionstitel erwartet hatte. Immerhin bleibt beitehen, daß das 
engliihe Bolt binnen vier Wochen 50 Milliarden Franken aus den Taſchen 
gezogen bat, eine Tatſache, die der Propbetengabe deuticher Tyinanzautoritäten, 
die im Jahre 1915 unwiderſprochen für den Sommer 1916 den finanziellen und 
wirtichaftlihen Zufammenbrudy Englands proflamierten, ein nicht gerade glänzendes 

Zeugnis ausftellt. — — 

Luzern, den 20. März 1917 
Mber die politiſche Gefamtlage ift in diefen Tagen fi überftürgender 
Ereigniffe nichts zu melden, was nicht aus den Mitteilungen der Prefje erfichtlich 

Grenzboten II 1920 12 


178 Deutfche Ernährungswirtichaft 





wäre. Don Wichtigkeit ift Lediglich, daß fich neuerlich jene Stimmen mehren, die 
über eine zunehmende Kriegsmüdigkeit in Ofterreih-Ungarn zu berichten willen. 
Ich Habe diefer Tage jemand gejehen, der kürzlich im Auftrag der deutjchen 
Heeresleitung in Innsbruck beim dortigen Oberfommando gemejen iſt und bei 
diefer Gelegenheit nicht nur Offiziere, fondern aud Parlamentarier gejehen hat. 
Nach den Mitteilungen meines Gewährsmannes ift die Unluft am Kriege in 
Ofterreich-Ungarn eine allgemeine, die Bereitivilligkeit, auch unter Preisgabe von 
Territorium zu Ende zu kommen, eine zunehmende. Was ich Eurer Erzellenz in 
diefer Hinficht jüngft von der Stimmung in der Hofburg berichten durfte, findet 
durch die Mitteilungen meines Vertrauensmannes auch hinfichtlich politiiher und 
parlamentarifcher Kreiſe feine Beftätigung, wobei allerdings nicht überjehen werden 
darf, daß die parlamentarifchen Kreife fi) auf vorläufig noch unbeftimmbare Zeit 
auf ausſchließlich private und individuelle Meinungsäußerungen beſchränkt jehen, 
ein Zuftand, mit dem Oſterreich in der ganzen Welt allein fteht. Die Dreiftig- 
feit, die das ungarifhe Parlament von Zeit zu Zeit bekundet, vermag über dieje 
jammerbollen Berhältniffe nicht hinwegzutäuſchen. 

SUSORG 





Deutihe Ernährungswirtichaft 


Auf unfere Bitte Hin werden uns bon einer leitenden 
wirtfchaftlihen Organifationgjtele die nadjfolgenden, ſehr 
beachtenswerten Ausführungen zur Berfügung geitellt. 


En er NReichöminifter für Ernährung und Landwirtichaft, Dr. Hermes, 
Pen NG berichtete gelegentlih der Spaadebatte im Reichswirtichaftsrat, 
a daß augenblidlih in feinem Minijterium ein einbeitliher Plan 
> yF A für die Emährungswirtihaft des nächſten Jahres mit dem 
a befonderen Ziel eines Haren, konkreten Einfuhrprogramms aus- 
gearbeitet werde. Es wird fich aljo die öffentliche Diskuffion noch recht aus» 
giebig mit dem Ernährungsproblem zu beichäftigen haben. Am 5. Juli hatte 
bereit3 der Reichstag in der Debatte über die Brotverforgung im rheinifch- 
mweitfäliichen Induſtriegebiet und die fortgefettte Steigerung der Lebensmittelpreife 
den einzelnen Barteien Gelegenheit geboten, das Ernährungsproblem von den 
berjchiedenartigen politiichen Geſichtspunkten aus zu beleuchten. Gin gemifjes 
Streben nah jahliher Behandlung war nicht zu verfennen. Dieje wichtigfte 
Wirtihaftsfrage muß aus der Verflechtung in Parteiprogramme und partikulariſtiſche 
Agitation Herausgelöft werden. Es foll hier nicht der Verfuch gemacht werden, 
noch ein meitere8 neues Agrarprogramm aufzuftellen, fondern im Sinne der Aus» 
führungen des Staatsminifters von Schorlemer, Präfidenten des Deutfchen Land- 
wirtihaftsrats, die er am 24. Yuli d. %. im Reichswirtichaftsrat gegeben hat, 
die jachlihen Grundlagen des Ernährungsproblems darzuftellen. Bei der Fülle 
des Stofjs kann es fi) naturgemäß nur um die Herausarbeitung der wichtigiten 
Bujfammenhänge handeln. 






— — 


Deutfhe Ernährungswirtfcaft 179 


In Friedenszeiten konnte die deutſche Landwirtſchaft aus eigenen Erzeugniffen 
90 dv. H. des Bedarfs an pflanzliden Nahrungsſtoffen decken. Deutichlands 
Kartoffelproduftion war die größte von allen Ländern, und fein Buderrübens 
anbau gejtattete einen erheblichen Zudererport. Nur an Suttermitteln war ein 
großer TFehlbedarf. Die Einfuhr betrug etwa eine Milliarde Mark, Ein Drittel 
der Fleiſcherzeugung und die Hälfte der Mil ftammte direkt oder indirekt, durch 
Umſetzung von fetts und eiweißhaltigen Futtermitteln in inländifche Fleiſch⸗ und 
Mildprodufte, aus dem Ausland. Dazu kam die Einfuhr von Chilefalpeter und 
Bhosphorfäure. Im ganzen wurden nad) Friedenswährung für zwei Milliarden 
Mark Nährwerte bzw. Produftionsmittel zur Steigerung der landwirtſchaftlichen 
Erzeugung der deutſchen Volkswirtſchaft zugeführt. 

Zur Vorbereitung der Verhandlungen in Spaa ſind neue Zahlen zuſammen⸗ 
geſtellt worden, die ein ungefähres Bild der augenblicklichen Ernährungslage geben 
können. Die landwirtſchaftlich nutzbare Fläche iſt durch Abtretungen um 13,5 v. H. 
vermindert. (Die abgetretenen Gebiete waren ausgeſprochene Aberſchußgebiete, 
lieferten etwa Yıo bes Bedarfs an Brotgetreide und dedten zum größten Teil 
den ſüd⸗ umd weitdeutichen Bedarf an Saatgut. Daneben lieferten fie noch 
1917/18 über 100 000 Tonnen Buder.) 

Der Ertrag an Brotgetreide betrug im letzten Erntejahr 40 v. H., an 
Kartoffeln 50 v. H., an Rohzucker 60 v. H. des Friedensſtandes, wofür einer der 
Gründe die geringe Zufuhr an Düngemitteln war. Nur 35 v. H. der friedens⸗ 
üblichen Stidjtoffmenge konnte dem Boden zugeführt werden. Infolge der 
Abtretung von Erzgruben verloren wir 600 000 Tonnen Thomasphosphatmehl, 
fo daß im Jahre 1919 nur Ys des Friedensbedarfs an Phosphorjäure und mur 
2/, an Stidftoff vorhanden war. Die Einfuhr an Sraftfutter ſank bis auf Yıo 
des Friedensbedarfs. Diefer Rückgang bedeutete vor allem einen Berluft von 
etwa 15,4 Milliarden Liter Mil. Dan bat in Triedenszeiten auf den Kopf 
der Bevölkerung rund 2900 Kalorien gerechnet. Hiervon kann unter den augen 
blicklichen Verhältniffen die deutſche Landmwirtichaft hoch gerechnet 1650 Kalorien 
liefern. Erforderlich war deshalb ein Zuſchuß von 9 Millionen Tonnen Nahrungs⸗ 
und Suttermitteln, zu deren Beichaffung das Reid) von Juli 1919 bis Juni 1920 
faft 10 Milliarden zufchießen mußte. 

Staatsminifter von Schorlemer hat in feiner bereit8 erwähnten Rede darauf 
hingewieſen, daß jelbft bei geordneten Verhältniffen die Ernährung des deutichen 
Bolkes in den nächſten Jahren nicht fo fehnell wieder gebeffert werden fann, daß 
berechtigte Klagen in diefer Beziehung nicht mehr erhoben werden könnten; denn 
die Rebensmittelverforgung-Deutichlands ift kein inländijches, fondern ein europäiſches 
Problem. Wir haben in den Jahren 1905—10 durchſchnittlich auf dem Weltmarkt 
18 Millionen Tonnen Brotgetreide gehandelt, davon 17 Millionen Tonnen Weizen. 
Davon find unter anderem von Rußland 4; Millionen Tonnen geliefert worden, 
von Aumänien 1, Millionen, von Bulgarien 1/s Million. 34 v. 9. des Welt- 
bedarfs ſtammte alfo aus Ländern, die augenblidlich infolge ſtark verminderten 
Anbaus, was befonders Rußland angeht, als berichußgebiete jehr viel, weniger 
in Frage kommen. Wie aus den Allgemeinen Wochenberichten der Preisberichts 
ftele des deutichen Landwirtſchaftsrats hervorgeht, wird Nordamerika und Kanada, 
ebenfo Argentinien einen bedeutenden Weizenüberjchuß liefern Tönnen. Wie weit 

12* 


180 Dentfge Ernährungswirtfchaft 


aber diefe Mberihüfie der europäiſchen Wirtſchaft zugeführt werden, ift zum Teil 
eine Verkehrsfrage. In dem beiten nordamerlfanifchen Weizengebiet, in Kanſas, 
liegen noch Heute die Ernteüberſchüſſe des vorigen Jahres, weil die verfahrene 
Verkehrslage in den Vereinigten Staaten die Abfuhr nicht geftattete. Hinzu 
tommen die ungeheuerlichen Schiffsfrachten, fo daß das verarmte Europa nur zum 
Teil in der Lage fein wird, fich diefe Mberfchüffe zugute kommen zu laſſen. Ganz 
abgejehen davon, daß ſich der Eigenbedarf Amerikas ſehr fteigert und man nad 
früberem Mufter in den Pereinigten Staaten vielleicht das Brotgetreibe bei 
unglinftiger Preislage lieber and Vieh verfüttert. 

Was nun Deutichland felbit betrifft, jo ftellt der lebte Saatenftandsberidt 
für Roggen eine Normalernte, für Winterweizen und Wintergerfte eine gute 
Mittelernte in Ausfiht. Dasjelbe dürfte für die Kartoffeln gelten, deren Anbaus 
fläche außerdem gegenüber dem Vorjahre um 20 v. H. zugenommen hat. Es darf 
nicht unerwähnt bleiben, daß ein bedeutender Sachverſtändiger, wie Dr. Störmer, 
die Ernteausfichten erheblich jchlechter einſchätzt. („Deutiche Tageszeitung” Nr. 358.) 

Die Lage der Viehverforgung war in einer gewiſſen Beſſerung begriffen, 
die augenblidlih durch die. von Süddeutſchland ausgehende Maul- und Klauen: 
feuche ftark gefährdet wird. Der Beitand an Schweinen dürfte rein zahlenmäßig 
die Friedenshöhe erreicht haben, für Rinder gilt dies nur für einzelne füddeutjche 
Gebiete und Oldenburg. 

Ein ſehr wefentliher Mißſtand ift die De der Budererzeugung. Wenn 
auch die Anbaufläche gegenüber dem Vorjahre um etwa 10 dv. H. zugenommen 
bat und die Emteausfichten günftige find, jo geht leider Deutſchland ohne Zucker⸗ 
borräte ins neue Wirtichaftsjahr, jo daß auf einen erheblichen Ausfuhrüberichuß 
nicht gehofft werden kann. (Wir führten vor dem Kriege etwa eine Million 
Tormen aus, was nad heutigem Werte etwa 18 Millierden Mark betragen würde, 
womit wir den geſamten Reihszufhuß für Getr: _nfuhr ſelbſt bei den 
ungünftigen Ernteverhältniſſen hätten deden Fünnen.) 

Im engiten Zuſammenhang mit der Buderproduftion fteht die Yrage der 
Futtermittel und des Tünftlichen Dünger. Eines greift in das andere über. 
Wir haben feine ausreichende Viehverjorgung, weil uns die Yuttermittel fehlen, 
wir haben feinen Anbau hochwertiger Futtermittel, weil der Dünger fehlt, und 
fünnen vor allem deshalb nicht Zuderrüben anbauen, die auf ein und derfelben 
Unbauflähe einen hohen Erportwert liefern und gleichzeitig fo viel Futterwert 
erzeugen, als ob neben ihnen nocd Futter oder Getreide angebaut wäre. Der 
Ernährungsminiſter hat deshalb in der Spaadebatte die Einfuhr von Rohphos—⸗ 
phaten für die Düngung und Futtermittel als werbende Einfuhr neben die Einfuhr 
bon reinen Xebensmitteln in den Vordergrund gerüdt. Die Ummandlung von 
verhältnismäßig billigeren Hufsstoffen in hochwertige Nährwerte ift ſchon vor dem 
Kriege eine der weſentlichſten Leiftungen der deutichen Landwirtſchaft geweſen. 

Man hat berechnet, daß es bei „Aufrechterhaltung des Nahrungsitandes 
bor dem Kriege und bei Fortdauer der bisherigen Bevölferungsvermehrung mit Hilfe 
der heute verfügbaren techniihen Hilfsmittel ohne erhebliche Steigerung der 
Seoften möglich fein würde, den gefamten Nahrungsmittelbedarf der deutichen 
Bevölkerung im Laufe der nächften 30 Jahre im Inlande zu’ deden.” (Sering.) 


Deutfche Ernährungswirtfchaft 18 1 


Die Steigerung der landwirtichaftlichen Produktion um jeden Preis gehörte 
Ihon im März 1919 zu den Programmpunkten des preußiichen Landiwirtichafts- 
minifter8 und wurde auch in den Siedlungsdebatten immer wieder von allen 
Seiten betont. Doc ift feit den Novembertagen 1918 in bezug auf die land» 
wirtichaftlihe Produktion fo viel gefündigt worden, daß die ſich aus der Striegs- 
wirtfchaft naturnotwendig ergebenden, umbeilvollen Folgen noch für lange Zeit zu 
jpüren fein werden. Es fol hier nicht von neuem der faft nur politifch geführte 
Kampf um die Zwangswirtſchaft aufgerollt werden. Wir begnügen uns mit der 
Feſtſtellung tatfächlicher Ergebniffe und mit dem bereits im Gange befindlichen 
Berſuch zur Neuordnung der Emährungswirtihaft. Wenn wir uns die anfangs 
mitgeteilten Zahlen der geminderten landwirtſchaftlichen Leiftungsfähigkeit vers 
gegenwärtigen, jo darf nicht vergefjen werden, daß fie das Ergebnis einer gewalt⸗ 
famen Einſchnürung find, und daß heute noch unfere Induſtrie nicht in der Lage 
it, den Einfuhrbedarf mit ihren Erzeugniffen zu deden, daß die werbende Einfuhr 
von Iandwirtichaftlichen Produktionsmitteln auf Ausnahmemaßnahmen angemwiejen 
ift, wie fie nach den Erklärungen des Ernährungsminifters nur auf den in Span 
bon der Entente veriprochenen Krediten, auf den 5:Markt-Goldprämten, zum 
Heinen Teil auch auf unferer eigenen Devife aufgebaut werden Fönnen. 

Anders Liegen die Verhältniffe in bezug auf die Produktionsmittel, ſoweit 
die Landwirtichaft fie vom inländifchen Markte beziehen kann. Die Preife für 
Kali und Stidftoff md fo geitiegen und die Fracht auf weitere Entfernung ift 
fo teuer, daß zahlveihe Iandwirtichaftliche Betriebe, ſogar die größeren, nicht 
mehr in der Lage waren, den nötigen Stunftdünger zu beziehen. „Hundert 
Doppelzentner 12 prozentiger Kainit Eofteten 1914 120 Mark, fie often augen» 
blidlih 720 Mark, das ift das 6fache des Friedenspreiſes. Die Fracht für dieſe 
100 Doppelzentner in einer Entfernung bon 700 bi8 800 Kilometer betrug vor dem 
Kriege 76,80 Mark, dog, Yärtig 669,80 Mark, alſo iſt die Fracht ungefähr ſo 
hoch, wie der Preis des Produktes.” (v. Schorlemer im Reichswirtſchaftsrat.) 
Der bayerifche Abgeordnete Dr. Sclittenbauer berichtete im Landtage, daß ein 
Waggon Stidftoff augenblidlich foviel Eoftet, wie im Frieden ein ganzer Bauerns 
hof mit 6 bis 7 Rindern. Er felbft habe einen Waggon zurüdgehen laffen, weil 
er für diefen Waggon die ganze Ernte an Weizen, Roggen, Gerfte und Hafer 
hätte hergeben müflen, um nur den Preis für den Kunſtdünger herauszufchlagen. 
Auf die Preisfteigerung der Übrigen Produktionsfaktoren, Saatgut, Futtermittel 
Brennftoffe, Löhne, Gehälter und Gebäudenterhaltung, Maſchinen, Geräte uſw. 
Tann bier nicht näher eingegangen werden. Allein in der Beit vom 1. Januar 
bis 1. uni 1920 Stiegen die Produktionskoſten um 69,24 dv. H., und zwar haupt- 
fählih vom 1. März bis 1. April durch die ſtarke Erhöhung der Preije fü ? 
künftlihen Dünger und durch die gefteigerten Urbeitslöhne. Nachdem man in der 
im Gmährungsminifterium eingefeßten Snderfommilfion auf Grund forgfältiger 
Berechnungen von Sachverſtändigen die Mehrkoften feftgeftellt hatte, wurden vom 
Ernährungsminifter die neuen Höchſtpreiſe feitgejegt, die nunmehr der Landwirts 
ſchaft die Möglichkeit geben follten, für das kommende Emtejahr ihre Produktions» 
mittel zu ergänzen. Die Preisfeftiegung wird aber nur dann genügen können, 
wenn bon einer weiteren Tohnfteigerung umd Herauffegung der Preife für die 
inländifhen Produftionsmittel abgejehen werden kann. Die Belieferungsmöglich- 


182 Deutfche Ernährungswirtfchaft 


feit mit Düngemitteln ift augenblidlich eine günftige, die Verkehrslage muß aber 
jehr bald ausgenugt werden. Die Iandwirtiaftliden Organijationen bemühen 
fih, ihre Mitglieder zur rechtzeitigen Bedarfsdedung zu veranlaffen. Eine 
Herabfekung der Preile des vom Reiche gelieferten Stickſtoffes wäre außerdem 
noch zu eripägen, zumal e8 bet gefteigerter Produktion gelingen könnte, einen 
Teil nad dem Uuslande zu’ günftigem Preiſe abzugeben und damit die Inlands⸗ 
preife zu verbilligen. 

Es ift von verjchiedenen maßgebenden Stellen, nicht zulett von dem bayeriichen 
Bauernführer Dr. Heim, darauf Hingewiefen worden, daß die Aufhebung der 
Biwangswirtihaft nicht das Allbeilmittel zur Beſſerung unjerer Ernährungslage 
fein kann. Der Präfident des Neichswirtichaftsrats, Edler von Braun, der jelbit 
zur Gruppe Landwirtfgaft gehört, hat in einem in der „Deutſchen Nation” vers 
Öffentlichten Auffake von den Trümmern der Zwangswirtſchaft gejprochen, bie in 
ihrer jetzigen Berfahrenheit nur noch Schaden ftiftet und feinem Volksteil außer 
dem Sciebertum nügt, aus der wir herausmüſſen, aber nicht ins völlig freie 
Spiel der Kräfte, das ſich in einer unter den Daumenſchrauben des Friedens von 
Berjailles ächzenden Volkswirtſchaft nicht entfalten kann, ſondern in eine Plan» 
wirtichaft, die freilich nicht der Kompliziertheit des Möllendorffihen Syftems 
bedarf. Kein Zweig der Volkswirtſchaft hat die in Muinen liegende Wirtſchafts⸗ 
diftatur ſchwerer empfunden, als die Landwirtſchaft. Trotzdem wird, wie 
Dfonomierat Keifer vom Preußiſchen Landesökonomiekollegium bejonders betont, 
im Intereſſe einer Tontinuierlihden Volksernährung niemand einer plötzlichen Auf: 
bebimg der Zwangswirtſchaft zuftimmen können. Hier find Übergangsmaßnahmen 
erforderlich, und zwar in einer Form, wie fie ſchon längft von feiten der Land» 
wirtſchaft vorgeichlagen worden find und um deren verſuchsweiſe Anbahnung fie 
ſelbſt fich ehrlich bemüht. Das Syſtem der direkten Vieferungsverträge, verbunden 
mit einer bejchränften Umlagepflicht, war 3.38. für die SKartoffellieferung vor⸗ 
geſehen, doch Haben fich Hier in letter Zeit unerwartete Schwierigkeiten von feiten 
des deutſchen Städtetages als Vertreters der Verbraucherichaft ergeben. Den 
ſtommunen war das finanzielle Rifito zu hoch und das Neich wird wiederum mit 
einer gewifjen Vorratswirtſchaft tngrerjen mũſſen. Die letten Enticheidungen 
ſtehen noch aus. 
| Im übrigen ergeben fich die nächſten Maßnahmen auf dem Gebiet der Er: 
nährungswirtſchaft aus den fürzlich gefaßten Beichlüffen der deutſchen Ernährungs 
minifter. Wir werden binfichtlic) des Brotgetreides die ftraffe Zwangswirtſchaft 
behalten, das Reich und auch die Länder werben fo mit Vorräten ausgeftattet 
werden, daß fie nicht gerade immer bei ungünftiger Preislage als Käufer auf 
dem Weltmarkt auftreten müſſen. Die Zwangsbewirtſchaftung für Fleiſch wird 

“m Laufe des Herbftes aufgehoben werben. Schon heute find Vorbereitungen dafür 
im Gange, daß ſich die Hauptverbraucher, alfo die größeren Städte und die Länd- 
lichen Gemeinden der Induſtriebezirke, durch direkte Lieferungsverträge mit den 
Produzentenorganifationen mit Schweinefleifch eindeden können. Eine Verbeſſerung 
der Fleifchverforgung wird allerdings für Tängere Zeit auf teuere Einfuhr von 
Zuttermitteln angemiefen fein. Es Tiegt im beiderjeitigen Intereſſe, daß nicht das 
noch viel teurere Auslandsfleifch bezogen werden muß, ſondern daß auch Hier die 
Landwirtfchaft durch rechtzeitige Sicherftellumg ihres Abſatzes bei relativ günftigen 


eg 1,5 


* — 
= — 5 


Reichs{piegel 183 


Preisausfichten den Anreiz erhält, die mit Hilfe ihrer großen Organifationen 
beichafften, immer noch billigeren Futtermittel in hochwertige menſchliche Nahrung 
umzuwandeln. 

Bon einer Kritik des augenblidlichen Ernährungsplanes, ſoweit er bon 
feiten der Emährungsminifter aufgeftellt ift, fol abgefehen werden, nur bedarf 
es zum Schluß des Hinweiſes, daß wir ſchon einmal eine unglüdlidhe Erfahrung 
mit der willlürlihen Durchbrechung der Zwangswirtſchaft gemacht haben, als 
man den Hafer freigab und dann die durch Drufchverbot und andere Negierungs- 
maßnahmen immer höher gejteigerten Haferpreije einen Zeil der Landwirte veranlaßten, 
den Hafer zu verkaufen und das in der Zmangsbewirtihaftung zurüdgebliebene 
Brotgetreide zu verfüttern. Nur bei Aufrechterhaltung wirklich Tohnender Getreide: 
preile wird es in Zukunft möglich fein, nad Aufgabe der Fleiſchbewirtſchaftung 
die Einjchräntung der Getreideanbaufläche zu gunften eines übertriebenen Anbaues 
von Kartoffeln und Yuttermitteln zu verhindern. Dem Reichgernährungsminiiter 
wird von jeiten der Landwirtichaft bis jetzt großes Vertrauen entgegengebradjt 
und die führenden deutſchen Landwirte haben heute im Neichswirtichaftsrat die 
Möglichkeit, eine jachlihe Behandlung ihrer Forderungen in enger Fühlungnahme 
mit den übrigen Wirtichaftskreifen zu erreichen, fo daß zu hoffen ift, daß Die 
offizielle deutfche Ernährungsmwirtichaft in Zukunft nicht wieder in die beliebte 
Sonfumentenpolitit zurüdfällt, die fih ihre Maßnahmen von Drohungen und 
Augenblidsforderungen einzelner Gruppen diktieren ließ. 





Aeichsipiegel 


Der wirtſchaftliche Zuſammenbruch Deutſchlands. Am 23. Juli 1920 hat 
auf Grund einer Anregung, bie die Schriftleitung der „Grenzboten“ in Verbindung 
mit dem Herausgeber der „Europäifchen Staats- und Wirtſchaftszeitung“, dem 
Chefredakteur der „Deutichen Allgemeinen Zeitung” und dem Berliner Vertreter der 
„Kölnifchen Zeitung“ gab, eine Aussprache zwiſchen den wirtſchaftlichen Sad) 
verftändigen und Mertretern der öffentlihen Meinung ftattgefunden. Die Aus: 
führungen des Herrn Hugo Stinnes waren derartig bedeutfam, daß es, wie bereits in 
Heft 30 angefündigt, nötig ift, fie im Zufammenhange wiederzugeben, da die Tages= 
preife naturgemäß nur Bruchftüde aa konnte. 


Herr Hugo Stinnes führte aus 

Die letzten Kohlenlieferungen an die Entente in den Monaten Mai⸗Juni be⸗ 
liefen ſich auf etwa 44 000 Tonnen täglich. Die Förderung war im vorigen Jahre, 
als ſich die Kohlennot mit ganzer Schärfe fühlbar machte, im Ruhrrevier allmählich 
durch den Zuzug von Bergleuten von 218 000 Tonnen auf 245 000 Tonnen ge⸗ 
ſtiegen und wurde dann durch das Überfchichtablommen im Februar auf 
285 000 Tonnen täglich geſteigert. Es gab auch kleine Rückſchläge, jo 3. B. im 
März. Das Abkommen von Spa koſtet uns täglich 80 000 Tonnen, fo daB base 
jenige, was Deutjchland für feinen eigenen Bedarf bleibt, etma 205 000 Tonnen 
beträgt, aljo rund 13000 Tonnen N iſt als dasjenige, was uns im vorigen 
Jahre zur Verfügung ſtand. Damals, als wir 213 000 Tonnen verteilen konnten, 
hatten wir ſchon infolge des Kohlenmangels einſchließlich 3 100 nicht Demobili⸗ 
fierten zwei Millionen Arbeitsloſe und wenn wir j jest noch über 10000 Tonnen 
weniger — können, ſo muß die Zahl der Arbeitsloſen entſprechend ſteigen. 


184 Reichsfpiegel 


Dabei ift zu bedenken, daß wir im vorigen Jahre auch noch gewille Warenrejerven 
hatten, faſt keine Kohlen für die Seeſchiffahrt brauchten; heute aber braucht letztere 
ebenſo wie die Textilinduſtrie dringend Kohlen, um allmählich wieder in Betrieb 
zu fommen. Der Bedarf iſt alfo geſtiegen, das Angebot vermindert. Wenn ich an⸗ 
nehme, daß eine Tonne Kohlen im neutralen Ausland etwa 1200 A Wert hat, und 
die aus ihr produzierte Ware durchſchnittlich das Zmeieinhalbfache, wenn ich alfo 
annehme, daß durch den Ausfall von 900 000 Tonnen Kohlen ein Warenausfall von 
3000 AM x 900.000 entiteht, fo bedeutet das für und einen monatlichen Waren- 
ausfall von 2,7 Milliarden, alfo ungefähr die Hälfte unferer gegenmärtigen Auß- 
fuhr, die fich, nachdem dag Kohlenablommen getroffen war, dank der Mehrförderung 
ſeit Februar bis Mai d. J. auf 4,5 bis 5,5 Milliarden monatlich geftellt Hat. Das, 
was übrig bleibt, wird nicht im entfernteften ausreichen, um die fehlenden Lebens 
mittel, Rohſtoffe und fonitigen Unentbehrlichleiten zu deden. Unſerer Induſtrie 
werden, da von der Inlandsförderung von rund 10 bis 10,5 Millionen Tonnen für 
gewiſſe Exporte, für Gasanftalten, Eifenbahnen, GSleftrizitätsiwerfe ufm. über die 
Hälfte abgeht, nur etwa 4,9 Millionen Tonnen zur Verfügung ftehen, vielleicht 
auch nur 3,9 Millionen Tonnen. Im borigen Winter ift, nad} den Ziffern von 1913 
zu rechnen, infolge von Verkehrsſtörungen die Belieferung und Verſorgung der 
deutſchen kan mit Kohlen auf 54 Prozent zurüdgegangen. Diefer Rüdgang 
wurde damals ſchon ala eine Sataftrophe fondergleichen empfunden, und diefe Er: 
wägungen haben die Sachverſtändigen in Spa auch veranlaßt, nicht immer wieder 
Nachgiebigkeit zu zeigen, fondern big zuletzt hinſichtlich der Unterzeichnung des 
Lieferungsvertrages die deutſchen Intereſſen zu mahren. 

Es darf nicht überfehen werden, daß auch die Verforgung Frankreichs und 

u. mit Kohle fehr ernft, ja geradezu unbaltbar fchlecht if. Aber man muß 

den großen Unterjchied feſtſtellen, daß bei uns die Mehrproduktion dazu dient, die 
Kohlenförderung nicht bloß im Gang zu halten, ſondern vor allen Dingen 
weiter zu entwickeln, damit dieſe Zuſtände eine Verbeſſerung in Deutſchland und 
ſomit auch in Europa erfahren können. England hatte einen Ausfall an Export von 
Kohlen von etwa 70 Millionen Tonnen. Diefer Augfall beträgt fogar neuerdings 
120 Millionen Tonnen. In Amerika herrſcht ebenfalls eine fo große Kohlennot, 
daß in abfehbarer Zeit mit einem Kohlenausfuhrverbot zu rechnen iſt. Won Amerika 
kann Europa daher feine Hilfe erwarten. Amerika befindet fich heute in einem Zu- 
ftande größter Kohlen- und Transportlalamität, und die Verhältniffe auf dem ameri- 
tanifchen Kohlenmarkt find Tataftrophal geworden. Man braucht nur die Preiſe für 
amerifanifche Ausfuhrlohle zu betrachten, die auf 20 Dollar pro Tonne geftiegen 
find gegen 7 bis 8 Dollar vor etwa 3 bis 4 Monaten. 

Nun hat es fchließlich Leinen Zweck, bei all diefen ragen nad) der Schuld 
zu ſuchen. Das Kohlenabkommen ift geſchloſſen worden, und man wird ſich vor 
allem vor Augen halten müſſen, was in der Kohlenfrage geſchehen kann und Hr 
um aus Diefer Situation nach) Möglichkeit anjtändig herauszukommen. Ich habe big 
zulegt den Standpunkt vertreten, daß man nicht Zufagen machen follte, Die man 
nicht halten Tann. Es iſt meines Erachtens kaum möglich, daß wir die Kohlen 
lieferungen in der verlangten Form durchführen können, und ich glaube, daß im 
November Diefes Jahres unter weit fchwierigeren Winterverhältniffen, die die Er⸗ 
fülung der übernommenen Verpflichtungen erfchweren, die Trage der Kohlen⸗ 
Iteferung unb die des Einrückens ing Ruhrrevier alut werden wird. Für die beutfche 
Vollkswirtſchaft iſt das Kohlenabkommen unerträglich; die deutſche Kohleninduſtrie 
iſt dabei erſt in letzter Linie leidtragend. Es iſt in Ententekreiſen geſagt worden, 
daß bei einer Beſetzung des Ruhrreviers noch mehr als zwei Millionen Tonnen 
Kohle für die Entente freigemacht werden könnten. Das dürfte allerdings transport⸗ 
techniſch unmöglich ſein. Es iſt ſchon in Spa bezweifelt worden, daß zwei Millionen 
Tonnen überhaupt an die Entente abgeliefert werden konnten, daß aber gar eine 
andere Ziffer in Frage käme, iſt gänzlich ausgeſchloſſen. Viele Sachverſtändige, 
auch Sachverftändige des Kohienſhnditais find derſelben Meinung. . 

Es gibt nur ein Mittel zur Verbeſſerung unferer Situation unb bas Liegt in 


Reichsipiegel 185 


einer regelmäßigen Überfchichtarbeit und vor allen Dingen in der Steigerung ber 
Förderung und Erleichterung bes Abtransports durch Verteilung der Überſchichten 
auf die einzelnen Tage; nicht minder aber auch in der Vermehrung der Bergarbeiter, 
d. h. in der umfaſſenden Erſtellung von neuen Wohnungen. Ich hatte ſchon im 
vorigen Jahre vorgeſchlagen, mit allen Kräften an die Siedelung in den Bergbau⸗ 
bezirfen für Steintohle und Braunkohle heranzugehen. Im ganzen vorigen Jahre 
ift nichts geichehen. Dann ift fchließlich das Siedelungsgeſetz herausgelommen. 
Es find auch Auffchläge auf die Kohlenpreife genommen worden, und zwar ent- 
fprechend “ grund aller anderen Waren. Trotz aller Warnungen bat 
man aber die Aufichläge nur gering bemeffen. Auf dem Gebiete des Siedelungs⸗ 
weſens — das bisher Verfäumte jchnellftens gutgemacht werden. Man darf wohl 
annehmen, daß jet, wo ed uns ans Leben geht, die vorhandenen Bauftoffe aller 
Art in wirkliche Bauten umgejeßt werden. An Stelle der geplanten 30 000 bis 
40 000 Wohnungen für Bergarbeiter werden allerdings infolge diefer Verſäumnis, 
in Verbindung mit dem Mangel an Baumaterial, zunächft kaum 3000 bis 4000 
Wohnungen fertig werden. Hier muß alfo der Hebel angefettt werden. 

In der Lebensmittelverſorgung der Bergarbeiter find große Fehler gemacht 
worden. Vor allen Dingen muß durch reichliche Nahrung die Leiftungsfähigfeit 
jedes einzelnen gehoben werden. Der Bergmann lebt unter Tag meift nur bon 
Brot und Fett. Hat er dies nicht, jo kann er nicht arbeiten. Auf diefe Eigenart 
muß man Rüdficht nehmen. Das ift aber lange nicht genügend gefchehen. Im 
Gegenteil hat man den Bergleuten ein Brot gegeben, das als Schweinefutter hätte 
dienen können. Unter folchen Umjtänden wird man begreifen können, weshalb dag 
Mißtrauen der Bergleute fo groß if. Man Tann es ben Bergarbeitern wahrhaftig 
wicht verdenten, daß fie jede Üiberarbeit von einer beſſeren Ernährung abhängig 
machen. Eine wirkliche Abhilfe verfpreche ich mir noch durch die Siedelung, die in 
einem Ausmaß vorgenommen werben muß, daß 10 bis 12 Millionen Tonnen mehr 
gefördert werden. Neben der Siedelungsfrage müffen wir ung auch intenfiv mit 
dem Verſuch befaffen, die Steinkohlenwirtſchaft zu entlaften, und Betriebe, in denen 
dies — möglich iſt, auf Braunkohlenheizung umzuſtellen. 

Was die Belieferungsquote betrifft, ſo verlangt ein wirtſchaftlich arbeitender 
Induſtriebetrieb 100 Prozent Belieferung. Wird weniger geliefert, ſo verringern 
ſich die Einnahmen weit ſtärker als die Ausgaben, und es entſteht im ſteigenden 
Maße eine Leerlaufsarbeit, die jede wirtſchaftliche Betriebsführung unmöglich macht. 
Man bedenke, 50 Prozent Kohlen bedeuten nicht 50 Prozent Produktion, fondern 
weit mweniger. Wir brauchen in Deutfchland vor allem genügend Kohle, um im 
Intereſſe Europas bie Kohlenförderung zu heben. Eine Mehrlieferung von einer 
Million an die Entente würde zwei Millionen mehr für uns erfordern, und eine 
ſolche Mehrförberung fett den Neubau von Wohnungen im jetigen Wert von 6 Mil- 
liarden Mark voraus, eine ungeheure Aufgabe alfo, die fild mit dem Wiederaufbau 
Frankreichs überfchneibet. 

Das Ziel, das erreicht werden muß, ift die Verforgung der Induſtrie mit 
100 Prozent. Ich glaube, daß dieſes Ziel im mejentlichen erreicht werden würde, 
wenn neben der Mehrleijtung an Die Entente noch zwei Millionen Tonnen monatlich 
für die Induftrie zur Verfügung ftehen würden. Es ergibt fich etwa die Zahl: eine 
Monatstonne mehr gleich einem Arbeitzlofen weniger. 

Was die Braunkohle anbetrifft, Deren Heizwert zu dem der Steinkohle fi} 
wie 1: 4 verhält, fo läßt ſich die Braunfohlenförberung viel jchnefler fteigern als 
die Steintohlenförberung. Aber aud im Braunfohlenbergbau erfordert die Ent⸗ 
widlung eines Tagebaues mindeftens zwei biß drei Jahre, aljo eine Friſt, Die ung 
gegenwärtig nicht zur Verfügung fteht. Das Braunkohlenbrifett ift heute ſchon viel⸗ 
fah ein Erfagmittel für Die Steinkohle. Man mirb unbedingt dazu übergehen 
müffen, zu unterfuchen, ob unb wie fich bie mirtfchaftliche Auswertung diefer Kohle 

chnellſtens verbeilern läßt. Man mirb diejenigen Betriebe, die fich praktiſch um⸗ 
ellen laſſen, zweifellos umftellen müffen.. Den umge ebauten Betrieben muß Die 
Sicherheit gegeben werden, daß auch in verfehräftorfen Zeiten bie Rohbraunkohlen⸗ 


186 Offenherzigkeiten | 


transporte nicht gefperrt werden. Auch iſt e8 unbedingt erforderlich, daß die Elek | 
trizgität und Gaswirtſchaft Deutfchlands nach mirtfchaftlichen, technifchen und ver | 
fehröpolitifchen Geſichtspunkten in amedentiprechender Weife geregelt werben. Ich 

bin im übrigen damit einverftanden, daß auch der Verjchiebung von Kohlen nad 
gegangen wird, Tann aber heute fchon jagen, daß jedenfalls im Ruhrgebiet eine 
irgendwie in Betracht kommende Berfchiebung nicht ftattfindet. Das gilt ſowohl 

für Braunfohle wie auch für Steinkohle. Schließlich möchte ich nochmals betonen, 

daß Kohle und Arbeitskraft Werte find, die allein es Deutichland ermöglichen 
dürften, fich wieder zu erholen. 





Offenherzigkeiten 
Toujours fidäle et sans souci 
Es mahnen die Nachbarn rechts und links, 
Uns zu entſcheiden fchlechterdings. 


Für Deutichland fei die Trage die: 
Ungtangt oder Sowjet? Wählen Sie! 


Bol Eifer bemüh'n ſich auswärtige Herren, 
Das Reich hopphopp in den Abgrund zu zerren. 


Doc ſtreng auf Neutralität befteht 
Die Regierung, weshalb fie in Ferien geht. 


Das Wetter ift herrlich, Fett gibt's in Maſſen — J 
Was ſoll ſie die Köppe da hängen laſſen? | 


Sie läßt wie weilend Nürnberg, die Stadt, 
Nie etwas hängen, das fie nicht hat. 


Derweilen wirkt erfolgreich, und ob, 
Für Moskau weiter Wigdor Kopp. 


Sein Wirken wird uns fatal, doch nu jradel | 
Die deutſche Regierung figt fröhlich im Bade. 


Kopp reift ganz forgenlos umber. 

Denn erftens fangen fie ihn ſchwer, 

Und zweitens, wenn fie ihn ſchon fallen, 
Sie werden den Stopp nicht hängen laſſen. 


Dandur 


Offenherzigfeiten 187 


Sparfamßeit 


Wie über die Befeitigungen von Delgoland, die ein Wunderwerk der 
Abwehrtechnik daritellen follten, tatſächlich aber, nach den Berichten der Sad 
berftändigen, ihren Aufgaben nicht entfernt gewachſen waren, find auch über die 
Stärke der Felte Stein Wundermären verbreitet worden. „Ob fie ſich länger als 
48 Stunden . . . hätte — können?“ fragt jetzt in einem Berliner Blatt Oberſt 
Servaes, der letzte Artillerieoffizier vom Platz der Oberrheinbefeſtigungen. „War 
F doch nur der Reſt einer einſt gefaßten gro aügigen see für die Verteidigung 
es Dberrheins! Auf der Tüllinger Höhe gegenüber Hüningen, auf dem Steiner 
Kloß und auf dem Hochberge bei an Follten ſtarke Befeftigungen errichtet 
werden, die ſich gegenſeitig unterftügen jollten. Aus unangebracdhter Sparjamteit 
war aber nur die Feſte Iſtein gebaut worden, und zwar, wie fie in die Bes 
feftigungsfette gepaßt hätte, nach Dften faſt ungeſchützt, mit „offener Kehle”... . 
Ein etwa bei Bajel übergegangener Feind konnte Iſtein bequem im Rüden fafjen.” 
Daß von Helgoland und Iſtein jo abenteuerliche Sagen umliefen und von den 
Spionen der Feinde treuberzig geglaubt wurden, ift an fih ein Vorteil für uns 
— Im Ernſtfalle wäre es aber beiden Trutzburgen ſchlimm ergangen. 
ie unangebrachte Sparſamkeit, die Servaes tadelt, hat uns den Krieg verlieren 
laſſen. Dank ihr fehlten uns an der Marne die entſcheidenden drei Armeekorps, dank 
gr waren mir an imftande, den Öfterreichern von vornherein die erforderlichen 
orjettftangen zu liefern. Mit Recht weilt der Ofterreiher Krauß darauf hin, daß 
Deutſchland mit Leichtigkeit bei Kriegsbeginn zwölf Armeeforpg mehr hätte auf 
die Beine bringen können; unangebrachte Sparjamfeit verhinderte e3. Unjere 
Regierungen magten es nicht, aus Furcht vor der demofratifchen Preffe, beim 
Neihstag die pflichtgemäße Vorlage einzubringen. „Nur feine inneren Kriſen!“ 
jagte Bülow. Sp verzichtete man, um in Frankfurt und Berlin eine gute Prefie 
zu ange auf deutfche Lebensnotwendigkeiten. Damit dem „erdrüdten Steuers 
iD er” von 1910 jährlich Hundert Millionen erjpart blieben, begnügten ſich die 
erantwortliden unverantwortlichermweije mit unzulänglichen Bewilligungen. Jetzt 
haben wir ebenjo viele Milliarden aufzubringen, und in Schimpf und Schande, 
als Tribut für die weit ausfchauenden Gegner. Unfere feige Sparjamteit von 
damals ift wüſteſte Verfchmendung geweſen. Uber, und das ilt ja fchlieglich die 
geuptjade, herrlich hat der Parlamentarismus triumphiert und dem militärifchen 
oloch den Fraß vorenthalten, jo daß die Scharnhorſtſchen Gedanken und mit 
ihnen das Reich verdorren mußte: 


Das Amritfar-Duppenfptel 


Mit 129 gegen 126 Stimmen hat das englifche Oberhaus einen Beſchluß⸗ 
antrag des früheren Lordkanzlers Finlah angenommen, der das Vorgehen der 
Regierung gegen General Dyer jehr unummunden tadelte. General Dyer hatte im 
April 1919 in Amritſar eine Verfammlung oppofitioneller Indier mit Mafchinen- 
gewehren umftellen und ziemlich bis auf den letzten Mann niederjchießen laſſen. 
Auf Grund des Berichtes der Hunterlommiffion, die die Regierung zur Unter- 
ſuchung der Vorfälle eingefeßt hatte, war dann befchloffen worden, General Dyer 
im indifchen Dienfte nicht weiter zu verwenden. 

Dem Haren Mißtrauensvotum des Oberhaufes vermochte das Unterhaus aus 
Dinlänglich einleuchtenden politifchen Gründen nicht beizutreten. Immerhin fanden 
ih) auch Hier 129 Stimmen, die die Regierung tabelten; ihre ftarfe Mehrheit ſchmolz 
auf 230 zufammen. Nur der Umstand, daß Asquith mit feinen Getreuen und Die 
Arbeiterpartei für fie eintraten, rettete fie vor der Kabinettskriſis und überflebte mit 
fremden Hilfsmitteln den Riß in der Soalition. 

General Dyer, der ſich ungemein entjchieden für britiſche Frauenehre und für 
die in Indien nun einmal beftehende Ordnung eingefegt Hat — durch die Gaſſe, in 
der eine Engländerin von indifcher Hand ermordet worden war, mußten bie Ein- 
geborenen mehrere Tage lang auf allen Vieren kriechen —, General Dyer hat das 


188 — Offenherzigkeiten 


Schickſal der Warren Haſtings und Genoſſen geteilt. Regierung und Unterhaus 
verurteilten ihn, um das Gefiht zu wahren und den laufchenden Völkern die Über: 
zeugung beizubringen, Großbritannien billige feine Graufamleiten und Schurfereien, 
die im ReichBintereffe begangen wurden. Tatſächlich aber und mit dem Herzen 
tritt Kohn Bull allemal Hinter feine Pioniere. Auch für Dyer regnet es in England 
Sympathieerflärungen, und ein General-Dyer-%onds ift gegründet worden. Der 
General zählt offenbar zur Art jener handfeften Politiker, auß deren Mitte Tange 
vorm Kriege gelegentlich der WVorfchlag gemacht wurde, eines fchönen Premieren- 
abends alle Berliner Theater zu umftellen und keinen lebendig hinauszulaffen. Deutjch- 
land habe dann endlich Ruhe. Die fchlimmften Zerftörer und Bernichter des öffent- 
lichen Geiftes, nämlich die Kournaliften und Literaten, feien erledigt. Was bei 
uns nur als tolle Groteske aufflatterte, hat Dyer mit foldatifcher Gradheit verwirk⸗ 
lit. Und Sir Edward Earfon, der Ulftermann, dankte ihm im Namen der Ration: 
durch Dyers Eingreifen fei Indien vielleicht vor einem Aufftand bewahrt geblieben, 
denn Amritfar fei der Vorläufer der Revolution geivejen. 

Parlamentarismus ift eine ausgezeichnete Sache, wenn er ben Nattionalftolz 
bis zur Gaurifanfarhöhe aufpeitfcht und Die gemaltige Illuſion vom auserwählten 
Volle Gottes nährt, das auch mordend und brennend, plündernd und ftehlend noch 
Jehovahs himmlifchem Willen tut. Und gerade dann tut. Der englifhe Parla- 
mentarigmus erhält das Räuberreich in Ewigkeit, während er gleichzeitig, dank der 
wundervollen Einrichtung des Spiels mit verteilten Rollen, ſämtliche Banner Der 
Humanität aufredt und das ftrenge britifche Gerechtigleitsgefühl bengaliſch be- 
leuchtet. General Dyer auf Halbfold, aber die Toten von Amritfar muden fi 
nicht mehr, denken an feine Verſchwörung mehr. 

Welche Gnade Zebaoths, daß wir vor einem ſolchen Parlamentarigmus ver: 
ſchont geblieben find und den richtigen, chemifch reinen befiten, mit fünfzehn bis 
zwanzig Barteien, die fich ernfthaft, bis aufs Blut, befehden, lieber da8 Vaterland 
zugrunde gehen laffen als die Partei, und zu einem heuchlerifchen, wenn auch recht 
profitablen und das Reich unbezwinglich-herrlid machenden Komödienſpiel nad 
Londoner Mufter nie zu haben wären! 


Cum Infamia 


Vom Pariſer Kongreß der Chirurgen, der aus allen Teilen der Welt be- 
ſucht war, find die Deutfchen und öfterreichifhen Chirurgen auß der Inter⸗ 
nationalen chirurgifchen Geſellſchaft ausgefchloffen worden. Kine Tagesordnung 
unterjtrich befonders die „gemeine Handlungsmeife”, der fich Die deutfchen Chirurgen 
während des Krieges fchuldig gemacht haben follen. Bei uns hat eine dhirurgifche 
Oberinftanzg den Beihluß und feine Begründung als „Infamie“ bezeichnet. 
Chirurgen follten nicht mit dem Mefjer aufeinander losgehen, fondern einſichtsvoll 
erkennen, daß der Pariſer Beſchluß nichts als die mwiffenfchaftliche Ausſtrahlung des 
Völferverföhnungs- und Völkerbundsgedankens ift, wie er fih Wilfon darftellte und 
wie unfere gefamte maßgebende Preffe ihn bereit3 im Oftober 1918 mit Begeifterung 
begrüßt hat. Im übrigen erfcheint die beleidigende Schärfe der chirurgifchen 
deutfchen Ausdrucksweiſe geeignet, dem A. A. neue internationale Schtwierigfeiten 
und Sorgen zu bereiten. Dabei bat es ſich bis heute noch nicht über Die fchlechte 
Kleidung und die Müte beruhigen können, in der die Reichswehrtruppe der geentert 
gemwefenen Trikolore Reverenz erwies. Wie bei folcher Aufſäſſigkeit Des beutjchen 
Volkes aller Schichten auswärtige Politik gemacht und in Genf weitere „enorme 
aufbauende mwirtjchaftliche Arbeit” geleiftet werben fol, wird nit nur Herm 
Dr. Simon? ein Rätfel fein. Mulay Baflan 





Biüdrerliite 


ai Schulden, Steuern und Valnta. Sand Robert | Hayemann, Julius. — An ber Bernunft. Roman. 
— ® Ge Geo De us Unfe: Ar he. Eine vorurteils⸗ 
.Geſchichten und Geb von &%. ernele, sof. Dr. Unſere e Sprade. e vo 
—— Ediw. Eerobanet — Gertag Dr. Br loſe Studie wiber Befangenheit und Chauviniamus. 
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Gruyter & Go. Bereinigung iffenfhefttiger Verleger, Berlin — ei —— ee * 


Leipig M. 1.6 
Sehen, Matthäus. Die Rechtloſen und andere hiſtoriſche .D. * onen, Sründen 
v. en. Bis zur Marne 1914. Beiträge zur Beurteilu 
in — mn — Gerhard Stalling, Ber {ng, Oldenburg i. z 
n. 
ultus. Der Krieg von 1866 und ber Norbbeutf 
u udkinfeunlene ee, den get — — —— — Fee a ei ——— —F mu 


= höheren Säulen. ®. een dus Sans * Die Sünder ec, al en Sc. 


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Kölıligen Unteeriät au Sölem guten D.D, Seaheen AEIOR SARA DEE, EIS. Ber PBERBITKINER, 
an en. 4 
——— gelpsig und Berlin. —* 8 Lau Sur Arifs ver aunſt. Eugen Diederichs 


Moni nd Roman. GSt Ye ni .® ie ben 
"al. Gcmen — , Berlog, geipg ec — geb. * — et ge —— Studentenſchaft. 
. Marburg 


Berantwortli: t. 8. SenB WON EuiEaneın In DEE 
Scäriftleitung und —— Berlin SW 11, Tempelho — 36a. — ZRyotw 6510. 
Verlag: 8. %. Koehler, Abteilung Grenzboten, Berlin. 
Drud B. Moefer uchbruderet, Berlin S 14, Stallfchreiberfir. 34/86. 


Rückſendung von Mannfkripten erfolgt nur gegen beigefügte® Rückporto. 
Nachdruck fämtlicdher Aufſätze iR nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Verlages geftattet 


Rynologisches | 
photographisches Preisausschreiben 


Berlag und Schriftleitung des „Deutſchen Jaägers“ Ichreiben einen photographiichen 
wettbeiwerb für Eynologiiche Bilder (Kagdhunde) 23. ſch graphiſchen Preis⸗ 


(1. Preis 500 M., 2. Preis 300 M., 3. Preis 200 M., 
ferner 20 Teoftpreife zu je 50 m.) 
Preisrichter find: Freiherr von Sefferer, München, Freiherr von Perfall, uns ra 
a. Ammerſee, Apotheker Jungermann, nden, und derlag und Schriftleitung des 
Jägers“, ‘, Münden. 
Genaue — gegen Einſendung Don 20 Pf. in Briefmarten durch ben Berlag 


des „Deutichen Jägers” nen, Briennerftraße 9 


Internationale Ausitellung 
von Hhunden aller Raſſen 
München, Mai 1921 


Anfragen an bie kynologiſche Schriftleitung des „Deutſchen Jägers“, Münden, Briennerſtr. 9. 


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schriften durch das Fachinger 
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Wilhelmstr. ss. 





Soeben erichten im Rahmen ber Sammlung „Grundbegriffe ber Politik“: 


Arbeitsaemeinichaft 


Don Otto Keibrocd 
Dreis 7 Marf 


Die Rettung der beutfchen MWirtfchaft aus dem Zuſammenbruch im November 1918 
tft in erfter Linie der Tatfache zu danken, daß in entfcheidender Stunde die Arbeitgeber- und 
Arheitnehmerverbände den Mut zum Zuſammenſchluß in ber fog. Arbeitsgemeinfchaft fanden. 
Der Berfafler, der an dieſen Organifationdfragen praktiſch mitarbeitet und über ein außs 
gezeichnete Material verfügt, unternimmt ' bier erſtmals den Verſuch, bie Drganifation ber 
Arbeitögemeinfchaften nah Urſprung, Zielrihtung und innerem Ausbau erfchöpfend zu 
behandeln. Bei der zentralen Bebeutung bed Problems wird diefe Schrift, bie u. a. ſämtliche 
angefchloffenen Unterorganifationen namentlich aufführt, zu einem unentbebrlichen Rüftzeug 
für jeden, der an ben politifchen und wirtichaftlichen Zeitfragen lebendigen Antell nimmt. 


%. F. Kochler, Derlag, Leipzig 








THEODOR LISSNER VERLAG, BERLIN W50 


6 Wochen nach Erscheinen wird in neu durchgesehener und erweiterter Auflage ausgegeben 


Die Volkswirtschaft des deutschen Wiederaufbaues 


Ein Wirtschafts- und Landeskulturprogramm 
Von Kammerpräsident Dr. Kleefel 
6,60 Mk. und 20% Teuerungszuschlag. 


Einstimmig urteilt die gesamte Presse: Von dem hervorragenden Organisator und Wirtschaftsfach- 
mann ist soeben ein Buch erschienen, das die Öffentlichkeit aufs stärkste beschäftigt. Es über- 
blickt zum ersten Male das Gebiet unseres wirtschaftlichen Wiederaufbaus in seiner Ganzheit und 
bringt zum ersten Male die statistischen Unterlagen für alle Zweige der Wirtschaft. Ein Buch, 
das eine Tat ist und für unsere innere über die wirtschaftlichen Folgen. des 
Politik die Wirkung haben wird, wie Keynes Versailler Vertrages für die äußere 
das berühmte Buch des Engländers Politik unserer bisherigen Gegnerhatte. 












Soeben erſchien: 


Die Diktatur der fozialen Revolution 


bon 


Dr. Eo. Staötler 


Preis geh. 18.— M., geb. 20.— M. 

Aus dem Berfagen ber Weltdemokratie, des Wilfonfhen Böllerbundgebantend unb ber 
Leninſchen Innenpolitit entwidelt Dr. Stabtler fein Programm zur Rettung Deutfchlands und 
ber Welt dur die Diktatur eined parteifreien, ftarfen Mannes, ber mit einem großzügigen, 
ſozialiſtiſchen Reformprogramm die Anarchie rückſichtslos niederhalten muß. 


RR. F. Rouecehler, Derlog, Leipiig 


















| Es {ft eine Tatfache, daß gerade von den klugen Menfchen, bie viel zu fagen Hätten, 
lo P St ulo die meiften ſchlechte Rebner find. Das tft ber Grund, warum vielfach ber Unfinn flegt. 
Sieber Bebilbete, ber burch feine GBeiftesgaben berufen wäre, zu führen ober wenigſtens 
— ſollte auch ſeinen Standpunkt gegen alle Einwände le ei behaupten koͤnnen. 
In der Redefhule von UVE JENS KRUSE wird nit nur bie reine Technik und Taktik ber freien Rebe gelehrt 
und geübt, fondern die ganze Perfänlichkeit wird für die Rede Lörperli und geiftig durchgebildet. 
Die 5 Bücher in Hülle Loften zufammen 25 4; dazu 20%, Buchhandlerzuſchlag. Bericht Loftenlos. 


eFeller -Derlag Burgenbarg - Baden 













Das Rad der Gefchichte 


(Zum 2. September 1920) 
Don — Kern 


De franzöſiſche Republik * ihren fünfzigſten Geburtstag. Die 
WW Tochter Sedans, hat fie in achtumdvierzigjähriger diplomatifcher 
| Arbeit, militäriiher Rüftung, politischer Vorbereitung und geiftiger 
Einſchulung der Nation in Hoffnung, Haß und Opferkraft ihr 
Daſein gerechtfertigt und geadelt. In den fiebziger Jahren gab 
man og * hinter der Hecke geboren, trübe Tatſachen und peinliche Erinnerungen 
verkörperte, nur ein kurzes Leben; ſpäter verunzierten periodiſche Ausſchläge wie 
der Banama= oder der Dreyfußhandel ihr niemals recht jugendliches Geſicht. Am 
Ende der fünfzig Jahre aber find die Grenzen von 1870 wieder erreicht und 
überſchritten. Ein faft unermeßliches Stolonialreich ift neu hinzugemonnen, beffen - 
ihwarze Söhne heute für fi allein genügen würden, den Limes Imperii im 
nen Deutſchland zu bejegen. (Und dabei find es erft neun Jahre ber, 
dag Kiderlen- Wächter im Reichstag das Vorhandenjein einer ſchwarzen Armee 
höhniſch beftritt.) Die Vorherrihaft im Teltlande Europas ift mit dem Nieder- 
bruch Deutichlands, Ofterreihs und Rußlands einftweilen erreicht. Welch eine 
Wendung! Das Problem ift nur, wie diefe künſtliche Verſchiebung des Schwer: 
gewichtS durch fortdauernde Niederhaltung des ganzen Reſtes von Europa mit 
Hilfe von Tanks und Mafchinengewehren verewigt werden fünne? 

Abhängigkeit von England jchredt die jiegreiche Nation fo wenig, wie die 
augenblidliche Verwüſtung und Verarmung, mit deren ftandhaften Ertragen fie 
den Erfolg bezahlt hat. Was England betrifft, jo hat es feit Jahresfriſt einen 
Spezialiften für Afien, nicht für Europa, zum Außenminifter, und ihr Gegenfat 
gegen Rußland und Amerika in Außereuropa macht den Engländern die franzöfiiche 
Bundesgenofjenfchaft noch immer wertvoll. Deutichland kommt anderjeit3 bei der 
Schwäche der franzöfiihen Flotte und ihrer lngefährlichkeit für England als 
etwaige Spielfigur Englands gegen Frankreich jo wenig in Betracht, daß Frank—⸗ 
reich in Europa, insbeſondere in Mitteleuropa ziemlich freie Hand Se ——— 

Grenzboten III 1920 





194 | Das Rad der Geſchichte 





Unterftügung durch England findet. So fürdtet Frankreich Fein Herüberjchwenten 
Englands zu Deutichland oder Rußland; was jo ausfieht und bei ung borfchnelle 
- Hoffnungen erregt, find leife Umbildungsprogefje innerhalb der Entente  cordiale, 
nicht ihr Ende. Und anderjeits fürchtet Frankreich auch nicht, neben den Welt- 
reihen der Angeljachlen zu verkümmern. Der engliſch⸗amerikaniſche Gegenſatz 
einerfeits, die Stärke Frankreichs anderſeits geben ihm Ausficht, im Befit der 
Naturſchätze des franzöfiichen Bodens ımd in Ausnugung Deutſchlands und Afrikas 
fein Herrendafein neben den Angeljachjen zu behaupten. 

Frankreich ift feſt entjchloffen, die deutjche Kohle, Arbeit und Erfindungs- 
gabe für fih nutzbar zu machen bis zum äußerjten und letten, bis zur Er: 
droſſelung der deutichen Volkskraft, die an fich ebenfo jehr Biel der franzöfifchen 
Politik ift, wie die Wiederaufrichtung des eigenen Wohlitandes, im Zweifelsfall 
ſogar das vormehmere Biel, was ‚man in Deutihland nur langſam und zögernd 
begreift. Alle deutjchen Vorſchläge von feſtländiſcher Planwirtichaft und wenigftens 
wirtfchaftlicher Gleichberechtigung begegnen grober oder verhüllter Ablehnung, 
weil in ihnen die naturgemäße Beendigung der franzöſiſchen Fremd⸗ und Zwangs⸗ 
wirtfhaft vermutet wird. Frankreich ift überzeugt, daß der Deutiche in dem 
fogenannten Friedenszuftand, der nach Clemenceaus Wort eine Tyortjegung des 
Serieges mit anderen Mitteln ijt, fich allmählid, daran gewöhnen wird, der Hörige 
der franzöfiihen Nation zu werden und zu bleiben. Um jein ärmliches Leben zu 
friften, wird der Deutiche, jo hofft man, ſchließlich fi an alles gewöhnen, was 
der Machthaber von ihm verlangt. Der Deutiche ſprach zwar gern das Wort 
von Clauſewitz nad, daß der Srieg eine Fortſetzung der Politik mit anderen 
Mitteln fei. Aber Deutichland hatte eigentlich weder vor dem Krieg noch während 
desjelben eine feite und Klare Bolitil. Um entwaffneten Deutichland ſoll die 
Politit nun vollends nicht nur der Möglichkeit des Krieges beraubt, fondern auch 
auf innerdeutfche Streitigkeiten, querelles allemandes, bejchränft werden, 
Bayern gegen Preußen, Freie Pfalz gegen Rheinſtaat, Monardiften gegen 
- Republifaner uſw. Polen wird als Frankreich des Oſtens die Deutjchen und 
Ruſſen auseinanderhalten, deren drohende Vereinigung zu beiderjeitigem Wieder: 
aufbau der einzige große Alpdrud der Franzofen it. So führt die franzöfiiche 
Beherrihung Mitteleuropas notwendig auch auf die Überwachung Dfteuropas 
hinüber und die napoleonijche Logik tritt wieder in Geltung. Da Frankreich alle 
Hoffnungen und Pläne der lebten fünfzig Jahre verwirklicht fieht, und fich ums 
gekehrt alle politiichen Abfichten der Deutfchen und der Ruſſen als trũgeriſch 
erwieſen haben, ſo ſieht Frankreich in der folgerichtigen und rückſichtloſen Ver⸗ 
folgung ſeines Siegerſtandpunktes, aufgebläht durch den Erfolg, heute geringere 
Gefahren als in irgendwelcher Nachgiebigkeit und Verſöhnlichkeit. Die größte Linie 
der franzöſiſchen Politik, die ſo gern mit den drei Namen Cäſar, Ludwig XIV. 
und Napoleon J. verknüpft wird, iſt wieder erreicht und die dritte Republik, 
die dies errungen hat, feiert mit ruhigem Stolz die Wiederkehr des Tages von 
Sedan, einzig bedacht auf neue Demütigungen des unerſättlich gehaßten und be⸗ 
argwöhnten Deutſchlands. In Berlin läßt der franzöſiſche Botſchafter die 
Trikolore ſalutieren durch arme Reichswehrſoldaten, die nach dem Begräbnis der, 
preußiſchen und deutſchen Banner ihr. Leben. einzig. damtit,, hinbringen dürfen, 
Reichserelutionen gegen Räterepubliten zu vollziehen. 


Das Rad der Geſchichte 195 


2. 

Das zweite deutfche Kaiferreich, auch in Sedan geboren, zu Berfailles aus 
der Taufe gehoben, hat nicht einmal die zweihundert Jahre gelebt, die dem erften 
deutichen Kaiſertum beichieden waren. Ein Interregnum ift eingetreten; eine. 
Derlegenheitsrepublit, deren rojarote Erjtlingseinbildungen heute ſchon verflogen 
find, fteht da, auch fie das Kind eines verlorenen Krieges, wenn auch feiner ver- 
lorenen Schlacht. Sedantag ijt fein Feiertag der neuen deutichen Republik. 
Bären wir Franzoſen, wir feierten gerade jett im Unglüd den Sedantag alle 
zufammen, jo wie die Franzoſen 48 Jahre hindurch dem Denkmal „ihrer Stadt 
Strasbourg gehuldigt haben. Wir aber find das Volt ohne Nationalfeiertag, 
das einzige der Welt! Es gibt aber da und dort im zerrijjenen Vaterland 
gar manden, der am Sedantag einmal den Schleier Lüftet, den wir im November 
1918 über Bismards Bild hingen, weil die Scham, ihm in die Augen zu 
jehen, zu wehe tat. Wir lüften den Schleier für einen Tag und halten Einfehr 
mit den Beiten unjres Volks, die 1870 und 1914 ihr Blut auf Frankreichs Boden 
verftrömen ließen. Wir fuchen an diefem Tag der namenlofen Trauer die ferne 
Hoffnung. Wie ift und Sedan aus ruhmboller, geficherter Vergangenheit wieder 
zur Gegenwart geworden, feit von den alten Mitkämpfern des Siebziger Krieges 
Slemenceau über Hindenburg geliegt, der Schatten Gambetta8 den Meoltfes 
geichlagen hat! 

Die Schar derer, die den Sedantag im neuen Sinne feiern, wird von jebt 
ab wohl jedes Jahr größer werden in Deutichland. Die andern, die ihren 
Frieden mit Frankreich geichloffen haben oder ſchließen wollen, werden ausſterben, 
weil Frankreich ihn nicht ſchließt. Sedan wird uns zu einem Tag der Zukunft, 
ferner, forgenverhüllter Zukunft. Aber nur die haben überhaupt eine Zukunft im 
und für Deutjchland, die in dem faft beijpiellos jähen Niedergang ee Schick⸗ 
ſals die Vergangenheit feſt im Herzen tragen. 


3. 
Von 1792 bis 1870 hat Frankreich, wenn immer möglich, eine geräuſchvolle 
Hegemoniepolitik getrieben, deren mit der Gegenwart verwandte Züge ſind: 
Militärgewalt und kriegeriſches Preſtige, Rheingrenzenſtreben, Einbeziehen Belgiens, 
Begünſtigung Polens, Schüren der inneren Zwietracht in Deutſchland und Italien, 
und wenn möglich, Benützen Englands gegen Mittel- und Oſteuropa. Napeleon II. 
war der Gefangene diejer Ideen. Aber gerade die gemwalttätige und aufdringliche 
Art, wie er die innere Schwäche der deutſchen und der italienifchen Nation als 
Grundrecht der franzöfiichen Vormacht in Anſpruch nahm, hat die Befeitigung der 
nationalen Berriffenheit in beiden mitteleuropäiichen Völkern befördert. „Eins 
muß man dem Raifer laſſen“, ſagte 1867 mit jarkaftiihem Lächeln Thiers, der 
Sührer der Oppofition, zu Napoleons Minifter Rouher, „er hat es veritanden, 
zwei große Minifter zu machen.” „Für mein Teil danke ich“, erwiderte 'ges 
ſchmeichelt Rouher. „Ich meine Herrn dv. Bismard und Graf Cavour“, verſetzte 
Thiers. Sedan hat dann ſowohl die von Napoleon verhinderte endgültige Einheit 
Italiens wie die Einheit Deutſchlands, bis auf Oſterreich, entſchieden und es lag 
in der Natur der franzöſiſchen Politik, daß dieſe Einigung ohne Krieg nicht zu 
gewinnen war. 
13 


196 Das Rad der Gefchichte 


Nach dem Krieg nahm die franzöſiſche Politik, die im Glück immer plump 
und gemwalttätig war, eine beinahe italienische Tyeinheit des Wartens und Sich: 
ſchmiegens bei unverrüdtem Biel an. Das Begründen des Kolonialreichs unter 
Deutichlands Billigung war die erfte Meifterleiftung des damals noch vereinfamten 
Frankreich der Bismardichen Zeit. Bismards Entlafjung ermöglichte dann das 
zweite Meilterftüd, die Heranholung der Ruſſen zu einer vom ruffifhen Standpunft 
aus underftändigen deutfchfeindlichen Verbindung. Deutſchlands wirtfchaftlidher Auf⸗ 
Ichwung ermöglichte zulett nach der Kapitulation von Faſchoda die Begründung der 
Entente cordiale, in welcher Delcafje das Holfteiniche Ariom von der Deutjchland 
fchügenden Gegnerihaft Englands und Rußlands aufzuheben vermochte. Die 
Ruſſen blieben fogar bei der Stange, nachdem fie 1904/5 erfahren hatten, daß 
ihnen einzig Deutſchland in ihren fchweren Tagen zur Seite ftand, während 
Tranfreih den britiſchen Barteigänger Japan begünftigte.e Die Fehler der 
deutſchen Politik im Kriege, ihre Wilfoneinbildungen und die Polenbefreiung (mit 
der Rückwirkung auf die Sonderfriedensmöglichkeit mit dem Zaren) fpielten dann 
uneriwartet da8 Spiel Frankreichs, ebenſo wie das Kriegsglüd im Jahre 1914. 
Schließlich aber hat doch die franzöfiiche Nation das Beſte ſelbſt zu ihrem Erfolg 
getan durch ihr einmütiges Einfeen aller Willenskräfte bis zur legten Viertelftunde. 

Bis hierher hat fie alles gut gemacht und uns belehrt, wie ungerechtfertigt 
wir fie unterfchätt Hatten. Dom Augenblid des Sieges an aber begann fi bie 
franzöfiiche Politit wieder im Erfolg zu beraufchen und alte Irrtümer zu wieder: 
holen. Wir hatten nach dreimaligem fiegreichem Einzug in Paris binnen eines 
Jahrhunderts die Franzoſen unterfchäßt; fie aber überfchägen fich jet wieder ımd 
ipielen, wie feit dem Vertrag von Verdun vor faſt 1100 Jahren das alte Schaufel 
jpiel fort, indem fie ihre Nachbarn, die Geſchichte und die Vernunft zu verger 
waltigen ſuchen. Gewiß bat der Weltkrieg Frankreich fünfzigmal mehr Wunden 
gebracht als der ſiebziger Krieg. Dafür fucht aber der Gewinner von 1918 den 
Unterlegenen auch fünfzig und hundertmal mehr zu fchädigen, als e8 der Sieger 
ben 1870 tat. Damit vermag uns Frankreich unſäglich zu peinigen. Aber es 
geht eben doch nicht auf die Länge und führt von Konſequenz zu Konſequenz bis 
an den Umſchwung. Schon heute, in der anjcheinend völligen Hoffnungslofigkeit 
unfrer Lage, darf man die Vermutung ausfprechen, daß die franzöfiiche Politik 
den Höhepunkt ihrer inneren Kraft und Solidität bereit Überfchritten hat und 
Drachenſaaten fät. Der Franzofe wird uns noch oft an den Beſitz der Waffen, 
an jeine Daterialüberlegenbeit und unfern Sammer roh und plump erinnern. “Aber 
wie er nur durch unjere Fehler, nicht Durch eigene Kraft gefiegt bat, jo werden wir 
ung allmählich durch die Fehler wieder erheben, die ein fiegreiches Frankreich 
nod) immer begangen hat. 

Der Engländer wäre, wenn er wollte, vielleicht imftande, Deutfchland zu einer 
Kolonie zu machen. Der Franzofe, der Nheinbundftanten fchaffen, in Bayern 
intrigieren, die Saarländer in Franzoſen umfälfchen will, den Leuten in Memel 
und Oppeln ebenfo mie am Rhein die fchlechten Manieren feiner weißen und 
ſchwarzen Soldatesfa vorführt, Frankfurt oder das Ruhrgebiet beſetzt, im Elſaß bie 
beutfchen Striegergräber fchänbet, in Wiesbaden aus Straßenbahnichaffnern Märtyrer 
für das Deutjchtum macht, ausweiſt, gefangenſetzt, Iange Greuelliften mit Rechts 
brud und Gemwalttat füllt, unmahrhaftig wie der Fuchs den Gänſen ſchmeichelt 


Das Rad der Geſchichte 197 


— Glaskaſtendiplomatie, Zucerbrot wie Peitfche allzu naiv anmendend —, der 
beiticht, Kreaturen mie Nippold befördert, Zeitungen, Bücher und „Deutichland, 
Deutichland über alles“ verbietet, er erreicht am Ende doch nur, daß der ach fo Leicht 
einzufchläfernde Deutjche, der jo bequem abzufinden und jelbft mit Der Stnechtichaft 
vielleicht zu verſöhnen märe, aufwacht, den Erbfeind wieder wie in früheren Sahr- 
hunderten fpürt und dieſen mit taufend Nadelftihen von einer Ede Deutjchlands 
zur anderen herumarbeitenden Zwingherrn fich recht genau befieht, ſchließlich ſogar 
fich vielleicht Sedanz erinnert und des fchon fo vergejjenen Ruhm in den taujend 
Schlachten des Weltkrieges. Freilich „oderint, dum metuant“, jagt Glemenceau 
mit Tiberius: auf den deutichen Haß hat fich der Franzoſe ſchon eingeitellt, obwohl 
er ihn ſelbſt erzeugt hat. Darum foll das deutjche Volt ja jo fünftlich und verzwickt 
geteflelt werden, wie Gulliver ven den Liliputanern. Aber glaubt Frankreich wirk- 
lich, daß die an ſich ſtärkere Vollskraft Deutfchlands durch Sinebelungen auf Die 
Dauer niedergehalten werden Tann? Würde nicht bei der urfprünglichen Verföhrrung?- 
reigung unſres Volkscharakters die entgegengejegte Politik für Frankreich ſelbſt 
weit meniger gefährlich und dabei nukbringender jein? Aber diefe Mberlegung Hat 
teinen med, die Franzoſen nehmen fie eben einfach nicht an. Und fo find fie auf 
dem beiten Wege, Deutfchland abermals zufammenzufchmieden, je unausiveichlicher 
jedem Deutſchen ihre Fremdherrſchaft ins Gefühl zu treten beginnt. 

Insbeſondere wollen fich die Franzoſen einige Menfchenalter hindurch von ung 
füttern lafjen, mobei indes unfer Land jedes Jahr ärmer, menfchenleerer und frajt- 
lofer werden, dennoch aber für den Unterhalt der franzöfiichen Nation in großem 
Umfang auflommen fol. An fi ift gewiß, daß bei freiem Spiel der Kräfte Die 
Deutſchen dank ihrer Organifation als unpolitifches Arbeitsvolk von allen Triegs- 
gefchädigten Nationen am rafcheiten wieder zu Wohlfahrt fommen würden, und e3 
mare in dem Zeitalter neuer Wirtjchaftzorganifation und Erfindungen, das uns 
vermutlich bevorftünde, fall3 nicht die Franzofen Europa in kriegeriſchem Wirrwarr 
hielten, an ſich wohl denkbar, daß wir die europäiſchen Nachbarnationen die Früchte 
unferes Fleißes dauernd miternten ließen, nachdem unfer Anlauf zur freien Welt 
madyt einmal unmiderbringlich gejcheitert if. Uber dann müßten wir wenigſtens 
eine freie europäische Macht fein. Der Abjturz von den Zuftänden, Die una noch vor 
ſechs Jahren jelbftverfiändlich und fcheinbar unerfchütterlich umgahen, ift immer noch 
unermeßlich, wenn mir jest etwa wie Stalien oder Spanien [eben und uns jelbit 
regieren dürften. Allerdings mürde dann nicht nur ung felbjt überlajjen bleiben 
müffen, in melcher Weife wir die Sriegsentfhädigung aufbringen. Es !würde ung 
nicht nur eine Wehrmacht geftattet werden müffen, die wenigſtens der Wehrmacht 
Polens oder Belgiens gleichlommt. Sondern auch der Gedanle der Gelkft: 
beftimmung, den Wilfon doch für die Schleswiger, Oftpreußen und Oberfchlejier ge- 
rettet hat, könnte dann den Elfüffern, Weftpreußen und Öfterreihern auch nicht vor⸗ 
enthalten bleiben. Die Letzteren beiden würden fich mit dem Mutterland mieder ver- 
einen, die Elfähler würden die Fähigkeit der Deutfchen als europäifchen Urvolks zu 
Immer neuen Staatsabfplitterungen betätigen, indem fie einen eigenen Staat, mie 
die Niederländer oder Schweizer bilden würden, wobei immerhin ihre Vollsart vor 
der Verwelſchung geihütt bliebe. Schließlich würden auch Ruſſen und Deutfche das 
tun müffen, was tn franzöfifchen Augen ihr höchites Verbrechen tft, nämlich fich zu 
beiderjeitigem Wiederaufbau mwirtfchaftsfriedlich zufammenfinden. 


* 


198 Das Rad der Geſchichte 


Das alles und noch einiges mehr aber glaubt Frankreich verhindern zu follen, 
eine undanfbare Aufgabe, bei der es, wenn man nicht Die Jahre, fondern die Jahr⸗ 
zehnte zählt, irgendwann einmal unterliegen muß. Vor allem fchon läßt ſich die 
Einpflanzung des franzöfifchen Parafiten in die deutfche Wirtfchaft nicht Durchführen, 
wenn gleichzeitig Diefe Wirtichaft gewaltſam verfrüppelt wird. Lebende Körper nehnen 
beim Stoffmechjel immer nur einen Teil der ajjimilierten Stoffe zum Aufbau der 
eigenen Zellen ein, dag übrige geht beim Stoffmechfel, im „Betriebe” darauf. Nur 
wenn Der Bauftoffiechjel Üiberfchüffe Liefert, fannn der Körper wachſen, hat er Unter: 
ichüffe, jo ftirbt er ab. Das deal der Franzofen, ein riefig geiteigerter Betriebs— 
ſtoffwechſel Deutjchlands unter Abführung aller Bauüberfchüffe in den franzöfifchen 
Körper, läßt fich nicht durchführen, weil dabei der arbeitende Körper jelber jtirbt: 
Sol unſer Betrieb fich fteigern, fo muß ung aud) Wachstum geftattet werden, fonit- 
gibt es Leine Überfchüffe; und ein Volt, das in Auzfterbeftimmung gedrängt wird, iſt 
fein Gedeihen fürdernder Nachbar. Außerdem aber wird durch die franzöſiſche Oft: 
politit Deutfchland früher oder Tpäter wieder das Schlachtfeld Europas. Schließlich 
wird nach dunklen Jahrzehnten voller Dual und Blut Europa wieder einmal wie 
nad) den Zeitaltern Richelieus, Ludwigs XIV. und Napoleons I. zu der Einjicht 
fommen, daß alle Länder nur dann gedeihen fönnen, wenn im Herzen Europas die 
deutſche Nation frei und mächtig genug ift, um die Grenzen ihres Volkstums und 
den Frieden nah Oft und Weit ſelbſt zu jchirmen. Das Verbrechen an Europa, 
dag die franzöſiſche Revanchepolitif beging, al3 fie englilchen Handelsneid und 
ruffifhen Ausdehnungsdrang als Triegsluftiger Makler zur Einfreifung des deutjchen 
Kaiferreiches zufammenband, das Verbrechen an Europa, da3 nun die franzöfifche 
Hegemoniefucht fortfegt, indem fie ein Voll, das ihr zu groß ift, zur erbärnlichen 
Sklaverei verurteilt und ein zweites Voll, das ihr mwahrfcheinlich nie wieder dienen 
würde, nach Alien zurüddrängen will: dies führt mit Notwendigkeit zu Nüdichiägen. 

Die unfruchtbare, anachroniſtiſche Politik der Franzoſen macht fie zu unnüßen 
Schädlingen Europad. Europa aber ift zwar arm und unglüdlich, aber noch jung 
und lebensfroh. E3 will nicht dulden, daß die Franzoſen, die, wenn c3 ihnen gut 
geht, Feiner leiden mag und die fi) ala Herren immer wnerträglich aufführen, in 
ihrer doch recht begrenzten eigenen Leiftungsfähigfeit mit Hilfe von Dynamit und 
Negern aus dem fchönften Erdteil eine Teufelginjel machen. Wir laſſen uns felbit in 
unferer jegigen Lage doch nicht zu Narren der Weltgefchichte machen. Freilich, die 
Angelſachſen ftreichen, mie zur Zeit Zudmwigs XIV., der Pompadour und Napoleons 1. 
die Gewinne ein, die ihnen die Unvernunft der franzöfifchen Feſtlandspolitik mühelos 
zuſpielt. Europa ift heute fchon meit unbedeutender in der Welt geworden, als es 
vor hundert Jahren war. E3 wird nach dem kommenden Wirrwarr der neuejten fran- 
zöſiſchen Hegemonieperiode noch viel blutleerer daftehen. Die Summe der kulturellen 
und geiftigen Energien der Welt wird durch dieſes unleidliche franzöſiſche Zwiſchen⸗ 
ipiel furchtbar vermindert. Aber etwas bleibt übrig, eine in allem zwar geſchwächte, 
aber durch die Franzofenzeit und ihre Leiden innerlich wieder einmal umgefchinolzene 
und fo Gott will herrlich verjüngte deutfche Nation. Mit ihr läßt fih dann aud) jür 
die Welt noch vieles machen. Heute denken wir aber meniger an die PFilichten 
und Verheißungen der Weltfultur. Die Geichichte ift wieder politijch, bart und ...- 
national geworden. Von Weimar und Potsdam, vom verödeten Kieler Hafen, aus 
dem die Engländer eben die legten Schwimmdocks wegjchleppen, vom .gemarterten 


Das Rad der Geſchichte 2 199 


Danzig und dem ſterbenden Wien, dem die Franzoſen den Tod befohlen haben, weil 
es nicht deutſch fein darf, was es doch iſt, vom kleinen Sonnenwinkel unſeres Volks 
ſüdwärts des Brenners und vom franzöſiſch zerregierten Memelland, wie von der 
ſchickſalsgleichen, der Memel ſo verſchwiſterten Saar, vom unglücklichen Soldau und 
von all jenen treuen Landſchaften am Rhein, an der Waſſerkante, an der Elbe oder 
Donau, wo jetzt Tag für Tag eintönig die Sprengungen unſerer deutſchen Feſtungs⸗ 
werke durch das waffenloſe Land hindröhnen, Gleichgültige aufrüttelnd, wie dumpfes 
Stöhnen des im Halbſchlaf träumenden Volksgenius: „immer weiter hinunter, immer 
tiefer ins Leid.“ Von überall her wandert deutſches Gedenken heute auf das ſtille 
Schlachtfeld von Sedan, wo die durch Ludwig XIV. und Napoleon J. gequälte und 
erzogene Nation ein neues Zeitalter ſchuf. Kurz iſt es geweſen, noch haben viele 
Kämpfer von einſt lebend mit uns die Laſt dieſer Tage zu tragen, aber niemals 
iſt irgend etwas umſonſt geweſen, was fo wie Sedan aus der Gerechtigkeit der Ge- 
ſchichte und den wahren Eigenſchaften einer Nation entſprang. 

Schlechte politiſche Führung oben und mangelnder politiſcher Inſtinkt in 
den Maſſen haben den ganzen Ertrag der deutjchen Arbeit und Opfer im Welt⸗ 
krieg zunichte gemacht, darüber hinaus auch das erfolgreiche Werf der Generationen 
Bismards und Friedrichs des Großen zerftört. Deshalb ift der Deutfche Heute 
viel tiefer entmutigt,. als an fih aus dem verlorenen Krieg und der Nieder- 
drüdung unferes Lebens ſich erklärt. Man ſpäht nach Erleichterung und Rettung 
aus, die von draußen kommen fol. Nach der Wilfonenttäufchung ift es bald die 
Bernunft Lloyd Georges, bald Giolitti, bald die franzöfifchen Sozialiften, bald 
das ruffiiche Heer, von mo die Rettung furzatmig erivartet wird. Unfere eigenen 
Erfolge zwifchen 1648 ımd 1870 und der franzöfifche Erfolg in unſern Tagen 
aber lehren gleichermeile, daß das Rad der Geſchichte ſich nur dann umkehrt, 
wenn eine Nation auf das Vorbereiten und Ergreifen eines folchen Glückswechſels 
hin erzogen wird. Unjere nationale Erziehung leiftet zur Zeit jo ziemlich noch 
das Gegenteil. Auf die Frage eines Franzoſen im September 1870, gegen wen 
eigentlih Deutichland kämpfe, antivortete Ranke: „Gegen Ludwig XIV.” Die 
Siege von 1813 und 1870 waren das Ergebnis unferer Mißhandlung durch 
Frankreich und entjprechender Erziehung der Nation. Unſere Kinder fünnen fi 
wiederum ihres eigenen Schickſals nicht bewußt werden, ohne über Sedan und 
Leipzig zurüd zu den politifchen Ahnen Clemenceaus zu bliden. Dahin find wir 
geftürzt, die wir vor Furzem noch mit dem englifchen Welthandel konkurrierten. 
Wir müllen uns wieder an dad Niveau franzöfiicher Politit und ihres boshaften 
Größenwahns gemöhnen. Was aber geijtige Vorbereitung einer Ration heißt, 
dies eine fünnen wir von den Franzoſen nach Sedan lernen. Ein kleines Ereignis 
aus dem Leben möge den Abjtand zwiſchen franzöfiicher und deuticher Erziehungs- 
weife beleuchten. 

E83 war zur Zeit des frankoruffiihen Bündniffes, auf halber Beititrede 
zwilchen Sedan und der Marne. In einem ſchweizer Dorfgafthaus traf eine 
franzöfiihe Familie ein. Die Eltern ignorierten die Anweſenheit der deutfchen 
Familie, an deren Tiſch fie gefett wurden; zwilchen den Kindern aber entſpannen 
ih Unterhaltungen, begünftigt durch den Umftand, daß die 8: umd Yjährigen 
Heinen Sranzojen fließend deutſch ſprachen, fo daß fie im ftumdenlangen Geſpräch 
nur einen Schniker madten: fie gaben als Beruf des Vaters. „Schreiber” an 


200 Die englifch-deutfhen Bündnisverhandlungen von 1899— 1901’ uſw. 


während fie „Schriftiteller” meinten. Dieſer Schriftiteller hatte die Jungens von 
früh auf für nichts als die Revanche erzogen. „Wir jprechen deutſch, damit wir 
ed einmal im nädjten Krieg können“, erklärte Gafton ung jtaumenden deutjchen 
Kindern, denen hier zum erjtenmal im Leben Politif greifbar entgegentrat, denn 
wir hatten beim Lejen der Geſchichtsbücher oder beim Auffangen von Zeit— 
ereigniffen nur das Maleriſche und menſchlich Bewegte aufgenommen, und beim 
Spradenlernen wäre uns jede andere zufünftige Verwendung zu Arbeit oder 
Genuß eher eingefallen, als die für einen Krieg. „Unfer Großvater, der aus 
dem Eljaß ſtammt, fpricht mit uns nur deutſch; wir werden beide Offiziere, und 
den nächiten Krieg werden wir gewinnen, denn das lettemal haben wir verloren, 
und es gibt ein franzöſiſches Sprichwort, das jagt ungefähr: heute mir, morgen 
dir.” Einer von ung wußte zu erwidern, daß doch 1813, 1815 und 1870 die 
Würfel jedesmal gleich gefallen wären, aber darauf jchmwiegen die beiden glühenden 
Patrioten weniger verlegen als zielbewußt. Heute ijt der eine als Offizier in 
Mainz tätig, während der andere in der Schlacht bei Mühlhaujen gefallen ift. 
Eljäjfiiches Blut, durch franzöſiſchen Nationalftolz deftilliert. 

jeder unter uns fehe nach dem Seinen und gedenfe der Vergangenheit und 
Bufunft mit feinen Kindern. Keine Lage ift unter gejchichtlihen Maßſtäben 
hoffnungslos, aber damit ſich Wege zeigen, muß erit ein Wille da fein, und nur 
ein einiger Nationalwille, nicht von außen Kommendes, legt das Fundament zu 
befjeren Zeiten. 





DZ 
Te es Ir — 









Die engliſch-deutſchen Bündnisverhandlungen von 
1898 - 1901 im weltpolitiſchen Zuſammenhang 


von Dr. Felix Salomon, Profeſſor an der Univerſität Leipzig. 

„Man ſoll die Dinge weder ‚beipötteln noch beweinen, 

fondern zu verjtehen fuchen.“ Spinoza. 
= iſt zum Gemeinplaß geworden, die deutſche Diplomatie nad) 
Bismarcks Sturz habe verfagt. Da iſt e8 merkwürdig, daß es heute jo 
2 viele gute Diplomaten gibt, denn folche fcheinen es doch zu fein, 
FAR die alle wifjen, wie man es hätte befjer machen follen. Indeſſen der 
i Schein trügt; das Beljerwiffen beruht auf Schlüffen aus dem 
Späteren: die furchtbaren Erfahrungen des Weltkrieges wurden zu Lehrmeiltern, 
die den für Deutſchlands Wohl verantwortlihden Staatsmännern noch nicht zur 
Verfügung Stehen fonnten. Dem mag entgegengehalten werden: Den großen 
Staatsmann fennzeichne doch eben die Fähigkeit, die Zukunft zu deuten, aber jelbit 
Bismard hat einmal gejagt, e3 ließe fich nichts über höchitens drei Jahre voraus: 
lagen, und keinesfalls darf der Hijtorifer diefen Maßftab für fein Urteil anwenden. 
Er hat das Gefchehen aus der Vergangenheit heraus zu begreifen und die Verant— 
mwortung des Handelnden allein aus den Zeitumftänden abzuleiten, unter denen er 
lebte und wirkte. Die hiſtoriſche Arbeit darf jet beginnen, wo die Maffen nieder: 





Die englifch-deutfhen Bündnisverhandlungen von 1899—1901 ufw. 201 


gelegt find; eine befondere Anregung bieten zwei jüngſt erjchienene Werke zur Ge: 
khichte von Deutfchlands ausmärtiger Politik, zumal aus den Jahren, in denen 
der Knoten gejchürzt wurde: Es find die Mitteilungen Otto Hammanns über den 
‚neuen Kurs“ und „die Vorgejchichte des Krieges“, vor allem aber „die Erinne— 
tungen und Denktwürdigfeiten” des Freiherrn von Edarbitein. Beide Bücher . 
ergänzen fich in mwilllommener Weife: Hammann berichtet von der Zentralbehörde 
Berlin aus, vom Auswärtigen Amte, indem er die Preſſeabteilung leitete, Edard- 
ftein weilte auf diplomatifchem Poften und wurde zulegt als Botfchaftsrat um fo 
tiefer in Die diplomatiſchen Gefchäfte eingeweiht, als der vorgeſetzte Botſchafter Graf 
Hatfeld durch Krankheit immer wieder in der Geichäftsführung unterbrochen wurde. 
Stöofflich berühren fich beide Werke in einem bedeutjamen Thema: In der Be— 
bandlung des Verhältniffes Deutfchlands zu England, d. 5. in jenem politifchen 
Problem, deſſen mangelnde Löfung zum Zufammenbruch Deutfchlands beigetragen 
dat. Diefe Verurfachung ift bereit vielen unter ung deutlich genug zum Bewußtſein 
gelommen, wir mußten aber nod) nicht viel von den Möglichkeiten, Die auf dem Wege 
lagen; unfere Gewährsmänner bringen uns in dieſer Hinficht Enthüllungen. Tiefen 
Eindrud! macht die Bekanntgabe, daß England uns mit Bündnisangeboten gegen- 
übergetreten ijt, die einen anderen Charakter trugen ala frühere flüchtige Angaben 
es vermuten ließen: Das Bündnigwerben erfolgte nicht einmal, im Worübergehen, 
nein, wiederholt und eindringlich, Deutichland war e8, dag aus den Verhandlungen 
nichts werden ließ. Jedermann glaubt herauszufühlen: Hier entichied fich Deutich- 
lands Schidfal; um fo mehr drängt e3 den Hiftorifer, zu prüfen, welche Erwägungen 
die deutfche Regierung bejtimmten. Edardftein und Hammann geben beide ihr Urteil 
ab: Edardftein führt das Verfehlen darauf zurüd, daß man in Berlin überhaupt 
nicht wußte, was man wollte, er verdammt die außmärtige Leitung, da Auswärtige 
Amt, das „Zentralrindvieh“, wie Fürft Münfter es nannte, in Grund und Boden; 
Sammann tritt für mildernde Umftände ein, turzfichtig und unbedacht fei man 
nit verfahren. Der Hiftorifer dankt für Loftbaren Quellenftoff, aber verlangt die 
Kritit nach feiner Art einftellen zu dürfen; er weiß, daß dag letzte Wort auf lange 
hinaus noch nicht gefprochen werden Tann, will aber ſchon die bisherigen Stenntnilfe 
nügen, um eine Urteil3bildung vorzubereiten. Er fucht nach wiſſenſchaftlichen Maß—⸗ 
ftäben und findet fie, indem er das Cinzelgejchehen einreiht in die mweltpolitifche - 
Entwiclung, dieſe aber von der NReichagründung an vor feinen Augen borüber- 
ziehen Täßt. 

So beginnen wir damit, die Grundzüge der Politik des gewaltigen Reichs— 
grimderd uns in Erinnerung zu rufen. Sie find uns vertraut und doch, feit 
Deutfchland Niederlage rückt alles in andere Beleuchtung. Zuverſichtlich und froh 
meinten wir früher, die Reichsgründung habe uns einen Abſchluß gebracht, nicht 
nur innere, fondern auch Auberpolitifch; je fühner viele Deutſche fich in politischen 
Kombinationen verloren, deſto mehr wähnten fie, ſich auf fiheren Grundlagen zu 
befinden. Das Bemußtfein, das den Neichögründer felbft nie verließ, verblaßte 
Inmitten einer jüngeren Generation: Daß die Sicherheit des Neiches nichts Felt: 
ttehendes war, fondern ein Gut, daß alle Zeit argmöhnifcher Sorge bedurfte. Bekannt 
ift der Ausspruch des Fürften Gortſchakow vom Alpdrud der Koalitionen, der 
Bismarck quäle; gefahrvolle Koalitionen zu verhüten, um den Beitand des Reiches 
und feine Grenzen zu fchüten, da3 war Bismard3 Kernaufgabe. Die Maßnahmen, 


202 Die engliſch-deutſchen Bündnisverhandlungen von 1899— 1901 ufw. 


die er traf, ich faffe fie furz zufammen. Der Erwerb Elſaß-Lothringens belaitete 
das Reich von Anfang an mit der Feindſchaft Frankreichs; von dort mar Revanche 
zu erwarten und in Rechnung zu ftellen, daß jede neu gegen Deutichland fid 
erhebende Gegnerfchaft in Frankreich Stüße unt Anhang finden würde. Um jo mehr 
mußte Bigmard daran gelegen fein, ein gutes Verhältnis zum öſtlichen Nachbar zu 
Ihaffen, zu Rußland; eine ideale Löſung wäre die Aufrechterhaltung des Drei- 
faiferverhältniffes gemefen, da3 1872 Deutfchland zufammenführte mit Rußland 
und Oſterreich. Es war indeffen nur ein Augenblidserfolg; mit dem Ausbruch 
der Balfanwirren und bes rufjiichstürkifchen Krieges wurde Bismard zur Option 
zwifchen Rußland und Oſterreich genötigt; nie ift Die Schwere der Verantwortung, 
Die auf den damaligen Entfchlüffen Taftete, deutlicher geworden als in unjeren 
Tagen. Bismarck fuchte, folange wie möglich, der Enticheidung auszumeichen; am 
Ende fiel fie für Gfterreih, und nun ftand das Deutſche Reich fo da: Zu der 
dauernden Feindfchaft im Weiten mar bedingte Gegnerfchaft im Oſten gelommen; 
bedingt nicht zum mindeften durch die Gegenfäglichkeit der Orientintereflen Ruß- 
lands und des neuen Bundesgenofjen Deutfchlands, Oſterreich-Ungarns. Won bier 
an ftand es feft: Deutſchlands Zmangslage im Weiten würde allezeit eine tvertvolle 
Karte auch in Rußlands diplomatischen Spiele abgeben. Angefichts dieſer Sad 
Yage Iegte Bismard in einer bedeutfamen Denkfchrift eine Mahnung nieder, die dem 
deutichen Wolke in Fleifh und Blut überging; er lehrte, Deutſchlands Wohl fei 
mit dem Oſterreichs-Ungarns verfettet. „Das Deutfche Neich dürfe es nie darauf 
ankommen laffen, auf dem europäifhen Kontinent zwiſchen Rußland und Franl: 
reich neben dem niedergemorfenen und von Deutſchland im Stich gelafjenen Oſter⸗ 
reich- Ungarn ifoliert zurückbleiben.“ Um fo mehr ſuchte Bigmard fein 1879 mit 
Siterreich gefchloffenes Bündnis auszubauen und zu ftärfen. Hier tritt Deutjchlands 
Verhältnis zu England in unferen Gefichtöfreis. Die ganze Darftelung des Frei— 
herrn von Edardtitein durchzieht der Vorwurf, die deutfche Politik Habe jich in Be 
handlung des englifchen Bündniswerbens in fcharfen Widerfpruch gejtellt zu den 
Traditionen der Bismarckſchen Politik, die ftet3 bedacht gewefen fei, ein Bündnis 
mit England zuftande zu bringen; wir wollen darauf achten, wie meit dieſe Be 
hauptung zutrifft. 

Es ift richtig, ſchon in Verfailles ftellte Bigmard gute Beziehungen zu England 
al3 wünfchenswert hin; ja er ließ den Wunfch nad) einem Bündnis durchbliden. Das 
erfahren wir aus englifcher Quelle. Der britifche Botfchafter in Berlin Lord Odo 
Ruffell weiß davon zu berichten; England follte eine Bürgfchaft für Elfaß-Lothringen 
übernehmen. Ob dag aber fo ernithaft gemeint war? Ob nicht Bismarck jehr 
mohl wußte, daß er in England feine Gegenliebe fand? Diefes Vorgehen war wohl 
nur ein diplomatifher Trid, um in Rußland Gindrud zu machen; die Ruſſen 
follten nicht glauben, daß Deutſchland nur auf fie angewieſen fei. Erſt ala bie 
Balfanmwirren fi) anfündigten und zumal nad) vollzogener Option zwiſchen Oſterreich 
und Rußland empfand Bismard tatfächlich das Bedürfnis, England näher zu ſich 
heranzuziehen; Verſuche in diefer Richtung fegten im Jahre 1875 mit einer geheimen 
Sendung Lothar Bucher? nach Zondon ein, über deren Verlauf zur Zeit noch nicht? 
befannt worden iſt. Zu einer wichtigen Nusfprache fam e8 dann 1878 in Berlin auf 
dem Kongreß zwiſchen Bismard und Beacongfield; dabei war von einem deutſch⸗ 
englifchen Sonderabkommen nicht die Rede; wohl aber erläuterte Bigmard die Bor: 








Die englifch-deutfchen Bündnisverhandlungen von 1899— 1901 uſw. 203 


teile einer Vereinbarung mit Einbeziehung Oſterreichs; England durch feine Flotte, 
Deutihland und Oſterreich mit ihren Heeren, würben imftande fein, den Welt- 
frieden durch Jahrhunderte zu fichern. Lord Beaconzfield antwortete, Daß er 
dem Gedanken ſympathiſch gegenüberftände, er wolle alles, was in feinen Kräften 
jtände, tun, um ihn zu fördern; aber „bitte, erzählen fie Salisbury nichts davon, 
denn wenn ich al3 Anhänger dieſes Gedankens gelte, wird er ficher den entgegen 
gejegten Standpunkt einnehmen”. in Vertragsentwurf murde aufgeitellt, der ein 
mit mannigfachen Slaufeln verjehenes Defenfioverhältnig in Auzficht nahm. Bevor 
Beaconzfield jedoh an die Ausführung gehen Tonnte, gelang e8 dem Führer der 
Oppofition, Die öffentliche Meinung gegen OÖfterreich-Ungarn in der bosniſchen Frage 
jo zu erregen, daß an ein Bündnis auf diefer Grundlage nicht mehr gedacht werden 
tonnte. Bald darauf unterlag Beaconzfield in den Wahlen und ftarb. Bismarck 
ging nunmehr daran, das Ddeutich-öfterreihiihe Bündnig zum BDreibund zu er- 
weitern; das weitere Verhältnis zu England aber wurde von jener Wandlung der 
Weltlage abhängig, von der die Gefchichtöfchreibung den Beginn des Zeitalters 
des Imperialismus datiert, den Beginn des Wettitreites der Mächte um den noch 
in der Welt verfügbaren Beliß, um die Betätigung als Weltmarft. 

Es wird einmal eine höchſt dornenvolle Aufgabe werden, die Geſchichte der 
diplomatifchen Verhandlungen von 1880 bis 1890 zu ſchreiben; es find die Jahre, 
auf die Bismard fi mit der Äußerung bezog, daß ein Vorausfagen auf Tängere 
Friſt unmöglich fei; wenn er gleichwohl die Geſamtlage zu meiltern verſtand, jo 
ift feine ftaatsmännifche Meifterjchaft um fo höher anzujchlagen. Heute zwar mehren 
ih Die Stimmen, die dieſes ganze diplomatifche Spiel geißeln, und wer wird dem 
Begehr nad) einer beiferen Weltordnung widerſprechen; jeder Einfichtige aber wird 
anerfennen, dab die in der europäiſchen Staatengefelichaft überlommene Art des 
Wettbewerbes allfeitig innegehalten werden mußte. Wenn die Feinde behaupten, 
Bismard habe den Ton angegeben, fo ift da3 eine der Unmahrbeiten, die fein 
Deutſcher nathiprechen darf; richtig ift nur ſoviel, daß Bismarck angelihts der 
Schwierigkeiten, mit denen Deutjchland vor anderen zu ringen hatte, die diplomatiſche 
Kunſt zum höchften Raffinement ausbildete und damit wohl dazu, beitrug, dem ganzen 
Syſtem da3 Grab zu graben. Wir gingen von den Echwierigfeiten aus, mit denen 
das Deutfhe NReih von Haus aus zu ringen hatte; Bismard nahm e3 auf ficdh, 
troßdem den deutſchen Belititand zu erweitern, indem er dem deutſchen Volfe zum 
Emerb von Kolonien verhalf. Widerfpenitig jtand England im Wege; Bismard 
nutte deſſen Bedrängniffe, um mit dem nötigen Drud die Einwilligung zu erhalten. 
Immerhin, es hatte widerwillig nachgegeben, eine neue, dritte Gegenjätlichkeit konnte 
ih von hier aus entwideln; da fette die große diplomatische Aktion des Meiſters 
ein. Er verwies auf eine ntereffengemeinfchaft; Agypten jollte das Bindeglied 
abgeben. Der Balfanfrieg hatte nämlich den Zerfegungsprozeß des Osmanischen 
Reiches gefördert, dabei war Ägypten in die englifche Einflußfphäre geraten und in 
diefer ſollte es verbleiben. Bitter grollten die Franzoſen, weil fie Agypten für fich 
beanfpruchten; Bismarck wünſchte die Andauer dieſes Grolles und beftärfte be3- 
halb die Engländer in der Befignahme. Die AIntereffengemeinfchaft ftellte fih ihm 
folglich dar als eine gewiſſe Abhängigkeit Englands von Deutſchland, angeficht3 
der franzöfifchen Feindſeligkeit, die fich England zugezogen hatte. Gleichzeitig aber 
machte er fich eine zunehmende Verfchärfung des Gegenfates zwiſchen England und 





204 Die englifh-deutfhen Bündnisverhandlungen von 1899—1901 uſw. 








Rußland zu Nutze, zumal die Ruſſen ſich hierdurch veranlagt fahen, Anknüpfung 
in Berlin zu fuchen. Es kam 1884 ein Vertrag zmwifchen Deutſchland, Oſterreich⸗ 
Ungarn und Rußland zuftande, nach deifen Ablauf 1887 ein Rüdverficherungs: 
vertrag mit Rußland einfeitig und geheim abgefchlofien wurde. Letzterer machte 
fogar den Ruſſen das Zugeftändnis weiterer Ausdehnung. Widerſprach ſolche Aus: 
dehnung nicht aber deutichen Intereſſen und denen des Dreibundes? Sie wider: 
iprach ihnen keineswegs in Mittelafien, an Indiens Grenzen, wo im Gegenteil die 
Auffen auf die Engländer ftießen, aber fie war im nahen Orient bedenklich, auf der 
Balkanhalbinſel, denn das deutjch-öfterreichifche Bündnis bedurfte einer Flanken: 
bedung im Oſten, und feitden mar der Beitand des Osmanischen Reiches audy ein 
beutjches Snterejfe geworden. Und das war nun der verjchmißteite Teil des Bis- 
mardfchen Werkes, wie er zugunſten der Türkei tätig wurde. Er griff auf England 
zurüd und betrieb ein Abkommen zwifchen England, Oſterreich und Stalien zur 
Aufrechterhaltung des Statusquo im nahen Ortent. Mit diefem Ablommen rüdte 
England im Dezember 1889 näher an den Dreibund heran. Dieſe Vereinbarung 
machte alfo das den Ruſſen gebotene Zugeftändnis dort, wo es ftörend tar, unſchäd⸗ 
ih. Das große Sicherungsfyitem des Meiſters blieb indeffen noch unabgejchlofien, 
iolange fein feiteg Verhältnis zu einer der beiden Weltmächte Rußland oder England 
gefunden mar; nach welcher Seite hin hätte Bismard den Anſchluß am Tiebiten 
gefehen? Da bringt uns ein geheimes diplomatifches Schreiben Bismarcks, mit dem 
Hammann uns befchenkt hat, bedeutfame Auskunft; es ift ein in feiner Art einziges 
Merbefchreiben an den engliichen Premier, an Lord Salisburh, in dem der Wunid 
nach allgemeinem Zufammengeben mit England durchfcheint. Bismard dachte indeſſen 
auch hier nicht an ein deutich-englifches Bündnis, fondern an ein Bündnis des 
Dreibundes mit England. 

Wir fcheiden aus der Werkitatt des Meiſters mit bewunderndem Staunen, 
aber auch mit Bellemmung; mie follte e8 werden, wenn die Fäden dieſes Netzwerkes 
dem Meifter aus den Händen glitten? Die Tragweite des Sturzes Bismarcks 
murde nirgends rajcher ala in London begriffen; die dort einjegende Initiative 
fordert ung auf, nunmehr auch den englifchen Standpunkt und die englifchen Maß⸗ 
nahmen kennenzulernen. 

Im Ringen, das im Zeitalter des Imperialismus einſetzte, hatte England 
den Deutſchen Gewaltiges voraus: Es mat ja bereit3 eine Weltmacht. Als folde 
verfügte es über entjprechende Traditionen, über eine gefchulte Diplomatie, über 
erforderlihe Drudmittel. Sein diplomatiſches Geſchick anderer Mächte konnte den 
Vorfprung ausgleihen, den fein meltumfpannender Beſitz ihm verjchaffte, mit den 
Stüßpunften, den er bot, und den STombinationen, die er ermöglichte. Infolgedeſſen 
verfügte England über die beiten Grundlagen für jegliches diplomatiihe Geſchäft; 
e3 Tonnte nach allen Seiten in Austaufch gegenfeitiger Vorteile treten. Die eng: 
lifche Gefchäftsregel Tautete: Benefits me, benefits you. Allerdings, wie alles 
Gute in ber Welt feine Schattenfeiten hat, fo hatte auch die englifche Weltftellung 
ihre Schwächen: Der Umfang des Beſitzes vervielfältigte die Reibungsflächen. Den 
Gefahren planmäßig zu begegnen, hatte Die auswärtige Leitung Grundregeln aus 
gebildet, die ſich vererbend insgefamt in ber Forderung der Sicherung bes britifchen 
Beſitzſtandes gipfelten. Wenn gleichwohl die auswärtige Politik Englands von 
1870 an in ein Stadium der Unficherheit und des Schwankens eintrat, fo lag es 


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Die englifch-deutfhen Bündnisverhandlungen von 1899—1901 ufw. 205° 


daran, dab die Veränderungen in der Weltlage einjchneidend genug waren, um 
neue Vorkehrungen zu bedingen; ingbefondere Deutichland griff in die Kreiſe der 
englifchen Diplomatie infofern ftörend ein, als es in der Mitte Europas eine ftarfe 
Militärmacht errichtete, während eine der englifchen Grundregeln lautete: England 
habe gegen jede Militärmacht auf der Hut zu fein, die von dort her eine Vorherr- 
ihaft erlangen könnte. Darunter wurde verftanden, daß fein Bündnisſyſtem zu 
dulden war, daß Englands in Europa verankerte Weltitellung bedrohte; um feinen 
Preis durfte Napoleons Verſuch fi) wiederholen, England vom Kontinent abzu- 
iperren. Wie follte man fi) da mit der Deutfchen Reichsgründung abfinden? Die 
Anfichten der politifchen Parteien gingen feharf auseinander. Die Liberalen wollten 
vorbeugen, und nahmen von Anfang an eine deutjchfeindliche Haltung ein; es ber- 
dient gewußt zu werden, daß der englifche Liberalismus von der Gründung des 
Reiches an als erſtrebenswert die politifche Kombination ins Auge faßte, die ung 
zum Verhängnis wurde: Ein Zufammengehen Englands mit Frankreich und Ruß— 
land. Anders die Sconjervativen, die den Hauptgegner in Rußland ſahen und e3 für 
zweckmäßig bielten, Deutfchland für eine Frontjtelung gegen Rußland zu gevinnen; 
jobald Deutfchland fi im Gegenfat gegen Rußland befand, war ja auch die Ge- 
fahr einer deutſchen Vormachtsſtellung überwunden. Dieſen Standpunkt hatte Lord 
Beaconsfield eingenommen. Sole Erwägungen machen es begreiflich, worin 
Bismarda folgendes diplomatifches Spiel den Engländern mißfiel; das übelfte mar, 
daß er die Führung an fih riß. Den Liberalen war dieſe Tatfache Anlaß genug, 
an ihrem Vorhaben feitzuhalten; Hingegen meinten die Stonjervativen von 1885 an 
unter der Zeitung Lord Salisburys, daß nichts zur Entfcheidung dränge; Deutich- 
lands erponierte Zage erlaube ein ruhiges Abwarten. Dieſe Haltung des Abwartens 
empfahl fi um jo mehr, je deutlicher gegen Ende der achtziger Jahre die Bildung 
einer anderen Mächtegruppe in Sicht trat; Rußland und Frankreich näherten fich, 
um ein Gegengewicht gegen den Dreibund zu bilden. Hielt England fich zurüd, fo 
fonnte e3 zu rechter Zeit ein Zünglein an der Wage zwiſchen den beiden Mächte- 
gruppen bilden; mit dieſer Auzficht vor Augen, ift das Wort von der glänzenden 
Iſolierung geprägt worden. Inzwiſchen war jede Feitigung der Front gegen Ruf: 
land auch ein englifches Intereſſe, daher deffen Bereitwilligfeit zur Anlehnung an 
den Dreibund; eine fejtere Bindung aber lehnte Lord Salisbury in feiner Antwort 
auf Bismarcks Schreiben höflich ab. Bismarcks Sturz öffnete plötlich neue Mög- 
lichfeiten; wie wenn e3 gelang, einen Seil zwifchen Deutjchland und Rußland zu 
treiben? Das war der Hintergedanfe bei jenen Verhandlungen, Die im Sanfibar- 
vertrag einmündeten, der ung befanntlich Helgoland brachte. Es ift intereffant, aus 
franzöfifcher Quelle zu hören, wie, die englifche Diplomatie gleichzeitig noch in 
anderer Weije arbeitete; es fei hier vorausgeſchickt, daß Reichskanzler von 
Saprivi den NRüdverficherungsvertrag mit Rußland kündigte, womit er das letzte 
Hemmnis für den Abſchluß einer ruſſiſch-franzöſiſchen Entente befeitigte. Hier 
jegte der Prinz von Wales bei feinen häufigen Barifer Beſuchen ein, um, wahrjchein- 
ih von feinen ruſſiſchen Verwandten unterrichtet, Diefen Abſchluß zu fördern. Es 
geihah, um eine Annäherung Deutfchlands an Rußland zu erfchweren. So ift eg 
alfomit der urſprünglichen Deutfchfreundlichkeit des fpäteren König Eduard, welche 
Eckardtſtein aus perfönlichem Verkehr mit dem hohen Herrn rühmt, nicht fo weit 
her; wohl aber bezeugen Edarbtfteing Erinnerungen von neuem bie große Kunſt ber 


206 Die englijdedentiben Bündnisverhandlungen von 1899—1901 ufw. 


Menſchenbehandlung, über die diefer Fürft verfügte Der engliiche Premier ver: 
fuchte dann Deutfchland ganz ins englifche Fahrwaſſer zu ziehen; das mißglüdte ihm. 
Caprivi lavierte vorfichtig aus den englifchen Gewällern wieder heraus. Inſofern 
war Bismarcks Beforgnis, er werde ſich von England beſtricken Iaffen, unbegründet; 
Dafür hat fie uns einen denktwürdigen Ausfpruch des Meijter über die Behandlung 
des englijchen Problems eingebracht, einen Ausſpruch auf Grund feiner letzten Er— 
fahrungen, der Edardtitein entgangen ift. Er lautet: „England ift unjer gefähr- 
lichiter Gegner. Es hält fich für undefiegbar und glaubt, Deutjchlands Hilfe nicht 
zu brauchen. Es hält ung noch nicht für ebenbürtig, und würde nur ein Bündnis 
unter Bedingungen jIchließen, die wir nie annehmen können. Bei einem Bündnis, 
das wir fchließen, müflen mir den ftärferen Zeil bilden.“ Bald hernach mechjelte 
das Bild; jett erſt begann in der Gefchichte der englijchen Diplomatie das Kapitel, 
in welches das Bündniswerben um Deutſchland hineingehört. 

Das Ereignis, au dem alles weitere hervorging, war die Einbeziehung Oſt⸗ 
aſiens in das Bereich der Weltpolitik; der Ausbruch des Krieges zwiſchen China 
und Japan gab den Anlaß. Sobald das ſiegreiche Japan den Preis forderte, trat 
die Wirkung hervor: Die Diplomatie der Großmächte fündigte ihre Stellungnahme 
an. Infolgedeſſen wurde das vielmajchige Net der Diplomatifchen Beziehungen 
noch vermwidelter; neue Aufgaben, neue Gegenfäte fündigten fich an. Unmittelbar 
intereffiert waren England und Rußland, erfteres bedacht, fih ein überfommenes 
Ssnterefjengebiet zu wahren, lettere3 angeregt, fich ein neues zu eröffnen.. Für 
England war der chineſiſche Markt von fo großer Bedeutung, daß ihm Eingriffe, 
Die dem Handel die offene Tür ſchloſſen, unerträglidy dünkten; für Rußland kam 
die Möglichkeit in Betracht, feinen Ausdehnungsdrang nad) dem fernen Oſten zu 
richten, um dort das Geftade des Stillen Ozeans zu erreichen. Der Beginn eines 
neuen Kurſes der ruſſiſchen Politif wurde durch den Thronmechfel begünftigt, der 
1894 den Zaren Nikolaus auf den Thron brachte. Was bedeutete das für Deutic- 
land? Den Entfchluß zu einer neuen Orientierung, die den Maßſtab für das 
folgende Verhalten der deutfchen Diplomatie bilden muß. Bismard hatte aus: 
Ihliegli die Sicherung des Reiches in den Mittelpunft geftellt; jet begann man 
e3 für möglich zu halten, Mittel und Wege zu fchaffen, um Deutjchland einen Platz 
an der Sonne zu bereiten. Der Drud des gefährlichiten Nachbarn, des ruſſiſchen, 
berjprach in dem Maße nachzulaffen, in dem Rußland im fernen Often engagiert 
murde; daran galt e8 anzufnüpfen. E3 galt, Rußland auf dem neuen Wege zu 
fördern und feitzuhalten; dann milderte ſich auch der Drud vom Weiten und Deutſch⸗ 
land fonnte endlich einmal frei aufatmen. Es mar, ald begänne eine neue Ara, 
wenn der Staifer programmatijch ankündigte: „Aus dem Deutichen Neid} ift ein Welt: 
reich geworden. An Sie, meine Herren, tritt die ernfte Pflicht heran, dies größere 
Deutfche Reich auch feit an unfer heimifches zu gliedern.” Dazu bedurfte eg einer 
Weltpolitil; auch hier gab der Kaiſer die Richtlinien an gelegentlid einer Zu: 
fammenfunft mit dem Zaren: „Sn völliger Übereinftimmung — fagte er — mit 
feinem geliebten Nachbarn und Vetter ginge fein Beſtreben dahin, Die gefamten 
Völker des europäiſchen Weltteild zufammenzuführen, um fie auf der Grundlage 
gemeinfamer Intereſſen zu fammeln zum Scyuße unferer beiligften Güter.” Schub 
der heiligften Güter, das mar Schub gegen die gelbe Gefahr, aber etwas anderes ftedte 
dahinter: Ein Programm deutfcher Weltpolitik, dem die gelbe Gefahr nutzbar ge 


Die enalifch-dentichen Bündnisverhandlungen von 1899—1901 uſw. 207 


macht werben jollte, und in den Keimen vielleicht ſchon die dee eines Kontinental⸗ 
bundes unter deutfch-rufjifcher Führung. Das befreundete Rußland würde das 
grollende Frankreich mit fich ziehen; die Franzofen, die ſich über Rußlands 
„Defertion nach Afien“ bejchwerten, würden dem Drud der Verhältniſſe weichen 
müfjen. Eben dieſes Programm aber hatte weltpolitifch die Wirkung: Es be> 
drohte das britifche Reich bis in die Grundfeiten. 

Hier wird es augenfcheinlich, was unfere deutſche Kriegzliteratur zumeift 
nicht wahrhaben mollte: der deutfch-englifche Gegenſatz mwurzelt in der Weltpolitik. 
Die engliihde Diplomatie mitterte: Hier ballten fich ſchwere Gewilterwolken zu: 
ſammen, eine Kombination trat in Sicht, wie fie feit Napoleons Tagen nicht bedroh: 
licher gemwefen; es galt Gegenminen zu legen. Jetzt mar aud) für Lord Salisbury, 
Der eben mwieder ang Ruder fam, die Zeit des Abwarten? vorüber. Und das wurde 
nun GSnglands Aufgabe: Das Vordringen Rußlands nah DOftafien aufzuhalten, um 
es nad) dem nahen Orient zurüdzulenten; gelang dies, jo war die Gefahr beſchworen. 
Wie das erreihen? Lord Salisbury begann fein Spiel, indem er eine neue Karte 
ausſpielte: Er gab das osmaniſche Reich preis. Er hätte es nicht vermocht, ohne 
Ägypten feft in Händen zu haben; jett nubte er England3 dortige Bofition, zu 
der Bismard verholfen, meltpolitiih aus. Und jo ereignete fich dieſes: Als der 
Kaifer im Sommer 189 zur Regattawoche in Comes eintraf, unterbreitete ihm 
Salisbury in perfönlicher Audienz den Vorjchlag einer Teilung der Türkei zwiſchen 
England, Deutihland und Oſterreich-Ungarn. Der Hintergedanfe bei Diejem 
„genialen Plane”, wie ihn Edardtftein nennt, war, einen Srieg über die armenijchen 
Greuel zu entfeſſeln, die deutſch-ruſſiſche Freundſchaft ein für allemal zu fprengen, 
den Ruſſen fo viel in Europa zu fun zu geben, dab fie an DOftafien nicht mehr 
denken könnten. Der Kaifer lehnte fchroff ab, ja die deutſche Regierung ermiderte 
den Zug, indem fie England an empfindlichſter Stelle zu treffen verfuchte; es 
geichah durch eine PBarteinahme für die Buren Transvaals. Der Kaijer fchrieb an 
den Zaren: „Komme, was da will, ich werde den Engländern niemals erlauben, 
Transbvaal zu wmterdrüden.” Aus diefer Stimmung erflärt fi das befannte 
„Krügertelegramm”; es war ald Ankündigung einer internationalen diplomatijchen 
Aktion gegen England gedacht. Aber auch der deutfche Gegenzug blieb wirkungslos, 
zumal weil Rußland fi) der in Berlin in? Auge gefaßten Aktion verjagte. Immer— 
bin waren die Beziehungen zmifchen England und Deutſchland nie gejpannter 
geweſen, ala in den Jahren 1895—97. Erſt im Frühjahr 1898 änderte ſich das 
Bild; die englifhe Diplomatie zog plößlich andere Seiten auf und begann, mit 
dem Bündniswerben in Berlin. 

Unfer Einblid in die Weltlage macht den Boden erfenntlich, in dem dieſes 
Werben mwurzelte: England blieb einer drohenden politifchen Kombination gegen- 
über, die e8 zu fprengen ſuchte. Ja feine Verlegenheiten mehrten fih: Der Buren- 
krieg begann ſich anzulündigen und in einem anderen Teile Afrifas drohte ein Zu- 
jammenftoß mit den Franzofen. Sprengverfuche wurden fowohl in Petersburg wie 
in Berlin gemadt; ein Fehlichlag in Peteröburg ging wohl bemerkt dem Angebot 
voran, das im März 1898 dem deutfchen Botfchafter in London gemacht murde. 
Die engliiche Diplomatie arbeitete hierbei in der :Weife, daß im Kabinett zwei 
Gruppen fi ſchieden, von denen die eine unter Führung des Kolonialminiſters 
Sofef Chamberlain Fühlung mit Deutjchland fuchte, während die andere unter dem 


208 Die englifh-deutfchen Bündnisverhandlungen ron 1899-— 1901 uſw. 





Premier ſich die anderen Möglichkeiten offen ließ. Chamberlain regte den Abſchluß 
eines deutjch-englifhen Vertrages an, der ein enges Zufammengehen beider Mächte 
in allen afuten Weltfragen zur Folge haben folltee In erjter Reihe kam für ihn 
die hinefifche Frage in Betracht, wo er zu gemeinfamer Frontitellung gegen Rußland 
einlud; als befondere Zodipeife für Deutfchland bot er Maroffo, auf dag nur aud 
Ihon wieder Frankreich begehrlich feine Augen geworfen hatte. Es wur eıne Nach— 
ahmung der Bigmardichen Methode: Wie Diefer Ägypten zur Verfügung gefellt 
hatte, um einen englifch-franzöfifchen Gegenſatz zu fehaffen, jo follte Maroffo den 
deutſch-franzöſiſchen Gegenſatz verfchärfen; der Unterfchied lag aber darin, daß 
Marokko für Deutichland ein nicht zu verteidigender Außenpojten bleiben mußte, 
während Ägypten fih in dag große indifche Verteidigungzfpftem einfügte. Graf 
Hatzfeld äußerte gegen Chamberlain das Bedenken, e3 jei für da3 parlamentarife 
regierte England ſchwer, genügende Bürgihaft für ein Bündnis zu bieten; er 
dachte dabei an die deutſch-feindliche Haltung der englifchen Liberalen, falls dieſe 
wieder ang Ruder fümen. Chamberlain beichwichtigte: Das Parlament könnte zur 
Genehmigung herangezogen werden; ein Ausweg, Der auch nur wieder im eng: 
liſchen Sntereffe lag, weil damit dag Einvernehmen aller Welt verfündet und der 
Abbruch der Brüden nad) Rußland die Folge geweſen wäre. Was fagte man aljo 
in Berlin? Die Aufnahme des Angebots erflärt fi) daraus, daß in ihm dad 
Streben verborgen war, Deutichland aus einer zur Zeit günftigen Lage herauf 
zudrängen. Bei jedem Bündnisangebot fprechen doch Zeitpunkt und Begleit⸗ 
umftände mit; nichts war da, um eine Veränderung des Kurſes zu rechtfertigen. 
Es mar auch kein Ablommen, wie Bismarck es geplant hatte; die von England 
angedeutete Grundlage verlegte offenfichtlich den Schwerpunkt aus Curopa hinaus, 
wo ficherlicd England der jtärfere Teil war. Und auch fo war es nicht, dag man 
etwas Feites abzulehnen meinte, um fich dafür etwas Unficheres zu wahren: Die 
Gewähr, dab Rußland bei feiner oftafiatifchen Politik verharrte und demgemäß auf 
den Drud im nahen Oſten verzichtete, war auch etwas Feſtes, und es läßt fih an 
nehmen, daß dieſe Gewähr vom Zaren in Antivort auf jenes Schreiben bes Kaiſers 
geleiftet worden fein wird, in dem dieſer vom englifchen Angebot Mitteilung machte 
und den Zaren dringlich aufforderte, ihm zu fagen, mas er feinerjeitö zu: bieten 
habe. Somit fam bie Aufgabe der deutichen Politit darauf hinaus, auszumeiden, 
ohne abzulehnen; eine Beſeitigung der aluten Spannung mar ja auch im deutſchen 
Intereſſe gelegen. Hier fette die diplomatifche Leitung des Staatsſekretärs von 
Bülow ein, der entgegen der Annahme Edardtiteing, doch auch wohl wußte, mad er 
wollte, nämlich ein Vorwärtsgehen auf dem eingefchlagenen Wege. Es follte nur 
behutfamer gefchehen, denn das Leitmotiv des Staatsmannes, der das deutſche 
Staatsfhiff von da an in verantwortungsvollſten Jahren zu lenken unternahm, 
war Diefes: Deutfchlandg Anerkennung als Weltmacht im Frieden zu erreichen. Tie 
Erwägung ftand dahinter, dag Riſiko eines Krieges fei zu groß, Deutjchland h 

dabei wenig zu gewinnen und gar viel zu verlieren; fo wie in Bismarcks Zeiten 
würde e3 nie wieder gelingen den Krieg zu Iofalifieren, weil keine der anderen Mächte 
den Deutichen einen Machtzumachg auf fremde Koften gönnen würde. Das Geſpenſt 
eines Weltkrieges fchredte und legte Zurücdhaltung auf. Die Bündnispolitit Bülows 
ftand Damit unmittelbar im Zufammenhange: an einen Ausbau bes Bünbnigiyitems, 
wie Bismard ihn biß zulegt geplant hatte, ließ fich unter den veränderten Umftänden 


Die englifh-dentfhen Sändnisverhandlungen von 1899— 1901 uſw. 2909 
nicht mehr denken. Der Weg zu einem deutfcherufiifchen Bündnis war durch bie 
Kündigung des Rüdverficherungsvertrages und die darauf folgende rufjifch-fran- 
söfifhe Entente verfperrt; die dee eines Stontinentalbundes aber barg in erhöhtem 
Maße die Gefahr in fich, eine Gegenaltion England mit allen Drudmitteln englifcher 
Diplomatie auszulöfen. Warum aber dann nicht ein Bündnis mit England fuchen? 
Weil e3 zur Genüge bereits erfichtlich geworden war, daß ein folches unter annehm⸗ 
baren Bedingungen ſchwerlich zu haben war. Einen Anſchluß Englands an den 
Dreibund hatte ja Salisbury bereits abgelehnt und die Art und Weiſe, in der 
er nachher Deutſchland zur Teilung des osmaniſchen Reiches heranzuziehen gefucht 
batte, deutete darauf hin, daß Deutichland Verwendung finden follte, um Rußland 
zu ſchwächen, um in einen Srieg mit ihm hineingetrieden zu werden, in deſſen 
Berlauf es England jeder Zeit frei blieb, feinen Bundesgenoffen in Stich zu laſſen. 
Deshalb empfahl fich jenes Vorgehen, das ala Politit der freien Hand bezeichnet 
morden ift, das Lapieren zwiſchen Rußland und England, bei dem nur bafür zu 
jotgen war, daß fich Die ruffifche Ausdehnung nach Oftafien ungehemmt vollzog; dann 
— ſo vertraute man — würde die Zeit für Deutfchland arbeiten. „Wer zu warten 
weiß, der erreicht alles”, heißt es in einem Schreiben des SKaifer an den Zaren; 
das Klingt nach einem Bülowſchen Wahlfprud. Die Wartezeit follte genügt werden, 
um das beutfche Gewicht durch maritime Nüftungen zu verftärken; im Verkehr mit 
England ließ fie ſich vorerft Durch Toloniale Gefchäfte ausfüllen, womit Deutichland 
feinen Befitftand vermehrte und gleichzeitig Fühlung mit England aufrecht erhielt. 

Der englifche Vorftoß mar mißlungen; es leuchtet ein, daß man ihn miebder- 
holen würde. Der Burenkrieg wurde zur Tatfache; die Engländer hatten jett eine 
Sinmifchung der Großmächte zu beforgen. So gingen fie auf die kolonialen Ge- 
Ichäfte ein, obwohl innerlich widerjtrebend. Das Ablommen mit Deutfchland über 
die portugiefifchen SKKolonien wurde fogleich, Durch ein geheimes mit Portugal ers 
gänzt, das die an Deutjchland gemachten Augeftändniffe aufhob. Die. Verbands 
lungen über die Samoa⸗-Inſeln führten erit nach fchärfften Reibungen ans Ziel. 
Chamberlain mar gleichwohl bemüht, die Fühlung in der Bündnizfrage aufrecht- 
zuerhalten; vielleicht gelang e8 doch noch, Deutfchland zu gewinnen. inmitten der 
Samoaverhandlungen fette er die Erörterungen über ein Bündnis geſprächsweiſe 
fort, und bann erfolgte von Berlin her ein Schritt, der eine Klärung in Augficht 
ftellte. Nach Jahren der Entfremdung entichied fich der Kaifer zum erften Male 
wieber im November 1899 feiner Großmutter einen Befuch in England abzuftatten, 
in feiner Begleitung befand fich der Leiter des Auswärtigen Amtes v. Bülow. Der 
Entſchluß wurde von den Engländern um fo höher gewürdigt, als der Beginn bes 
Burentrieges Englands Anſehen empfindlich bloßgeftellt und die deutſche öffentliche 
Meinung mit Leidenfchaftlichkeit Partei für die Buren genommen hatte Bülow 
hatte den Kaiſer beraten, die Reife gleichwohl anzutreten, weil eine Gefahr darin 
lag, daß, England im Gefühl der Verlaffenheit zu Zugeftändniffen an die Entente 
genötigt werden könnte. Auf diefe Weife kam es zu mündlicher Ausſprache zwiſchen 
Bülow und Chamberlain. Salisbury entjchuldigte ſich mit ſchwerer Erkrankung 
feiner rau, die tatfächlich bald hernach ftarb; die Tragweite der Mitteilungen 
Chamberlaind wurde dann allerdings noch vor der Lnterredung durch bie An⸗ 
fündigung begrenzt, Chamberlain würde nicht im Namen des Rabinett3 jprechen, 
fondern nur feine perfönlichen Anfichten — Als ſolche legte Chamberlain 


Grenzboten III 1920 14 







210 Die englifh-deutfhen Bündnisverhandlungen von 1899—1901 uſw. 


bar: ihm erfcheine ein englifch-deutfches Bündnis mit Hinguziehung der Ameri- 
fanifchen Union wünſchenswert. Bülows Befcheid Tautete: Auch er habe bereits 
diefe Kombination, die auch in den intellektuellen reifen Deutſchlands Sympathien 
fände, als erftrebenämwert erwogen. Seine Bedingungen aber lauteten: das ganze 
Kabinett müffe die Idee billigen, auch die Oppofition müffe in gewiſſem Ein- 
vernehmen fein, die öffentlihe Meinung in beiden Ländern müſſe entjprechend 
beeinflußt werden, vor allem aber: da3 Bündnis dürfe feine Spitze gegen irgendeine 
andere Macht richten. Auf die Erwähnung der öffentlihen Meinung fragte 
Chamberlain erftaunt, ob es in Deutfchland überhaupt eine gäbe, welche eine Macht 
befite; Bülow erwiderte, daß eine folche beftände, nur nicht fo gut bifzipliniert 
wie in England. Die Staatsmänner fchieden voneinander in verbindlichen Formen; 
fachlich war die englifhe Regierung unterrichtet, daß die deutſche im Entſchluß, fih 
nicht gegen Rußland vorſchieben zu laſſen, feft blieb. Für Chamberlain mar das 
eine Enttäufhung, Die aber infofern wettgemacht wurde, ala Bülow kurz darauf 
von Berlin her willen ließ, Deutſchland werde ſich auch feiner Kombination an- 
chließen, welche ihre Spite gegen England menden mürde; ein vertrauliches amt- 
liches Schreiben, dag Edardtitein veröffentlicht, Tautete: „Die Regierung Seiner 
Majeftät werde fich, vorausgejegt natürlich, Daß die deutſchen Intereſſen von eng: 
Tifcher Seite gejchont würden, von jeder gegen England gerichteten Fontinentalen 
Gruppierung fowie von jeder Kollektivaktion, die England Verlegenheit bereiten 
fönnte, fernhalten.” Demgemäß ftieß tatfächlich eine Sondierung von Peterd- 
burg und Paris her, ob Deutfchland mit diefen Mächten gemeinfame  Sphritte. zur 
Beendigung des Burenkrieges zu tun geneigt ſei, auf feine Bereitwilligfeit. Bei 
diefem Stande der Dinge blieb es, bis im Jahre 1900 englifcherjeit3 eine unver⸗ 
ftändliche Provokation erfolgte: die Feſtnahme deutſcher Poftdampfer durch die 
englifche Flotte; Bülom antwortete darauf zur Beſchwichtigung unferer aufs äußerite 
ertegten öffentlichen Meinung im Reichstag in einer jo brüsken Nede, daß es fchien, 
als ftände der Abbruch der diplomatifchen Beziehungen vor der Tür. Bedarf es der 
Erwähnung, dab Edardtftein auch wieder die Schuld auf deutſcher Seite fieht? 
Die engliſch-deutſchen Bündnisverhandlungen traten in das letzte Stadium, 
als der Burenfrieg zu Englands Gunſten zu Ende ging und im fernen Often Kriegs— 
wolfen ſich zufammenballten. Es wurde immer deutlicher, daß Rußlands Xor: 
dringen mwachfende Unruhe in Tokio hervorrief; die Möglichkeit einer Eriegerifchen 
Verwicklung wurde größer. In England wirkte Deutſchlands Abneigung, ih als 
Schildfnappe in englifchen Dienften verwenden zu laſſen, dahin, daß man einen 
friegerifchen Konflikt zu verhüten wünſchte; Lord Salisbury verfuchte, ob ſich nicht 
ein Kompromiß finden Tieß, der Englands Intereſſen in Oftafien einigermaßen 
ſicherte. Er machte den Vorſchlag, den ruſſiſch-engliſchen Gegenſatz durch eine 
Teilung nach Intereſſenſphären in China zu löſen, und fand injofern günjtigen 
Boden, al3 den Ruſſen daran gelegen war, England und Deutfchland auseinander: 
zuhalten. Am Ende übermog in Petersburg aber ˖doch der Eroberungsdrang jede 
Verftändigungsmöglichkeit; der friebliebende Zar wurde durch die Großfürften- 
klique überftimmt. Unter diefen Umftänden erfolgte das letzte Bündnismwerben In 
Berlin, weil die englifhe Diplomatie um die Vervollftändigung ihrer diplomatiſchen 
Rüftung beforgt war und ſich deshalb endgültig vergemwiffern wollte, ob mit Deutich- 
land in ihrem politifchen Syſtem zu rechnen war oder nicht. So erflärt fi) das 


Die englifch-deutfchen Bündnisverhandlungen von 1899—1901 uſw. 211 


weitere Vorgehen Chamberlains, der gemeinfam mit dem Herzog von Devonfhire 
zur Stellungnahme drängte; am 16. Januar 1901 gaben beide Staatömänner im 
Schlofie des Herzogs in ber Bibliothek nady dem Efjen dem Botfchaftgrat von Edardt- 
ftein folgende Erklärung ab: „Die Zeit der glänzenden Iſolierung ift für England 
vorüber. England ift gemwillt, fämtliche noch offenen ragen in der Weltpolitik, vor 
allem die chinefifhe und maroffanifche, gemeinfchaftli” mit der einen oder der 
anderen zur Zeit beftehenden europäifchen Völlergruppen zu löfen. Wohl werben 
bereit3 innerhalb des englifchen Kabinett? Stimmen laut, die einen Anſchluß Eng- 
lands an den Zweibund (Franfreih und Rußland) befürworten. Wir aber gehören 
zu denjenigen, welche einen Anfchluß an Deutſchland bzw. den Dreibund vorziehen 
würden. Sollte fih aber berauzftellen, daß ein Anſchluß an Deutſchland nicht 
möglich ift, jo würden auch wir ein Zufammengehen mit Frankreich und Rußland 
felbft unter den ſchwerſten Opfern, wie 3. B. von Maroflo und Perfien, in3 Auge 
faffen.” Chamberlain madte dann noch einige vertrauliche Vorſchläge über die 
Behandlung der einzelnen zu regelnden ragen, insbeſondere der maroflanijchen. 
Die Beiprechungen hierüber erfuhren einen Aufihub durch den Tod der Königin 
Tiktoria; von Berlin kam Weifung, abzumarten, bi3 die Engländer auf die 
Bündnisfrage zurüdlämen. Das taten fie nicht; fie verfuchten vielmehr in anderer 
Weiſe Die Deutfche Regierung zur Ausfprache zu bringen. Am Abend des 17. März 
wandte fich nad) einem Diner der neue Staatsſekretär Lord Lansdowne plötzlich an 
Eckardtſtein mit der Anfrage, ob er glaube, daß die deutſche Regierung fich eventuell 
dazu verstehen würbe, in Gemeinfchaft mit England einen vielleicht bevorftehenden 
japanifcheruflifhen Srieg zu lokaliſieren. Cdarbtftein war es, der jet entgegen 
feiner Inſtruktion au3 Sorge vor dem ntrigenfpiel der ruflifch-franzöfifchen Diplo- 
matie die Bündnisfrage aufbrachte, indem er Lord Lansdowne — das find Edarbt- 
fteing eigene Worte — einen Träftigen Wink gab: Deutfchland würde eine folche 
Zuſage ohne meiteres geben können, falls ein Defenfivbündnig beftände, das fich auf 
alle Möglichkeiten eritrede. Lord Lansdowne nahm diefen Gedanken auf; ebenfo 
sing er auf Edardtiteing weiteren Vorfchlag ein, Japan zu dieſem Bündnis binzu- 
zuziehen. Was geichah jet in Berlin? Man ift ſich bewußt getvefen, mas auf dem 
Spiele ftand; der gegenwärtige Zeitpuntt — fchrieb Holftein an Edardtftein — ift 
bon entjcheidender Bedeutung. „Beide, England mie Deutfchland, ftehen vor einer 
Weichenſtellung.“ War aber die Verfuchung ftärker geworden, den von England 
geiwiefenen Weg einzufchlagen? Was bot England in Wahrheit? Widerfprach nicht 
ein Zufammengehen mit England in Oftafien nach wie vor den Richtlinien deutfcher 
Weltpolitik? Und mas leitete England für Deutfchlands eigene Sicherheit? War 
irgendeine der von Bülom an Chamberlain als Vorausſetzung eine® Bündniſſes 
geitellten Bedingungen erfüllt? Bülows Inſtruktionen liegen nicht vor, und Hol: 
ftein übermittelte ganz gewiß nicht an Eckardtſtein die letzten Hintergedanken der 
deutfchen Staatamänner, fondern nur das, was ihm zweckmäßig erfchien; infolge 
deſſen bleibt dag Material zur Beurteilung dieſes entfeheidenden Abfchnittes unvoll- 
ſtändig. Hier aber halte ic) Bülows Auskunft in feinem Rechenfchaftsbericht von 
1913 für vollwertig: Er lehnte ab ‚weil er ſich nicht gegen Rußland vorfchieben laſſen 
wollte, und unfer Überblid lehrte, welche Erwägungen bahinterftanden. Die 
Drohung Chamberlains, er werde andernfalls Anfchluß an den Zmeibund befür- 
werten, hielt man in der damaligen Zeitlage mit Recht für Bluff: eine englifch- 
14* 


212 Die englifh-deutfhen Bündnisverhandlungen von 1899— 1901 ufıw. 


ruſſiſche Verſtändigung diefer Art mar folange ausgefchloffen, wie Rußland im 
Vormarſch nach dem Stillen Ozean verharrte. Übrigens glaubte man auch gar nicht 
recht an ben Ernit des Verſtändigungswillens Englands, folange Lord Salisbury 
am Ruder war; Holftein warnte: Man müffe fich abmartend verhalten, er fei fonit 
imftande, außzupofaunen, baß wir eine Allianz gegen Rußland angeboten 
haben. Ob dann die von Holitein angewiejenen Bündnisverhandlungen nicht? ala 
ein Scheinmanöper waren? Dem Steht Hammanns Auskunft gegenüber, Holftein habe 
im Ernſt auf eine Verftändigung hinauskommen wollen. Und fo mag es fein, daß Hol: 
ftein juchte, indem er eine Grundlage vorfchlug, die für Deutichland annehmbar war, 
infofern fie Englands oftafiatifchen Intereſſen und Deutſchlands Tontinentalen gleid- 
zeitig Rechnung trug. Er fchlug por, die Annäherung nicht als ein deutfch-englijches 
Bündnis zu ftempeln, jondern es doch noch einmal mit einer Angliederung Eng: 
lands an den Preibund zu verfuhen; um dies beſonders zum Ausdrud zu 
bringen, follten die Verhandlungen über Wien geführt werden. Es war dies nidt, 
wie Eckardtſtein anzunehmen fcheint, eine Geheimratslaune, fondern im Grunde 
nichts ala ein Zurüdgreifen auf Bismarcks Richtlinien. Aber dieſes Gegenangebot 
war für England unannehmbar geworden, weil es doch inzwiſchen auf die Flanken: 
dedung des Dreibundes verzichtet hatte, ja jein Intereffe darin fah, Die Ruffen nad 
dem nahen Orient. zurüdzulenten. Der Hiftorifer gelangt hier zur Feititellung: 
Die Unvereinbarkeit deutfcher und englifcher politifcher Antereffen drang in der 
Geſtalt auf die Oberfläche, daß Deutichlands Eontinentale Sicherung Yorderungen 
bedingte, die mit Englands weltpolitifchen Intereffen in Gegenfab traten. Am 
Ende kam e8, wie es nicht anders kommen konnte; die Verhandlungen verliefen im 
Sande. Den Ausflang bildeten englifche Indiskretionen, welche von London bet 
über Rom die Ruſſen von Deutſchlands Gegenangebot unterrichteten. 

Hier endet die Gefchichte der Bündnisverhandlungen, nicht aber die polttifche 
Aktion, in deren Zufammenbang fie hineingehören. Wir erinnern una, bie Bor: 
ausfegungen beutfcher Weltpolitit maren in Hinblid auf Die meltpolitiiche Lage 
durch) Rußlands Vorſtoß nach Oftafien gegeben, den Deutfchland nicht anregte aber 
förderte; dieſer fchuf eine deutjchruffifche Antereffengemeinfchaft, Die es Deutſch⸗ 
land erlaubte, fi zwiſchen den Weltmächten hindurch den Weg in bie Welt zu 
bahnen. Die deutſche Politik forgte, daß dieſe Gemeinschaft Durch Feine kriegeriſchen 
Reizungen gejtört würde; da war es für Deutfchland ein Ereignis von erfchütternder 
Tragik, daß alsbald nach Erledigung des englifchen Bündniswerbens der deutſch⸗ 
ruſſiſchen Freundichaft die Grundlage entzogen wurde. Es kam, um es ganz kurz 
zuſammenzufaſſen, jo: Der ruffiich-japanifche Krieg nahm einen ganz unerwarteten 
Gang und endete mit Rußlands Niederlage. Die deutfche Diplomatie blieb nicht 
müßig: Bülow riet zu rechtzeitigem Friedensſchluß, um Rußlands Anfehen und 
Kräfte möglichit zu bewahren; ber Kaifer nutzte den Groll des Zaren gegen das 
hinter Sapan ftehende England aus, um ein Bündnis anzutragen, mit dem bet 
don ihm wohl nie ganz au den Augen verlorene Plan bes SKontinentalbundes 
fich verwirklichen follte. Der Kaifer ſchrieb: „Der von Amerika flankierte Kontinental⸗ 
bund ift das einzige Mittel, den Weg wirkſam zu blodieren, der bahin führen würde, 
daß die ganze Welt John Bulls Privatbefig wird.” Der Zar mar zugänglich und 
bei einee Zufammenfunft der Monarchen wurde ein Vertragsentwurf aufgeftellt; 
wie aber konnte Rußland den franzöfifchen Bundesgenoffen auf einem Wege mit 


Die englifh-deutfhen Bündnisverhandlungen von 1899 — 1901 ufw. 913 


fich ziehen, der nicht einmal ihm felbft ein erſtrebenswertes Ziel vor Augen ftellte? 
Die Verfperrung des Weges nach dem fernen Ojften hatte vielmehr die Wirkung, den 
ruſſiſchen Ausdehnungsdrang nach dem nahen Dften zurüdzulenten, wo die alten 
Neibungsflächen zmifchen Rußland und Deutfchland ſich alsbald geltend machen 
mußten. Und hier ftand England bereit, das meitere zu beforgen; eine ruflilch- 
englifche Verftändigung — durch panflamiftifche Strömungen gefördert — trat in 
den Bereich der Möglichkeit. Won da an mar ber deutichen Staatäleitung die 
Freiheit, zrmifchen den Weltmächten bindurchzulavieren, genommen. 

Meine Darlegungen führen auf feinen Urteilsſpruch hinaus; fie zeigen eher, 
welchen Weg die Forjchung einmal wird einjchlagen müſſen, um zu einem jolchen 
zu gelangen. Deutlich ift bis auf weiteres fo viel geworden: Die beutiche Be- 
handlung des englifchen Bündniswerbens gewinnt im Zufammenhange der melt- 
politifchen Lage eine andere Beleuchtung, als von einem räumlich und zeitlich 
befchräntten Beobachtungsftandpunfte aus, wie ihn zumal Edarbdiftein einnimmt. 
Eckardtſtein kannte die politiichen Erwägungen und Ausfichten nicht, mit denen Die 
deutfche Regierung rechnete, wie ihm andererfeit3 auch die Hintergedanten der eng⸗ 
liſchen Staatsmänner verborgen blieben; alles, was die Engländer boten, erblidte 
er in ber Beleuchtung, in ber fie wünfchten, daß er es fehen möchte. Nirgends 
iſt ihm einmal der Gedanke gelommen, auch das englifche Vorgehen zu kritiſieren 
und Mittel zur Prüfung zu bieten; die Forſchung von heute, die fich zulekt vor 
die Frage geftellt fieht, ob Englands Bündniswerben vielleicht einen Abſchluß 
unter annehmbaren Bedingungen überhaupt nicht bezweckte, muß auf die Öffnung 
englifcher Archive warten, um die Erörterung des Themas fortzufegen. Auch das 
ergibt die geichichtlihe Prüfung: Bismarcks Nachfolger haben ſich in Behandlung 
des englifchen Problems nicht von Bismarcks Traditionen entfernt; wir erfannten 
aulegt noch in Holfteing Gegenvorfchlag Bismarcks Richtlinien wieder; auf fie 
ließen fi die Engländer nur nit ein. Trotzdem bleibt e8 dabei: Die deutfche 
Politik war verhängnisvoll; wo mag das Verhängnis wurzeln? 

Der Hiftoriker, der fih auf den Boden der Bülomfchen Politik ftellt, der feine 
fittlihen Grundgedanken, die unferen Gegnern gegenüber gar nicht fcharf genug 
hervorgehoben mwerben können, dankbar anertennt und auch darin den Gedanlen- 
gängen des Fürften folgt, daß er die den Stontinentalbundplan des Kaiſers ablöfende 
Einkreifungspolitit Englands harmlofer auffaßt, ala die öffentliche Meinung es 
gemeinhin getan bat, meint die Wurzel des Mbel3 darin zu finden, daß dad Pro= 
gramm beutfcher Weltpolitit im Frieden einer Eonfequenten Durchführung ent: 
behrte. Ein einheitlicher Wille, eine feite, behutfame Hand mußten ununterbtochen 
am Staatsruder walten; fonnte diefen Anforderungen entfprochen merden? Die 
biftorifche Kritik kann in Diefem AZufammenhange darüber nicht hinweg— 
tommen, daß Fürft Bülow inmitten der ſchwierigſten Weltlage entlafjen wurde, 
bevor ihm Gelegenheit gegeben war, feine Politik fich auswirken zu laſſen. Eine 
führende Rolle in der Weltpolitil war Deutichland entglitten, aber der Fürſt hatte 
Die volle Zuverficht, ein Bürge für den Weltfrieden zu bleiben; e8 wurde ihm nicht 
die Friſt gegeben, diefe Bürgichaft mit den Mitteln aiplomatijger Kunſt, über 
die er in fo huhem Maße verfügte, einzulöfen. — ” 

&3 find vergangene Dinge, über die ich berichtet Habe; nie — ähnliche 
Verhältniſſe wiederkehren. Und doch ſcheint es mir, es ſei kein rein akademiſches 


214 Aus Seheimberichten an den Brafen Bertling 


Intereſſe, das uns auf dieſes Forfchungsgebiet weiſt; es ift ein nationales Be 
dürfnis, Klarheit über alles, mas gu Deutſchlands Unglüd geführt hat, zu erhalten. 
Klarheit und Wahrheit follen Quellen der Kraft werben, politifches Urteil und 
politifche Reife erzeugen; möchten unter diefem Geſichtspunkte ſelbſt Verfehlungen 
und Fehlichläge eines abgelaufenen Zeitalters einem heranwachſenden Geſchlecht 
zum Segen gereichen. 





Aus Geheimberichten an den Brafen Hertling 
(1915—1917) 


Don — 3 von Stodhammern, Minifterialdireftor im Reichsfinanzminiſterium 
L. | 


Zürich, den 23. März; 1917. 

Euere Exzellenz dürfte es vielleicht intereffieren, über die Eindrüde unter: 
richtet zu werden, die ich dieſer Tage bei verjchiedenen Unterredungen mit öfter 
reihifch-ungarifchen Diplomaten gewonnen habe, die ich bier und in Bern jah 
und die ihre Beftätigung durch die Mitteilungen fanden, die mir ein derzeit hier 
weilender ſüddeutſcher Politiker über den Meinungsaustauſch gemacht hat, den er 
mit dem neuen öſterreichiſch-ungariſchen Geſandten in Bern hatte. 

Man iſt demnach in Wien, und zwar an allerhöchſter Stelle, außerordentlich 
beſorgt wegen der Rückwirkungen, die der weitere Verlauf der ruſſiſchen Revolution 
für die Entwicklung der Verhältniſſe in Oſterreich befürchten läßt. Was in erſter 
Linie auf die Hofburg Eonfternierend gewirkt hat, ift die Selbtverftändlichkeit, 
mit der fi die Ereigniffe in Rußland vollzogen haben, und das klägliche Ver⸗ 
fagen all der Elemente, die, wie Hof, Adel und Armee der Dhnaftie bejonderd 
treu zur Seite ftehen follten. Die Monarchie fehien in Rußland fefter verankert, 
als in irgend einem Lande und man erlebt nun das Schaufpiel, daß die erzmungene 
Abdankung des Zaren ſich in den ruhigften Formen und ohne befondere Gemalttätig» 
feiten vollzieht. Das fcheint in Wien etwas nachdenklich zu ftimmen, da man fi 
dort darüber nicht im Zweifel ift, daß all die zentrifugalen Strömungen, die die 
Eriftenz der Donaumonardie bedrohen, durch die Ereigniffe in Rußland neue 
Belebung und Stärkung erfahren werden. Wenn die Außerungen der zum Zeil 
offiziell, zum Zeil inoffiziell in der Schweiz tätigen öfterreichiichen Diplomaten, 
die ich fah, in etwas die Stimmung in Wien richtig wiedergeben, fo ift dieſe eine 
mehr als ernite. 


Luzern, den 3. April 1917 
Es ift bedauerlicherweife nicht an dem, daß etwa Iediglich die eine oder 
andere deutſche Zeitung an das Märchen von einer demnädft in Italien aus⸗ 
brecdenden Revolution glaubt, fondern nad) den im übrigen fehr interejjanten 
Mitteilungen eines diefer Tage in die Schweiz gekommenen erften deutſchen 
Beitungsmannes glaubt man fowohl im Reichstag, als, incredibile dictu, auf M 


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Aus Beheimberidhten an den Grafen Hertling 215 





der Wilhelmftrage an diefe Dinge. Mein neutraler Gewährsmann hat ſich mir 
gegenüber beeilt, feine und feiner politiiden Freunde, denen eine gewifje Kenntnis 
des innerpolitiichen Lebens Italiens nicht abzufprechen fein dürfte, Anficht zu 
diefen Berliner Meinungen auseinanderzujfegen. Er bat den Gedanken an eine 
baldige Umſturzbewegung in Stalien in das Reich der Fabel verwielen und zivar 
mit Argumenten, deren Sachlichkeit nur durch die Ruhe übertroffen wird, mit der 
fie vorgebradht wurden. Es iſt jchwer zu begreifen, wie ein Politifer vom 
Anſehen des Herm Spahn vor dem Neichdtag und vor Europa feine unverhohlene, 
noch dazu durch Feinerlei Tatſachen motivierte Freude darüber ausſprechen Tann, 
daß Italien zur Republif wird. Man follte glauben, die demokratiſche Flutwelle, 
die ſeit Ausbruch des Krieges über Europa weggeht und die feit dem Ausbrud) 
der rufjiihen Revolution beſonders Hoch brandet, würde es als wünſchenswert 
ericheinen lafjen, die Zahl der Republiken nicht unnötig vermehrt zu jehen. Mein 
Freund bemerkt jehr richtig, daB eine derartige Ummwandlung der Staatsform 
Italiens nur zur Folge haben würde, daß das an fi) ſchon mit den innerpolitifch 
rüdjtändigften Staaten Europas verbündete Deutjchland mehr, als bereits bisher, 
ifoliert würde, und daß andererfeit8 die Republik Italien mit: der Republik 
Frankreich zu unauflöslider Gemeinjchaft verbunden würde. Hierzu fommt noch 
ein Moment, das für Herrn Spahn und feine Inſpiratoren von Bedeutung iſt 
und fein muß: die Stellung des Heiligen Stuhles. Wird Italien Republik, fo 
find die Tage des Bapftes in Rom gezählt. Man wird jagen, daß das Papittum 
mehrere Erile ers und überlebt habe und immer wieder im Triumph nah Rom 
zurückgekehrt ſei. Das ift richtig; die Verhältniſſe liegen aber heutzutage, wo 
Italien ein gefchloffener Nationalftaat von den Alpen bis nad Sizilien ift, doch, 
äußerlich wenigſtens, mwejentlid anders. Will der PBapft wieder nah Rom 
zurüdfehren, jo muß er mit Italien verhandeln, um überhaupt hereingelaflen zu 
werden, ein Umstand, der ihm die Rückkehr nicht gerade erleichtern wird. 


Zürich, den 8. April 1917. 


Die Oſterwoche hat eine Reihe deutſcher und öfterreichifcher Politiker 
nach) der Schweiz geführt. Man war daher mehr als ſonſt in der Lage, jid) auch 
über die Stimmung im eigenen Lande zu informieren. Hinzu fommen die 
Eindrüde, die un3 aus Schweizer reifen zugehen. Euere Erxzellenz wollen 
mir erlauben, das aus der Gejamtheit diefer Eindrüde gervonnene Bild in furzen 
Umriſſen zu ſkizzieren. 

Die Entente glaubt, daß ſie ſich größere militäriſche Anſtrengungen ſparen 
kann und daß fie ihre Kriegsziele erreicht, lediglich, wenn fie unſerem wirtichaft- 
lichen Abſterben falten Blutes zuſieht. Es ift dies die Loſung, die meinen 
jiheren Nachrichten zufolge von England derzeit ausgegeben wird und für 
deren Richtigkeit bedauerlicherweife manche der Nachrichten fprechen, die aus 
Deutfchland hierher gelangen. Daß in Deutichland — und mutatis mutandis 
trifft das gleiche für Ofterreich zu — nicht alles in Ordnung ift, das feftzuftellen 
bedarf e3 feiner bejonderen Spionage. Die Wirkungen, die die Ereignijje in 
Petersburg auf die innerpolitiiche Entwidlung Deutichlands ausüben, fpiegeln 
ih Har in den Darlegungen der lintsgerichteten deutſchen Preſſe wider. Die 


216 Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 

tiefgreifende Bewegung aber, die durch Deutichland in dieſen Tagen geht, 
findet in diefem Wellengefräufel der öffentliden Meinung einen vorderhand 
nur ſchwachen Ausdruck. Wenn die hierher gelangten Informationen den Tat- 
ſachen entipredhen, jo trägt ſich die preußiſche Regierung mit ber Abficht, dad 
Reichsſtagswahlrecht auf Preußen zu übertragen. Dies von ber Angſt der 
Stunde diktierte Projekt wird fich kaum realifieren laſſen, da die Stellung be3 
derzeitigen preußischen Minifterpräfidenten (Bethmann) bei den maßgebenden 
Barteien Preußens nicht von der Stärke ift, die zur Durchführung einer derart 
umjtürzenden Reform Borbedingung wäre. Auf der anderen Geite wird die 
Partei der viereinhalb Millionen Reichdtagsmähler immer begehrlicher, wie hier 
gefallene Außerungen führender Männer diefer Partei zweifelsfrei erkennen 
. Iaffen. In diefen Kreilen fommt die Beforgnis, daß Deutichland aus dem 
Verzmweiflungstampf, zu dem e3 fich verurteilt fieht, nur ſchwer gejchädigt 
herauskommen wird, immer Elarer zum Ausdrud. Es wäre übrigens verfehlt, 
zu glauben, daß die Stimmung froher Zupverficht, die die deutiche Preſſe an⸗ 
gejicht3 der Intervention Amerikas zur Schau trägt, der wirklichen Meinung 
auch) rechtögerichteter Kreije entipricht. Über all diefe Dinge find, zwar nit 
en detail, aber in großen Umriſſen, unfere Gegner in bedauerlich genauer 
Weile unterrichtet. Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Zeit mit ziellicherer 
Grauſamkeit ihren Gang geht. Gelingt es Amerika, in völliger Überejnitimmung 
mit ben Plänen Englands, den Krieg auf das Jahr 1918 Hinauszuziehen, jo ilt 
die Rechnung unjerer Feinde al3 richtig erwiefen. Darauf baut die Entente. 
Gie erwarten die Entjeheidung, nicht auf militärifhem Gebiete, auf dem die 
erniteren ihrer Staat3männer unjere bisherige Überlegenheit in camera 
caritatis anerfennen, wohl aber iſt jie, mehr al3 früher, von der Richtigkeit 
ihrer Theorie von der guerre d’usure überzeugt. 


%c Habe mir bereits früher erlaubt, Euere Erzellenz darauf Hinzumeifen, 
daß in der Preſſe der Entente mehr und mehr die Tendenz dahin geht, unjeren 
Kaiſer in Evidenz zu Stellen und dem deutichen Rolf den Glauben beizubringen, 
daß er und bie in ihm verförperte Politik der Editein auf dem Weg der Hindernijle 
zum Frieden feien. Die inzwiſchen veröffentlichte Botſchaft Wilſons jchlägt 
in diefelbe Kerbe. Wir dürfen die Wirkungsmöglichkeiten derartiger Kund- 
gebungen nicht unterfchäßen. Tua res agitur, das werden ſich mehr oder weniger 
alle deutſchen Bundesfürften jagen müffen. Nicht, als ob unjere Dynaftien nicht 
genügend feltgerwurzelt wären im Volk, als daß fie nicht aud) diefe Strömungen 
überdauern würden. Der Verluft an Preftige aber, den eine durch die Umſtände 
erzwungene Abdankung de3 deutfchen Kaifers für den monarchiſchen Gedanken 
im Gefolge haben müßte, würde indireft wohl von fämtlihen Fürftenhäufern 
empfunden und in einer Art Solidarhaft getragen werden müſſen. 


Euere Erzellenz haben wiederholt ſich dahin geäußert, meine Bericht- 
erftattung fei peffimiftiich. Ich glaube aber andererfeit3 in der Lage zu fein, 
in einer Reihe von Fragen meine Berichte als durch die fpätere Entwicklung 
der Dinge betätigt zu erweifen. Wenn ich mir daher erlaube, heute, unter dem 
Eindrud der Außerungen von Bolititern, deren Urteil fich bisher als ponberiert 
ertviefen hat, ein wenig hoffnungsreiches Bild zu entwerfen, fo leitet mic) 


Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 217 


hierbei die Abficht, Euerer Erzellenz pflihtgemäß die Auffaffung zu melden, 
die jidy dem nüchternen Beobachter Hier, im neutralen Lande, aufdrängt. 

Diefe Auffaſſung geht, in einem knappen Sabe, dahin, daß, wenn mir 
nicht noch in biefem Jahre den Frieden befommen können, Deutichland ſchweren 
und in ihren weiteren Wirkungen garnicht überfehbaren Erfchütterungen ent- 
gegengeht. Daß unjere derzeitige politifche Leitung auch beim beften Willen 
in der Lage ilt, den Frieden herbeizuführen, ift zu bezweifeln. 


Luzern, ben 18. April 1917. 


Den Außerungen eines befannten linf3gerichteten Reichſtagsabgeordneten, 
der diefer Tage in der Schweiz geweſen ift, fonnte entnommen werden, daß e3 
fi) bei der für Preußen angekündigten Wahlreform allem Anjchein nach nicht 
um ein Pluralwahlrecht, fondern um die Übertragung des Neichstagstwahlrechts 
auf Preußen unter noch feitzulegenden Modalitäten handelt. Derjelbe Politiker 
hält den Übergang zum parlamentarifchen Syſtem auch im Reich, ungeachtet 
der hinlänglich befannten verfaffungsrechtlichen Schwierigfeiten, für notwendig 
und wahricheinlih. Seine Majeftät der Kaifer, der fich Hinfichtlich der Reform 
in Preußen jehr large ermeift, jei jedoch in dieſem Punkte vorläufig intranfigent. 
Wenn ber Strieg, wie ed allen Anjchein Hat, für Deutjchland nicht jo endet, wie 
die Nation annahm, dürfte der Standpunkt der Intranſigenz wohl faum mehr 
haltbar fein. 

Rückſichtlich des Unterſeebootskrieges herricht nad) aus Bern an mid 
gelangten Radhrichten in den Kreifen der Entente bie Überzeugung, daß durch 
den Eintritt Amerilas die Krifis für England überwunden fei. Der Verkehr 
zwiſchen England und Frankreich widle fich jo glatt ab wie in Friedenszeiten, 
eine ernſthafte Gefährdung der Ernährung der Bevölkerung komme nicht in 
Betracht, mern auch mit wirtichhftlihen Schwierigkeiten zu fämpfen fei. An» 
dererfeit3 zirkulieren in den gleichen Kreilen immer beftimmter auftauchende 
Meldungen von Unruhen und Hungerrevolten, mit denen Deutjchland in den 
Monaten Mai und Juni zu rechnen habe. Die aus Deutichland abgereiften 
amerilanifchen Diplomaten und Bürger, von denen ein großer Zeil ſich in der 
Schweiz niebergelaffen hat, tragen durch ihre Erzählungen hauptjächlich zur 
Bildung diefer Gerüchte bei. In ähnlich ungünftigem Sinne wirken die Nach» 
richten, die durch die unter gleichen Verhältniſſen aus Ofterreich-Ungarn in die 
Schweiz gelangten Amerikaner über die wirtſchaftlichen Verhältniſſe des ver- 
bündeten Kaiferreiches verbreitet werben. Sie werden durdy Mitteilungen aus 
Wien indirekt beftätigt, denen zufolge die Donaumonardie nad) Abzug de3 
Heeresbedarfs nur mehr für 70 Tage Getreide habe. Da die eriten Bodenfrüchte 
in GSüdungarn, normale Witterungsverhältnijfe vorausgeſetzt, etwa in der 
erften Hälfte Juli zum Schnitt fommen, So iſt für Oſterreich⸗Ungarn mit einer 
kritiſchen Periode zu rechnen. 

Es ift unter diefen Umftänden zu verftehen, daß der Wunſch nad) Frieden 
ſich in OÖfterreih-Ungarn greifbarer und dringender: kundgibt, als dies bisher 
bei ung der all geweſen ift. Die Einberufung des Reichsrates, bie: vorläufig 
für Mitte Mai in Ausſicht genommen ift, hängt, wie die Wiener Preſſe unter 


218 Aus Geheimberihten an den Grafen Hertling 


Billigung, wenn nicht vielleicht auf Anregung der Zenſur herborhebt, mit den 
Friedensfragen zufammen. Man gibt ſich in Wien gar keine Mühe, jein Friedens⸗ 
bedürfnis zu verhehlen. Wenn biefem Berhalten pojitive Ergebniſſe bereits 
gepflogener Verhandlungen zugrunde liegen, ift e3 verftändlid. Im anderen 
Falle ift e3 unverftändlih und kann unfere ohnehin nicht jehr ſtarke Poſition 
nur verſchlechtern. 


Luzern, den 23. April 1917 

Im Vordergrund des Intereſſes fteht hier in der Schweiz die großzügige Art, 
in ber Amerika, wie fchon fo manch andere Dinge, nun auch feine Intervention 
anpadt. ch hatte in den letzten Wochen wiederholt Gelegenheit, die, Darlegungen 
eines großen amerilanifchen Geſchäftsmannes, deſſen Deutfchfreundlichkeit nad) ver: 
läfjiiger Auskunft über jedem Zmeifel fteht, über die Stimmung und Abfichten 
Amerikas zu hören. Seine Auffaflung dedt fich volllommen mit dem, mas ich von 
einer anderen, der amerilanifchen Gefandtichaft Bern nahejtehenden Seite, erfahre. 
Der Dann fteht zur Hochfinanz aller Ententeländer in gefchäftlichen Beziehungen 
.und was er ausführt, erweckt den bedauerlichen Eindrud, daß man bei ung, tie 
bisher fo ziemlich jedes Land, auch Amerika wieder einmal gründlich unterſchätzt 
hat. Es find nicht nur militärifche Sorgen, fondern folche wirtfchaftlicher Natur, 
die die Intervention Amerikas und allem Anfchein nach bereiten wird. Abgejehen 
von ben bereit3 befchlagnahmten Schiffen, zu denen ala Begleiterfcheinung mohl 
auch die gleihen Maßnahmen ſüdamerikaniſcher Staaten zu rechnen find, find ftarle 
Verluſte deswegen zu befürchten, weil Amerika, falls der Krieg eine gewiſſe Zeit 
noch dauern follte und falls wir in wachſendem Maße amerifanifche Schiffe zer: 
ftören follten, fich durch Befchlagnahme all der beträchtlichen Mengen von Rohjtoffen 
ſchadlos zu halten gedenkt, die die deutſche Induſtrie und der Deutfche Großhandel 
jih in der leider bereit3 öfters getäufchten Hoffnung eines baldigen Friedens— 
ichluffes in Amerika gefichert hatten. Hinzu kommt, daß die Entente in ihren dem: 
nächſtigen mirtfchaftlichen Abmachungen mit Amerika e8 als erſte Bedingung zu 
erflären beabfichtigt, daß Amerika fich verpflichte, nach dem Krieg zuerſt an bie 
Länder der Entente und dann erſt an die Zentralmächte und ihre Verbündeten 
Rohftoffe zu liefern. Die Wirkungen diefer Maßnahme auf unfer Wirtfchaftslchen 
und auf die Wiederaufnahme unferer induftrielen Tätigkeit find ſchwer abzufehen; 
immerhin aber ift jett fchon fraglich, ob fie da8 Plus an zerjtörten Schiffen auf 
wiegen, das wir bisher durch die Verfchärfung des Unterfeebootsfrieges erzielen 
haben fönnen. 


| Bern, den 29. April 1917 

Die nachgerade an Nervofität gemahnende Art, in der Oſterreich-Ungarn fein 
Friedensbebürfnis der Welt kundgibt, macht auch in dem uns günjtig gefinnten 
neutralen Ausland einen fchlechten Eindrud. Das Gelöbnis Kaifer Karls, im 
Falle der Erreichung des Friedens eine Kirche zu bauen, wird von unferen Feinden 
nicht vom religiöfen, fondern ausfchließlich vom politifchen Standpunkt aus gervertet 
und als Reichen äußerfter Schwäche gebeutet. Was man an amtlichen und nichtamt- 
lichen Kundgebungen in ber öfterreihifch-ungarifchen Preſſe zum gleichen Gegen- 
ftand lieſt, ift nicht dazu angetan, unferen Gegnern einen befferen Begriff von det 





Aus Geheimberichten an den Grafen Hertling 219 


Widerſtandsfähigkeit unferes Verbündeten beizubringen. Die entgegenlommende 
MWeife, in der die „Nordbeutfhe Allgemeine Zeitung” und die ih» naheitehenden 
Blätter die bisher von Zeinerlei Erfolg begleiteten Schritte und Prollamationen 
der deutfchen Sozialdemokratie begleiteten, Tann diefen peinlichen Eindrud nur 
verjtärten. Wer rubig und unbefangen die Dinge in Deutjchland hier vom Aus— 
lande aus verfolgt, muß annehmen, daß man bei uns mehr und mehr bemüht it, 
unjer Volk für Die Idee eines faulen. Friedens zu gewinnen, für deifen fchmerzliche 
Enttäufhungen e3 durch eine möglichit nach links gerichtete Politil der nächſten 
Zukunft entjchädigt werben fol. Unfere Feinde verfolgen diefe Entmwidlung mit 
Aufmerkſamkeit und ziehen aus ihr Schlüffe, die ung die Einleitung der Friedens— 
verhandlungen feinerzeit erſchweren merden. 


Genf, den 5. Mai 1917 

Man hat in Paris allem Anjchein nach eine gute Witterung gehabt, was von 
dem Augenblid an nicht mehr wundernehmen konnte; in dem Herr Thomas, der der - 
radikalſozialiſtiſchen Partei angehörige franzöfiihe Munitiongminifter, erft einmal 
in Beteröburg aufgetaucht war, der als Republilaner jelbftverjtändlich ganz andere 
Entrees bei feinen ruffifhen politifchen Sreunden hat, al3 Herr Scheidemann, der 
als fozialiftifcher Vertreter einer für die öffentliche Meinung - der Entente als 
tealtionär abgejtempelten Monarchie den Abgejandten des Herrn Kerenski offenbar 
fein rechtes Vertrauen einflößt. Hierm liegt zu einem guten Teil die Tragik 
unferer Zage. Der durch diefen Krieg in ungeahnter Weiſe erſtarkte demokratiſche 
Gedanke hat von dem Tag an, an dem nun auch Amerika fich mit dem ganzen Gewicht 
jeines Anſehens und feiner Macht für ihn eingejegt hat, die Welt mit verjtärkter 
Gewalt in feinen Bann gejchlagen. Daß Deutjchland, ſoll es nicht ein ewiger 
Störenfried bleiben, Demofratifiert, daß fein Staatsleben auf die Grundlage de3 
DBarlamentarigmug geftellt werden müfje, dag ijt ein Gedanke, der, wie ich Euerer 
Exzellenz bereit3 in einem früheren Bericht andeuten durfte, von der Preife der 
Entente mit Geihid und Nahdrud in die Köpfe gehämmert wird, derart, daß 
niht einmal unfere Sozialdemofraten, die an „exinanitio“ wahrhaftig alles 
geleistet haben, ma man von ihnen verlangen konnte, im Auslande mehr für voll- 
wertige Vertreter des freiheitlihen Gedanken? genommen werden. Da aud die 
Stodholmer Million des Herrn Erzberger, all der Energie ungeachtet, mit der er 
die Sache in Fluß gebracht hat, ala vorläufig gefcheitert gelten muß, fcheint una 
der Weg zum Frieden mit Rußland wieder neuerdings auf längere Zeit verjperrt. 

In Wien fährt man nach wie vor fort, fi zum Frieden zu befennen, was von 
der Preſſe unferer Feinde mit begreiflicher Liebloſigkeit Tediglich auf der Kontoſeite 
„Schwäche verbudht wird. Graf P. hat über diefen Punkt in den letzten Tagen 
eine Andeutung gemadt, die ich, um feine Pofition in Berlin nicht zu gefährden, 
aus meiner DE AUNND außgejchieden habe. 





220 Der Lanoffagang der deutfchen Sozialdemofratie 


Der Canoſſagang der deutichen Sozialdemokratie 


Ein Epilog 
von Dr. $riedrih Thimme 
Die nachfolgenden, wertvollen Tatjachenzufammenftellungen des be 
kannten Hiſtorikers glauben wir unſern Lejern nicht vorenthalten zu 
dürfen, wiewohl wir ver feiner Beurteilung diefer Tatfachen nic Pag 
weg anfchließen können. D. 

N en ”% arallel dem im Friedensvertrage von Verjailles gefrönten Ei 
zZ der gefamten Entente, dem unterlegenen deutichen Volk ein Be: 
f fenntnis feiner Kriegsſchuld abzupreſſen: ein Bekenntnis, das zur 
a moraliihen Nechtfertigung der dieſem Volke auferlegten un 
ER) menschlichen Opfer und Laften dienen follte und dient, geht 
das Streben des Ententejozialismus, auch der Sozialdemokratie ein Schuld— 
befenntnis abzunötigen. Und zwar gleich ein doppeltes Schuldbefenntnis, ein 
allgemeines deutjches, das die Verantwortlichfeit für den Krieg Deutjchland zu: 
weiſt und ein fpezielles ſozialdemokratiſches Schuldbefenntnis, das eine Mitſchuld 
der „Eaiferlichen” Sozialdemokratie an dem Ausbruch und der Führung des Krieges 
konſtruiert. Die Gründe für das Verlangen des Ententejozialismus, innerhalb 
defjen fich die Franzoſen und Belgier durch befonders hartnädiges Feſthalten an 
der doppelten Forderung herportun, während die englijchen Sozialiften der Schuld- 
frage ein geringeres Intereſſe entgegenbringen, find durchſichtig genug: dem 
deutichen Sozialismus, dem Sozialismus überhaupt jollte die Möglichkeit unter: 
bunden werden, um den den Mittelmächten auferlegten Gewaltfrieden, der dod 
vor allem ein Berbrechen gegen die dem Sozialismus immanenten Grundfäte der 
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vorftellt, zu befämpfen. Wenn durd) ein 
Belenntnis der deutſchen Sozialdemokratie feftgelegt ift, daß das deutſche Volk 
den jahrelangen Krieg und damit auch die ganze Härte des Friedens: 
vertrages jelbft verjchuldet Hat, und daß die deutiche Sozialdemokratie 
daran mitſchuldig ift, jo ift jedes Ddeutiche Streben nad) einer NRevifion 
des Friedensvertrage8 von vornherein lahmgelegt, einer Unterftügung dieſes 
Strebens durch den geeinigten Sozialismus, welchen die Entente wie nichts 
anderes fürchtet, die Stoßfraft genommen. Indem alfo der franzöfifche und 
belgifche Sozialismus die deutſche Sozialdemofratie fortgejegt zur Ablegung jenes 
doppelten Schuldbefenntnifjes drängte, bejorgte er nur die Gefchäfte des blut- 
rünftigen und rachedurftigen franzöfifhen und belgischen Chauvinismus. Natürlich 
ift der Ententejozialismus Elug genug, um feine ntereffengemeinfchaft mit dem 
Chauvinismus und — Kapitalismus jener Länder hinter der heuchlerifchen Phraſe 
zu verſtecken, daß erft ein volles Schuldbefenntnis der deutjchen Sozialdemokratie 
die Atmojphäre reinigen, die Wiederaufnahme der deutjchen Sozialiften in Die 
verftorbene und begrabene Internationale rechtfertigen und ein gemeinfames Vor: 
gehen des neugeeinigten Sozialismus im Sinne der Völferverföhnung ermöglichen 
fönne. Auf eine folhe Argumentation Eonnte aber nur der verftiegene ideologiſche 

Doftrinarismus der Unabhängigen Sozialdemokratie hereinfallen. Dieſe hat 
in der Tat"das Geſchrei des Ententejozialismus nach dent doppelten Schuld⸗ 
bekenntnis der deutſchen Sozialdemokratie von vornherein zu eigen gemacht, ja 





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Der Eanoflagang der deutfchen Sozialdemokratie “ 221 


fie fordert das eigene Schuldbefenntnis ihrer Rivalen von der Mehrheits- 
jozialdemofratie womöglich mit noch größerem Ungeftüm als felbft Sranzofen und . 
Belgier. Die Unabhängige Sozialdemokratie ift ja auch parteipolitifh nur zu 
jehr dabei interejjiert; denn wenn wirklich die Mebrheitsfozialiften fi) zu dem 
Bekenntnis einer völlig fehlerhaften und fchuldhaften Seriegspolitit verftünden, fo 
wären jie moraliſch erledigt, und die Unabhängigen könnten * allein herrſchen 
auf der weiten Flur des deutſchen Sozialismus. 

Der deutſchen Mehrheitsſozialdemokratie freilich mußte es vach ihrer ganzen 
ſeit Kriegsausbruch eingenommenen Haltung furchtbar ſchwer fallen, in ein noch fo 
verflaufuliertes Schuldbefenntmis zu willigen. Sie hat von Unfang an — zu 
ihrem Hohen Ruhme ſei e8 gefagt — das ſtolze Wort wahr zu machen gefucht, 
daß fie in der Stunde der Gefahr zu ihrem Volke ftehe; und fie follte Hinterher 
nm dieſes Volk, jollte fich Damit ſelbſt preisgeben? In der Frage der Verantwortung 
Bat ſich die Sozialdemokratie während des Krieges ja einer beftimmten Stellung» 
nahme enthalten; mit gutem Grunde wies fie immer wieder darauf hin, daß diefer 
Trage ernftlich erft nach dem Kriege nähergetreten werden könne. Uber biß tief 
in den Krieg neigten die maßgebenden Führer der Mehrbeitsfozialdemofratie doch 
dazu, Die Schuld nicht bei Deutichland, auch nicht im engeren Sinne des 
„taiferlichen Deutfchlands“ zu fuchen. Es fei bier nur auf die große Mede vers 
wiejen, die der Rachmalige Neichsminifter Eduard David am 6. Juni 1917 dor 
dem holländiſch⸗ſkandinaviſchen Friedenskomitee in Stodholm über das Thema: 
„Wer trägt die Schuld am Kriege?” gehalten, und die der Vorftand der fozials 
demofratiichen Partei als Brofchüre herausgegeben und damit als parteioffiziös 
anerfannt bat. Darin heißt e8 mit aller nur wünſchenswerten Deutlichkeit: 
„Wie ih die Schuld am Kriege nicht auf deutſcher Seite fehen kann, jondern 
genötigt bin, fie auf Grund des mir zugänglichen Materials den Staatsmännern 
der feindlichen Mächte, den Betreibern der Einkreifungspofitit gegen Deutfchland, 
den DBertretern der Eroberungs⸗ und Aufteilungspolitit gegen die Türkei umd 
Dfterreih- Ungarn zuzumeſſen, fo muß ich denjelben Männern die ebenfo ſchwere 
Schuld an der Verlängerung des Krieges aufbürbden.” Ausdrüdlih hat ſich 
David in Stockholm noch zu dem Glauben befannt, daß für Deutichland der 
Weltkrieg ein Verteidigungsfrieg und nur ein Berteidigungsfrieg jei. 

In der Feftigkeit diefes Glaubens ift die deutfche Sozialdemokratie auch 
durch die Denkichrift des Fürften Lichnowsky, die kaum jemand ſchärfer gegeikelt 
bat ale Sceidemann, nicht ernſtlich erjchüttert worden. Noch nah dem Bus 
ſammenbruch der Mittelmächte, nach der Revolution, die jede Rückſicht auf das 
„taiferlihe” Deutichland wegräumte, blieb die Mehrheitsſozialdemokratie in der 
Schuldfrage im Gegenfat zu den Unabhängigen, die von Stund an mit vollen 
Balken in da8 Horm der deutſchen Selbftbezihtigung ftießen, auf dem durch 
deutiche und eigene Selbftachtung gebotenen Standpunft ftehen. ‘Die internationalen 
ſozialiſtiſchen Kongreffe in Bern, Antwerpen, Luzern gaben den Yührern ber 
Mehrheitsiozialiften reihe und willkommene Gelegenheit, ihren Standpunkt zu 
vertreten. Auf der Sconferenz in Bern im Februar 1919, wo zum eriten Male 
die Frage der Schuld und der Verantwortung. am Kriege in aller Breite vers 
handelt wurde, bekannte fi ber nachmalige Reichskanzler Hermann -Müller zu 
der Auffaffung: „Ulle Regierungen find verantwortlih am Kriege, bejonders 


232 Der Canoſſagang der deutfchen Sozialdemofratie 





auch an deffen Ausbruch”. „Nicht nur die deutjchen Militariſten, fondern die 
Militariften von ganz Europa tragen die Schuld am Kriege“. Aa, Müller 
betonte noch: „Der für den Krieg ausfhlaggebende Faktor war die ruſſiſche 
Mobilmahung”. Und er warf in diefem Zufammenhang die bedeutjame Frage 
auf, ob wohl die franzöfiichen und engliichen Diplomaten alles getan hätten, um 
diefe verhängnispolle Mobilmachung zu verhindern! Bon einem noch jo entfernten 
eigenen Schuldbefenntnis der Mehrheitsjozialiiten war in den mannhaften Worten 
Hermann Müllers ebenfowenig etwas zu jpüren, wie in der Rede von Otto Wels, 
der vielmehr der von den franzöfiichen Sozialiften verjuchten „Brandmarkung‘ 
der deutichen Sozialdemokratie in ſchärfſter Weiſe entgegentrat. Auch die von 
den Mehrheitsfozialiften in Bern eingebradjte Reſolution lehnte jede Mitverant- 
wortung der deutichen Sozialdemokratie für den Ausbruch und die Führung des 
Krieges rundweg ab. „Wir haben den Krieg nicht gewollt und nicht geführt”. 


Diefelde Haltung bat die Sozialdemokratiihe Partei gegenüber dem 
Verlangen der Entente eingenommen, daß Deutichland feine Schuld und Ber: 
antwortung in dem Berfailler Sriedensvertrage mit feiner Unterſchrift anerfennen 
ſolle. Als eine dem deutſchen Volke zugemutete Ehrlofigkeit hat Scheidemann 
diefes Verlangen als Minifterpräfident gebrandmarkt. Und Scheidemanns Nach—⸗ 
folger Bauer: hat bei der ſchickſalsſchweren Beratung des Frigdensvertrages in 
der Nationalverfammlung am 22. Juni 1919, nicht zulett im Namen der Sozial- 
demofratie erflärt, daß Artikel 231 des Vertrages, durch den ſich Deutfchland als 
alleinigen Urheber des Krieges bekennen follte, nun und nimmer unterjchrieben 
werden Lünne. 


ALS die Unterfhrift dann doch erzwingen wurde, und Hermann Müller 
feinen Namen unter da8 Friedensinftrument feste, hat das an der inneren 
Selbitbehauptung der Sozialdemokratie nichtE ändern Türmen. Wenigſtens war 
die Haltung der Partei auf den fozialiftiihen SKongreffen in Antwerpen und in 
Zuzern im Juli und Auguft 1919 feine andere als in Bern. Mit Entrüftung hat 
e3 Legien, der Vorfigende des (alten) Internationalen Gewerkſchaftsbundes, von 
fich gewieſen, in Antwerpen die deutſchen Arbeiter und die deutichen Gewerkſchaften 
für Eriegsfhuldig, oder auch nur für mitfhuldig an den Maßregelungen und 
Deportationen der belgischen Arbeiterichaft während der Sriegszeit zu erklären; 
fie feien ebenfowenig kriegsſchuldig wie die Arbeiter Englands, Frankreichs oder 
irgend eines anderen Landes. 


Angefichts diefer Maren und feſten Stellungnahme der deutichen Mehrheit 
ſozialdemokratie durfte erwartet werben, daß fie ihre volle Selbitbehauptung auch 
aegenüber neuen Zumutungen aufrecht zu halten wiſſen würde, die für den Zu: 
jammentritt des jüngften Genfer Internationalen Sozialiſtenkongreſſes vorher: 
zufjehen waren. Mit Fug bätten ihre Delegierten diesmal eine neue Grörterung 
der Echuldfrage, für die namentlich die Engländer jedes Intereſſe verloren hatten, 
ablehnen Können; und fie würden auch den franzöfifchen Sozialiften gegenüber damit 
um fo mehr durchgedrungen fein, als in Genf nur ein Grüppchen franzöfifcher 
nationaliftifher Sozialiften vertreten war, deren Anerkennung durch ben Kongreß 
zweifelhaft genug fchien. Diefen Pfeudofozialiften gegenüber, die in einer eigen? 
mitgebrachten Anklageſchrift von der „nieberträchtigen Politik“ der deutfchen Sozial 


Der Canoffagang der deutfchen Sozialdemofratie 223 


demofraten zu reden wagten, wäre in jedem Fall die Wahrung des deutjchen Stand- 
punktes Doch wohl beſonders angezeigt gemejen. 

Aber es fcheint, die dertſche Sozialdemokratie mar des langen Hader3 um 
Schuld und Verantwortung, der das endgültige und wirkfame Inslebentreten der 
fozialiftichen SSnternationale zu hemmen drohte, müde geivorden, und wollte ihn 
durch ein deutliches Entgegenfommen gegen die Forderung des doppelten Schuld- 
befenntniffes aus der Welt Schaffen. Zu diefem Zweck hat der Vorftand der Jozial- 
demokratischen Partei dem Genfer Internationalen Sozialiftenlongreß eine dem Ver- - 
nehmen nach von Eduard David verfaßte Denkfchrift „Zur Frage der Verantwortung 
im Weltkrieg“ vorgelegt, die in der Tat, wenn nicht ein formelles Schuldbelenntnis 
in doppelter Hinficht, fo Doch nach beiden Richtungen eine Art Bekenntniserſatz vor- 
ftelt. In bezug auf das deutiche Schuldbefenntnis ift der Umfall der Sozial- 
demofratie ein faft volllommener. Den Weg dazu mußten die Ergebniffe der deut- 
[hen und öfterreihifchen Kriegsdofumente ebnen, durch die die Anficht der Sozial- 
demofratie über den ja auch früher nicht geleugneten deutfchen Schuldanteil mejent- 
lich verfchärft ift. Nur-nebenher wird in der Denkichrift noch auf die in Bern ſtark 
betonte Tatfache verwiejen, daß die Archive der Entente immer noch bermetifch 
verjchloffen find. Aber obwohl die Sozialdemokratie auch jet davon durchdrungen 
fein will, wie gefährlich Teilmahrheiten für das Ganze der gejchichtlichen Wahrheit 
feien, nimmt fie feinen Anjtand mehr, nunmehr die Schuld des Taiferlichen Teutich- 
landz in einer Weife zu afzentuieren, die die Mitfchuld der Ententeftuaten faſt 
völlig verſchwinden läßt und fomit der ausgleichenden hiſtoriſchen Gerechtigkeit 
Gewalt antut. Der „außjchlaggebende Faktor” der ruſſiſchen Gejamtmobilmachung, 
in Bern von Hermann Müller fo jcharf herausgehoben, kommt in der Denkſchrift ala 
unmittelbare Kriegsurſache kaum noch in Betracht. Jetzt wird der unmittelbare 
Kriegsanlaß „hauptfächlich, wenn auch nicht ausſchließlich, in der mit Kopfloſigkeit 
gepaarten Gewiſſenloſigkeit der geftürzten deutfchen und öfterreichifchen Machthaber“ 
gejucht. Nach der heutigen Auffafjung der deutfchen Sozialdemokratie trüge der 
Krieg auf deutfcher Seite „die Kennzeichen eines verwerflichen Präventivfrieges, - 
der zwar nicht ummittelbar und auf alle Fälle gewollt, doch in verbrecherijch Teicht- 
fertiger Weife riskiert wurde”. Den deutſchen Machthabern wird im Hinblid auf 
die anfängliche Ermutigung Oſterreichs zum Vorgehen gegen Serbien der dolus 
eventualis ımterftellt, die „böje Abſicht, Die den verbrecherifchen Erfolg zwar nicht 
ımter allen Umftänden anjtrebt, ihn aber doch ala mögliche Tolge bes Handelns 
borausfieht, ohne ihn innerlich abzulehnen”. Ob die gleiche Kennzeichnung Des 
dolus eventualis und berbrecherijcher Leichtfertigkeit nicht auch auf die englifchen 
und franzöfifchen Staatsmänner zutrifft, die durch ihre ermutigenden Mitteilungen 
nah Petersburg notoriſch erſt die rufliihe Generalmobilmahung und in deren 
Verfolg, mie man auf englifcher Seite fehr wohl vorausfah, die deutſche Kriegs— 
erflärung außlöjten, diefe von Hermann Müller in Bern fehr ernitlich geftellte Frage 
bleibt jet in der Denkfchrift unerörtert. Cine vom deutfchen Standpunkt unmürdige 
Parteilichleit Tiegt weiter in dem allein der deutſchen Staatskunſt gemachten Vor- 
wurf, daß fie nicht die Gefahr des Weltkrieges zu bannen geſucht habe, indem fie die 
beitehenden Bündnisſhſteme auflöfte. Ja trifft denn diefer Vorwurf nit in dem 
leihen Maße die Staatsmänner der Entente? Trifft er nicht in doppeltem und 
dreifachen Maße die engliſchen Staatsmänner, die durch ihren fpäten Beitritt zum 


224 Der Lanoffagang der deutfhen Sozialdemofratie 


franzöſiſch⸗ ruſſiſchen Bündnisſyſtem die latente sriegsgeiaht erit akut gemadıt 
haben? ] 

Dan fieht, e8 iſt der fozialdemofratifchen Partei nicht u wie einft darum 
zu tun, Die deutfche Sache, die nun einmal die Sache des deutſchen Volles iſt und 
bleibt, foweit zu vertreten, als Wahrheit und Billigleit erlauben und erfordern. 
Nein, diefe Sache wird den ſozialiſtiſchen Brüdern von der Entente zuliebe nahezu 
reſtlos preisgegeben. Sehr viel mehr bleibt es der jozialdemofratifchen Partei 
darum zu tun, die eigene Sriegöpolitit vor dem Yorum der internationale zu 
rechtfertigen. Freilich ganz um ein Schuldbelenntnig in aller Form kommt fie auch 
hier nicht herum. „Es raft der See und will fein Opfer haben.” So geiteht denn 
die Sozialdemokratie, die früher fo kurz und bündig feitgeftellt hatte: wir haben 
den Krieg nicht gewollt und nicht geführt, jegt unummunden ein: „Die Gefahr, 
die in ber Führung der ausmwärtigen Politit ohne Kontrolle des Reichstags und 
bamit auch der Sozialdemokratie lag, nicht rechtzeitig und energifch genug bekämpft 
zu haben, ift die Schuld, au der wir und vor aller Welt frei- 
mütig betennen.“ Und abermals klagt fich die Sozialdemokratie der Schuld 
an, der beutfchen Revolution, die zum Unglüd der Welt, ganz beſonders auch des 
deutſchen Volkes um fünf Jahre zu ſpät gekommen fei, nicht ſchon früher den Weg ge 
bahnt zu haben. Und zum Dritten gibt die Sozialdemokratie zu, daß ihr Verhalten 
‚während des ganzen Srieges, innerlich gerechtfertigt, wie fie es glaubt, den ententi: 
ſtiſchen Erzialiften als Mitfhuld und Beteiligung an den Greueln des Laiferlichen 
Deutfchlands erjcheinen konnte, vielleicht erfcheinen mußte. 

Mit demfelben Recht aber hätte die deutſche Sozialdemokratie, wenn fie jid 
nichts vergeben wollte, auch die Völker der Entente anflagen müſſen, daß fie eben- 
falls nicht Die Führung der auswärtigen Politik, Die dort nicht weniger ala in 
Deutfchland ein mit fieben Siegeln verichloffenes Buch geblieben mar, rechtzeitig und 
energifch genug befämpft haben. Mit demfelben Recht wie das deutſche hätte fie das 
ruffifche Proletariat beichuldigen müffen, den Zarismus nicht ſchon mit Erfolg vor 
1914 geftürzt zu haben, mas denn freilich jeden Weltkrieg unmöglich gemacht hätte. 

Indem bie deutſche Sozialdemokratie in der Denkfchrift nur fich, immer nur 
ſich felbft, nicht aber ihre Bruberparteien in den Ententeländern anflagt, die der 
aleihen Sünde bloß waren, fügt fie tatfächlich zu dem deutfchen Schuldbefenntnid 
das eigene hinzu. Mag fie für fich noch fo fehr auf mildernde Umſlände pläbieren, 
iie konnte vorherfehen, daß die Sozialiften der Ententeftaaten in Genf aus ber Denl- 
ſchrift einzig und allein dag doppelte Schuldbelenntnis herauglefen und fie darauf vor 
aler Welt feftzunageln fuchen würden. 

Genau fo ift es denn auch gelommen. ALS die deutfchen Delegierten, unter 
ihnen Scheibemann und Müller, einft die Erponenten ber nationalen und ſelbſi⸗ 
bewußten Tonart in der Partei, verfpätet in Genf anlangten, hatte bie Schuld 
kommiſſion des Kongreſſes bereit? eine NRefolution ausgearbeitet, die dag ganze 
Doppelte Schuldbefenntnis der Sozialdemokratie fein fäuberlich zufammenftellte und 
dazu noch einige verfängliche Außerungen Dr. Brauns beifügte, des einzigen deut⸗ 
ichen Delegierten, der von Anfang an auf dem Poſten geweſen war: fo die Feſt⸗ 
ſtellung, daß es für die deutſche Sozialdemokratie keine elſaß⸗lothringiſche Frage 
mehr gebe. Auch dieſe Feſtſtellung kann nur den peinlichen Eindruck verſtärken, DAB 
die Sozialdemokratie heute bereit iſt, ihre eigene Haltung während des Krieges zu 


Der Canoflagang ber deutfhen Sozialdemokratie 225 
verleugnen. Im Kriege hat die Sozialdemokratie feinen Zweifel daran gelaffen, daß 
e3 juft im umgelehrten Sinne keine elfaß-lothringifche Frage für fie gebe. Es war 
am 9. Dezember 1915, daß der Abgeordnete Landsberg im Reichstage mit Bezug auf 
Elfaß-Lothringen die Erklärung abgab: „Wir — die Sozialdemokraten — aber 
fagen: Wer das Mefler erhebt, um Stüde vom Körper des deutſchen Volles zu 
jchneiden, der wird, mag er anjegen mo er will, auf das in der Verteidigung einige 
deutiche Volk treffen, dag ihm das Mefjer aus der Hand fchlagen wird.” Man wird 
gewiß mit der Sozialdemokratie nicht rechten mollen, daß fie das in dieſen Worten 
liegende Verſprechen nicht eingelöft hat; aber war es wirklich nötig, in Genf Die 
Selbverleugnung bi3 zu der Braunſchen Erklärung zu treiben? 

Mit Freuden darf fonftatiert werden, daß in fozialdemokratifchen Kreiſen das 
Gedächtnis an ihre bisherige deutjch- und ſelbſtbewußte Haltung doch nicht ganz ge= 
ihmwunden ift. Weithin erregte das Belanntwerden jenes Refolutiongentwurfs 
Befremden innerhalb der Sozialdemokratie. Auch der Vorſtand der fozialdeni- 
fratifchen Reichstagafraktion brachte in einem Telegramm an die deutfchen Delegierten 
zum Genfer Kongreß zum Auzdrud, daß die Zuftimmung unmöglich ericheine, da 
die Archive anderer Länder nicht geöffnet feien und deshalb folches Urteil über 
Schuldfragen ganz einfeitig und ungerecht wäre. Es mar aljo gerade das deutſche 
Schuldbelenntnis, das der Fraktionsvorſtand aus einem echt deutichen, aber auch echt 
und gerecht fozialiftifchen Empfinden heraus als unmöglich ablehnte! 

Unbegreiflicherweile haben es Die deutjchen Delegierten der Partei in Genf 
nicht erreichen können, daß gerade die Sätze über die deutfche Schuldfrage irgendwie 
abgeſchwächt worden find. Im Gegenteil ließen fie e8 zu, daß dieſer Teil der Reſo⸗ 
lution noch verfchärft wurde durch die Hinzufügung des Satzes „Das republis 
laniſche Deutjchland ſelbſt fühlt fich verpflichtet zur Wiedergutmachung ber Folgen 
des Angriffes, Die dag Taiferliche Deutfchland ausgelöft hat, nachdem es das noch am 
Borgbend des Konflikte mögliche Schiedsgericht abgelehnt Hatte.” Das ift ein über- 
aus gefährlicher Sat, durch deſſen Gutheißung nun die Sozialdemokratie auch ihrer- 
ſeits dem berüchtigten 8 231 des Verfailler Friedensvertrages zugeitimmt hat. Konnte 
und durfte ein Scheidemann, der im Frühſommer 1919 Tieber auf feinen Reichs⸗ 
kanzlerpoſten verzichtete, al dab er dem unjeligen Friedensvertrage zuftinmte, jett 
nadhträglich und ohne Not feine Hand hergeben, um eine der ſchlimmſten Be» 
itimmungen des Friedensvertrages zu fanktionieren? 

Mit Stolz rühmt Scheidemann in feinen jüngſten Kaffeler Auslaffungen über 
die zweite internationale, daß die Sozialdemokratie in Genf fich gemeigert habe, ein 
eigenes Schuldbelenntnig abzulegen. Wirflich ift e8 den deutfchen Delegierten, Die 
die Verfchärfung des deutfchen Schuldbelenntniffes zuließen, gelungen, eine Ab— 
ſchwächung der Sätze der Refolution zu erreichen, die das jubjeltive Verfchulden der 
Sozial demokraten heraugftellten. Aber diefer Erfolg, wenn es ein Erfolg ift (denn es 
bleibt das Schuldbelenntnis in der Dentfchrift), macht es Doppelt beichämend, 
doppelt jchmerzlich für alle diejenigen, die der Sozialdemokratie um ihrer nationalen 
Haltung willen feit dem Kriegöbeginn freudig Die Hand zur Mitarbeit gereicht hatten 
— auch der Schreiber dieſes rechnet fich dazu —, daß in der nationalen Schuldfrage 
die Sozialdemokratie den Gang nach Canoſſa angetreten hat. Mochte e3 in der guten 
Abſicht gefchehen, worauf wieder Scheidemann hinweiſt, Die gejchloffenen Kräfte 
de3 internationalen Sozialismus für eine Rebifion des Verſailler Friedensvertrages 

Grengboten III 1920 15 


226 Rüdblide und Ausblicke der chemiichen Jnduftrie 
frei zu machen. Aber ach, welche Kraft kann eine platonijche Rejolution über den 
Friedensvertrag, für die doch nicht etwa wie in der Frage der öjtlihen Neutralität 
die vollen Machtmittel des Proletariats eingefegt werden, in einem Nugenblid haben, 
wo der geeinigte Sozialismus eine der mweittragenditen, in ihren Konſequenzen die 
dauernde Schuldfnechtichaft der deutjchen Arbeiterjchaft feitlegenden Beitimmungen 
des Friedensvertrages gleichfam noch einmal unterftrichen hat! Nur zu jehr zu 
fürchten ift, daß die Genfer Refolutionen von übler WVorbedeutung fein werden für 
die Wiedergutmachungsfonferenz, die in demfelben Genf in Kürze zujammen- 
treten joll. 

Eins aber ift gewiß: In der Gefchichte der deutjchen Sozialdemokratie wird der 
Gang nach Ganofja, den fie mit der Genfer Rejolution angetreten hat, fein Ruhmes— 
blatt jein. 





Rückblicke und Ausblicke der chemijchen Induftrie: 


Don Oscar Neuß, Chemiler 
ie Sruchte gemaltiger, techniſch vorzüglich Durchgearbeiteter Probleme 


begünjtigt von der Sonne einer AOjährigen Friedensära, in pracht— 
voller Reife. 

a Durch zahlreiche, mühevolle, langwierige Einzelarbeiten war bon 
hättkben Chemitern dag einjtige Neuland der ſynthetiſchen Farbſloffherſtellung 
derart durchgeadert, daß die Anilinfarbe aus der deutfchen Fabrik eine Machtitellung 
auj den Handelsmarkte der Welt darjtellte; Hunderte von deutfchen pharmazeutijchen 
Präparaten brachten Segen und Heilung in zwei ganze Welten. An Präparate, 
wie Salvarſan, Afpirin, Antipgrin und unzählige andere fei hier nur erinnert. — 
Das gewaltige Problem der Eticdjtoffgewinnung aus Luft hatte die Veriode der 
üblichen technifhen Kinderfrankheiten überjtanden und war genügend vervoll— 
fomınnet, um in den Großbetrieb übergeleitet zu werden. ine große Anzahl 
weiterer ähnlich erfolgreicher chemischer Errungenjchaften waren erzielt. 

fiber diefe äußerlich weithin fichtbaren Erfolge hinaus waren ums durch 
Arbeiten großer Chemiker, wie Emil Fiſchers, Ehrlich! u. a. Teftamente des Geiltes 
vermacht worden, die eg ung, hätte nicht die Brandfadel des Weltkrieges die Chemie 
auf andere Arbeitögebiete verwiefen, ermöglicht hätten, zum Gegen der Welt und 
Nutzen unferes Vaterlandes in den folgenden fünf Jahren gewaltige Friedensarbeit 
au bollbringen. 

Ta kam der Weltkrieg. Das große Rädergetriebe der rein wiſſenſchaftlichen 
Forſchung, die da um ihrer felbft willen ift und arbeitet, jtand mit einem Nud jtil. 
Die Begeifterung zog die jungen Chemiker hinaus an die Front, die älteren wurden 
hierdurch ihrer Mitarbeiter beraubt, und an fie und die wenigen Zurücdgebliebenen 
trat die Aufgabe heran, eine Sriegschemie ins Leben zu rufen, deren letztes Ziel 
und letter Zweck es war, einzig der Verteidigung des Vaterlandes zu dienen. 

Bon diefem Geſichtswinkel aus wollen die technischen Grfolge beurteilt werden, 
welche die Chemie des Weltkrieges ihr eigen nennt. Denn ex post, lediglich 





Rüdblide und Ausblide der hemifhen Induſtrie 2237 


gemeſſen nach dem Werte für eine chemifche Technologie des Friedens, erwies fich 
die Mehrheit dieſer Arbeit ala Fruchtlog. 

Uinendlich viel Mühe, Zeit und Geld wurde verbraucht, um diefe technijchen 
Kriegsnotwendigkeiten hinter der Front in Laboratorien und chemifchen Betrieben 
zu löfen und von all den vielen Arbeiten blieb außer dem Kriegszweck, einer Be⸗ 
reiherung an Erfahrung umd einem gewiſſen ibeellen Gewinn, für bie Friedens— 
technit nichts. Man hatte während des Krieges bei mehr als einem Verfahren 
gehofft, daß es über den Krieg hinaus von Beltand fein würde, hatte fo manchem 
Berfahren vorausgejagt, daß nunmehr die Abhängigkeit vom Auslande Hinfichtlich 
Diejes oder jenes chemiſchen Erzeugnifjes gebrochen ſei. Ein Betrieb nach dem 
anderen biefer Kriegsinduftrien wurden mit Kriegsende ftillgelegt, Tautlofer ala er 
aufgenommen wurde und dadurch, Daß man auf den bleibenden Wert verfchiedener 
diefer Induſtrien Hoffnungen fette, folgten, als fie unerfüllt blieben, Ent⸗ 
tãuſchungen. 

Tages und Fachpreſſe Haben an dieſem Aſchermittwoch vielfach Mitſchuld, 
ſei es durch unberufene Vielſchreiber, um der Senfation willen, ſei es, daß man 
durch derartige Nachrichten die Zuverſicht des Volkes anſpornen wollte. 

Man erinnert ſich der ſenſationellen Nachrichten über die Futterhefe, welche 
dazu angetan ſein ſollte, unſere Futternot zu beheben, beſonders auch berufen ſein 
ſollte, für die ſehr reichliche überſeeiſche Einfuhr an Futtereiweiß Erſatz zu 
Imaffen. Das Verfahren war, fo hieß es, ja rieſig einfach. Man brauchte nur die 
Hefe in einer Kährlöfung zu züchten, die vornehmlich Zuder und Ammoniak cat: 
hielt. Das Ammoniak gewinnt man aus dem Stidjtoff der Luft, der Zucker war 
reichlich vorhanden. Wie anders die praltifche Durchführung! Zwar wurden große 
Anlagen für die Erzeugung der Futterhefe errichtet, e$ wurden gewaltige Suminen 
dem Problem geopfert, viele Arbeitäfräfte wurden für die Yabrifation gebunden, 
aber mehr ala eine Verordnung verfügte die Abfchlachtung der Viehbeftände infolge 
Futtermittelmangeld. Die Betriebe lagen aber nur zu bald wieder ftill. 

Nicht meniger enthufiaftiih wurde die „Fetthefe“ begrüßt. Mean hatte 
gefunden, daß eine Heferafle im Innern ihrer Zellen Kleine Öltröpfchen auffpeichere 
und berichtete ernithaft in Tages» und Fachpreſſe, daß es nun möglich märe, mittela 
diefer Hefe der Yettnot bis zu einem gewiſſen Grade zu fteuern. Fachzeitſchriften 
brachten die mikroſtopiſchen Abbildungen dieſer Wunderbefe, ein Berliner Inſtitut 
befchäftigte fi) mit der Ausarbeitung des Verfahrens dieſes Fettſpenders jür Die 
Technik, heute aber müffen wir belennen, daß man Zeit und Geld für dieſes Broblem 
nutzlos opferte.e Schon rein infolge der praftifchen Unmöglichkeit Der technijcyen 
Durchführung fiel dieje Kriegserfindung, und von beiden, der viel gerühmten Eimeiß- 
und Fetthefe, blieb praktiſch nichts übrig. 

Dann kam der funthetifche Kautſchul. Mittels deifen vermochte man während 
des Krieges bis zu einem gewillen Grade über den Kautſchukmangel hinwegzuhelfen. 
Es wurde für Kriegszwecke ein brauchbarer Hartfautfchuf dargeftellt und auch als 
Neichlautfchuf fam er in Anwendung, in zahnärztlicher Praxis, für dringend not⸗ 
wendige bugienifche Bedarfsartifel u. dal. Aber mit dem Beginn des Friedens 
fiel fchon dag Intereſſe an dem Lünftlichen Kautſchuk. Seine Qualität läßt fd) 
mit jener des Naturgummi3 nicht vergleihen. Die Kämme aus fünfllichen 
Ktautſchuk verlieren bei ſtarker Inanſpruchnahme die Zähne, die Autoreifen aus 

16* 


228 Rückblicke und Ausblide der hemifhen Induſtrie 


fünftlihdem Gummi leiſten nicht die Anzahl Kilometer wie die aus dem Natur⸗ 
prodult hergeftellten. Jener Yabrilationsbetrieb in Elberfeld, welcher den ſynthetiſchen 
Gummi während des Krieges erzeugte, liegt ftil. In Überfee aber herricht an 
Kautſchuk ein gewaltiger Überfluß, jo daß auch aus wirtjchaftlichen Gründen an eine 
Überführung diefer Kriegsdarjtellung in die Friedenszeit nicht zu denken iſt. 

Hinzu lTommt noch folgender Umjtand: Einzelne diejer Sriegserfindungen 
jtellten im gewiffen Sinne eine Bankerottwirtſchaft mit unjeren Rohſtoffen dar. 
Man nimmt, um einen loftbaren Stoff darzuitellen, ſtets einen anderen, ebenfalls 
‚wertoollen Rohſtoff, gleich dem Bankerotteur, der, um eine Schuld zu zahlen, 
eine neue aufnimmt, gemwiffermaßen um ein Loch zu fliden, ein andere auſreißt. 
So wurden zur Darftellung des funthetifchen Kautſchuks Rohmaterialien benutzt, 
wie Aceton, Spiritus (aus Kartoffeln), die an anderer Stelle dringend benötigt 
tourden. 

Zu ber im Striege betriebenen Erzeugung von Protoglyzerin, aljo einen 
fünjtlihen Glyzerin, wurde Zuder verwendet, an welchem wir ohnehin größten 
Mangel litten. Ter Puder wurde gegoren, die Gärung aber fo geleitet, daß möglichſt 
viel Glyzerin gebildet wurde. Auch dieſer Betrieb wurde mit Kriegsende stillgelegt. 

In gleicher Weije wie dieſes Protoglyzerin hat das Schickſal den Glyzerinerjak 
Glykol ereilt, der aus Alkohol erzeugt wurde. Die Anlage in Eſſen, welche das 
Glykol erzeugte, liegt ebenfall2 feit geraumem ftill. 

Wohl hatte man es ferner im Kriege ſoweit gebracht, dab zum Bau einer 
L2olomotive nur mebr 1000 Kilogramm Sparmetall verwandt werden mußten. 
Aber die Ergebniffe der — notwendigen — Sparwirtfchaft waren ſehr jchlecht, und 
wenn man irgend kann, geht man zur alten Baumeife zurüd. Inſonderheit haben 
die Feuerbuchſen aus meichem Schiniedeeifen ſich nicht bewährt und der hohe 
Neparaturftand unferes Kifenbahnmaterials ift mit eine Folge unferes Kriege 
mafchinenbaue3. 

Ahnlich ging e8 dei der Darftelung von Lagermetallen. Man mußte während 
des Krieges an Stelle von Kupfer und Zinnlegierungen Zink- und andere Legie⸗ 
rungen berftellen und wähnte hierdurch unfere vorzüglihen alten Kupferzinn: 
legierungen Mefling, Bronze, Weißmetall ufm. auch im Frieden erfegen zu können. 
Man vergißt hierbei, daß die ?sriedenslegierungen ihre Anmendungen nicht einer 
Zufälligleit oder Laune, fondern jahrelanger Erfahrung verdanken, und wenn man 
fi) dazu vergegenmwärtigt, daß in Amerika eine Überproduftion an Kupfer hertſcht, 
läßt fich leicht torausiehen, welches Schickſal dieſen Verfuchen beſchieden fein muß. 

Viel machte aud) die Erfindung der Gewinnung von Fettfäuren (Fetten) aus 
Teeren in den Sriegsjahren von fich reden. Durch Einwirkung von Ozon, fogar 
Luft, will man aus Teerfraftionen, Braunlohlenteerölen u. a. richtige Fettſäuren 
gewinnen, deren Glyzerinreſte zu Speifefetten und deren Albaliſalze zu Seifen ver: 
wandt werben follen. Den Beweis einer wirtfchaftlichen Durchführbarkeit blieb das 
Verfahren bisher fchuldig, und an Seifen und Speifefetten herrfchte während ber 
fünf Sriegsjahre bitterfter Mangel. 

Man mwähnte weiter, durch Gewinnung von Schwefelfäure aus Gips auch 
bier eine gewilfe Iinabhängigfeit von ausländifcher Schwefelzufuhr und Poritzufuht 
(Kiefe) zu erzielen; aber auch dieſe im Krieg aufgeftellten Anlagen mußten bereitd 
wieder abgebrochen werben. 


Räückblicke und Ausblide der chemifchen Induſtrie 229 


Die Gewinnung von Alkahol und Eſſigſäure aus Karbid fcheint Erfolg zu 
haben, der zwei meiteren Verfahren, der Zuckergewinnung aus Holz, fowie ber 
Geminnung von künſtlichem Benzin aus Kohle bisher verfagt geblieben if. Die 
legten Morte Über diefe Verfahren, die zumeift der Kriegszeit angehören, jind 
vielleicht noch nicht geſprochen; jedenfall3 haben die Kriegsjahre dieſe Verfahren 
leineswegs zu technijch befriedigendem Stande geführt. 

Undere SKriegserfindungen, wie die Auffchließung von Stroh und Holz ala 
Futtermittel erwiefen ſich ala völlig umtauglic) — troß der großen Rellame, mit 

welcher fie angelündigt wurden. 
5 Die Aufgabe, der Verteidigung des Vaterlandes zu dienen, hat beiſpielsweiſe 
das Problem der Nitrierung der Holzzelluloſe an Stelle der mangelnden Bauınmolle, 
wie manches andere Problem erfüllt, — aber eine Fortdauer in der Friedenszeit 
war wenigen befchieden. Möglich ift, daß das eine oder andere der bejchriebenen 
Verfahren in einer ruhigeren Zeit der Friedensarbeit zur Weiterentwidlung und zum 
praktiſchen Erfolge führt. Der Krieg hat ihn nicht gebracht. 

Sp Stehen wir heute an der Schwelle der chemifchen Friedensarbeit im allge- 
meinen etwa da, wo wir zu Beginn des Krieges aufzuhören gezwungen muren. 
Aber dag Niveau unferes Könnens und unferer Leiftungen auf dem Gebiete der 
Chemie war zur Stunde des Kriegsbeginnes ein beträchtlich hohes, das Erbe aus 
der Friedenszeit ein gewaltiges. Prophezeiungen auf dem Gebiete einer wiſſen— 
Ichaftlich-technifchen Entwidlung find ein mißlic Ding und ficher ift, daß Die Be: 
dingungen, unter denen wir jegt zu arbeiten gezwungen find, außerordentlich bitter 
und ſchwer find. Hohe Löhne, verkürzte Arbeitzzeit, Mangel an Kohle und Roh— 
ftoffen und vor allem, was fcharf betont werden muß, Mangel an Geld für Wilfen- 
ichajt und Forſchung find ſchwere Hemmſchuhe für unfere technifhe Entwicklung. 
Denn die Tatfache, daß man mit Berfailles und Spa unfere Znduftrie wohl hemmen, 
aber nicht nachahmen Tann, fcheint man in Frankreich zu vergeffen. 

Uber manche Verfahren aus der Striegszeit find nicht nur unerjchüttert, jondern 
fogar gefeftigt hervorgegangen, wie die Gewinnung des Stickſtoffdüngers aus der 
Luft. Bei Höchftleiftung an Stidftoffdünger wird die Erzeugung Deutſchlands 
in Tonnen reinen Stidjtoff3 betragen: 300 000 Tonnnen nad) dem Haber-Bofd)- 
verfahren (ſynthetiſchen Luftſtickſtoff), 100 000 Tonnen nad) dem SKalffticitoffver- 
fahren, 100000 Tonnen aus Solereien und Gasanjtalten, alſo zufammen 
500 000 Tonnen; hiervon ift die Produltion aus den Gebieten abzuziehen, Die 
mit der Abtretung deutjchen Gebietes verloren gehen werden. — Das rafche Empor: 
blühen dieſes technologifchen Zweiges in Deutjchland haben die Kriegsverhältniſſe 
offenfichtlich begünftigt. Deutſche Yarbitoffe find heute nach dem Kriege begehrter 
wie vorher und was an chemijchen und pharmazeutifchen Produkten vorhanden war, 
wurde vom Auslande nach Beendigung des Kriegszuſtandes — nicht der Baluta 
allein wegen — gierig aufgelauft. Das „Made in Germany” war für deutfche 
chemifche Spezialitäten noch ftet3 das beite Warenzeichen, da8 vom Auslande gefäljcht 
werden wird, wie einf. Wenn heute mehr denn je auf die chemifche Induſtrie 
fih die Augen richten, in der Hoffnung, daß dieſe aus unferem Elend Helfen joll, 
fo iſt dieſe Hoffnung nicht ganz unberedhtigt, vorausgeſetzt drei Dinge: Kohle, 
Rohitoffe und Arbeitäwille. Denn, ebenfalld wieder ala Erbe aus der Friedens: 
zeit, wir haben voraus: den deutfchen Chemiker, den man nicht nachmachen kann 


Ä 


230 Rüdblide und Ausblide der chemiſchen Induſtrie 


mie ein Rezept oder eine Vorfchrift, nicht kopieren kann wie eine hemifche Apparatur, 
die beide — Fabrikationseinrichtung und Fabrilationsgang — ohne den Fabri⸗ 
kations leiter wertlos find. 

Wenn man in dDiefer Hinficht die Ausfichten der deutſchen chemifchen In—⸗ 
duftrie, ihre Stellung zum Ausland, nicht als ausſichtslos bezeichnen kann, jo jind 
in anderer Richtung bezüglich ihrer inneren Entwidlung Momente aufgetreten, die 
fiher bedenklich beachtenswert find. Dieſe „innerpolitiihe Orientierung“ in ber 
hemifchen Welt, wenn man jo jagen darf, hat fi) gegenüber der Zeit vor dem 
Kriege verändert. Wir hatten oben darauf hingemiefen, daß der Chemiker den 
Hortichritt der Chemie bedingt. Uber die Kriegsverhältniſſe brachten es mit ſich, 
daß das Studium der Chemie, welches die Grundlage für unjeren ortfchritt bildete, 
in den letzten “Jahren vielfach Ddurchgepeitfcht wurde. Durch „Zwiſchenſemeſter“ 
wurden aus drei Jahren Studium zwei Jahre gemacht. Mit allerhand „Erleicte- 
rungen“ erleihterte man das Können des Nachwuchſes zum Schaden ber 
deutfchen chemifchen Induſtrie und auch zum Schaden der Betreffenden felbft. 
Ein ungefunder Andrang zu Diefem Studium, der deshalb zu allgemeinen Warnungen 
veranlaßte, wird unter den Chemifern ein Proletariat jchaffen, ungeeignet fürs 
Ausland mangels? Betriebserfahrungen; und mo dennoch wieder Abwanderung wirt 
licher Fachleute ins Ausland ftattfindet, gefchieht dies zum Schaden der deutſchen 
Induſtrie. Denn darauf beruht ja zum großen Zeil unfer Fortjchritt, daß wir den 
anderen ftet3 ein Stüd voraus find, deffen wir durch Abwanderung unferer Chemiler 
ins Ausland verluftig geben. 

Weiter: Der durch die mwirtfchaftlihen Werhältniffe bedingte Zuftand eines 
Geldmangels für Wiſſenſchaft und Forſchung veranlafte ſogar Gelehrte ins Ausland 
zu gehen. Die Baluta fonnte der deutichen Chemie hier unberechenbaren Schaden 
zufügen. 

Aber audy für die Forſchung felbjt fehlen in neuerer Zeit die Mittel. Ein 
blutleeres Wirtjchaftäleben, Steuergefetgebung, Verſailles und Spa find mit die 
Urſachen, daß die chemifche Großinduſtrie, die für Zmede der Wiſſenſchaft und 
Forſchung noch während des Krieges ftet3 reichliche Mittel zur Verfügung hatte, 
jegt zurüchaltender geworden ijt. 

Lehrſtühle, hemifche Apparate, Literatur, das find alles Dinge, Die viel Geld 
folten, und wenn wir die Auzfichten der chemifchen Induſtrie ruhig als Derart be 
zeichnen Tönnen, daß fie das in fie geſetzte Vertrauen rechtfertigen wird, fo bildet 
die Vorausſetzung Diefer Annahme, daß bie hier gejtreiften Fragen der „internen 
Entwicklung“ zugunften dieſes Induſtriezweiges fih in früherer Weiſe iveiter ent« 
wideln. 

Notivendig tft, daB mir über die gegenmärtige Periode eines blutlojen Wirt- 
ſchaſtslebens Hinmweglommen. Dann wird Die deutſche Chemie an dem Wieder: 
aufbau zu ihrem Teile fräftig mitwirken, wird mithelfen, in das mwirtfchaftfiche Cheos 
Ordnung zu bringen, wie fie allein es verftanden hat, in das Chaoß der Materie 
Syſtem zu bringen, wird am fo oft erwähnten Aufbau bes Vaterlandes teilhaben, 
wie jie es vermochte, Durch ſynthetiſchen Aufbau chemifcher Körper aus dem Werts 
ofen Dinge zu des Lebens Annehmlichkeit, zu Fortfchritt und nl 
zu jchaffen. F 





— 


Neue Lyrik 231 


Neue Lyrik 


Von Hans Heinrich Schaeder 


IR m lyriſchen Kunſtwerk, im Gedicht, gibt ſich das Eigenweſen des 
{ EN dichterifch ſchöpferiſchen Menſchen am unvermitteltiten zu erkennen. 
Denn es iſt hinausgehoben über die Bemwegtheit des Lebensſtromes, 
) den da3 Epo3 zu geitalten fucht, wie über die Spannung des Dramas. 
ea), — Es ruht in ſich und reicht weit hinaus nach allen Seiten, als um— 
faſſendſtes Sprachkunſtwerk. Dem Maleriſchen benachbart durch die Abſtufung und 
Harmonie der Farben, dem Muſikaliſchen durch die Gliederung des Rhythmus, durch 
Modulation und durch die Einheit der Melodie, — beiden auch dadurch nahe, daß 
in ihm in viel höherem Maße al3 in den anderen Wortkünften das Material der 
Geftaltung zur finnvollen Form wird. Denn das Wort gilt im Gedicht nicht als 
Verftändigungsmittel, jondern als eigene Geftalt, deren Sinn in ihr felber liegt, 
nicht über fie hinausweiſt. So rundet fich das Gedicht zu einer Eigenwelt, die ihren 
eigenen Mittelpuntt hat und ihren inneren Geſetzen gehorht. Wie aber jedes 
Befondere und Einzelne, das in fich feft und lauter und eins ift, zugleich da3 um- 
fallende Allgemeine rein repräjentiert, jo iſt das Gedicht der getreue Spiegel feines 
Schöpfer und über ihn hinaus der geiftigen Welt, in der und aus der er lebt. So 
bedeutet uns die große Inrifche Überlieferung eine Eontinuierliche Folge von Etil- 
formen, deren jede eine perjönliche und eine allgemeine geiftige Welt ausdrüdt: 
fie geht von Pindar und Bakchylides bis zur helleniftifchen Elegie, von der chrift- 
lichen Hymnendichtung und der großen arabijchen und perfifchen Lyrik des Mittel- 
alterö zu den Troubadours und Minnefängern, zur Vita Nuova und dem Canzoniere 
Dantes, zu Shakefpeares Sonetten und Michelangelo Rime, fie blüht im 19. Jahr: 
hundert bei Goethe und Hölderlin, bei den großen englifchen Dichtern, bei 
Baudelaire und Verlaine, in unferen Tagen bei George und Hoffmannsthal. 

Iſt Dieje große Tradition erjchöpft oder vermag ſie noch unter ung neue Formen 
und neue Träger zu finden? Bei einem Überblick über die jüngjte Lyrik, die ein 
neues Pathos der Menjchlichkeit, den unmittelbaren, tönenden Ausdrud einer 
integralen Geiftigfeit fucht, und darum zunädjft die konventionellen Gehalte und 
Formen der Tiberlieferung auflöft, würde man hier und da in der Tat ein Ende, 
einen Niedergang anzunehmen bereit fein. Aber das hieße die fchöpferifche Leiftung 
verfennen, die überall aus der Negativität bloßer Empörung wider die Konvention 
berborbricht, es hieße die reine, juchende Leidenschaft der jungen Dichter mit der 
öden, leblofen Programmatik einiger weniger Literaten verwechſeln. 

Heute ijt von einem Versbuch zu jprechen, das nicht nur um feiner Eigenart, 
londern auch um der bejonderen Umftände willen, unter denen e8 erfchienen: ift, 
bemerkenswert ift. Die „Gefänge“ von Ernft Droem (E. H. Beckſche Verlags- 
budhandlung, München 1920) find mit einer Einführung von Oswald 
Spengler herausgegeben, — ja fie fönnen geradezu als Belegſtück gewiſſer Ge- 
dankengänge des Untergangsbuches, die in diefer Einführung zufammengefaßt und 
erweitert werden, gelten. Spengler nimmt das Auftreten einer großen Lyrik am 
Anfang und.am Ende der von ihm Zonftruierten Rulturepochen an, — da die abend» 
ländifhe Kultur zu Ende geht, jo defretiert er: „Die Gefchichte der Lyrik ift für 
ung zu Ende. Es gibt feine Lyrik mehr.” Was bleibt, mas es noch gibt, das find 





232 Ueue £yrif 





„Rachzügler einer vollendeten Lyrik”, die er nun allerdings meijterhaft zu charakteri- 
fieren verjteht und als defjen Vertreter er Baudelaire, Verlaine, George und Droem 
anführt, obwohl feine Charakteriftif ausfchließlih auf den letztgenannten zutrifft. 
Es lohnt nicht auszuführen, mie ungeheuerlich dieſe Zufammenjtellung von Dichtern 
ift, deren Gemeinſames ausſchließlich ein äußerftes Stilgefühl ift, während die Stil- 
formen, in denen fie fich beivegen, bei jedem von ihnen volllommen eigenartig und 
nahezu unvergleichbar find. Einige Sätze von Spengler können wir der Betrachtung 
der Droemfchen Verſe vorartftellen, da fie das Wefen derfelben auf das genauefte 
tennzeichnen: „Hinter diefer Natur wie hinter einer Maske Tiegt eine zweite, in 
welcher dieſe verirrte und verfchlagene Seele über die Welt Diefer Tage fiegt. Jene 
immer twieder erreichte, oft in ein Bild von wenigen Worten, oft in eine kurze und 
leicht zu überfehende Wendung gefaßte Höhe der Entrüdiheit ift e8, in der zuletzt 
alles Eigene fih Töft ... und in der Unbewußtes fih mit Außerbewußtem völlig 
bereint....” 

Was ſich ung hier darftellt, ift eine Dichtung der dem Ende nahen Deladenz, 
ja Droem iſt geradezu Der Dichter der Deladenz, oder beiler ber befonderen, 
tppifchen Ausprägung, die fie in Deutjchland erfahren konnte. Es iſt die Deladenz 
des deutſchen Spießers, die nicht einmal mehr zum Schrei der Verzweiflung, zum 
freiwilligen Ende lebendig genug ift, fondern fi in völliger Lajchheit und 
Trägheit und Verſchlammtheit dem Nichts entgegenſchwemmen läßt, verſunken im 
Dunft einer ichlofen und gottlofen Myſtik. Darum find dieſe Verje kultur: und 
zeitpfychologifch ungeheuer interefjant, — nur nicht, wie Spengler meint, als Aus— 
drud der Zeit überhaupt, fondern als das Lallen einiger Tebensunfähiger Zeit 
genoffen, deren Grundſtimmung Befchaulichkeit gegenüber ber eigenen Verweſung ilt. 

Bor ſechs Jahren ftarb, durch das Erlebnis des Krieges zerbrochen, im 
Garniſonsſpital zu Krakau der Dichter Georg Trafl. Auch fein Werk fpiegelt den 
Verfall, da8 Vergehen und Verrinnen, den Herbft der Dinge und der Seele. Aber 
mit welcher Inbrunſt der Seele find feine Verfe erfüllt, welch letter Adel der Form 
umkleidet fie, wie jind fie durchleuchtet und durchglüht von der „heißen Flamme 
des Geiftes’! Cine feiner Dichtungen heißt „Offenbarung und Untergang“ ; mochte 
der Dichter untergehen, die Offenbarung bleibt und und vergeht nicht, die Offen: 
barung einer reifen und erfüllten Jugend. Im Hinblid auf Trafl3 Dichtung gewinnt 
da3 meift unnüte Schlagwort „erpreffioniftifch“ einen deutlichen Sinn: eg gelingt 
ihr, das Leben der Landſchaft und das Leben der in derfelben fchauend verweilenden 
Seele in eins zu fegen und für die jo gewonnene Einheit naturhaften und geijtig- 
perjönlichen Dafeins eine lyriſche Form zu finden, die der gewachſene Leib, nicht 
ein erborgtes Gewand jenes Einheitzerlebniffes ift. Unbefchreiblich ift die Süße und 
Fülle feiner Melodie, der Glanz feiner Farben. 

Droem hat weder Melodie noch Farbe. Seine Sprache ift, genau mie bie 
Spenglers, das fang- und Elanglofefte Deutfch, dag man ſich denken kann, die Farbe 
feiner Verſe ift Die ber Nacht, nicht jener Nacht, „in deren Glut neue, wahre Dinge 
erftrahlen“, fondern ber Tangmweiligen, fpießbürgerlihen Nacht, in der alle Katzen 
grau find. Pie gemollte, ja raffinierte Banalität feiner Strophen, die Zuchtlofigkeit 
feiner Rhythmik, das Geleier jeiner Reime ift unerträglich. Ein Gedicht ift von der 
gleihen Monotonie wie daß andere, und wenn man bloße Eintönigfeit Stil nennen 
könnte, fo wäre hier ein Stil erreicht. Altere Formen, an die er anlnüpft, find ſchwer 


Neue £yrif 233 


anzugeben: es ift etwas von Schwabinger Tradition darin, von Wilhelm Buch bis 
zu den Gedichten des Simpliziffimus aus feiner frechften und verdorbenften Zeit, 
daneben Anklänge an dag Überbrettl, an Bierbaums und Wedekinds Chanſons. Wenn 
diefeg Schwabing München oder gar Deutjchland wäre, dann, aber erft dann wären 
diefe Gebilde kennzeichnend für die gegenmärtige deutſche Lyrik. 

In Diefer Spradhe nun erfcheinen die blaifen Schatten einer Bilderwelt, Die reich 
wäre, wenn ihr nicht alles Blut und alle Kraft entzogen wäre. Vifionen des Trinkers, 
LZandichaften, Kokotten, Betrachtung ‚von Kunſtwerken, Jahreszeiten, vergangene ge 
Ihichtliche Welten geben dieje Bilder her. Aber fie werden weſenlos, fo weſenlos mie 
die Perſönlichkeit des Dichters, der fich in ihnen ohne Sammlung, ohne Demut, ohne 
Scheu jucht und niemals findet. An mehreren Stellen des Buches ftehen Gottez- 
läfterungen von graufiger Furchtbarfeit, — am furchtbarften darum, meil felbft fie 
ohne allen Troß, in läſſigem Hochmut hingefagt, hingeworfen werden. Die Gott- 
Tofigkeit ift in diefem Buche womöglich noch grauenvoller als in Spengler Unter- 
gangsbuch. Man wagt nicht, die Mächte der Finfterniz, die hier am Werke find, bei 
ihrem wahren Namen zu nennen. Quther warf nach ihnen mit dem Tintenfaß. 
Non ragionam di lor, ma guarda e passa. 

Alles, was wir bier vermiffen, Reinheit und Kraft der Sprache, des dichterijchen 
Ethos, VBerantwortungsbemußtfein der Zeit und der Geſchichte gegenüber, das treffen 
mir in einem Versbuche an, da3 zu gleicher Zeit erjchienen it. Nudolf 
Borhardts „AJugendgedichte” (Ernſt Rowohlt Verlag, Berlin 1920), vor 
anderthalb bis zwei Jahrzehnten entitanden, vor zehn Jahren zum erjten Male für 
einen engen Kreis von Freunden des Dichters gefammelt, werden uns neu gefchentt, 
mit dem Verſprechen, daß nun endlich das ganze Werk dieſes überragenden Geiftes 
uns erfchloffen werden fol. Bisher kannten wir nur verftreute und ſchwer zu- 
Hängliche Stüde der umfaffenden Bildungsmelt, die er, erneuernd und neufchaffend, 
ich erbaut hat. Im vergangenen Jahre erfchienen im Hhperionverlage erneut das 
„Seipräch über Formen“, gefolgt von einer Übertragung von Platons Lyſis, die 
beide für die Beſtimmung unferes Verhältniffes zur Antike, für die Beurteilung der 
Altertumswiſſenſchaft und eine neue Erfaffung griechifchen Geiftes von größter Be- 
deutung find, — und die „Rede über Hoffmannsthal”, die eine grundlegende Kritik 
der zeitgenöflifchen Dichtung und des fie tragenden Zeitgeiftes zufammen mit einer 
Würdigung Georges und Hoffmannsthals enthält, und zu der eine prachtvolle Be- 
leuchtung des Georgekreifes (unter dem Titel „Intermezzo“ in den Süddeutſchen 
Monatzheften von 1910) gehört, nach der man die troftlofe neuefte Auswahl aus 
den „Blättern für die Kunft“, die ımlängft erfchien, nicht mehr zu leſen braucht. 
Im „Buch Joram“ erneuerte Borchardt fchöpferifch Die Urform neudeuticher Proſa, 
die Sprache der Iutherifchen Bibel, und ſchuf zugleich eine Legende von urzeitlich- - 
zeitlofenm Leiden in den Bildern der Legenden von Tobit und Hiob. In den 
Heidelberger und Berliner Kriegsreden, wie vorher in den politifchen Briefen aus 
Stalien (in den Süddeutſchen Monatsheften von 1912), wurde eine Politif des 
Beiftes vertreten, wie fie feit Lagardes Tod in Deutfchland kaum mehr vertreten ward. 
Bon dem ımifaffenden Üiberfegungsmwert wurden mir nur eine Ode Pindars und 
zwei Balladen von Sminburne, Zeugniffe vollkommener Meifterfchaft, befannt. Am 
fehnlichften erwarten wir von Borchardt den beutfchen Dante, denn er ift Der einzige, 
der außer dem Dantefchen Sprachgeifte (den bisher nur zwei Dichter, Roffetti in 


234 Xene £yrif 


England und George bei und, erfaßt haben) auch das Dantefche Weltbild und feine 
geiftesgefchichtlihen Vorausſetzungen fieht. 

Diefe drei Dinge: Stilbemußtfein, Traditionsbewußtſein, verantwortungs⸗ 
bemußtes Dichterifches Ethos beftimmen auch das Jugendwerk des Dichter, das 
wir hente betrachten. Seine Sprache ift von vollem, dunklem Klang, tönend von 
der Fülle der Gefichte und Bilder, an⸗ und abjchwellend von ftrahlender Freude zu 
brennender Qual, von zartefter Werbung zu fchmerem. Zorn, eine Sprache aus 
Marmor und Erz, lang nachhallend, feierlich, königlich. Und diefe Sprache erichafft 
aus fig new die adligen Formen früherer Iyrifcher Kulturen: Die ſechs großen 
Elegien erneuern die griechifche diftichifche Elegie,. die Terzine und Die Stanze. 
Dazu treten das Sonett, deſſen Erftarrung feit Goethe nie jo ins Leben gerufen 
wurde, die Ballade (des alten romanischen Typus), Die Seftine, die hier zum erften- 
mal mit deutfchem Sprachgeift erfüllt ift, der Werd der attifchen Tragödie und ein 
herrliches Tagelied, das zu ben vollendetften Stüden der ganzen Sammlung gehört. 
Alle dieſe Gedichte und mit ihnen bie in freier, nicht überlieferter Form gefchaffenen 
(welche Strenge in ihrer Gelöftheit wohnt, das ermeife man etwa an dem munder- 
vollen „Zraurigen Beſuch“) merden fo ſtark vom Drängen der Leidenſchaft, ge 
bändigt durch die Zucht Tauterfter Form, getragen, daß ihre Wirkung Katharfis ift. 
Reinigende Kraft geht von ihnen aus, am ftärfiten vielleicht da, wo fie felber, cykliſch 
zufammengefchloffen, Stadien auf einem Wege der Läuterung durch Paſſion anzeigen, 
wie in den beiden Chllen „Autumnus“ und „Lieder aus den drei Tagen“. 

Es wäre umfonft, viel zum Lobe diefer Dichtungen zu jagen. Sie bedeuten 
in unferer Gegenwart, der eine Dichtung von ftrenger Yorm, von geiltiger Einheit, 
in der Urfprünglichleit und Tradition verfchmelzen, not tut, eine Tat von hervor 
ragender Bedeutung, die ung nicht wieder auß dem Bewußtſein ſchwinden darf. 
Hoffentlich ift e8 uns bald möglich, fie im Zuſammenhang des Geſamtſchaffens des 
Dichters zu fehen. | = 

Zum Schluffe diene eines feiner Sonette als Zeugnis feiner Sprachgemwalt 
und der tiefen, ernft-freunblihen Weihe, in der Die Bewegung bes perfönlichen 
Lebens auf die Mitte gütig-vertrauter Mächte hingelenkt wird, das Sonett 
„Hausgeiſt“. 

Winter kam heute in mein Haus und ſang: 

„O kalter Herd und Kammern ohne Licht! 
Gramvolle Lippe! Schweigendes Geſicht! 
Friedloſes Herz, iſt dir vor Frieden bang?“ 

So freundlich ſprach er, und ich wehrte nicht, 

Daß er mit ſeinem Mantel mich umſchlang, 

An ſtummen Gärten gingen mir entlang, 

Schnee fchlief auf ihnen und die Nacht war dicht — 


— Ward Licht den Augen, Die dein Auge traf 

Verſchwiegenen Leiden ahnungsvoll vertraulich! e 
Ward Augen hold, die du fo milde maßeft. 

Ward gut, mo du dem Lied ber Glut befhaulich 

Zaufchend, in dich hHineingeneigt Dafaßeft, 

Haußgeift, am Herde, zwiſchen Tag und Schlaf. 


Weltfpiegel 235 


Weltipiegel 


Fraukreich und Rufland. Was in der erften Auguftmoche auch dem ftärfften 
Optimiften Anlaß zu Befürchtungen geben mußte, die Gefahr nämlich, daß Deutfchland 
doch noch in den troß Londoner Verhandlungen raſch wieder aufgeflammten Kampf 
zwifhen Entente und Somjetrußland Hineingezogen werden könnte, ift gerade nod) 
einmal an uns vorübergegangen, nicht etwa infolge unferer Neutralität, die die 
feindliche Preſſe fortdauernd zu verdächtigen fucht (Matin vom-17. 8. behauptet 
z. B. mit der größten Beftimmtheit, daß täglich deutſche Munitionszüge nad) 
Sowjetrußland gehen), und ebenjo wenig, weil übereifrige Eifenbahngr ein paar 
Zruppen= oder Materialtransporte aufhalten, fondern vor allem wohl, weil die 
von Spa nah Warſchau entjandten Führer der Ententemiffionen an ihre Re⸗ 
gierungen Telegramme richteten, die mit voller Deutlichkeit: erkennen Tießen, daß 
militärische Hilfe zu fpät kommen und nur neue Preftigeverlufte bringen mußte. 
Ein halb Dutend Divifionen hätte man zur Not ſchicken können und weder die 
Reichswehr noch etwaige Arbeiterbataillone der Unabhängigen und Kommuniſten, 
die am Beilptel des viel bemunderten Somwjetrußland immerhin lernen könnten, 
was ein fchlagfräftiges Heer im Kampfe gegen den Ententefapitalismus wert ift, 
wären jo wenig wie ein Generalſtreik imftande gewefen, ihren Transport länger 
als zwei oder drei Tage zu hemmen. Aber ein halb Dubend Divifionen genügten 
eben nicht. Die militäriihe Lage hätte fich vielleicht wiederherftellen laſſen, aber 
direktes militärisches Eingreifen in Polen bedeutete den offenen Krieg mit Somjet- 
rußland und zu dieſem Sriege bedurfte e8 einer Armee, die man nicht mehr zur 
Verfügung hat und nicht jchaffen fanı. Was England noch an militärifchen 
Kräften befittt, reicht gerade aus, um Indien, Agypten und Irland niederzuhalten 
und genügt nicht einmal, um neben Stonftantinopel, wo eventuell bis auf weiteres 
die Griechen herhalten müflen, die wichtigfte Eroberung Englands im Weltkrieg, Mefo- 
potamien, zu jihern, das jeßt jogar Lord Rothermere bereitd aufzugeben geraten hat. 
Was Frankreich betrifft, jo wäre auch diefes, felbft wenn es weniger Furcht vor 
emem deutjchen Überfall auf die bejegten Gebiete hätte, nicht imftande, nennenss 
werte Truppenmengen auf den öftlihen Striegsichauplag zu werfen. Die Übers 
IHüffe der Orientarmee, die in Syrien freilich” vorläufig einen durchſchlagenden 
Erfolg davongetragen hat, werden dringend in Eilicien gebraucht, wo die Banden 
Muftafa Kemals die franzöfifhen Poſten bis nahe an die Küfte zurückgedrängt 
haben und Alerandrette bedrohen. Und an eine neue, wenn auch nur teilweiſe 
Mobilifierung zugunften Bolens ift in Frankreich fo wenig wie in England zu denken. 
Selbft der fchneidige „Gaulois“ hielt es, fowie nur der erfte Gedanke an 
Mobilifierung auftauchte, für geraten, mit Beforgnis auf die Gefahr einer „inneren 
Sertfe” Hinzumeifen, ein Ausdrud, den ein befonneneres und gut orientiertes Blatt 
wie Ere Nouvelle noch viel zu ſchwach fand. Denn ſoviel man auch drüben gegen 
den Bolſchewismus wettert, im iejentlichen meint man damit dod) den inneren 
Bolſchewismus, und ein neuer, unlberfehbarer Krieg um der ruffifhen Milliarden- 
ſchuld willen wäre auf keinen Fall populär. Praktifche Politiker haben denn auch 
ſchon vorgeichlagen, ſich für den politifchen Mißerfolg im Often an Deutichland 
ſchadlos zu Halten. 


236 Weltfpiegel 


Die anfcheinend ziemlich brüst erfolgte Anerkennung der Regierung 
Wrangels von jeiten der franzöfiichen Negierung, die foviel Staub aufregte umd 
übrigens in der franzöfiichen Preife, auch abgejehen von der fozialiftiichen, nur 
geteilten Beifall fand, ift unter diefen Umftänden politiich von untergeordneter 
Bedeutung und wenn Millerand wenige Tage fpäter durch den „Matin” feine 
Bereitihaft erklären ließ, unter gewillen Bedingungen: Polens Freiheit, 
Anerkennung der Auslandsichulden, Beweis feitens der Somjets, daß fie in Wahr: 
beit das ruffiiche Volt zu vertreten berufen find, auch die Somjetregierung anzus 
erkennen, jo bedeutet das in Wirklichkeit einen glatten Nüdzug vor der engliſchen 
Vermittlungspolitit, zu der ſich der franzöfiihe Minifterpräfident um jo mehr 
genötigt gejehen haben mag, als fich heraugftellte, daß Frankreich tatſächlich ifoliert 
daftand und weder das befreundete und militärifch bereits verblindete Belgien, 
noch die öſterreich- ungariſchen Nachfolgerftanten mitmachten. Der „Temps“ 
wiederholt denn auch einmal über das andere, daß an eine militärifche Unter: 
ſtützung Wrangels kein Menfch jemals gedadjt habe. | 

Zum Erſatz wird man fih an Deutſchland halten. Man täujche ſich nicht. 
Frankreich jet den Krieg gegen Deutfchland unentwegt fort. Es mögen Kräfte aud) 
in Frankreich vorhanden fein, die einer wirtjchaftlichen Annäherung, ja Zujammen: 
arbeit nicht abgeneigt find. ber neben ihnen ftehen andere, die gerade jett nad}: 
drücktich davor warnen, die Politik in erfter Linie nad) wirtfchaftlichen Geſichts— 
punkten zu orientieren, und die Vorgänge im Saargebiet und die Art, mie die unge- 
jhidte Verhaftung von Dr. Dorten in der franzöfifchen Preſſe kommentiert worden 
ift, laflen Far erkennen, daß Syranlreich trotz Millerandg offizieller Verficherung, die 
in der Kammer eine recht fühle Aufnahme fand, feine feparatiftiiche Politik noch Tange 
nicht aufgegeben hat. Im Gegenteil, man kann behaupten, daß biefe Politik mit 
jedem Monat an Einheit und zielbewußter Syeftigkeit gewinnt. Die Dinge find heute 
ſchon fehr viel weiter gediehen als fie es 3.8. zur Zeit der Beſetzung Frankfurts togren, 
wo man jenfeit3 des Rheins glaubte, über dergleichen Abfichten noch möglichft Dicht 
halten zu jollen. Jetzt beginnt man bereit3 die Karten aufzudeden. „Eclair“ vom 
6. August Spricht Schon unummunden davon, daß man die Deutfchen mit franzöfifcher 
Hilfe wieder auf den alten Weg des Partilularismus, auf dem e8 Jahrhunderte ded 
Gedeihens erlebt habe, zurückbringen müffe. „Die letzten Wahlen haben bewiefen, daß 
Deutſchland nicht imftande ift, ein feites Regime zu bilden. Wir müſſen alfo not- 
gedrungen einfchreiten und von den Alliierten völlige Billigung unferer Aktion ver: 
langen.” Auch Barrez fordert im „Echo de Paris” eine Politik „des Allemagnes“. 
Noch deutlicher ift „Eclair” vom 11. Auguft, mo es heißt: Frankreich) muß England zu 
einem Abkommen auf folgender Grundlage bringen: Beſetzung der Nheinlande, Weit- 
falens und zu größerer Sicherheit auch der Mainlinie, die Rheinländer müffen Selbit- 
verwaltung bekommen, Steuern und Zölle im befettten Gebiet werden zugunften Frank— 
reich erhoben. Frankreich muß eine aktive Politik in Deutfchland betreiben, felbit 
wenn diefe zur Wiedereinfegung der ehemaligen Herricherhäufer mit Ausnahme der 
Hohenzollern führt, denn eine Wiederherftelung des Föderalismus verbürgt den 
Weltfrieden. Es handelt fich Hierbei, mie ausdrücklich hervorgehoben jei, nicht um 
willtürliche Treibereien unverantmwortlicher Stribenten, ſondern um einen feit langem 
zähe und ſyſtematiſch verfolgten Plan, von dem man nadmeifen kann, daß er ſchon 
vor dem Waffenftillftand an maßgebenden Stellen erörtert morden tft. Aber man 


Meltfpiegel 237 





braucht nur die franzöfifche Preſſe forgfältig und in voller Breite zu leſen, um er- 
fennen zu können, mie diefer Plan ſich verwirflicden fol. Frankreich rechnet feit 
darauf — der Leitartikel deg „Temps“ vom 4. Auguft läßt dag mit voller Deutlichkeit 
erfennen — im November „automatifch“ das Ruhrgebiet befegen zu können. Im 
Belit des Ruhrbeckens regelt es die Kohlenverſorgung Sübdeutfchlandg, vor allem 
Bayerns. Um Bayern mehr Gegengewicht zu Preußen zu verleihen, ift man nicht 
abgeneigt, die Bildung eines füddeutichen Bundes mit Öfterrei) und Ungarn zu 
fördern, allerdings nicht ohne Sorge zu tragen, daß auch bier eine föderaliſtiſche Form 
unter allen Umftänden gewahrt bleibt. Dieſe Form würde durch Wiederheritellung 
ber Monarchie gefördert werden. Bayern fanrı eventuell, db. h. falls es die nötigen 
„Sarantien“ bietet, als Stüße der Monarchie feine Einmohnermwehren behalten, 
Ungarn fönnte den Erzherzog Joſeph (dieſen lieber ala einen englifchen Kandidaten) 
und Ofterreih (um immerhin Rivalitäten zu fchaffen) Karl wiederbefommen (ber 
durch fortgefete Veröffentlichungen der „Opinion“ über die Separatfriedensperhand- 
lungen von 1917 entlaftet werden fol). Das ift der Plan. Es handelt jich dabei nicht 
um Phantafien, jondern um Politik, eg kann bewiejen werden, daß dieſe Politik ziel- 
bewußt verfolgt wird und ſowohl in Bayern wie in Ungarn wirb man dafür gejorgt 
haben, daß fie auch ſteptiſchen und vorfichtigen Franzoſen annehmbar erfcheinen muß. 

Die Franzoſen verfolgen mit diefer Politit noch ein Nebenziel: nämlich die 
Bildung einer neuen Front gegen den Bolſchewismus. Der Clemenceaufche Stachel: 
drahtzaun um Rußland herum ift brüdig geworden. Die englifche Verſöhnungs⸗ 
politif gegenüber den Sowjets erjcheint den Franzoſen unficher und unvorteilhaft, das 
Angitgefpenft einer ruflifch-deutfchen Vereinigung rüdt ihnen immer näher. ber 
weshalb die Front gleich an den Rhein verlegen? Richtiger fcheint es, fie am Main, 
an der Rordgrenze Süddeutfchlands, an den Karpathen, am PBruth oder Dnjeftr auf- 
zurichten.. In Bayern Tann der Bolſchewismus heute ala quantit& negligeable 
betracytet werden, da3 ausgehungerte Wien kann ein einziges entſchloſſenes Regiment 
in Rube halten und die Rivalitäten zwijchen Ungarn und Rumänien ſucht Frankreich 
nach Kräften auszugleichen. Damit ift eine Brüde bis zu Wrangel gejchlagen, was 
vom franzöfifchen Standpunkt um fo mehr zu begrüßen wäre, als damit der Einfluß 
der Engländer auf die Donau Tahmgelegt werden könnte. Auch nach außereuropäiichen 
Bundesgenofjen beginnt man fich bereit3 umzuſehen und Amerika, deſſen Note an 
den italienijchen Botjchafter man mit allen Kräften auszufchladhten juchte, gegen 
England auszufpielen. Sollten fich diefe Tendenzen verftärfen, wozu bei den ftarfen 
englifch-amerilanifchen Gegenfägen, der energifchen Friedensaltion der englifchen 
Arbeiterjchaft, Die die Regierung bereits ftark zu beunrubigen beginnt, den von jeher 
beitehenden Sympathien des „Temps“ für Amerifa und der Verjtimmung und teil- 
weiſe neuerdings ganz offen herbortretenden Feindſchaft Frankreich gegen England 
oder Doch gegen Lloyd George immerhin Möglichkeiten beitehen, fo könnte über kurz 
oder lang ein völliger Wechfel in der Weltkonftellation eintreten zwijchen den Mächten 
der alten Ordnung, zu denen Amerifa unbedingt gerechnet werden muß, und dem 
Bolſchewismus, der fih über Polen hinausgreifend, Norddeutſchlands bemächtigen 
und dem fi, um Indien zu retten, England anſchließen mürde, weil es ſich ſelbſt 
gegen einen: inneren Bolfchewismug, der feine imperialiftiihe Tendenz erjchüttern 
würde, durchaus mit Recht für immun hält. Die Abrechnung zwiſchen England 
und Rußland würde dann verfchoben werden, biß der Kampf zwiſchen England und 
Amerika zum Austrag gelommen wäre. 


238 Weltfpiegel 


r Aber doch eben nur verjchoben. So lange England Rußland im Baltitum und 
in Ronitantinopel wie in einer Zwickmühle gefangen hält, folange wird der Gegenfat 
beitehen bleiben. Gerade an diefem Punkte wird deutlich, daß Die eigentliche Sefahr 
für den Weltfrieden der englifche Imperialismus bildet. Auf die Dauer ift e8 un- 
möglich, elementare Vorgänge wie die ruſſiſche Erpanfion durch zivilifatorifche wie 
das englijche Welthandelgreich aufzuhalten. Sperrt man, wie im Weften England, 
im Often Japan, diefe Erpanfion vom Meere ab, fo wird ihr natürlicher Drud ſich 
entweder nach Mittelafien richten oder über Polen hinweg auf das europäifche Felt: 
land. Sm eriten Falle verliert England Indien, im zweiten das europäifche Hinter: 
fand. Und es tft möglich, daß Die begreifliche Unfähigkeit, zwifchen diefen beiden 
Möglichkeiten beizeiten eine Wahl zu treffen, der englifchen Macht zum Verhängnis 
wird. Einſtweilen jucht man englifcherfeits zu einem Waffenftillftand zu kommen, 
der infofern Ausfichten auf Verwirklichung bat, ala auch der ruffiiche Gegner eine 
Atempaufe nötig hat. Man braucht die Erfolge der polnifchen Gegenoffenfive, die leicht 
borauszujehen waren, in der Bedeutung nicht zu Überfchägen, aber den Frieden müſſen 
auch die Bolſchewiſten haben, nicht nur weil die Ukraine wieder unruhig ift und bie 
Tätigkeit Wrangels immerhin bedroblid wird, jondern vor allem um die Ernte 
rechtzeitig einbringen und verteilen und Vorjorge für den Winter treffen zu können. 
Anderſeits darf man, ſelbſt wenn die militärichen Erfolge der Polen bedeutender 
würden, damit rechnen, daß ſowohl England mie Frankreich die Polen zu 
weiteren Abenteuern nicht mehr anfeuern werden, und es iſt daher Teineswegs 


ausgeſchloſſen, daß die Verhandlungen in Minsk nicht doch noch den Frieden . 


bringen werden. Die grundlegende Borausfegung hierfür ift jedoch, daß die 
Somjetregierung zunächſt ihren Gedanken an die Weltrevolution aufgibt. Erſt 
damit würde fie, darauf haben die Amerikaner ganz richtig hingewieſen, überhaupt 
wieder vertrauenswürdig und verhandlungsfähig. 

Erft dann Tieße fih auch über ein deutſch⸗ruſſiſches Bündnis emithaft 
ſprechen. Gegenwärtig können nur PBhantaften in Deutichland ein folches befür: 
worten. Solange der Boljhewismus nicht entichloffen eine nationalruffifche Form 
annimmt, kann von einem Zujammengehen zwiſchen Rußland und Deutjchland 
nicht gefprochen merden, denn im gleihen Augenblid hätte Deutichland als 
Staat zu eriftieren aufgehört. Im gleihen Augenblick würden ſich die 
Seinde im Weften eines der Grundpfeiler der deutfchen Wirtichaft, der Ruhr: 
tohle, bemächtigen, würde fi der Süden vom Norden losfagen. Und welden 
Zweck würde ein jo gejchwächtes Deutſchland dann noch für Rußland haben? Die 
Berlegenheiten eines großen boljchewiftifchen Blockes würden ins ungeheuerlidhe 
Steigen, Norddeutichlands Volkskraft fi) in inneren Schwierigkeiten zerreiben umd 
alles, was etwa an Vorteilen noch zu buchen wäre, ausſchließlich den Ruſſen, nicht 
aber den Deutfchen, auch den deutfchen PBroletariern nicht, zugute fommen. Auch 
vergeſſe man ja nicht, daß ein Volfchewiftenkrieg am Rhein und Main beileibe 
nicht dasfelbe ift wie an der Weichfel oder am Don. Was hier der Krieg 
zerftört, ift raſch wiederhergeftellt, was er in Deutichland vemichtet, bedeutet 
Wüfte auf Jahrzehnte. Und ftrategiich würden auf einmal die Weftmädte alle 
Vorteile der inneren Sront haben. Ein Bündnis mit Rußland bleibt zu erwägen, 
ein Bündnis mit dem Bolſchewismus führt in die Irre. Menenius. 


— — — ——— — En — — — — a — -- 
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— Ra ET, GER —— ee — 


Offenherzigfeiten 239 


Offenherzigfeiten 
Im Spiele der Wogen. 


Jetzt, Deuticher, freu dich des Gewinns! 
Reichlich erſetzen — ab dafür! — 
Ahlbeck und Swinemonte und Binz 

Dir Goldküfte und cöte d’azur. 


Deutjchland, ich hab’ es immer gejagt, 

ft groß, wenn's mit der Beitftrömung gebt. 
Derragt, wer mit Deutichland zu jpielen wagt, 
Nun die neue Flagge uns übermeht! 


Statt ſchwarz⸗weiß⸗rot rouge et noir, 
Die Kugel Elappert im kleinſten Bad. 
Erft nach der Abfahrt wird jedem Klar, 
Wie viel er an ihm verloren hat. 


Statt Infant⸗ und Artillerie fo bees 
Petits chevaux boule, Baccarat, Roulette. 
Das eh'mals verhaßte Bolt der Troupiers 
Beiteht aus Groupierd von U pis 3. 


Und alle Fremden, die abgebrannt, 
Wenn fie vier Wochen im Reiche find, 
Begrüßen e8 als das einzige Land, 
Das bei näherer Belanntichaft gewinnt. 


Glüdsipiel und Klaſſenſtaat waren einmal. 
Deshalb Hat Sachſen voll fittlicher Kraft 
Die widerwärtige Unmoral 

Der Klafienlotterie abgeſchafft. 


Pandur. 


Drügeldemofratie 


„Wenn ein grüner Junge fih an der franzöfifchen Trikolore vergreift, 5 
Braucht man an fich das nicht tragisch zu nehmen. Man foll ihm die Jade vo 
bauen und ihn zu Muttern fchiden.“ 

So fchrieb das „Berliner Tageblatt” über den Schlofjerlehrling Krezminski, 
als zwar ſchon eine Belohnung von 10 000 H auf des Furchtbaren Kopf ausgeſetzt, 
fein deutjchnationaler Name und feine Mitgliedichaft zur U. S. P. aber noch nicht 
befannt war. Die Vollsbewegung für die Einführung der Prügelitrafe macht erjicht- 
lich Fortichritte. Sollte man fie aber menjchlicherweife nicht zunächſt auf Roheits⸗ 
und Sittlichfeitöverbrecher, daneben auf Schieberei und Wucherei, befchränfen? Das 
„Berliner Tageblatt“ geht im löblichen Eifer gleich zu weit und muß ung fchaden 
bei den Gutgefinnten. Jedenfalls hüten wir uns, ihm auf dem reaftionären Pfade 
zu folgen, und warnen Umlerner davor, die mittelalterlicden Anmwandlungen Des 
Weltblattes wielleicht noch gar zu übertreiben. Ultra Mosse nemo obligatur. 


= 


240 Offenherzigfeiten 


Redslobs Reichsvogel 


Der amtlichen Kunſt des wilhelminiſchen Zeitalters iſt nicht allzu viel 
Gutes nachzuſagen; fehlte ihr doch ſogar der Inſtinkt für ihren eigenen Ge— 
ſchmack, ſo daß ſie, Äußerlichkeiten noch äußerſt übertreibend, ſich dauernd ſelbſt 
karikierte. Wenn hier eine feſte Hand durchgreift und grob dilettantiſchen Wuſt 
beſeitigt — wen ſollt' es nicht freuen? Das mächtige Reich hat es zeitlebens zu 
keiner anſtändigen Briefmarke bringen können, obgleich die Briefmarke eins der 
wirkſamſten Propagandamittel iſt und auch zu denen ſpricht, die weder lange Ab—⸗ 
handlungen zu leſen noch Wanderkunſtausſtellungen zu beſuchen pflegen. Dieſe 
Poſt-Germania, in Wahrheit eine für den Maskenball angezogene Oberbeamtens⸗ 
gattin, wußte niemandem etwas zu fagen; ihre flache, bureaugeborene Alltäglichkeit 
gab von der hochentwidelten deutfchen Handwerk: und Werkkunſt nicht die Leifefte 
Vorftelung.e Und weil fie einmal beftimmungsgemäß ing Ausland Fam, fchabete 
fie mehr al3 Giegesallee und Lauff-Dramen, die erfreulicherweife im Lande blieben. 
(Im felben Zande, das immerhin ehrenvoll beitanden hätte, wenn e3 feinem Wilden- 
bruch treu geblieben märe.) Leider ift die Rebolutionsbriefmarfe noch ein betrüb« 
licherer Schreden geworden. Das Entjeten, das ihr folgte, hat dann zur Berufung 
des Dr. Redslob auf den neu geichaffenen Poften eines Reichskunſtwartes geführt. 
Daß fich die Zöpfe darob ärgerten, pricht für dag Amt und für den Dann. Wir 
müffen unbedingt über die im Inſtanzenweg geförderte und von nebenberuflichen 
Schöngeiftern beauffichtigte Kunft hinaus; wir brauchen freie und entfchloffene An: 
reger. Redslob hat, fo fcheint es, den erforderlichen Mut, die redliche Friſche, das 
Temperament. Mit folhen Eigenfchaften begabt, darf er es fich getroft erlauben, 
auch einmal danebenzugreifen und aus lauter Haß gegen den Kitſchismus (der mit: 
unter heimliche Abhängigkeit von ihm verrät) zu lange Fortſchrittsbeine zu markieren. 

Redslob Hat ſich für einen neuen Reichsadler Schmidt-Rottlufffher Prägung 
eingefett, ein verzwickt frummnafiges, reichlich fettes und welliges Gefchöpf, deflen 
geöffnete Krallen vergebens auf größere Zahlung zu warten fcheinen und aus deſſen 
Gefieder fih gewiß mühelos Tederfiele für weitere Verſailler und Spaer Unter: 
ſchriften fertigen laffen. Das Fabeltier ift, um ja nicht 300logifch gewertet zu merden, 
auf den Einfall geraten, ftatt des gottgegebenen Schtwanzes einen Flugzeugiterz 
zu benugen. Bor Schmidt-Rottluff ſchuldigen Refpelt. Er ift ein Mann von vielen 
Gnaden. Auch bei diefem ar, mo er allerlei Modernes gedacht, die neue Form 
gemeiftert und dabei nicht völlig den Boden ber Überlieferung verlaffen hat. Etwas 
viel auf einmal, nicht wahr? Denn das Beftreben, höchſt zeitgemäß gu fein, die 
beraldifche Adlerbrut von 1871 bis 1914 zu erwürgen und dennoch) im Vergangenen 
zu mwurzeln, kann zu feinem fehr guten Ende führen. Freund Pandur wird, beforge 
ich faft, fich die tragische Komik diefer Funftvoll-fünftlich gezeugten Kreatur nicht ent: 
gehen laffen. Und gerade das kränkt Redslob. Der neue Papageirabe ift, fo ryft er 
verdroffen aus, feine Zielſcheibe für Die Bolzen felbitgefälliger Wite. Mir fcheint 
er tatfächlic) auch geeigneter ala Zielfcheibe beim Vogelſchuß — aber weshalb fol 
jene Kritik, die den Spaß liebt, ausgerechnet dem eben ausgekrochenen Reichsadler⸗ 
füfen gegenüber unangebrachter fein als beifpielgmweife einem pedantifch ernithaften? 
Redslob wird fi, wie alle unjere Männer der Öffentlichkeit, an die Randgloſſen 
der Schalfe gewöhnen müſſen. Diefe Zeit fchreit nad) der Pritfche; die nädjiten 
Kahrzehnte gehören der Satire. Was beſonders den ornithologifchen Günitling 
Redslobs anbelangt, fo mag und muß er bemeifen, daß er die Laugenbäder ebenjo- 
gut verträgt wie fein Vorgänger, der ftilifierte Reichsvogel des fluchbeladenen und 
verrotteten Syſtems. Nur ift zu befürchten, daß ihm fein Beſchützer durch ben 
unwirſchen Ausfall gegen die Spötter das Leben nicht eben leicht gemacht, viel: 
mehr die Krähen erft zum Einhacken ermuntert bat. 





Drinnen und draußen 


241 


Drinnen und draußen 


Führerlod. In ber Nummer 82 des 
„Gewiſſen“, ber Wochenzeitfchrift ber „Zungen, 
ſpricht Heinrih v. Gleichen über die ange 
tündigte Hochſchule der Politit (vgl. dazu 
Martin Spahn im 1. Heft der „Grenzboten“ 
be8 laufenden Jahrgangs). Er bezweifelt, 
baß eine Hochſchule für Politik, die im Geiſt 
und nad ben Anmwetfungen ber heute Re 
gierenden geleitet wird, ihrem Zweck ber 
politifchen Erziehung gerecht werden Tönne. 
In diefem Zufammenhang fommt er zu einer 
Schilderung perfönlicher Erfahrungen, die 
etwas Ergreifendes an ſich bat. Wir möchten 
fie unferen Leſern nicht vorenthalten unb bei 
diefer Gelegenheit wieder einmal auf das 
reine und hohe Streben hinweiſen, welches 
die Mitarbeiter des „Gewiſſen“ befeelt. 

a K. 


„Mit den Millionen Deutfchen ging ich in 
den deutfchen Krieg, wiſſend, daß der Führer 
nit dba war. Und dann bradite mid Zufall 
und Schidfal an die Stellen, wo bie fo- 
genannten „Führer“ bes beutichen Volles 
walteten. Wenige von ihnen blieben mir 
perfünlich unbelannt. Überall fah und fühlte ich 
benfelben tragifchen Zug innerer Zielſchwäche 
und Abhängigkeit. Alle waren fie im legten 
Sinne abhängig von den anderen: vom 
Monarchen, von dem Vorgeſetzten, von dem 
Untergebenen, von der Bartet, von dem Partei- 
gegner, von der Mafle, vom Geichäft und 
Interefje. Nirgends eine letzte, reſtloſe Ver⸗ 
antwortung dem deutſchen Schickſal gegenüber. 
Mein Erlebnis war die Erkenntnis des tragiſchen 
Schickſals der politiſchen Führerloſigkeit des 
deutſchen Volkes. 

Ich ging zu den Wirtſchaftsführern. Die 
Nährerin des Volkes, die Wirtſchaft, iſt krank. 


Ihr Schickſal entſcheidet über die nächſte Zu⸗ 


kunft. Die beiten Männer, deren Namen bie 
Öffentlichkeit an erfter Stelle nennt, fagten 
mir; „Wir wollen nicht? von der Politik 
willen, wir wollen unfer Werl. Das bat 


Grenzboten III 1920 


und, bat Deutfchland groß gemadt. Bon 
dem anberen verfteben wir nichts, und wir 
find nicht dafür verantwortlich.” 

Ich ging zu den leitenden Männern des 
Staates, und fie fagten mir: „Wir find an 
die. Beichlüffe der SKollegenlonferenzen ge 
bunden. Wir find an die Verfaffung, Geſetze 
und Verträge gebunden, wir haben unfere bes 
ftimmten Borgänge, und was darüber hinaus⸗ 
geht, gebt und nicht? an. Wir waren geftern 
ſelbſt noch unfere vortragenden Räte, und 
Berantiwortung heißt für und Bindung durch 
das Wort einer höheren Inftanz.” 

Und ich ging zu den Führern des deutſchen 
Geifteslebend. Hier tft jeber auf fein per 
ſönliches Schaffen, auf eigened Schöpfertum 
geſtellt. Wie wurde der Auf ded Volles, ber 
Notruf der deutfchen Schickſalsgemeinſchaft 
von ihnen aufgenommen: Mit welcher Selbft- 
quälerei, mit welcher Veriwirrung bed Gemüt 
und be3 Geifted Tämpfen die Männer ber 
Wiſſenſchaft und der Kunft um die politifche 
Problematik! Die meiften für fich, jeder für 
Sonderibeen, Sonberprogramme. Nur wenige 
ftarte, inftinktfichere Naturen blieben ruhig in 
der Linie ihres Lebend. Aber: fie wahrten 
Zurüdhaltung und hielten fich fern von dem 
hitzigen Streitplaß öffentlich organtfierter Ver 
antwortungslofigkelt und tragen bie „Sorge 
im Herzen. 

Da kreuzte mein Weg, ‚der mich vielleicht 
ſchon zu lange bei den Männern von geftern, 
bei den Maßgeblichen, amtlich und beruflich 
Feſtgelegten aufgehalten hatte, die Bewegung 
der Jungen. Ste eint das Kriegserlebnis. 
Ihr Denden zeigt Friiche, Empfänglichkeit. 
Ihr Wille zeigt die Erneuerung, die dem⸗ 
jenigen Gewinn wurde, der mit innerfter Er- 
fhütterung die deutſche Not erlebte. Und 
aus ber Begegnung mit dem ungen mwurbe 
Gemeinſchaft, und die Gemeinfhaft führte 
zur Arbeit, und diefe Arbeit beißt Erziehung; 
nicht zum Führer, denn Führertum iſt Schielfal, 
aber Erziehung zum politiichen Beruf!” 


16 


242 





Schriften zur inneren Politik. Nachdem 
ber Krieg vorübergehend bie großen welt⸗ 
politiichen Probleme in den Mittelpuntt des 
Beitintereffed gerückt hatte, iſt Längft ber alte 
Zuſtand wiedergekehrt: unfer Voll bat, fowelt 
ſich nicht überhaupt eine Abkehr von ber 
Politik bemerkbar macht, fi wieber ben 
inneren Fragen zugewandt, unb ber fichtenbe 
Betrachter kommt nicht einmal auf biefem 
eingeengten Gebtete zum befrtebigenden Schluß, 
daß weſentlich neue Ergebniffe gefördert 
würden. Nur bei wenigen Aubenfeitern be 


ginnt die Erkenntnis burchzubringen, baß ohne - 


eine grunbftürgende Neuausformung bed poli⸗ 
tifhen Spdeenbeitande an eine wahrhafte 
politiſche Erneuerung nicht zu denken ift. 


Bon zufammenfaflenden Darftellungen bat 
bie 1919 in gmweiter Auflage erſchienene 
Staatöbürgerlundbe von Ernft Bern- 
beim (bei Quelle u. Meyer, Leipzig) nur 
noch hiftorifchen Wert. Ste iſt verfaffung- 
geichichtlich aufgebaut, gelangt aber nicht mehr 
gur Berüdfichtigung der Revolution unb ihrer 
Folgen. AS Ergänzyung empfiehlt fich Die 
Mare und gut orientierende Schrift über Die 
organtfatortfhen Grundgebanfen ber 
neuen Reichsverfaſſung vor Brofeflor 
Dr. Sofef Lukas (3. ©. 3. Mohr, Tübingen 
1920), bie bie biäberige unb bie neue Ber 
faflung in ihren wichtigsten Punkten vergleicht. 
Weſentlich weitere Aufgaben ſteckt fich bie 
„Politik“ von Beof. Dr. Axel Frhrn. 
v. Freytagh-Loringhoven. Das Bud 
wit in den Gejamtbeftand ber politifchen 
Gegenwartsfragen einführen, gebt aber überall 
auf die biftorifchen und ſyſtematiſchen Grund⸗ 
lagen zurüd. Dabei prätenbiert ber Verfaffer 
feine überparteiliche „Objektivität“, ſondern 
macht aus feiner entfchieden nationalen und 
monarchifchen Grundgefinnung keinerlei Hehl. 


In einem jeden parlamentarifch regierten 
Rande treten bie Barteten als bauptfächliche 
polttiihe Machtfaltoren In Erfcheinung. Das 
fptegelt fih naturgemäß auch im politifchen 
Schrifttum wider. Eine allgemen und 
grundfäglich gehaltene Einführung in das 
Mefen und bie Formgeſetze ber Parteien geben 
Dr. ©. v. Jezewsti: Was ift Politik? 


(Ballad-Berlag, Jena 1920) und Dr. Lubwig 
Sevin: Die Elemente ber Partei⸗ 
bildungen in Vergangenheit, Begen- 
wart und Zulunft. Cine Reubegrünbung 
bes Konfervativismus verfucht ber Sübbeuffche 
Adam Röder In feiner Schrift: Der beut- 
he Konfervativismus und bie Re- 
volution (Fr. A. Perthes, Gotha 1920), 
indem er ſich fcharf gegen Nationalismus und 
Naturalismus wendet und eine Rüdtehr zu 
den chriftlichen Grundlagen anſtrebt. Die 
ziemlich unbedeutende Arbeit fegt bie Linie 
Sonftantin Frank- Fr. W. Yörfter fort. Wir 
Können in dieſem weichlichen pagififtifchen 
Weftlertum einen Neuanſatz für einen fort- 
ſchrittlichen Konſervativismus erblicken. Wefent- 
lich intereſſanter iſt die gehaltvolle kleine 
Schrift von Prof. Dr. Friebrich Brufftäb, 
Die die Staatsideen ber politiſchen 
Parteien Goſſiſche Buchhandlung, Berlin 
1920) behandelt und ben konſervativen Staat®- 
gedanken in unferer ibealiftifchen philoſophi⸗ 
[hen Überlieferung zu verankern ſucht. Aus 
biftorifchen Reminifzenzen erllärt ſich bie be 
fremblide Sympathie des Verfaflers für ben 
iberalen Gedanken, im übrigen ift die Be 
gründung des Staates im tragifch: pefftmiftt- 
[hen Dualismus Außerft anregend, bie un- 
gewöhnlich gebrängte Arbeit kann zur Ber- 
ttefung ber ſtaatspolitiſchen Befinnung wefentlich 
beitragen. 

Einen wertvollen Beitrag zum gefchicht- 
lichen Berftänbnts der Demokratie Tiefer 
die befannte Schrift des verftorbenen Heibel- 
berger Staatsrechtslehrers Georg Zellinet 
Über Die Erklärung ber Menfchen: und 
Bürgerrechte, die in dritter Nuflage, neu- 
bearbeitet duch den Sohn bed Berfaflers, 
Brof. Dr. Walther Jellinek, erfcheint (Dunder 
u. Humblot, Münden und Leipzig 1919). 
Bet der Neubearbeitung ift ber Nachlaß bes 
Verftorbenen zu Rate gezogen worben. Brof. 
Dr, Hans Kelfen handelt Bom Weſen unb 
Wert der Demolratie (3. €. 3. Mobr, 
Zübingen 1920). In ſcharfſinniger Analyfe 
zergliedert die Schrift die Welendelemente 
der Demokratie und weift insbeſondere auch 
auf bie demokratischen Rudimente im Bolſche⸗ 
wismus bin. 





Die Weltanfhauung bes Bentrums 
in ihren Grundlinien (Berlag von 
Dunderu. Humblot, München und Leipzig 1920) 
behandelt auf Grund bed Vorkriegsmaterials 
eine auf genauem Kuellenftubium fußende 


Arbeit vn Dr. Max 9 Weyer. 
Programmatik und politiide Praxis ber 
Partei werben gleichermaßen berüdfichtigt. 
Innerhalb ber gegenwärtigen Zentrums⸗ 
bewegung bürfen angefichtS ber Vorgänge ber 
jüngften Zelt Veröffentlichungen auf ein 
befondereß Intereſſe zechnen, bie bie politifche 
Stellungnahme ber bayeriichen Lanbedgruppe 
beleuchten. Dr. Richard Ringelmann, 
Die bayerifhe Volkspartei (München 
1920) tft als Handbuch für die Wählerſchaft 
gebacht, vermittelt aber auch Außenftehenden 
einen Einblid in das Gefamtprogramm ber 
Bartet, bie durch das Kabinett Kahr Bayerns 
Bolitit maßgeblich beſtimmt. Eine gute 
Ergänzung bazu iſt: Die Wirtfhafts- und 
Sozialpolitit ber bayerifhen Boll3» 
partei im bayeriſchen Landtag 1919/20 
(Mündyen 1920) aus ber Feder bes Landtags⸗ 
abgeorbneten Dr. Franz Zaver Zahn» 
brecher. Die Arbeit enthält wertvolles zeit- 
geſchichtliches Duellenmatertal in überfichtlicher 
Darftelung. 


Die Probleme bed Sozialismus ftehen, 
begreiflicheriweife weit über bie Parteigrenzen 
hinaus, im Mittelpuntt ber allgemeinen 
Erörterung. Eine wertvolle gefchichtliche 
Grundlegung geben Heinrih Dieyels 
Beiträge zur Geſchichte des Sozia— 
lismus und Kommunismus, die Plenge 
als Band II feiner ſtaatswiſſenſchaftlichen 
Muſterbucher (G. D. Baedeker, Efien 1920) 
herausbringt. Dad Buch tft aus früheren, 
ſchwer zugänglichen Veröffentlichungen des 
bekannten Gelehrten zuſammengeſtellt und 
reicht vom Altertum bis ins letzte Jahrhundert. 
Eine kurz zuſammengefaßte Darſtellung der 
Sozialen und wirtſchaftspolitiſchen 
Anſchauungen in Deutſchland (Duelle 
u. Meyer, Leipzig 1919) bringt Profeſſor 
Dr. P. Mombert als Band 155 von 
„Wifſenſchaft und Bildung” heraus. Die gut 
orientierende Schrift untfaßt den Zeitraum 
vom Beginn bed neunzehnten Jahrhunderts 
bio zur Gegenwart. Ebenfalld von geſchicht⸗ 


243 
lichem Intereſſe iſt eine Schrift: von Marx 
und Engels, die unter dem Titel Karl 
Marx oder Bakunin? Demokratie 
ober Diktatur? GVolksverlag für Wirtſchaft 
und Verkehr, Stuttgart 1920) mit einem 
Geleitwort von Wilhelm Bloß erfcheint. 
Die Schrift enthält eine fcharfe Abfage an ben 
ruſſiſchen Anarchismus jener Zeit. Eine 
grundfägliche Unterſuchung ber politiſchen 
Theorie bed Narxismus if Sozialismus 
und Staat von Prof. Dr. Hans Kelfen 
(©. 2. Hirfchfeld, Leipzig 1920). Die gründ- 
liche Arbeit deckt ben Widerſpruch zwiſchen 
der wirtſchaftspolitiſchen und der ſtaats⸗ 
politiſchen Einſtellung des Marxismus auf 
und ſchenkt auch ben Fortſetzern von Karl Marx, 
insbeſondere dem ruſſiſchen Neokommunismus 
eingehende Beachtung. Die Erlöfung vom 
Klaffentampf (Grethlein u. Co., Leipzig 
unb Zürich 1920) erhofft Jakob Schaffner 
von ber Bodenreform. Durch fie fol aus 
ber fogialiftiihen Klaſſenrevolution erft die 
große nationale Revolution werben. Die 
Brofchüre, die zum Schluß für „einen boben- 
reformerifhen Präfidenten” Stimmung zu 
machen fucht, leidet an ber üblichen mono- 
maniſchen Einftellung biefer Sekte a ein 
ſoziales Allheilmittel. 


Einen weſentlich realeren Blick verraten 
die Arbeiten, die aus der Hamburger 
nationalen Handlungsgehilfenbewegung hervor⸗ 
gegangen find. Insbeſondere find Walther 
Lambach und Paul Bröder ald Fuhrer dieſer 
nattonal » gemertichaftlihen Bewegung der 
Sunglaufmannidaft hervorgetreten. Wir ver- 
zeichnen von Walther Lambadh bie 


Brofhüre „Kapitalismus — Sozia— 
lismus, BZwangswirtfhaft — freie 
Wirtſchaft“ (Deutfchnattonale Verlags⸗ 


anftalt Hamburg) und von Paul Bröcker: 
„Die Arbeitnehmerbewegung”, „Wert- 
gutgebanten”, „Der Wertgutgedanke 
und bie Gewerkſchaften“, „Was tft 
Klaffentampf?” und „Klaffentampf 
und Raffentampf” (ebenda). Sn biefen 
Schriften wird der Intereflante Verſuch unter- 
nommen, dem SKlafientampfgebanten baburd 
einen pofitiven und nationalen Sinn zu ver⸗ 
leihen, daß ibm ber Gebante ber Dualitätt- 
veredelung ala Biel geftedt wird. Der 
16* 
f 


244 


Diatertaligmus von Karl Maxg - wicb von 
innen ber überwunden, indem nicht mebr in 
ber möglichft breit bemeflenen Muße, ſondern 
in ber Arbeit felber der Sinn bed werktätigen 
Lebens gefucht wird. Die Schriften berühren ſich 
bamit bis zu einem gewiflen Grade mit einer 
Arbeit von Dr. Bruno Raueder über 
„Berfittlihung des Arbeitslebens“ 
(Verlag von Duncker u. Humblot, München 
und Leipzig 1920). Auch bier wird die 
Wiedererweckung der Berufsfreude und Arbeitd- 
luft durch ein verſtändnisvolles Eingehen auf 
bie Arbeiterpfuche und bie geheime Sehnſucht 
bes Volles angeftrebt. 

Einen kurzen Abriß der Soztalpolitit 
(Wiſſenſchaft und Bildung, Band 158, Duelle 
u. Meyer, Leipzig 1920) gibt der General 
fetretär der Gejellichaft für ſoziale Reform 
Dr. Ludwig Heyde. Die inftruftive Arbeit 
umgreift hiſtoriſch und ſyſtematiſch die ver⸗ 
ſchiedenen Gebiete des Arbeiterſchutzes. Syſte⸗ 
matiſch enger, aber auf breiteſter ſtatiſtiſcher 
Grundlage behandelt Prof. Dr. Walter 
Schiffs umfaſſendes Werk: Der Arbeiter— 
ſchutz der ganzen Welt (Archiv für Sozial⸗ 
wiſſenſchaft und Sozialpolitil, Ergänzungs- 


Bücherſchau 


heft XVI, I. € 8. Mohr, Tübingen) bei 
gleiche Problem. Die gründliche Arbeit dürfte 
als Nachſchlagewerk für den Soztalpolitiker 
fünftighin unentbehrlih werben. Unter 
Scheidung bes internationalen und nationalen 
Arbeiterfchußes werben alle Staaten ber Welt 
berüdfjichtigt, ein Anhang ziebt das Material 
bis Januar 1920 heran. Die Verband: 
lungen de3 Vereins für Sozialpolitit 
in Regensburg 1919 zu ben Wirtfchafts- 
beziehungen zwiſchen dem Deutjchen Reich und 
Deutich-Ofterreich und zur Sozialifierungäfrage, 
die auch einen Nachruf bon Heinrich Herkner 
auf Guſtav Schmoller enthalten, ericheinen im 
ftenographifchen Bericht (Verlag von Dunder 
u. Humblot, Münden und Leipzig 1920). 
An dem Kongrefie haben eine Reihe führender 
Sozialpolitiker teilgenommen, bie dem Berichte 
Beachtung fichern. Das Referat von Franz 
Eulenburg über Arten und Stufen ber 
Soztalifierung erfcheint (ebenda) ale 
Sonderdrud. Wiederaufbau und Sozial: 
verfiherung (Berlag von Georg Stile, 
Berlin 1920), von Dr. Baul Kaufmann, 
bem Präfidenten des Reichsverſicherungsamtes, 
bringt von fachlundiger Seite Borfchläge zur 


Pädagogium Waren 
in Mecklendurd am murtzsee 


Vorbereitung auf alle Klassen der verschiedenen Schulsysteme 
(Umschulung). Insbesonders Vorbereitung auf die Einjährigen-, 


Prima- und Reifeprüfung. 


Dr. Michaelis. 








Bücherſchau 245 





Anderung der Reiichsverſicherunggordnung. Fragen heraus ber Politik neue Aufgaben zu— 
Prof. Dr. Robert Liefmann behandelt in wachen, die fie aud) aus dem parteipolitifchen 
eines Heinen Schrift Arbeitslöhne und Schematismus des leerlaufenden parla- 
Unternehbmergewinne nad dem Krieg mentarifchen Syſtems erlöfen können. Schlieh- 
(Alugihriften zur Schaffung fozialen Rechtes, Lich zielt eben doch alle innere Politik auf eine 
Berlag J. Heß, Stuttgart 1919). Die Belebung fchlummernder und erftarrter Volks⸗ 
Unterſuchung befchäftigt fih mit ben Grenzen kräfte. Das ift ber gefunde Sinn von Sozial 
des Arbeitslohnes und den Wirkungen politik, im Verftänbnis dafür berühren fich auch 
A übermäßiger Lohnfteigerungen auf bie Volks⸗ die Rechte und bie Linke, die im Individualismus 
er wirtichaft. ber Mitte den gemeinfamen Gegner. haben, 
So zeigt es ſich, daß aus ben fozialen M. HB. B. 


1 


Berantwortlih: i. B. Hand von Sobdenſtern in Berlin. 
Säriftleitung und Verlag: Berlin SW 11, Tempelhofer Ufer 352. Pernruf: Lllgom 6510. 
Berlag: 8. F. Kochler, Abteilung Grengboten, Berlin. 
Drud W. Moeſer Buchdruckerei, Berlin S 14, Stallfchreiberftr. 34/36. 


Rückſendung von Manuflripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rückporto. 
Nachdruck fämtlicher Aufſätze ift nur mit ansbrädlicher Erlaubnis des Verlages geftattet 








2, OBORORONONOFOROFONOHRONONONON 
Dem fãchft erſcheinen: 





— 


Das Problem Japans 


Politiſche Setracan über Japan und feine Beziehungen zu anderen Bölkern, 
fowie Aber die Weltpolitif der Pacificlänber- 


Bon einem ehem. Geſandtſchaftsrat im fernen Dften 
 Überfegt von Prof. Joh. Sauter 
Preis etwa 22 U, gebunden etwa 80 K. 


Der Macht⸗ und Wirtſchaftskampf des japaniſchen und angelſächſiſchen Imperialismus 
dat die Weltpolitik der letzten Jahrzehnte beherrſcht und wird auch bie Zukunft ge 


ſtalten. Mie der angelſächſiſgee Kampf gegen Deutſchland, jo wird auch der gegen —* 
2 
IO8O 


3 k 
2 pr - 


OBONOUOR OS OL ORONOUHON ON OR OHM OBSOM ON OU ONORORONONORON OS ORLOROLOM 


von innen ber geführt. Es ift angeiſächſiſche Methode, fremde Völker weltpolitii 
vernichten, indem man ihnen ihre geichulten Führer nimmt — fie demokrati er! 


Die Deutichben in Japan 


Bon PBrofeffor Otto Schmiedel 
Preid gebunden etwa 25 AL. 

In launiger, an perſönlichem Erlebnis reicher Erzählung wird dag Leben der Europäer in 
Japan auf Grund der Betrachtungen, die der Berfafler in den Jahren 1887—1892 gemadıt 
bat, gefchildert. Der Hauptteil des Buches wird eingerahmt von einem biftorifchen Mberblid 
über die Deutfehen im alten Sapan und in der Übergangszeit und von einer Darftellung 
beutfher Arbeit in Japan am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. — 

Mit der Gründlichkeit des Forſchers verbindet ber Berfaffer trotz 

feines leichten PBlaudertones den Weitblid des Diplomaten. 





RR. F. Ruebler, Derlag, Leipzig 


| BokokoRROLGIGIOGOIEGIGOIGGTOGGIOGGTTGTGTOGTGTGTEGTONGTO 


Blidrerlifte 


v. Kluck, U. Der Mari auf Paris und die Marnefhlaht 1914. 
6 ©. Mittler u. Sohn, Verlag. Berlia. M. 16,—, geb. 

20,—. 
Shänfelber, Bruno. Kain. Eine Erzählung aus dem großen 
Bauerntrieg. Streder u. Schröder, Stuttgart. Geh. M. 6.—, 


geb. M. 9.—. 

Rudolf der Leute. Tagebuchblätter eines deutſchen Fürften. 
Heinrih Dielmann, Verlag, Halle. Geb. M. 20.—. 

Rofenthal, Friedrich. Schaufpieler aus deutſcher ———— 


— — Zürich, Leipzig, Wien. Geb. 4.60, 


Der Berttrien im Lichte naturwiſſenſchaftlicher Geſchichts— 
auffaſſung. Laiengedanken eines Berufsoffiziers. Georg 
Bath, Verlag, Berlin. 

Erdmann, Karl Fu Gewerkſchaften, —— und Demokratie. 
Verlag ber Kulturliga ©. m. b. H., Berlin. 

Bernhard, Ludwig, Prof. Was wird aus dem Vöollerbund? 
Julius Springer, Verlag, Berlin. M. 2.80. 

Heyn, Dr. Dtto. Sur Valutafrage. Dunder u. Humblot, Verlag, 
Vünden. DM. 2.80. 

ir Eduard. 

K. F. Koehler, Leipzig. 


Diktatur der ſozialen Revolution. Verlag 
1920. 


Bernhardt, Friedrich v. General der Slavallerie 5. D. Vom 
Kriege der Zukunft. E. S. Mittler u. Sohn. Berlin 1920. 
M. 15.—, geb. M. 19.—. 


Slafer, Dar. Leut vom Land. Gefhichten aus Böhmen. 
Verlag Ed. Strade, Wien, Prag, Leipzig. 1920. 
Münchner Blätter für die Dichtung und Graphit. Erfter 
Jahrgang 1919, Heft 10. Ecriftleitung: Münden, Eliſabeth— 

ftraße 28. 

Gerber, Dr. Hand. Deutſche Jugenpgejeggebung. 
zur Neuordnung der ugendfürforge. M. 4.50. Schriften 
über Jugenppolitif, Heft 5. Hermann Bouffet, Verlag der 
Jugendleſe. Berlin SW 61, Tempelhofer Ufer 21. 

Dierd, Marie. Die Rinderlofen. Roman. M. 16.—. 
Eeifert, Berlag, Dresden. 

Großmann, Mar G. freie Eogialifierung. Die praktiſche Form 
der Betriebsfozialifierung. M. 3.50. Waltber Genf, Verlag, 


Gedanken 


Max 


Jena. 
König, Otto. Die Deutſchen Paläſtinas in engliſcher Gefangen— 


Bolt, Niklaus. Caſpar Reüſt. Eine Erzählung in Bildern and 
ber Zeit ber Renaifjance und Reformation. ara 
M. 15.—, feine Ausg. M. 25.—. Verlag Art, * 


Orell Füßli, Zürich. 
E. Bollmann, Prof. Das Zeichnen als Ausdruca⸗- und 

2.60 = M 6— Verlag Kt, 
Inftitut Orell Füßli, Zürich. 


Bildungsmittel. 
* Max. Deuticer Aufbau unb die Kammer ber Arbeit. 
3.—. Verlag der Rulturliga G. m. b. H., Berlin W 86, 
Gebhardt, — Woher kommt die Balutafrifid und med 
bedeutet fie für mih? M. 3.—. Aulturlige Gm 6,5, 
Verlag, Berlin W 35. 
Schidlof, Dr. B. Arbeitszeit * ——— 


Kommuniſtengemeinde. M 2.—. ezub —— 
der Zeit. Heft 18. Kulturliga G. m. 7 * 


Vollerthun, Waldemar, Konteradmiral a. D 
Tſingtau. Geh M. 28.—, geb. 36.—. ©. ne, 
Die Volkswirtſchaft bei 


veipgig. 

augfiei, — Kammerpräſident. 

tſchen Wiederaufbaus. Theodor Lißner, Verlag, 

Pu mh Rantzau, Graf. Dokumente. tiche Verlagt⸗ 

geſellſchaft für Politik und Geſchichte m. b. H. Charlottenburg. 

Ludwig Bäte und Kurt Meyer-Rotermmmd, Das Bud da 
deutſchen Kleinſtadt. Johann Georg Holzwarth, Berlag, 
Rothenfelde (Teutoburger Wald). 

Wenig, Richard. Kriegs-Safari. Erlebniſſe und Eindrüde auf 
den Zügen Lettow-Vorbeds durch das öſtliche Afrika 
Geh. Mi 25,—, geb. M. 35,—. Verlag AÄuguſt She; 
G.m.b. H. Berlin. 

Löffler, Prof. Dr. Austwärtige Politif, Ein Führer für bei 
deutijhe Voll. M. 18,— Heinrich Dielmann, Berlag‘ 
yalle (Saale). 

Wahl, Albert. Vom Bismard der 70er Jahre. Geh. Ri 
J C. B. Mohr (Paul Siebed), Verlag, re 

Noste, Guſtav. Von Kiel bis Kapp, Zur Gejchichte ber 
Revolution. Verlag für Politik und Wirtſchaft, Berlin W 

Knies, Richard. Servaz Duftigs Fruhlingswoche. Eine Eis 
zäblung. M. 10,—. Egon Fleiſchel & Eo., Berlin 

Nötzel, Karl. Der ruſſiſche und der deutſche Geiſt derge 

Verlag, Berlin 1920. 


2 


ſchaft. Geh. M.6.—. Strom:Verlag G.m.b.H., Dresden. 1. Ludendorff, Erich. Urkunden ber Seesen, äh 
Moderfohn-Beder, Paula. Briefe und Tagebucblätter. Kurt ihre Tätigleit 1916/18. Ernſt — — um Bol 

Wolff Verlag, Münden. Berlin 1920. 
Fiſcher, Ernſt W. Die Verbraucher als Träger ber Sozial— Anzengruber, Ludwig. Geſammelte Werke. Verlag dir 

wirtfhaft! M. 2.50. Hentralftele zur Verbreitung guter Philipp Reclam jun., Leipzig. 

beutfcher Literatur. Winnenden, Wiürtt. Nühle, Otto. Neues SKinderland Ein Tomi 84 
Baubdik, — Der alte Hauptmann, Roman. Geb. M. 16.—, und Erziehungs-Programm. BerlagssGefeligaft 

eb. M. 12 Richard Hermes Berlag, Hamburg. ziehung G. m. b. 9., Berlins Fichternau. 1920. 


‘ Pohle, Dr. t. _ Geldentwertung, Balutafrage und Mährungss 
reform. Br. M. 4.—. A. Deichertfhe Verlagsbuchhandlung 
Dr. Berner SchoU, Xeipzig, Erlangen. 


Dr. Goetz Briefs. Untergang bes Abenblandes, —— 
Sozialismus. Eine Auseinanderſetzung mit Oswaid Epemglit- 
Verlag Herder, Freiburg i. Br. M. 7,60. 


Kynologisches 
photographisches Preisausschreiben 


Verlag und Scriftleitung des „Deutfchen Jägers“ jchreiben einen photographifchen Preik 
wettbewerb für kynologiſche Bilder (Jagdhunde) aus. 


(1. Preis 500 M., 2. Preis 300 M., 3. Preis 209 M., 
ferner 20 Troftpreife zu je 50 M.) 


Preisrichter find: Freiherr von Befferer, München, Freiherr von Perfall, Schloß Greifenberg 
a. Ammerſee, Apotheker Jungermann, Müncen, und Verlag und Schriftleitung des „deutſchen 
Jägers‘, Münden. 


Genaue Bedingungen gegen Einjendung bon 20 Pf. in Briefmarken durch den Verlag 
des „Deutihen Jägers? München, Brienneritraße 9. 








BAT zZ 
Ip, 


STA AT — * —X 
* 


⸗ 
— „A 





Naustrinkkuren! 


Von heilwirkendem Einfluß bei 
Gicht, Rheumatismus, Nieren-, 
Blasen- und Harnleiden, Sod- 
brennen, Diabetes usw. Brunnen- 
schriften durch das Fachinger 
Zentralbureau, Berlin W 66, 
Wilhelmstr. 55. 









a er —— 








„Grenzboten.“ 
ir Deutſche hatten als das Volk der Studentenmenſuren eine 






(a SS, ritterlihe Auffafjung vom Krieg, Das alte Rittertum hatten 
A Wir deshalb noch nicht überwunden, weil die Kriege und Siege 
J —8 der preußiſchen Armee dieſe Kriegsweiſe ſcheinbar zum endgültigen 

—X —2 Erfolg geführt hatten. Der Ziviliſt und ſein Eigentum werden 
nicht berührt, Gefangene werden geſchont und gut genährt, der beſiegte Feind 
darf wieder zu Kräften kommen. So hatte ſich der große Friedrich behauptet, 
der Befreiungskrieg nach franzöſiſcher Unbill unfer -deutfches Leben wieder— 
bergeftellt, die Zweikämpfe Moltkes mit Benedek und Bazaine die deutiche Groß- 
und Weltmacht fichergeftell. Wenn mir rüfteten, um den uns umlagernden 
Großmächten die Stange halten zu können, jo dachten wir an eine ftrategijche 
Defenfive, an welcher der rufjiihe Anprall zerjchellte, an eine rafche Offenfive 
gegen die franzöfiiche Armee, an eine Seeſchlacht mit England und an einen 
Frieden, der ein wirklicher Frieden war und das deutſche, engliiche, franzöfiiche, 
ruſſiſche Volk leben und wieder gedeihen ließe. Blieben wir leben, und wie follten 
wir nad) bravem Durchhalten eines Krieges nicht kraft Friedensſchluß am Leben 
bleiben?, dann würden wir ſchon jelbft für umjer Gedeihen jorgen, jo wie wir 
niemals ein anderes Volk daran gehindert haben, nach eigner Kraft, ja auch mit 
allbereiter Unterftütung durch deutſche Arbeit zu gedeihen. 

Dies uns geläufige Bild von Krieg und Frieden haben wir heute mit dem 
Glauben ans Chriſtkind ins Gebiet Eindlihen Wähnens verbannen müfjen. Die 
Feinde haben uns einen Krieg gelehrt, der nicht nach Regeln fragt, jondern alles 
anwendet, was dem Ziel dient, die befeindete Raſſe zu ſchwächen, auszurotten 
und ihre Gedeihensmöglichkeit zu vertilgen, einen altteftamentlichen, antiken Krieg, 
der über chriftliches Rittertum die Achjeln zudt. Vielleicht hatte der Auffe, trot 
Mordbrennern und etwas brutalen Muſchiks, noch die ähnlichſte Vorftellung von 
Krieg und Frieden wie wir. Der Engländer verjtedte feine Grand Fleet vor 
Scheer und impfte dagegen den deutichen Kindern die Tuberkuloſe und englifche 
Krankheit ein, vertrieb alle deutichen Arbeiter und Siedler in fremden Erdteilen 
von Haus und Hof, ließ fie in Sinternierungslagern verrotten, macht deutſche 
Örengboten III 1920 17 


250 „Grenzboten“ 


Seemannſchaft und Induſtrie, ſoweit er kann, brotlos und verewigt in Gemein⸗ 
ſchaft mit den Franzoſen durch den Kohlenraub von Spaa nach Möglichkeit das 
Elend, um die deutſche Bevölkerung (mit Ausnahme der Kohlenhörigen) zu zwingen, 
daß fie auch künftig fich mit fchlechtem Sriegsbrot von Kräften hungre. Was 
der Franzoſe aber außerdem noch verſucht an Verwelſchung von Deutjchen, Zer⸗ 
reißung der deutjchen Länderteile, Verführung und Vergewaltigung, Umfälſchung 
der geihichtlichen Entwidlung, Herabwürdigung unjeres Namens, das wird man 
wohl nachgerade in Berlin ebenjo jpüren wie bei uns in der Pfalz. Der Franzoſe 
ſpricht e8 auch offen aus, daß der Frieden nichts ift als die Yortiegung des Kriegs. 
Am Krieg war er ſchwächer als wir, wurde gerettet durch andere, und durch 
fremde Arme in den Sieg hineingelegt. Jetzt ſoll der Frieden nachholen, was 
der Krieg nicht vermochte: die deutſche Raſſe zu verkleinern dur Tod von 
Millionen, Yortpflanzungsüberdruß der übrigbleibenden Millionen, dur ZBer- 
ftörung des Staatsgefüges umd der Wehrbarkeit, durch Entmannung des National 
finnes und Entkräftung der Jugend. Das ift der Krieg, der weitergeht, denn 
nur der ritterliche Krieg der Waffen, in dem der Deutjche der ſtärkſte war, ging 
im November 1918 zu Ende, und im felben Monat begann der alttejtamentliche 
Krieg der Vernichtung mit neuer Kraft und jubilierender Freude, weil Deutjchland 
ihm jest widerftandslos ausgeliefert war. 

Widerſtandslos? So fcheint ed. Aber die Feinde ehren uns, daß Krieg 
auch mit anderen Waffen geführt wird als mit Stahl, Pulver und Todesmut. 
Stahl und Pulver find ung genommen, die franzöfiihe Armee, bis zu unjrem 
Fall die zweite in der Welt, ift heute die erite und vermag vorläufig fogar 
Polen gegen Rußland aufrechtzuerhalten, den Türken umd Urabern wie den 
Deutſchen zu gebieten. Da ift für uns feine Hoffnung; im Materialkrieg gibt es 
fein Wunder. Über der Krieg wird ja auch mit Gefinnung, mit Haß und mit 
Willen geführt. Haben nicht die Agypter eben über die Engländer einen erften 
Sieg errungen, dem weitere folgen werden? Sind die Inder, die Iren nicht auf 
dem Marſch? Dan zwingt uns, auf neue Mittel des Krieges zu finnen, und ein 
Sieger von der Grauſamkeit der Briten und Franzoſen gibt fih Blößen gemug. 
Wir brauchen nur den Opfermut ded Krieges, zehntaufendmal mehr Opfermut 
als im Materialfrieg, und dann werden fich die neuen Wege finden. Die Ber 
zweiflung, in welche der Vernichtungskrieg und der Bernichtungsfrieden uns jedes 
Jahr tiefer ftoßen, die Armut, Entehrung, Entbehrung, das Nichts, das wir find 
und fein follen, gibt ung felber die Waffen, erzieht ung riedliebendfte zum Kampf 
ums Daſein. 

Seit kurzem fährt allwöchentlich von Saarbrüden, der künftig franzöſiſchen 
Stadt, über Mainz, das Hauptquartier Degouttes, ein Ententezug über da3 
englifhe Danzig zum franzöfiihen Memel. Er trägt nur Ententevolf und 
Mittel zu unferer Knechtung. Aber als blinde Paſſagiere jaufen vom deuten 
Saarbrüden und Mainz zum deutichen Danzig und Memel, von Grenze zu 
Grenze die Boten quer durch das ganze deutfche Land und erzählen in Memel wie in 
Saarbrüden: deutſch feid ihr, deutſch werdet ihr bleiben, deutſch werdet ihr 
wieder fein. Die Zufunft ift dunkel und Furchtbares birgt ihr Schoß. Aber 
Leben und Lebensgüter macht der Feind uns billig, teurer wird ung von Jahr 
zu Jahr das Vaterland und feine Not, feine Ehre, feine Wiedergeburt. Das 


— 
— ... 


Über die Orientierung der deutfhen Anfenpolitif 251 





Feige ftirbt weg an ſich jelbit. Es wird nicht mehr Hemmung jein, wenn der 
waffenloje Krieg beginnt. 

Sooft Franzofen in Europa dominieren, wird des Durcheinanders fein 
Ende, und am Engländer fterben die Völker, die fih ihm geiftig unterwerfen. Ruinen 
und Leichen! Aber wir fchreiten durch dieſe zeritörte Welt weiter und aufwärts, 
weil Deutichland, das noch nie Fremdherrſchaft länger als ein paar Jahre ertrug, 
auch Diesmal im Begriff ift, vom erbarmumngslofen Feind zu lernen, und duldend 
zu fühlen, daß feine Grenzen, feine Rechte Heilig find. Priscus. 





Uber die Ürientierung der deutfchen Außenpolitif 
Don Graf Bernftorff, ehem. Deutihem Botſchafter in Wafhington 


Nachdem in Heft 81/82 ber Grenzboten Großabmiral v. Tirpik 
fein außenpolitifches Glaubensbekenntnis entmwidelt bat, geben wir 
heute einem führenden Vertreter der entgegengefehten Weltanfchauung 
das Wort. Vielleicht iſt Deutfchland in eine Geichichtöperiode ein- 
getreten, in welcher außenpolittfch verfchtedene Richtungen nebeneinander 
beftehen werden, fo wie 3. B. England feine franto-ruffo-germanophilen 
Politiker nebeneinander verwandte, ober mie ber Große Kurfürft, um 
zwiſchen den Mächten hochzukommen, verfchtebener und abwechſelnder 
Orientierungen bedurfte. Es kommt dabei nur auf die innere Ge⸗ 
ſchloſſenheit des Nationalwillens bei wechſelnden Methoden an. Dies 
vorausgeſchickt, verzichten wir, im einzelnen zu den nachfolgenden Aus⸗ 
führungen Stellung zu nehmen. OR. 

er wie ich in einem heftigen, durch perfönliche Angriffe gewürzten 
Wahlfampfe von feinen Gegnem als „Reifender für den Völker⸗ 
bund“ bezeichnet worden ift, braucht vielleicht nicht mehr zu erklären, 
. EN daß er es für verfrüht halten würde, wenn wir ſchon heute eine 
RN) Entiheidung über die Orientierung der deutfchen ausmärtigen 
Politik treffen wollten. Zunächſt müffen wir uns auf den Völkerbund einjtellen 
und abwarten, ob einer unjerer bisherigen Feinde uns die Hand zu einer polts 
tiihen Annäherung bietet. Die Leiden der Welt find fo groß, daß fie nur auf 
internationalem Wege und durch internationale Mittel geheilt werden können. 
Einzelne Staaten erjcheinen machtlos der heutigen Weltkataftrophe gegenüber. Es 
ft die Höchfte Zeit, daß ein führender Staatsmann alle Nationen zum gemeins 





ſamen wirtfchaftlihen Aufbau aufruft umd dadurch einem wahren, reformierten 


Völferbunde das Leben gibt. Die Orientierung unferer Bolitit in der Richtung 
auf den notwendig zu erftrebenden wahren Völkerbund fließt indeffen nicht aus, 
daß wir theoretiich die Möglichkeit und den Wert der verjchiedenen anderen 
Drientierungen erörtern. 

Mit bejonderem Nachdruck wird feitens der Voſſiſchen Zeitung eine beftimmte 
Orientierung unferer auswärtigen Politik verlangt, und zwar nad) Frankreich hin. 
Dabei wird behauptet, daß eine Verftändigung mit Frankreich ſchon in Verfailles 

| 17* 


2523 Über die Orientierung der deutfhen Außenpolitit' 


und dann wiederholt bei fpäteren @elegenheiten möglich geweſen fei. Cine folde 
Beritändiguimg wäre gewiß außerordentlich erwünſcht, doch follte fie meines Er⸗ 
achtens nicht jo propagiert werden, daß fie eine Spige gegen England enthält. 
Unfere Lage ift eine folche, daß wir und unmöglich eine Politik erlauben können, 
bie eine Gegnerſchaft gegen irgendeine der Großmächte involviert. Dadurch würden 
wir nur wieder den altbefannten Vorwurf auf uns laden, daß wir die Mächte 
untereinander verhetzen wollten, und würden wir ferner das Gegenteil des 
gewünfchten Nefultates erreichen, indem wir die gegen uns gerichtete Allianz 
befeftigten.. Was insbefondere die VBerjailler Vorgänge anlangt, fo bin ic) darüber 
nur durch mündliche Mitteilungen unterrichtet, die mir der dortige Vertreter der 
Boffiichen Zeitung damals machte. Die Berichte der deutichen TFriedensdelegation 
ließen nicht darauf fchließen, daß eine Gelegenheit zur Verftändigung verjäumt 
worden fei. Im übrigen ift über die Verjailler Verhandlungen bisher nur wenig 
Authentifches bekannt geworden. Die einzige Ausnahme bildet das geniale Bud 
von Keynes über die wirtichaftlichen Yolgen des Friedensvertrages Darin fagt 
der Kambridger Profeſſor im Gegenſatz zur Auffaſſung zur Voſſiſchen Beitung: 
„Ich bezweifle, ob irgend etwas, was bie deutiche Delegation auf diefer Stufe 
der Verhandlungen hätte vorbringen konnen, das Ergebnis wefentlich beeinflußt 
hätte.” Ich felbft befand mich damals nicht in einer politiſchen Stellung, jondern 
hatte mich lediglich als Beamter zur Verfügung geſtellt, um in Berlin die diplos 
matiſch⸗techniſche Vorbereitung der Yriedensverhandlungen zu leiten. Während 
der Verhandlungen fpielte ich gewifjermaßen die Vermittlungsinſtanz zwijchen der 
Delegation und dem ausfchlaggebenden Reichskabinett. Dabei ift niemals die 
Möglichkeit einer Verftändigung mit Frankreich zur Sprade gekommen. Als bie 
Delegation nad) Weimar zurüdkehrte, endigte meine Tätigkeit, was mir fehr Lieb 
war, da ich, angefichts der inmeren Lage Deutichlands, mich den letzten Schluß» 
folgerungen der Delegation nicht anjchließen konnte. Meines Erachtens wäre eine 
Ablehnung des Friedensvertrages nur möglich” gewejen, wenn das deutſche Volk 
von der Etſch bis an den Belt den einmürigen Willen gezeigt hätte, ſich nötigen 
falls dem Untergange zu weihen, wie einft König Teja und feine Volksgenoſſen 
om Veſuv. Da aber eine folcde heroiſche Gefinnung nicht mehr vorhanden und 
damals auch nicht zu entzünden war, blieb nichts anderes übrig, als der Gewalt 
zu weichen und den Vertrag zu unterjchreiben, obgleich wir wußten, daß wir die 
Bedingungen desjelben niemals würden erfüllen Türmen. Ich habe damals das 
mir angebotene Portefeuille des Außeren nicht deswegen abgelehnt, weil ich den 
Friedensvertrag nicht unterjchreiben wollte, fondern weil ich es nicht mit meiner 
Auffaffung von Parteidilziplin vereinigen Tonnte, ein Amt anzunehmen, nachdem 
die demokratische Partei mit großer Mehrheit beichloffen hatte, aus der Regierung 
auszutreten. Ä | 
Menn ich alfo auch nicht genau weiß, wie fi) die von der Voſſiſchen Zeitung 
erwähnten Vorgänge in Verſailles abgefpielt haben, fo möchte ich doch nad 
meinen fonftigen Beobachtungen annehmen, daß es ſich wie in anderen mir 
bekannten Fällen um das Vorgehen einzelner franzöfifcher Herren handelte, die 
e8 zwar fehr gut meinten, aber bei ihrer eigenen Regierung weder Einfluß noch 
Rückhalt hatten. Wie dem auch fei, die Franzoſen find die Sieger und müſſen 
den erften Schritt tun, der an fih durchaus wünfchenswert wäre und ein großes 


Über die Orientierung der deutfchen Außenpolitif 253 


Glück für die ganze Welt bedeuten würde. Man ftelle ſich nur vor, wieviel Die 
Kultur ımd die Weltwirtichaft geivinnen würden, wenn der deutich-franzöfiiche 
Gegenſatz ſich in eine gemeinfame Arbeit für die idealen und materiellen Güter 
der Menjchheit verwandeln ſollte. Man denke fich eine nähere Verknüpfung des 
rheiniſch⸗weſtfäliſchen Induſtriegebietes mit dem nordfranzöfiichlothringischen Erz: 
und Sohlengebiete, dem ſich das belgiſche und luxemburgiſche Induſtriegebiet ganz 
bon felbft anjchliegen würde. Der Wiederaufbau Europas erhielte durch eine 
folge Arbeitsgemeinſchaft einen Unftoß von fo großer Xriebfraft, daß alle 
anderen Hinderniffe ſich leicht überwinden ließen. Wenn die Franzoſen ruhiger 
Dberlegumg fähig mwären, müßten fie einfehen, daß der einzige Weg aus den 


- Leiden der Gegenwart der ift, diefe Leiden gemeinfam zu tragen. Leider fcheint 


aber Keynes mit feiner Darftellung der franzöfiichen Bolitit recht zu behalten. 
Er erklärt die Haltung Frankreich durch die veraltete imperialiftifche Politik 
Slemenceaus ımd durch die Furcht vor der Rache Deutichlands. Nachdem ber 
faliche Weg eines ungerechten Karthagofriedens einmal ergriffen worden ſei, treibe 
das ſchlechte Gewiſſen die Franzojen immer weiter auf der falihen Bahn. Sie 
glaubten ſich ausjchlieglih durch die Schwächung und Berftüdelumg Deutichlands 
bor deffen dereinftiger Rache hüten zu können. 

Solange fi die Haltung Frankreichs uns gegenüber nicht völlig ändert, 
folange der zur Zeit Stärfere noch foviel Furt vor dem befiegten Nachbarn 
zeigt, dab er den für ihn fo einfachen erften Schritt zur Verftändigung nicht 
wagt, muß eine franzöftfhe Drientierung unſerer Politit als eine Illuſion 
betrachtet werden. Wenn aber die Auffaſſung von Keynes fi als falſch erweiſen 
und in Frankreich eine Stimmung entftehen follte, die uns eine annehmbare 
wirtſchaftliche Eriftenz auf nationaler Bafis gönnte, fo würde die deutſche 
demokratiſche Republik nur zu froh fein, die Annäherung an Frankreich anzunehmen 
zu fuchen. Wir müßten jedoch unbedingt als Vorausſetzung für eine folche Ans 
näherung die Forderung aufitellen, daß Frankreich auch für uns das Necht der 
Selbftbeftimmung der Völker ımd ferner die hiſtoriſche Tatfache anerkennt, daß 
da8 deutiche Vol, joweit die deutſche Zunge Elingt, eine nationale Einheit ift, 
die nur zeitweilig im Laufe der Geſchichte durch dynaſtiſche Politik gelodert 
wurde. Borläufig ift leider allerdings eher zu befürchten, daß die Stimmung 
der Franzoſen uns gegenüber fi) noch mehr verfchlechtern wird, wenn fie erft 
merken, daß fie ſelbſt durch Steuern ihre Sriegskoften aufbringen müſſen, weil 
wir infolge des Karthagofriedens zahlungsumfähig geworden find. 

Bor dem Weltkriege babe ich mich immer zur engliſchen Orientierung 
bekannt. Dein Hauptmotiv für diefe Anſchauung lag in der Mberzeugung, daß 
die lebendigen Kräfte der Weltgeſchichte in dem demokratiichen Welten zu finden 
jeien. Der Ausgang des Srieges hat diefe Auffafjung beftätigt. 

Ich Hatte ſchon als Legationsfekretär in St. Petersburg die Mberzeugung 
gewonnen, daß das zariſtiſche Rußland morjch fei, und entfinme mich lebhafter 
Kontroverjen über diefes Thema mit Pandsleuten, die zur Krönung nad) Moskau 
gefommen und durch den aflatiichen Prunt und Glanz geblendet waren. Wenn 
Bismard wirklih, wie feine gedanfenlojen Nachbeter behaupten, eine einjeitige 
ruſſiſche Orientierung gewünscht hätte, fo würde er auf dem Berliner Kongreſſe 
eine andere Haltung eingenommen, ben befannten Brief Lord Salisbury vom 


254 Über die Orientierung der dentfhen Außenpolitik 








Sabre 1887 nicht geichrieben, und meder das Bündnis mit SOftereich-Ungarn 
noch den Dreibund abgejchloffen haben. Tatſächlich hat uns Bismard eine auß 
wärtige Politik Hinterlaffen, die uns zwangsläufig auf die englifche Orientierung 
hinwies. Das Hat Caprivi richtig erfannt und auf Grund diejer Einſicht 
unfere Stolonials und Flottenpolitik den guten Beziehungen mit ngland 
untergeordnet. Gegen England Eonnten wir nun einmal, wie die Dinge lagen, 
feine Weltpolitit treiben, und ohne Weltpolitit konnte das fchnell wachſende 
deutfche Volk nicht leben. Später murde die nachbismardifche deutſche aus 
wöärtige Bolitit von dem leider falfchen Ariom Holfteins beberricht, daß der 
Gegenſatz zwiſchen England und Rußland unüberbrüdbar fei, und der Dreibund 
das Bünglein an der Wage zwilchen dieſen beiden feindlichen Mächten bilden 
müffe. Allerdings wäre, rein theoretifch betrachtet, auch eine Weltpolitit gegen 
England möglich gewejen, wenn wir einen europäilchen Stontinentalbund hätten 
bilden können. Ein folder mar aber unerreihbar, wegen der unverjöhnlicen 
Feindſchaft Frankreichs gegen uns. | 
Trotzdem heute die Machtverhältniffe gänzlich verändert find, dreht fich der 
Streit der Meinungen auch jett um die gleichen Probleme. Das deutjche Bolt 
muß zu völliger politiicher Bedeutungsloſigkeit herabfinfen, wenn es uns nidt 
bald gelingt, in binreihendem Make Lebensmittel, Rohitoffe und Fabrikate 
ein» und auszuführen. Wie wir diefes Problem ohne das Wohlmwollen Englands 
löſen Pollen, ift mir wnerfindlid. Es bleibt uns alfo nichts anderes übrig, als 
unter weit ungünftigeren Umftänden diejenige Bolitif zu führen, welche zu Caprivis 
Beiten mit viel mehr Ausficht auf Erfolg eingeleitet, aber leider mit dem Krüger⸗ 
telegranm fallen gelaffen wurde. Selbitverftändlich follen wir ung den Engländern 
nicht aufdrängen. Das würde durchaus der zurüdhaltenden und würdevollen 
Politik widerfprechen, die ich für unbedingt erforderlich halte. Als Befiegte müfjen 
wir unjere Würde bejonders peinlicy wahren. Wir jollten aber den Engländern 
gegenüber feine Empfindlichkeit zeigen. Bon jeher neigte unfere öffentliche Meinung 
zu dem politifchen Fehler nachtragenden Grolls, ebenfo wie der einzelne Deutſche 
an einer übergroßen perfünlihen Empfindlichkeit leidet. Solche Gefühle find, 
wie unjer großer Bismard fo oft betont hat, in der Politik nicht am Plate, weil 
man niemald von einem fremden Staate etwas anderes erwarten darf, als dag 
er nationale Politik treibt. Insbeſondere hat England feit Hunderten von Sahren 
fonfequent die gleiche Politit betrieben. Jeder erfahrene Bolitifer mußte das, 
und wenn wir troßdem in unjer Verhängnis gerannt find, jo haben wir Dies 
überwiegend eigenen Fehlern zu verdanken. Solche: geihichtlichen Wahrheiten 
müffen heute ohne Scheu ausgeſprochen werden, aud) wenn fie bitter fchmeden, 
‚weil e8 feinen anderen Weg gibt, um die gleichen Fehler in der Zukunft zu ber 
meiden. Seht iſt nad) dem ganzen Verlaufe der engliichen Geſchichte zu erwarten, 
daß die Briten dem befiegten und nicht mehr gefährlichen Gegner die Freundes» 
band reichen werden, um ihn wieder aufzurichten und feine Dienfte auf irgend 
einem Gebiete im Intereſſe der engliichen Politif zu verwenden. Wenn dieſer 
Fall eintreten follte — aber nicht früher —, wird der Moment für uns gekommen 
fein, uns für die englifche Orientierung zu enticheiden und aus ihr möglichſt 


‚große Vorteile für den Wiederaufbau zu a ohne uns durch Anglophobie 


behindern zu Laffen. 


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Über die Orientierung der deutfhen Anßenpolitif 255 


Es könnte eingewendet werden, die Engländer hätten ebenjowenig wie die 
Franzoſen Verftändnis. für die Tatjache, daß infolge der großen weltwirtichafts 
lien Bufammenbhänge der Wiederaufbau der Welt ohne die Geſundung Deutich- 
lands unmöglich ift, während andererfeitS der Ruin Deutfchlands den wirts 
ſchaftlichen Zuſammenbruch ganz Europas nad fich ziehen: muß. Gewiß wird 
e3 noch längerer Beit bedürfen, bis ſich das engliſche Volk in feiner Mehrheit zu 
diefer Überzeugung durchdringt. Die Nachwirkung der ungeheuren Kriegshetze, 
die nur Abſcheu vor dem deutichen Volke weden wollte, ift noch zu ftarl. Immer⸗ 
hin ift e8 bemerkenswert, daß gerade ein Engländer ein folches Buch gejchrieben 
hat, wie da8 von Keynes. Große Organe der öffentlichen Meinung, wie der 
„Mandheiter Guardian”, die „Weitminiter Gazette” ımd die „Daily News“ ver⸗ 
treten den gleichen Standpunft. Asquith hat fogar in einer Wahlrede, was bes 
fonders hervorzuheben ift, die Revifion des Verjailler Friedens verlangt, während 
die Herren auf .der Negierungsbant noch durch ihre Wahlverſprechen nad) der 
anderen Richtung ſtark gehemmt find. Wer das beſetzte Rheinland kennt, weiß, wie viel 
mehr Rückſicht die Engländer dort an den Tag legen wie die Franzoſen. Es ift 
aljo zum mindeften eine berechtigte Hoffnung vorhanden, daß die Briten bald im 
eigenen Intereſſe zur Erkenntnis der Solidarität der europäilchen Wirtſchafts⸗ 
gebiete gelangen werden, wenn fie auch vielleicht die von Keynes verlangte Groß- 
herzigfeit noch nicht an den Tag legen wollen. Möglicherweiſe wird ein Wandel 
im der englijchen Politik erſt dann eintreten, wenn Neuwahlen Männer an die 
Negierung gebracht haben, die für den Verjailler Frieden nicht verantwortlich find. 

Der Begriff der „Weitlichen Orientierung” umfaßt auch die Dereinigten 
Staaten von Amerika, obgleich mit ihnen ein politifcher Anfchluß niemals in Betradjt . 
gefommen ift und auch jeßt nicht im Bereiche der Möglichkeit Liegt. Die Amerikaner 
haben nun einmal fein Intereſſe an der europäifchen Politik und find nur durch 
eine für uns außerordentlich unglüdliche Verkettung von Umftänden bewogen worden, 
in den Strieg einzutreten. Sehr zu unjerem Nachteile zeigte fich diefe Teilnahms⸗ 
Lofigfeit der Vereinigten Staaten auf der Berfailler Stonferenz. ‘Das Intereſſe 
der Amerikaner für Europa erftredt ſich nur auf wirtfchaftliche Dinge und Humanitäre 
Ideen. Bollends ift man jegt in den Vereinigten Staaten der europäifchen Politik 
durchaus müde. Wir follten aber nicht aus den politifchen Vorgängen in Amerika 
den falſchen Schluß ziehen, als ob dort die Totengloden des Völkerbundes Läuteten. 
In den Vereinigten Staaten denkt man jet ausſchließlich an die Präfidenten- 
wahl. Erſt wenn diefe vorüber ift, werden wir klar erfennen können, welchen 
Kurs die ameritanische äußere Politik ſteuern wird. Mit Sicherheit werden 
wir aber mit der alten Teilnahmslofigfeit gegenüber europäiſchen Dingen 
rechnen können, was auch begreiflich erfcheint nad) den Enttäufchungen, die der 
Krieg den Amerikanern gebracht hat. Sie glaubten als Kreuzfahrer auszuziehen, 
um eine beſſere Welt zu gründen, und laſſen jest hinter ſich ein völlig zerrüttetes 
Europa zurüd. Immerhin glaube ich, daß die Vereinigten Staaten mit gewifjen 
Einſchränkungen einem wahren Bölferbund gegenüber ſchließlich eine freundliche 
Haltung einnehmen werden, weil die öffentliche Meinung in Amerika den Idealen 
der Völkerbundsidee immer Shmpathie entgegengebradit hat. Die Tatſache aber, 
dag Wilfon glauben konnte, die amerikanische öffentliche Meinung werde den 
Berfailler Frieden, den faljchen Verfailler Volkerbund und das Defenfivbündnis 


256 Über die Orientierung der deutfhen Außenpolitik 


mit Frankreich billigen, bliebe ein vollkommenes pfychologijches Rätſel, wem nidt 
ohnehin Kar wäre, wie jehr er in Berfailles dem Einfluffe der franzöftichen 
Ummelt unterlegen ift. Syedenfalls können wir bei der Frage unferer politifchen 
Orientierung Amerika ganz ausſchalten. Doch follten wir um fo mehr danach 
trachten, unjere wirtichaftlicden Beziehungen mit den Vereinigten Staaten ſo Eng 
wie möglich zu geftalten. Wenn wir aber in biejer Richtung Erfolge erzielen 
wollen, wird fich unfere öffentliche Meinung mehr als bisher auf die amerikanifche 
Ideenwelt einjtellen müfjen. 

Dbgleich ich der einzige lebende Deutſche war, der Wilfon perfönlich gut 
kannte, bat man mich nicht gefragt, bevor man fich im Herbit 1918 an ihn wandte. 
Denn man mich gefragt hätte, würde ich abgeraten haben, den Präftdenten an- 
zurufen, da ich nad) Kenntnis feines Wejens überzeugt war, daß er uns niemals die 
Ablehnung feines VBermittlungsangebots im Jahre 1916 verziehen hat. Wilfon war, 
wie fich Steynes milde ausdrüdt, „für den Vorwurf der Deutichfreimdlichkeit bis 
zur Torheit empfänglich”. ALS mic Prinz Mar von Baden im Oktober 1918 aus 
Konftantinopel nach Berlin berief, um ihm bei den weiteren Verhandlungen bebilflig 
zu fein, war nichts anderes mehr zu tun, als der Verſuch zu machen, Wilfon bei der 
Stange zu halten. Er erwies ſich aber zu ſchwach und verlor dadurch den Ehren 
platz in der Weltgeichichte, den er feit Jahren eritrebte. infolge der Enttäuſchung 
über feinen Mißerfolg ift der Präſident dann körperlich umd geiftig niedergebrocen, 
wenn man nicht zu feiner Entichuldigung annehmen will, daß er ſchon in Verfailles 
ein kranker Mann war. Widerfinnig ift es aber anzunehmen, daß Wilſon von 
bornherein die Abficht Hatte, in Verjailles einen Sarthagofrieden abzuſchließen, 
denn fein Staatsmann wird ſich freiwillig um Ehre und Reputation bringen. 
Ebenſo widerfinnig ift e8 zu behaupten, daß ich noch heute auf Wilſon fchwöre. 
Seit dem 81. Januar 1917 Babe ich nie mehr etwas von ihm erhofft. Ich wußte 
genau, daß er unjer damaliges Verhalten als einen Schlag ins Geficht betrachtet 
hatte. Allerdings bat die Anrufung Wilfons und wohl nichts gefchadet, denn 
ohne diefelbe hätten wir auch Eeinen befjeren Frieden erhalten. In moraliſcher 
Beziehung ftärkte fie eher unfere Stellung im Hinblid auf die Zukunft, dem 
wie fogar der Engländer Keynes jchreibt: „Es gibt wenige gejchichtliche Vorgänge, 
welche die Nachwelt weniger Grund haben wird zu verzeihen. Ein Krieg, der 
anſcheinend angeblich zum Schutze der Heiligkeit der Verträge geführt, mit einem 
offenen Bruch eines der denkbar Heiligften ſolcher Verträge durch die fiegreichen 
Vorkämpfer diejes Ideals endete.” 

Es geht auch nicht an, wie das bei uns oft geſchieht, die Völkerbundsidee 
dadurch Ddiskreditieren zu wollen, daß man fie mit dem unpopulären Namen 
Wilfons verquidt, oder fie lächerlich macht, indem man es fo darftellt, als 
glaubten die Anhänger diefer Idee, fon am nächften Donnerstag den ewigen 
Frieden ftabilifieren zu können. Die Völkerbundsidee lebte fchon lange vor 
Wilfon, und der ewige Friede ift ein Ideal, das wie alle anderen fittlichen umd 
religiöſen Ideale auf Erden niemals realifiert werden dürfte. Trotzdem bleibt 
das Streben nad) dem deal doch immer der befte Anhalt des Menfchen- und 
Bölterlebend, und wir wollen vorläufig zufrieden fein, wenn ein verbeſſerter 
Völkerbund aller Nationen eine Weltwirtichaft aufrichtet, das Selbſtbeſtimmungs⸗ 
recht der Völker als Gele ftatuiert und dadurch, ſowie durch Einführung vom 


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Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 257 


Schiedsgerichten und dur allgemeine Abrüftung die Zahl der Kriege auf ein 
Minimum reduziert. 

Wir wollen zu den Idealen der Zeit unjeres klaſſiſchen Idealismus zurüd- 
ehren, wo aus der ſchönſten Blüte unferes Geifteslebens das deutſche National: 
gefühl entftand, mit nationaler Würde aber gleichzeitig die Erkenntnis des 
Weltbürgertums verbunden war. 





Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 
(1915- 1917) 


Don Franz von Stockhammern, miniſterialdirektor im Reichsfinanzminiſterium 
X. (Schluß) 


Luzern, ben 16. Mai 1917. 

Perjönlich bin ich auf Grund eines Meinungsaustaufches, den ich letzter 
Tage mit einem ber amerilanifchen Gejandtichaft Bern naheftehenden Diplo⸗ 
maten hatte, der Anjchauung, daß die Entente im Bertrauen auf die Unter- 
ſtützung Amerikas vorerft den Kampf fortieken wird. Man geht in Paris und 
London von ber Borausfegung aus, daß Deutihland umd SDfterreich-Ungarn 
auch nad) Abſchluß eines Waffenftillftandes, ja jelbft eines Geparatfriedeng mit 
Rußland nicht in der Lage jein werben, ihre DOftfront zu degarnieren, da Die 
Berhältniffe in Rußland zu unficher feien, um einen im Juni mit der Regierung A 
geichloffenen Waffenftillftand oder Frieden auch von Seite der pielleicht ſchon 
im Juli erftehenden Regierung B Anerkennung zu gemwährleiften. 


Quzern, den 18. Mai 1917. 

Ich habe anläßlich der Anwejenheit des Abgeordneten Müller Gelegenheit 
gehabt, verichiedene der äußeren und äußerften Linken der internationalen 
Sozialdemokratie naheftehende politiiche Perjönlichkeiten kennen zu lernen: 
Die Enttäufhung darüber, daß Deutichland ſich nicht wenigſtens Rußland 
gegenüber auf den Boden ber Scheidemannſchen Formel geftellt hat, war 
unverfennbar. Doch iftder Stand der Dinge in Rußland zur Zeit ein zu chaotiſcher, 
al3 daß jelbft in diejen mit ruſſiſchen Berhältniffen moHlvertrauten Kreijen ein 
einigermaßen ſicheres Urteil darüber beftünde, wie ſich Rußland eigentlich ver- 
halten werde. Was mit Sicherheit feitzuftellen war, ift, daß man jeden Tag mit 
einer Überrafchung nach ber einen oder ber anderen Geite rechnen Tann. 


Ich darf in diefem Zujammenhange bemerken, daß die ruhige und ab» 


gewogene Art, in der Herr Müller mit politifchen Berjönlichleiten der Schweiz 


verhandelt, audy diesmal wieder manche ſchwebende Angelegenheit in einem 


Deutſchland günftigen Sinne geförbert und manches Mißverſtändnis aufgellärt 


bat, das über unjere politiichen Abſichten im neutralen Ausland zu beftehen 


258 Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


ſcheint. Es wird wohl wenig deutiche Politiker geben, die ohne Lärm und Auf- 
ſehen mit derartigen Erfolg in der Stille für die deutſchen Intereſſen wirken, 
wie diefer Mann. 


Zürich, den 20. Mai 1917. 

Ein hier mweilender füddeutfcher Politiker, der zum Berner Bundeshaus 
gute Beziehungen unterhält, und in den lebten Tagen in Bern eme Reihe von 
maßgebenden Perjönlichkeiten gejehen Hat, hat, wie ich Euer Erzellenz mit 
der Bitte um firengvertrauliche Behandlung melden darf, mir gegenüber feine 
Eindrüde in nachſtehenden Darlegungen zufammengefaßt: 

Die Kampfesitimmung in Frankreich ift ungebrochen. Hieran haben 
weder die ungeheuerlichen Zerlufte der legten Wochen, noch die zunehmenden 
Schwierigkeiten der Verwundetenpflege etwas zu ändern vermocdht. Eine von 
ber Schweiz und Spanien in behutfamer Form betätigte Fühlungnahme ſei 
glatt abgelehnt worden. Die politifche Leitung liege derzeit in den Händen 
Painlevés, der ſich mit Petain gut verjteht; Ribot beugt ſich vor der Energie 
beider. Sehr erheblich habe zur Hochhaltung der Kriegsftimmung in Frankreich 
die Energie beigetragen, mit der Amerika in3 Zeug gehe. Amerila komme 
zunächſt mit techniſchen Mitteln, Flugzeugen u. dergl. zu Hilfe; eine große 
Zahl von Ingenieuren, Monteuren, Fliegern und Flugzeugen jei bereits unter- 
wegd. Die in Frankreich aus diefem Zuwachs neu zu formierenden Flug. 
geſchwader würden ausfchließlich zu „Verheerungszügen‘ durch Deutjchland 
verwendet werden. Man jei in Paris und London gleichmäßig überzeugt, daß 
Amerika „aufs Ganze gehe“; die Stimmung in Amerila fei jehr hoch. 

Die militärischen Rejerven Frankreichs würden aller Vorausſicht nach) im 
Auguft zu Ende gehen ; doch rechne man damit, daß bis dahin auch die deutichen 
lich ihrem Ende näherten. Außerdem wird baldige Erjcheinen amerilanischer 
Kontingente erwartet. 

Die Ernteausfichten in Frankreich feien günſtig, ernithafte Verſorgungs⸗ 
ſchwierigkeiten beftünden nicht, lediglich die Brotfrage mache Sorgen, um jo 
mehr, ald Lloyd George bei feiner letzten Anmejenheit in Paris in brüsfer 
Weile von Frankreich für die Zeit nach der Ernte Getreide gefordert habe. 

Ein radike ſozialiſtiſcher franzöſiſcher Politiker äußerte fi) dahin, Frank⸗ 
reich werde bis zum letzten Mann kämpfen, es ſei denn, Deutſchland gebe 
eine bündige antiannexioniſtiſche Erklärung ab, die zugleich hinſichtlich Elſaß⸗ 
Lothringens einen „beau geste“darftelle. Niemand in Frankreich denke ernſtlich 
an eine Wiedereroberung von Elſaß-Lothringen, dagegen würde ein irgendwie 
entgegenkommender Schritt Deutſchlands die Situation weſentlich erleichtern. 

Hauptmotiv, das Italien zum Durchhalten beſtimme, ſei die Furcht vor 
dem Prädominieren des öſterreichiſchen Einfluſſes auf dem Balkan, weshalb 
Italien, mit Ausnahme der gegen Griechenland gerichteten Tendenzen, die 
Balkanpolitik der Entente akzeptiere. Wenn es möglich wäre, auf einem den 
Vorwurf des Treubruches ausſchließenden Wege ein ruſſiſch⸗italieniſches Ab⸗ 
kommen zu ermöglichen, bei dem die ruſſiſchen und italieniſchen Balkanintereſſen 
in ehrlicher Weife gewahrt würden, würde Stalien wohl ber zweite Ententer 
ftaat fein, der fich von der Kette löfen würde. 


Aus Seheimberihten an den Grafen Bertling 259 


Die Bedrängung Englands durd) den Unterjeeboottrieg ift zweifellos ſehr 
ſtark. Die Furcht vor der Rationierung jei groß, bejonders in den breiten Maffen. 
Stimmung in der Ürbeiterjchaft gegen den Krieg, der Widerftand gegen Lloyd 
George im Wachſen. Die legten Luftangriffe auf London Hätten in diefe Ent- 
widlung wieder ftörend im Sinne einer Neubelebung der Kampfftimmung ein- 
gegriffen. Es jei zu bezweifeln, ob der Drud durch den Unterjeebootfrieg genüge, 
um bie englifche Halsftarrigkeit zu beugen, um jo mehr, al3 die Erfolge der 
Million Balfours in Amerika über jede Erwartung günftig feien. Amerika 
habe Intervention in ftärkfter Form zugefagt und gleiche den Verluſt aus, den 
die Entente durch eventuelles Ausicheiden Rußlands erleide. 

Man habe Rußland inEngland fait aufgegeben, glaube aber, Deutichland 
durch die Berhandlungen, die man feit mehreren Monaten mit Oſterreich⸗ 
Ungarn und der Türkei direkt führe, von der anderen Geite her zu ſchwächen. 
Wan habe in London davor gezittert, daß der deutſche Reichskanzler lich glatt 
auf den Boden der öfterreichifch-ungariichen Erklärung gegenüber Rußland 
ttellen werde, da in diefem alle das Zuftandelommen des Friedens wohl nicht 
mehr aufzuhalten gemeien jei. 


Bürich, den 2. Juni 1917. 

Die aus Amerika vorliegenden Nachrichten laſſen feinen Zweifel darüber - 

zu, daß die Union jich zu einer Kraftanftrengung großen Stils vorbereitet und 

daß eine geradezu fieberhafte Kriegsbegeifterung und Kriegstätigkeit herricht. 

Die techniſchen Hilfsmittel, die die Vereinigten Staaten der Entente zur Ber- 

fügung zu ftellen beabfichtigen (Flugzeuge, Telegraphen- und Telephonein- 

richtungen, elektriiche Snftallationen, Majchinengewehre, ferner Medilamente 

und chemiſche Präparate) würden in -allergrößtem Maßſtab geliefert werden, 

wobei allerdings das Rifiko in Rechnung gejegt werden muß, das unfer Unter- 
jeebootäfrieg für derartige Transporte bedeutet. 


Bern, den 11. Juni 1917. 

Die durch den U-Bootkrieg für England und Frankreich gejchaffene Lage 
iſt zweifellos eine drüdende, man wird aber auch bei vorfichtigfter Abwägung 
aller pro und contra ſich dem Eindrud nicht verichliegen künnen, daß an eine 
Aushungerung Englands und Frankreichs im Sinne eines Zwanges zur Waffen- 
niederlegung nicht mehr zu denken ift und daß die Gefahr für beide Länder 
mit jedem Monat der amerifanifchen Intervention abnimmt. Wenn wir aljo 
den Unterfeebootsfrieg tatfächlich als ultima ratio in die Kriegsſchlußrechnung 
eingejegt haben jollten, fo jind wir einem Rechenfehler verfallen, der durch 
die eben durd) den Unterjeebootsfrieg veranlaßte amerikaniſche Intervention 
nur vergrößert werden kann. 

Aus Rußland hört man nichts Beftimmtes. Rußland wird für die Dauer 
de3 Krieges das große Fragezeichen bleiben. Ein ernithafter Bertragsgegner, 
auf deifen Zuficherungen man fich verlaſſen könnte, ift es kaum, fo daß es felbit 
für den Fall des Entgegenfommens der augenblidlihen Petersburger Regierung 
nicht möglid) fein wird, unjere Oftfront zu degarnieren. Es ilt dies der Faktor, 


260 | Aus Geheimberichten an den Grafen Bertling 


auf ben fich die Erwartungen der Entente hinſichtlich Rußlands reduziert haben, 
ber aber für ung immer noch groß genug ift, um uns zur Vorjicht zu nötigen. 

Die Ausſichten auf einen baldigen Friedensſchluß find unter dieſen Um- 
Händen zur Zeit nichtgroß. Solange wir ung nicht entjchließen können, ordnung 
und übungsgemäß den Weg ftreng vertraulicher diplomatiicher Verhandlungen 
zu bejchreiten und auf die bisher gebrauchten untauglichen Mittel des Ber- 
handelns durch unverantmortlihe Parlamentarier und Smduftrielle zu ver- 
zichten, wird es auch kaum anders werben. Unferen jämtlihen Unterhändlern 
fehlt die verantwortliche Dedung durch die Bentralitelle, fie werden daher nicht 
al3 ernft zu nehmende Verhamdlungsgegner angejehen. 


Bern, den 12. Juni 1917. 
(Telegramm.) Sicherſte Quelle meldet: Ribot hat in letzter Geheim- 
ſitzung franzöfiihen Abgeorbnietenlammer den zwiſchen Frankreich und Ruß 
land im Januar 1917 abgejchlojjenen Geheimvertrag verlejen, Durch den ſich 
das damalige Rußland Frankreich gegenüber zu voller diplomatifcher Unter 
ſtützung nachſtehender Forderungen im Laufe ber Friebendverhandlungen 
verpflichtete: 
1. Eljaß-Rothringen int Umfang des Gebietöbeitandes von 1780, 
2. Das Saargebiet. 
3. Das linke Rheinufer, einjchliehlich bayerifche Pfalz, inſoweit Frankreich 
im Laufe der Verhandlungen daran Intereſſe bezeigt. 
4, Die vom linken Rheinufer übrigbleibenden Gebietsteile werben Buffer 
ftaaten. 


Zürich, den 19. Juni 1917. 

Wie ich Euer Erzellenz unter dem 16. Mai zu melden die Ehre gehabt 
batte, erfchien auf Grumd der mir von verläffiger amerilanifcher Seite gewordenen 
Aufllärung die mir aus Berlin übermittelte Nachricht, die rufjiiche Regierung 
werde am 25. Mai einen Waffenſtillſtand abichließen, nicht glaublich. Ach hatte 
damals es ald meine perjönliche Anfchauung bezeichnet, daß die Entente im Ber 
trauen auf die Unterftübung Amerikas den Kampf vorerft fortſetzen wird, da 
man in Paris und London von der Anichauung ausgehe, daß die Bentral- 
mächte auch nah Abſchluß eines Waffenitillftandes, ja jelbit eines Geparat- 
friedeng mit Rußland nicht in der Lage jein werden, ihre Oftfront zu degamieren, 
da die Verhältniſſe in Rußland zu unficher feien, um fich auf mit einer dortigen 
Regierung abgeichlojjene Vereinbarungen verlaſſen zu können. 

Der Waffenſtillſtand ift nicht abgeſchloſſen worden und es mehren fi im 
Gegenteil die Anzeichen, daß die ruffiiche Armee fich neuerdings wieder im 
Sattel zurechtzufegen beginnt. Die Nachrichten, die über das Scheitern ber 
Miffion des Schweizer Bazififten und Sozialiften Grimm heute hieher gelangt 
find, beftätigen diefe Wahrnehmungen. Here Grimm, der als enragierter Anti- 
militarift nicht gerade zum Vertreter ber beutfchen Intereſſen präbeftiniert 
ſchien, hat mit feinen Vorſchlägen in Petersburg kein Gehör gefunden. Er 


Aus Geheimberidhten an den Grafen Bertling 261 


weilte ungefähr um die Zeit, in der der Abſchluß des Waffenftillftandes erfolgen 
follte (25. Mai), in Peteröburg; in diefe Tage fällt auch der verhängnisvolle 
Zelegrammmechlel, den die Schweizerifche Geſandtſchaft in Petersburg zwiſchen 
ihm und dem Heren Bundesrat Hoffmann vermittelte. 

Yür die Sache des Friedens ift diefer Vorfall nach zwei Richtungen Hin 
verhängnisvoll. Zunächſt erfcheint mit Sicherheit feftgeftellt, daß die Entente 
den Frieden nicht will, ferner ift für die Entente kein Zweifel mehr darüber. 
daß wir den Yrieden dringend wünfchen. Für unfere Poſition bei künftigen 
Berhandlungen bedeutet dies eine nicht erwünſchte Berfchlechterung. 

Die Enttäuſchung, die ung die Milfion Grimm bereitet Hat, ift nicht die 
erfte diefer Art. E3 kann angejichts des Ernftes der Lage nur immer wiederholt 
werden, was ich mir nochmals anzudeuten erlaube: Golange wir und nicht 
entjchließen können, ordnungs- und übungsgemäß ben Weg ftreng vertraulicher 
diplomatijcher Verhandlungen zu beichreiten und auf bie biäher von uns 
gebraudgten untauglicdhen Mittel des Verhandelnd durch unverantmwort- 
lide Parlamentarier ımd Induſtrielle zu verzichten,' wird e3 kaum anders 
werben. Unferen ſämtlichen Unterhändlern fehlt die verantwortliche Dedung 
durch die Zentralitelle; fie werden daher nicht al3 ernft zu nehmende Ber- 
handlungsgegner angejehen. 

Daß der Entichluß, dieſen neuen Weg zu befchreiten, ſchwer fallen mag, 
ift begreiflich; die Kluft, die zwiſchen ben bisher künſtlich genährten Hoffnungen 
der Ration und der nadten Wirklichkeit befteht, iſt zu groß, ala daß es leicht 
fallen könnte, das Volk darüber aufzullären. Man wird aber nicht barum herum» 
fommen und die Lage kann durch Zögern nur ſchlimmer werben. 


— ‚den 28. Juni 1917. 

Es ſcheint nad) den mir zugegangenen Nachrichten, daß man in England 
und Frankreich die kritiſche Zeit mit Mitte Juli für überwunden hält, da von 
bort an die Wirkungen ber Beteiligung der amerikanischen Flotte an den Abwehr⸗ 
maßnahmen der Engländer und Sranzofen für hinreichend ſtark erachtet werden, 
um weitere Befürdhtungen auszufchließen. 

Es ift von hier aus felbftverftändlih unmöglich, die Nichtigkeit dieſer 
Auffaſſungen nachzuprüfen; doch ftimmen fie im allgemeinen mit ben zahl« 
reichen Mitteilungen, bie ich von anderer, engliichen und amerikaniſchen Kreifen 
naheftehender Seite erhalte, überein. Soweit ber Unterjeebootäfrieg al3 ultima 
ratio ber Bezwingung Englands und der Befchleunigung des Kriegsendes ge- 
dacht war, dürfte er, jo läftig er unferen Feinden auch fällt, und fo jehr er ihre 
inneren Schwierigleiten vermehrt, feinen eigentlichen Zweck bereit3 verfehlt 
haben. Hieran vermag auch die Beröffentlihung des Gejamtrefultats aller 
ſeit Kriegsausbruch erfolgten Verſenkungen nichts zu ändern, da es in eriter 
Linie darauf anlommt, ob die Kurve der Verſenkungen ſich auch im gegen- 
märtigen Zeitpunkt auf ihrer Höhe erhält, oder ob jie weiterhin abiteigt. 

Im einzelnen kann ich dag Gelemiurtei meiner Gemähräleute, wie nach⸗ 
ſtehend, zuſammenfaſſen: 


262 Aus Geheimberidhten an den Grafen Bertling 


Die öffentlihe Meinung in England und Frankreich Hat, entiprecdyend 
den Aufmwärts- und Abmwärtsbewegungen der Kurve der Berjenfungen neutraler 
und eigener Schiffe Durch deutſche Unterjeebonte, jei 1. Februar drei verſchiedene 
erlebt. Die erfte war die jenes ausgeſprochenen Optimismus der Entente- 
länder, der die Ankündigung des verichärften Unterjeebootsfrieges als einen 
Bluff erflärte. Sie dauerte etwa bis Ende März. Die zweite umfaßt die Zeit 
von Beginn April bis Mitte Mai. Sie war durch die peſſimiſtiſche Note gelenn- 
zeichnet, die am ftärkften in den Erklärungen von Lloyd George über die zu- 
nehmenden Berjorgungsichwierigleiten Englands zum Ausdrud kam. Die 
dritte jeßte etwa Mitte Mai ein und jchließt mit der erſten Dekade des Juni ab. 
Sie iſt harakterijiert durch eine fichtliche Entjpannung, foweit das pfychologiſche 
Moment in Frage fteht und durch ein fichtliches Wiederaufleben der fiber 
zeugung, daß der deutſche Unterjeebootstrieg, ſoweit er die Niedermerfung 
England3 al3 ultima ratio der deutjchen Kriegsführung darftellt, diejen jeinen 
Zweck nicht erreichen, jondern lediglich den Krieg verlängern mwirb. 
| Man ift in London und Paris angejichts des Rückganges, den die Wirkſam⸗ 

feit des deutſchen Unterjeebootsfrieges jeit Ende Mai erfahren hat, bereits 
twieder zu einer optimiftifchen Beurteilung der Gejamtlage zurüdgefehrt und 
hält die Krifis, von der jpeziell England bedroht war, für überwunden, wenn bie 
Bahl der Verſenkungen ab 10. Juni weiterhin auf der bisher zu beobachtenden 
Linie verbleibt. Die Anſchauung der maßgebenden Kreife Englands und Frank⸗ 
reichs läßt jich in folgende drei Leitſätze zuſammenfaſſen: 


1. Die tatjächlide Abnahme der Verſenkungen in einem Zeitpunkt, in dem 
Deutichland ein Lebensinterejje daran: hätte, die Quote der Verſenkungen 
zum mindeiten auf der Höhe der Aprillurve zu halten, zeigt, daß die Höchſt⸗ 
leitung der deutſchen Unterjeeboote bereits im April erreicht war. 

2. Die prozentuale Zunahme der durch die verftärkten und verbeſſerten Abwehr⸗ 
methoden der engliihen und franzöfiichen Flotte außer Gefecht gejebten 
deutſchen Unterjeeboote läßt e3 nicht al3 mwahrfcheinlich erjcheinen, daß 
die Verjenfungen neuerdings zunehmen oder Die Aprilkurve wieder er- 
reichen könnten. 


3. Die Entlaſtung, die England und Frankreich in Ausuͤbung der Meerespolizei 
durch die Maßnahmen Amerikas erfahren, wird die durch die beiden erwähnten 
Faktoren bedingte Verbeſſerung der Lage zu einer vorausſichtlich dauernden 
geſtalten. 

England wird, außer unter dem Zwang abſoluter und äußerſter Not⸗ 
wendigkeit, unter feinen Umftänden einen Frieden annehmen, der die An- 
erfennung einer Erjchütterung feiner Geeftellung in ſich jchließen würde. 
England wird, ſelbſt wenn es den Fall äußerfter Notwendigkeit gegeben er- 
achten follte, den Frieden auf dem Weg über Rußland herbeiführen, e3 aber 
itrifte vermeiden, von ſich aus eine Initiative zu ergreifen, die mit einem Ein- 
geſtändnis feines Unterliegens gleichbedeutend wäre. 





Deutfhlands wirtfchaftlihe Zufunft 263 


Deutfchlands wirtfchaftlihe Zukunft 
Don £riedrih Edler von Braun, Dorfiendem des Reichswirtichaftsrats, M. d. R. 


> eite Kreiſe unſeres Volkes — und gerade die beiten — Sind von 
> tiefem Pelfimismus erfüllt und verzweifeln an der Möglichkeit eines 
Wiederaufbaus. Iſt das berechtigt? Gewiß, wenn man fi die 
y A Lage der deutſchen Volkswirtſchaft in voller Deutlichfeit Elarzu- 
ES zn a machen verfucht, was leider die wenigſten tun, jcheint eine Löfung 
fait unmöglid. Das Bild, das der Reichsfinanzminifter vor kurzem über den 
Reihshaushalt gegeben hat, Tpricht mit feinen harten Bahlen eine deutliche 
Sprache, obwohl auch hier eine Berjchleierung verſucht wird, die dem Gejundungs- 
prozeß nur jchädlich ſein kann. Schon die Gruppierung der Ausgaben in ordent- 
lihe8 und außerordentliches Budget dient mehr dem Zweck der Ermöglichung 
eines Gleichgewichts als einer jyftematiichen Trennung der Ausgaben in dauernde 
und einmalige. Aber jelbit beim ordentlichen Budget ift der Ausgleih nur 
dadurch erzielt, daß Steuererträge eingejegt wurden, die auch dann ficher nicht 
eingegangen wären, wenn nicht neben der, Steuerfluht der Kriegsgemwinnler auch 
noh durch die Steuerjabotage der Arbeiter beim Lohnabzug jede Ausficht 
geſchwunden wäre, auf dem Weg der direkten Beiteuerung Erfolge zu erzielen. 
Es fehlt alfo nicht nur für die Ausgaben des außerordentlichen Etat3 mit 25 bis 
28 Milliarden Marf jede Dedung, fondern es ift auch nicht damit zu rechnen, daß 
der Bedarf des ordentlichen Budget3 von 28 Milliarden Markt durh Einnahmen 
voll gededt werde. Dazu fommt das ftändige Anwachſen der ſchwebenden 
Schuld, die jett jchon 124 Milliarden beträgt, neben 91 Milliarden 
fundierter Schulden, ohne daß ich irgendein Weg zeigt, dieſer Entwiclung 
Einhalt zu tun, gejchweige in abjehbarer Zeit zu einer Abzahlung zu fommen. 
Schlimmer noch als dieje Geldnot des Reiches ift die Lage der deutjchen 
Volkswirtſchaft in ihren Beziehungen zum Ausland. Cine Abfchliegung gegenüber 
der Weltwirtichaft ift für uns nicht möglich, weil Deutjchland in feinen jetzigen 
Grenzen und in der zerjtörten Verfaſſung jeiner Wirtichaft das Ziel der Autarfie, 
das vor dem Sriege bei höchiter Vervolllommnung unjerer Erzeugung erreichbar 
gewejen wäre, gar nicht ins Auge fallen kann. Wir werden aljo für abjehbare 
Zeit auf die Einfuhr von Lebensmitteln und Rohftoffen zur Dedung des eigenen 
Bedarfs angemwiejen jein, ohne die Möglichkeit, durch die Ausfuhr eigener Boden- 
ſchätze und induftrieller Erzeugnifje im gleichen Wertverhältnis einen Ausgleich zu 
ſchaffen. Dieſe Lage ift bis jest noch nicht fo in die Erjcheinung getreten — 
weil wir bisher nod) die Möglichkeit hatten, Kohlen in erheblichem Umfang und 
zu hoben Preiſen an das neutrale Ausland zu liefern und weil infolge des abnorm 
ſchlechten Standes unferer VBaluta in der erften Hälfte des Jahres induſtrielle 
Erzeugniffe und inländiiche Werte unter Hintanjegung des eigenen Bedarfs in 
großer Menge an ausländifche Käufer übergangen find, weil wir mit anderen 
Worten bon dem Kapital des Volksvermögens felbft gelebt haben. 
Dur das Abkommen von Spa ift die Ausfuhr von Kohlen in das neutrale 
Ausland faft unmöglich gemacht. Wir müfjen Kohlen im Werte von etwa 
24 Milliarden Mark für das Jahr an die Entente liefern, ohne dafür einen 





264 Dentſchlands wirtſchaftliche Zukunft 


Gegenwert zu erhalten; denn die Lieferungen dienen nur der Abtragung unſerer 
Wiedergutmachungsſchuld und die in Ausſicht geſtellten Vorſchüſſe ſind neue 
Schulden, die Deutſchland kontrahiert. Das gefährlichſte aber iſt, daß die 
Kohlenlieferungen an Frankreich, Belgien und Italien eine Stillegung eines 
großen Teils der deutſchen Induſtrie im Gefolge haben werden, die ſich jetzt 
ſchon in immer ſchärferer Form bemerkbar macht, und damit eine weitere 
Schwächung unſerer Ausfuhr. 

Das iſt in kurzen Strichen das Bild der wirtſchaftlichen Lage Deutſchlands. 
Zur Vervollſtändigung fehlt nur, was in Genf Deutſchland an weiteren Leiſtungen 
für die Wiedergutmachung auferlegt werden ſoll. 

Sieht man die Sache ſo an, ſo bietet ſich allerdings kein Ausblick für einen 
Wiederaufbau, ſondern der endgültige Niederbruch ſcheint unvermeidlich. Aber ich 
halte dieſe Betrachtungsweiſe nicht für richtig. Dan kann derartig neue, in der 
Weltgeſchichte ohne Beiſpiel daſtehende Berhältniffe nicht mit dem Nechenftift 
meiftern und muß ſich vor Augen balten, daß ſolche Zeiten der Not aud 
neue Kräfte und Möglichkeiten wachrufen, die uns noch nicht erkennbar 
find. Wem man uns im Juli 1914 gejagt hätte, daß Deutjchland 4 Jahre lang 
unter völliger Abſchnürung vom Weltmarkt gegen die größte Koalition, die die 
Geſchichte Fennt, Krieg führen müfje, jo würden alle Sachverftändigen das für 
unmöglich erklärt haben. Und doch Haben mir über 4 Jahre ſiegreich unfere 
Grenzen behauptet, wenn aud unter unmenfclichen, niemals für möglich gehaltenen 
Anftrengungen und Entbehrungen. Es find alfo hier Möglichkeiten entdedt und 
nußbar gemacht worden, die niemand in Nechnung geftellt hatte. 

Aber die VBorausjekung für die Mberwindung folder Notlagen ift die Elare 
Erkenntnis der Situation und bie zielbewußte Zufammenfafjung und Einfeßung 
aller Kräfte zu ihrer Mberwindung. 

Und daran hat e8 bisher vollkommen gefehlt. Was wir bisher getrieben 
haben, läßt ſich beim beiten Willen nicht anders als mit Fortwurſchteln bezeichnen. 
Daß es jo nicht weiter gehen kann, daß wir auf diefem Weg immer tiefer in den 
Sumpf geraten müffen, fieht zwar jedermann ein. Aber die notwendige Schluß. 
folgerung daraus, daß wir einen anderen Weg wählen müffen, ift bis jetzt nicht 
gezogen worden. Was mir vor allem brauchen, ift volle rüdjichtslofe 
Dffenheit und Klarheit, nicht das Bertufchen und Verkleiftern, das Quads 
falbern mit Heinen Mittelcden, die man anwendet, um den Batienten nicht zu fehr 
zu erichreden. Zu dieſer rücdfichtslofen, harten Offenheit hat fich noch niemand 
aufgerafft. Jeder Staatsmann und Politiker, jede Partei fragt immer zuerſt 
ängftlih, ob das Eingeftändnis der wahren Sadjlage nicht feiner Stellung und 
den Intereſſen der Partei ſchaden könne, und dann werden fo lange Zugeftändnifie 
md Kompromiffe gegen die Wahrheit gemacht, bis fie völlig verzerrt imd entftellt ift. 

Diefe Art des Politikſpielens konnte man fi allenfalls in der Vorkriegs⸗ 
zeit leiften — fie ift zmar auch damals ſchon ſchuld an unferem Unglüd ges 
weſen — aber heute, wo e8 wirklich um Sein oder EN: für Deutſchland 
gebt, muß man ſolche Mätchen laſſen. 

Wenn man fich die eingangs geſchilderte Sachlage — vorſtellt, 
kann man gar nicht anders, als eingeſtehen, daß wir bankerott ſind, und im ver⸗ 
trauten Geſpräch macht auch niemand ein Hehl daraus. Aber die Regierung 





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Deutſchlands wirtfhaftlihe Sufunft 2656 


und der Reichstag dürfen beileibe nicht8 davon jagen und dor allem nicht danach 
handeln. &8 werden weiter Etats aufgeftellt und bewilligt, als ob alles in 
Ichönfter Ordnung wäre, e8 werden Milliardenfummen für neue Bebürfniffe, für 
neue Amter und Stellen mit einer Freigebigfeit ausgeworfen, als ob wir in 
Geld ſchwämmen, und die Mittel beichafft man durch neue Schulden und neues 
Papiergeld. An Sparen denkt fein Menſch, weil's doch ſchon glei if. Das 
ift Bankerottwirtihaft im Ihlimmften Sinne Das ift nach bürgerlichen 
Hecht betrügeriſcher Bankerott. Ein Zuſammenbruch kann auch den Ebrlichen 
ſchuldlos treffen, aber dann muß er fi danach ftreden, wenn er feine Ehre be- 
wahren will, und nur dann iſt eine Sanierung möglid). 

Das ift freilih ein Harter Entſchluß, der uns alle ſchwer treffen wird. 
Aber jedes Hinausihieben verjchlimmert nur das Mbel. Und jchlieklih handelt 
es fich bei der Bolitit in diefem Sirme doch nicht um das perſönliche Wohl 
‚ergeben des einzelnen, nicht darum, ob man für feine Handlungen Beifall findet 
und momentane Erfolge erzielt, fondern um die Frage, wie die Zukunft unferes 
Bolkes gerettet werden farm. Hunderttaufende haben während des Krieges willig 
Leben und Gefundheit geopfert, um das Vaterland vor feindlichem Angriff zu 
fchügen. Und da follten wir Mberlebenden feig zurüdjtehen, wenn es gilt, Jahre 
der Entbehrung, der Armut und Einſchränkung auf und zu nehmen, um unferem 
Bolt einen neuen Aufftieg zu ermöglichen? 

Das Eingeftändnis des Bankerotts unſerer Finanz⸗ und Volkswirtſchaft 
bedeutet nicht ohne weiteres die Erklärung des Staatsbankerotts im techniſchen 
Sime. Ob dieſer ſich wird aufhalten laſſen, iſt eine andere Frage. Aber es 
bedeutet, daß man in Staats⸗ und Volkswirtſchaft die Folgen daraus zieht, alſo 
vor allem in der Staatsverwaltung ſich ſo einrichtet, wie es einem völlig ver⸗ 
armten Volke ziemt. Davor kann uns das Blendwerk der Erzbergerſchen Steuer⸗ 
geſetzgebung nicht ſchützen, die Einnahmen vorgaukelt, die im Dauerzuſtand nie 
zu erzielen fein würden, auch wenn überall befte Steuerwilligkeit beſtände, weil 
fie durch Vernichtung der Betriebsvermögen die folide Wirtichaft felbft -totichlägt 
und nur das Schiebertum leben Täßt. 

Man muß aljo vor allem entſchloſſen an die Umgeitaltung diefer Steuer- 
gejege herangehen, die von Anfang an nichts als ein Bluff waren, um auf dem 
Bapier eine Bilanz berzuftellen. In welcher Form ich mir das denfe, kann im 
einzelnen nicht im Rahmen diefer Abhandlung dargelegt werden. Aber um nicht 
im Berdacht zu kommen, daß e8 mir nur um die Wahrımg Fapitaliftifcher Inter⸗ 
eſſen zu tun fei, will ich gleich bier betonen, daß für meine Beftrebungen niemals 
das Schickſal des einzelnen, fondern nur die Belange des Volksganzen maß⸗ 
gebend waren. 

Aber neben diefer notwendigen Offenheit und Wahrhaftigkeit gegenüber 
dem eigenen Volk ift die gleihe Haltung auch gegen unjere Feinde not» 
wendig. Ich fage mit Vorbedacht Yeinde, weil ich den Vertrag von Berfailles 
niemals als einen Friedensvertrag anjehen kann, fondern nur als ein Dokument 
der Sklaverei. Unfere Regierungen — und zwar die Fehrenbachſche ebenjo wie 
die vorhergehenden jozialdemofratiichen Kanzlerichaften — können fich nicht genug⸗ 
tun in Beteuerungen, daß fie den Vertrag von Berfailles erfüllen wollen. Ich 
halte das nicht nur für unehrlidh, jondern für töricht und würdelos. Vertrag 

Grenzboten III 1920 


266 Deutſchlands wirtfhaftlihe Zukunft 





kann nicht erfüllt werden, weil er Unmögliches verlangt. Und felbft das an 
fi Mögliche könnte nur erreicht werden, wenn man das deutiche Volk in dauernder 
Schuldknechtſchaft hält. Kam eine deutiche Regierung ernfthaft erklären, daß das 
ihre Abſicht ift? Cine Abficht, die fie doch nie verwirklichen könnte, weil fie in 
dem Moment eben aufhören würde, Negierung zu fein? Nein, man muß endlid 
mit diefen Fiktionen, die man der Kriegspfhchoſe unjerer Gegner zuliebe aufgerichtet 
hat, Schluß machen. 

Man muß in voller Offenheit und Klarheit zum Ausdruck bringen, daß 
wir dieſen Vertrag nicht erfüllen können. Das kann üble Folgen haben, 
gewiß, ich werde darauf noch kommen. Ich will nur zuerft die innere Not 
wendigfeit diefer Erklärung begründen. . 

Wenn ein Vertragsteil erklärt, er wolle feine Vertragspflichten erfüllen, 
werde e8 aber ficher nicht können, jo befennt er fish von vornherein als fchuldig. 
Denn Verträge, von denen man ſchon beim Inkrafttreten weiß, daß man fie nicht 
erfüllen kann, darf man ehrlicherweijfe nicht fchliegen. Wir verfchlechtern alfo 
unfere rechtliche Lage mit dieſen beflifjenen Beteuerungen des guten Willens, denn 
wir anerkennen damit, daß der unerfüllbare Vertrag Deutichland zu Necht bindet. 
Wer aber die Vorgeſchichte und die Entftehung des Vertrages von Berjailles 
ımbefangen prüft, weiß, daß er nach den Grundjägen des Völkerrechts Deutfchland 
nicht verpflichten kann. 

Ich will mich dafür ftatt weiterer Ausführungen nur auf das Zeugnis des 
Profeſſors J. M. Keynes berufen, mit dem ich in Spa und Brüffel oft verhandelt 
babe und den ich als einen der wenigen objektiv und wirtfchaftlich denkenden 
Bertreter unferer Feinde kennen gelernt habe. 

Er führt in feinem grundlegenden Wert „The economic consequences 
of the Peace“ mit überzeugender Klarheit aus, daß der Umfang der Verpflichtungen, 
die Deutichland im Friedensvertrag auferlegt wurden, nicht das Maß deffen hätte 
überfteigen dürfen, was in den 14 Punkten des Präfidenten Wilfon und in defien 
ſpäteren Anfprachen umfchrieben iſt. Denn auf diefer Grundlage fei die Berein- 
barung zwijchen Deutjchland und den Verbündeten über die Einleitung der Waffen 
ftillftands- und Friedensverhandlungen abgefchloffen worden. 

nDie Natur des Abkommens zwiſchen Deutfchland und den Berbündeten” 
— fo lautet der entſcheidende Sag in der deutjchen Mberjegung bon Bonn und 
Brinkmann (S. 45ff.), — „die fi aus diefem Notenwechſel ergibt, ift klar ımd 
unzweideutig. Die Friedensbedingungen follen den Anſprachen des Bräfidenten 
gemäß fein, und der Zweck der Friedenskonferenz ift, ‚Die Einzelheiten ihrer 
Anwendung zu erörtern‘ Die Umftände des Abkommens trugen ein 
ungewöhnlich feierliche und verpflichtendes Gepräge, denn eine diefer Bedingungen 
war, daß Deutichland Waffenftillftandsbedingungen annehmen folle, die es wehrlos 
machen würden. Nachdem Deutichland fih im Vertrauen auf das Abkommen 
wehrlos gemacht Hatte, erforderte e8 die Ehre der Verbündeten, aud ihre 
Berpflichtungen zu erfüllen und, mern es Zweideutigfeiten enthielt, aus ihrer Lage 
feinen Vorteil zu ziehen.” 

Diefen Grundfägen widerſpricht aber ein großer Teil der Beſtimmungen, 
befonders über die Wiedergutmachung, die bie deutfche Negierung durch Drohung 
mit Waffengemwalt gezwungen worden ijt, in Verfailles zu unterjchreiben. 


nn — 


Deutfchlands wirtfhaftlihe Zukunft 267 


Und dieſe Drohung mit Gewalt war nicht etwa eine ſolche, wie fie ſich aus 
dem Rechte der Stärferen im Völkerrecht ergibt. 

Spndern fie war eine qualifizierte widerrechtlihe Nötigung, weil fie 
fih gegen einen Bertragsteil richtete, der fih im Vertrauen auf feiers 
lide Abmadhungen wehrlos gemadt hatte. 

Wenn man fi das vor Augen hält, wird man es nicht zu hart finden 
fönnen, werm ich die fortgejeßten Beteuerungen, man wolle diefen mwiderrechtlich 
erzwungenen Dertrag erfüllen, als würdelos bezeichne. Und unehrlih find fie 
deshalb, weil keine demokratiſche Negierung Leitungen verfprechen farm, die die 
Mehrheit des Volles ablehnt. Minifter Simons hat kürzlich felbft erklärt, er 
fei erjchüttert über die Unkenntnis, die im Volke noch bezüglich des Vertrages 
von Verſailles herrſche. Wenn die Wahrheit über dieje jede Menfchenwürde mit 
Füßen tretenden Beitimmungen erſt allgemein befannt wäre, würde die Ablehnung 
noch viel entjchiedener und lauter fein als jebt. 

Nein, darüber follte eine deutſche Regierung und kein deutfcher Staatsmann 
einen Zweifel lafjen, e8 ift unmöglich und wird durch ‚keinen Zwang erreicht 
werden, daß das deutſche Volk mit jeinen 60 Millionen Einwohnern auf Menſchen⸗ 
alter hinaus einem kulturell, wirtjchaftlid und an Volkszahl tiefer ftehenden Volke 
tributpflihtig und unterworfen bleibt. | 

Und die Mberzeugung der Welt von diefer gejchichtlichen Unmöglichkeit, die 
fi) mehr und mehr Bahn bricht, darf nicht dadurch irregeführt werden, daß die 
deutjche Regierung immer wieder erklärt, fie wolle diefen Zuftand nad Möglichkeit 
erhalten. Ich bin nicht der Optimift, zu glauben, daß irgendein anderes Volk für 
Deutihland in diefen Kampf gegen eine unerhörte Vergewaltigung eintritt, dazu ift die 
feindliche Koalition zu mächtig und zu geſchloſſen. Aber dem Zwang geihichtlicher 
Notwendigkeiten wird auch fie auf die Dauer nicht widerjtehen können, und wir 
müflen deshalb alles tim, damit die Erkenntnis davon ſich ungeftört Bahn bricht. 


Wir find heute wehrlofer al8 am Tage von DVerjailles, und die Feinde 
ftehen ung, zum Stoße ins Herz bereit, mit dem Dolch in der Hand gegenüber. 
Dean hat uns, gegen alles Völkerrecht und felbft über die Strafbeftimmumgen 
des Berjailler Vertrages hinaus, in Spa die Bejetung des Ruhrgebietes angedrobt, 
wenn die Bedingungen diefes Abkommens nicht erfüllt werden. Kann eine Re⸗ 
gierung in folder Lage auf ihr Recht pochen? wird man fragen; muß fie fi 
nicht einfah dem Diktat der Yeinde fügen, um das Außerſte abzuwenden? 

Gewiß ift e8 eine Entichliegung von furchtbarſter Verantwortung, die bier 
gefaßt werden muß. Aber die Geſchicke der Völker ſpielen fiy nicht in Monaten 
und Jahren, jondern in Sahrhunderten ab, und man darf fich bei ſolchen Ents 
ſcheidungen nicht ausfchlieglih von den Sorgen der nächſten Tage leiten laſſen. 
Unfer Wirtjchaftsleben bricht zufammen, wern das Nuhrgebiet befegt würde, das 
ift fiher. Aber ebenſo ficher ift, daß Deutichland fich nie wieder erheben Kann, 
wenn der Vertrag von Verſailles ausgeführt wird. 

Und wir fnüpfen die Mafchen diejes Netzes immer feiter und verlieren in 
den Augen der Welt immer mehr den Anſpruch auf Befreiung von den unerträg- 
lichen Feſſeln, wenn wir durch neue Verträge und Beteuerungen’ feine Rechts⸗ 


derbindlichkeit anerkennen. 
18* 


PT Deutfhlands wirtſchaftliche Zukunft 


Der aus der Geſchichte zu leſen verfteht, weiß, daß Zeiten fchwerfter Not 
und Bedrüdmg für ein lebensträftiges, tapferes Bolt nicht den Niedergang, 
fondern Läuterung zu neuem Aufitieg bedeuten. Und fo hart es ift, fich folchen 
Prüfungen bewußt zu unterwerfen, wie viel erträglicher ift es doch, als durch 
Berzicht auf alle Menſchenrechte dauerndem Siechtum entgegenzugehen. 

Es dürfen ung deshalb felbft Drohungen und Zwangsmaßnahmen unſerer 
Gegner nit davon abhalten, immer und immer wieder zu verlangen, daß die 
den Wilfonpimkten wideriprechenden Beftimmungen des Vertrages, der Deutichland 
mit Gewaltandrohung aufgeziwungen worden tft, abgeändert werden, und daß dem 
deutſchen Volke nicht mehr genommen wird, als es bei Friſtung feines Lebens 
leiften Tann. Freilich jett Diele Forderung voraus — und damit komme ich auf 
den Ausgangspunft zurüd —, daß das deutiche Volk auch in der eigenen Wirt 
Ihaft die Folgerungen aus der Lage zieht und nicht ein Scheinleben meiterführt, 
das allem anderen eher als dem Dafein eines Berarmten gleich. Der Schuldner, 
den man beim Sektgelage antrifft, hat feinen Anſpruch auf Nachſicht. Wir 
treiben einen Aufwand im öffentliden und privaten Leben, der in fchreiendem 
Gegenſatz zu unſerer wirklichen Lage - fteht. Und wir fehen uns damit dem 
berechtigten Vorwurf unferer Gegner aus, daß derjenige, der ſolchen Aufwand 
für den eigenen Bedarf treibt, ſich abfichtlich in’ die Unmöglichkeit verſetzt, feine 
Schulden zu zahlen. Es ift zwar auch das nur ein Trugſchluß. Denn das, 
womit wir den Aufwand betreiben, ift ja nur der Scheinwert des Papiergeldes, 
der bei Yortjegung dieſes Treibend immer wertlofer werden muß, und mit dem 
wir die Schulden an das Ausland nicht bezahlen Fünnen. 

Aber trogdem müfjen wir auch dieſen Schein vermeiden, wenn wir unſeren 
berechtigten Anfprüchen Gehör verſchaffen wollen. Und wir müflen vor allem 
auf ihn verzichten, wenn wir zur inneren Gejundung unjerer Wirtfchaft Eommen 
wollen. 

Dafür die Wege zu finden, müßte die erfte Aufgabe aller wirtihaftlid 
Einfihtigen, vor allem des Reihswirtichaftsrats, fein. Sie lägßt ſich nidt 
löſen durch Behandlung von Einzelfragen, jo drängend fie auch fein mögen. 
Finanzkriſe und Wirtichaftsfrife find fo eng urjächlich verflochten, daß der Verſuch, 
fie einzeln und losgelöft voneinander zu heilen, völlig hoffnungslos ift. Solange 
nicht unjere Währung wieder auf eine folide unveränderliche Bafis geftellt ift, 
unveränderlich injofern, al8 nicht durch ımgededte Ausgabe neuen Papiergeldes 
das innere Wertverhältnis der Währung ſich ftändig ändert, folange nicht der 
Staat felbjt in feiner Sinanzgebarung fih an die Geſetze der Wirtfchaftlichkeit 
bindet und ein Steuerſyſtem ſchafft, das einen Klaren Mberblid der Belaftung 
geftattet und den Betrieben die Eriftenzmöglichkeit beläßt, fo lange ift jeder Berfud 
einer Sanierung unſeres Wirtichaftslebens vergeblich. 

Ich habe ſchon an anderer Stelle darauf Hingemwiefen, daß die Aufbringung 
des ungeheueren Staatsbedarfs nicht auf den bisherigen Wegen ber bireften und 
indirekten Steuern allein möglich ift, weil diefe eine Höhe annehmen müßten, die 
das Wirtjchaftsleben ftillegt und unvermeidlich zur Steuerflucht führt. Aber es 
gibt Wege, die folche Laften zur Not erträglich machen, ohne den Unternehmung® 
geift zu unterbinden. Ich will nur ein Beifpiel anführen. Durch das Neid 
notopfer jollen von den großen Vermögen bis zu 65 v. 9. weggefteuert werden. 


Paula Moderfohn 269 


Die eingehenden Summen follten urfprünglich zur rafchen Abtragung der Neichs- 
Ichulden dienen, werden aber aller Vorausſicht nach durch laufende ımd einmalige 
Ausgaben, für die Feine andere Dedung vorhanden ift, aufgebraudht werden. Die 
Betriebe aber, denen jo hohe Anteile des Betriebsvermögend entzogen werden, 
erfahren dadurch eine ſolche Schwächung, daß das Fünftige Betriebsergebnis und 
damit die Steuerkraft nicht nur um den verhältnismäßigen Betrag, jondern weit 
darüber hinaus vermindert werden wird. Mit anderen Worten, die deutſche 
Bolkswirtihaft wird durch das Reichsnotopfer, wenn es voll erlegt würde, um 
30 bis 40 Milliarden Mark geſchwächt, ohne daß die eingehenden Summen vom 
Reich werbend angelegt werden. Der Ertrag diefer Summe wird aljo aus der 
Volkswirtſchaft verſchwinden. Die Sinnlofigkeit diefer Beftimmung ift durch die 
Bulaffung einer Tilgungsrente zwar einigermaßen gemildert. Aber damit wird 
der Dentfehler, der in diefem ganzen Steuerplan liegt, nicht Eorrigiert. Denn 
diefe Befitfteuer ift rein fiskaliſch gedacht, volfswirtichaftlich aber ein völliger 
Fehlgriff. Wenn das Reich zur Abtragung feiner Schulden den Zugriff auf den 
Beſitz nicht entbehren zu können glaubt, dann müßte das in einer Form gejchehen, 
die nicht den Ertrag der Volkswirtſchaft ſchädigt. Das Reich konnte ſich 
als Eigentümer des betreffenden Anteils des Betriebsvermögens erklären und in 
diefer Höhe am Ertrag teilnehmen. Darm war feine Einſchränkung der Betriebe 
erforderlich und die dauernden Einnahmen des Reiches viel höher als die Zinſen 
der Steuerfumme. Gewiß Täßt ſich diefes Syftem nur für größere Betriebe 
durchführen und bedarf der Mberwindung vieler Schwierigkeiten. Aber die dürfen 
nicht abhalten, einen Weg zu bejchreiten, der allein hoffen läßt, ohne Lähmung 
der Betriebe den hohen Bedarf des Reiches dauernd aufzubringen. Es ift der 
Weg, der allein die Möglichkeit für eine Gemeinwirtfchaft bietet, die den ge- 
funden Gedanken des Sozialismus verwirklicht, ohne zum Niedergang zu führen. 


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> er fi > 
7 5 vn uhr 5 —F 


Paula Moderſohn 


von Elifabeth von Orth (Kiel) 


a3) © ift Baula Moberfohn? Paula Moderjohn wurde als drittes Kind 
I des Baurats Beder, der als Ingenieur in ber Eifenbahnderraltung 
| EM tätig war, am 8. Februar 1876 in Dresden geboren. Ein reichliches 
Da, Sahrzehnt fpäter fiedelte die Yamilie nad) Bremen über, und bier 
DS —32 A blieb Paula bis zu ihrem zwanzigſten Jahr, dem erſten Wendepunkt 
ihres Lebens. Bis dahin mag fie ſich über den Umfang ihrer Begabung und Be 
ftimmung zur Kunſt felbft nicht recht klar geweſen fein. Der gelegentliche Zeichen- 
unterricht, den fie bis 1896 genoß, kann ihr kaum mehr ald Elementarkenntniffe 
übermittelt haben. Aber nun fchien fich plötlich die junge Kraft zu regen und ihrer 
jelbft bewußt zu werden. Die Eltern [chidten fie nach Berlin, damit fie dort eine 
gründliche Ausbildung empfange. : Ä 
Die nächften Sabre verlebt fie teils in Berlin, mo Hausmann, Störing, Dett- 
mann und SZennne Baud ihre Lehrer find, teils in Worpätvede, dem „Wunder: und 








270 Paula Moderfohn 


Götterland”, in der Gemeinfchaft der Worpsweder Dialer: Mackenſen, Vogeler, 
Dverbed, am Ende und Moderſohn. Diadenjen wird ihr Lehrer, Doch lernt fie 
indireft auch von den anderen und kommt in ein freundfchaftliches Verhältnis zu 
ihnen. Jeder der Sünftler ift ihr wert und in feiner Eigenart bedeutjam. 

Die Briefe und Tagebuchblätter, Die ung aus diefen Jahren erhalten find, 
ftrömen die belle Begeiſterung eine® jungen, frifchen, aufnahmefähigen Menjchen 
aus, vor dem das Leben wie ein ftrahlender Sonnentag ausgebreitet liegt. Dieje 
ftrahlende Lebensfreude bleibt ein Grundzug in Paulas Wefen, und Die mehmütigen, 


Ichmerzlichen Stimmungen, die in fpäteren Jahren dann und wann über fie fommen,- 


haben boch nie die Kraft, fih dauernd gu. behaupten. „Traurigſein“, fchreibt fie 
einmal, „ift wohl etwas Natürliches. Es ift wohl ein Ateniholen zur Freude, ein 
Vorbereiten der Seele dazu.” 

Es ift ein Genuß, an der Hand der fchriftlichen Aufzeichnungen Das Werden 
und Wachjen unferer Künftlerin zu verfolgen. Wie ihre Seele langſam, aber ftetig 
reift, fo reift ihre Anfchauung von der Kunſt. „Mich befriedigt das Zeichnen nicht,” 
notiert fie im Dezember 1898 in ihr Tagebuch, „ich will weiter, immer meiter.” 
Und etwas ſpäter Spricht fie von ihrem ernften Streben und Leben für die Kunft, 
das ein Ringen ımd Kämpfen fei mit allen Sträften. 

Zu diefer Zeit muß das Perſönliche in ihrer Kunſtauffaſſung, Die ihr eigene 
Rote zum eritenmal fühlbar geweſen fein. Sie ift zunächft mehr betroffen als beglüdt 
darüber. Sie empfindet e8 faft wie eine Ungehörigfeit, daß fie ihren eigenen Heinen 
Menſchen in ihrer Kunſt fo in den Vordergrund treten läßt. Aber es beginnt doch 
langjam die Erkenntnis in ihr zu dämmern, daß das geliebte Worpswede mit feiner 
Dealerfolonie ihr nicht alle Fragen beantworten könne, bie fie quälen. Und es mag 
wie eine Erlöfung über fie gelommen fein, als fie plößlich erkennt, daß der Weg, 
den ihre Freundin, die Bildhauerin Klara Wefthoff, eingefchlagen hatte, auch ihr 
eigener werben Tönne. Klara Wefthoff war 1899 nach Paris gefahren. Der NMip- 
erfolg, den Paula mit einer Auzftellung ihrer Werke in der Runfthalle zu Bremen 
hatte, mag fie in dem Wunſch nach neuen Eindrüden und tieferer Bildung beftärkt 
haben. In der GSilvefternadht 1899 fährt fie nach Paris, wo die Freundin fie 
erivartet. 

Mit dem Barifer Aufenthalt beginnt eine neue Epoche ihres Lebens. Ich 
fühle eine neue Welt in mir entftehen“, fehreibt fie in ihr Tagebuch. Zwar ift ber 
erfte Eindruck mehr betäubend als erhellend, aber nach und nach ſammeln fich ihre 
Kräfte, und fie beginnt ar zu fehen. Sie zeichnet fleißig Alt. Girandot, Colin 
und Guſtave Courtois erteilen ihr Korrektur, und fie nimmt eine Fülle neuer künſtle⸗ 
riſcher Eindrüde und Erfenntniffe in ſich auf. Leidenfchaftlicher denn je fühlt fie 
ſich zur Kunſt Hingezogen. „Ich liebe Die Farbe“, fchreibt fie, „und fie muß fid 
mir geben. Und ich liebe die Kunft. Ich diene ihr auf den Knien, und fie muß 
Die Meine werden.” Die ftärffte Anregung aber bietet ihr der Louvre, der ihr das 
„A und D iſt“ und das einzige Ding in Paris, dag feinen Hafen hat. 

In jenen Monaten Tünftlerifchen Reifens beginnt auch noch ein andere 
Reifen in ihr. Unter dem Einfluß der Liebe wird das Weib in ihr wach. „Und 
dann fängt es an, menfchlich in mir zu tagen. Ach werde Weib. Das ind Beginnt 
das Leben zu erkennen, ben Endzweck bes Weibes, und Harret feiner Grfüllung. 
Und e8 wird fchön werden, wundervoll.” 


Paula Moderfohn 271 


Mit der Liebe fchleicht fi) der Konflikt in Paulas bis dahin ungetrübtes 
Leben. Der Konflikt zwiſchen den Pflichten einer bürgerlichen Ehe in enger häus- 
licher Gebundenheit und dem Verlangen, ganz und gar der geliebten Kunft zu 
leben. Noch ehe ein bindendes Wort gejprochen ift, muß etwas wie eine Vor⸗ 
ahnung ihres Schickſals über fie gelommen fein. Ich bin feit Tagen traurig, tief- 
traurig und ernft. Ich glaube, die Zeit des Zweifelns und des Kampfes wird 
fommen. ... Ich mußte, daß fie fommen mußte. Sch habe fie ermwartet.“ 

Im Spätjommer 1900 Tehrt fie nah Worpswede zurüd, und im Herbſt bes 
Jahres hält Otto Moderfohn um ihre Hand an. Darauf geht fie einige Zeit nach 
Bremen zu ihren Eltern und dann nad) Berlin, um kochen zu lernen und ihre Aus- 
fteuer zu beforgen. Sie ift zunächſt vom Glüd überwältigt. „Das Leben ift ein 
Wunder“, ſchreibt fie an den Geliebten. „Es kommt über mich, baß ich oftmals bie 
Augen Schließen muß.... Es überriefelt mich und durchleuchtet mich und ſchlägt in 
mir fatte verhaltene Farben an, daß ich zittere. ch habe ein wundervolles Gefühl 
der Welt gegenüber.... Ich gehe an Deiner Seite und führe Dich an der Sand. 
Und unfere Hände tennen fih und lieben ſich und ihnen ift wohl.“ 

Aber während ihres Aufenthalts: in Berlin, wo fie ihre Kräfte teilen muß 
zwifchen Kochen, Einfaufsgefchäften und ber Kunſt, da beginnen die erften ganz 
leifen Trübungen. 3 fällt ihr ſchwer, dieſe Doppeleriftenz zu tmgen. In ihren 
Briefen befennt fie fi) aufs neue begeiftert zur Kunſt. „Die Kunft ift doch das 
Allerfchönfte.” „Ich fühle Stark, mie alles Bisherige, was ich non meiner eigenen 
Kunft erträumte, noch lange nicht innerlidy genug empfunden war. Es muß durch 
den ganzen Menfchen gehen, Durch jede Faſer unſeres Seins.“ Und dann, meilt 
ganz am Schluß ihrer Briefe, Schreibt fie mit einem Seufzer: „Und das Stochen! ... 
Das kommt auch noch.” Oder: „Und das Kochen? Ich fage Dir, ich lerne.“ 
Unb endlich hält fie e8 nicht mehr aus, nicht in der Stadt, deren Steinmauern fie 
bedrüden, nicht in ben Haushaltsgeſchäften, Die ihre Seele hungern laſſen. Ent- 
gegen einer mütterlichen Aufforderung, noch länger in Berlin zu bleiben, verläßt 
fie die Stadt und eilt dem Geliebten entgegen. Pfingſten 1901 findet ihre 2er- 
mählung mit Otto Mobderfohn ftatt. Moderjohn brachte in diefe Verbindung Br 
feiner erften Ehe ein Töchterchen mit. 

Die Belenntniffe aus biefer Zeit klingen mie ſchwere Enttäufchungen. „In 
meinem erften Jahr der Ehe habe ich viel geweint.” Und ein andermal: „Es iſt 
meine Erfahrung, daß die Ehe nicht glüdlicher macht. Sie nimmt die Illuſion, 
die vorher das ganze Weſen trug, daß e8 eine Schweiternfeele gebe.” Und doch 
Tiebt fie den Gatten zärtlich und fchreibt ihm bei gelegentlichen Trennungen Briefe 
poll innigften Empfindens. 

Über fie fommt zu der Erkenntnis, daß das „Alleinwandeln“ gut fei; „es 
zeigt ung manche Tiefen ımd Untiefen, deren man mit zweien nicht jo geivahr 
würde.” Und mitten in Schmerz und Tränen durchriefelt es fie wie eine Offen: 
barıng. „Merkwürdig, mir ift e8, als ob meine Stimme ganz neue Töne bätte. 
Ich fühle es größer werden in mir und weiter. Wolle Gott, es würde etwas 
mit mir.” 

Und nun beginnt eine neue Studienzeit für fie Im Frühjahr 1903 geht fe 
zum zweitenmal nach Paris. Zwei Dinge find es jebt vor allem, die ihr aufgehen. 
Sie notiert fie in ihrer charakteriftifchen Weife. „Auf das Hauptſächliche Gewicht 


— 


272 Paula Moderfohn 





legen!” und „Die große Einfachheit ber Yorm, daB ift etwas Wunderbare.” — 
„Es brennt in mir ein Verlangen, in Einfachheit groß zu werden.” 

Nach einigen Wochen ehrt fie nach Worpswede zurüd, um 1905 wieder nach 
Paris zu gehen. Ein letzter längerer Aufenthalt in Paris war ihr im Frühjahr 1906 
dergönnt. | 

Sie hatte ſich ganz und gar zu dem Eindrud burchgerungen, daß Die In⸗ 
tenfität und die Innerlichkeit, mit ber ein Gegenftand vom Kunſtler erfaßt werde, 
das Entjcheidende ſei in der Kunſt. Im ihren Tagebuchblättern finden wir Die 
Worte: „Die Stärke, mit ber ein Gegenſtand erfaßt wird (Stilleben, Porträts oder 
Vhantaflegebilde), das ift die Schönheit in der Kunſt.“ Wie eine prophetifche 
Weisfagung Klingen biefe Worte; das kommende Gefchlecht fchrieb fie mit güldenen 
Buchftaben auf Jeine Fahne. 

Daß Paula ſelbſt inmerlichft erfüllt mar von ihren Werken, daß das Ber: 
langen nach einem letzten künſtleriſchen Ausdrud unabläffig in ihr rege war, das 
bezeugen bie ſchönen Worte, die fie im Sanuar 1906 an ihre Mutter fchrieb:. 
„Dieſes unentwegte Braufen dem Ziele zu, das tft das Schönfte im Leben. Dem 
fommt nichts anderes gleih. Daß ich für mich braufe, immer-, immerzu, nur 
manchmal ausrubend, um wieder bem Ziele nachzubraufen, das bitte. ich Dich zu 
bedenfen, wenn ich manchmal liebearm erfcheine. Es ift ein Stonzentrieren meiner 
Kräfte auf bag Eine.” 

Das Schickſal bat fie nicht ausreifen laſſen. Sie hatte Diutter werben wollen. 
Ste wurde es im November 1906, wo fie einem Mädchen das Leben fchenkte. Diejes 
Leben wurde ihr Tod. Wenige Wochen nach der Niederkunft erlag fie einem Herz» 
ichlag, der mohl die Yolge eines zu frühen Wiebertätigfeinwollens gemefen ift. 

Die Kunſt diefer frühvollendeten Frau ift ein eigenes und felbftändiges 
Ding Dieſer Say muß vorangeftellt werden. Er fchließt Anregungen und Ein: 
flüffe von Bedeutung nicht aus. Won den Worpswedern war fchon bie Rede. 
Unter ihnen gebührt Madenjen der Vorrang Er war. e8, ber fie mit Entjchieden- 
beit auf das ihrer Natur gemäße Stoffgebiet des bäuerlichen Lebens hinwies. 
An Overbed entzüdte fie die „tollfühne Farbe“, Vogeler wirkte anregend auf ihre 
Phantaſie. „Der ganze Menjch wirkt märchenhaft auf mich“, fagte fie einmal. 
Dagegen ift der Fünftlerifche Einfluß ihres Gatten ſehr gering geweſen. 

Um fo ftärker hat Frankreichs Kunft auf fie gewirkt. Cözanne und Gauguin 
find ihre Lehrmelfter geweſen. Sie nennt fie zwar nicht, aber ihre Werke ſprechen 
e3 beutlih aus. Neben ihnen bat Hoetger, zu dem fie auch in freundichaftlicher 
Beziehung geftanden hatte, ihre Kunſt geförbert. | 

Uber fie nahm von allen dieſen Sünftlern nur das an, was gleihfam im 
Keim in ihrem eigenen Wefen enthalten war unb organifch in basfelbe überging. 
Sn ihrer Kunſt zeigt ſich eine Selbftheichräntung, Die man weiſe nennen Könnte, 
wenn fie nicht zugleich fo unbewußt anmutete. Ste verfucht fi nie In der „großen 
Kompofition”. Sie vermeidet alle figurenreichen Bilder. Sie läßt das Dramatifche, 
fowie das Epiſche unberührt. Auch ift der Stoffkreis, ben fie ſich wählt, ver: 
hältnismäßig begrenzt. hr Hauptthema find Die Bauern ihres geliebten Worpsmebe. 
Unter ihnen bevorzugt fie bie Frauen und Kinder. Sie malt fie bald als Porträts, 
bald in ganzer Figur, befleibet ſowie ala Alt. Dazu gefellen ſich einige Mobelle 
ihrer Parifer Zeit, die fie zu fchlichten Sombofitionen verwendet. Endlich bienen 
ihr Blumen, Stoffe, Früchte, Geräte u. bel. als Vorlagen für ihre Stilleben. Hin 


Paula Moderfohn 273 





ımb wieder malt fie eine Zanbichaft oder ein Porträt von Freunden und Bekannten. 
Häufiger Selbftporträts. 

Was nun aber ihrer Kunſt an Weite abgehen mag, das erſetzt fie durch 
Sntenfität. Die Innerlichkeit, mit ber fie ihre Gegenftände erfaßt, ift es, Die 
ihren Bildern ein fo eigenes Leben verleiht. Das Zufällige, Vielfältige, das jedem 
Ding einen zwielpältigen Charakter verleiht, fehlt in ihren reifen Werfen. Ihre 
Geftalten wirken einheitlich; fie find auf einen großen Ton eingejtellt. Ob fie das 
Dumpfe, noch Unaufgewachte des Kindes fchildert, oder das Erfchauern einer in 
Andacht verfunfenen Bäuerin vor einer höheren Gewalt, oder den Säugling an 
der Bruft der Mutter — überall zeigt fich derjelde Drang, in der zufälligen Er- 
fheinung das Bleibende, am einzelnen Subjelt nicht haftende allgemein Menjchliche 
zur Erfcheinung zu bringen. Diefes allgemein Menſchliche Hat fie in einigen 
Bildern zu einer monumentalen Größe zu ſteigern gewußt. 

Ihre Mittel find fret von aller Routine Ein fait Aindlicher Zug geht durch 
ihre Kunſt. Der Gehalt ihrer Bilder ift oft viel reifer al die Form. Dan fühlt 
ihr an, daß fie mit der Materie hat kämpfen müſſen. 

Aber fie war ſich der Richtung, in der fie gehen mußte, volllommen bewußt. 
„In Einfachheit groß werben”, das mar ber eine Weg. Diefer Zug zur Verein- 
fahung war ihr eingeboren und bedurfte nur der Entwidlung. Der andere Weg 
führte ſie zur Farbe. Jenes letzte, geheimnisvoll Unausfprechliche, was ſich in 
Linien und Formen nicht mehr faſſen läßt, das eben ſoll die Farbe übermitteln. 
Es ſind jene Dinge, von denen Paula einmal ſagte, daß ſie ſie in ſich fühlte wie 
ein leiſes Gewebe, ein Vibrieren, ein Flügelſchlagen, ein zitterndes Ausruhen. 
Und ſo kreiſt denn ihr künſtleriſcher Trieb immer wieder um das eine Ziel, die 
Farbe. Ihre Werke, in erſter Linie bie Stilleben, find ein Verſuch, die ganze Skala 
farbiger Möglichkeiten zu erfaſſen und den Ausdruckswert ber Farbe in feinem 
vollen Umfang zu ergründen. Die Farbe war ihr auch zugleich ein erwünſchtes 
Mittel, das beforative Element in ihren Bildern, auf das fie ein entſchiedenes Gewicht 
legte, zu fteigern. 

Sie ftarb zu früh, um. ausreifen zu können. Etwa um die Jahrhundertwende 
herum fängt der eigene Charakter ihrer Kunſt an bervorzutreten. Die bedeutenditen 
Werke find in den letzten Jahren ihres Lebens entftanden. Was noch aus ihr 
hätte werden können, wenn fie länger gelebt hätte, fteht dahin. Aber das iſt gewiß, 
daß ihr Werk von einem Menfchen zeugt, dem die Kunft der Ausdruck innerften 
Erlebeng war. Und fo hat man mit Recht von ihr gejagt: Sie ftand an der Schwelle 
einer neuen Zeit als deren Verkünderin. 

DaB erfte größere Werk, das ben Verfuh macht, Paula Moderfohn ala 
Menſchen wie ald Sünftler zu charakterifieren, ift Das fchöne Buch von Guſtav 
Pauli ,ı) dem Direktor der Hamburger Kunſthalle. Es childert zuerft daS Leben 
der Künftlerin und wendet fih dann zu ihrer Kunſt. Die Lebensgefchichte ift an- 
regend erzählt; die Kunſt ift glüdlich charakterifiert und mit feinem Nachempfinden 
gewürdigt. 58 Abbildungen bieten dem Lefer einen anſchaulichen Einbrud von 
Ihrem Werl. Die beite Ergänzung zu diefem Buch bieten Paulas Briefe und Tage 
buchblätter, die unter dem Titel „Eine Künftlerin” 1919 im Verlag von Franz 
Leuwer in Bremen erfchienen find. 


V Guſtav Pauli: Paula Moberfohnseder. 88 S. Text x. 58 Abb. Leipzig 1910. Verlag von R. Wolf 


274 Es fährt fi fo gemütlich — Offenherzigfeiten 


Es fährt ſich fo gemütlich . . 


Treibt's aus dem Frieden deines Orts 
Di an die Dftjee mächtig, 

So biit du des Geſchütz⸗Transports 
Nah Polen ftark verdächtig. 


Die SPD. läßt aus Berlin 
Di erft nad) ein paar Tagen. 
Denn ftarte Flafchen- Batterien 
Sah fie im Speiſewagen. 


Sodann durchforſcht dein Oberfleid 
Des Uzis Scharfe Brille. 

Die Zeit vergeht. Der Bug der Zeit 
Steht auf der Strecke ſtille. 


Die Imnentaſchen unterjucht 

Nun die KP. in Pankow. 
Nachher bemerkit du, ei verflucht, 
Ein Uhr⸗ und fonft'ges Manko. 


. Wie Zug auf Zug fih prachtvoll ſtaut! 
Sie ſteh'n. Die Jahre ſauſen, 
Dein Aug' wird trüb', dein Haar ergraut. 
Schon biſt du in Schönhauſen. 


Kommt in Bernau dein Sterbetag, 
So fährft du nicht direkt ein. 

E83 könnt’ in deinem Sarkophag 
Ja ein Geſchütz verftedt fein. . 


Wer gerne raſch ans Ziel gelangt, 
Der muß auf deutichen Gleifen 
Im Mumitionszug der Angtangt 
Als blinder Fahrgaſt reifen. 


Dandur. 


Offenherzigfeiten 
Wie wieder Krieg. 


Wenn Teile eines befiegten und gefnechteten Volles in einem Augenblid, ba 
dieſes Voll als einziges unter allen feinen Rachbarn völlig entwaffnet wurde, eine 
Propaganda gegen den Krieg eröffnen, jo kann dag nur heißen, daß biefe Benölle: 
rungsteile bewußt oder unbewußt im Dienſte des Inechtenden Feindes arbeiten. 

Unter dem Loſungswort: „Nie wieder Krieg!” Haben die von der Unab- 
hängigen Sozialdemokratie organifierten Kriegsverletzten und Kriegsopfer im 

Berliner Luftgarten demonftriert. Unmöglich, fich benfelben Arbeiter in einem 


Offenherzigfeiten 275 


Demonſtrationszug vorzuftellen mit dem Loſungswort: „Nie wieder Streik!“ Die- 

jelben Deutjchen, die den antilapitaliftifchen Bürgerkrieg fchüren, weifen den Fran⸗ 

En — ſicheren und gefahrloſen Weg zur kapitaliſtiſchen Ausbeutung des ganzen 
Volkes. 

Natürlich durfte unter den Inſchriftstafeln dieſes jammervollen Zuges auch 
eine Tafel mit der Inſchrift: „Wir find die Opfer der Kriegspolitik Wilhelms U.“ 
nicht fehlen. Das Eingeftändnis unjerer Schuld bildete die regelmäßige Aufgabe 
zu jedem Yußfall vor dem Feind. Den Abjchluß bildete ein geichmadlojer Funk—⸗ 
ſpruch an die Sriegsteilnehmer aller Länder: „Über alle Grenzen hinweg jenden 
mir euch unfere brüderlihen Grüße.“ Diefer Deuiſchen herzliche Grüße werden 
den „Kriegsteilnehmer“ Foch gewig auch dann nach empfangen, wenn er „über alle 
Grenzen hinweg“ einmal *— an der Spitze ſeiner brüderlichen Scharen im Berliner 
Luſtgarten erſcheinen ſollte 

In denſelben — hielt der Verband nationalgeſinnter Soldaten in Berlin 
eine Gedenkfeier ab, in welcher der erften Tage des Krieges, da das ganze Volk in 
Einigfeit, Vertrauen unb Opfermut zufammenftand, gedaht murde. Nach den 
Prefieberichten wurde dort Die Hoffnung ausgeſprochen, daß „wir bie alten Fahnen 
wieder in Ehren entfalten können“, umd eın Vertreter der märfilhen Jugend 
rn die aufmachjende Generation an einen Friedrich den Großen der 

| Nicht umfonft aber haben die Franzoſen, treu unterftüßt von den deutlichen 
Lintsradilalen, die Struktur des beutjchen Staates fo tief zerftört, daß vorberhand 
noch jene ergebenen Helfer des Franzoſentums bei una Ya Ausſchlag geben. Erſt 
wenn nach der Logik der Geſchichte die Franzoſen ſelbſt die verblendeten Maſſen in 
Deutſchland durch Fremdherrſchaft und Ausſaugung zur Beſinnung gebracht haben 
werden, kann jener ſchöne Traum der Jugend auch von uns Alteren geteilt werden. 


Erzberger kehrt wieder, 


hat Dr. Simons einem Schweizer Reporter mitgeteilt, denn Leute von ſeinen 
Fähigkeiten wären doch ſelbſt im heutigen Deutſchland ſelten. Dazu ſtimmt die 
Information meines oberſchwäbiſchen Gewährsmannes, der berichtet, daß hinter 
Biberach, mo ſeit Monaten das Unterzeug des Exminiſters weißgewaſchen wird, die 
Abwäſſer jetzt ſchon ſo hell fließen, daß ſie von klarem Waſſer faſt nicht mehr zu 
unterſcheiden ſind. Mein Gewährsmann iſt dank ſeiner ausgezeichneten Beziehungen 
auch ſchon in der Lage, anzudeuten, wen der Reichskanzler Erzberger in ſein neues 
Kabinett hereinnehmen wird. Erzberger geht mit ſeiner bekannten Menſchenkenntnis 
und Schläue Davon aus, daß der Deutſche jeden Staatsmann Tieb hat, ſei er aud) 
noch fo hereingefallen, wenn er nur ein ehrenhafter, anftändiger Bürger iſt. Alle, 
ob fie nun Fehrenbach oder Bauer hießen, erhielten pränumerando ihren Lorbeer: 
und poftnumerando, wenn fie gegangen wurden, ihren filbernen Myrtenkranz. Des⸗ 
halb plant Erzberger, fein Kabinett ausſchließlich aus geweſenen und erprobten 
en zufammenzuftellen. Um dem a Volt zu Den fol Scheide⸗ 
mann das Innere und die Juſtiz, Fehrenbach dag Außere und den Verlehr (aus: 
genommen den mit Lloyd George), Erzberger felbft die Wirtjchaft, Prinz Mar von 
Baden die Arbeit, Bauer bie Kultur, Bethmann Hollmeg die Pot, Müller das 
Militär und Kapp das Luftmejen erhalten. Da Hertling, von meldyem während 
feiner Reichsfanzlerzeit nie recht feitzuftellen war, ob er fchon geftorben wäre oder 
noch lebte, jeßt wirklich in einer befjeren Welt tweilt, fol Dr. Wirth die Finanzen 
behalten, zumal er Erzberger den Anfpruch, der einzige tolfe Burjche in dieſem 
Kabinett zu jein, nicht ftreitig macht und man außerdem Frau Dr. Wirth nicht jet 
ſchon wieder einen Umzug von Berlin wen zumuten kann. Weil fih fämtlihe Alt 
reichalangler der beften Friſche erfreuen nen se fie fonft ihren Anteil an Deutich- 
lands Gefchichte fo tragen können), u Deutichland befanntlih nur einmal 
prompt und mit ficherem Inſtinkt feine ——— Langmut vergeſſend, ſich einmũtig 
gegen einen Miniſter aufgelehnt hat (es war Bismarck), ſo darf man dem Kabinett 


276 Offenherzigkeiten 


Erzberger ein langes Leben vorausfagen. Wir beglüdwünfchen Dazu im voraus Die 
politifhen Talente Deutfchlands, die hierdurch mie bisher noch weitere Gelegenheit 
erhalten, völlig unentdedt und unerlennbar in der Stille zu wachſen und zu gedeihen. 
Wir Verfaffer von „Dffenherzigleiten“ werden freilich unfer undankbare® Handwerk 
vollends aufgeben müflen. Die Revolution und bie Republik hatten ung neue Zeiten, 
neue Männer verheißen. In Wirklichkeit fehen wir feit zwei Jahren mit Ausnahme 
ber Hölz und Toller lauter alte Figuren aufziehen, wie Zinnfoldaten, die auf 
einem ewigen Band aufgellebt über eine Brüde gelurbelt werden, um eine uner= 
Ichöpfliche Armee vorzutäufchen. Um Abwechſlung in das Spiel zu bringen, follte 
Dr. Simona für das prophezeite Erzbergerlabinett wenigftens Zehngebote-Hoff- 
mann borjchlagen, ber unter den jüngeren Talenten des Parlaments hervorragt und 
den wir nur zu kurze Zeit gena en haben, go daß er wohl fchon wegen der Penfiong- 
berechtigung und ber erft balbfertigen Marmorbüfte in Haeniſchs Veftibül noch 
einmal Dlinifter werden müßte. 


? Deutfde unter ſich. 


Die oſiſchen und engliſchen Könige, Richelieu und Cromwell haben jeden 
nn illen gebrochen, ber fich in den Provinzen regte. Die Nation hat in 
arts oder London ihren Kopf, der allein politifch disponiert und befiehlt. Das 
findet der Deutfche öde und ftarr, er will auf Berlin fchimpfen und mit feinem 
befjeren Pfälzer oder thüringifchen Menfchentum eigene Politit machen. Wir haben 
an Stelle eine Zentrums noch viele Dutende von Zentren, die Politit machen. 
Darum Haben wir feine gute und große Zentralpolitik, fondern fich gegenjeitig 
reibende und aufreibende Partikularenergien, die in ihrer Eigenbedeutung die Freude 
Frankreichs find. Ä 
Aber ſowie der Deutiche in fremde Dienfte tritt, und er allein ift Dazu fo richtig 
imftande, wird er bedingungslos zentraliftiich, fanatifh. Der „Hranzofe” Weygand, 
der „Pole“ Haller und der „Rufje” Wrangel beeifern ſich jet mit beuticher Erb- 
tüchtigkeit, nebft ungezählten anderen Deutjchgeborenen, da3 Wert Bethmann⸗ 
Hollwegs in Warfchau zu fihern umd fein Wort aus dem Jahr 1915 mahr zu machen: 
„Nie wieder darf der Koſak und der rufjiihe Tſchinownik nach Polen zurüdtehren, 
das wir von rufliicher Mißwirtſchaft befreit haben.” Ein preußifcher Offizier, der 
im November 1918 in meinem Wohnort die rote Fahne ala mit der Ehre eines vor» 
beimarfchierenden preußifchen Soldaten unvereinbar herabgeriffen bat, verteidigte im 
Auguft 1920 den Warfchauer Brüdenlopf unter Oberft Burdhard mit deutſch er⸗ 
zogenen Poſener Truppen, fo daß fih der ruffiiche Anfturm brach. Deutſche ſchützen 
die polnische Mißwirtſchaft gegen die ruffiiche, dienen Großfrankreih am Rhein 
und Sleinfrantreich an der Weichfel, und vergeblich warten Sraudenz, Bromberg und 
Thorn — deutihe Städte und polniſch⸗franzöſiſche Zwinguris — auf den 
ruſſiſchen Befreier, der fich totläuft an Warfchau, das von den Auffen felbft befeftigt, 
bon den Deutichen verftärkt und ausgebaut, heute gegen beide dient. 


Was heißt neutral? 


Der Begriff der Neutralität wird allem Anfchein nach dem deutjchen Volt, das 
jest waffenlos zwiſchen dem maffenftarrenden Often und dem maffenitarrenden 
Weiten liegt, noch viele Trübſal bereiten. Es wäre beshalb gut, wenn wir 
endlich erführen, mas Neutralität eigentlih if. Bor dem Krieg mußten 
e3 umfere deutfchen Wölferrechtölehrer genau und Tießen jeden im ie 
durchfallen, ber es nicht wußte. Dann erfuhren wir aber im Krieg fo Wider- 
Iprechendes, und die belgifchen Heckenſchützen, Wenifelos, Die NOT., die 888. 
und Wilfon gemöhnten ung an fo eigenartige Neutralitätsbegriffe, daß wir gerne 
wenigſtens nach dem Krieg etwas Autbentifches erfahren hätten. Jetzt erleben mir 
aber im polnifcherufftichen Serieg wieder, daß jeder diejenigen Handlungen neutral 
nennt, bie feinen. Freunden nützen unb feinen Feinden fchaden. Im Brüffeler 
Kabinett ift großer Streit. Der franzofen- und polenfreundlide Außenminifter 
erllärt, Durchgangsverlehr der Munition für Polen wäre neutral, und der bolſche⸗ 


Offenherzigfeiten 977 





wiftenfreundliche Juſtizminiſter Vandervelde fieht darin eine Verlegung ‘ber Neu⸗ 
u Man einigte fich auf die Formel, vorläufig die Neutralität aufrechtzuerhalten, 
d. h. jeder bleibt bei feinem gegenfäglichen Auffalfen des ominöjen Worts; Die 
olge biefer „Einigung“ mar eine Kabinettskriſis. Die deutſchen Arbeiter fehen im 
urchführen von Kriegsgerät an die Polen eine unneutrale Handlung, die Franzoſen 
im Bermeigern ber Durchfuhr. Der englifche Statthalter der deutfchen Stadt Danzi 
verbietet zuerft, dag Kriegsglück den Ruſſen lächelt, die Waffendurchfuhr, weil 
England die Bolſchewiſten nicht reizen will, erlaubt fie dann, als e8 den Polen an 
fängt gut zu gehen, als unneutral, und das „Journal des Débats“ fchreibt dazu: 
„ährend des ganzen Krieges Tonnten fi die Alliierten Munition von den Neu⸗ 
tralen verfchaffen, ohne daß fie dieſerhalb ihre Neutralität verletten. Als die Ver- 
einigten Staaten noch lange nicht im Krieg waren, haben wir ung Striegägerät aus 
Amerika in größten Mengen kommen laffen und ebenfo auß ber Schweiz. Heute fol 
dieſe ganze Taktik auß der wir Nutzen gezogen haben, umgeftoßen werben, damit 
Bolen in feinem dafeinstampf behindert merde.“ 

Dagegen fieht Frankreich einen deutfchen Neutralitätshruch darin, wenn mir 
den Ruſſen Senfen oder LZolomotiven verlaufen wollen. Es ift alfo dringend er⸗ 
— daß der Begriff der Neutralität endlich einmal klar definiert wird und 
dag AA., Rechtsabteilung (weiland Dr. Simons) könnte ſich ein Verdienſt erwerben, 
indem e8 zur Bearbeitung ber Preisaufgabe aufforderte, Durch welche feinen Merkmale 
fich der Begriff Neutralität eigentlich von dem des franzöfifchen oder je nachdem briti⸗ 
ſchen Staatsinterefies unterjcheide? Zibo. 


Verantwortlich: ¶. V. Hand von Sodenftern in Berlix. 
Eqriſtleitung und Berlag: Berlin SW 11, Tenipelbofer Ufer 36a. Yernruf: Lügo 6510. 
Berlag: 8. F. Kochler, Adteilung Grenzboten, Berlin. 
Drud W. Moefer Buchbruderei, Berlin S 14, Stalſchreibertſtr. 84/88. 
Nückſendung von Maunfkripten erfolgt nur gegen beigefügtes Rädports. 
Nachdruck füntlicher Anffäye ift nur mit ausbdrücklicher Erlaubnis des Verlages geftattet 


Pädngogium Waren 
in MecklenDUrO um Martzwe 


Vorbereitung auf alle Klassen der verschiedenen Schulsysteme 
(Umschulung). Insbesonders Vorbereitung auf die Einjährigen-, 
Prima- und Reifeprüfung. 

Dr. Michaelis. 





Büdperlifte 


Newman, Karbinal. Apologie des Katholiziämus. Drei Masten, 
Verlag, Münden. Geh. M7,—. 


Die Auswahl. Tin Verzeichnis toictiger Bucher aus allen Abs 


tellungen der ftäbtifhen Bücherballen zu — Diet, 


für jugendlide und unporbereitete Leſer. DietriH, 
Verlag, Leipzig⸗Gaußſch. 1920. 


Deetjen, Pag Dr. Werner. Sie follen ihn nit haben. 
tfa den und Stimmungen aus bem Sabre 1840. Hermann 
Boöhlaus Nachfolger, Weimar. 1920. M. 6.—. 
Sreytagh-Loringhoven, Dr. Axel Frhr. Die Gefeggebung ber 
ufichen evolution. Verlag Bar Niemeyer in Halle 
(Saale). 1920. M. 24.—. 

Kliche, Franz. Die Himmelftürmer. Verlag bes, Weſtbeutſchen 
Sünglingsbundes A. G. Barmenstl. 1920. 

Sofef Kohler zum Gedächtnis, Nber den am 3. Auguſt 1919 
verftorbenen Geheimen Juſtizrat Dr. jur. Dr. ing. Sofef 
Kohler, ord. Beofeflor der Rechtswiſſenſchaft an der Univerfität 
Berlin. R. 8. Deders Verlag, Berlin. 1920. M. 6.—. 

Neifer, Hand. Die Nacht. Novelle. Walter ‚Seifert, Berlag. 
Stuttgart= Heilbronn. 

Benett, Arnold. Paris Nigths. Baris, Lihrairie Henri Gaulon. 


— — & für das — Rei vom 4 Februar 1020 
nebft der Blorbnung vom 6. ar 19820. Reclami 
Univerfal Bibliothek Ar. 6099. Berlag von Philipp Reclam 


jun., Leipzig. 
Dfterrieth, Albert. ofef Si Ein Sebensbild. Carl 
here Verlag, lin. 19820. M. 4 


fen, uptmann ca. 2 — lfeldmarſchal vor 
hate Ton Bukareſt bis Saloniki. 3. F. Lehmams 
Verlag, Münden. 1920. 
Zönfes, Mar A. Deutichlands wirtſchaftlicher 
Friedrich Czwiertnia⸗Verlag, Hannover. 1920. WM. 4.20. 
el, Bartin. Wie Leutnant SZürgend Stellung fuchte 
oman. Verlegt bei Dr. idt, Berlin. 1920. 
Zangenſcheibt, Paul. Beate. erlag Dr. ®. Zangen 
Icheidt, Berlin. 
Brigg, Robert Heinz. Du meine Königin. Gef — einer 
Leidenſchaft. Verlag Dr. PB. Langenſcheidt, Berl 
Schaffner, Jakob. Die Erloſung vom —— 
von Grethlein & Go. Leipzig, Zurich. Geh. N. 
Hofe, Prof. Dr. X. Die franzoͤſiſche und bie — —X 
Verlag von Guſtav Fiſcher, Jena 1920. M. 3.60 
Le Declia de I’Europe. 9. Demangeon. Payvot, Paris. 


. Zangen 
oman 


1920, 
Brabihaw, Marion 3. The War and Religion. > A Pr Preli- 
minary Bibliography of Material in Engli 


Preß, New York 1919. 
Lenz, Dar. Kleine biftorifche Schriften. Band 2: Won Zuther 


Leipzig, Bernhard Taudnig. 
Gottberg, Otto von. Raiferglanz. Roman aus den Tagen bei 
alten Herrn. Verlag der Taglichen Rundſchau, Berlin. 1920. 
George Moore. The Brook Kerith. Leipzig, Bernhard 
Zaudnig. 1920. zu VBismard. Verlag von R. Didenbourg, Ründen un 
Beanpaftölfenergeren für das Deutfche Rei) vom 10. September Berlin. 1920. Geh. M. 24.—, geb. M. 28.—. 
1919 nebft den Wusführungdbeftimmungn NReclams | Kolumbuöeier. Heft Rr. 1. Die „ ebunoba“. Gin Borihlag 
Univerfal » Bibliotbel Nr. 6083, 6084. Verlag von Philipp zur Bejeiti — ber Bopnungdnot. Von U. Lyſſes. Zeitungd 
Reclam jun., Leipzig. Bentrale A. ©., Berlin. 


Soeben erschien in zweiter, vermehrter Auflage: 


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Das aus der Feder des Präsidenten des Reichsversicherungsamts hervor- 
gegangene treffliche Werk hat die verdiente Aufnahme gefunden. Schon 
wenige Wochen nach dem Erscheinen war die erste Auflage vergriffen. Die 
zweite Auflage hat der Verfasser sorgfältig durchgearbeitet und mehrfach 
ergänzt. Dabei sind namentlich kulturgeschichtliche Betrachtungen vertieft 
und politische Schlaglichter schärfer herausgearbeitet worden. Die Presse 
hat die hervorragende Bedeutung dieses Memoirenwerkes voll gewürdigt, wie 
sehr zahlreiche Besprechungen beweisen. 


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Die Derhütung der Klotreife 


Ban u den bedenklichiten Folgen einer fiegreichen Kappifterei, deren Ur: 
4 heber übrigens gerade bes fozialdemofratifchen Generalpardons 


würdig gemwejen wären, hätte die Rettung der parlamentarifchen dee 
gehört. Eine Diktatur, von welcher Seite fie immer fommen möge, 

* muß jeder Art von Vollsvertretung feindlich gegenüberſtehen. Auch 
wenn rs nad) napoleonifher Methode Plebifzite veranftaltet oder fih eine Kammer 
nach Vorſchrift wählen Täßt, gelingt e8 ihr nicht, programmgetreue Demokraten zu 
täufchen. Ihr heuchlerifcher Verſuch, die parlamentarifche Form zu wahren, wirb 
ihr von den Prinzipienfeften höchſtens als eine der üblichen Werbeugungen an 
gefteidet werden, die daß Lafter vor der Tugend macht; die mitleidlofe Enthüllung 
der Komödie vorm In⸗ und befonders vorm Auslande tut dann das übrige, um ben 
genotzüchtigten' parlamentarifchen Gedanken erft recht zu glorifizieren. Kapp hätte 
indes felbjt auf diefe Außerung feiner Gemiffensbiffe verzichten müffen. Denn mas 
ihn au, neben den Döberiter Schwierigkeiten, zu feinem übereilten Berftoße 
getrieben haben mag: die Hoffnung, ſchon im März oder April 1920 eine nationale 
Reichstagsmehrheit zu erhalten, Tann es ficher nicht gervefen fein. Dafür ift Deutfch- 
land noch lange nicht reif. Dafür haben wir noch bei weitem nicht genug Sammer, 
Not und Schande erlebt. Der Parlamentarismus und die foziale Parvus-Republik 
müffen ſich erft noch ganz anders, noch viel herrlicher offenbaren. Der Kappzug 
unterbrach verhängnispoll eine gefunde, wenn auch bittere und fchmerzlihe Ent- 
widlung; er war geeignet, die Weltblamage der deutfchen Demokratie aller Schatties 
rungen zu berfchleiern und ihr Geficht zu retten. Während und nach menſchlichem 
Ermeſſen eine Wiederholung des. 9. November wenigſtens auf hundert bis zwei— 
hundert Jahre erfpart bleiben wird, wenn wir erft einmal die Segnungen der Revo— 
lution big zur Neige ausgekoſtet haben, bedeutet jede Kapptat und jeder Rechts- 
putfch überhaupt eine annoch ftrafbare Unterbrechung der Schwangerfchaft. Laßt 
dad Kind der Zukunftsſtaat-Agitation im Mutterleib ausreifen, ftört den meniger 
heiligen als heilfamen Vorgang nicht! Erft müffen einmal dem braven deutſchen 
Volle die Augen übergehen, ehe fie ihm aufgehen. Michel um: den Anblid des 
Scheuſals bringen, heißt ihn neuer Verſuchung zugängig machen. 

Grenzboten III 1920 19 





282 Die Derhütung der Ni 

Gegen dag Spießerwort, daß es nicht befi Vade, bevor es nicht ganz ſchlimm 
geworden iſt, ſind gewiß Einwendungen möglich. Auf völlige Zerſtörung unſerer 
Sittlichkeitsreſerven und unſerer Wirtſchaftskraft dürfen wir eg zweifellos nicht an— 
konmen laſſen. Dies iſt ja auch der ſtärkſte Einwand wider den von Fanatikern und 
Illuſioniſten gepredigten nationalen Bolſchewismus. Das mühſam errungene 
Kulturgut von Jahrhunderten, Perſönlichkeitsglaube und Perſönlichkeitswerte, in 
Stürmen zu erhalten und nicht Augenblickserfolge halber aufzugeben, iſt für unſer 
völfifches Daſein genau jo wichtig, wie die Bewahrung ber Wirtſchaftsform, Der 
Zeitung deutfcher Arbeit durch freie Sachverftändige. Paris vaut bien une messe; 
das Metter wird vorübergehen, duck dich, es will feinen Willen ha'n — aber unjere 
Nachgiebigkeit in diefer Frage wird immer nur fcheinbar fein. Ganz anders ſteht's 
auf dem politifhen Schachbrett. Hier mag ſich der radifale Wahnfinn überfchlagen; 
bier mögen die Schwäßer und Stümper und Futterkrippenſetzer ihre Unfähigkeit bis 
aufs lette dartun. Daß ſie's nicht bis aufs allerlette tun fönnen, dafür wird dann 
in entjcheidender Stunde das an den Abgrund gezerrte Volk ſchon forgen. 

Dom Parlamentarigmus, von der Demokratie, vom Zukunftsſtaate hat e8 fich, 
mit feimigen Verſprechungen übermäftet, alles. Erdenglüd verfprochen. : Man. wird 
ihm aus feiner Leichtgläubigfeit gerechterweife Keinen Vorwurf machen. Yünfzi 
oder fechzig Jahre lang morgens, mittagg und mitternachts immer dasfelbe Li 
zu hören, in jedem XLeitartifel jedes dreimal täglich erjcheinenden Blattes; auf 
hunderttaufend Wahlverfammlungen und Zahlabenden ohne Unterlaß und Unter: 
brechung die Löftlichen Prophezeiungen zu vernehmen, die der Mühfelige und Be 
ladene jo gern einfaugt — welche fchlichte Widerſtandskraft ift dem gewachſen? Wer 
ann Ochſen mwiderjtehen? fragt Heinrich Heine, der damit nicht bloß Zeus gemeint 
bat. Und fo mußte die Probe auf die Rechnung gemacht werden. Jetzt kommt 
alles darauf an, unfere Nation durch den Augenfchein, Durch grimme Erfahrungen 
am eigenen Zeibe von der fchöpferifchen Kraft des Parlamentarismus, von der Auf⸗ 
richtigfeit und Nedlichkeit der demokratifchen Majchine, von der Nahrhaftigkeit des 
Zukunftsſtaates zu überzeugen, in welchem der Verfündigung nach Brot genug für 
alle Menjchenfinder wächſt, und Roſen und Myrten, Schönheit und Luſt, und 
Zuckererbſen nicht minder. 

Der Heilungsprozeß iſt in vollem Gange. Stören wir ihn nicht, laſſen wir 
vielmehr die Tatſachen für fich fprechen, während im Reichstag immer ohnmächtiger 
werbende Bonzen auch nur noch für fi, ohne aufmerkſame Hörerfchaft, fprechen, 
dann wird die rettende Stunde der allgemeinen Erkenntnis bald genug fchlagen. 
Unter ber unbedingten Herrichaft des Parlamentarismus — mir find, die Auguren 
beftätigen e8 unaufbörlich, das freiefte Volt der Erbe — haben wir unfere Freiheit 
an bie fremden Sklavenvögte verloren, vermahrlofen Orbnung, Sicherheit, An⸗ 
ftändigfeit der Gefinnung im Eilzugstempo. (Eilgugstempo im Sinne der früheren 
Fahrpläne.) Die Demokratie gibt die politifhe Macht ber Straße; aus den 
Kaſchemmen herborgekrochene, auß den Zuchthäufern und Srrenanftalten entlaufene 
Mitbürger machen die großen Demonftrationen impofant und temperamentvoll, 
zwingen der Öffentlichen Meinung ihre Meinung auf. Allmählich wird man ja felbft 
in Deutfchland Zeitungen Iefen lernen — left nur die Zeitungen, Zeitgenoſſen! 
Weil hundert Eifenbahnbeamte wegen dreiften Eifenbahndiebftahls in Haft ge 
nommen werden mußten, traten vor wenigen Monaten ſämtliche Eifenbahnarbeiter 


X 


N 


Das Priugge pofften Belfdeniomms 283 


einer großen Direktion in den eigen? dafür bergerichteten Ausſtand; Die 
Arbeiter der Üiberlandzentrale Lübeck Iegten ruhevoll das Werk ftill, mweil ein 
Herr Kollege des mehrfachen Diebſtahls überführt und deshalb entlaffen worden war. 
‚Sole Notizen bringen Hunderttaufende zur Beſinnung, die leider nicht in: der 
Lage find, zu ftehlen. Fährt die foziale Republik fort, wifjentlich oder unwiſſentlich 
ein fchieberifches Drohnenvolk zu züchten, mie es Der entartetite Kapitalismus nicht 
zuitande gebracht hat; geht Die Beutenerteilung noch eine Weile fort, die Helphantiafis 
ber Mächtigen, umd fteigen dank ber behördlich privilegierten Tagedieberei Waren- 
und Lebensmittelpreife weiter, dann wird den Nachgeborenen beim bloßen lang 
der Zauberworte Parlamentarismus, Demokratie und Zukunftsſtaat Ekel ohne- 
gleichen die Kehle würgen. Dann ift Die Nation gegen diefe Säfte immun. 
Die Früchte am Baum der Erkenntnis müſſen ausreifen. Ein Hochverräter 
an der Majeftät und ber Zukunft des deutfchen Volle, wer fie vorwitzig zur Not- 
reife bringt und neue Täufchungen ermöglicht, eine Wiederholung des Schwindels, 
baß Feigen an den Dilteln wachſen können! Die Geſchichte wird ihm zornvoller 
fluchen als den kläglichſten Novemberlingen, die in manchem Sinne gottgewollte 
Notwendigkeiten geweſen find. Priscus 


FETT TERED 
i 8 — SUN 22 
CE IN Z2 ys hr — 2 





Das Problem des praftifchen Boljchewismus. 


Don Andreews Meedra, ehemaligen lettifhem Minifterpräfidenten 


I. 
7 Ber theoretiiche Bolſchewismus ift eine Abart des Sozialismus. 
1; Da YEr ift im Grunde genommen meiter nichts als der akute Sozia⸗ 
AREA Wismus. Er will mit einem Schlage alle Ideale des chroniſchen 

JR ASozialismus verwirklichen, während der lettere annimmt, daß 
bas gineinwachſen des ftaatlichen Lebens in die fozialiftiichen 
Formen einen gewiſſen Entwidelungsgang und mithin einen bedeutenden 
Zeitraum beanfprucht. 

Die Tatfache, daß ber theoretifche Bolſchewismus eine Abart des So⸗ 
zialismus ift, erſchwert feine richtige Einſchätzung in Weit-Europa. Der weſt⸗ 
europätiche Kritiker tritt an ihn heran mit einem Maßſtabe, der dem Sozialismus 
entnommen ift. Deshalb fteht er veritändnislog gegenüber allen denjenigen 
Erſcheinungen des Bolſchewismus, die fi) aus feiner — nicht erklären 
laſſen. Er fühlt ſich dann verſucht, ſolche Erſcheinungen für Zufälligkeiten und 
Außerlichkeiten zu halten, die mit dem Weſen des Bolſchewismus nichts zu 
ſchaffen haben. 

Näher kommt man dem richtigen Verſtändniſſe, wenn man das Eine 
feſthält, daß der theoretiſche Bolſchewismus in Rußland praktiſch geworden 
iſt unter Umſtänden, wie fie dem Sozialismus Weſt-Europas durchaus fremd 
find. Der Krieg und die Revolution haben nämlich das wirtjchaftliche Leben 
Rußlands derart geſchwächt, daß Hier eine Unterproduftion eingetreten ift: 
Rußland verbraucht mehr, ald es produziert. Im Weft-Europa rechnet der 

19* 







: 284 Das Problem des praftifhen Bolfhewismus 


Sozialismus mit drei Faktoren: Arbeitsfraft, Probuftionsmittel, Arbeits⸗ 
ertrag. In Rußland kann er nur mit zwei Yaltoren rechnen: Mit der Arbeit 
kraft und Produktionsmitteln. Der dritte Faktor — ber Arbeitsertrag — bleibt 
teilweije oder ganz weg. Der praktiſche Bolſchewismus ift der akute Sozialismus 
ber Unterprodultion. Der mwefteuropäifche Sozialismus hat zum Objekt bie 
Produktion als eine pofitive Größe. Im ruffiihen Sozialismus, d. h. im Bol 
ſchewismus, muß diefe Größe als eine negative aufgefaßt werben. Das bringt 
in den praktiſchen Bolſchewismus vieles himein, was dem weſteuropäiſchen 
Sozialismus weſensfremd ift. 

Der Urbeitsertrag ift das Ergebnis einer Kombination ber Arbeitskraft 
und ber Produftiongmittel. Deshalb find an ihm interefjiert der Arbeiter ſowohl, 
als auch der Belfiter der Produktionsmittel. Beide leben vom Arbeitsertrage. 
Wovon follen fie aber leben, wenn der Arbeitsertrag ausbleibt? 

Das ift ein Problem, das der mwefteuropäifche Sozialismus nie ernſtlich 
ins Auge gefaßt hat. Der ruffiiche Sozialismus war aber vor biefed Problem 
geftellt und mußte Darauf eine Antwort finden, bie in der Theorie bes Soziali⸗⸗ 
mus nicht enthalten war. Er fand diefe Antwort und tat bas, was zur Zeit des 
Hungers, ber Mißernte, überall getan wirb: Ex Ichlacdhtete bie Kuh, die feine 
Milch mehr gab, er vermahlte dad Saatkorn ... | 

Der Bolihewismus verzehrt die Produktionsmittel, weil die Arbeit uns 
produltiv geworden ift und der Arbeitsertrag ausbleibt. 

Das ift eine Beantwortung des obigen Problems, wie fie aus dem Weſen 
bes Sozialismus heraus nicht gewonnen werden kann. Der Sozialismus wird 
e3 nie billigen, daß die Produktionsmittel verzehrt werben. Die Mannigfaltigleit 
und Neichhaltigleit der Produktionsmittel bilden ja die Vorausſetzung einer 
jeben rationellen Arbeit. Erſt die Rationalifierung ber Arbeit macht fie fo 
produktiv, daß ihre Produkte zu Vorräten anwachſen können. Vorräte vom 
Ertrage geiftiger und phyſiſcher Arbeit bilben aber die Vorbedingung einer 
jeden Kultur. Werben nun die Produktionsmittel vernichtet, jo wird bie Arbeit 
weniger produktiv und ſinkt auf ihre primitiven Formen zurüd; bie Vorräte 
ber Arcbeitserträge verfchiwinden, und damit wird die Wurzel der Kultur durch⸗ 
ſchnitten. Ein Angreifen der Produktionsmittel ift Raubwirtichaft, diefe letztere 
aber ift fulturwidrig. Ein Bernichten der Produktionsmittel führt die Menjchheit 
in die Barbarei zurüd. 

Das alles ift volllommen wahr und richtig; unb die ruffifchen Sozialiften 
mögen es ſich gleichfalls gejagt und vorgehalten Haben. Boch fie hatten feine 
Wahl. Sie mußten mit ber Unterprobuftion rechnen, mit dem chroniſchen 
Hunger. Das hatten ſie als Erbe des Krieges und der Revolution übernommen. 
Um die Bevölterung wenigftens am Leben erhalten zu können, mußten fie ut 
Raubwirtſchaft übergehen und die Produftionsmittel angreifen. Der Bol 
ſchewismus Hat diefe Raubwirtichaft ing Syſtem gebradit. 

Der praktiſche Bolſchewismus ift ein Syſtem der Raubmwirtichaft. 


II. 


Faßt man nun den Bolſchewismus als Sozialismus des Hungerd, det 
Unterproduftion auf, fo laffen fi) daraus all feine Erſcheinungsformen reſtlos 





Das Problem des praktifhen Bolfchewismus 285 


erflären, ſowohl diejenigen, die er mit dem wefteuropäifchen Sozialismus 
gemein hat, al3 auch feine Abweichungen vom lebteren. Bon diefem Stand» 
punkte aus gewinnen wir leicht Verftändnis ſowohl für feinen phänomenalen 
Aufftieg, ald auch für feinen unabwendbaren Niedergang. 

Der Aufitieg des Bolſchewismus war fchon durd) das Barenregime vor» 
bereitet. Es ijt irreführend, ben Bolfchervismus hauptſächlich auf Lenin zurüd- 
zuführen. Er wäre gelommen, aud) wenn Lenin in der Schweiz geblieben 
wäre. Denn die Vorbedingungen des Bolichemismus: die Unterproduftion 
jowohl, als auch ihre Bekämpfung mit fozialiftiichen Mitteln, hatte noch das 
Barenregime verjchuldet oder doch angeordnet. 

Die materielle Vorbedingung des Bolſchewismus ift bie Unterproduftion. 
Diefe ſetzte ſchon mit dem Beginn des Krieges ein. E3 hieß, daß die ruffiiche 
Armee fchließlich bis 18 Millionen Menfchen umfaßt habe. 18 Millionen der 
beiten Arbeiter wurden der produftiven Arbeit entzogen. Dazu famen nod) 
Millionen von Pferden und Rindern, welche die Landwirtichaft der Armee 
liefern mußte. Die Fabriken wurden aus den Grenzgebieten evakuiert; nur die 
mwenigiten von ihnen wurden im Sfnnern des Reiches wieder eröffnet. Dadurch 
wurde ein großer Teil der induftriellen Produktionsmittel und ber Arbeitskraft 
brach gelegt. Beim Herannahen der feindlihen Front verliefen Hunbert- 
taufende von Familien als Flüchtlinge ihre Heimat und ihre Arbeit. Außerdem 
wurden Humderttaufende von Hilfsarbeitern für die im wirtichaftlidhen Sinne 
unproduftiven Bebürfniffe der Urmee verlangt: Bau von Befeltigungen, von 
frategifchen Straßen, für den Transport. Rechnen wir hier noch diejenigen 
Arbeiter Hinzu, die in der Kriegsinduftrie tätig waren, jo bürfte man vielleicht 
behaupten, daß wenigſtens 25 Prozent aller Arbeitskraft in Rußland durch den 
Krieg der produftiven Arbeit entzogen mar. 

Die Folge davon war, daß in Rußland jeit Anfang des Krieges bedeutend 
mehr verbraucht al3 produziert wurde. Man fing an, vom Borrate zu leben. 

Zunächſt machten fich die Beſchwerden der Unterproduftion faum geltend. 
Die Ernte vom Jahre 1914 verblieb ganz im Lande, da der Erport aufhörte. 
Doch ſchon im Jahre 1916 machte fich der Mangel der notwendigſten Verbrauchs⸗ 
gegenftände bemerkbar, und die Preife zogen an. Rußland mußte ſich des Pro- 
blem3 der Unterprobultion bewußt werben. 

Mm Deutichland war ja diefes Problem noch brennender. Hier verjuchte 
man ihm auf breierlei Art zu begegnen: 1. Mit indivibualiftiichen Mitteln, 
dur) Gewährung von Vorteilen an die Broduzierenden, um fie zur Mehrleiftung 
anzureizen, 2. burch das neutrale Mittel der Stredung der Vorräte und der 
Erſatzwirtſchaft, und ſchließlich 3. durch den fozialiftiich anmutenden ftaatlichen 
Eingriff in die Produktion und in die Verteilung der Arbeitserträge vermittels 
der Zwangswirtſchaft. 

Ich kenne das deutihe Wirtichaftsleben viel zu wenig, um darüber 
urteilen zu können, um wieviel die Vorteile der Zwangswirtſchaft ihre. Nachteile 
überwogen. Auf jeden Fall aber machte hier der Stand der Allgemeinbildung 
und ber gejchulte ausreichende Beamtenapparat e3 der Negierung und den 
Gelbftverwaltungen möglich, die Zmangswirtichaft zu dirigieren und zu kon⸗ 
trollieren. Doch auch fo dürfte die Zwangswirtſchaft allein, ohne Prämiierung 


286; Das Problem des praftifhen Bolfhewismus 


der Mehrleiftungen und ohne die Stredung der Vorräte, mohl kaum ausgereicht 
haben, um den Gefahren der Unterprobuftion jiegreich zu begegnen. 

In Rußland dagegen lagen die Dinge ganz anderd. Die Entfernungen 
find hier fo riefig, die verfchiedenen Teile des Staates geographiich und kulturell 
fo ungleich, und hauptſächlich der Mangel an intelligenten und zuverläſſigen 
Kräften jo enorm, daß eine Zwangswirtſchaft bier unbedingt in ein fröhliches 
Schhiebertum ausarten mußte. Außerdem mar ja die offizielle Wirtichaftspolitit 
Rußlands von jeher auf den ökonomiſchen Individualismus, auf die Förderung 
der PBrivatunternehmung eingeftellt. 

Unter ſolchen Umftänden war das einzig Mögliche — vielleicht auch das 
einzig Richtige —, daB der autofratifche Staat, in Übereinitimmung mit feiner 
inbivibualiftiihen Wirtjchaftspolitif, die Unterprodultion mit individualiſtiſchen 
Mitteln zu bekämpfen verjuchte. 

Dazu hätte vor allem gehört die Freigabe ber Privatinitiative ımd die 
automatiijhe Prämiierung der Mehrleiftung vermitteld der natürlihen Au 
balancierung von Nachfrage und Angebot. 

Der Zarismus hat aber von biefen inbivibualiftiichen Mitteln bei der 
Bekämpfung ber Folgen der Unterprodultion Teinen Gebrauch gemacht. 
Höchſtens in ber Kriegsinbuftrie, mo die fozialiftiichen Methoden ald Militari- 
jterung der Arbeit noch amleichteften anwendbar waren, wurde ab und zu eine 
individualiſtiſche Prämiierung der Mehrleiftung ſchüchtern angewandt. Es twurde 
alſo nur bei der unproduftiven Arbeit die Mehrleiftung belohnt. Die ſozialiſtiſch 
orientierte Zwangswirtſchaft dagegen legte jich mit all ihrem zermalmenden 
Drud auf die Landiwirtichaft, alfo auf dasjenige Wirtichaftsgebiet, das bis dahin 
noch am produftivften geblieben mar und deſſen Produktionsmethoden durchaus 
indivibualiftiich find. 

Die agrare Zwangswirtſchaft bewegte fich in burchaus negativen Formen. 
Sie unterjagte in vielem die Privatinitiative, ohne daß die entiprechenden 
notwendigen Funktionen vom Staate übernommen worden wären; fie murben 
einfach Iahmgelegt. So wurde 3. B. durch das Getreidemonopol des Staates 
der Saathandel eingefchräntt. und der Verkehr auf diefem wichtigen Gebiete 
— indbejondere in ben Gegenden nahe an der Front — zur Aufgabe des Staates. 
Doch meift blieben die Saatlieferungen ganz aus, oder aber fie erfolgten erft 
Monate nad) der verfloffenen Saatzeit. | 

Außerdem war die Zwangswirtſchaft einfeitig: fie betraf nur die Land” 
wirtichaft. Arbeitszwang — bie Reverzfeite der Pflichtlieferumgen — beftand 
nur für die Landwirtichaft al3 Unternehmung; dagegen die landwirtſchaftlichen 
Arbeiter waren von diefem Zwange befreit; fie hatten das Recht zu ftreilen. 
Feſte, dabei niedrige Breife galten nur für die landwirtſchaftlichen Produkte; 
die nichtlandwirtſchaftlichen Erzeugniſſe hatte der Landwirt im freien Handel 
zu fortwährend fteigenden Preiſen zu erwerben. 

Überhaupt wurde die Zwangswirtſchaft in Rußland zu einem Inſtru⸗ 
mente, mit welchem der Staat aus der Landwirtſchaft zugumften ber nid 
produzierenden Klaffen das Menfchenmögliche herauspreßte. Der Staat trieb 
Raubwirtſchaft mit der Landiwirtfchaft und zwang damit letztere gleichfalls 
zum Raubbau. 








21 “‘ ' 
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- 
— * 


Das Problem des praktiſchen Bolſchewismus 287 


Allerdings befand ſich der Staat in einer Zwangslage. Er hatte ſich in 
dieſe Lage dadurch verſetzt, daß er jede Privatinitiative unterband. Aus den 
rieſigen öffentlichen Arbeiten wurde jeder Individualismus prinzipiell aus⸗ 
geſchloſſen. Die Verpflegung der Flüchtlinge, der Arbeitsloſen, der Soldaten⸗ 
familien übernahm der Staat. Neben der ungeheuren Kriegslaſt hatte er ſich 
dadurch, daß er die individualiftiihen Methoden aufgab, eine Niefenaufgabe 
aufgebürdet, zu deren Erledigung er weder die Mittel, noch die geeigneten 
Arbeitskräfte hatte. Um die Millionen feiner neuen Pfleglinge vor dem Hunger- 
tode Ichüßen zu können, war er eben gezwungen, aus der Landwirtſchaft das 
legte herauszuholen. Die Folgen waren doppelter Art: 

1. der Landwirtſchaft wurde vom Staate das Raubſyſtem aufgezwungen, 

damit aber jede Schaffensfreudigfeit bes Landwirts vernichtet, 

2. die Nichtproduzierenden wurden von der Staatsfürjorge immer ab» 
hängiger; die Staatsfunktionen konzentrierten fi) immer mehr auf 
die Fürſorge für die nichtprobuzierenden Klajjen. 

Damit hatte aber das Barenregime fchon feine bisherigen Grundlagen 
verlaffen und jich hart an die Grenze des Hungerjozialismus begeben. Die 
wirtichaftliche Grundlage der Autofratie war der Jndividualismus. Die Hauptr 
frage des wirtſchaftlichen Individualismus heißt: wie fteigere ich die Pro- 
duftivität der Urbeit? Daran dachte das Zarenregime nicht mehr. Sein Haupt- 
problem mar jest: wie erfalfe und verteile ich die noch vorhandenen Vorräte? 
Das ift aber ein Beitandteil des wichtigften Problems des Sozialismus. Denn 
die Hauptjorge des Sozialismus gilt ja nicht ber Steigerung, jondern der Ver⸗ 
teilung des Arbeitsertrages. 

Da3 Barenregime, von ben Folgen der Unterproduftion gezwungen, 
hatte alfo jchon die Frageftellung und die Methoden des Sozialismus fich an⸗ 
geeignet. Vom letteren trennte e3 nur noch die politiiche Form: die Geſetz⸗ 
gebung war rioch nicht ganz demokratiſch. Die politifche Form bes alten Re⸗ 
gimes mußte aber zerjchellen, ſobald das Barentum fich als unfähig erwies, 
den neu übernommenen, ſozialiſtiſch gearteten Funktionen gerecht zu werden, 
d. 5. das ruffiihe Wirtichaftsleben unter Ausschluß des wirtjchaftlichen Indie 
pibualismus immer mehr zu verftaatlichen. Formell zerbrad) das Barentum 
in der Februarrevolution 1917. Tatſächlich aber hatte Nicolaus II. ſchon damals 
fein Szepter der Oppofition übergeben, als er ben, Verſuch billigte, die Folgen 
ber Unterproduftion durch jozialiltiiche Methoden zu überwinden unter Aus 
ſchluß der individualiftiichen Hilfsmittel. 

Eigentlich war e3 ja feine Revolution, an ber das Barentum zugrunde 
ging. Es ftürzte von jelbft, weil e3 feinen Schwerpunft weit über feine Grund⸗ 
fläche, ven Individualismus, hinausgeichoben Hatte. Dabei gab es feine Be- 
völkerungsklaſſe, die das Zarentum hätte ftügen wollen. Die Nichtproduzierenden 
waren mit ihm unzufrieden, weil es doch nicht vermocht hatte, die Not von ihnen 
fern zu halten. Und die individualiftiiche Landwirtſchaft, die einzige tragfähige 
Baſis einer Regierung Rußlands, war durch ben fchlechtberatenften aller Kaiſer 
in dumpfe, unbewußte Oppofition getrieben, toeil fie die negative und einjeitige 
Zwangswirtſchaft als ihre Knechtung zugunften der nichtproduzierenden 
Klaffen empfand. 


288 Das Problem des praftifhen Bolfchewismus 


Die Unterprobuftion ift aljo die materielle Borbedingung des Boljche- 
wismus. Die formale Borbedingung des Bolſchewismus beftand aber darin, 
daß man verjuchte, bie Unterproduftion nach fozialiftiihen Methoden zu be- 
fämpfen. Dieſe beiden Borbedingungen hat aber zum großen Teile ſchon 
da3 Barenregime geichaffen. 

IM. 

Durch die Unterproduftion und die zwangswirtſchaftliche Bekämpfung 
ihrer Yolgen war das Barentum ſchon nahe an den Bolſchewismus gerüdt. 
Sie waren jedoch noch durch eine politische Zwiſchenwand getrennt: durch da3 
Staatliche Prinzip des Zarentums gegenüber den Klaſſengegenſätzen. 

Diefe Zwiſchenwand zertrümmerte die ruſſiſche Demokratie mit ihrer 
Revolution. Mit dem Sturze des Zarentums verſchwand in Rußland jede 
Macht, die über den Klafjengegenfäten ftand. Denn eine Macht war das Baren- 
tum noch immerhin gemwejen durch feinen Regierungsapparat, Durch die Armee 
und durch die Tradition. Zwar hatte die Demokratie gehofft, als Trägerin der 
Idee des Kompromifjes zwiſchen Individualismus und Sozialismus, al3 die 
Bartei der politifchen Mitte, die politifche Führung im neuen Rußland über- 
nehmen zu können. Doch da hatte jie die Bedeutimg der Idee gegenüber tat- 
ſächlicher Macht entichieden überjchägt. 

Ä Bivar war auch die rufjiihe Demokratie zunächſt nicht ganz machtlos. 
Das ganze Genoſſenſchaftsweſen, die großen Städte- und Landichaftenverbände, 
wie auch zum großen Teil die Selbjtverwaltungsorganifationen waren meift 
demokratiſch orientiert. Desgleichen war das Heer durch die erdrüdende Ma- 
jorität der Rejerveoffiziere ſchon ftarf demokratiſiert. In der Reichsduma war 
der demokratiſche Gedanke vorherrichend. Das waren immerhin weit verzmweigte 
einflußreiche Organijationen, die eine gewiſſe reale Macht darftellteny an diefe 
Drganifationen Hätte die ftaatlihe Aufbautätigkeit jich anjchließen können. 

Doch die ruffiiche Demokratie ſchätzte die organijierende Kraft der poli- 
tiſchen Idee jo Hoch ein, daß fie dieje Ichon vorhandenen Organisationen abjichtlich 
zertrümmerte, um dann den Berfuch zu machen, jie auf Grund des demo- 
fratifhen Prinzips des allgemeinen Stimmredht3 neu zu organifieren. In der 
Armee wurden die Dffiziere ihrer Autorität entlleidet; die Soldaten jollten 
ſich unter ſelbſtgewählter Führerichaft organifieren. In allen Gelbftverwaltungen 
follten Neumahlen auf Grund des allgemeinen Stimmrecht3 erfolgen; an Die 
Stelle der ernannten Bureaufraten follte eine gewählte Beamtenjchaft treten. 
Daß mit der Erweiterung der Rechte vieler Bevölkerungskreiſe auch eine Neu- 
regelung der Pflichten Hand in Hand zu gehen hätte, daß lebtere aber längere 
Vorbereitung beanipruchte, daran dachte die Demokratie nicht in ihrem Taumel 
des allgemeinen Stimmredt3. 

Damit war dem Klaflenfampfe Tür und Tor geöffnet. Es gab feine 
Macht, keine Inſtitution mehr, die über den Klaffengegenjäten jtände. 

Diefe abfichtlich geichaffene Anarchie nugten die linksradikalen Elemente 
für ihre Zwecke jehr geihidt aus, indem fie neben dem Organijationsprinzip 
der politiichen Idee ba3 bei weiten praftiichere Prinzip der Berufsinterejjen 
aufftellten. Die Arbeiter eines jeden Betriebes wählten zur Vertretung ihrer 
beruflichen Intereſſen einen Nat von Bertrauensmännern, deſſen Bejchlüffe 


Das Problem des praftifchen Bolfhewismus 289 
durch das Vollzugskomitee vollführt wurden. (Dft fiel das Berufliche bei der 
Sfnterejlenvertretung ganz weg, wie z. B. bei den Flüchtlingen). Die Räte der 
einzelnen Betriebe jchlofjen fich dann zu immer höheren Drganilationgeinheiten 
zuſammen, bis jchließlich die geſamte Arbeiterichaft des Reiches in den drei 
oberften Räten — GSoldatenrat, Arbeiterrat, Bauernrat Rußlands — ihre 
Vertretung fanden. Das war der Anfang des berühmten Räteſyſtems. Theo⸗ 
retifh genommen lag ja dem Räteſyſtem ein gejunder Gedanke zugrunde: 
wollte man beim ſtaatlichen Aufbau an Leine der beftehenden Organiſationen 
antnüpfen, jo lag es nahe, auf das Organiſierende der Arbeit zurüdzugreifen. 
Es ift nicht zu leugnen, daß die Arbeit, verbunden mit den beruflichen Intereſſen, 
viel jicherer organifiert, al3 eine politiſche Idee. Das ift ja auch die Bedeutung 
der Bünfte und Gilden gewejen. Das Räteſyſtem ift ja weiter nichts, als eine 
Repriftination des Zunftweſens, das unter Umjtänden ftaat3bildend wirken 
kann. 

In der Praxis jedoch kam beim Räteſyſtem das Klaſſengegenſätzliche zum 
Durchbruch. Das Hatte zwei Gründe. Erſtens gewannen die in kompakten 
Mailen lebenden Smduftriearbeiter und die in ben Hauptitädten garnijonierten 
Nejervetruppen beim Organijieren ihrer Räte einen großen Borjprung ber 
Bauernichaft und ber Frontarmee gegenüber; deshalb waren dieje haupt- 
ftädtiichen Arbeiter- und GSoldatenräte nachher imftande, die zentrale Macht 
im Staate an fi) zu reißen. Und zweitens: angejicht3 der Unterprodulftion und 
de3 drohenden Hungers ſetzte der Verbrauch der Produktionsmittel ein, was die 
organilierte Arbeiterjchaft in einen jcharfen Gegenjab zu den Bejitern der 
Produktionsmittel brachte. 

So murde die einjeitig proletarifche Räteorganifation zu einer Macht im 
Staate, der die Demokratie nur die politilche Idee des allgemeinen Stimmrecdht3 
entgegenzujeten Hatte. 2 

Die rufliiche Demokratie ging an ihrem Idealismus zugrunde, an ihrem 
Glauben an die Macht der politifchen dee und des abſtrakten Rechtes. 

Der Bolſchewismus jiegte, weil jeine Führer erkannt hatten, daß e3 ſich 
bei der ruffiichen Revolution weniger um eine politifche, als um eine wirtichaft- 
liche Frage handelte. Die Verteilung derlegten Brotrinde während der Hungers⸗ 
zeit ijt eine Frage der Macht, nicht des Rechtes. 
; Die Demokratie wollte darüber abftimmen laſſen, wer die Verteilung 
der letten Vorräte in die Hand befommen jollte. Die Hungernden und die 
Bejigenden, die Verbraucher und die Produzenten follten während der Zeit 
de3 chronischen Mangels, während einer Zeit, wo man ſchon die Produftiong- 
mittel verzehrte — alſo eine Verſammlung von gegenfäglichen Intereſſenten 
follte auf Grund des allgemeinen Stimmredt3 eine gerechte Verteilung der 
reſtlichen Vorräte beichließen ! 

Lenin? Bedeutung befteht nun darin, das Weltfremde einer ſolchen 
demokratiſchen Politik erfannt und beijeite gejchoben zu haben. Die lebten 
Vorräte während der Hungerszeit wird derjenige nad) feinem Gutdünken ver- 
teilen, der die Macht hat, fie zu erfaſſen und in feiner Hand zu behalten. 

Diefe Macht Hatte vermittels des Räteſyſtems das Proletariat erhalten: 
Den bejitenden und wirklich produzierenden Klaſſen gegenüber war ja das 





290 Das Problem des praktiſchen Bolſchewismus 


Broletariat an Zahl unterlegen. Als zielbewußte Organiſation dagegen war 
e3 ber besorganifierten produzierenden und bejigenden Klaſſe an tatjächlicher 
Macht weit überlegen. Erft mit der Erfenntnis diefer Macht und mit der Pro» 
Hamation ber Diktatur des Proletariats gelangte der praktiſche Bolſchewismus 
in Rußland zum Siege. 

Das ift dad Wefentliche de3 praftifchen Bolſchewismus: Diktatur des 
Proletariats zur Zeit der Unterproduktion. 

Lenins Gedankengang iſt ja verblüffend einfach: Rußland hungert; alle 
Einwohner Rußlands können nicht mehr ſatt werden. Dann iſt es natürlich, daß 
derjenige zunächſt ſatt wird, der der Stärkere iſt; das iſt infolge ſeiner Organi⸗ 
ſation das Proletariat. 

Deshalb erfaßt das Proletariat die noch vorhandenen reſtlichen Vorraͤte; 
das iſt die Nationaliſation des Beſitzes. 

Dann übernimmt das Proletariat die Verteilung der Vorräte unter 
möglichft mweitgehendem Ausſchluß der nichtproletariichen Kreije; das gejchteht 
in der Haflifizierten Verbrauchsnormierung. 

Berfucht man bie erfaßten Vorräte dem Proletariat zu entreißen, jo 
verlangt es fein Lebensintereſſe, fie zu verteidigen; das geichieht durch den 
Terror dem inneren Feinde, den Kontrerevolutionären gegenüber und durch 
die rote Armee dem äußeren Yeinde gegenüber. 

Darüber Hinaus ift ber praktiſche Bolſchewismus in Rußland nicht ger 
fommen, kann e3 feinem Weſen nach wohl auch kaum. 


IV. 


Nur dann könnte mit einer Zukunft des Bolſchewismus gerechnet werben, 
wenn e3 ihm möglich wäre, bie Produktion in Rußland derart zu heben, daß 
nicht nur der Verbrauch mit der Produktion ins Gleichgewicht kommt, ſondern 
auch bie bisherige Unterbilanz durch zukünftige Überſchüſſe aufgewogen wird. 

Kt der Bolſchewismus dazu imftande ? 

Bis jet Hat man nicht das geringfte Zeichen von einer wirklichen Hebung 
ber Produktion Durch den Bolſchewismus wahrnehmen können. Im Gegenteil: 
Die Vorräte und Probuktionsmittel de3 Nationalvdermögend merben immer 
mehr verwirtichaftet. 

Die Fabrilen werden immer mehr ftillgelegt, teild aus Mangel an Roh⸗ 
foffen, teils weil die Mafchinen befelt geworben find. Das Transportweſen 
fteht jchon an der Grenze eines Tataftrophalen Niederbruches. Der Handel ift 
vernichtet, ebenjo der Staatsfrebit, was fich in der Entmwertung bes Gelbes 
am beutlichiten kundgibt. Die Wohnungen in den Städten find verwohnt; 
die Holzhäufer finden zu Brennzmweden Verwendung. Kleider und Schuhe ber 
Bevölkerung find abgetragen und können faum erneuert werben. Eifen-, Kohlen» 
und Brennholzmangel wird immer fühlbarer. Salz, Betroleum find kaum 
aufzutreiben. Der Pferde- und Biehbeftand verringert fih. Ber Boden bes 
nationalifierten Großgrundbefiges ift ausgelogen. Adergeräte und landwirt⸗ 
ſchaftliche Maſchinen find abgenutzt. Wenn e3 auch Heißt, daß die Räteregierung 
Lolomotiven und landwirtichaftlihe Mafchinen gegen Goldzahlung im Aus 
lande beftellt habe, fo ift Das eben ber Berbraud) bes letzten ftaatlichen Borrates 


I) 


Das Problem des praftifhen Bolſchewismus 291 


de3 Goldfonds nämlich, und kann bie Kataftrophe um ein Geringes auffchieben, 
aber nicht abwenden. Die Lolomotiven allein können das Eifenbahnmefen: 
nicht retten, wenn die Räteregierung im holzreichen Rußland nicht imftanbe ift 
die Holzſchwellen der Eifenbahnen zu erneuern. 

Rußlands Vorräte ſchienen ja unerfchöpflih zu fein; deshalb dauert es 
eben einige Jahre, bis der Bolſchewismus fie erjchöpft Hat. 

Dieſes Anwachſen der Unterproduftion erflärt die Näteregierung damit, 
daß fie gegen die Gegenrevolution ımd gegen die Intervention ber Entente 
anzufämpfen habe. Nun, damit wird die Räteregierung nod) lange zu rechnen 
haben, daß die Bourgeoifie jich nicht mit Wonne abichlachten läßt und ausfchlägt, 
folange fie es nod) kann. Desgleichen ift es verftändlich, daß das Ausland nicht 
ohne Wehmut fein jchönes Vorkriegsgeld in Rußland verlorengehen fieht. Doch 
immerhin fragt e8 fich noch, ob der Krieg, ben die Räteregierung führt, fich nicht 
bezahlt macht durch die Konfiskation des bürgerlichen Vermögens und durch die 
Unnullierung der Staatsſchulden. Dann hätte die Produktion Rußlands dieſe 
Kriegstoſten eben nicht zu tragen. 

Doc Hört diefer Kampf auf, fo ift für die Produktion bamit nicht3 ge⸗ 
wonnen. Die Räteregierung hat doch die Wahl nur zwiſchen dem Kampfe gegen 
die Imtervention einerfeit3 und der Bezahlung ber auswärtigen Schulden 
andererjeitd. Und hört die Gegenrevolution in Rußland auf, fo werben bie 
freigeiwordenen Kräfte und Mittel eben anderswo eingeſetzt, nämlich: für die 
Weltrevolution. 

Es ſteht alſo feſt, daß die bolſchewiſtiſche Produktion die Belaſtungsprobe 
der Gegenrevolution und der Intervention nicht vertragen kann. Eine 
Beſſerung — falls andere Gründe der Unterproduktion nicht vorliegen — könnte 
nur dann eintreten, wenn nicht nur die Gegenrevolution und die Intervention 
aufhörten, ſondern auch die Gläubiger Rußlands auf ihr Geld und die Räte⸗ 
regierung auf den Gedanken der Weltrevolution verzichteten, — ein Zur 
ſammentreffen, das kaum im Bereich der Wahrſcheinlichkeit liegt. 

Mir ſcheint es aber, daß die Urſachen der Unterproduktion im Weſen 
des Bolſchewismus liegen. Eine Steigerung der Produktion kann nur auf 
dreierlei Art erreicht werden: 1. Durch Verbeſſerung der Produktionsmittel, 
2. durch Arbeitszwang, 3. durch Arbeitsfreudigkeit. Im individualiſtiſchen 
Kapitalismus ſind alle dieſe Vorbedingungen gegeben; im Bolſchewismus 
fehlen ſie alle drei. 

Doch wir können von einer Erörterung der Frage, ob Individualismus 
oder Sozialismus zur Bildung von Mehrwerten geeigneter iſt, ruhig abſehen. 
Auch wenn der Bolſchewismus feinem Weſen nach imſtande wäre, die Produktion 
zu fteigern, er Tann e3 in Rußland trotzdem jeßt nicht mehr, es ift zu jpät. 

Iſt die Kuh geichlachtet, jo kann ber beſte Obermelker ihre Produltion 
nicht mehr fteigern. Iſt das Saatkorn vermahlen, jo hilft feine Agronomie mehr. 

Rußland Hat feine Produktionsmittel fchon zu ſehr angegriffen. Anfolge- 
deſſen ift die Arbeit unprodultiver geworben; fie ift auf eine primitivere Ent- 
willungsftufe gefunfen. Die Induftrie wird allmählich zum Handwerk, das 
Handwerk zur Nebenbeichäftigung. Die Gelbmwirtichaft wird wieder zur Natural- 
wirtfchaft, der Handel zum Taufche. Statt ber Eifenbahn tritt wieder da3 


292 Das Problem des praftifhen Bolfhewismus 


Fuhrwerk in feine Rechte, ftatt des Fuhrwerks die Fußmanderung. Statt 
der Elektrizität und des Gaſes erſcheint wieder die Unfchlittlerze, ftatt der Kerze 
der Span, ftatt des Pfluges und der eifernen Egge der alte Hafenpflug 
und die Holzegge; ftatt der Mähmafchine die Senfe, ſtatt der Senſe die Sichel, 
ftatt der Drefchmafchine der Flegel und der Ochfentritt, ftatt des zehnten Korns 
da3 dritte und vierte Korn. An die Stelle der Univerfität tritt Die Vollkshoch— 
ſchule; den Ingenieur verdrängt der Werfmeilter, den Arzt der Feldſcher, die 
Kunft wird zum Dilettantismus. Es ift ein Abbau der Kultur im großen Stile, 
verurfacht durch die Vernichtung der Vorräte und ber Produktionsmittel. Mit 
den längſt veralteten Arbeitsmethoben, zu denen Rußland gezwungenermaßen 
jest zurüdtehrt, kann man aber nicht mehr fo viel produzieren, wieviel die jebige 
Bevölkerungszahl Rußlands verbraudt. Das führt zu einer Entoöllerung 
Rußlands. 

Zunächſt find es die Kulturzentren, die Städte, die ihre Einwohner ver- 
lieren. Die Städter fliehen in die Landwirtichaft, in die dörfliche Haus 
induftrie, in den Haufiererhandel. Die Kinder, die Alten und Schwaden 
fterben natürlich. Sind aber erit die Städte entvölfert, wie foll dann die 
fterbende Induſtrie ihre Produktion fteigern? 

Das Näterufland hat keine genügenden Produktionsmittel mehr; des⸗ 
halb kann es das Sinken der Produktion nicht mehr aufhalten, falls kein Ein- 
griff von außen kommt. Bleibt Rußland ſich ſelbſt überlaſſen, ſo wird ſeine 
Barbariſierung ſich mit Naturnotwendigkeit bis zu demjenigen Zuſtande 
entwickeln, wo die Produktion ſich mit denjenigen Produktionsmitteln begnügt, 
welche die Natur bietet und die der Arbeiter ſelbſt ſich herſtellen kann. Das wird 
die primitive Landwirtſchaft und das primitive Handwerk ſein. Die Landwirt⸗ 
ſchaft hat in Rußland etwa 85 Prozent der Bevölkerung genährt. Nun, jo 
müffen die übrigen 15 Prozent eben zugrunde gehen. 

Natürlich könnte e3 zu diefer äußerften Lage nur dann fommen, falls ganz 
Europa bolfchemiftifcy wird. Bleibt dagegen in Wefteuropa die. bürgerliche 
Ordnung beftehen, jo kann Rußland von ihr nicht hermetifch abgeſchloſſen 
werden. Ihr kulturförderndes Eingreifen wird dann bie Entkultivierung Ruß- 
lands fchon viel früher zum Gtillftand bringen. 


V. 

Der Eingriff von außen in die ruſſiſchen Verhältniſſe — wie iſt er denkbar? 

Zunächſt ſind wir Zeugen der kriegeriſchen Intervention geweſen. Man 
hat ſie aus allen Himmelsrichtungen und mit den verſchiedenſten Mitteln verſucht; 
ſie iſt aber reſtlos mißglückt. Und das konnte auch nicht gut anders ſein, falls 
unſere Wertung des praktiſchen Bolſchewismus als einer Folgeerſcheinung 
der Unterproduktion zutrifft. Die kriegeriſche Intervention mußte ihrem Weſen 
entiprechend die Unterprobuftion fteigern und mithin auch die Zahl derjenigen, 
die infolgedeffen auf den Verbrauch der Produktionsmittel, alfo auf den 
praftiihen Bolſchewismus, als ihre letzte Rettung, angemwiejen tmaren. 

Das in Rußland felbft der Bolſchewismus infolge der Friegerifchen Inter 
vention mächtiger geworben ift, wird jetzt allgemein anerfannt. Doch auch die 
Randftaaten haben e3 jebt bitter zu büßen, daß fie den Lodungen und Ein 


Das Problem des praftifhen Bolfhewismus 293 


flüfterungen der Entente nachgaben und fich von ber letzteren für eigene Rechnung 
und mit eigener Kraft im Intereſſe der Ententefapitaliften zur Intervention 
mißbraucdhen ließen. Eſtland ſowohl ald Lettland und Polen haben infolge 
ihrer Kriegslaſten jet fo fchiwer mit der Unterprodultion zu fämpfen, daß es 
fehr fraglich ift, ob fie nicht bemnächft zum Bolſchewismus übergehen müſſen. 
Die Ukraine tut e3 bereits. 

Kun mollte Lloyd George es mit ber Hanbelöintervention verfuchen. 
Das ift ein ebenſo Taltblütiger Verrat des Bürgertums in Rußland, wie auch 
Koltſchak und die Judenitſcharmee verraten wurden. Denn anders ald Verrat 
fönnen wir diefe Blodade des Bürgertumd und der Landwirtſchaft kaum auf- 
faſſen. Bis jet wurde das Räterußland blodiert. Jetzt foll basfelbe mit dem 
produzierenden Rußland verfucht werden, indem die gefamte Ein- und Aus 
fuhr vertragsmäßig in die Hände ber Näteregierung gelegt werben ſoll. 
Letztere erhält dadurch ein wirkſames Inſtrument, um damit bie lebten 
Borräte aus der Landwirtichaft herauszuziehen. Ein direkter Verkehr mit 
bem Berbande ber Genoffenjchaften, alfo mit ben PBroduzierenden, war ja 
nicht zu erreichen. 

Wirb aber dieſer Verrat Weſteuropas an den produzierenden Klaſſen 
Rußlands die Entente wenigſtens zum Biele führen? 

Es kommt darauf an, weldyes Ziel die Entente im Auge hat. Hat England 
e3 nur auf die Golbvorräte Rußlands abgefehen, will es fich alfo an der ruſſiſchen 
Raubwirtſchaft beteiligen, fo wird es gewiß zum Ziele fommen. 

Hofft die Entente dagegen auf bie ruffischen Rohftoffe, fo wird fie kaum 
ihre Rechnung finden. Auch die Rohftoffe müffen immerhin gewonnen und 
heraustransportiert werden. Es müſſen alfo die gewinnende Arbeit’ und das 
Transportweſen neu organifiert werden. Das ift ohne weitgehenden Kredit 
nicht möglich. Aber für einen ſolchen Kredit wird die Entente angeficht3 der 
ungeordneten Berhältniffe in Rußland ſchwer zu haben fein. Der ganze Handel 
wird fi) auf einen Austausch von Waren in ben Hafenftädten befchränten; 
und davon wird der Kohl faum fett werben. ® 

Hat aber Lloyd George den Hintergedanten, durch das Handelsmonopol 
ber Näteregierung leßtere zu einem Exekutivbeamten der Entente umzufchaffen, 
db. h. glaubt er, daß bie Räteregierung durch eine Verſtärkung ihrer Macht Über 
die produzierenden Klaffen Rußlands in eine ber Entente gefällige Beamten- 
biktatur umgewandelt werden kann, durch welche dann Rußland ausgenußt 
werden kann (etwa wie bis jett Lettland), — ic) meine: hat Lloyd George diejen 
Hintergedanken, fo kann er fein blaues Wunder erleben. Zwar ift e3 nicht aus⸗ 
geichloffen, daß die Räteregierung ſich von ber Arbeiterfchaft und von der Armee 
ganz abichnürt und zu einer diktatoriſchen Beamtenſchaft auswächſt; ſie ift ſchon 
auf dem Wege dahin. Doch fie ift im Verhältnis zur Einwohnerzahl und zur 
Raumfläche Rußlands jo verſchwindend Hein und dabei mit jüdifchen Elementen 
fo ftark durchfeßt, dat der Tag kommen muß, mo die aus dem Bolſchewismus 
hervorgegangene Beamtendiltatur von einer grandiojen Judenhetze verichlungen 
wird. Mit feinem etwaigen Handelsvertrag fett Lloyd George die Näte- 
regierung allerdings auf ein Pulverfaß. Wenn fie aber auffliegt, dann fliegt 
die ganze Judenſchaft Rußlands mit in die Luft. 


294 Das Problem des praftifden Bolfhewismus 


Doch aud) eine andere Überrafchung kann fich aus den Hanbelsverträgen 
entwideln. Zwar gewinnt bie Näteregierung durch diejelben eine fcharfe 
Waffe zur Belämpfung der Gegenrevolution, wie auch ein Inſtrument zur 
teitlofen Erfaffung der landwirtichaftlihen Vorräte. Wer will aber dafür gut- 
ftehen, daß fie, einmal erftarkt, jich willig zeigt, dem Handel Englands Bor 
Ipanndienfte zu leiten? Bis jest hat die Räteregierung fich noch immer in der 
Rolle des Schrittmacherd der Weltrevolution gefallen. „Alte Liebe roftet 
nicht“ Heißt e3 in einem dummen Sprichworte. | 


— VI. | 
Aber vielleicht ift die Entente geztwungen, zu Rußland Beziehungen an- 
zumüpfen. Vielleicht kann der Weltmarkt ohne Rußland nicht auskommen? 
Dann tft man eben nicht imſtande zu warten, bis der Bolſchewismus von ſelbſt 
verſchwunden ift. 


Ich kann das nicht beurteilen: Vielleicht kann der Weltmarkt tatſächlich 
ohne Rußland nicht auskommen. Dann iſt es aber entſchieden das produzierende, 
das import⸗ und exportfähige Rußland, welches der Weltmarkt nötig hat. Das 
bolſchewiſtiſche, das an Unterproduktion leidende Rußland dagegen iſt für den 
Weltmarkt ein negativer Faktor, ja geradezu eine Gefahr. Bei dem Stande 
feiner jegigen Produktion Hat Rußland zu viele Einwohner. Es könnte alſo, 
fo wunderbar das aud) Klingt, billige Arbeitskraft exportieren, arbeitet man doch 
jest in Rußland für paar Pfund Brot täglich, doch fein Land hat ſie nötig, ober 
e3 kann fie nicht ernähren. Sonſt hat Rußland nichts auszuführen, kann aljo 
feine fofgrt greifbaren Gegenwerte für etwaige Einfuhr bieten. Es könnte alſo 
nur eine Einfuhr auf Kredit fein. Doch dann müſſen die ruſſiſchen Verhältniſſe 
‘vorher ftabilifiert fein. 

Rußland ift — meines Erachtens — für den Welthandel gegenwärtig 
weniger wert (da3 bißchen Gold abgerechnet), als ein barbarifches Land. Bei 
einem wilden Volke fteht die Bovölkerungszahl doch im Gleichgewicht mit feiner 
Produktionsfähigkeit; e8 wird dort noch immer irgend welche Vorräte, irgend 
“ einen Überfluß geben, der für den Weltmarkt einen pofitiven Wert befibt und 
ihn bereichert. Rußland Hat keinen Vorrat an Waren, wohl aber einen Überfluß 
an Verbrauchern, von denen ein Teil zugrunde gehen muß, wenn er die Vorräte 
de3 Weltmarktes nicht ſchmälern Tann. 

Angeſichts diefer Sachlage gibt ed nur zwei Möglichkeiten: Entweder * 
der Weltmarkt ohne Rußland auskommen. Dann wäre es für die produzierenden 
Länder nicht das Menſchlichere, wohl aber das praktiſchſte: den bolſchewiſtiſchen 
Brand zu lokaliſieren und abzuwarten, bis er in ſich ſelbſt zuſammenfällt, und 
Rußland wieder import⸗ und exportfähig wird. 

Oder aber: der Weltmarkt kann nicht warten — dann muß es doch zu 
einem Eingriffe von außen kommen. Dieſer Eingriff kann aber nur das eine 
zum Ziele haben: Rußlands Produktion zu ſteigern. Rußlands Produktion 
leidet an zwei Grundübeln: Erſtens find keine genügenden Produktionsmittel 
mehr da. Alſo muß das Ausland dem ruſſiſchen Volke die nötigen Produktions⸗ 
mittel kreditieren. Zweitens hat ſich die ſozialiſtiſche Arbeitsmethode als un⸗ 


— — — — — — — 





Das Problem des praftifhen Bolfhewismus 295 


geeignet erwiejen zur jchnellen Schaffung von Mehrmwerten; alfo muß man 
die Arbeit wieder individualilieren. 

Da3 eine wie das andere hat aber zur Borausjegung, daß der Boljche- 
wismus vorher niedergerungen ift. Denn dem bolichewiltiichen Rußland wird 
das Ausland nichts Treditieren; und der Bolſchewismus läßt feine individuelle 
Arbeit, feine Privatunternehmung zu. 

Bill man aljo Rußland in abjehbarer Zeit an der Weltwirtichaft teil- 
nehmen lafjen, jo bleibt eben fein anderer Ausweg: Man muß den Boliche- 
wismus durch militärifche Intervention niederringen. Doch Hand in Hand 
damit muß die Reorganijation der individuellen Arbeit gehen. Man muß in 
Rußland die politiihe Macht den nichtproduzierenden Klajjen entreißen und 
den produzierenden übergeben. Es muß wieder Arbeit3zwang und Wrbeits- 
freudigkeit geichaffen werden, wie auch eine Regierung, die für die zu kredi—⸗ 
tierenden Produktionsmittel auflommen will und Tann. 


VII. 

Daß bis jetzt jede militäriſche Intervention fehlgeſchlagen hat, hat zwei 
ganz beſtimmte Gründe: Erſtens weil man es jedesmal unterließ, die Produktion 
in den befreiten Gebieten auf Grund der Privatunternehmung zu ſteigern, 
alſo die Macht den produzierenden Klaſſen zu übergeben, und zweitens, was 
die Hauptſache war: weil die Entente gleichzeitig Räterußland und Deutich- 
land belämpfen wollte. Daß der Boljchewismus militäriich nicht nieder- 
gerumgen werden Tann, ift ein Märchen. Als im Mai 1919 die lettländifche 
Armee zufammen mit Teilen der deutijhen (von der Goltzſchen) die Bol- 
Ihemiften bei Riga gejchlagen Hatte, war es ihr ein leichtes, der Judenitjch- 
armee die Hand zu reichen und nach Petersburg zu marjchieren. Die Entente 
jedoch verbot der deutſchen Armee jeden Vormarſch, nahm außerdem (durch 
General Gough) die Eiten von der bolſchewiſtiſchen Yront und warf fie den 
Siegern von Riga in die Flanke (in den ZJunifchlachten bei Wenden). England 
hat alſo damals die Ausnußung des Gieges über die Bolihemwiften abfichtlich 
vereitelt, um die antibolichemwiftifhen Truppen gegen Deutichland zu dirigieren. 
Dasfelbe gilt von der ganzen Randftaatenpolitit der Entente. 

Während ber Drudlegung dieſer Zeilen hat die polniiche Dffenfive e3 
gleichfall3 gezeigt, daß die rote Armee geichlagen werben kann; e3 fragt ſich 
nur, ob ber Bolſchewismus bamit geichlagen it? Denn daß Polen allein 
nicht imitande ift, feine Fahnen tief nad) Rußland hineinzutragen, zeigte ja 
feine Niederlage bei Kiew. Dabei fragt es fi, ob Polen imſtande ift, feine 
eigene Unterproduktion zu beheben; es iſt aber ganz ausgeſchloſſen, daß bie 
Produktion Rußlands durch den polniichen Sieg irgendwie gewinnt. 

Wis: die rote Armee Tann geichlagen werden. Damit ift aber ber 
Bolihewismus noch nicht überwunden; fall3 nicht gleichzeitig auch Suplonds 
Produktion organiliert mwirb. 

Angelicht3 diefer Schwierigleit der Randſtaatenpolitik dürfte es an 
der Zeit ſein, zu erkennen, daß die Aufgabe, Räterußland und Deutſchland 
gleichzeitig zu bekämpfen, für die Entente zu ſchwer iſt. Mit einem der beiden 
Gegner muß die Entente ſich verſtändigen. 


296 : Das Problem des praftifhen Bolſchewismus 


Lloyd George Hatte fich für Räterußland entichieden. Warum dieſer Ent- 
ſchluß nicht zu pofitiven Ergebniffen führen kann, habe ich ſchon verjucht zu 
zeigen. Hier möchte ich noch ayf eine birelte Gefahr hiniveijen, die dieſem 
Entſchluſſe entipringt. 

- Deutichland ift in Europa das legte Bollwerk gegen ben Bolſchewismus. 
Das will ich nicht in dem Sinne verftanden wiſſen, als ob in Deutichland die 
Borbedingungen bes Bolſchewismus nicht vorhanden wären. Im Gegenteil: 
Deutichland leidet ebenjo wie ganz Europa durch die Unterprobuftion. Die 
ſtarke Vermögensabgabe ift doch weiter nichts als ein Leben vom Borrate. 
Zugleich ift das Proletariat in Deutſchland unvergleichlich beffer organiftert und 
einflußreidher als in Rußland zu Kerenstis Zeiten. 

Wenn ich aber von Deutichland ald einem Bollwerk gegen den Bol 
ſchewismus ſpreche, fo habe ich ein doppeltes im Sinne. Erftens hat Deutfchland 
einen erftaunlichen Willen zur probuftiven Arbeit. Würbe man Deutichlands 
Arbeit nicht ftören, fo würde es unfehlbar ſich nach einigen wenigen Jahren 
aus der Unterproduftion herausgearbeitet haben. 

Zweitens ift Deutichlands Armee noch ein Schuß der Produktionsmittel. 
Solange bie3 beides noch der Yall ift, kann ber Bolichermismus in Deutichland 
nicht hochkommen. 

Nun will England mit dem Bolſchewismus Frieden fchließen. Das ber 
beutet, daß er für eine gemilfe Zeit geftärkt wird. Diefer Friedensſchluß erfolgt 
wahrſcheinlich wohl auch zu bem Zwecke, damit die Entente die Hände zur 
Schwächung Beutichlands freibeflommt. Deutſchlands Armee foll auf ein 
Minimum reduziert werben, alfo auch der Schuß der Produktionsmittel dem 
entiprechend vermindert werben. Deutichlands Arbeitdertrag joll an die Entente 
abgeführt werben, wenn nur die Arbeitöfreudigleit darunter nicht leidet! Muß 
ber Widerftand Deutfchlands gegen ben Volſchewismus auf diefe Art ſchließlich 
nicht verfagen ? 

Es ift ein graufiges Spiel mit dem Feuer, das Lloyd George treibt. 

Bielleiht ift es noch nicht zu Ipät, die Stellungnahme Lloyd Georges 
einer NRevifion zu unterziehen. Gollte ed zu einer Berftändigung zwiſchen 
Deutichland und ber Entente kommen, fo ift es allerdings ausgeſchloſſen, dab 
Deutihland — gleih den unfeligen Randitaaten — an ber militärijchen 
Sntervention gegen das Näterußland für eigene Rechnung teilnimmt. 
Was Deutihland zu diefer Unternehmung liefern kann, ift zweifellos eine 
genügende Heeresmacht zum Vorſtoß gegen die Räteregierung, wie auch ein 
Teil der Produktionsmittel und der intellektuellen Kräfte zur Hebung ber 
Broduktion in Rußland. Die Finanzierung bes Vorftoßes muß aber unbedingt 
von ber Entente ausgehen, wenn nicht anders, dann in Form einer Verrechnung 
auf die Kriegsentichädigung. 

Hätte Deutichland den Kampf gegen ben Bolſchewismus für eigene 
Redmung zu führen, dann müßte es — zwar langfamer, aber ebenfo ſicher 
zufammenbrechen.. wie Eftland, Lettland, Ukraine und wohl auch Polen. 
Kommt es nicht zu einer folchen Verftändigung, fo nehme ich an, daß Deutſch⸗ 
land fich zunächſt auf einen pafliven Widerftand einrichten wird. Wie lange 
ed ihn führen kann, wenn einerjeit3 die durch die Entente geftärkte Räte 








Den Deutfhen ins Stammbud 297 


regierung ihre Agitationsarbeit in Deutjchland verdoppelt, der wirtichaftliche 
Kampf die Produktion ſchwächt und die geſchwächte Armee nicht mehr im- 
ftande iſt, die linksradikalen Elemente nieberzuhalten, da3 im einzelnen 
vorauszujagen, kann ich mir nicht anmaßen. Das Gefühl kann ich allerdings 
nicht los werben, daß dann die Flut gegen das lette Bollwerk anjpringt. 

Wird auch BDeutichland bolfhemwiftiich, d. H. zwingt die Unterproduftion . 
auch Deutichland, die Produktionsmittel anzugreifen, wobei die Macht in bie 
Hand ber Beliblojen gelangt, jo jehe ich feine ausreichende Möglichkeit 
eine3 wirkſamen Eingriffes von außen in den ruffiichen Bolſchewismus. Dann 
wird Rußland — und mit ihm wohl auch bie meilten Staaten Europas — 
feinen Leidensweg gehen müſſen, bi3 es in feiner Entkultivierung auf bie- 
jenige Stufe gelangt ift, two die individuelle Arbeit wieder möglich und nötig 
wird und an die Schaffung und Auffpeiherung von Mehrmwerten heran» 
treten Tann. 

Was unterdeijen aus der Entente geworden fein wird, entzieht ſich meiner 
Beurteilung. Eins aber fteht für mich feft: Wird Deutſchland bolſchewiſtiſch, 
jo kommt ohne weiteres eine Koalition Räterußlanb3 und Nätedeutichlands 
äuftande. Es fällt dann jede Tünftlich errichtete Scheidewand zwifchen diefen 
Staaten, die vom Schichſal und von der Natur aufeinander angewieſen find; 
Und wenn dann jchlieplich ber Hunger die Völker zwingt, zu derjenigen Arbeits- 
methode zurüdzulehren, die am geeignetiten ift, die Produktion zu fteigern 
und neue Werte zu jchaffen, dann werben Rußland und Deutichland gleich 
zeitig, fich aufeinander ftüßend, fih emporringen. Damit wird dann diejenige 
unbejiegbare politiiche Kombination gegeben fein, die immer fo nahe lag und 
immer jo künftlich verhindert wurde... Dieſe ſchwache Hoffnung joll uns mie 
ein ferner Stern blinfen bei unjerem dunklen Wbitieg. | 


Den Deutichen ins Stammbuc 


Das Mufter einer franzöfiihen Chaupiniftenzeitung ift die rohaliſtiſche 
Action francaise, einer der ärgſten Deutjchenfeinde, zugleich einer der rührigften, 
und in Verbindung mit feinen Freunden und Mitarbeitern Charles Maurras umd 
Jaques Bainville auch einer der weitſichtigſten, iſt Loon Daudet. Dieſer jchreibt 
in feinem Blatt: „ch geitehe, dab ich jeden Morgen mit Wonne Die Zahl der 
in deutſchen Nevolutionsfämpfen umgekommenen Deutichen leſe. Ich glaube kein 
ſchlechter Menſch zu fein; aber je mehr es drüben beim Erbfeind brennt, je mehr 
man ſich totſchlägt, deito zufriedener bin id. Dein deal wäre, daß fich jenfeits 
des Rheines jet ein oder zwei Jahrhunderte lang 30 Millionen deuticher Reaktio⸗ 
näre mit 30 Millionen deutjcher Revolutionären in den Haaren liegen, fi 
abſchlachten, ſich mit großen und Heinen Geſchützen bombardieren und im Namen 
bon Luther, Spartatus, Wilhelm IL, Noste, Wagner, Nietiche, Lettow⸗Vorbeck, 
Ludendorff in Moabit, Charlottenburg, Münden, Dresden, Stettin, Nürnberg 
Feuer anlegen und fich gegenjeitig auffreffen. Unordnung in Deutſchland, Ord- 
nung in Frankreich, das ift trotz Wilfon das einzige Programm des Heils.“ 

mM. 


Grengboten III 1920 20 


298 Betradtungen zur Frage der deutfhen Auswanderung 


Betrahtungen zur Frage der deutichen 
Auswanderung, befonders nah Südamerika 
Don Dr. jur. Bartwig. 


beutfchen Wolle eine Auswanderung von 20 Millionen Volle 
genofjen auf. | 
Der Zug. der Auswanderung geht nach Weiten, nach den 
Staaten Sübamerilas, einfchließlih derjenigen, die bislang mit 
Deutfchland Im Kriege geftanden oder nur bie biplomatifchen Beziehungen ab⸗ 
gebrochen hatten. 

Aber wie haben fih die Bedingungen verändert, unter benen mir jet ins 
Ausland gehen! 

Wir lommen nicht mehr als Sleichwertige zu den Staaten, bie unfere neue 
Heimat werben follen, fondern als Werbende, als Bittende um Aufnahme Nah 
jeber Richtung hin haben fih unfere Ausfichten verfchlechtert. 

Ter Wunſch der meiften Auswanderer geht erflärlicherweife dahin, möglichit 
ben biöberigen Beruf im Auslande wieder ausüben zu können. &8 Liegt aber in der 
ganzen toirtfchaftlihen und fozialen Geſtaltung der jungen füdamerilanijchen 
Zänder, daß nur ſolche Kenntniffe Ausficht auf Direfte Verwendung finden n:erden, 
Die in unmittelbarer Beziehung zum täglichen Leben ftehen, wie \Irzte, Apotheler, 
Chemiker, Ingenieure, Landwirte, Kaufleute und Handwerker der meiften Berufe 
Uaflen. Je nach dem Lande wird die Aufnahmefähigleit für den einen oder anderen 
Beruf eine größere oder geringere jein. So wird 3. B. Argentinien für Bauhand- 
werfer fein geeignetes Feld genannt werden können, weil der italienifche Fach 
arbeiter fih bier ein gewiſſes Monopol gefchaffen hat und mit Lebensbedingungen 
fih begnügt, bie dem Zulturell höher ftehenben beutfchen Arbeiter unzureichend 
erfcheinen. Ä 
Nur Denjchen mit praftifcher Auffaflung und dem Willen zu einer ver 
ftändigen Anpaſſungsfähigkeit an die Bebürfniffe Des neuen Zandes nach ben ver⸗ 
ſchiedenſten Richtungen hin haben Ausfichten. Ebenfo follten Angehörige ſchön⸗ 
geiftiger und kultureller Berufe, wie Lehrer, Zuriften, Paftoren, Philologen, Philo⸗ 
fophen und Künſtler ufm., ſich einer ſehr eingehenden eigenen Prüfung unterziehen, 
ob fie zur Umftellung für einen anderen Beruf die erforderlichen geiftigen Eigen 
haften und Vorbildung mitbringen. Als geeignete Vorkenntniffe find zunächſt 
möglichſtes Verſtehen und Sprechen der Landesiprache erforberlihd. Sodann aber 
auch allgemeine Kenntniffe bes Landes, ſowie ber Gebräuche, Gewohnheiten und des 
Charakters der Bewohner. 

Geſundheit ift überall erforderlich; gleichviel ob Die Zukunft in den gemäßigten 
oder mehr tropifchen Gegenden Tiegt. 

Das Alter fpielt Leine entjcheidende Rolle. Solange Gefundheit umd der feſte 
Wille vorhanden find, mit ben neuen Verhältniſſen fi abzufinden und in ihnen 








Betradhtungen zur Frage der deutſchen Auswanderung 299 


mit Energie die Zukunft zu ſuchen, ſo lange braucht man vor dem Gedanken einer 
Auswanderung nicht zurückzuſchrecken, wenn ſonſt die Vorbedingungen erträgliche 
ſind. Selbſtverſtändlich wird die Konkurrenz jugendlicher Kräfte immer ins Gewicht 
fallen. Aber im Auslande iſt nicht ſo wie in der Heimat der engherzige Gedanke 
vertreten, daß Menſchen in abgeklärten reiferen Jahren ungeeignete Mitarbeiter 
find, weil der Schatz der Lebenserfahrungen fie eine eigene Auffaffung der Dinge 
hat gewinnen laſſen. 

Leichter ift die Frage zu entfcheiden, über welche Gelbmittel der Aus 
mwanderer zu feinem Fortlommen verfügen muß. Wem große Mittel zu Gebote 
ftehen, wird zweckmäßig fi anderen Ländern zur Auswanderung zumenden, 
wo die Tulturellen Bedingungen angenehmere find und der Kampf ums Leben 
nit in den fchwerften Formen des Pioniertums geführt zu werden braucht. 
Bei dem Tiefftande der deutfchen Valuta, mit der man aller Vorausfiht nach noch 
für eine Reihe von Jahren zu rechnen hat, wird fchon die Frage der Überfahrt 
fowie des Unterhaltes für Die erfte Zeit eine vielleicht entjcheidende Rolle fpielen. 
Der Auswanderer wisd ganz von felbft darauf kommen müflen, den Aufenthalt 
in ben großen Städten nach Möglichkeit abzukürzen und baldigft zu verfuchen, 
fi mehr nach dem Innern aufs Land oder in die Heineren Städte zu begeben, 
wo es leichter ift Arbeit zu finden und eine Abmwartezeit weniger Toftipielig if. 
Die argentinifche Regierung, die mit einer gewaltigen deutfchen Einwanderung 
rechnet, bat für biefe ftnatlihe Aufnahmemöglichkeiten geichaffen, um den Ein 
wanberern in Buenos Aires über die erften Tage durch Toftenlofe Gewährung von 
Wohnung und Unterhalt fortzubelfen und fie dann über dag Land zu verteilen und 
an paffende Arbeitsitellen zu vermweifen. In ähnlicher entgegenlommender Form 
arbeiter beutfche "Hilfägejellichaften in Argentinien und in anderen Staaten, um 
dem Einwanderer die erwerbsloſe Zeit möglichft abzufürgen. Diefe geldlichen Ver⸗ 
hältniffe laſſen es ohne mweiteres als dringend empfehlenswert erfcheinen, entweder 
nur mit feiter Anftellung herauszugeben, wobei bie Frage der Überfahrt in einer 
der Lage des Auswanderers entgegenlommenden Weife gelöft zu werden pflegt, oter 
zum minbdeften fih brüben vorher einen Anfchluß au fuchen, der die Arbeits- 
beichaffung vorbereitet oder mwenigftens durch Aufnahme und Verpflegung Die 
Exiſtenz in der erften Zeit ficherftellt. ebenfalls kommt das deutfche Geld bei der 
mirtfchaftliden Durchfchnittslage der Auswanderer als Anlagelapital nicht in 
Trage. Der Deutfche wird auch draußen zunächſt zum bloßen Arbeitstier ver⸗ 
urteilt fein. 

Die neuzeitliche foziale Entwidlung in Deutfchland hat auch der Frau eine 
Fülle von Arbeitsmöglichleiten gebracht, fo daß auch an rauen, die ohne Familie 
Daftehen, der Wunfch nach einer Auswanderung berantritt. Someit aber Sübamerila 
in Stage kommt, ift die Zeit für eine mirtfchaftliche Betätigung der Frau noch 
nicht gelommen. Frauenarbeit außer dem Haufe ift noch fo gut mie unbelannt. 
Gewiß arbeiten auch in manchen Staaten Südamerilas ſchon Fabriken und Werk⸗ 
ftätten mit weiblicher Arbeitskraft. Aber eine Konkurrenz mit diefem einheimifchen 
Berfonal ift für bie deutfche Frau aus den verjchiedenften Enden, nicht zum 
mindeften des Klimas wegen, außgefchloffen. 

Die Auswanderung der Frau wird Daher nur im Rahmen ihrer natürlichen 
Beftimmung, ber Familie, in Frage lommen. Und nad) diefer Richtung hin mird 

20* 


800 Betrachtungen zur Stage der deutfhen Auswanderung 


die Frau eine Aufgabe zu erfüllen haben, die fie weit über den Rahmen einer auf 
fih angewiefenen Urbeitskraft ftellt. Wenn ein neues Auslandsdeutihtum fi 
lebenskräftig entwideln und durchſetzen joll, fo ift dieſes nur mit Hilfe der 
deutichen Hausfrau zu erzielen. Es muß in Zukunft vermieden werden, daß ber 
deutfche Mann aus Mangel an deutfchen Frauen eine Mijchehe eingeht, bei der, 
wie auch die Beifpiele in der Diplomatie zeigen, der Dann der rafjenunterliegende 
Teil zu fein pflegt und die Kinder mehr dem fremdländifchen Weſen der Mutter 
folgen. 

Daher wird es von den beutfchen Auslanbäfreifen mit befonderer Freude 
begrüßt werben, wenn deutjche Mädchen Anfchluß an das Lebensſchickſal der aus- 
landsdeutſchen Männer fuchen werden und für diefen Beruf die erforderliche Vor: 
bildung mitbringen: gute Wirtichafterin im Haufe; Vertrautfein mit Kranken⸗ und 
Kinderpflege; Befähigung zum Unterricht der Kinder je nach der Stellung bed 
Mannes im neuen Wirtfchaftskreife. Wir brauchen zu diefem Zwecke in ber Heimat 
eine Vermittlungsſtelle, die von praktifchen hochherzigen rauen mit großer Aus 
landserfahrung geleitet, Dem Auslandsdeutichen mit Nat und Tat zur Hand geht 
und in der Lage ift, beiden Teilen Vorfchläge zu machen und die Belanntfchaft 
anzubahnen. | 

Für den Entichluß zur Auswanderung und die Prüfung der Eignung find 
aber noch eine Reihe von Digmenten ins Gewicht fallend, die früher nur von unter: 
georbneter Bedeutung oder überhaupt noch unbelannt waren. 

Bei dem regen und friedlichen Handelsverkehr vor dem Kriege traten Anti: 
pathien und Sympathien nicht fo in die Erfcheinung. Der gute Gang des Gefchäfte 
überbrüdte manche Gegenfäge. Bequeme Reifemöglichkeiten jorgten für gegenjeitiges 
Sennenlernen; die Preffe vermochte noch nicht aus politifchen Gründen den Süd- 
amerifaner und Deutjchen nachhaltig zu verheten oder zu entfremden. Go jpielte 
auch die Stellungnahme der augländifchen Regierung zum Auslandsdeutſchen noch 
feine fühlbare Rolle. Wenn nun auch die füdamerifanifchen Staaten im allgemeinen 
feine tiefgehende feindliche Neigung bekundet haben, jo muß man bei manchen, wie 
Uruguay, Peru und Brafilten doch noch mit Nachwirkungen des Preſſefeldzuges 
rechnen, den die Landespreſſe im Anfchluß und auf Veranlaffung der alliierten Preſſe 
geführt hat. Diefe Nachwirkungen darf man aber nicht zu hoch einfchäßen; dem 
im Volke hatte ein Haß oder eine tiefergehende Abneigung nicht Wurzel gefchlagen. 
Gewiß haben mandye Staaten verfchärfte Cinwanderungsbeftimmungen erlaffen. 
Aber deren Beftimmungen richten ſich nicht gegen den Deutfchen ala folchen, fondern 
gegen die Einwanderung unliebfamer oder ftantsgefährlicher Elemente; in erfter 
Linie gegen Bolſchewiſten. In dieſer Beziehung find allerdings Die Deutfchen dem 
Südamerikaner verdächtig und er ſchließt fie in. Die ftrengen Vorfichtgmaßregeln ein, 
Die er zum Schube feiner eigenen Heimat getroffen bat, und bie zu einem Schuß 
und Austaufchverhältnis der ſüdamerikaniſchen Staaten untereinander geführt haben. 
Wenn der Südamerifaner aber erft fieht, daß unter den neuen Einwanderern bie 
Beiten des beutichen Volkes vertreten find, wird er fehr raſch auch dem Neu 
ankömmling die herzlichen Sympathien entgegenbringen, die der Deutfche bisher 
genoffen hatte. Denn der Südamerifaner ift ein urfonfervativer Charakter, der ald 
herborragendfte Eigenschaft eine glühende Vaterlandsliebe befitt, die dem kühlen 
Nordländer manchmal über da8 Ziel Hinauszugehen ſcheint. Cr mird 


Belrahtungen zur frage der deutfhen Auswanderung 301 


bald bemerfen, dab er alter beuticher Gefinnung gegenüberftht. Man 
darf nicht vergeflen, wie auf den patriotifchen GSüdamerilaner, dem fein 
Baterland Heilig ift, die Diskreditierung Deutſchlands gewirkt hat, die von 
Deutfchen ſelbſt ausgegangen if, Bethmans tmeimerndes Geftändnis von Der 
Vergewaltigung des „armen Kleinen Belgiens“; Erzbergerß Friedensichluß mit der 
Auslieferung der Handelsflotte, auf der jeder Sübamerilaner Deutjchlands Über- 
feehandel und Reichtum aufgebaut fah; die Belobigung deutſcher Delegierter auf 
dem Pazifiſtenkongreß in Bern wegen ihrer Anerfenntnis von Deutſchlands Schuld; 
der liebedienernde Unterfuchungsausfhuß gegen Deutfchlandg befannte Männer: 
alle derartigen Momente haben dem deutſchen Anſehen einen Stoß gegeben, der 
hbemmend der Wiederanbahnung des alten Vertrauens fidy entgegenftellt. Der 
Wiedereintritt Erzbergerd in den Reichstag wird eine erneute Belaftungsprobe fein! 

Man hat vielfach behauptet, daß ber Deutjche, wie überhaupt im Auslande, 
fo auch in Südamerika unbeliebt geweſen fei. Selbftverftändlich hat es ftet3 Deutfche 
gegeben, Die fich unbeliebt gemacht haben; aber diefe bildeten Die Ausnahme. Das 
gegen war — es ſei bier nur an die „Zurburgiaden” erinnert! — die beutjche 
Regierung in ihrer ausmärtigen Vertretung nicht immer beliebt oder angejehen; 
und über da3 Auswärtige Amt hat man im vertrauten Kreife oft nur Worte der 
Mißbilligung oder Nichtahhtung gefunden. Wilſons Außerung, daß er nicht gegen 
das deutſche Voll, jondern gegen Die beutfche Regierung Tämpfe, entiprach pſhcho— 
logiſch der Auffaffung weiter neutraler und jüdamerilanifcher Kreiſe, und fiel Daher 
fo vielfach auf gläubigen und fruchtbaren Boden. Man glaubte ja auch Wilfon fo 
gern in Deutfchland, weil man bier in ber breiten Maſſe noch auf einer fo niedrigen 
Stufe politifcher und volkspſychologiſcher Einficht fteht; man hielt aber auch in 
Südamerila eine derartige Gefinnung Wilfons für nicht ausgeſchloſſen, weil fie der 
eigenen Auffafiung jo nahe fam und fi) auf verwandter Auffaffung gründete. Im 
übrigen hat man aber von jeher Wilfon als ganz geriebenen Politiker erfannt, der 
gewiſſenlos biufft, wo er e8 im politifchen, d. h. finanziellen Intereſſe feines Landes 
bzw. feiner Auftraggeber für angebradyt hält. Man wird unter den Südamerilanern 
vergeblich Leute fuchen, die, mie Profeffor Bonn oder Harden oder ein großer Teil 
unferer Preſſe, fich teils aus kindlichem Glauben, teild aus Reklamebedürfnis für 
eine Apotheoſe Wilfons hergegeben haben. Ein „zweiter Stern von Bethlehem” 
war Wilfon nur gemwiffen Deutfchen! 

Auch beim Auslandsdeutichen wird der Neuankömmling nur auf ſehr zurück⸗ 
haltende Aufnahme rechnen dürfen. Die Berichte aller Reiſenden lauten ganz 
gleichmäßig, daß der Empfang ein überaus kühler geweſen ſei und eine 
ſehr genaue Prüfung daraufhin ftattfinde, welcher Gefinnung ber Neue 
ſei. Erft wenn die Legitimation als Deutfcher im alten Sinne erbracht ift, Tann 
auf eine herzliche Aufnahme gerechnet werden. Draußen gibt es nur eine Flagge 
‘ „Ichwargsweißsrot”, unter der Deutichland in Anfehen und Handel groß geworden 
if. „Schwarz⸗rot⸗gold“ iſt für draußen eine Parteiflagge, für die man auch nicht 
das mindefte Verftändnis zeigt. Draußen bleibt man ben alten $arben treu, meil 
man fie Tiebgemonnen hat. Wenn der Deutjche im Auslande „ſchwarz⸗weiß⸗rot 
flaget, und die deutſche Vertretung „Ichtwarzsrot-golb“, To ift ein bemußter und 
offenfichtlicher Gegenſatz da, Der feine Rückwirkungen zeitigen muß. 

In der Stellung der Deutjchen zueinander draußen hat ber Krieg daß Gute 


302 Setrahtungen zur Srage der deutfchen Auswanderung 


gehabt, daß die Eigenbrödelei etwas zurüdgetreten ift. Die gemeinfame Not auch im 
Erwerbsleben hat Die Geifter einander ſich nähern Taffen und zur Gründung deutfcher 
Handelskammern geführt, mas vor dem Sriege kaum möglich erfhien. Natürlich 
wird der Sonkurenzlampf auch unter den Deutjchen nicht außbleiben und die ein- 
gejeflenen Deutichen werden zunächſt einmal ſelbſt zufehen, wieder in auskömmliche 
Stellungen zu gelangen, ehe fie dem Neuling die Wege zu gut bezahlten Stellungen 
eben werden. Aber auch das wird nur eine Übergangszeit jein. 

Mit der Auswanderung findet aber feine Löfung des Ausmandernden von ber 
Heimat jtatt, fondern er bleibt noch mit einer Fülle von Fäden mit der Regierung 
und den Gejegen in der Heimat verbunden. Betrachtet die alte Negierung den 
Auslandsdeutfchen mehr ala Verwaltungsobjekt, fo erblict Die neue Regierung nad 
Erzbergerfchem Rezept in ibm nur ein Steuerobjeft, das möglichft ausgiebig und 
lange zu „erfaffen“ il. Ron dem gewaltigen piychologifchen, mirtfchaftlichen und 
politifchen Werte eines ſtarken Auslandsdeutichtums dämmert auch Heute noch nicht 
die mindefte Ahnung Man fieht im Auslandsdeutichen und Auswanderer heute 
nur jemand, der die Segnungen und Errungenschaften der Neuzeit nicht an⸗ 
erfennen und der fich der Befteuerung entziehen will; aljo ein Individuum, das man 
ohne Beitrafung nicht in die Fremde ziehen laffen fol. Dean verfolgt fein Ergehen 
und Schickſal draußen nur vom Standpunkte hoffentlich fich fteigernder Steuerkraft. 

Auch auf dem Gebiete des Strafrecht? wollte man ala Gegenftüd zur doppelten 
Befteuerung eine doppelte Beitrafungsmöglichkeit vornehmen, indem der „Vorentwurf 
zu einem neuen deutſchen Strafgefeßbuch” beabfichtigte, den Deutfchen auch dann 
‚zur ftrafrechtlichen Berantwortlichleit zu ziehen, wenn.er im Auslande eine Tat 
begangen haben follte, die zwar nach dem augländifchen Recht nicht ftrafbar, in 
Deutfchland aber jtrafbar war. Man begründete diefe eigenartige Auffaffung Damit, 
daß fo gut wie das Steuerrecht auch das Strafrecht dem Deutſchen ins Ausland 
folgen müffe! 

Man vergißt fo völlig, daß der Deutiche draußen auf einſamem Poſten fteht. 
Denn hinter ihm Tiegt eine Heimat, deren Evangelium die Snternationale ift; eine 
Regierung, deren Devife lautet: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch”, ein 
Barteiftaat, fein Raffenitaat. 

Die amtliche Vertretung draußen aber kann wie früher nur im Rahmen der 
Direktiven und Erwägungen des Auswärtigen Amtes tätig fein. Und mie es mit 
biefem beftellt ift, welche Ausfichten die Neorganifation bietet, davon ſchweige die 
Höflichkeit! So muß der deutfche Pionier nicht nur gegen fein perfönliches Schickſal 
anfämpfen, fondern auch gegen die Nachteile feiner Regierung unb Die Verblendung 
und Sdeologie in der Heimat. 

Gegen einen großen Teil diefer Schwierigkeiten würde nun die Naturalifation 
und Aufgabe der deutfchen Stantsangehörigfeit einen Ausweg bieten. So, wie bie 
Verhältniffe jet Tiegen, tft anzunehmen, daß von den Neueingewanberten meit- 
gehender Gebraud) von dieſem Aushilfgmittel gemacht werden wird. Die Naturali- 
fation wird es geftatten, für die Zufunft der Kinder arbeiten zu können, und troß 
ber neuen Staatsangehörigkeit in erhöhtem Maße für das Deutſchtum tätig zu fein. 
Denn die Zugehörigkeit zum neutralen Staate ſchützt in gleicher Weife vor Be 
Yäftigungen durch Die Entente, wie durch eine Regierung in'der alten Heimat, bie 
nur darauf wartet, dem Rückwanderer fpäter einen Teil feines fauer erworbenen 


Betrachtungen zur Srage der deutfhen Auswanderung 803 


Befites ala Vermögenszuwachs und zur Beftreitung fozialiftifcher Ausgaben abzu⸗ 
fnöpfen. Mancher aber, der diefen Ausweg nicht wählen will, wird ein neutraleg, 
Deutſchland benachbarteg Land als Ruheſitz für fein Alter erwählen. 

In der Durch Aufgeben des deutſchen Indigenates Tiegenden Kapitalabwande⸗ 
rung oder Entziehung kann aber nicht einmal ein Nachteil geſehen werden, da das 
Geld mit erhöhter Bereitwilligkeit deutſchwerbend angelegt werden kann und in der 
Betätigung bei deutſchen oder dem deutſchen Intereſſe dienenden neutralen Unter⸗ 
nehmungen dem Deutſchtum mehr Zinſen tragen wird, als wenn es zur Unter: 
ſtützung von Arbeitsloſen oder zur Durchführung irgendwelcher Utopien verſchleudert 
würde. Sollten aber im Laufe der Jahre in Deutſchland wieder Zuſtände eintreten, 
die dem Auslandsdeutſchen eine Rückkehr in den Staatsverband wünſchenswert er⸗ 
ſcheinen laſſen, jo wird beiden Teilen mit der gegenſeitigen Zugehörigkeit gedient fein. 
Der Sübamerifaner aber wird für ein Aufgeben des deutfchen Indigenates aus den 
eben ſtizzierten Gründen ein volles Verſtändnis haben und begreifen, daß damit nur ein 
äußerer Wechſel der Flagge ftattfindet, mährend der ern der alten Flagge treu bleibt. 

Die Verbindung eifie Landes mit feinen Landeskindern draußen beruht aber 
nicht nur auf der ideellen Zugehörigkeit, fonbern auf dem Austaufch materieller 
Güter. Die Entwidlung der deutfchen Wirtſchaft wird aljo von grundlegender Be⸗ 
deutung für die Möglichkeit eines praftifchen Zuſammenſeins mit den Angehörigen 
draußen fein. Nach diefer Richtung Hin find die bisherigen Anſätze Teider wenig 
bertrauenerwedend. Die deutſche Ware wird nicht nur unregelmäßig, fondern auch 
unzuberläffig geliefert, indem weder Lieferungsfriften noch Zahlungsbedingungen 
innegehalten werben. Der Kaufmann brüben kommt vielfach in peinliche Verlegen- 
heit, weil der beutfche Lieferant im letzten Augenblid nicht Liefert oder einen Preis⸗ 
auffchlag fich erlaubt, der direkt zum Fallenlaſſen ber deutſchen Ware anreizt oder 
veranlaßt. 

Der Einfluß wirtſchaftlich falſch aufgefaßter Sozialiſierungsbeſtrebungen und 
das offenſichtliche Beſtreben ber radikalen Arbeiterſchaft, das Experiment des Räte⸗ 
ſyſtems trotz ber ruſſiſchen Erfahrungen auf Deutſchland zu verpflanzen, werben 
weitere Etappen für das Ausland ſein, auf das noch mehr Ungewiſſe der Lieferung 
deutſcher Waren in Zukunft zu verzichten, als es ſchon jetzt der Fall iſt. So iſt 
letzten Endes die Arbeit des Auslandsdeutſchtums auf das engſte mit der politiſchen 
Einſicht des deutſchen Arbeiters verknüpft. 

Die Stellungnahme der Entente zum Auslandsdeutſchtum iſt zunächſt noch un⸗ 
geklärt. Anſätze ſind vorhanden, die Pionierarbeit der Deutſchen draußen nach 
Möglichkeit zu erſchweren. Es muß aber doch ſehr erheblichen Zweifeln unterliegen, 
ob e8 fi) mit dem SIntereffe der Entente felbit verträgt, den Handelskrieg ad 
infinitum fortzufeßen. 

Zunächſt aber ift in Deutfchland noch alles in Gärung begriffen, und niemand 
meiß, wohin endgültig die Fahrt gehen fol. So muß denn der Aufbau von Aug- 
landsdeutſchen vorbereitet und begonnen werden, um der Heimat wieder Die Führung 
zu überlaffen, menn eine Konfolidierung der Verhältniffe eingetreten fein wird. 
Zeit ift nicht zu verlieren; denn Zeitverluft bedeutet nach ben Erfehütterungen bes 
Weltkrieges mehr denn je nicht nur Geldverluft, fondern ſchwerſte Gefährdung der 
Zukunft. So muß denn zum Wiederaufbau Deutfchlands, ähnlich mie. Damals in 
DOftafien, der Auf ergehen: „Deutfche Auslandspioniere an die Front!“ 


304 Die Marine eine Notwendigfeit für das Deutfche Reich 


Die Marine eine Notwendigkeit für das Deutſche Reich 


Don Admiral 3. D. Bachmann 


ein an der See gelegener Staat kann ohne eine der Ausdehnung 
| jeiner Küften und feiner mwirtfchaftlichen Bedeutung entjprechende 
Seemacht auskommen. Das wird dur die Gefchichte aller in 
Frage kommenden Staaten bewiefen. Syn dem politifch zerjtüdelten 
und nur mit feinen nördlichſten Zändern an das Meer grenzenden 
— hat feit Sahrhunderten eine fontinentale Auffaſſung vorherrſchen und 
der Srrglaube auflommen fönnen, der Deutſche vermöge ohne Kriegsflotte, nur 
gefichert durch ein tüchtiges Heer, in Ruhe zu leben. Diefer Glaube hat ſich immer 
wieder verhängnisvoll erwieſen, wie unfere Gejchichte zeigt. Stets von neuem ergab 
fich unter dem Zwang der Verhältniffe die Notwendigkeit, gine Flotte zu bauen. Es 
braucht nur an die Schaffung der Kriegsflotte des Großen Kurfürften, an die deutiche 
Bundesmarine, die Preußifche und Schlegmig-Holfteinifche Marine, die Marine des 
Norddeutfchen Bundes (feit 1866) und fchließlich an die Kaiſerlich Deutfche Marine 
(jeit 1871) erinnert zu werden. Alle diefe Schöpfungen mwaren feine Tünftlichen, 
etwa der LZiebhaberei eine Herrſchers oder der vorübergehenden Laune der öffent 
lihen Meinung entfprungenen Gebilde, fondern fie find zwangsläufig entitanden, 
um dem Staat die feinen LXebensbedürfniffen entiprechende .militärifche Macht zur 
See zu verſchaffen. Wollte man dieje biftorifche Erfahrung ımbeachtet Iaffen und 
die und aus der letten großen Flottenentwidlung noch gebliebenen Marinemerte 
(Schiffe, Perfonal, Marineanlagen, Erfahrungen) preisgeben, fo wäre das, ebenfo 
wie ein etmaiges Wbreißenlaffen der Zoftbaren Tradition, nicht zu verantivorten. 
Früher oder jpäter würde ficherlich die zwingende Notwendigkeit eintreten, alles von 
neuem aufzubauen, und dann einen weit höheren Preis zu zahlen, als die Erhaltung 
des Vorhandenen jet koſtet. | 

Man hört hin und wieder die Anficht, für die Marine, wie fie ung durch den 
Friedensvertrag gelafjen worden ift, lägen feine ihrer Größe entfprechenden 
wichtigen Aufgaben vor, ja es wird biömweilen behauptet, wir könnten unter den 
jegigen Verhältniffen ganz ohne Marine auskommen. Die Iettere Anficht wird 
ichon durch das in der Einleitung Gefagte widerlegt. Was die der Marine jett und 
jpäter zufallenden Aufgaben anlangt, fo follen fie nachfolgend in Kürze behandelt 
werden. 

Selbftverftändlich ift unfere jetige Kleine Marine nicht imftande, Seekriege 
gegen flottenftarfe Staaten zu führen. Das haben unfere Feinde durch das uns 
zugebilligte enge Ausmaß unferer Seerüftung mohlweislih unmöglich gemacht. 
Troßdem bleiben aber noch mannigfache wichtige Aufgaben übrig, die für unjere 
jegige Marine erfüllbar find und die ohne fie gar nicht geleitet werden fönnen. 

Sieht man ab von der noch in Gang befindlichen umfangreichen und zeit- 
raubenden Arbeit des Minenräumens, die bei der beträchtlichen Ausdehnung der 
von uns zu reinigenden Seegebiete ficher noch ein Jahr in Anfpruch nehmen wird, 
jo find von der Marine dauernd die folgenden Aufgaben zu erfüllen: 





ua A 


Die Marine eine Notwendigkeit für das Deutfche Neid, 305 


1. Siderung der ftaatlihen Ruhe und Ordnung im 
KRüftengebiet. 


Diele Aufgabe mwürde bei dem Fehlen einer Marine von unferem im Ver—⸗ 
bältnis zur Größe des Reiches ungemein befchräntten Heere gar nicht zu Ieiften fein. 
Was follten wohl Landtruppen gegen Aufrührer im Küftengebiet machen, wenn diefe, 
wie es fo nahe liegt, daS Waller ald Bafis und Zufluchtsftätte ausnuten und ſich 
auf dem Waſſerwege mit Zuzug und Verforgung verjehen? Nur durch Kriegsfahr⸗ 
zeuge, die von der Waſſerſeite eingreifen, Tann in ſolchen Fällen der Widerftand 
gebrochen werden. Schon ihr bloßes Erfcheinen kann die gewünschte Wirkung haben, 
wie wir es im vorigen Jahre in Emden, Bremen und Hamburg und in dieſem 
Frühjahre in Stettin gejehen haben. — Die wiederholt aufgetauchten Nachrichten 
über eine von den ruffiichen Bolſchewiſten beabfichtigte Landung auf Rügen, mit 
dem Zwecke, biefe Inſel als Bafis für die Ausbreitung der „Weltrevolution” über 
Deutichland zu benugen, mögen bewertet merden mie fie wollen; jedenfalls find fie 
infofern beachtenswert, als ein folder Plan keineswegs ſchwer ausführbar fein 
würde, wenn Teine deutſche Marine vorhanden wäre, um feine Ausführung zu ber- 
hindern. 


2. Überwahung der deutfhen Hoheitögemäffer. 

3u den Hoheitögemäflern eines Staates gehören die Teile des vor feinen 
Küften Tiegenden freien Meeres außerhalb der Watten, Inſeln und Einbuchtungen 
bis zu 3 Seemeilen Entfernung vom Ufer. Die Überwachung dieſer Zone iſt Die 
Shliegenheit des betreffenden Staates; für die deutſchen Hoheitsgewäſſer fällt fie 
alfo dem Reiche zu. Die Überwachung bat den Zweck, Neutralitätöverlegungen 
feiten3 Triegführender Staaten zu verhindern. Für Neutralitätsverlegungen in 
unferen Hoheitsgewäfjern könnten und würden wir verantwortlich gemacht werben. 
Bir Tönnen Kriegsſchiffe der kriegführenden Mächte nur dadurch von ſolchen Neu⸗ 
tralitätsverlegungen abhalten, daB wir unfere Hoheitsgewäſſer durch gefchulte 
Marinebeobachtunggitellen, Patrouillenfahrzeuge, feebereite Kriegsſchiffe und 
Feſtungswerke dauernd überwachen laſſen. Im Weltkriege haben die in der Nähe 
der Keriegsſchauplätze gelegenen neutralen Staaten ihre Marinen, lediglich zur Tiber- 
wachung ihrer Hoheitsgewäſſer, in einem mobilmachungsähnlichen Zuftande ge 
halten, mit dem Erfolge, daß ihre Gewäſſer von den im Kriege befindlichen Parteien 
forgfältig refpeltiert wurden, mas fonft faum der Fall geweſen fein würde. 


3. Verteidigung unferer Rüften gegen Anneriondgelüfte 
benadhbarter Lleinerer Geejftaaten. | 

Der Völlerbund foll eine Art ewigen Friedens gemährleiften und Vergewal⸗ 
tigungen des einen Staates durch den andern unmöglich machen. Wie e8 damit in 
der Praxis werden wird, wollen mir dahingeſtellt jein laſſen. Tatſache wird es 
jedenfalls bleiben, daß die unmittelbare Abmehr eines Tiberfalles ftet3 Dem einzelnen 
Staat überlaffen bleiben muß, ſchon weil der Apparat des Völlerbundes zu Tpät 
funktionieren würde, um einem überrajchenden Angriff entgegenzutreten. Er—⸗ 
fahrungsgemäß läßt fih auch eine Maßnahme leichter verhindern ala rüdgängig 
machen. Sn diefer Hinficht follte und der Verluft Poſens ein marmendes Beitpiel 
bleiben. — 


306 Die Marine eine Motwendigfeit für das Deutfche Reich 


Die Verteidigung der deutjchen Küfte wird fih Tünftig nicht Leichter, ſondern 
fchiwieriger geftalten ala bisher. Früher war die Danziger Bucht einer Der weſent⸗ 
fichften Stützpunkte in unferer Küftenverteidigung; heute ift fie in polnifchen Händen 
und damit zur Bedrohung der anliegenden Teile der deutjchen Küfte geworden, 
namentlich der ojtpreußifchen, die durch Unterbrechung der Landverbindung vom 
Hauptlande abgetrennt if. In der Flensburger Föhrde liegt jet däniſches Gebiet 
faft in Rufweite unferer Küfte gegenüber und an der weſtſchleswigſchen Seite tft 
das Nordufer des wichtigen Lifter Tiefs in däniſchem Belit. Das alles find neue 

Gefahrmomente für Die Sicherung unferer Küften gegen Überfälle. 

Dazu kommt, daß wir nicht mehr über die ala Beobachtungs- und Verteidi⸗ 
gungsmittel wertvolle Waffe des Unterjeeboots verfügen und daß die Mine infolge 
der während des Krieges erfundenen Schutmittel der Kriegsſchiffe ftark entwertet 
it Eine rein artilleriftiiche Verteidigung unferer Tanggeitredten Küfte iſt aus- 
geichloffen, ganz abgefehen davon, daß wir feine neuen Süjftenbefeftigungen anlegen 
dürfen. Erft recht ausgeſchloſſen ift eine Verteidigung durch Zandtruppen allein. 
Der beivegliche Angriff von See her kann — vielleicht einzelne befondere Fälle aus⸗ 
genommen — nur mit GSeeitreitfräften abgewehrt werben. Daher ift zur Ver 
teidigung unferer Küſte, felbft gegen die Flotten unferer Tleinjten Nachbarn, eine 
Marine von gewiſſer Größe und Leiftungsfraft unentbehrlich. 


4. Siherung der Seewege für unfere Schiffahrt und 
unjferer Verbindung mit Oftpreußen. 


Unfere Schiffahrt ift nad Auslieferung unferer für ben transozeaniſchen Ver: 
fehr geeigneten Handelsflotte bis auf meiteres der Hauptfache nach Kleinſchiffahrt 
und ihre Hauptverfehrämwege kreuzen bie Oftfee. Dieſe Oftfeefchiffahrt ift unter den 
jetigen erbältniffen für ung von höchfter Bedeutung. Sie muß um fo mehr ge 
fördert, behütet und beifhütt werden. Ohne den Schuß einer beutjchen Kriegs⸗ 
flotte märe fie der Willkür felbft der kleinſten Oftfeeftanten ausgeſetzt. Staaten mie 
Lettland und Eſthland könnten es fich einfallen Iaffen, ein paar Hanbelsfchiffe mit 
Kanonen auözurüften und auf unfere unbeſchützten Handelsſchiffe Toszulaffen. Finn 
land hat fich bereits aus Teilen ber früheren ruſſiſchen Kriegsflotte eine eigene Kleine 
Marine organifiert. Polen erhält von der Entente jett eine Kriegsflotte aus 
modernen Kreuzern und Torpedobooten, Die und im Friedensvertrage abgenommen 
worden find. Somjetrußland befitt noch moderne Kriegsſchiffe aller Größen, vom 
Dreadnoughttyp abwärts big zum Torpebo- und Unterfeeboot. Mobilifiert es auch 
nur einen Teil davon gegen ung, fo ift unfer Verkehr über See auf das emit 
gefährdet. | = 

Dftpreußen ift durch feine Abtrennung vom deutfchen Hauptlande zu einer 
Inſel geworden. Werben die nach Oftpreußen führenden Zufahrtsmege über See 
abgejchnitten, fo tft e8 verloren; denn, um fi) gegen Angriffe halten zu fönnen, 
braucht Die Provinz Verftärkung durch Truppen und Iaufende Zufuhren an Kriegs 
gerät, Munition und anderen für die Kriegführung nötigen Gegenftänden. Der 
einzige für folde Zufuhren in Frage kommende Hafen Oftpreußens ift Pillau. 
Diefes Tiegt an der von Polen beherrfchten Danziger Bucht. Nur wenn mir eine 
eigene Marine haben, welche die polnifche Flotte unbedingt in Schach zu halten 


Die Marine eine Xlotwendigfeit für das Deutfche Reich 807 


vermag, lönnen wir darauf rechnen, die lebenswichtige Verbindung mit Oftpreußen 
aufrechtzuerhalten. 


5. Siherung gegen Blodade durch Tleine GSeeftaaten. 

Ein Staat, der feine Kriegsflotte befitt, ift der Abfperrung zur See ſelbſt 
feiteng der Fleinften Seemacht ausgeſetzt. Es braucht nur daran erinnert zu werden, 
mie das Kleine Dänemark im Jahre 1864 die gefamte deutſche Schiffahrt und See— 
filcherei durch Blodade Tahmaulegen vermochte. Was eine Blodade Heutzutage 
bedeutet, haben wir im Weltfriege zur Genüge zu fühlen bekommen. Selbſt ohne 
eigentlichen Kriegszuſtand Tann die Blodade als Drudmittel zur Durchſetzung 
irgendwelcher Yorberungen angewandt werden. Mit dem Kriege zu Lande darauf 
zu antworten, ift nur unmittelbaren Nachbarn gegenüber möglich und hängt außer- 
dem von ber jeweiligen politifchen Gefamtlage ab. Nur wer eine eigene Seemacht 
befigt, Tarın dem Gedanken einer Blodade borbeugen und den Verſuch eines folchen 
Drucmittelö vereiteln. 

6. Auslandsdientft. 

Eines ber wirkfamften Mittel, Beziehungen zu überfeeifchen Ländern anzu= 
knüpfen und zu pflegen, ift von jeher die Entjendung und Stationierung von 
Seriegsfchiffen über See geweſen. Natürlich vermag ein modernes und ſtarkes 
Schiff einen günftigeren Eindrud von der technifchen und militärifchen Leiſtungs 
fähigkeit des Heimatſtaates hervorzurufen, ala ein älteres und ſchwächeres; aber 
ſchließlich kommt es nicht fo fehr auf den Gefechtömwert des Schiffes an ala auf fein 
gutes Auöfehen, feine feemännifch geichidte Führung, die einwandfreie Haltung 
feiner Beſatzung, die Bildung und Weltgemandtheit feiner Offiziere, die ala Grad» 
meſſer für die Beurteilung der heimischen Nation betrachtet werden. Die von einem 
Seriegzichiffe getragene Flagge hat ihre Bedeutung nicht nur gegenüber dem über- 
jeeiichen Auslande, in dem fie erfcheint, jondern nicht minder auch gegenüber den 
eigenen dort wohnenben und wirkenden Volksgenoſſen, ganz bejonderd nach einem 
unglüdlichen Stiege. Das Deutfchtum im Auslande wird nach der jet leider zu 
erwartenden Auswanderung zahlreicher Volksgenoſſen eher zu» ala abnehmen. Ihm 
die Stellung im Auslande zu erleichtern und mit ihm das verfnüpfende Band zum 
Setmatlande herzuſtellen, Tann es fein beſſeres Mittel geben, als das recht häufige 
Auftreten deutfcher Kriegsſchiffe über Ser. 


7. Rulturaufgaben. 

Bei allen feeführenben Nationen ift e8 ein zweckmäßiger Brauch, Die See 
bermeffung, das Seekartenweſen, den Wetter- und Handelsnachrichtendienſt, die 
Fiſchereibeaufſichtigung und die Kabelpolizei — Tettere beiden auf Grund inter 
nationaler Verträge —, ferner wiſſenſchaftliche Forſchungsreiſen in den Weltmeeren 
Durch die Marine ausführen zu laffen. Auch zur ftaatlichen Hilfeletftung bei Un- 
glüdsfällen auf See, bei Eisgefährbung der Schiffahrt u. dgl. pflegt die Marine 
herangezogen zu werben. Deutichland wird zur Erfüllung folcher Sulturaufgaben 
ebenfall3 von feiner Marine Gebrauch machen müffen. 

Auf den für Die Löfung der vorjtehend erörterten Aufgaben erforderlichen oder 
mwünfchensmwerten Umfang ber deutfchen Marine fol im Rahmen dieſes Aufjahes 
nicht näher eingegangen werden. Diejer Umfang ift uns durch den Friedensvertrag 
zunächft vorgefchrieben und mit ihm haben wir ung daher abzufinden Das tft klar, 


308 Das Rätfel der Marneſchlacht 

daß unfere Gegner den Umfang unjerer Marine im Friedensvertrage auf das 
Mindeftmaß begrenzt haben, da3 fie felbjt für unfere Bedürfniffe ala unerläßlich 
anjehen. Aber bei intenfiver Schulung und geſchickter Organifation und Aus- 
nußung des und Gelaffenen werden wir die der Marine zufallenden Aufgaben im 
weſentlichen erfüllen fönnen. Halten wir unfere Marine innerhalb der uns auf: 
erlegten Grenzen qualitativ auf größtmöglicher Höhe, fo bleibt bei der Intelligenz 
und den technifchen Fähigkeiten unjeres Volkes auch eine jpätere Vergrößerung ftet3 
im Bereiche der Möglichkeit. Cine tüchtige, gejchulte Marine ift, ſelbſt bei be 
grenztem Umfange, ftet3 ein Machtfaftor, was in Hinficht auf unfere Bündnisfähigkeit 
wohl zu beachten if. Würden mir jetzt die Marine verfallen laſſen oder gar auf: 
geben, jo würden mir damit eine Verantwortung vor unjeren Kindern und indes: 
findern auf uns nehmen, die wir nicht zu tragen vermöchten. Eine Flotte läßt ſich 
nicht improvifieren, viel weniger als ein Heer, jchon deswegen nicht, weil ihr Aus— 
bau, perfonell und materiell, Zahrzehnte in Anfpruch nimmt. Daher muß der Ge 
danke, auch nur etwas preißzugeben von dem, was felbjt unfere erbitterten Feinde 
uns nicht nehmen zu können glaubten, meit von uns gewieſen werden. 





Das Aätjel der Marneichlacht 


Don ©berft a. D. Servaes 


Der nachſtehende Auffag wurde uns bereit? Anfang Auguſt zur Ver: 
fügung geftelt, vor dem Erſcheinen des Werkes „Marnefchlacht und 
Tannenberg“ von General v. Yrangois, das in der Beurteilung der Mare: 
Ichlacht zu denſelben Ergebniffen gelangt, wie die nachftehenden Aus- 
führungen, und von dem Verfaſſer derjelben inzwifchen im „Tag“ gewürdigt 
worden ift. D. Red. 


achdem außer den Führern der 1., 2. und 3. Armee auch der General: 
A ſtab fich in zwei Schriften zur Marnefchlacht geäußert hat, kann da3 
„Rätjel der Marneſchlacht“ ſoweit als gelöft gelten, als dies ohne 
Veröffentlihung der franzöfifchen und englifchen Archive möglich 
ift. Es liegen ja auch ſchon von franzöfifchen und englifchen Heer- 
führern Ausführungen über die Ereigniffe bis Mitte September 1914 vor. m 
nachitehenden foll nun verfucht werden, auf Grund der bisher vorliegenden haupt- 
ſächlichſten Schriften darzulegen, wie, vom deutſchen Standpunkt betrachtet, fich die 
Ereigniffe von Mitte Auguft big Mitte September 1914 im allgemeinen abgefpielt, 
welche Umftände und Anfchauungen fie beeinflußt, und wie ihre Folgen ſich in der 
eigentlichen Marnefchlacht ausgewirkt haben. 
Der Beiprehung find folgende Schriften zugrunde gelegt: 
v. lud (1. Armee), „Der Mari auf Paris und die Marnefchlacht“ 
(Berlag E. ©. Mittler u. Sohn) ; 
v. Bülow (2. Armee), „Mein Bericht zur Marnefchlacht” (Verlag 
Aug. Scherl, &. m.b. 9.); 





Das Rätfel der Marneichladt 509 


v. Haufen (3. Armee), „Erinnerungen an den Marnefeldzug” (Verlag 
K. F. Koehler, Leipzig) ; 

Tappen (Gen.-Stab), „Bis zur Marne 1914“ (Verlag Gerh. Stalling, 
Oldenburg); 

Bon einem Generalſtäbler, „Kritik des Weltkrieges” (Verlag K. F. Koehler, 
Leipzig). 

Erwünfcht wäre es für die fpätere Gefchichtsfchreibung, wenn auch die maß- 
gebenden Stellen der 4. bis 7. Armee fich zu den damaligen Vorgängen äußerten. 
Wenn auch die Berichte und Ausführungen der Armerführer oder anderer damals 
maßgebender Perfönlichkeiten ihres Stabes, fubjeltiv gefchrieben, einen mehr oder 
weniger einjeitigen Standpunkt nertteten, fo ift e8 Doch von größter Wichtigkeit, feſt⸗ 
auftellen, wie die Maßnahmen und Anordnungen der Oberften Heeresleitung fich in 
den Köpfen derer widerfpiegeln, die in erfter Linie zu ihrer Ausführung berufen 
waren. Nur fo läßt fich feititellen, ob Abfichten und Anordnungen der DO. 9.2. fi 
immer volllommen entjprachen und ob ihre Anorönungen genügten, die Ausführung 
ihrer Abfichten im gemwollten Sinne ficherzuftellen.. Ob, mit anderen Worten, die 
O. H. L. das Damals in fie gejegte Vertrauen gerechtfertigt, oder ob fie verfagt bat, 
wann, mo und aus weldhem Grunde. Während die aus den Sreifen bes Generalftabs 
bes Feldheeres fiammenden Schriften die Unterlagen geben für die Kenntnis des 
ftrategifch erjtrebten Zieles und der zu deſſen Erringung angewandten oder beab- 
fichtigten Mittel, enthalten die Schriften der Armee-Oberlommandog, wenigſtens in- 
direlt, die Kritik der urfprünglichen Abfichten und der zu ihrer Ausführung ge 
troffenen Maßnahmen. Ste ergaben deren Ausführbarfeit oder die Gründe, wes— 
wegen fie nicht ausgeführt wurden oder nicht ausgeführt werden konnten, weswegen 
fie mißlangen oder mißlingen mußten. 

Die Marnefchlacht im engeren Sinne wurde von der 1. bis 3. Armee durch⸗ 
gefämpft, die Maßnahmen diefer Armeen waren für ihren Verlauf und ihren Aus- 
gang enticheidend, in ihrem Sampfgebiet ſpielten fih in der Hauptjache die an- 
fänglichen Erfolge und der endlihe Mißerfolg der Schlacht ab. Die Vorgänge bei 
diefen Armeen, mie wir fie aus den Schriften ihrer Führer erkennen, laſſen daher 
die Gründe des taktifchen und ftrategifchen Mißerfolges der Abfichten der O. H. L., 
wie fie die beiden Schriften aus dem Generalftabe. offenbaren, Mar genug erkennen. 

Ohne auf Einzelheiten ber kriegerifchen Ereigniffe im Auguft 1914 einzugehen, 
da dieſe nachgerade genügend befannt fein dürften, fol kurz an folgendes erinnert 
werden: 
| Dem Feldzuge lag unfererfeit3 die Idee zugrunde, die der Altmeifter Der 
Strategie, Graf Schlieffen, mit ftrengfter Folgerichtigfeit ausgearbeitet hatte, deren 
QDurhführung, zu unferem Unglüd, ihm durch feinen vorzeitigen Tod verfagt 
blieb: Nieberringen des zuerſt bereiten weſtlichen Gegners in den eriten Wochen, die 
Rußland aller Vorausfiht nad für feinen Aufmarfch noch nötig haben würde. 
Ginkeffelung des franzöfifch-englifchen Heeres zwifhen Paris Marme— Rhein. 
Hierzu Tinker Flügel der Hauptkräfte etwa bei Met, ftarfe Mitte und ftarfer, mehr- 
fach geitaffelter rechter Flügel. Dieſer follte durch Belgien, deffen neutrale Haltung 
ala mindeſtens zweifelhaft ſchon lange erkannt war, marfjchieren, den Gegner über- 
flügeln und nach Südoften abbrängen, jo daß dieſer mit dem Rüden gegen Rhein 
und Jura die Entfcheidungsfchlacdht annehmen mußte Südlich Me bis zur 


310 Das Rätfel der Marneſchlacht 


Schweizer Grenze follten nur ſchwache Kräfte den Grenzſchutz ausüben und im 
übrigen Metz Straßburg— Braufchtalftellung—Dberrheinbefeftigungen den Schub 
Sübdeutfchlands übernehmen. Diefer großzügige Plan wurde gleich zu Beginn des 
Feldzuges dadurch verwäſſert, daß aus politifchen und gefühlgmäßigen Erwägungen 
den Franzoſen der Einmarfch ins Elſaß unbedingt verwehrt werden follte. Der 
linke Flügel wurde daher erheblich ftärfer aufgeftellt, der rechte Flügel entſprechend 
geſchwächt, die Aufmarfchlinie des ganzen Heeres erheblich nach Süden verlängert. 
Der größte Nachteil hierbei war, daß bie Tiefenftaffelung des rechten Flügels, der 
fi) ohnedies beim Durchmarſch durch Belgien an den dortigen und den nord⸗ 
franzöfiichen Feitungen immer mehr ſchwächen mußte, unterblieb, dieſer alfo Feine 
Reſerven Hinter fich hatte, obwohl er in der Flanke ungededt war. Die Folgen 
dieſer Abänderung des urjprünglichen Planes waren ungünftig. Der deutſche linke 
Flügel rannte ſich — was Schlieffen gerade vermeiden wollte — Ende Auguft nad) 
einigen fiegreichen Kämpfen an den franzöfifchen Feſtungen feft, fchied damit für 
Die weiteren Ereigniffe nicht nur aus, fondern vermochte nicht einmal zu verhindern, 
daß Marfhall Joffre von feinem rechten Flügel erhebliche Kräfte wegziehen und 
aus biefen neue Armeen — 6., Maunoury, und 9., Foch, — bilden fonnte Von 
diefen biente die eine (och) zur Verftärkung feiner Kampflinie an der Marne, 
während die andere den befannten Stoß in die rechte Flanke Klucks ausführte, der 
dieſen veranlaßte, Die nach Süden gerichtete Stoßgruppe feiner Armee nach Weften 
herumzuſchwenken und auf feinen eigenen rechten Flügel zu werfen. Hierdurch ent- 
ftand die berühmte Lücke zwifchen 1. und 2. Armee, die bie letztere zum Zurückgehen 
am 10. September veranlaßte. | 

Eine weitere für unferen rechten Flügel unglüdlihe Maßnahme war die zeit 
weiſe Unterftellung der 1. Armee unter bie Weifungen der 2. Armee. An fi mar 
ein enges Zuſammenwirken diefer beiden Armeen und audy mit ber 3. Armee eine 
unbedingte Notwendigkeit. Es hätte aber beffer erreicht werden können durch Bilden 
einer befonderen SHeeresgruppe, wie ſolche im meiteren Verlaufe des Kriege durch 
die höhere Einfiht Hindenburgs und Ludendorffs gefchaffen wurde. Ein felb- 
ftändige8 Heeresgruppenkommando hätte Die Intereſſen ber ganzen rechten Heeres⸗ 
hälfte entfprechend den grundlegenden Weifungen der O. H. L. im Auge gehabt, 


- während bei Unterftellung einer Armee unter Die andere Diefe den Sonderintereſſen 


der übergeordneten Armee unmilffürlich dienftbar gemacht wurde. Denn e8 ift nur 
zu natürlich, daB dieſer melft ihre eigenen augenblidlichen taktifchen Bebürfnifle 
mehr am Herzen lagen, als bie ftrategtfchen Ziele des ganzen Heeres, die der ein 
zelnen Armee nicht immer genügend befannt waren. So fühlte fich denn auch lud 
immer nur durch die Weifungen der 2. Armee beengt; fie fcheinen ihm häufig mit 
den allgemeinen Weifungen ber O. 9.%., bie er troß der Unterftellung erhält, nicht 
in Mbereinftimmung zu ftehen. Er ift beftrebt, ſich möglichft bald von ihnen loszu⸗ 
machen, und handelt, wie Bülom mehrfach klagt, nicht immer in dem gewünfchten 
Umfange den Anordnungen gemäß, die bie 2. Armee gibt. Es ift ja nur natürlich, 
daß auch ein Armeeführer mach dem Grundſatze handelt: Das Hemd ift mir näher 
wie der Rod, daß Klud alfo lieber verfucht, Die Engländer völlig zu vernichten, als 
Bülow gegen die dieſem gegenüberftehende franzöfifche Armee unmittelbar zu unter- 
ftügen. Andererfeit3 glaubt Haufen, deffen 3. Armee an ber Maas keine namhaften 
Kräfte gegenüberftehen, diefem Grundſatze dadurch Rechnung tragen zu follen, daß 


Das Nätfel der Marnefhladt. 311 


er jeinen nach Unterftügung rufenden beiden Nachbarn zu Hilfe eilt und feine 
Armee hier, wie fpäter an der Marne, zu dem Zmed in zwei Teile zerreißt, ftatt, 
unbefümmert um die Unterftüßungsrufe, mit feiner gejamten Armee geradeaus 
mweiterzumarjchieren und jo ben die beiden Nachbararmeen angreifenden franzöfifchen 
Kräften von jelbft in die Flanke zu fommen. Die Notwendigkeit und Ausführbarkeit 
eines folchen Verfahrens Tann eben nur ein auf höherer Warte ftehenber Heer⸗ 
führer erfennen, während jeder Armeeführer geneigt ift, den augenblidlichen Nöten 
feiner Armee alle Sräfte bienftbar zu machen, Die er irgend erreichen kann. Wie 
Ber Führer jeden größeren Verbandes oft taub fein muß gegen die Hilferufe, Die die 
unterftellten Truppenkörper in jeder Schlacht an ihn richten, und wie ex im SYntereffe 
des Ganzen oft gegenfeitige Hilfeleiftungen ber einzelnen Verbände verhindern 
muß, jo auch ber Heerführer gegenüber den ihm unterftellten Armeen. Bezeichnend 
ift auch, Daß jeder der drei Armeeführer der Anficht ift, den Weifungen ber O. 9.2. 
entiprechend zu handeln, ja diefen zuvorgekommen zu fein, auch wenn er in feinen 
Maßnahmen mit den NRachbararmeen nicht übereinftimmte. 

Nun hätte die O. H. L. die Stelle bes Heerführers ber 1. biß 3. oder auch 
4. Armee gegenüber felbft verjehen können. Damit kommen wir zu einem meiteren 
ungünftigen Umftande, der unfere DO. H. L. nicht wenig belaftet unb ber fie an dem 
endlichen Mißerfolg mitfchuldig erfcheinen läßt. Das Große Hauptquartier befand 
fih zu weit Hinter der Front und konnte dadurch zu wenig Einfluß auf die Armeen 
ausüben. Seine Befehle kamen häufig zu fpät, fie gründeten fich mehrfach auf allzu 
optimiftifch gefärbte Siegegnachrichten der Armeen. Sie gingen alfo manchmal von 
ungutreffenden oder nicht mehr zutreffenden Vorausfegungen aus, twaren oft durch 
die Sreigniffe überholt oder widerſprachen ſich fcheinbar. 

Der zu günftigen Beurteilung der Lage bei ber O. H. L. entiprang die vor» 
zeitige Abgabe des Garde⸗Reſerve-Korps und bes IX ArmeeKorps vom Weften 
nach dem Often. Zweier Armeelorps, die unglüdlicherweife dem rechten Heeresteil, 
2. und 3. Armee, angehörten, und die bet der Entjcheidung an der Marne [chmerz- 
lichſt vermißt wurden. Sie wurden, wie Tappen erläutert, deswegen dem rechten 
Flügel entnommen, weil der damalige Chef des Gen.-St. d. Feldh. auf Grund ber 
überfchränglichen Siegesnachrichten der 1. biß 4. Armee der Anficht war, Die Ent⸗ 
Iheidung im Weiten fei fchon gefallen, weil ferner dieſe Armeelorps nach dem Yall 
bon Namur gerade verfügbar waren, während auf dem linken SHeeresflügel bie 
Korps aus der Front hätten herausgezogen werden müſſen. Ein verhängnispoller 
Srrtum, der nur dadurch zu erflären ift, daß die O. H. L. megen zu weiter Ent- 
fernung von ben ftürmifch vorbringenden rechten Armeen feinen eigenen Einblid 
in die Gefhehniffe Hatte und fo nicht erkennen Tonnte, daß das Zurückweichen der 
Franzoſen auf einem gefaßten Plane und in leidlicher Ordnung fich vollzog. 

Als dann bei der O. H. L., die die Verhältniffe beffer überfehen mußte, er- 
fannt wurde, baß der Feind auf feinem Tinten Flügel neue Armeen zufanmenftellte, 
Die die Flanke unferer 1. Armee und fomit den Vormarſch des ganzen rechten 
Heeresteils bebrobten, da kam die durchaus richtige Anordnung, daß bie 1. Armee 
nördlich, Die 2. Armee füdlich ber Marne den Flankenſchutz des Heeres gegen Paris 
übernehmen follte, zu fpät. Die 1. Armee hatte die Marne mit 3 Korps fchon über: 
ſchritten und ftand zum Zeil füdlich des rechten Flügels der 2. Armee, diefen in 
feiner neuen Aufgabe behindernd. Als dann die Flankenbedrohung wirkſam wurde, 


312 Das Rätfel der Marneſchlacht 


da ftüßte fich Die 1. Armee, obwohl ihre Korps fühlich der Marne im Verein mit der 
2. Armee in ſcharfem Kampfe ftanden, auf den verjpätet eingelaufenen Befehl Der 
O. H. L., ging zunächſt mit einem Korps auf dag Norbufer der Diarne zurüd und 
309g dann auch die beiden anderen Armeelorps nad. Hierdurch entblößte fie Die 
Flanken der 2. Armee, Tieß eine große Lüde zwifchen fich und Diefer Armee, bie 
nur durch Schwache Kräfte geichloffen wurde, und veranlaßte fo die 2. Armee, ihren 
rechten Flügel weit zurüdzubiegen, wodurch die Lücke noch vergrößert wurde. Ein 
Heerführer an Ort und Stelle hätte den Rückmarſch des II. und X. U.R. und 
beren Einfat auf dem rechten Flügel der 1. Armee wohl verhindert. Für den 
befenfiven Zweck ber 1. Armee war er jedenfall® nicht unbedingt notwendig. Die 
2. Armee aber hätte das Werbleiben diefer beiden Armeekorps auf ihrem rechten 
Flügel befähigt, die DOffenfive weiter fortzufegen, die fih zu einem Durchbruch aus- 
zubilden jchien, der mit Hilfe bes rechten Teiles der 3. Armee in gutem Vorjchreiten 
war. Ein Heerführer an Ort und Stelle hätte auch das Zerreißen der 3. Armee 
verhindert, die mit einem Zeile bei der 2., mit dem anderen bei der 4. Armee focht, 
in ihrer Mitte eine kaum bewachte breite Lücke laſſend. Da fie keinen nennenswerten 
Feind in ihrer bisherigen Vormarſchrichtung hatte, rächte fich dieſe Lüde nicht. 
Aber ein Marfchieren in ihrer alten Richtung hätte den Nachbararmeen eine wirt 
famere Hilfe dadurch gebracht, daß fie deren Gegnern in bie Flanke kam, als wenn 
fie diefe rein frontal unterftüßte. Die vom rein örtlichen Kampfe voll in Anſpruch 
genommenen Armee-Öberlommandos überfahen dieſe Verhältniffe damals nicht. 
Saufen glaubte ben dauernden Hilferufen feiner Nachbarn unbedingt Folge Leiften 
zu müffen. 

Die Entfendung des Oberftleutnant Hentſch vom Gen.-St. der O. H. L. mit 
meitgehenden Vollmachten zu den Armeen war nur ein ſchwacher Erfah für die 
fehlende perfönliche Fühlung. Seine Anordnung betreffs Zurüdgehens ber 1. bi3 
3. Armee wird zudem vielfach als unheilvoll betrachtet. 

Die O. H. L. Tieß Überhaupt die Zügel zu ſehr am Boden fchleifen. Sie 
überließ den Armeen zu viel. Diefe, nicht immer genügend über das unterrichtet, 
was bei den anderen Armeen vorging — jo war Klud am 5. September erftaunt, ala 
er vernahm, daß die 6. und 7. Armee ſich ſchon feit einiger Zeit vollfommen feitgelaufen 
hatten und auch die 5. Armee in dem fchwierigen Gebirgögelände nicht vorwärts 
fam —, handelten an fich taktiſch richtig, fielen aber mit ihren Entſchlüſſen und ben 
Anforderungen an ihre Nachbararmeen öfter aus dem ftrategifchen Rahmen heraus. 
Die Armeen waren zu oft auf Vereinbarungen untereinander angemiefen, bet denen 
die eigenen Intereſſen der Armeen häufig in Streit gerieten. So klagt Haufen 
Darüber, daß die Grenzen der Armeebereiche nicht genügend feftgefegt feien, jo daß 
durch die hierdurch entftehenden Übergriffe in die Nachbargebiete die Armeen in 
ihren Maßnahmen und in ihrem Vormarſche oft behindert würden. 

Bon den vorjtehend gefchilderten, in ihren Folgen unglüdlihen Maßnahmen 
und Verfäumniffen unferer oberften Führung erfcheint für den endlichen Mißerfolg 
ber Marneſchlacht am ausfchlaggebendften das Fehlen verfügbarer Referven hinter 
dem rechten Heeresflügel. Es fehlen hier zunächſt die 3 Armeekorps, die der Genenl- 
ftab vor dem Kriege vergeblich beantragt und durch deren unentwegtes ordern 
Ludendorff fih den leitenden Stellen unbequem gemacht hatte. Es fehlen die für 
diefe Armeelorp3 aufgeftellten Neuformationen, die noch in der Ausbildung begriffen 


Der politifche Dichter vom 9. November 313 


weren. Es fehlten Die vorzeitig nach dem Oſten gejchidten beiden Armeelorps. 
Es fehlten zu deren Erfat die Korps, die die.D. H. L. in richtiger, wenn auch ver. 
ipäteter Erkenntnis der Lage aus der Heimat — IX. Reſervekorps — und vom linken 
Flügel des Heeres jett heranführte. Anfang September wären dag A. O. K. 7 und 
das XV. A. K. aus franzöſiſch Lothringen nach Belgien in Marſch gejet worden, 
wo aus diefem, dem IX. Reſervelorps und den nah dem all der belgifchen 
Feſtungen frei werdenden Korps eine neue 7. Armee gebildet wurde. Aber e8 mar 
zu jpät! Hätten am 7. oder 8. September zwei oder drei Korps diefer 7. Armee 
bei St. Quentin verfammelt fein können, fo war menſchlichem Ermefjen nach nicht 
nur ber taftifche Erfolg gemährleiftet, ſondern auch die ftrategifche Auswirkung der 
gewaltigen Schlacht hätte dem Feldzuge ein ganz anderes Außfehen gegeben. Der 
weitere Verlauf, jelbft wenn es zum Stellungsfrieg gelommen wäre, hätte eine für 
und erheblich günftigere Bafis erhalten. Es fei hier nur auf Die in ber „Kritif des 
Weltkrieges” näher erläuterte Linie Metz —Dieppe hingewieſen, durch die Die ganze 
Stanalfüfte in unfere Hand fiel, die Küfte Dünkirchen — Calais, für beren Ges 
mwinnung wir in der Folgezeit vergeblich die blutigften Opfer brachten. 

Des Rätſels Löfung? Die Marnefchlacht, deren taftifchen Erfolg wir am 
7. September ſchon in der Hand zu halten fchienen, ging verloren durch Unzuläng- 
lichkeiten unferer oberften Führung, die e8 nicht verftand, Die Armeen überall in dem 
von ihr gemollten Sinne einzufegen und zu leiten, und die verfäumt hatte, rechtzeitig 
Dice nötigen Reſerven Hinter dem rechten Heeresflügel bereitzuftellen. 





Der politifche Dichter vom 9. November 


Don Ednard NReimers 


ahrzehntelang hat die ſozialdemokratiſche Partei zwar nicht 
darunter gelitten, aber es insgeheim doch als laftenden Mangel 
ww enpjunden, daß aus ihren Reihen fein Dichter erftand. 
9 A Die ungeheure Volks⸗ und Böllerbewegung, die Morgenröte 
der Welt, der angebli vulkaniſchſte und heiligfte Gedante 
alfer Beiten, und niemand, der ihn in glutende Verſe zu gießen wußte! „Auguft 
jein auf dem Thron, wenn kein Horaz ihn ſingt!“ ftöhnte wohl fchon der wackere 
Bebel. Schredte den Genius, der ſich doch alleweil mit Feuer auf die Seite 
der Bebrängten ftellte (zumal der deutſche Genius!), jchredte ihn die Spießigkeit 
der roten Stürmer und Dränger, oder erkannte fein Strahlenblid allzu ſcharf, 
daß ſich Hinter idealiſtiſchem Gerede nur grob materialiftiiche Beftrebungen 
verbargen, wie fie nachher zur jammervollen Lohnrevolution von 1918 führten ? 
Das Dichtervolf, fonft immer zur Fronde und Empörung geneigt, von Wilhelms 
herrihenden Gewalten wahrhaftig nicht gelüdert und verwöhnt, hielt fich 
abjeitd. Kein Freiligrath und Herwegh jprengten tyrtäiſch dem Proletarier- 
heerbann voran; Wilhelm Blos, Pfannkuch, Jakob Audorf hießen die Müh- 
Grenzboten III 1920 21 






314 Der politifche Dichter vom 9. November 


feligen, bie ihm ein paar Dilettantenverje zufammenftümperten. Welche Pracht 
der Leidenjchaft, welche Wildheit und Großartigkeit der Sprache ſchlug aus ben 
Rhythmen der Bormärzler auf, die der moderne Umftürzler doch alleweil mit 
lächelnder Verachtung maß und für Heinbürgerlich-engherzig erklärte! Gtatt 
der noch immer jedes junge Herz entjlammenden Gignale des „Trompeters 
ber Revolution“ hatten die Bezwinger des kaiſerlichen Deutſchlands höchſtens 
kümmerliche Sitzungsſänge zur Verfügung: „Wohlauf, wer Recht und Wahrheit 
achtet, bei unf’rer Fahne jteht zu Hauf! Ob ung die Lüge noch umnachtet, bald 
fteigt der Morgen hell herauf!" Allerdings, fie find trotzdem Sieger im Kampfe 
geblieben, wenigſtens einjtweilen; die Revolution von 1848 dagegen bradı 
raſch zufammen troß Freiligrath. Aber der politifche Erfolg enticheibet ja nun 
und nimmer über dichterifche Werte. Der Kranz der Verklärung, den der Poet 
fliht und der eine Tat erit wirklich unfterblich, das heißt blühend-Iebendig, glanze 
voll, begeifternd auch in den Augen der Nachfahren macht, biefen Kranz erzmingt 
der Wunſch eines Parteibonzen jo wenig wie ber Befehl irgendeines Im⸗ 
perator3. 

Die Dichter ber Jahrhundertwende Haben fich von ber politifchen Poeſie 
ferngehalten; man müßte denn Ausnahmen wie Wildenbruch gelten laſſen. 
Sedenfall3 ftiegen zum Preiſe der Oppoſition feine eifernen Lerchen auf. 
Bielleicht, weil die Mufen bourgeoijiert waren wie das ganze Volt, dem Politik 
ein Greuel, eine Gefchäftsftörung, ein BZeitverderb ſchien. Für jo etwas Hatte 
man bezahlie Staatsmänner und außerdem, na ja, den PBlappermentariämus. 
Das poetiſche Zigeunertum befaßte fich gleichfalls nicht mit Angelegenheiten 
des öffentlichen Lebens; ihm lagen die des öffentlichen Haufe weit mehr am 
Herzen. Erft nad) dem 9. November änderte ſich das. Jetzt auf einmal wurden 
taufend Schleufentore geöffnet, und Brauſewellen fozialiftifher Lyrik ftürzten 
ing überrafchte Tal. Jetzt auf einmal fchrillten taufend Inftrumente 108, ergab 
fi, daß alle diefe Erospropheten ebenfo viele Thomas Moore waren, ja Karl 
Moore, die von rajendem Fanatismus überfhäumten. Den nicht durchweg 
beliebten Novemberjozialiften traten die Novemberdichter ebenbürtig zur Seite. 
Daß fie ſämtlich Senf nad) der Mahlzeit auftiichten und zur Tat anjpornten, 
al3 die Tat längit geichehen war, entging den Herren im Wirbeljturm der Hin- 
gerifjenheit, die jede über Nacht gervonnene Überzeugung oder Weltanſchauung 
zu begleiten pflegt. 

Bei alledem, wärend Dichter geweſen, jo wollten wir die üblen Begleit- 
eriheinungen und den Mikduft aufdringliden Nenegatentums vergejjen, 
die abitoßende Feigheit, die heute, nun jede Gefahr vorüber ift, fi) vor Mut 
kreiſchend überjchlägt, die Geſinnungsloſigkeit von geftern, die ein Kakerlaken⸗ 
dafein im Kaffeehaus führte und nun plötlich Zinnenwächterdienſt verrichtet. 
Ein Talent braudht fein Charakter zu fein, ein Qump kann ſüßeſte Muſik machen. 
Weshalb foll der Brand der Götterdämmerung nicht urgemwaltig eine bis dahin 
Ihlummernde Dichterfraft weden? Aber von joldher Erwedung ift nirgendwo 
die Rebe geweſen. Bolitifches Dichten wurde eben Mode, wie kurz vorher das 
Kabarett, die Diele und die Bar Mode gemwejen waren. Der fogenannte neue 
Stil, das heißt, die frampfigen Bemühungen, auf Koſten der deutjchen Sprache 
originell auszujehen, dieſer neue Stil fchmiegte ſich zudem revolutionären 


Der politifhe Dichter vom 9. November 8915 


Ausbrühen gefällig an, verlieh abgeleierten Leitartileleien und Bazififten- 
redensarten den Schein der Wildheit. Wieder einmal konnte ber Bürger 
verblüfft werden. Wieder einmal war es möglich, zbeliebige, gelegentlich auf- 
gelefene Brogrammpımlte für geniale Offenbarungen auszugeben und mit 
der Theaterfeuermajchine erjchredliche Brände herzuftellen. Und fein Zweifel: 
wäre hinreichende Begabung vorhanden gemwejen, dann hätte fich ſchließlich 
doch etwas wie ein pomphaftes Schauſpiel ergeben. 

Nur bat e3 an folder Begabung faft durchweg gefehlt. 

Die — bezeichnenderweife nahezu unbelannt gebliebenen — Kraft» 
leiftungen einzelner ändern an diefem Urteil nichts. Stehen die einzelnen doch 
nicht nur im Getümmel der Mitftrebenden vereinzelt da, ſondern ift doch auch 
da3 ihnen geglüdte Werk in ihrem eigenen Schaffen kläglich vereinzelt. Einmal 


- und nie wieder gelang der Wurf. Zur Berühmtheit find fie, jo oder fo, nicht auf⸗ 


geftiegen. Berühmtheit, das will jagen, Preſſelob, öffentliche Rezitation und 
dergleichen heimften ausſchließlich eisfalte Macher ein. Emporlümmlinge ber 
Revolution, Yutterfrippenanmwärter in ihrer Art jo gut wie die Neffen, Ontel, 
Nichten und Schwiegermütter der ald Volksbeauftragte und Minifter firmieren-' 
den Triumphatoren. Es find zum Teil Leute, die nicht einmal die Handwerks⸗ 
technik beherrfchen und ihre Stümperei durchſichtig genug hinter der beliebt 
gewordenen Sternheimmanier verbergen, die deutſche Sprache zu veritümmeln. 
Was der Maske⸗ und Schippel-Erjinner tat, um die fintende Aufmerkſamkeit 
feiner Gemeinde wachzuhalten; was bei ihm immerhin gewollt ift, das über- 
nehmen die Nachäffer zur Vergoldung ihrer übermenſchlichen Unfähigkeit. 
Etwa wie ein Adolph Hoffmann oder fonft ein bauernd fitengebliebener Ge- 
meindefchüler entichloffen für „ſil fi fill“ eintritt, weil ihm bei dieſer Necht- 
Ichreibung feine orthographiihen Fehler mehr nachgemwiejen werden können. 


Es kommt im mwefentliden nur auf ein Beilpiel an: 


„Wenn nächtlich in den Kinos Unglüd jchauert, 
Der Hunger bettelt hinter Marmorhallen, 
Mißhandelt ftirbt ein Kind und zugemauert, 
In Rafematten grobe Flüche fallen. 


Wenn Defraudanten fi von Brüden werfen, 
Im Lichtichein der Paläfte aufgemwiegelt, 
Wenn NAnardiiten ihre Meſſer jchärfen, 

Mit einem Schmwur zur dunkeln Tat befiegelt," 


und fo fort. Diefer Boet hat die Eigentümlichkeit, mit endlojen gereimten Auf 
zählungen Geiten zu füllen. Berfifizierte Reportage ftatt des Üübermwältigenden, 
geballten Bildes, dem der Gedanke bligichlagkräftig entipringt. Wenn außer- 
dem Defraudanten fich von Brüden werfen, im Lichtichein der Paläfte auf- 
gewiegelt, jo tun fie da3 nur, weil die Anargjilten, die ihre Meijer ſchärfen, mit 
einem Schwur zur dunklen Tat bejiegelt jind. Die Sache muß nämlid) hinten 
Happen, und in feiner Angft ſcheut der Dichter vor keiner Sinnloſigkeit zurüd. 
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316 Der politifhe Dichter vom 9. November 


Auch gibt die Sinnlofigleit Myftit her, alswelche das Gebicht erit auf modiſche 
Höhe hebt. 

„Sünglinge fteh'n in Univerfitäten 

Und Söhne auf, die ihre Väter haſſen. 

Der Schuß geht 103. In ausgedörrten Gtäbten 

Minifter nicht mehr an den Tafeln praffen.” 


Über die. Univerfitätsjünglinge und die väterhaffenden Söhne, die ber 
vifionäre Poet erblidt, nachher noch ein Wort. Aus welchem Borftellungstreife 
von anno Tobak ftammt aber die Behauptung, daß gerade Minifter an Tafeln 
praffen?. Wohl Haben dieje Herren, wie heute noch, unter Wilhelm II. manch 
wenig vergnügliches Repräjentationgdiner mitmachen müſſen, doch die eigent- 
Iihen Schlemmer und Praſſer, die wirklichen Drohnen, juchen wir jeit etiva 125 
Jahren, auf jeden Fall jeit 1872, ganz wo anders. Im Hirn des Ganzneuzeitlers 
jedoch iſt die Titulatur, die ein Schubart noch mit etlihem Fug aufftellen fonnte, 
unvergänglich eingebrannt; fröhlich benußt er beim Dichten längſt veritaubte 
- Gummiftempel weiter. Und dabei jtört es ihn dann nicht, den Wortlaut, die 
Seftitellung, daß Minifter in ausgedörrten Städten nicht mehr an den Tafeln 
praffen, wieder um bes Reimd und Rhythmus willen knabenhaft zu verfchieben 
und ber Sprache das Erfabproftuftesbett zu bereiten... Es ift nur ein Bei⸗ 
ipiel. Zwanzig Strophen füllt der Revolutionär mit abgehadten, oft zufammen« 
hanglofen Schilderungen, mit poetiſchen Zeilenjchildereien von bleierner Da⸗ 
geweſenheit. Daß ihn nicht bejonderer Anlaß, bejondere Ablicht dazu treibt, 
beweiſt bündig das näcdhite Gedicht, „Die Mörder fiten in der Oper“, mit genau 
berfelben ftumpf-ironiichen Aufzähleret: 


„Solbaten verachtet durch die Straßen ziehen. 
Generäle prangen im Ordensſtern. 

Deferteure, die vor dem Angriff fliehen, 
Erfchießt man im Namen bes oberften Herrn... 


Berlaufte Krüppel f